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KAPITEL VIERUNDZWANZIG

 

Dirick lehnte sich schwer gegen Raymonds Schulter, der Kopf drehte sich ihm von den Unmengen von Ale, die er sich in Der Blauen Ziege, in Dem Bogen und dem Apfel, Dem Schild des Königs … und all den anderen Plätzen einverleibt hatte, an die seine Männer ihn verschleppt hatten. 

„Hier entlang, Mylord“, dirigierte Raymond ihn, auch seine Stimme etwas nuschelnd. Das Grüppchen von Männern stolperte die Straße entlang, ihr Weg wurde ihnen sowohl vom Vollmond hell erleuchtet als auch von den Laternen, die hie und da an den Häusern hingen. 

„Ich weiß, wo ich bin“, knurrte Dirick, darum bemüht, seinen Kopf gerade zu halten. Es war nicht das Beste, was man am Tag vor seiner Hochzeit tun konnte, aber es war unmöglich gewesen, seinen Männern die Chance zu verwehren, seine Hochzeit und seine neue, viel bessere Position mit ihm zu feiern – denn sein gesellschaftlicher Aufstieg und der Aufstieg beim König hieß auch für sie Aufstieg und ein besseres Leben. 

Fürwahr, das Morgengrauen konnte nur drei Stunden vor ihnen liegen. Dirick stöhnte bei dem Gedanken. Heinrich erwartete ihn, ebenso wie die beiden anderen Bräutigame, um ihn kurz nach Sonnenaufgang auf eine Jagd zur Feier des Tages zu begleiten ... und wenige Stunden danach sollte dann die Vermählungszeremonie stattfinden. In wenigen Stunden nur würde er mit Maris verheiratet sein. 

Selbst hier und jetzt mit diesem vernebelten Verstand begriff Dirick die Klarheit jener Tatsache. Um diese Zeit am morgigen Tage würde er mit seiner neuen Gemahlin das Lager teilen. Und trotz der Menge an Ale, die seine Männer ihm die Kehle hatten runterlaufen lassen, reagierte Diricks Körper entsprechend, füllte sich und wurde hart vor Begehren. 

Er hatte Maris seit der Ankündigung, dass ihre Mutter aus Langumont eingetroffen sei, nicht wieder gesehen. Mit der vielen Zeit, die der König ihn in Anspruch nahm, und seiner neuen Verantwortung als Lord von Ludingdon und weil Maris sich um Allegra kümmerte, war keiner von ihnen beiden zur gleichen Zeit zu den Mahlzeiten in der großen Halle erschienen. Ihm ging auf, dass er sie nicht wiedersehen würde, bis sie sich am morgigen Tage vor dem Altar begegnen würden. 

Nicht zum ersten Mal fragte Dirick sich, ob sie nun die Tatsache akzeptiert hatte, dass er ihr Gemahl sein würde. Er wünschte kein Schlachtfeld aus ihrem ehelichen Lager in der Hochzeitsnacht zu machen, wenn dem nicht so war. 

In der Vergangenheit hatte sie seine Küsse stets willkommen geheißen, grübelte er, das schwere Gefühl zwischen seinen Beinen wurde immer schwerer ... und wenn sie wirklich vermählt waren, würde sie keinen Grund haben und, so betete er, nicht den Wunsch verspüren sich ihm zu verweigern. 

Dirick stolperte da über einen Stein auf der Straße und wäre kopfüber aufs Gesicht gefallen, hätte Raymond ihn nicht so fest an der Tunika gepackt gehalten. Einer der Männer aus ihrer Gruppe – er dachte, es könnte vielleicht Sir Gerald sein, aber alles war nur ein verschwommener Dunst – lachte in der stillen Nacht laut auf und merkte an, dass sein Dienstherr fast in einen Haufen Pferdemist gefallen wäre. Dirick parierte mit einer genuschelten Beleidigung, welche die Männer derart ungestüm erheiterte, dass sie fast den Schatten übersehen hätten, der dort an der Wand nahe beim Eingang zur Burg kauerte. 

„Ho!“ Raymond hielt abrupt an. Er war der am wenigsten berauschte von ihnen allen, fiel Dirick da auf und er war dankbar, dass es Raymond gewesen war, der ihm anbot ihn nach Hause zu geleiten. „Wer da?“ 

Als der Schatten in das Licht der Fackeln trat und sich in Bon de Savrille verwandelte, richtete Dirick sich kerzengerade auf und stand festen Fußes aus eigener Kraft. Seine Muskeln spannten sich an. 

„Was treibt Ihr hier?“, fragte Dirick barsch und trat aus der Gruppe seiner Männer heraus, um sich Bon zu nähern. Auch im Nebel seiner Trunkenheit fand er noch den beruhigenden Griff seines Dolches. 

