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KAPITEL ZWEI 

 

Es war spät am Abend der Christmette. Maris stapfte aus der Halle, hinaus in den Burghof durch den frisch gefallenen Schnee und hinüber zur Tür, hinter der sich der kleine Anbau befand, der ihren Kräutergarten beherbergte. Das kleine Häuschen war ihr Zuflucht und Befreiung zugleich. 

Am heutigen Tage würde die Frau des Müllers wahrscheinlich ihr neues Baby bekommen und Maris würde als Heilerin an ihrer Seite sein. Es traf zwar zu, dass eine der Dorfhebammen oder sonstige Quacksalber dort sein könnten, um ihr zu helfen, aber Maris war es mittlerweile Leid, auf die Rückkehr ihres Vaters zu warten, und sie wollte nicht länger mit untätigen Händen herumsitzen. 

Wenn sie ihren Händen etwas zu tun gab, würde das ihre Gedanken davon abhalten, noch weiter über die Tatsache nachzugrübeln, dass Allegra sich geweigert hatte ihr etwas mehr über Bon de Savrille zu erzählen. 

Diese Sorge nagte irgendwie an ihr. 

Ebenso wie die Erinnerung an Savrilles hungrigen Gesichtsausdruck, als er sie in der Halle betrachtet hatte. 

Ein seltsames Schaudern – ein Schaudern des Unbehagens oder vielleicht der Furcht – wanderte ihr da rasch über Schultern und Rücken und hatte rein gar nichts mit der Kälte draußen zu tun. 

Und wo war Papa? Er war lang über der Zeit fort und sein letzter Brief lag nun schon über einen Mond zurück, in dem er sich sicher gewesen war vor der Christmette wieder heimgekehrt zu sein. Sie vermisste ihn und sie wusste, mit ihm hätte sie ihre Sorgen besprechen können. Er würde sicherlich wissen, ob dieser Bon de Savrille eine echte Bedrohung darstellte oder nicht. 

Da – als hätte ihr inniger Wunsch ihn herbeigezaubert – hörte Maris es: die Rufe und die aufgeregten Schreie aus dem Burghof. 

„Reiter kommen! Die Standarte des Herrn!“ 

Sie wagte kaum zu hoffen, als sie geschwinden Fußes zum Kräutergarten hinaus rannte, wobei sie die Tür mit einem Knall gegen die Wand prallen ließ, als sie diese aufriss. 

„Der Herr! Unser Herr kehrt zurück!“ 

Die jubelnden Schreie kamen von den Wachen, als diese das Fallgitter hochhievten und die Zugbrücke runterließen, und ihre Erleichterung und Aufregung verlieh Maris Flügel. 

Aber als sie ihn sah – sah, dass er sich im Sattel kaum gerade halten konnte und dass seine Gesichtszüge ein teigiges Aussehen hatten, wie verdorbenes Fleisch –, erstickte das den Gruß in ihrer Kehle. Während sie ihn ansah, glitten seine Augen über den Burghof und alles darin, über die große Ansammlung von Menschen, die ihn zu begrüßen herbeigeeilt waren. Sie blieben schließlich an ihr hängen. Quer über den Hof hinweg spürte sie seine Erleichterung. 

Entsetzliche Angst legte sich ihr plötzlich wie eine Klammer um die Brust und Maris lief auf ihn zu, sie achtete gar nicht auf die Gefahr, die ihr von seinem schlachterprobten Ross drohte, als ihr Vater ihr da gerade das dünnste aller Lächeln zuwarf – und auch das schien noch eine letzte große Anstrengung darzustellen. 

Und dann sackte er nach vorne, glitt vom Sattel und fiel in den Schnee. 

 

~*~

Es war schon lange nach dem abendlichen Mahl, bevor Maris sich sicher war, dass ihr Vater noch einmal verschont bleiben würde. Nach dem ersten tauben Gefühl der Panik hatte sie dann gleich wieder zu einer rastlosen Betriebsamkeit gefunden: in rascher Folge gab sie Befehle und trug Leibeigenen sowie Rittern und Soldaten unzählige Aufgaben auf. 

Papas Knappe und Raymond de Vermille, sein treuer Waffenknecht, hatten ihn in die große Halle getragen, dann die aus Stein gehauenen Stufen hinauf, die zu dem privaten Gemach führten, das er und Allegra sich teilten. Maris ging ihnen voraus, wobei sie nach warmem Wasser rief, nach Leinentüchern in Bänder geschnitten, nach einer heißen Brühe und nach einer Reihe von Kräutern aus ihrem Vorratsraum: Ginsterblätter und Wurzel von Beinwell, Lavendel und Birkenrinde. 

Sie hatte das feine, vertrocknete Leinen seines Hemdes eingeweicht, welches sich mit dem Blut seiner Wunde verklebt hatte, damit man es so schmerzfrei wie möglich dort abziehen könnte. Sie hatte eine schwere Paste aus getrocknetem Ginster und Beinwell gemischt und über den tiefen Schnitt an seiner Seite verstrichen – das ließ ein Schwert vermuten und es war nichts Neues für Maris. Nachdem sie alles mit einem Tuch umwickelt hatte, das sie zuvor in einem Tee aus Birkenrinde eingeweicht hatte, beobachtete sie eine ganze Weile, wie sein Atem endlich regelmäßig wurde und sich beruhigte. 

