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KAPITEL EINUNDZWANZIG

 

Maris kniete vor König Heinrich nieder, in den Händen ein altes, vertrocknetes Stück Knochen, von dem der Bischof behauptete, es sei einmal der Finger von Sankt Petrus gewesen. Der König umschloss ihre Hände mit den seinen und zog sie unter seinen Umhang, während er mit stahlblauen Augen zu ihr herabsah. 

„So soll ich Eure Lehensfrau sein, die fortan Euch ergeben ist und Euch folgen wird.“ Maris sprach laut und deutlich, damit man sie bei all dem Gewisper in der überfüllten Kathedrale noch hörte. „Um Euch und Euren Nachkommen mit Leben, Leib und in irdischer Anbetung treu zu sein, gegen alle Männer, die auf dieser Erde leben oder sterben, im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes.“ Sie beugte den Kopf, um seine Hände zu küssen. 

„Wir erneuern mit Euch hier Euren Lehenseid für die Ländereien von Langumont, Cleonis, Firmain und alle zugehörigen Rechte der Freiherrenwürde von Langumont.“ Heinrich half ihr auf die Füße und drückte ihr einen kurzen Kuss auf die Wange. 

Maris machte einen kurzen Knicks, trat dann zur Seite und herunter von dem Podest und sah dann zu, wie der Lord von Southampton dem König gegenüber ihren Platz von eben einnahm. Der Bischof nahm ehrfürchtig den Finger von Sankt Petrus aus ihren Händen und sie setzte sich auf, so dass sie die Menschenmenge in der Kathedrale sehen konnte. 

Ihr Blick wanderte über die vielen Gesichter, suchte nach jemandem oder etwas, sie wusste nicht was, und kam schließlich ganz vorne im Kirchenschiff auf zwei Häuptern, wie mit Silberhelmen verziert, zu ruhen. Die Lords Victor und Michael d’Arcy schauten mit zwei schimmernden Augenpaaren ebenfalls zu ihr hin, mit voller Absicht und auch voll der Wut. 

Sie unterdrückte ein Schaudern und sah dann wieder weg. Während sie ihre Finger so fest ineinander verklammerte, dass ihre brüchigen Fingernägel sich in ihre Handflächen einbohrten, presste Maris für einen kurzen Moment die Augen fest zusammen. Sie fürchtete diese zwei Männer, wie sie noch nie zuvor Furcht empfunden hatte ... aber sie begriff nicht warum ... warum und wie sie nur ihr Herz mit einer solchen Abscheu erfüllen konnten. Lord Victor war der ihr zugedachte Gemahl, aber er war doch sicherlich kein böser Mensch. 

Dann kehrte die Erinnerung an seine brutalen Lippen und die zudringlichen Hände wieder und ihr wurde übel. Wenn er nicht abgrundtief böse sein mochte, so war er zumindest wahrlich von verwerflichem Betragen. Sie erneuerte sich selbst den Schwur, wenn ihr das Unglück widerfuhr an ihn gekettet zu werden, wenn er die Hand gegen sie erhob oder auf eine andere Weise Gewalt anwendete, dann würde er den ersten Mond ihres Ehehimmels nicht überleben. 

Als sie die Augen öffnete, fiel Maris’ Blick auf einen großen, dunkelhaarigen Mann, der nur ein paar Reihen hinter dem Podest stand. Diricks gutaussehendes, unrasiertes Gesicht schien wie aus Stein gemeißelt zu sein und sein starrer Blick ruhte auf ihr. Brüsk drehte er sich weg, wobei er den Kopf leicht verneigte. 

Ein Zittern von Hitze raste ihr hinten am Rücken hoch, selbst noch als ihre Lippen sich gerade wütend schürzten. In der Tat, der Mann konnte sie mit seinen Küssen zum Schmelzen bringen und mit der Kraft seiner großen, starken Hände– 

„Maris von Langumont.“ 

Der Klang ihres Namens, der da erscholl, riss Maris aus den Gedanken und sie blickte wieder zum Altar hin, wo der König stand, der sie jetzt erwartungsvoll anschaute. Der Bischof versetzte ihr einen nicht allzu sanften Schubs und sie konnte gerade noch das Gleichgewicht wieder finden, bevor sie auf das Podest hinauf stolperte. 