„Habt keine Furcht“, höhnte der andere, „ich warte hier nicht, um Euch aufzulauern, sondern nur um Euch eine Warnung mit auf den Weg zu geben.“ 

„Ihr wollte mich warnen? Vor was?“ Dirick schluckte ein spöttisches Gelächter herunter. Dann fuhr sein Arm blitzschnell vor, um den anderen Mann am Arm zu packen. „Seid Ihr es, der Maris in ein frühes Grab zu treiben sucht?“ 

Bon schüttelte ihn mit Mühe ab. „Nein, Narr! Warum sollte ich die Frau tot sehen wollen? Das ist auch der Grund, warum ich komme, Euch zu warnen.“ 

Dirick starrte ihn verständnislos an. „Sprecht dann deutlichere Worte, Mann!“ 

Bon beugte sich zu ihm vor, seine dunklen Augen glitzerten vor Anspannung. „Ich wünsche nicht sie tot zu sehen, aber es gibt einen, der das will ... und der Gleiche wünscht auch, dass Euch Schlimmes widerfährt.“ 

„Warum warnt Ihr mich dann, da ich weiß, wie wenig Ihr für mich übrig habt!“ 

Der andere Mann schüttelte den Kopf. „Ich habe wahrlich nichts für Euch übrig“, stimmte er ihm zu, „aber es ist Maris, um die ich mir Sorgen mache ... und ich will sie beschützt wissen.“ Er schaute Dirick aus tränenfeuchten Augen an. „Ich liebe sie.“ 

„Sie ist mein.“ Dirick spuckte die Worte aus, weil er plötzlich Angst bekam, dass Bon einen Weg finden könnte, wie er sie haben könnte. 

„Ich bin mir der Tatsache bewusst, dass der König sie Euch versprochen hat.“ Bons Antwort war bitter. „Aber das ist nicht der Zweck meiner Warnung an Euch. Fragt Euch, warum Merle von Langumont nicht aus Breakston zurückgekehrt ist, und dann werdet Ihr wissen, warum jemand sie tot sehen will.“ 

„Merle von Langumont starb bei der Belagerung von Breakston, höchstwahrscheinlich von Eurer Hand“, entgegnete Dirick langsam, das Ale schwamm ihm immer noch im Hirn herum. 

„Nein. Merle von Langumont war am Leben, um meine Kapitulation entgegenzunehmen“, erzählte Bon ihm. 

„Ihr habt nicht–“ 

 Bon begann, wieder in den Schatten zu verschwinden. „Nein, das ist alles, was ich dem hohen Herrn sagen kann, da ich nicht den Wunsch verspüre, das nächste Opfer zu sein ... und, meiner Treu, ich wünsche derjenige zu sein, der übrig bleibt, um meine Dame im Arm zu halten und zu trösten, wenn alles gesagt und die letzte Schlacht geschlagen ist.“ Mit diesem bitteren Versprechen zum Abschied verschwand er im Dunkel. 

„Wer ist es!“, verlangte Dirick von den Schatten zu wissen. 

„Ihr Vater“, flüsterte eine Stimme, bevor ihr Besitzer sich in die Nacht davonstahl. 

Ihr Vater. Diricks Verstand drehte sich im Kreise, als er auf seiner Lagerstatt lag und Bons Worte ihm im Gedächtnis herumspukten, dort in dem Ale, das ihm die Sinne vernebelte, wo die Worte wilde Pirouetten drehten. Ihr Vater war tot, rief er sich wieder ins Gedächtnis. Was meinte der Mann damit nur? Nein, Merle war nicht ihr Vater, erinnerte er sich wie durch Nebelschleier. Fragt Euch, warum Merle von Langumont nicht aus Breakston zurückgekehrt ist. Warum? 

Ich liebe sie. Diese Worte gingen ihm noch jetzt nach, in all ihrer Aufrichtigkeit. Ein anderer Mann liebte seine, die ihm versprochene Gemahlin – liebte sie wahrhaftig, wenn man dem Schmerz in Bons Stimme Glauben schenken durfte. 

Ein schwerer Druck legte sich Dirick auf die Brust. Sein Atem wurde schneller, dann langsamer, wurde dann wieder schneller. Wenn ein anderer Mann sie genug liebte, um seinen Feind vor dieser Gefahr zu warnen, nur um sicherzustellen, dass Maris in Sicherheit war, was würde er dann tun, nur um sie zu besitzen? 

Die Kammer um ihn herum drehte sich fürchterlich, wie er da so lag. 

Konnte auch sie ihn lieben? 

Nein, natürlich nicht. 

Konnte sie? 

Dirick runzelte bei diesem absurden Gedanken die Stirn, kämpfte, um in die trübe Brühe seines Verstandes wieder etwas Licht zu bringen. Verflucht sei jener letzter Humpen Ale! 

Ihr Vater. Die Worte kehrten wieder zu ihm zurück. Ich liebe sie. Fragt Euch, warum Merle von Langumont nicht aus Breakston zurückgekehrt ist. 

Er schlief, träumte und schlief.