
KAPITEL ZEHN
Dirick hatte es sich in der Ecke von Breakston Hall bequem gemacht, die am dunkelsten war und wohin die wenigsten Blicke wanderten, die aber nahe genug am munter brennenden Feuer war, dass es ihn bis in die Zehenspitzen wärmte. Es war die Zeit nach dem abendlichen Mahl – wenn man das, was man ihm vorgesetzt hatte, als Essen bezeichnen konnte – und es befanden sich weniger Menschen in der Halle als gewöhnlich.
Sein geschmiedetes Kettenhemd, eins von einer solchen Qualität, das sicher eine Bemerkung hervorrufen würde, etwa in der Art wie ein fahrender Ritter auf der Suche nach Sold sich derlei leisten könnte, sollte jemand einen genaueren Blick darauf werfen, lag ausgebreitet auf seinen überkreuzten Knien. Er saß auf einer Lage Stroh, die so alt war, dass er sich gar nicht zu fragen wagte, was möglicherweise alles darin lebte, und polierte das metallene Hemd, während er nebenbei den Herren der Halle beobachtete.
Da war nicht viel zu beobachten.
Dirick war nun schon fast drei Tage auf Breakston und er war zu dem Schluss gekommen, dass de Savrille und sein Verbündeter Edwin Baegot lediglich verlotterte, verblödete Männer waren, die kein Recht hatten sich Ritter zu nennen, geschweige den Lehensmänner mit Ländereien.
Er hatte vor seinen obersten Herrscher daran zu erinnern, dass es kein Gesetz gegen einen Mangel an gesundem Menschenverstand gab ... und auch wenn Heinrich Plantagenet guten Grund hatte sich in seiner Person beleidigt zu fühlen, weil Bon ihm nicht seine Aufwartung gemacht hatte, wollte Dirick den König wissen lassen, dass er da nicht allzu viel versäumt hatte. So hatte er dann auch fest vor, am nächsten Morgen aufzubrechen, um seinem König vollen Bericht zu erstatten, zusammen mit einer Empfehlung, dass man Bon de Savrille das Lehen von Breakston aberkennen solle. Im ganzen Königreich Heinrichs fand sich wohl schwerlich ein Lehen, das derart herabgewirtschaftet war.
Und dann würde Dirick, so Gott wollte, endlich frei sein den Spuren nachzugehen – welche die andere Aufgabe anbetraf, die er sich auferlegt hatte.
„Mylord, Berkle ist zurückgekehrt. Er hat Neuigkeiten von höchster Wichtigkeit“, verkündete Sir Robert, als er in die Halle geeilt kam.
Selbst aus seinem dunklen Winkel heraus konnte Dirick erkennen, wie Bons Kopf nach oben schnappte, aus dem Becher mit Ale auftauchte, wo er sonst stets hing. „Schickt ihn sofort herein“, war die Antwort.
Neugier und natürlicher Instinkt ließen Dirick mit den Schatten verschmelzen, wo er sich so unauffällig wie möglich zu machen suchte.
Wenige Augenblicke später gewährte man einem dünnen Mann, gekleidet in einen schweren, schwarzen Umhang, Zutritt zum Saal. Er eilte zu Bon und Edwin hinüber und murmelte etwas, das – so sehr er sich auch bemühte – Dirick nicht verstehen konnte. Er erhaschte die Worte „Verlöbnis“ und „in zwei Tagen“, bevor Bon mit mächtigem Gebrüll von seinem ausladenden Stuhl hochfuhr.
„Die Schlampe!“, fauchte er. „Wie kann es diese schwanzleckende Hure wagen, mich zu ignorieren!“ Er schleuderte den Bierkrug mit dem Ale durch das Zimmer. Es vergoss sich wild überall, bevor das Gefäß mit einem lauten Scheppern gegen die Steinmauer krachte. „Sie wird die Meine werden! Ich werde sie zur Meinen machen, und wenn–“
Bon blieb plötzlich stocksteif stehen, als ihm aufging, dass hier im Zimmer noch andere Ohren mithörten. Er warf über seine Schulter einen Blick auf Dirick.