Was kam jetzt hier noch? Sie hatte bereits ihren Lehenseid abgelegt. Was geschah nun noch? Sie hob ihre Röcke mit beiden Händen und ging zwei Schritte auf den Altar zu. 

„Monique von Trysdon.“ Der Sekretär des Königs sprach feierlich einen dritten Namen aus. „Bertilde von Hyannes.“ 

Verwirrt stellte sich Maris direkt beim König auf, aber gab dabei gut Acht, ihr Gesicht ausdruckslos zu halten, während Lady Monique und Lady Bertilde noch neben sie traten. Sie hielt ihre Hände vor dem Bauch fest umklammert, wickelte ihre Finger in den schweren Gürtel aus Gold und Silber, der sich um ihre Taille schlang. 

Nachdem die Frauen sich dort aufgereiht hatten, trat ein kurzer Moment der Stille ein, bis der König dann sprach. „Es ist unser Wunsch am heutigen Tage drei Vermählungen zu beschließen, von unseren Mündeln mit einigen Lords des Reiches, die seither ihre Treue gelobt haben – und die uns diese gehalten haben, auch in den schwersten Stunden.“ 

Maris sank das Herz bis in die Magengrube und ihr wurde etwas schwindlig im Kopf. Vermählung! Damit hatte sie nicht gerechnet, hatte keine Zeit gehabt sich auf diesen Unglücksfall vorzubereiten. Sie war sich sicher gewesen, der König würde noch für einige Jahre mit ihr als seinem Mündel einfach den Zehnten ihrer Ländereien einstreichen, bevor er sie einem seiner Barone schenkte. Außer ... das Herz stockte ihr und sie warf rasch einen Blick zu Michael und Victor hin. Hatten sie ihr Anliegen mit aller Dringlichkeit dem König vorgetragen und hatte dieser nun vor die Vermählung auch zu vollziehen, die ihr Vater für sie arrangiert hatte? 

Sie wagte es nicht, Sir Dirick anzuschauen, wagte es nicht, ihn sehen zu lassen, was ihr sicherlich ins Gesicht geschrieben stand. Er durfte nicht wissen, wie sie sich fühlte. Stattdessen blickte sie wieder zum König hin, der gerade den Namen des Verlobten von Lady Bertilde verkündet hatte – einer der mächtigen Freiherren, dessen Ländereien nahe der Grenze zu Wales lagen. 

„Lady Monique von Trysdon.“ 

Die fragliche Dame tat einen Schritt vor und Maris sah, wie ihr Blick zu Dirick huschte. Der Magen verdrehte sich ihr und Maris ballte die Hände noch stärker zu Fäusten, grub sich die Nägel in die Handflächen. 

Nein, ihn nicht. Ihr lautloses Flehen zu Gott war urplötzlich da, ganz selbstsüchtig, und in ihrer Verwirrung tat Maris einen kleinen Schritt nach hinten, wo sie gegen den Priester stieß. 

„Lady Monique von Trysdon ist hiermit dem Lord Bartholomew d’Ausignan versprochen.“ 

Erleichterung überkam über Maris, wurde aber augenblicklich von einem schwindelartigem Taumel verdrängt, als ihr Name aufgerufen wurde. Sie biss die Zähne zusammen, um keinerlei Gefühle zu verraten, als sie auf den König zutrat, ihr Blick streifte kurz über Königin Eleonore, die mit zufriedenem Lächeln hinter ihm saß. Maris machte einen kleinen Knicks und richtete sich dann gerade auf, wobei sie den Klumpen in ihrem Hals herunterschluckte und dann ihres Schickales harrte. 