Erst dann war es ihr möglich, sich in ihrem Stuhl zurückzulehnen und ihn mit neuen Augen zu betrachten – in der Erkenntnis, dass ihre Welt sich mit dem heutigen Tage grundlegend verändert hatte. 

Ihr über alles geliebter Vater. Die wichtigste Person in ihrer Welt. Er wäre beinahe nicht nach Hause zurückgekehrt. 

Und wenn er es nicht getan hätte, wäre sie allein und verlassen, Erbin von Langumont und Vasallin des Königs Heinrich – ein guter Brautpreis für jeden Mann, der ihn sich zu pflücken suchte. 

In dem Moment sank Maris auf die Knie und sandte Gebete innigsten Danks an den himmlischen Vater, dass er ihren irdischen verschont hatte. Der raue Stein des Zimmerbodens schnitt durch ihre schweren Wollröcke und die feuchte Kälte kroch ihr in die Knie. Auch das gemahnte sie daran, wie anders ihr Leben aussähe, wäre ihr Vater nicht da, um sie zu beschützen. 

Trotz der Vielzahl an Pflichten als Herrin des Hauses fühlte Maris sich plötzlich klein und hilflos, wenn sie sich ein Leben ohne ihren Papa vorstellte. Allegra hatte nie die Neigung verspürt noch ein Geschick dafür gehabt, die Ländereien zu beaufsichtigen. Es war in der Tat so, dass Maris sich mehr um ihre Mutter zu kümmern schien als diese sich um Maris. Ihr Papa war Quell ihrer Stärke. 

Maris erhob sich vom Boden und wischte sich schnell diese eine Träne weg, die ihr aus dem Auge geflossen war. 

Es war närrisch und eine Zeitverschwendung Tränen an etwas zu verschwenden, was nicht eintreffen würde. Papa war zurückgekehrt und er würde rasch genesen. Sie würde dafür sorgen. Und sie würde ihn nicht wieder alleine lassen, bis er wieder stark und kräftig war. Sie würde auch Raymond de Vermille beiseite nehmen und dem Waffenknecht nachdrücklich einschärfen: sollte er es zulassen, dass man Merle auch nur ein Haar krümmte, so würde sie ihn persönlich auspeitschen und– 

Merle rührte sich unter leisem Stöhnen und Maris griff nach seiner schweren Pranke. Sie setzte sich auf die Bettkante und hielt seine Finger fest umschlungen in ihrem Schoß, wobei sie Gott dankte, dass er nicht so schwer verwundet war, dass er einem Fieber anheim gefallen war. 

„Maris.“ Seine Stimme war kräftiger, als sie erwartet hatte, und eine Welle der Erleichterung erfasste sie. 

„Papa, ich habe Brühe für Euch ... und Weidentee.“ Sie half ihm sich aufrecht hinzusetzen und sah, dass seine Augen offen, leuchtend und klar waren. Ja, hier lauerte kein Fieber und auch dafür sandte sie ein Stoßgebet gen Himmel. 

„Das ist gut, mein Liebes, denn ich bin recht hungrig. Wo ist deine Mama?“ 

Maris brachte ihm die Schüssel und schöpfte einen Löffel der kräftigen Brühe, während sie ihm antwortete. „Mama kam gleich als Erste, aber beim Anblick Eurer tiefen Wunde schwanden ihr die Sinne und so ging sie, um ein wenig frische Luft zu atmen. Sie trug mir auf sie zu holen, sobald Ihr erwacht seid – oder wenn Euer Zustand sich verschlimmert hätte. Ihr könnt also sehen, dass sich nichts in Eurer Abwesenheit verändert hat.“ Sie lächelte, ein wenig wegen ihrer scherzhaften Worte, ein wenig, weil sie zufrieden sah, wie er die Brühe begierig trank. 

Papa erwiderte ihr Lächeln, was ihre Sorgen um einiges leichter werden ließ. „Aber das entspricht nicht der Wahrheit, Kleines, dass sich nichts verändert hat – denn ich sehe die Veränderungen schon in dieser Kammer. In meiner Abwesenheit bist du noch schöner in Erscheinung und noch kundiger im Heilen geworden. Ich sagte zu Raymond, dass ich an den Ort kommen wolle, wo man sich am besten um meine Pflege kümmern würde. Und ich habe die richtige Wahl getroffen.“ 

„Ja, Papa, so ist es. Niemand wird so für Euch sorgen, wie ich es tue“, sprach Maris zu ihm mit tränenschwerem Lächeln. „Aber jetzt müsst Ihr ruhen.“ 

„Das will ich tun. Und wenn es morgen ist, habe ich dir viel zu erzählen, meine über alles geliebte Tochter, und ich werde keine Widerworte von dir hören.“ 

 

~*~

 

Der Tag, der auf den der Christmette folgte, war ein kalter, klarer Tag und die Sonne stand hoch am Himmel. Maris hielt sich die Hand vor die Augen, um sie vor dem hellen Widerstrahl des Schnees zu schützen, als sie sich auf den Weg zu den Ställen machte. 

Ihre Stute Hickory wieherte leise aus der letzten Box hinten links. Maris murmelte ihr besänftigende Worte zu, streichelte das weiche, schwarze Maul, das sich in den Falten ihres leuchtend blauen Umhangs auf die Suche nach dem getrockneten Apfel machte, der darin versteckt war. Sie gab Hickory schließlich den Leckerbissen und kniete sich dann im Stall nieder, um sich das verletzte Bein anzuschauen. 

