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KAPITEL NEUNZEHN

 

„Lady Maris, Ihre Majestät verlangt Euch zu sehen.“ Ein Page stand an der Tür der Kemenate, wo die Frauen ihren diversen Arbeiten nachgingen. Er machte eine kleine Verbeugung und sagte, „sie bittet darum, dass Ihr Eure Tasche mit den Kräutern und Arzneien mitbringt, denn sie muss Eure Künste als Heilerin in Anspruch nehmen.“ 

Maris sprang sofort auf und war zwar gleich nervös, dass man ausgerechnet sie darum bat, sich um das leibliche Wohl der Königin zu kümmern, aber auch dankbar, dass sie etwas anderes zu tun bekam, als in einem Zimmer an einer Stickerei zu sitzen, umgeben von lauter schnatternden Frauen. Judith war schlau genug gewesen sich heute von den Näharbeiten zu entschuldigen, um ihrem Falken einen kurzen Jagdausflug zu gönnen, was Maris auf den Gedanken gebracht hatte, ob sie sich vielleicht auch einen Jagdfalken zulegen sollte. 

„Bitte teilt Ihrer Majestät mit, dass ich Ihr unverzüglich zu Diensten sein werde“, sagte sie zu dem Pagen. 

Er verbeugte sich erneut und blieb an der Tür stehen. „Ich werde Euch zu Ihr bringen, Mylady.“ 

Mit einem kurzen Lächeln zu den anderen Frauen, die ihrem Gespräch interessiert lauschten, ließ Maris ihre Stickerei auf einem Stuhl neben sich einfach niederfallen, in der Hoffnung sie am heutigen Tag nicht mehr zu sehen zu bekommen. „Ich werde Euch später heute Abend bei Tisch sehen“, sagte sie zu Madelyne, die gerade an einem Waffenrock für Sir Gavin stickte und völlig in ihre Näharbeiten versunken war. Ohne eine Antwort abzuwarten, fegte Maris zur Tür hinaus und wies dem Pagen den Weg zu ihrem Zimmer. 

Dort angelangt schloss sie eine der Truhen auf, die sie mit aus Langumont hergebracht hatte und holte einen sehr abgegriffenen Lederbeutel heraus, mit getrockneten Kräutern darin, eingepackt in Tücher aus Leinen, Wolle oder Leder. Sie grub noch etwas tiefer und zog aus der Tiefe der Truhe eine kleine Holzkiste heraus, verschnürt mit einem Band aus Seide. Die Kiste enthielt Mörser und Stößel, Tinkturen und Öle, Messer und Löffel sowie kleine Holzschalen zum Mischen. Auch wenn anzunehmen war, dass die Königin bereits über solche Instrumente verfügte, war Maris wohler, mit ihren eigenen Instrumenten zu arbeiten, und sie war entschlossen auf jede Bitte vorbereitet zu sein, welche die Königin an sie richten könnte. 

Der Weg zu den Gemächern der Königin war nicht sehr lang, aber er war etwas verschlungen und Maris verlor schon bald die Orientierung. Nicht zum ersten Mal fragte sie sich, wie ein junger Bursche wie dieser Page hier sich derart mühelos zurechtfinden konnte. Endlich langten sie an einer großen Eichentür an, die mit schweren Eisenbeschlägen versehen war. Kunstvolle Schnitzereien umrahmten die Tür. 

Der Page klopfte auf das dunkle Holz, dann verbeugte er sich wieder und – auch wenn Maris kein Geräusch von hinter der Tür vernahm – machte ihr Zeichen einzutreten. 

Sie öffnete die Tür und trat ein. 

Eleonore saß auf einem großen, reich gepolsterten Stuhl in einer Ecke am anderen Ende des Zimmers. Auf einem kleinen Tisch neben ihr standen ein Krug, zwei Trinkbecher und ein Silberteller, auf dem Käse und Brot im Übermaß lagen. Ein munteres Feuer prasselte in der Feuerstelle, dem Stuhl nahe genug, um dort einen Schatten auf dem Boden tanzen zu lassen, aber weit genug entfernt, so dass keine Gefahr bestand, ein Rock könne daran Feuer fangen. Ein weiterer Stuhl, der nicht ganz so üppig gepolstert war, stand dem der Königin direkt gegenüber; das Kissen auf dem Sitz war aber doch recht dick. Ein dicker, schwerer Teppich bedeckte den Boden, stellte Maris erstaunt fest, die derlei Luxus noch nie zuvor gesehen hatte, und weitere Teppiche hingen an den Wänden und über den schmalen Fensterschlitzen in den Steinmauern (die auch als Schießscharten für Pfeile gedacht waren). 