„Lady Maris von Langumont ist hiermit dem Baron von Ludingdon und Fairhold versprochen.“ 

Es folgte ein Moment der Stille, als die Zuschauer die Ankündigung zu verstehen suchten und dann, als Stimmen der Verwirrung und der Überraschung laut wurden, erhob sich eine Stimme sehr laut, „die Dame ist bereits versprochen!“ 

Die Stimmen legten sich, als Michael d’Arcy sich seinen Weg durch die Menge bahnte, dicht gefolgt von seinem Sohn. „Die Lady ist versprochen!“, seine Stimme tönte klar durch die plötzliche Stille. 

Maris hämmerte das Herz in der Brust und ihre Gliedmaßen kribbelten vor Anspannung. Auch wenn ihr der Baron von Ludingdon nicht bekannt war, war er ihr doch wahrhaftig als Bräutigam eher willkommen als derjenige, der nun hier vor dem Podest als Anhängsel seines Vaters stand. Sie betete, dass es so sein möge. 

Heinrich schaute zu den d’Arcys herab und hob die Augenbrauen. „Was sagt Ihr da, Mann? Die Dame ist versprochen?“ 

„Eure Majestät, der Vater der Dame, Merle von Langumont, hat einen Vermählungsvertrag zwischen seiner Tochter und meinem Sohn Lord Victor d’Arcy aufgesetzt.“ 

Der König strich sich über den Bart. „Und Ihr könnt uns diesen Vertrag vorlegen, um Eure Forderung auch zu beweisen?“ 

Von seiner Position in der Menge aus konnte Dirick die grauen Augen des Königs belustigt aufblitzen sehen. Trotz des tauben Gefühls überall in ihm fragte er sich, was Heinrich für ein Spiel spielte, selbst dann noch, als er verzweifelt versuchte zu erfahren, wer dieser Baron von Ludingdon war. 

Wem würde Maris gehören? 

Wer war dieser Mann? 

Michael d’Arcy sprach gerade. „Die Verträge waren schon aufgesetzt, aber die Dame wurde uns entrissen, bevor man ihnen Unterschrift und Siegel aufdrücken konnte. Aber es gibt viele Zeugen für die Absicht des Lords, denn man hat es den Leuten von Langumont verkündet.“ 

„Und Ihr fordert nun, dass man den Vertrag erfüllt, auch wenn er nicht besiegelt wurde?“ Heinrich blickte starr auf den Mann vor ihm herab. 

Maris hatte während des ganzen Wortwechsels still gehalten und jetzt sah Dirick, wie sie sich bewegte, als wolle sie sprechen. Heinrich musste es ebenfalls gespürt haben, denn er wandte sich ihr zu. „Lady Maris, was habt Ihr zu all dem hier zu sagen? Wollt Ihr der Forderung des Lords auf Vollzug der Vermählung Folge leisten?“ 

„Euer Gnaden, ich habe die Eheverträge nicht gesehen, von denen Lord d’Arcy spricht“, ihre Stimme war klar und fest, „aber es ist wahr, dass mein Vater eine solche Absicht verkündet hatte.“ Ein selbstzufriedenes Grinsen überzog Michaels Gesicht und wurde noch breiter bei dem, was sie weiter sagte. „Aber, Mylord, es ist meine Absicht die letzten Wünsche meines Vaters vor seinem jähen Ende zu erfüllen.“ 

Kälte legte sich um Dirick. Sie würde das Ehegelöbnis einhalten! Der bittere Geschmack von Enttäuschung legte sich ihm auf die Zunge und er schluckte eine wütende Erwiderung herunter. Fast hätte er das kleine Lächeln übersehen, das ihr auf den Lippen lag, als sie ihren Kopf untertänig verneigte. Was für ein Spiel spielte sie jetzt? 