Aber Dirick hatte sich auf einen solchen Fall vorbereitet. Er war in der entfernt gelegenen Ecke wie zum Schlaf gegen die Wand gelehnt, den Kopf in den Nacken gelegt, mit entspanntem Kiefer ... in der Gewissheit, dass Bon die Schnarcher hören konnte, die einem offensichtlich betrunkenen Ritter da entfuhren.
Durch die Schlitze seiner Augen beobachtete Dirick aber, wie Bon – das Gesicht rot vor Wut – sich wieder auf seinen Stuhl setzte und Edwin und Berkle Zeichen gab ihre Hocker näher zu ihm heranzuziehen. Und dann fing er an ihnen mit leiser Stimme gehetzt Befehle zuzuwispern.
~*~
Am Tag nach der Verkündung von Maris’ Verlobung befand sich Lord Merle in seinem Empfangszimmer und ging mit Gustave, dem Hausmeier von Langumont, die Bücher durch.
Es war ein geräumiges Gemach auf dem gleichen Stock gelegen wie das Privatgemach der Frauen, aber viel kleiner als jene Kemenate. Es war jedoch komfortabel eingerichtet, mit zwei schweren Stühlen, einem Tisch für den Schreiberling und mehreren Hockern. Ein großer Abakus zierte den Tisch sowie mehrere Bögen von Pergament, Schreibutensilien und Wachskerzen, um die Dokumente zu versiegeln. Farbenprächtige Wandteppiche hingen an den Wänden und Kerzen erleuchteten jeden Winkel des Zimmers.
Merle schaute vom Tisch hoch, an dem er und Gustave gerade die Bücher durchgingen, als Maris ins Zimmer trat. Er konnte nicht umhin festzustellen, wie elegant und damenhaft sie in einer blassblauen Obertunika aussah, deren Schleppe sie hinter sich her zog. Ihre Augen waren groß und dunkel in ihrem verschlossenen Gesicht und er wusste sofort, dass dies keine angenehme Unterhaltung werden würde.
„Gustave, entschuldigt uns bitte. Ich glaube, meine Tochter braucht mich auf ein Wort, oder zwei.“
Seit dem Abend des vorangegangenen Tages, als er sich erhoben und verkündet hatte, dass sie sich Victor d’Arcy vermählen würde, hatte Merle mit diesem Moment gerechnet. Es hatte ihn im Grunde überrascht, dass fast ein ganzer Tag verstrichen war, bis seine Tochter auf ihn zukam. Nicht zuletzt weil er den Vertrag zur Unterzeichnung vorbereitet und alles verkündet hatte, ohne sie im Vorfeld zu warnen.
Am Abend zuvor hatte sie es stoisch über sich ergehen lassen, das musste selbst er zugeben.
„Wie geht es deiner Mama denn heute?“, fragte er und machte der Person, die er am meisten von allen auf der ganzen Welt liebte, Zeichen sich auf dem Kissen eines Stuhls neben ihm niederzusetzen.
Auf dem hübschen Gesicht von Maris zeichnete sich ein Stirnrunzeln ab. „Sie ist seit dem letztem Abend wach, aber sie murmelt vor sich hin, wild durcheinander von Dingen, die ich nicht recht begreife. Sie spricht von einer ‚schweren Sünde‘ und von ‚Verdammnis‘ und in höchster Verzweiflung davon, ‚diesem Fehler Einhalt zu gebieten‘. Sie will sich mir nicht erklären. Ihr Körper ist wohlauf. Es ist ihr Geist, um den ich mir Sorgen mache.“
„Ich verstehe das nicht“, Merle strich sich über den Bart, wie er es stets zu tun pflegte, wenn ihm ein Problem solcher Art begegnete. „Meine Frau war nie so stark und gefestigt wie du, meine Tochter, jedoch war sie auch nie eine Frau, die zu Ohnmachtsanfällen neigte.“
„Vielleicht ist sie wieder freudiger Hoffnung?“, schlug Maris vor, schüttelte dann aber den Kopf, bevor Merle reagieren konnte. „Nein, Papa, denn Ihr seid erst vor Kurzem heimgekehrt. Ich begreife es selbst nicht.“
„Aber das ist nicht der Grund, warum du mich in meinen Gemächern hier in die Enge getrieben hast, Herzallerliebstes“, sprach Merle. „Mir schwant, dass du vielleicht gekommen bist, um mir deinen Unmut kundzutun, über die Ankündigung, mit der ich dich am gestrigen Abend so überrumpelt habe.“ Sein Blick war sanft, aber seine Worte entschlossen. „Ich werde es dir jetzt ohne Umschweife sagen, Tochter, dass ich hier keinen Widerspruch von dir dulden werde.“