Der gestrige Wickel war schon längst eingetrocknet und Maris schälte die einzelnen Streifen langsam ab. Sachte tastete sie die gesamte Länge des Vorderbeines entlang, wobei sie spürte, wie die Stute zusammenzuckte, als sie auf den Muskel drückte, der eine Woche zuvor etwas gezerrt worden war. Die Schwellung der Schürfwunde gegen den rauen Stein war abgeklungen, aber die Stute hatte noch zu viele Schmerzen, um richtig damit aufzutreten. 

Noch bevor der von ihr vorbereitete warme Wickel mit den heilenden Kräutern abkühlen konnte, presste Maris das Tuch, das die Kräuter enthielt, auf die gereizte Stelle an Hickorys Bein. Das Pferd schnaubte leise und stieß die Nase von oben gegen den Kopf ihrer Herrin. Während sie die Kräutermixtur an Ort und Stelle festhielt, wickelte sie saubere Streifen von Tuch darum und band es auf diese Weise fest um das verletzte Bein. 

Sie war gerade dabei, sich aufzurichten, als das Geräusch von herbeieilenden Schritten an ihre Ohren drang. 

„Mylady!“ 

Maris kämpfte gegen die kalten Krallen, die ihr Herz wie mit Eis abzuschnüren drohten. Papa? 

Sie wirbelte herum, um zu sehen, wer mit solcher Hast in den Stall gerannt kam. 

„Mylady, Ihr müsst sofort kommen. Die Frau von Thomas dem Küfer – sie kämpft und kämpft, um ihr Baby auf diese Welt zu bringen – aber’s will nich’ recht. Ich hab’ alles getan, was ich nur konnte.“ Die Witwe Maggie flehte sie an. Sie war nicht annähernd so alt, wie die Falten in ihrem Gesicht den Anschein gaben, und heute schienen diese noch tiefer und ernster, als sie es ohnehin schon waren. 

„Selbstverständlich werde ich kommen.“ Erleichterung durchströmte Maris. Sie war immer froh, wenn sie Beschäftigung für ihre Hände und Gedanken fand. Schon eilte sie an der älteren Frau vorbei aus dem Stall. 

Außerhalb des Donjon heulte jetzt ein scharfer Wind und Schnee flog schwer um ihren Umhang und die drei Lagen von Tuch, die Witwe Maggie um sich gewickelt hatte. Maris kannte den Weg zu der Heimstatt von Thomas dem Küfer wohl und stapfte nun, so schnell es ihr möglich war, durch den knietiefen Schnee. 

Es war ihr nicht einmal in den Sinn gekommen einen Soldaten zur Begleitung mitzunehmen, wenn sie zu einem der Dorfbewohner ging. Maris wusste: auf ganz Langumont gab es keine Menschenseele, die es wagen würde, ihr etwas anzutun, oder auch nur danach trachten würde, ihr ein Haar zu krümmen. Und falls jemand etwas derlei Törichtes versuchte, würde die tödliche Strafe auf dem Fuße folgen. 

Abgesehen davon würde es zu lange dauern, um jemanden kommen zu lassen, der sie bei einer derart dringlichen Angelegenheit wie dieser hier begleiten würde. 

Als sie dort rasch voranschritt, fragte Maris sich nicht zum ersten Male, worüber ihr Papa wohl mit ihr zu sprechen wünschte – aber was auch immer es war, es würde bis zu ihrer Rückkehr warten müssen. Papa lag das Wohlergehen der Einwohner von Langumont ebenso am Herzen wie ihr selbst. Denn ohne diese gäbe es niemanden, das Land zu bestellen, keine Handwerker, die ihrem Gewerbe nachgingen, und das gesamte Herrenhaus würde dem Verfall anheim fallen. 

Jeder Gedanke an ihren Vater schwand, als Maris sich der dunklen, nasskalten Hütte näherte. Sie konnte die Schreie der Frau drinnen hören. 

Sie holte noch einmal tief Luft – sowohl um ihre eigenen Nerven zu beruhigen, wie auch um den Gestank von Blut, Urin und anderen Abfällen zu verscheuchen – und zog den Kopf ein, schob die schwere Tür auf und trat in die Hütte ein. 

In einer Ecke der Behausung befand sich ein Bett mit einer Frau, die dort lag und sich in höchster Pein krümmte. Ihr riesiger Bauch schwoll dick unter den verschlissenen Laken an. Thomas der Küfer saß neben ihr auf einem dreibeinigen Schemel und hielt ihre Hand. Ein Holzklötzchen steckte fest zwischen ihren Zähnen, trug aber nichts dazu bei, das Stöhnen und die Schmerzensschreie zu dämpfen. 

Die Fenster waren mit Tüchern verhangen und der Rauch von der Feuerstelle trieb Maris Tränen in die Augen und nahm ihr die Sicht. Binnen Sekunden hatte sie Thomas und Maggie dazu angeheuert, die Fenster und den Kamin zu öffnen, um die abgestandene Luft aus dem Zimmer zu kriegen. 