„Kommt herein, Lady Maris“, ertönte die sanfte Stimme der Königin. 

Maris tat wie geheißen und schloss die Tür hinter sich, während sie sich das Zimmer noch genauer betrachtete. Ein großes Bett mit zugezogenen Vorhängen stand dicht an einer weiteren Wand und wurde von einer separaten Feuerstelle eigens gewärmt – auch darin brannte ein sehr munteres Feuer. Ein Tisch übersät mit Dokumenten, Gänsekielen und einem Tintenfass stand in der Nähe der beiden Stühle und Truhen – die vor Gewändern, Umhängen, Tassen, Tellern, Stoffen, Lederbeuteln und allerlei sonstigem Plunder überquollen – waren überall an den Wänden aufgereiht. 

„Eure Majestät.“ Maris knickste, als sie den Rand des luxuriösen Bodenbelags erreichte. 

Eleonore machte mit einer eleganten Hand eine grazile Bewegung zu dem anderen Stuhl neben dem Tisch hin. „Setzt Euch.“ 

Maris’ rascher Blick rund um das Zimmer herum verriet ihr, dass sie alleine mit der Königin war, und sie fragte sich, ob das Leiden Ihrer Hoheit privater Natur war. Nachdem sie ihren Lederbeutel und die Holzkiste auf dem Boden abgesetzt hatte, tat sie wie befohlen und setzte sich. Und wartete. 

„Ihr könnt etwas Wein einschenken, Lady Maris.“ 

Sie verstand dies als eine Einladung, sowohl der Königin etwas einzuschenken als auch sich selbst, und Maris füllte die beiden Becher mit einem schweren Rotwein. „Wie kann ich Euch zu Diensten sein?“, fragte sie und stellte einen der Becher so hin, dass Eleonore ihn mühelos greifen konnte. 

„Ihr seid sehr versiert im Heilen und im Gebrauch von medizinischen Kräutern, ist mir zu Ohren gekommen. Eure Heilkünste übertreffen sogar noch die von Madelyne de Mal Verne.“ 

Maris neigte den Kopf wie zur Zustimmung. „Ich studiere solche Arzneien, schon seit ich zehn Lenze zählte.“ 

Während sie mit ihren langen, weißen Fingern nach ihrem Getränk reichte, sprach die Königin, „erzählt mir, wie Ihr das alles erlernt habt.“ 

Sie nippte an ihrem eigenen Wein und Maris erzählte, „meine Mutter, Allegra Lareux, begann mich in den einfachen Anwendungen für Kräuter zu unterweisen. Als ich immer mehr Erfahrung gewann und es mich danach verlangte, mehr zu wissen, als sie mir beibringen konnte, habe ich bei einer Hebamme in Langumont gelernt. Vor ein paar Jahren lebte ein Mann auf Langumont, der sich in den Heilkünsten aus dem Heiligen Land sehr gut auskannte, und er hat sein umfangreiches Wissen mit mir geteilt.“ Kühn gemacht durch das Interesse, das die Königin ihr erwies, fragte sie, „wie habt Ihr von meinen Heilkünsten erfahren?“ 

Ein leichtes Lächeln zuckte Eleonore um die Mundwinkel, als sie trank. Ihre blauen Augen schauten hintergründig. „Mir wurde von einem sehr vertrauenswürdigen Freund berichtet, dass Eure Künste so groß sind, dass Ihr einen Mann – nein, eine ganze Festung, so ging die Geschichte – dem Tod so nahe bringen könnt, dass er sich wünscht zu sterben, aber nicht nahe genug, dass er sein Letztes haucht.“ 