„Es war keine so große Überraschung, wie Ihr vielleicht angenommen habt, Mylord“, sagte sie ihm kurz angebunden. „Ihr hattet mich bereits vorgewarnt an jenem Tag, als Victor und sein Vater eintrafen.“
„Ja, das ist wahr, ich gestehe, ich habe von deiner Seite etwas mehr Widerspruch erwartet in dieser Angelegenheit. Hast du dich in der Zwischenzeit mit meiner Entscheidung abfinden können?“
„Lord Victor gab mir sehr deutlich zu verstehen, dass ich schon bald ihm gehören würde“, erzählte Maris ihm und machte gar nicht den Versuch die Bitterkeit in ihrer Stimme zu verbergen. „Als wir durch das Dorf ritten, machte er seiner Abscheu hinsichtlich meiner Englischkenntnisse Luft und teilte mir mit, ich würde mich zum Gespött machen, wenn er später mich an den Hof bringen würde ... und dann hat er mich attackiert.“ Tränen stiegen ihr in die Augen und sie wischte sie mit wütenden Handbewegungen weg.
Merle erstarrte da, schockiert angesichts der Anmaßung seitens dieses jungen Mannes, und dennoch wusste er gleichzeitig auch, wie leicht seine Tochter andere zur Weißglut treiben konnte. „Er hat dich ohne jede Veranlassung attackiert?“
Maris besaß Anstand genug angesichts seines eisigen Blicks die Augen zu senken.
„N-nein, Papa. Ich konnte es nicht ertragen, seinen überheblichen Worten weiter zuzuhören und Hickory weiterhin in einem so lahmen Trab zu halten, also gab ich ihr die Zügel und wir galoppierten wild über das Feld im Norden. Wir hielten beim Wald dann an und er holte uns dort ein. Er war nicht bester Stimmung.“ Ihr Gesicht war jetzt ganz bleich.
„Hat er dich geschlagen? Ich sehe keine Anzeichen dafür“, fragte Merle, dem ihr angeekelter Gesichtsausdruck mehr Sorge bereitete als ihre Worte.
„Nein. Geschlagen hat er mich nicht.“
„Es ist das Recht eines Mannes seine Frau zu schlagen“, erinnerte Merle sie, obwohl seine Sorge jetzt beträchtlich größer war. „Auch wenn es sich meiner Meinung nach nicht ziemt, dass ein Stärkerer seine Macht über einen Schwächeren in solcher Weise zeigt.“
Er seufzte. „Vielleicht tat ich nicht das Rechte für dich, Maris, als ich dich nicht nur dem Hof fernhielt und allen, die sich da aufhalten, sondern auch vor der Grausamkeit der Welt zu schützen suchte. Du bist so erzogen worden, dass du nicht damit rechnest für deine ungestüme Art Zorn oder Gewalt zu ernten ... aber außerhalb von Langumont wären viele entsetzt über deine impulsive Art zu handeln und deine Geringschätzung für Dinge wie Schicklichkeit und Sittsamkeit.“
„Papa–“, Maris’ Augen füllten sich mit Tränen.
Er gebot ihr Einhalt, indem er sie in seine Arme zog und fest an sich drückte. „Maris, mein Liebes, du weißt doch, dass das, was mir am wichtigsten ist, war und immer sein wird – das ist dafür zu sorgen, dass es dir nie an etwas mangelt. Ich weiß, du hast nicht den Wunsch zu heiraten, aber du weißt auch, dass ich dich mehr als alles andere auf dieser Welt liebe und dass nur diese unsanfte Erinnerung kürzlich mich dazu veranlasst hat, deine Verlobung entscheidend voranzutreiben. Ich weiß, dass ich nicht immer hier sein werde, um dich zu beschützen, Herzallerliebstes. Das ist der einzige Grund, warum ich dich fortschicke, um dich einem anderen Mann zu vermählen – wer auch immer der sei. Lord Victor wird für dich sorgen. Und für Langumont.“
„Aber Papa.“ Ihre Stimme war tränenerstickt. „Er hat mir wehgetan, Papa, und ich fürchte mich vor dem, was er tun wird, wenn wir erst vermählt sind.“
Merle wurde es eiskalt und er hielt sie auf Armeslänge von sich. „Hat er dir Gewalt angetan?“ Zorn begann aus seinem tiefsten Inneren hochzusteigen.