„Dunkelheit ist wie eine Einladung für die schwarzen Körpersäfte“, erklärte sie, womit sie eine der grundlegenden Regeln zitierte, welche der Gute Venny, ihr Lehrmeister, ihr eingebläut hatte. 

Sie vergeudete keine Zeit und schob die Laken weit über den Unterleib der Frau hoch, um zu sehen, wie die Dinge standen. Verkrustetes Blut befand sich an ihren Schenkeln, aber Maris konnte die blutige Haut eines Babys sehen, das sich dort aus dem Mutterleib seinen Weg bahnte. Und die Haut da zwischen den Schenkeln der Frau gehörte nicht zum Kopf. 

Grundgütiger. „Es will mit dem Hintern voran zu uns. Bringt Wasser“, befahl Maris mit verkniffenem Mund. „Und ... Maggie, auch etwas von der Laugenseife. Ich will mich waschen, bevor ich sie anrühre.“ 

Die Quacksalber und die Ärzte Englands waren nicht immer einer Meinung mit den Grundsätzen vom Heimatland des Guten Venny, der aus Jerusalem stammte. Aber Maris war von ihm unterwiesen worden und wich nur selten vom Pfad seiner weisen Lehren ab. Die meisten der einheimischen Quacksalber hätten nie gewagt das in Erwägung zu ziehen, wovon Maris wusste, dass es zur Rettung der Frau hier notwendig war. Sie wusch sich rasch die Hände – eine weitere Regel des Guten Venny – und wischte dann die Beine der Frau sauber, damit sie besser sehen konnte. 

Das Kind war verdreht und lag verkehrt, wie es da versuchte sich aus dem Mutterschoß zu schieben. Ohne zu zögern – denn wenn sie das zuließ, würde sie vielleicht doch zaudern und nichts tun –, führte Maris ihre Hand in die schreiende Frau hinein und ertastete den glitschigen Hintern des Kindes. Im Widerspruch zum natürlichen Ablauf der Dinge schob sie das Kleine wieder hinein und hoch. Sie war sich der offenen Münder und der Blicke von Maggie und von dem Küfer hinter sich kaum bewusst, während sie mit dem glitschigen Kind kämpfte, mit ihren Fingern immer wieder hineinglitt und kreisend suchte. Versuchte, das Kind in die rechte Richtung zu drehen. 

Endlich ... endlich bewegte das Kind sich und Maris spürte die kleine Kurve eines Fußes. „Pressen!“, schrie sie zu der Frau des Küfers. „Presst!“ 

Die Muskeln der Frau spannten sich an und ihr Bauch verschob sich. Dann, mit einem langen, fast pfeifenden Stöhnen, presste die Mutter mit aller Gewalt das Kind aus ihrem Leib heraus. Maris wies ihm den Weg, Beine voran, wie es da aus dem Mutterschoß glitt, und endlich hielt sie das winzige Ding in ihren Händen. 

Der Schrei eines Neugeborenen drang durch die gesamte Hütte. 

„Es ist ein Junge“, verkündete Maris, als sie Maggie das Kind weiterreichte. „Und jetzt, gute Frau, noch einmal pressen, um Euch der Nachgeburt zu entledigen und Ihr könnt Euch ausruhen.“ Aber als sie den Bauch der Frau abtastete und eine weitere Beule sowie mehr Bewegung da drin spürte, ging ihr auf, dass es noch nicht so weit war. 

„Da ist noch eines, gute Frau. Ihr seid mit zweien gesegnet! Presst jetzt“, befahl Maris, als sie der Frau das Holzklötzchen wieder zwischen die Zähne schob. „Es ist noch eines auf dem Weg.“ 

Es brauchte die gesamte noch verbliebene Kraft der Frau, um auch diesen Sohn auf die Welt zu bringen, und die Nachgeburt kam gnadenvollerweise kurz darauf. 

„Sie wird schlafen“, erklärte Maris Thomas. „Die beiden Kleinen waren im Mutterleib wohl ineinander verhakt und so kam das Erste verkehrt herum.“ 

Sie reichte ihm ein kleines Päckchen Kräuter mit der Anweisung diese mit Wasser aufzukochen und der Frau so oft zu trinken zu geben, wie sie trinken konnte. „Schickt nach Witwe Maggie. Wenn Ihr sie braucht. Sie wird noch etwas bluten, aber nicht allzu sehr.“ Sie wandte sich Maggie zu und sagte, „gibt es da nicht wohl eine Amme im Dorf? Wie steht es mit der Tochter vom Schmied?“ 

„Jawohl, meine Herrin. Ich werde sie holen.“ Das zerfurchte Gesicht von Witwe Maggie hatte sich etwas geglättet und Erleichterung leuchtete in ihren Augen. 

„Oh, Herrin, habt Dank, dass Ihr gekommen seid.“ Thomas kniete vor ihr auf dem Boden und zupfte heftig an der Locke über seiner Braue. „Mylady, habt Dank für meine Söhne.“ 

„Das werden zwei kräftige Burschen“, sagte Maris lächelnd und gemahnte sich, daran zu denken, ihnen drei Hühner und ein Kalb aus ihrem eigenen Stall zu schicken. „Was für eine Stütze für Euch in der Werkstatt! Aber Eure Frau wird vorerst noch etwas schwach auf den Beinen sein. Gebt Acht sie nicht zu sehr in Anspruch zu nehmen, bis Maggie es Euch sagt. Behaltet die Tochter vom Schmied als Amme, solange es nötig ist.“ 

Weil der dunkle Raum mit dem Gestank von Blut ihr nun endlich mit aller Gewalt in die Sinne drang, verspürte Maris das dringende Bedürfnis diesen zu verlassen. Sie sagte allen noch einmal Lebewohl und schlüpfte zur Tür der engen, verrauchten Hütte hinaus. 