Maris spürte, wie ihr das Gesicht ganz warm wurde und sicherlich schon dunkelrot verfärbt war, und auf einmal bekam sie es mit der Angst zu tun, dass man sie hierher gebracht hatte für eine Schelte. „Ich bin zutiefst beschämt, dass Ihr auf diese Weise von meinen Künsten gehört habt. Es war nicht wirklich das, was man mir beigebracht hatte–“ 

Eleonore lachte. „Entschuldigt Euch nicht, Maris, da ich eher dazu neige, eine Frau zu belohnen – und nicht zu bestrafen –, wenn sie die Gelegenheit zur eigenen Rettung beim Schopf packt! Sagt nicht die Kirche, dass Gott denen hilft, die sich selbst zu helfen wissen?“ Sie nahm sich ein Stück Käse. „Ich bin eine Verfechterin solcher Taten, wenn der Zweck die Mittel heiligt.“ Sie schmunzelte erneut. „Es wäre interessant gewesen zu sehen, wie eine ganze Festung brach gelegen hat, während Ihr mit Eurer Zofe unbekümmert über die Zugbrücke hinausspaziert seid.“ 

„Es war einer der Momente in meinem Leben, an den ich mich sicher noch lange erinnern werde“, gab Maris mit einem ironischen Lächeln zu, „Auch wenn ich niemals die Worte ‚unbekümmert hinausspaziert‘ verwendet hätte, um unseren eiligen Aufbruch zu beschreiben.“ Sie nahm einen Schluck vom Wein und fragte sich, wie Dirick wohl dazu kam, solch eine Vertrautheit mit der Königin zu pflegen, dass er ihr von seinem eigenen Unglück erzählen würde. Es war ein weiterer Beweis für das ihm so eigene, selbstbewusste Betragen, dass er so ganz ohne Umschweife von einem Ereignis berichtete, bei dem ihn eine Frau besiegt hatte. „Mylady, wie kann ich Euch dienen?“ 

„Es ist nichts als ein kleines Ärgernis, Lady Maris – nichts als ein Ziehen in meinem Ohr. Während der Wintermonate habe ich oft eben dieses Leiden und in den meisten Fällen geben mir die Quacksalber und die Ärzte die Anweisung meine Füße in einem heißen Bad von Wasser mit zerstoßenen Senfkörnern darin zu baden.“ Sie lehnte sich auf ihrem Stuhl zurück mit dem Blick direkt auf Maris gerichtet, während ihre Finger die Quaste an ihrem Gürtel streichelten. „Es ist nicht gerade die bequemste aller Behandlungsarten und ich bin auf der Suche nach einer anderen, um mich von diesem Leiden zu kurieren.“ 

Maris nickte zustimmend mit dem Kopf. Sie fand es ganz und gar nicht überraschend, dass die wunderschöne und königliche Eleonore von Aquitanien nichts derart Prosaisches tun wollte, wie ihre nackten Füße einzuweichen, schon gar nicht wenn all ihre Hofdamen und Höflinge zugegen waren. „Sagt mir bitte, fühlt sich der Schmerz in Eurem Ohr wie das Schlagen einer Trommel an oder eher wie das scharfe Stechen eines Schmerzes?“ 

„Es ähnelt eher dem Schlag einer Trommel, tief drinnen in meinem Ohr.“ 

„Und tritt es dann auch zusammen mit einem Ton wie Glockenschlag auf?“ 

„Nein.“ 

„Und sagt mir bitte noch, Eure Majestät, habt Ihr noch andere Beschwerden zur gleichen Zeit, also mit diesem Leiden in Eurem Ohr zusammen?“ 

„Nein.“ 

Maris erhob sich. „Mit Eurer Erlaubnis werde ich ein Heilmittel zubereiten, das man einfach und ganz unauffällig anwenden kann und das vielleicht auch die Häufigkeit des Leidens etwas reduziert.“ 