Der König warf Maris einen raschen Blick zu, wobei er leicht nickte und mit gleichem Lächeln erwiderte. Da er ein gewisses stilles Einvernehmen zwischen den beiden zu spüren glaubte, blickte Dirick jetzt wieder ganz gespannt, als der König fortfuhr. „In der Tat, Mylady. Auch wir beabsichtigen dem letzten Wunsch unseres treuen Vasallen nachzukommen.“ 

Michael wollte gerade sprechen, sich in dieser Sache hier ganz siegesgewiss. Der König schnitt ihm das Wort ab, während er ein Stück Pergament hervorzog. „Uns liegt hier ein Schreiben aus der Feder von Lord Merle von Langumont vor, an uns höchstselbst gerichtet, vom dreizehnten Tag des Januars diesen Jahres. Dieser Brief – aufgesetzt, als er sich anschickte die Festung von Breakston zu belagern, wo die Lady Maris festgehalten wurde – verleugnet das beabsichtigte Vermählungsversprechen zwischen seiner Tochter Maris und Lord Victor d’Arcy.“ 

„Nein!“, kreischte Michael d’Arcy da überrascht auf, ein Spiegelbild des entsetzten Ausrufs von seinem Sohn. 

Heinrich sah hochmütig auf den wütenden Mann herab. „Seid versichert, es entspricht der Wahrheit“, sprach er, ganz der König. „Die Verträge waren nicht unterzeichnet und der Lord widerruft seine Entscheidung, Lady Maris mit Lord Victor zu vermählen.“ 

Der Bischof nickte zustimmend und Michael und Victor blieb keine andere Wahl als sich zurückzuziehen. 

Heinrich erhob den Blick von den wütenden Männern und ließ ihn durch den Raum schweifen. Der anschwellende Lärm verstummte wieder, als er die Hand hob. „Lady Maris von Langumont ist hiermit dem Baron von Ludingdon und Fairhold versprochen“, wiederholte er seine Worte von vorhin. „Das ist ein Titel, der seit dem Todes des Barons und ohne einen Nachkommen desselben seit einigen Monden nun schon verwaist ist. Am heutigen Tag soll Dirick von Derkland uns den Lehenseid ablegen, unter dem Namen des Baron Ludingdon und Fairhold.“ 

Dirick fühlte, wie ihm das Blut ins Gesicht schoss, während Schock ihm die Glieder lähmte. Sein Kopf schnappte ruckartig hoch, um dem Blick des Königs zu begegnen und dem schelmischen Zwinkern in jenen blassblauen Augen, und völlig betäubt von all seinem Glück setzte sich Dirick in Bewegung, auf das Podest zu. Einen Adelstitel! Er ein Baron! 

Und Maris! 

Freudig trat er vor den Altar und konnte sich eines Grinsens nicht erwehren. 

„Eure Majestät, Ihr ehrt mich über jedes erdenkliche Maß hinaus! Es ist mir das größte Vergnügen Euch und Euren Nachfahren die Treue zu geloben.“ Obwohl er sich der Gegenwart des Königs überaus bewusst war, konnte Dirick es sich nicht verkneifen, einen raschen Blick auf Maris zu werfen. Sein Blick weilte nur kurz auf ihr, aber ihr blasses Gesicht mit den weit aufgerissenen Augen, vor Schock ganz versteinert, brannte sich wie Feuer in sein Bewusstsein ein. Sie sah aus, als hätte ihr letztes Stündlein geschlagen. 

Er würde sich schon bald darum kümmern können, aber fürs Erste musste er sich wieder auf den König konzentrieren. Er beugte das Knie und kniete vor seinem obersten Herrscher, nahm den Knochen von Sankt Petrus in die Hand und legte mit aufrichtigen, klar gesprochenen Worten seinem König den Schwur als Vasall ab. Als er sich wieder erhob, fand er sich Maris gegenüber. Ihr Blick war so kalt und ausdruckslos, dass es ihn fast geschaudert hätte. Weil es sich so ziemte, ließ auch er sein Gesicht ausdruckslos scheinen, während der Bischof zwischen sie trat, um die feierlichen Worte zum Ehegelöbnis zu sprechen. 