Er erinnerte sich nur zu gut an die zerbrochene, zerschundene Joanna von Swerthmore, der Maris mit ihren heilenden Salben geholfen hatte. Das Mädchen war nun mit Bernard von Derkland verheiratet, aber ihre erste Ehe war eine von Gewalt und Furcht gewesen.
Niemals würde er zulassen, dass etwas Derartiges seiner eigenen Tochter widerfuhr.
Maris schluckte schwer. „N-nein, Papa. Er war grob und überall waren seine zudringlichen Hände...“ Sie schauderte.
Merle rang sich ein freundliches Lächeln für seine Tochter ab und auch wenn er beunruhigter war, als er es sich anmerken ließ, waren seine Wort aufmunternd. „Mein Liebes, du bist eine schöne Frau ... und ich bin sicher, dass die Leidenschaft zu dir einfach über ihn gekommen ist. Denke daran, schon bald sollst du seine Frau sein. Sei nicht allzu beunruhigt, er wird gut zu dir sein.“ Oder ich werde ihm bei lebendigem Leib die Haut abziehen. „Geh jetzt und sieh nach deiner Mutter. Sag ihr, ich werde in Kürze bei ihr sein.“
Als Merle wieder alleine in seiner Kammer war, war er nicht in der Lage sich auf die Aufgaben vor ihm zu konzentrieren. Das ängstliche und doch resignierte Gesicht seiner Tochter ging ihm nach. War es wirklich so, handelte er hier wirklich zu Ihrem Besten? Hatte er die richtige Entscheidung getroffen?
Seine Gedanken wanderten zurück zu jenem Abend, wo er auf den Zinnen seines geliebten Langumonts spazieren gegangen war ... und zu der Unterhaltung, die er dort mit Dirick Derkland geführt hatte. Harold musste sehr stolz auf seinen Sohn sein, dachte Merle bei sich.
Merle dachte noch eine ganze Weile nach, den ganzen Tag und dann auch noch einen guten Teil des verbliebenen Abends, Er hatte bei Tisch die anderen um ihn herum mit Argusaugen beobachtet: seine Frau und seine Tochter, Michael und Victor d’Arcy.
~*~
Maris schlug sich durch das abendliche Mahl in etwa so, wie sie sich vorstellte, wie ihr Vater sich der Schlacht entgegen stellte. Sie war höflich, wenn auch etwas zurückhaltend den Gästen gegenüber, aufmerksam ihrer Mutter gegenüber, die darauf bestanden hatte, ihr Bett zu verlassen, und herzlich zu ihrem Vater.
Aber der Moment, da man sich zurückziehen durfte, kam ihr nicht früh genug. Sie war erpicht darauf, sich dem besitzergreifenden Blick von Victor zu entziehen, um endlich Zeit für sich zu haben, Zeit ihren nächsten Feldzug zu planen. Die Verlobungszeremonie war für den nächsten Tag am Nachmittag angesetzt und von dem Zeitpunkt an würde sie Victor d’Arcy bereits gehören, als hätte sie ihn schon geheiratet. Maris war realistisch genug zu wissen, dass sie die Verlobung nicht verhindern konnte, noch könnte sie ihren Vater umstimmen, aber sie könnte es alles vielleicht etwas hinauszögern.
Oder, wenn ihr wirklich keine andere Wahl blieb, dachte sie, während sie an ihrer Unterlippe kaute, als sie ihre Röcke zusammenraffte, um über die Bank zu steigen: sie könnte vielleicht einen Weg finden Frieden mit Victor zu schließen.
„Gute Nacht, Papa“, sie hielt hinter dem Stuhl ihres Vaters bei der Feuerstelle an.