Eleonore nickte und sah mit Habichtsaugen zu, als Maris tief unten in ihrem Lederbeutel etwas suchte und dann in der Kiste aus dem glatten Holz wühlte. Maris holte ein kleines Messer hervor, ein kleines, leeres Fläschchen mit einem festen Korkverschluss, eine zweite, etwas größere Flasche und eine Frucht, die aussah, wie eine kleine, kompakte Zwiebel. Als Eleonore zusah, wie Maris die raschelnde, weiße Haut von der Zwiebel abschälte, fragte sie, „ist das nicht Knoblauch?“ 

„So ist es“, Maris blickte erstaunt hoch. „Es ist eine in diesen Breiten hier in England nicht sehr bekannte Frucht, auch wenn sie sich im Heiligen Land großer Beliebtheit erfreut. Andere Heiler, die ich kenne, sprechen etwas mürrisch vom strengen Geruch, obwohl ich selbst ihn eigentlich mag. Es gibt noch viele andere Verwendungen dafür, außer derjenigen, die ich Euch heute zeige.“ 

„Ich habe diese Frucht auf meinem eigenen Kreuzzug ins Heilige Land gesehen“, erzählte die Königin ihr, während Maris das kleine Messer dazu verwendete, eine Zehe von dem Knoblauch zu zerdrücken und dann zu zerhacken. Ein scharfer Geruch machte sich da im Zimmer breit. 

Maris krempelte sich die langen Ärmel um und griff nach der großen Flasche. „Eure Majestät, ich werde ein wenig von diesem Öl über den zerhackten Knoblauch in einer kleinen Ampulle gießen. Ihr solltet einen winzigen Tropfen von diesem Öl in das Ohr gießen, das Euch Schmerzen bereitet. Einmal morgens und einmal am Abend, so lange bis die Schmerzen verschwunden sind.“ Sie kratzte den zerhackten Knoblauch in die kleine Flasche, fügte dann reichlich von dem Öl hinzu. Sie hielt den Korken fest gedrückt, um die Flasche dicht zu machen, und schüttelte einmal kurz und heftig, dann bot sie die Flasche der Königin dar. 

„Ich danke Euch, meine Liebe“, Eleonore nahm die Flasche, betrachtete sie, dann stellte die Königin sie auf dem Tisch neben sich ab. 

In der Erwartung fortgeschickt zu werden, sammelte Maris ihre Ausrüstung wieder ein und verstaute diese. 

Daher überrumpelten sie die Worte der Königin etwas. „Dirick von Derkland erzählt viel Gutes über Euch, Lady Maris.“ 

Außerstande die Röte zu unterdrücken, die ihr da wieder ins Gesicht stieg, konzentrierte Maris sich auf die seidene Schnur, die sie gerade um ihre Holzkiste wickelte. Ihre Hände wurden ganz ungeschickt und wollten ihr nicht gehorchen, als sie versuchte, die Kiste mit einem Knoten zu verschnüren. Sie wusste nicht, was sie der Königin hier erwidern könnte. Sie war sich eigentlich gar nicht sicher, ob die Königin überhaupt eine Antwort verlangte. 

Es schien keiner Antwort zu bedürfen. „Seid Ihr jemandem versprochen, Lady Maris?“ 

Maris blickte hoch, um in ein sehr interessiertes Augenpaar zu blicken. „Mein Vater hat eine Vermählung in die Wege geleitet, aber er wurde getötet, bevor die Zeremonie stattfinden konnte. Ich weiß nicht–ich glaube nicht, dass die Verträge unterzeichnet worden sind.“ 

Eleonore verschränkte nachdenklich die Finger. „Sehr gut. Ich danke Euch für Eure Dienste. Man wird Euch eine Entlohnung zukommen lassen.“ Sie lächelte. „Ihr dürft gehen.“ 

 

~*~

Maris schob ihre Kapuze zurück und ließ den Frühlingswind ihr Gesicht streicheln. Mit geschlossenen Augen neigte sie das Gesicht zur Sonne. Es fühlte sich himmlisch an die dunkle Burg verlassen zu haben und fern der geschäftigen, übelriechenden Straßen von London zu sein. 