Maris’ kleine, kalte, etwas zerkratzte Hand wurde in Diricks große gelegt, ihre Haut bleich neben der wettergegerbten Bräune seiner Finger. Er sprach die Worte mit einer klaren, sicheren Stimme nach, als er auf ihren gesenkten Kopf schaute. Als er sie aussprach, durchfuhr es ihn wie ein Rausch. Sie würde die Seine sein. 

„Und so gelobe ich Euch die Treue“, als Maris’ Stimme diese Worte stammelte, brachte das seine sieben Sinne wieder in die Gegenwart zurück. Sie entzog ihm ihre Hand, kaum dass sie ihr Gelöbnis zu Ende gesprochen hatte. 

Sie standen Seite an Seite, die Arme von beiden Ärmel an Ärmel, während die anderen Paare ihr Ehegelöbnis ablegten. Dirick spürte die stocksteife Unnahbarkeit von Maris neben ihm und er wurde auf einmal von dem Bedürfnis übermannt, sie in seine Arme aufzulesen und zu küssen, bis er nur noch ein wundervoll, weiches Bündel Frau darin umschlungen hielt. Er würde all ihre Bedenken schon zerstreuen können. 

Heinrich verkündete, dass die Hochzeiten am kommenden Sonntag vollzogen werden würden – in genau vier Tagen also – und dass die Eheverträge in den nächsten beiden Tagen aufgesetzt werden würden. 

„Meinen Glückwunsch, Lord Dirick“, gurrte eine Stimme hinter ihm. 

Er drehte sich um, um die Königin zu erblicken, mit einem höchst zufriedenen Lächeln auf ihrem Gesicht. „Eure Majestät“, er küsste ihr die Hand, als ihm auf einmal aufging, wie tief er in ihrer Schuld stand. 

„Schaut Euch nur an“, sprach sie weiter und legte ihm eine besitzergreifende Hand auf den Unterarm, „binnen eines einzigen Vormittags habt Ihr nun Titel, Lehen und habt das Gelöbnis zur Heirat mit einer gut bestückten Erbin abgelegt!“ Ihre Augen leuchteten vor Freude spitzbübisch. 

„Mylady, noch nie ist mir ein glücklicherer Mann untergekommen – mit der großen Ausnahme Eures Gemahls“, sprach er offen und aufrichtig. 

Der Schalk in ihren Augen wurde von etwas Ernsterem ersetzt. „Da Ihr uns treu gedient habt, ist es nur wohlverdient. Ich wünsche Euch und Eurer Dame alles erdenkliche Glück.“ 

„Ich danke Euch von ganzem Herzen.“ Erneut küsste er ihr die Hand und drehte sich um, um Maris entgegenzutreten. Sie war verschwunden. Er wirbelte wieder herum, zu einer belustigten Eleonore. 

„Ist Euch die Frau so schnell abhanden gekommen?“, neckte die Königin ihn und hängte sich mit ihrer Hand am Arm ihres Mannes ein. „Ich glaube, Sie wird Euch noch auf eine harte Probe stellen, Lord Dirick.“ 

Heinrich kicherte auf seine laute, ansteckende Art. „So ist es, meine Liebe, ich würde vermuten, dass in ihrem zukünftigen Eheleben die Hand von Dirick noch das eine oder andere Mal ihrem Hintern zeigen muss, wer der Herr im Hause ist.“ 

„Eure Majestäten“, Dirick verneigte sich, sein Mund jetzt entschlossen. „Ich bitte um die Erlaubnis mich zurückziehen zu dürfen.“ 

„Die habt Ihr, Dirick, begebt Euch auf die Suche nach ihr. Ich wünsche Euch viel Glück, bei der Zähmung jener Dame!“ 

 

~*~

Maris hatte die Flucht aus der Kirche ergriffen, sobald sich Dirick abgewandt hatte, um die Königin zu begrüßen. Raymond de Vermille traf sie, als sie aus der übervollen Kirche trat, und folgte ihr dicht auf den Fersen, während sie einen schmalen Gang hinabeilte, der sie wieder zurück zur Burg brachte. 