Er schaute sie mit traurigen, alten Augen an. „Tochter, ich schwöre, alles wird gut werden. Wisse, dass ich dich über alles liebe.“
Tränen huschten ihr in die Augenwinkel: sie liebte und vertraute ihrem Vater. „Das weiß ich, Papa“, sagte sie leise und versuchte ihre Selbstbeherrschung wiederzufinden. „Ich liebe Euch.“
Beinahe hätte er sie an Ort und Stelle auf seinen Schoß gezogen, um sie fest zu drücken und um ihr das Gefühl zu geben wieder drei Jahre alt zu sein. „Ich will nur das Beste für dich“, sagte er noch einmal zu ihr. „Wenn nichts anderes, so glaube mir dies eine. Möge der morgige dir ein guter Tag sein, meine Tochter.“
„Auch Euch, Papa“, sie drückte ihm einen Kuss auf die Stoppeln seiner Wangen und eilte aus der Halle, wobei sie die Tränen wegwischte, die ihr erneut drohten.
Aber in ihren Gemächern fand Maris eine merkwürdig angespannte Verna vor. „Geh schon“, sagte sie erschöpft zu ihrer Zofe. „Macht Euch auf zu dem Mann, der Euch erwartet.“
„Ich danke Euch, Herrin“, sagte ihre Dienerin zu ihr und schlüpfte in fast unziemlicher Eile aus dem Zimmer.
Maris brach auf dem Bett zusammen und zog sich die dicken Felle über, so dass sie von Kopf bis Fuß eingehüllt war. Das Feuer, das man hier angezündet hatte, brannte munter und das Zimmer war auch gar nicht kalt – dennoch: sie hatte das dringende Bedürfnis sich vor der Welt zu verstecken.
Sie musste geschlafen haben, denn plötzlich wurde sie wachgeschüttelt.
„Herrin“, flüsterte Verna ängstlich, wobei sie ihr die Schultern reichlich unsanft schüttelte. „Herrin, Ihr müsst kommen – Ernest vom Wäldchen ist gefährlich verletzt.“
Maris Kopf war auf einmal wieder klar. Sie sprang fast von dem Bett. „Bitte, Verna, meine grüne Tunika“, sprach sie und machte sich daran, die Schuhe überzustreifen.
„Nein, Herrin, wir haben keine Zeit mehr“, sagte Verna zu ihr und zog Maris’ blauen Umhang aus einer Truhe. „Witwe Maggie sagt, Ihr müsst auf der Stelle kommen.“
Maris band sich ihr langes Haar zu einem Knoten und stopfte es unter einen Schal, der alles bedeckte. Ihre Dienerin trat an sie heran, um ihr den Umhang umzuhängen. Rasch holte sie ihren Korb mit den Kräutern aus einer Truhe neben sich und eilte schon aus dem Zimmer Verna hinterher.
Überall war es recht still und sehr dunkel. Selbst der Junge, der sich in der großen Halle um das Feuer kümmerte, schlummerte vor sich hin. Maris brachte es nicht über sich, ihn in einer so kalten, dunklen Nacht zu wecken, obwohl – wenn sie zurückkehrte, würde sie ein paar Wörtchen mit ihm reden müssen.
„Kommt Herrin“, drängte Verna und fasste sie am Arm, um sie durch die Halle zu ziehen.
Maris missfiel, wie fest die andere Frau sie da am Arm packte – nicht etwa ihr lockerer Ton – und sie schüttelte die zudringlichen Hände von ihrem Handgelenk. Ihre Dienerin bemerkte das kaum, so schnell bahnte sie sich gerade einen Weg durch die Halle und dann hinaus in den Burghof.
Bei den Toren zum Fallgitter grüßte Maris die Wachtposten – die glücklicherweise nicht dem Beispiel des Feuer-Postens folgten – und erklärte ihnen den Grund ihres Aufbruchs. Sie winkten sie durch, obgleich es ihnen nicht behagte, dass sie vorhatte, in der dunkelsten Stunde der Nacht durch die Gegend zu wandern, aber sie befolgten die Befehle von Maris, dort weiter Wache zu halten. „Ihr müsst nicht einen Wachtposten für mich bemühen“, sagte sie zu ihnen. „Ich habe Verna und wir gehen nur zum Haus von Ernest vom Wäldchen.“
Verna ihrerseits hielt kaum an, während Maris zu den Wachen sprach. „Kommt, Herrin“, drängte sie Maris erneut. „Es geht ihm nicht gut.“ Sie führte ihre Herrin durch die dunklen Gassen des Dorfes, über den Marktplatz und in südlicher Richtung.