Es war dunkel – erstaunt blickte Maris hoch zum Mond und den Sternen. Sie hatte fast den ganzen Tag in jenem winzigen Raum verbracht. Müdigkeit überkam sie, jäh gefolgt von einem Ausbruch von Freude, als ihr bewusst wurde, sie hatte zwei neuen Wesen auf die Welt geholfen. 

Gott wäre es doch sicherlich lieber, dass sie ihre Zeit mit solchen Dingen verbrachte, anstatt mit Stickereien oder gar auf Knien im Gebet in der Kapelle – was viele Damen vorzogen, darunter auch ihre eigene Mutter. 

Maris’ Füße knirschten im Schnee, als sie den Weg lang stapfte und darüber nachgrübelte. In ihrer einen kalten Hand hielt sie ihren Beutel fest, die andere hatte sie sich unter ihren Umhang gesteckt. Der Mond stand leuchtend klar am Himmel und wies ihr den Weg. Fast so, als wäre es Tag. 

Das Tor zum Burghof war genau vor ihr, Fackeln beleuchteten es wie zur Einladung. Sicherlich wäre Papa schon zu Bett – und wenn er es nicht war, dann würde sie als seine Heilerin da noch ein Wörtchen mitzureden haben. So wäre der morgige Tag noch früh genug, um das zu bereden, was auch immer ihm auf der Seele lag. 

Maris wurde abrupt aus ihren Gedanken gerissen, als aus dem Nichts ein riesiges Pferd vor ihr auftauchte. Viel zu schnell kam es in dem schmalen, menschenleeren Durchgang herangeschossen und Maris schrie hell auf und hielt sich einen Arm schützend vor das Gesicht. 

„Bei den Sakramenten, Weib!“, brüllte der Reiter, während er verzweifelt an den Zügeln seines Rosses zerrte, kaum hatte er ihre Gestalt in den Schatten erblickt. „Hast du deine Augen etwa zu Hause gelassen, bevor du dich hier in die Dunkelheit begeben hast?“ 

Der anfängliche Schock von Maris verwandelte sich da in Ärger. Niemand sprach in dieser Weise mit der Herrin von Langumont. Sie hob das Gesicht, um dem Reiter in die Augen zu blicken, zog ihre Schultern gerade und streckte das Kinn mit einer selbstsicheren Geste vor. 

Der Mann war ihr gänzlich unbekannt, aber er bekleidete offensichtlich eine hohe Stellung. Er trug ein Kettenhemd und ritt ein Pferd, das so wertvoll war wie das ihres Vaters. Selbst unter Schock und trotz ihrer Verärgerung nahm sie die Einzelheiten seiner Erscheinung noch wahr: Er war hochgewachsen und breitschultrig, mit dichtem, dunklem Haar, dessen schlecht gebändigte Locken sich tief an seinem Nacken kräuselten. Eine große Hand wedelte wütend nach ihr mit seinem Helm, während die andere darum kämpfte, sein Ross ruhig zu halten. 

„Es ist dein Glück, dass ich Nick noch anhalten konnte, bevor wir dich zertrampelt hätten“, fuhr Dirick sie wütend an und war nur allzu froh, dass es ihm in der Tat gelungen war, in den Schatten ihre schlanke Gestalt zu sehen, bevor es zu spät gewesen wäre. Das Herz hämmerte ihm in der Brust bei dem Gedanken, wie nahe er dran gewesen war, das Frauenzimmer vor ihm zu zertrampeln. 

Beim Blut Christi, sie war den schmalen, tief in Schatten getauchten Durchgang entlang gelaufen und die Rettung war nur einem glücklichen Mondstrahl zu verdanken, der von etwas Metallischem in ihrem Haar eingefangen worden war und der so seine Aufmerksamkeit erregt und ihn vor der Bewegung im Dunkeln da vor ihm gewarnt hatte. 

Wie er so zu ihr runterschaute, fiel ihm ihr recht schmutziges Gesicht und das wirre Haar auf. Im hellen Mondlicht konnte er erkennen, wie ihre Augen ihn wütend anfunkelten – etwa so wie die Augen der Katzen von seiner Mutter, wenn sie wütend waren: fauchend und keifend. Aber trotz ihrer schmuddeligen Erscheinung erweckte die Frau den Eindruck in ihrer Ehre gekränkt worden zu sein, was schlecht zu einer einfachen Frau vom Lande passte. 

Einfach, aber recht angenehm anzuschauen wäre die hier schon, wenn sie sich etwas waschen und herrichten würde, ging ihm plötzlich auf, worauf er seinen Blick dann etwas gemächlicher an ihr auf und ab gleiten ließ. Vielleicht war das genau das, was er jetzt brauchte, nach all diesen Tagen der Reise zu Pferde ... und vielleicht trieb sie sich auch genau deswegen hier so spät des Nachts auf den Straßen herum. 