Verlobt! Verlobt mit Dirick, Baron von Ludingdon! 

Das Herz schlug ihr seit der Nachricht so rasend, sie wäre fast erstickt daran. 

Wie hatte er das nur vollbracht? Wie hatte er den König davon überzeugt, ihn nicht nur mit einem Titel zu belohnen, sondern auch noch mit ihrer Hand zum Ehebund? Ihr schwindelte der Kopf noch bei all diesen unglaublichen Ereignissen, vor Aufregung und auch vor Erregung. Bei der Verkündung war sie nicht imstande gewesen zu reagieren, aus Angst, dass sie es vielleicht nicht richtig gehört hätte. Oder dass alles nur ein Scherz war. 

Wie hatte er es geschafft? Noch gestern Abend war er unerreichbar tief unter ihr gestanden, völlig außer Reichweite. 

Plötzlich bemerkte sie, dass Raymond ihr aus der Kirche gefolgt war, und sie verlangsamte ihren rasend schnellen Lauf etwas. Sie hielten inne, versteckten sich in einem Alkoven nicht weit von ihrem Zimmer in der Burganlage. 

„Mylady“, sagte ihr treuer Ritter mit einer Frage in der Stimme. 

„Raymond“, sagte sie, als sie sich rückwärts gegen die Steinmauer lehnte. Die kleine Halle vor ihnen war von der Sonne durchflutet, die durch die schmalen Schlitze über ihnen ins Innere gelangte. Sie seufzte schwer und fuhr sich mit einer Hand über das Gesicht. „In vier Tagen schon soll ich vermählt werden!“ 

„Ja, Mylady, und nicht zu Victor d’Arcy. Gelobt sei der Himmel!“ 

„Ja.“ Ihr Atem hatte sich jetzt etwas beruhigt. „Das ist das Eine.“ 

Er wartete schweigend, als ob er wüsste, dass sie erst ihre Gedanken ordnen musste. 

„Lieber Gott, Raymond, was soll ich nur tun?“ Ihre Stimme klang selbst in ihren Ohren verzagt. Wie könnte sie Dirick jetzt nur unter die Augen treten? Der Mann, der ihr Ehemann werden sollte? 

Raymond legte ihr sachte eine Hand auf den Arm. „Herrin, Mylady ... ich werde nicht zulassen, dass Euch etwas Böses geschieht!“ Er zögerte und seine Stimme wurde leiser, als er vorsichtig näher herantrat. „Wünscht Ihr, dass ich Euch von Eurem Verlobten befreie, wie ich es schon einmal versprach?“ 

„Was? Ihr heckt bereits ein Komplott gegen mich aus?“ 

Abrupt musste Maris auf die Stelle blicken, dort hinter Raymond, wo Dirick soeben erschienen war. Auch wenn seine Worte leicht dahingeworfen waren und ihre Absicht ironisch war, blitzte es schwarz in seinen Augen auf und sie wusste, dass man sich vor seinem Zorn besser in Acht nahm. Raymonds Gesicht erbleichte und er trat vor Maris, wie um sie zu beschützen, seine Hand fiel herab auf den Dolch, der ihm im Gürtel steckte. 

„Seid kein Narr, Mann“, sagte Dirick, als er der Angriffshaltung von Raymond gewahr wurde. „Ich bin im Recht und ich beabsichtige ohnehin nicht der Dame ein Leid zuzufügen.“ Er blickte Maris so an, als wolle er jeden Widerspruch im Keim ersticken, dann befahl er dem anderen Mann, „lasst uns alleine!“ 

Bevor Raymond etwas sagen konnte, nickte sie, da sie wusste, dass Dirick hier seinen Willen durchsetzen würde. „Ihr könnt gehen“, sagte sie zur Zustimmung. Mit einem raschen Blick, der ihr versichern sollte, er wäre in der Nähe, sollte sie ihn brauchen, ließ Raymond die beiden alleine. 