Neben ihr wieherte Hickory leise, als ob sie den unausgesprochenen Gedanken ihrer Herrin zustimmen wollte. Diese schritt gerade durch das hohe Gras einer Wiese, wo sie Kräuter sammelte, um diejenigen wieder zu ersetzen, die sie im Laufe des Winters aufgebraucht hatte. Sir Raymond de Vermille stand zusammen mit drei anderen Soldaten von Langumont auf der Straße am Rand der Wiese und hielt von dort aus ganz entspannt ein Auge auf seine Herrin. 

Sie war erfreut zu sehen, dass der leuchtend blaue Chicorée schon blühte und zog mehrere Pflanzen samt den Wurzeln aus der Erde und schüttelte dann die schweren Klumpen von den langen Wurzeln. Es waren kräftige Pflanzen mit stacheligen Blättern und fein behaarten Stängeln und eigneten sich für vielerlei. Sie schnitt die Wurzeln ab und wickelte sie in dicke, abgeschnittene Ärmel von Baumwolle. Die Wurzeln würde man nachher zu einem leichten Trank einkochen. Dann stopfte sie die Blätter in einen anderen Baumwollbeutel. Die Blätter taugten nichts, wenn sie trocken waren, daher waren frische Blätter immer gut, wenn man sie kriegen konnte. 

Sie spazierte langsam weiter über die Wiese auf eine kleine Ansammlung von Bäumen zu. Sie vermutete, dass dort Himbeerbüsche wuchsen. Die Blätter davon lieferten, zusammen mit Pfefferminze, den besten Tee für Frauen mit einem Kind unter dem Herzen. Der Tee linderte die Übelkeit und half dem Kind sich fest in der Mutter zu verwurzeln. Als sie die ersten Schatten der hohen Eichenbäume erreichte, deren Äste sich weit in den Himmel erstreckten, bemerkte Maris die glänzenden, dunkelgrünen Blätter und hellrosa Knospen eines ihr wohlbekannten Krautes. 

Maris hielt an, hockte sich in das Gestrüpp der eng am Boden wuchernden Pflanze und verschränkte die Hände. Bärentraube, dessen Blätter sie und Dirick an einem kalten Winternachmittag gesammelt hatten. Das Bild davon, mit all seinen lebhaften Farben, hatte sich in ihr Gedächtnis eingegraben: Sie hatte mit beiden Händen nach jenen dichten, vollen Blättern gegriffen und er hatte die leuchtend roten Beeren über den Schnee geworfen, bevor er sie an seinen Mund gezogen hatte, zur Wärme eines ersten Kusses. 

Hitze flammte kurz schmerzlich in ihr auf, als sie sich an die Süße und das Feuer in jener Begegnung von Mündern erinnerte ... und wie die Forderung seiner Lippen bei späteren Gelegenheiten zärtlich drängend eine stärkere Erwiderung verlangt hatten, wie ihre Glieder flüssig geworden waren und das Herz ihr unbändig in der Brust geschlagen hatte. Maris tat einen zittrigen Atemzug und pflückte ein paar Blätter, ließ ihre schwieligen Finger über deren Glätte wandern. 

So sehr sie es auch versuchte, so wütend sie auch auf ihn sein mochte, das Gesicht von Sir Dirick spukte ihr stets im Kopf herum, seit ... ja, seit jenem Abend, an dem er sie fast unter den Hufen seines teuren Schlachtrosses zertrampelt hätte. Sie senkte ihren Hintern zum Boden hin und setzte sich, jetzt umgeben von den hohen Gräsern um sie und überschattet von den Eichen über ihr. Ihre Finger arbeiteten flink, zerrissen die Blätter in Hälften und zogen die Blütenblätter von den Knospen: Wut über seine Machenschaften mit Bon de Savrille ... Wärme und Leidenschaft von seinen Küssen ... und in zunehmendem Maße eine beunruhigende Furcht über das Ausmaß ihrer Gefühle für ihn, über ihre Unfähigkeit Dirick für mehr als eine kurze Zeit zu vergessen. 

War es möglich? Könnte es sein, dass sie ihn liebte? 