Aber bevor er seine Gedanken in Worte fassen konnte, fuhr sie ihn ebenfalls an. „Es war wahrlich nicht meine Schuld!“, sagte sie ihm kühl. „Es war nicht ich, die Euch in den Weg gesprungen ist. Ihr seid in meinen hineingeprescht, ohne Euch darum zu bekümmern, wer sich noch auf diesem Weg befinden könnte. Wenn Ihr Eure Augen beim Reiten nicht offen haltet, mein Herr Ritter, dann mag es geschehen, dass Ihr Euch in der Schlacht in einer deutlich misslicheren Lage wiederfindet, als nur eine Frau niedergetrampelt zu haben!“ 

Ihre höhnische Replik verärgerte ihn zutiefst und er zerrte Nick mit einer Handbewegung herum und starrte ihr wütend direkt ins Gesicht. Zu seiner Verwunderung wich sie nicht vor ihm zurück, sondern starrte ihn stattdessen ebenfalls wütend an. Ihre zornerfüllten Augen standen in seltsamen Widerspruch zu ihrem schmutzigen Gesicht. 

„Ich weiß bessere Dinge mit einer anzustellen als sie zu zertrampeln“, entgegnete er und drehte Nick herum, so dass er ihr den Fluchtweg nun versperrte. Nur Huren liefen des Nachts durch die Straßen eines Dorfes und trotz ihrer vor Dreck starrenden Gesichtszüge hatte sie so ihren Reiz – wenn es einem gelang, den hochtrabenden Ton ihrer Worte zu überhören. 

„Vielleicht steht Euch der Sinn danach, Eure eigenen Reitkünste unter Beweis zu stellen, da Ihr an meinen so viel auszusetzen habt.“ Seine Stimme war nun schmeichelnd tiefer geworden, gerade genug, um deutlich zu machen, dass er an etwas ganz Bestimmtes dachte, was sie reiten könnte ... und das war nicht Nick. 

Das Weibsstück sog hörbar schnell die Luft ein. Sie verstand den Sinn seiner Worte offensichtlich nur zu gut, was seinen Verdacht bestätigte, dass sie kein Unschuldslamm war. „Sir, Eure Worte geziemen sich nicht“, sagte sie zu ihm und wich zurück. 

Dirick schoss aus dem Sattel nach vorne und versuchte halbherzig sie am Arm zu packen zu bekommen. Aber sie war zu flink und rannte in die Schatten. Er setzte sich wieder aufrecht in den Sattel und nach einem Augenblick lachte er schon: über sich selbst. So war es vielleicht besser. Er hatte keine Zeit, um sie mit Huren zu vergeuden, und die sehr entgegenkommende Lady Artemis hatte sich vor seiner Abreise aus London in einem privaten Alkoven als überaus gastfreundlich erwiesen. Seine Bedürfnisse konnten warten. 

Er griff wieder nach Nicks Zügeln und trieb sein Pferd an, die Straße runter in Richtung Dorfmitte. Er gedachte dort eine Schenke zu finden, wo er die Nacht zubringen könnte, und dann am nächsten Tage Lord Merle Lareux aufzusuchen. 

Dirick nickte zu sich selbst, als er sich umblickte. Die Straßen von Langumont wurden nur vom Mond und den Sternen beleuchtet, aber bestanden offensichtlich aus solide gebauten Häusern und einem einigermaßen sauberen Platz inmitten dieser Häuser. 

Als er am Rand der Ansiedlung an ein paar Soldaten vorbeigeritten war, hatten sie ihn bemerkt – einen Reiter allein auf einem guten Ross. Aber sie hatten keine Anstalten gemacht ihn davon abzuhalten, ins Dorf zu reiten. Obwohl sie Augen im Kopf hatten, denen ein Fremder sofort auffiel, schienen sie einen einzelnen Ritter nicht als Bedrohung zu empfinden. 

Das entsprach auch der Wahrheit. Dirick zu erblicken, wäre nur für denjenigen eine Gefahr, der seinen Vater erschlagen hatte. 

 

~*~

Maris rannte das letzte Stück zum Fallgitter des Burghofes, ihr langer Zopf schlug heftig gegen ihre Schulter, als sie sich in die Sicherheit des Donjon flüchtete. 

Der Mann war dumm und breit wie ein Rindviech von hinten! Und gewisslich noch dazu ein ausgesucht Großes. 

Hätte er es gewagt, Hand an sie zu legen, hätten ihre Rufe die Wachen so schnell über ihn herfallen lassen – er würde nicht wissen, wie ihm geschah. 

Jetzt, da sie sich innerhalb des Burghofes in Sicherheit befand und klarer denken konnte, überkam sie plötzlich ein großes Unbehagen. Sie war nur so frech angesprochen worden, weil sie wie ein Bauernweib aussah – in einem schlichten Umhang, ohne Kopfbedeckung oder Brusttuch, das Gesicht verdreckt und ihr Haar zerzaust, wie sie da die Dorfstraßen des Nachts entlang stapfte ... nun, in der Tat, was hätte der Mann sich auch anderes denken können? 

Er hatte nur gedacht, was jeder andere gedacht hätte: Nur Huren liefen nachts durch die Gassen. 