„Kommt“, Dirick nahm ihre Hand und legte sie siegessicher auf seinen Arm. Sie ließ sie dort ruhen, wobei sie der Versuchung widerstand, ihre Finger über die hervortretenden Muskeln spielen zu lassen und die warme Stärke darin zu fühlen. 

Sie schritten die Halle und einen Gang entlang und direkt hinaus durch einen Torweg, der in einen kleinen Innenhof mündete. Er sagte nichts, aber führte sie hinaus in den Frühlingssonnenschein und lenkte ihre Schritte zu einer einsamen Bank am anderen Ende des Hofes. Dirick bot ihr an Platz zu nehmen und wartete, bis sie sich niedergelassen hatte, bevor er neben ihr Platz nahm. 

Maris beschäftigte sich ausgiebig mit dem Zurechtzupfen ihres Kleides, dankbar für den Vorwand die Hand von seinem Arm nehmen zu können. Er hatte sich auf eine Falte ihres Rocks gesetzt und als sie zu ihm hochblickte, um ihn zu bitten zur Seite zu rücken, erstarrte sie bei der kalten Wut in seinen Augen. Plötzlich wusste sie, warum er sie nach draußen geführt hatte: damit sie alleine wären und niemand ihr Gespräch belauschen könnte. 

„Kaum hat man unsere Vermählung verkündet, schon intrigiert Ihr, um Euch meiner zu entledigen.“ Er beugte sich näher zu ihr hin, so nah, dass sie die Wärme seines Atems auf ihrer Wange spürte. Dirick hob ihr Kinn zu sich an und zwang sie ihn anzuschauen. „So leicht werdet Ihr Euch meiner nicht entledigen. Da werdet Ihr kein Glück haben. Niemals. Maris.“ 

Sie wich zurück, verunsichert von dem Flattern in ihrem Magen. „Dirick–“ 

Aber er schnitt ihr das Wort ab. „Ich habe soeben alles geschenkt bekommen, was ich mir auf Erden je erträumt habe.“ 

„Nein“, flüsterte sie, fragte sich ... hoffte, dass sie vielleicht auch Teil von dem gewesen war, was er sich erträumt hatte ... sie selbst, nicht ihre Ländereien. Aber diese Hoffnung war vergebens, wie seine nächsten Worte ihr bewiesen. 

„Man hat mir einen Titel verliehen, sowie meine eigenen Ländereien – und Langumont wird dem Lehen von Ludingdon noch mehr Gewicht verleihen. Es ist mehr als ich mir je zu erhoffen wagte.“ Wenn Maris von seinen Worten nicht so verletzt worden wäre – denn da war keine Erwähnung von ihr, nur von ihren Ländereien –, hätte ihr der Stolz und die Freude, die seine silbrig blauen Augen aufleuchten ließ, vielleicht das Herz warm werden lassen. „Wenn Euch der Gedanke mit mir vermählt zu sein, derart widerwärtig ist, dann sei es so – aber setzt mein Leben nicht leichtfertig aufs Spiel, um Eure Wünsche zu befriedigen.“ Die Wärme in seinen Augen verflog und an ihre Stelle trat der funkelnde Zorn von zuvor. 

Sie erhob sich und sah auf ihn herab. „Es war nur die Sorge meines mir treu ergebenen Gefolgsmannes, die Ihr vernommen habt, da ich ihm in der Vergangenheit klar gemacht hatte, dass ich Victor d’Arcy den Zutritt zu meinem Bett verwehren würde. Er wollte mir lediglich nochmals seine Treue versichern, auch wenn die Umstände andere sind.“ 

Diricks Gesicht wurde da sehr ernst. „In der Tat, Mylady, es ist gewiss, dass d’Arcy empfindlich getroffen ist durch die Auflösung Eures Ehegelöbnisses mit ihm. Gebt daher gut Acht auf Euch.“ 