„Witwe Maggie erwartet Euch drinnen“, sprach Verna zu ihr und öffnete die Tür zu einer dunklen Hütte und machte Maris Handzeichen voranzugehen.
Arglos trat Maris durch die Tür ins Innere und sofort packten sie zwei starke Hände. Eine davon hielt ihr den Mund fest zu und erstickte den Schrei, den sie automatisch von sich gab, und die andere schloss sich wie eine Schlinge um ihre Arme, als sie gegen eine mächtige Umklammerung ankämpfte, die sie fest an einen breiten Körper drückte. Der Umhang fiel ihr von den Schultern, was ihr als einziges Gewand das dünne Untergewand ließ, das sie im Bett angehabt hatte.
Ein Mann grunzte, als er einen wohlgezielten Schlag abbekam, und er rächte sich mit einem Schlag in ihr Gesicht, der ihr den Kopf zur Seite schleuderte. Der Schmerz betäubte sie einen Moment lang und als Nächstes schob man ihr ein dickes Tuch in den Mund und knebelte sie. Sie versuchte die Finger zu beißen, die das Tuch da hineinschoben, und es gelang ihr einen Geschmack von dreckigem Fleisch zu bekommen. Bevor sie sich darüber klar wurde, was gerade passierte, rammte etwas von hinten gegen ihre Knie, was sie nach vorne und zu Boden einknicken ließ.
„Gib Acht, du Trottel“, erklang da eine barsche Stimme. „Er will sie wohlauf und lebendig.“
Sie keuchte vor Schmerz und Furcht und konnte nur noch schwach kämpfen, da ihr die Hände jetzt von einem dicken Seil am Rücken zusammengebunden worden waren. Wie sie so auf einem kalten Lehmboden lag, überkam sie plötzlich ein schreckliches Zittern und eine stetig zunehmende Übelkeit. Ihre Wange schmerzte, wo man sie geschlagen hatte, und obwohl sie sich wand und kämpfte, wurde sie festgehalten.
„Beeilt Euch!“, flüsterte jemand.
Ein schweres Tuch wurde ihr über den Kopf geworfen und sie spürte, wie man sie von Kopf bis Fuß locker in Sackleinen einwickelte.
„Ich nehme den Mantel“, kam da eine Stimme, die sie als Vernas erkannte, und Maris begann da wieder zu strampeln, bei der Erkenntnis, dass es ihre eigene Zofe gewesen war, die sie verraten hatte.
„Ach, ja?“, erklang da eine Männerstimme höhnisch.
Maris war unter Schock, aber immer noch in der Lage zu hören, und konzentrierte sich jetzt auf die Geräusche, die daraufhin folgten. Da kam ein überraschtes Keuchen von ihrer Zofe, dann das Geräusch von Schlägen gegen nacktes Fleisch, dann Stöße und Grunzen. Verna gab einen unterdrückten Schrei von sich und stöhnte den ganzen Kampf über. Da waren mindestens drei Männer, entschied Maris in ihrem vernebelten Geisteszustand und aufgrund der Geräusche, die da zu hören waren, hatte sie einen üblen Verdacht, was die Männer gerade mit Verna anstellten.
Einer der Männer stöhnte laut und darauf kam ein besonders heftiges Wimmern von der Zofe.
Schließlich war alles still, bis auf das Geräusch von schwerem Atem. Maris grauste es jetzt wirklich und sie hielt die Luft an und fragte sich, ob sie als Nächste dran wäre. Grobe Hände packten an dem Sackleinen um sie fest zu und sie spürte, wie sie durch die Luft gehoben und auf jemandes Schulter gehievt wurde.