Sie fragte sich, wer er wohl war. Derart vornehm gekleidet und auf einem Pferd dieser Art ... sicherlich war er kein Gast ihres Vaters. Nein, natürlich nicht. Er hätte sich dem Burghof genähert, anstatt ins Dorf zu reiten. Und – Maris schaute nach hinten zum mittlerweile wieder herabgelassenen Fallgitter – niemand meldete sich zu so fortgeschrittener Stunde mehr an, also musste er sich wohl auf die Suche nach einer Schenke gemacht haben. 

Wer auch immer er war, sie bezweifelte, dass sie ihn jemals wieder zu Gesicht bekam. Und selbst wenn es dazu kam, der Mann würde sie niemals als die erschöpfte, zerlumpte Frauengestalt auf der Straße wiedererkennen. 

Maris trat unauffällig in die große Halle ein und war überrascht dort ihren Vater auf seinem Stuhl bei dem hell flackernden Feuer zu erblicken. Der Leibeigene, der sich des Nachts um das Feuer kümmerte, schlief zusammengerollt auf seiner Schlafstatt in der Ecke, nahe genug, um zu spüren, wann die Flammen zu sehr niederbrannten. 

„Papa“, rief sie leise in Anbetracht der Schlafstätten für die Soldaten, die nur ein aufgehängtes Leintuch von dem Teil des Saales trennte, wo sie stand. „Was tut Ihr hier, immer noch wach? Ihr solltet doch ruhen“, machte sie ihm Vorhaltungen. Nichtsdestotrotz war sie erleichtert und entzückt ihn zu sehen. „Meine Tochter“, er blickte von einem Schachbrett hoch. „Ich hatte schon angefangen mir Sorgen um dich zu machen, aber Vater Abrahams Diener schickte mir Nachricht, dass es eine schwierige Niederkunft war.“ 

Maris ließ sich im Sessel ihrer Mutter nieder und nahm dankbar die dicke Scheibe Brotes entgegen, die ihr Vater ihr anbot. „So war es – es sind zwei Kleine gekommen. Zwei Buben. Sie sind wohlauf und heulen um die Wette und sind heilfroh auf dieser Welt angelangt zu sein.“ 

„Du tust gute Werke, Maris. Du bist gut zu den Menschen hier und ich bin stolz auf dich.“ 

Sie spürte, wie ihre Brust sich beim Hören der Worte ihres Vaters mit Stolz füllte und auch, als sie das Lächeln auf seinem Gesicht sah. „Ich danke Euch, Papa. Ihr wisst, wie ich Langumont liebe, und seine Menschen ganz besonders – Euch natürlich am allermeisten.“ 

Merle setzte sich auf seinem schweren Sessel zurecht. „Maris, ich wäre fast nicht mehr hier unter uns, um dich noch einmal lebend zu sehen“, sagte er, als er seinen Blick wieder ihr zuwandte. „Ich war schwer verwundet und nur durch die Gnade des Allmächtigen und die Hilfe eines anderen Mannes liege ich jetzt nicht tot auf einem Schlachtfeld. Das war der Grund für meine späte Heimkehr.“ 

„Aber Papa, warum habt Ihr keinen Boten zu uns geschickt. Ich wäre gekommen–“ 

Er lächelte, während er ihr die Hand streichelte. „Ich weiß, das hättest du getan, meine Tochter, und ich hätte mir keine bessere Pflegerin wünschen können, um mich wieder gesund zu machen. Ich habe keinen Boten geschickt, weil ich deine Mutter nicht beunruhigen wollte.“ Er seufzte und ließ ihre Hand los, um sich über den Bart zu fahren. „Wie ich da so lag, entschlossen weiterzuleben, ging mir auf: wenn ich dort meinen letzten Atemzug getan hätte, hätte ich dich und deine Mutter alleine und schutzlos zurückgelassen. Und Langumont ungeschützt.“ 

Leichtes Unbehagen überfiel sie. Was versuchte er ihr gerade zu sagen? „Wir wären nicht schutzlos gewesen, Papa. Sir Raymond ist hier und...“ Sie verstummte und faltete die Hände in ihrem Schoß, betrachtete die von Kräutern eingefärbte Haut und die zerkratzten Finger. Die Hände einer Magd, nicht die einer großen Herrin. 

„Es ist Zeit dich zu vermählen, Maris“, sprach er leise zu ihr, aber es lag eine Bestimmtheit in seinem Ton, die keinen Widerspruch duldete. 

Ihr Augen erhoben sich abrupt, um ihn entsetzt anzublicken. „Aber ich wünsche nicht mich zu vermählen, Papa!“ 

„Das weiß ich“, antwortet er, seine Worte ruhig und gelassen, „aber du wirst es tun, Maris. Und auch noch bevor wir die nächste Christmette feiern.“ 

„Nein!“, die Abweisung kam ihr als Flüstern über die Lippen. 