Maris schloss ihre Augen ganz fest, versuchte den unwillkommenen Gedanken zu verdrängen. Selbst wenn es so wäre – Gott im Himmel! – und sie ihn liebte, gab es nichts, was sie tun konnte. Ihr Leben und ihre Ländereien waren des Königs und König Heinrich konnte damit verfahren, wie es ihm beliebte. Niemals würde er die gut betuchte Erbin von Langumont mit so vielen Ländereien einem bloßen Ritter schenken – ganz egal wie lieb ihm die Gesellschaft von Dirick auch sein mochte. 

Etwas war zwischen sie und die Sonne getreten, und ihre Augen öffneten sich rasch. Eine Gestalt, ein Mann, saß genau vor ihr auf einem Pferd und warf einen Schatten über sie. Geblendet von der heiß brennenden Sonne erkannte sie ihn nicht sogleich – aber dann sprach er zu ihr. 

„Lady Maris“, seine Stimme, die ihr vertraut war, schnurrte geradezu – und war ihr höchst unwillkommen. „Darf ich Euch wieder auf die Beine helfen?“ 

Bon de Savrille! 

Maris unterdrückte einen Überraschungsschrei und sprang auf die Füße, verhedderte sich in ihren Röcken und fiel rücklings wieder ins hohe Gras. Lord Bon stand wie ein Riese vor ihr, aber wegen den Strahlen der Sonne hinter seinem Rücken vermochte sie immer noch nicht seine Gesichtszüge zu erkennen. Eine große Hand mit Wurstfingern reichte zu ihr vom Sattel herab und packte sie am Arm und zog sie dann mühelos auf die Beine. 

„Von wo seid Ihr gekommen?“, sprach sie schließlich, während sie sich unauffällig nach Sir Raymond umschaute. 

„Habt keine Angst“, sagte Bon, als sein Pferd zur Seite tänzelte und jetzt die Sonne verdeckte, so dass sie ihn endlich sehen konnte. „Eure Soldaten sind in der Nähe – ich kam nicht von der Straße, sondern durch den Wald hierher, wohin ich Euch gehen sah, als Ihr da über die Wiese lieft.“ 

„Was macht Ihr hier in London?“ Maris war noch nicht in der Lage sein plötzliches Auftauchen zu begreifen. 

„Mylady, meine Gedanken sind nie fern von Euch ... und als natürliche Folge davon wünsche ich mir dann, nie fern von Euch selbst zu sein.“ 

„Was wollt Ihr?“ 

„Nur Euch, Mylady.“ 

„Bon, ich–“ 

Ein Schrei drang aus der Ferne an ihre Ohren und beide drehten sich um, um Sir Raymond da zu erblicken, wie er und seine Begleiter über die Wiese auf sie zu galoppierten. 

„Ah, Eure Retter nahen.“ Bevor sie reagieren konnte, ergriff Bon eine ihrer Hände und, indem er den Kopf zu ihr neigte, brachte er rasch ihre Finger an seine Lippen. „Ich werde Euch haben, Mylady, und wenn es das Letzte ist, was mir auf dieser Erde zu tun vergönnt ist. Ich weiß, ich kann ohne Euch nicht leben. Obwohl Ihr mich mit Euren Giften fast umgebracht hättet, seid Ihr doch das Wasser, welches dieser durstige Mann trinken muss, das Fleisch, von dem dieser hungrige Mann speisen muss ... und seid versichert, Ihr werdet die Meine sein – mit oder ohne Ländereien.“ 

Und damit wendete Bon gerade in dem Augenblick das Pferd, als ihre Begleiter mit donnernden Hufen bei ihr anlangten, und trabte weg, in den Wald hinein. 

„Mylady, seid Ihr verletzt? Sollen wir ihm nachsetzen?“ Raymond zog neben ihr die Zügel und kam zu stehen. 

„Nein, mir ist nichts geschehen“, erwiderte Maris, immer noch wie vom Donner gerührt, ob des plötzlichen Auftauchens und Verschwindens von Bon. 

„Kanntet Ihr den Mann da?“ 

Sie nickte. „Ja, es war niemand Geringeres als Bon de Savrille von Breakston.“ 

„Was?“ Raymond hätte ihm da nachgesetzt, hätte Maris nicht ihre Hand gehoben, um ihm Einhalt zu gebieten. 