„Versteckt sie“, sagte die Stimme, die ihr am nächsten war. „Ich gehe mit dem hier voraus. Beeilt Euch, denn man kann jeden Augenblick Alarm schlagen.“
Maris spürte, wie man sie trug, und dann fühlte sie, wie sie kurz durch die Luft flog, als man sie auf eine Art Plattform warf. Sie schlug da hart auf, mit Kopf und Hüften, und dann setzte sich das Gefährt in Bewegung. Die Kälte begann allmählich durch das Tuch hindurch zu sickern und ihre Finger und Zehen litten am meisten dabei. Obwohl das stinkende, grobe Sackleinen sehr dick war, hatte man sie nicht sehr fest darin eingewickelt. So konnte sie trotzdem noch Luft holen, selbst wenn das Atmen in ihrer Lage etwas mühsam war.
Nach einer Weile verlor sie entweder das Bewusstsein oder war eingeschlafen, denn es musste eine ganze Weile später sein, als man sie von dem Karren runterbugsierte. Ihr Schädel pochte und die eine Seite ihres Gesichts tat immer noch weh von dem einen Schlag dort. Immer noch in das Sackleinen eingewickelt zitterte sie, als sie über etwas gelegt wurde, was der Rücken eines Pferdes sein musste. Etwas Wärmeres bedeckte sie dann und sie spürte ein Seil an ihrem Rücken, das sie an ihrem Pferd festband. Angst ergriff erneut von ihr Besitz, als man das Pferd zu einem schnellen Trab und dann einem ausgreifenden Galopp antrieb, denn sie hatte nichts, woran sie sich festhalten konnte, und wenn das Seil nachgab, würde sie von den Hufen des Pferdes zertrampelt werden.
Bis zu diesem Zeitpunkt waren ihre Entführer recht schweigsam gewesen: nichts außer knappen, scharf formulierten Befehlen von dem einen, der wohl der Anführer war.
Wer konnte das hier getan haben? – fragte sie sich selbst und zwang ihre Gedanken zur Ordnung. Vorhin hatte jemand einen „er“ erwähnt und offensichtlich wünschte dieser „er“ nicht, dass ihr ein Leid geschah.
Ihr erster Gedanke war Victor – aber sie verwarf das augenblicklich. Warum sollte er sie denn entführen, wenn er in Kürze mit ihr verlobt sein würde?
Sie zwang ihre Gedanken weiterhin dazu, sich geordnet durch all diese Ereignisse zu bewegen. Wenn Verna darin verstrickt war – obwohl es auch schien, dass sie nicht weiter vonnöten war, wenn man den Geräuschen des Kampfes von vorhin Glauben schenkte und auch aufgrund der Tatsache, dass man sie zurückgelassen hatte. In welcher Verfassung man sie zurückgelassen hatte, wusste Maris nicht. Sie schüttelte sich bei dem Gedanken.
Wer auch immer dahinter steckte, er wollte sie lebend und für seine eigenen Zwecke. Ein Lösegeld wäre eine wahrscheinliche Erklärung oder vielleicht wollte jemand dafür sorgen, dass ihr Vater sich seinem Willen in einer politischen Angelegenheit beugte.
Wie auch immer es sich verhielt, Maris versuchte sich selber Mut zuzusprechen: denn wenn es sich um ein Lösegeld handelte, würde man sie ja offensichtlich unversehrt wieder zurückgeben.
Ihre Reise war von einer endlosen Dauer, so kam es ihr vor. Tatsächlich hatte sie keine Vorstellung mehr von Tag und Nacht. Einmal wurde sie vom Pferd gerissen und dann grob aus ihrer Hülle ausgewickelt, damit sie hinter einem nahe gelegenen Busch ihre Notdurft verrichten konnte. Ihre Arme blieben weiterhin gefesselt und ihr Entführer, den sie nicht erkannte, stand mit dem Rücken zu ihr. Beschämt, aber verzweifelt versuchte Maris nicht daran zu denken, wie nah er stand, als sie sich in den Schnee hockte.
Dann brachte man sie dazu, sich mit den drei Männern an ein kleines Feuer zu setzen, wo die sie mit einem Stück Brot und einer kleinen Brotkruste fütterten. Einer von ihnen schüttete ihr Ale in den Mund, wobei ihm gleichgültig war, dass das meiste ihr an Kinn und Hals runterlief. Irgendwann versuchte Maris sie zu fragen, wer sie waren und was ihre Absichten waren, aber sie wurde durch die Androhung eines Knebels zum Schweigen gebracht.
Sie wurde wieder in das Sackleinen eingewickelt, auf das Pferd verfrachtet und die Reise ging weiter.