Vielleicht lag ihm doch etwas an ihr. Nein, es war eher wahrscheinlich, dass er sich darum sorgte, dass ihr etwas zustieß, bevor die Vermählung ihm ihre Ländereien sicher zueignete. Maris’ Lippen wurden schmal. „Victor würde nichts gewinnen, sollte er mir etwas antun – Ihr seid es, der sich vor einem heimtückischen Überfall in Acht nehmen muss.“ Ein kühles Lächeln huschte ihr über die Lippen. „Binnen eines Tages habt Ihr Euch meinetwegen schon zwei Feinde gemacht.“ 

Er stand da auch auf, groß und eindrucksvoll in seiner ganzen Länge. „Meine liebste Maris, ich habe viele, viele Feinde und zwei mehr davon, ganz besonders wenn ich sie Euretwegen erwerbe, bedeuten mir rein gar nichts.“ Sein Blick hielt ihren fest, ganz fest, und fiel dann etwas schwermütig herab, als er eine von ihren Händen ergriff. Er hob sie an seinen Mund, streifte mit vollen, warmen Lippen über die zarte Haut auf ihrem Handrücken. Sie erschauerte und versuchte sich von ihm zu befreien, aber er hielt sie weiterhin fest, drehte sie mit der Handfläche nach oben und drückte ihr einen sanften Kuss in die Mulde ihrer Hand. Ein winziges Kribbeln lief ihr süß den Arm hoch. 

„Dirick“, hauchte sie, die Brust eng und schwer. 

„Ich hätte gerne einen Kuss, um unser Ehegelöbnis zu besiegeln“, sagte er zu ihr, zog sie hoch und drückte sie nun an seine Brust. „Es ist mein Recht.“ Er war warm und stark, seine Arme ein starkes Band, das sie an ihm festhielt. Dirick schaute zu ihr herunter, nicht um ihre Zustimmung zu erfragen, sondern damit sie die Entschlossenheit in seinem Blick erkannte, bevor sein Mund sich herabbeugte. 

Als ihre Lippen sich trafen, war es mit einem Aufeinanderprallen von Hitze und Zärtlichkeit, mit rauschhafter Begierde. Eine neue Stärke, besitzergreifend, verlieh seinem Kuss einen neuen Beigeschmack, da kühne Selbstsicherheit von seiner Person ausströmte ... und dennoch lag auch eine gewisse Leichtigkeit darin. Als könnte er sich wirklich alle Zeit nehmen, die er wollte, um zu erkunden, zu schmecken, zu locken und zu necken – als wollte er es so gründlich tun, dass sie völlig ausgeraubt zurückbliebe. 

Und Maris konnte sich ihrerseits bisweilen kaum daran erinnern, dass sie irgendwann auch Atem schöpfen sollte. Die Welt versank um sie herum und da war nur noch Dirick, nur seine Stärke um sie herum, nur sein sauberer, scharfer Geruch, die Hitze seines Körpers, die sich in ihren einbrannte. 

Seine Hand glitt von ihrem Rücken herab tiefer, runter über ihren Hintern, und dann zog er sie hoch gegen die harte Länge seiner Erregung. Er seufzte, neigte den Kopf, um sie sanft am Hals zu beißen ... und ließ los. 

Einen Moment lang schauten sie sich nur an, jeder versuchte den anderen abzuschätzen und wieder Herr über die eigenen Sinne zu werden ... und zu begreifen, dass sie in vier Tagen vermählt werden würden. 

„Ich werde es Euch nur einmal sagen, Mylady“, sagte er schließlich, die Stimme ganz rau vor Erregung. „Auch wenn Euch die Ehe mit mir widerwärtig erscheint, mir werdet Ihr Zutritt zu Eurem Bett gewähren ... zumindest bis Ihr mir einen Erben präsentiert.“ 

Er tat einen Schritt nach hinten, seine Brust hievte noch wegen des stoßweise kommenden Atems. „Ruft nach Eurem treuen Ritter, um Euch zu Eurem Zimmer zu geleiten. Aber ich werde Euch heute Abend zu Tisch geleiten.“