„Nein, Raymond, macht Euch diese Mühe nicht. Er tat mir kein Leid, noch hat er mich bedroht – außer mit seinem Begehr, mich besitzen zu wollen.“ Sie kicherte, sowohl aus Erleichterung wie auch Belustigung. „Ich glaube in der Tat, dass Lord Bon im Grunde recht harmlos ist, da er mich ohne Weiteres einfach hätte packen können, und mit sich fortnehmen. Und um die Wahrheit zu sagen, ich würde es vorziehen, ihn zu ehelichen als Lord Victor.“ Das Lächeln erstarb ihr bei der hässlichen Erinnerung an seine Annäherungsversuche zwei Nächte zuvor. 

„Wird Lord Victor beim König seine Ansprüche auf Euch geltend machen?“, fragte Sir Raymond, nachdem er von seinem Pferd abgestiegen war. Er stand nahe bei Maris, wie ein Beschützer, und sie gingen ein paar Schritte von den anderen drei Männern weg. Sie holte einmal tief Luft. „Ich bete zu Gott, er möge es nicht tun. Lieber wäre ich eine Verräterin oder Mörderin, als dass ich das Bett mit ihm teile!“ 

Raymond warf rasch einen Blick um sich, als wolle er sicher sein, niemand höre sie. „Nein, Herrin, niemals sollt Ihr so weit gehen müssen. Ich werde derjenige sein, der Euch vor einer so unwillkommenen Ehe retten wird, seid meiner Treue gewiss.“ Sein Blick war fest und klar. „Ich werde an Eurer Stelle hier den Mörder geben.“ 

„Sir Raymond–“ 

„Es war der Wunsch Eures Vaters, Herrin.“ 

Sie schaute zu ihm hoch, verwirrt. „Was sagtet Ihr, Sir? Es war mein Vater, der doch den Vertrag mit Victor d’Arcy aufsetzte.“ 

Raymond hielt sich wegen der Sonne vor ihm eine schützende Hand über die brennenden Augen. Sein wettergegerbtes Gesicht bestand nur noch aus grimmigen Strichen und er zog sie noch weiter weg von den übrigen aus ihrer Eskorte. „Mylady, Euer Papa erkannte seinen Irrtum, als er Euch Victor versprach, und hatte Schritte eingeleitet, um sein Angebot zu widerrufen, als wir ausgezogen waren, um Euch aus Breakston zu befreien. Er sandte mich mit einem Schreiben zum König – für den Fall, dass er die bevorstehende Schlacht nicht überleben würde und die Verlobung nicht selber rückgängig machen könnte.“ 

„Und er konnte es nicht mehr selbst tun.“ Maris’ Worte waren voller Schmerz. Tränen stiegen ihr in die Augen, weil sie die Person, die sie am meisten auf der Welt liebte, verloren hatte. 

„Nein, es war ihm nicht vergönnt ... und es zerrreißt mich fast, dass ich nicht da war, um ihm in der Schlacht den Rücken freizuhalten, so kurz die Schlacht letztendlich auch war. Denn man öffnete uns die Tore, kaum hatten die Männer die Pfeile angelegt. Aber anstatt dort zu sein, brachte ich das Schreiben zum König. Ich war Eurem Vater treu ergeben und jetzt bin ich es Euch. Bis in den Tod.“ 

Sie legte ihm eine Hand auf den muskulösen Arm. „Ich danke Euch, Raymond, ich danke Euch für Eure Worte. Ich hätte es nicht ertragen zu denken, ich widersetze mich den Wünschen meines Vaters, sollte ich gegen den Ehevertrag ankämpfen. Jetzt weiß ich zumindest, dass er im Geiste auf meiner Seite ist, bevor ich mich daran mache.“ 

Er blinzelte in die untergehende Sonne. „Lasst uns zurück zum Schloss gehen, Mylady. Der Abend senkt sich bereits.“ 

Sie nickte, plötzlich war sie ausgelassener Stimmung bei dem Gedanken in die Stadt zurückzukehren. Zweifellos würde sie heute Abend gemeinsam mit ihren Freundinnen Judith und Madelyne zu Tisch sitzen ... und vielleicht auch mit Dirick von Derkland das eine oder andere Wort wechseln.