Er schien sie nicht gehört zu haben. „Ich bin die Vielzahl von Bewerbern durchgegangen, die um deine Hand angehalten haben–“ 

„Ihr habt Euch im Wort geirrt, Papa, sie bitten nicht um meine Hand, sondern um mein Land. Nur darum geht es ihnen“, sagte Maris bitter, während sie den schweren Kloß in ihrem Hals hinunterschluckte. „Ich wünschte, Ihr hättet außer mir noch einen anderen Erben, so dass ich mir meinen Gemahl selbst aussuchen könnte.“ 

Er lachte da kurz auf. „Wenn du dir deinen Gemahl aussuchen dürftest, würden wir nie Hochzeit feiern!“ 

„Aber Papa–“ 

Merles buschige Augenbrauen zogen sich zusammen und er hob eine Hand, um ihr Schweigen zu gebieten. „Du bist die Erbin von Langumont, Maris. Lady von Firmain und Cleonis. Du kannst dein Erbe nicht verleugnen und dein Gemahl muss deiner würdig sein.“ Mit ernsten, blauen Augen beugte er sich zu ihr vor. „Ich habe dafür gesorgt, dass du die Herrin der Ländereien bleibst, die rechtmäßig die deinen sind. Es wurde niedergeschrieben und ich werde nicht zulassen, dass du diese Macht dereinst verlieren wirst. Du wirst dann in deinem Namen regieren, so wie unsere Königin es tut – aber ein Ehemann ist vonnöten, um sicherzustellen, dass du auch in Zukunft so handeln kannst.“ 

„Papa, hatte ich nicht Eure Erlaubnis das Reiten und das Jagen zu erlernen, so gut wie jeder Mann auch? Habt Ihr nicht darauf bestanden, dass ich das Lesen und Schreiben lerne, auf dass ich meine eigenen Bücher führen kann? Und doch seid Ihr der Ansicht, ich wäre nicht imstande mir die eigenen Ländereien zu erhalten ohne einen Ehemann.“ Flehentlich sah sie ihren Vater an, ihre kleine Hand lag auf seiner großen. „Bitte zwingt mich noch nicht zur Heirat, Papa.“ 

Da schüttelte er langsam den Kopf. „Doch, Maris, ich habe zur Bedingung gemacht, dass du in gleicher Weise befähigt bist über deine Ländereien zu verfügen wie ein Mann, aber ich habe niemals ausgeschlossen, dass auch du heiraten musst. Es ist auch das Beste für Langumont, Tochter. Langumont, von dem du sagst, das du es so sehr liebst, wie du mich liebst. Die Menschen hier brauchen einen mächtigen Dienstherren, um sie zu beschützen. Und so intelligent und mutig du auch sein magst, mein Kleines, du kannst nicht in die Schlacht ziehen und die Ländereien verteidigen. Und dann ist da auch noch die Frage deines eigenen Erben, mein Kleines.“ 

Maris öffnete den Mund, um ihm zu widersprechen, und schloss ihn dann wieder, als ihr aufging, dass er die Wahrheit sprach. Sie hatte gewusst – ja, das hatte sie wohl –, dass dieser Tag kommen würde. So sehr sie auch versucht hatte nicht daran zu denken, glauben wollte, dass es nie geschehen würde ... nein, dieser Tag war schon von Anfang an vorhersehbar gewesen, fern in der Zukunft. Sie biss sich auf die Lippen, schluckte schwer und sah ihn dann an. „Papa, ich bitte Euch, zwingt mich nicht, mich einem Mann zu vermählen, den ich nicht kenne.“ 

„Maris, das Wort ‚zwingen‘ höre ich nur ungern. Du wirst deine Pflicht tun und du wirst mir vertrauen und meine Entscheidung hinnehmen, was die Wahl deines Ehemannes betrifft. Habe ich nicht stets aufs Beste für dich gesorgt? Ich darf nicht zulassen, dass diese Angelegenheit weiterhin aufgeschoben wird.“ Er unterbrach sich, um einen Schluck Wein zu sich zu nehmen. „Der Sohn des Mannes, der mir auf dem Schlachtfeld das Leben gerettet hat, reitet jetzt gerade hierher nach Langumont“, erklärte er ihr. „Gib Acht, dass du ihn nicht beleidigst, noch sollst du ihn verschrecken, indem du mit deinen Reitkünsten oder deiner Fertigkeit mit dem Bogen prahlst.“ 

„Wer ist es?“, fragte sie, ein leiser Unterton der Verzweiflung kroch sich in ihre Stimme ein. Ihr Schicksal war bereits besiegelt. 

„Du wirst ihn treffen“, versprach er. 

„Jawohl, Papa“, sagte sie und schaute dabei geflissentlich nur auf die Hände in ihrem Schoß. 

„Gutes Mädchen, Maris.“ Er legte den Arm um sie und zog sie an seine Schulter. „Du sollst wissen, dass ich nur dein Bestes will.“ 

„Jawohl, Papa“, sagte sie nochmals und versuchte dabei, die Traurigkeit in ihrer Stimme zu bannen. 

Nach einem kurzen Augenblick des Schweigens erhob sie sich langsam. „Ich begebe mich dann zur Ruhe, Mylord.“ Sie küsste ihn sanft auf die Wange. 

„Schlaf wohl, mein Kind“, sprach er leise zu ihr, als er ihr die Wange kurz streichelte. 

 

~*~

 

Merle hievte sich vorsichtig ins Bett. Seine Muskeln schmerzten, ganz zu schweigen von der Wunde an seiner Seite, die noch nicht soweit verheilt war, um auf einem Pferd zu sitzen. 

Allegra saß neben ihm im Bett. Sie hatte ihre Zofe Maella fortgeschickt, nachdem die Frau das lange Haar ihrer Herrin ausgebürstet und zu dem langen Zopf geflochten hatte, den diese gewöhnlich trug. Locken umrahmten ihr Gesicht, als ihre großen Augen sich an das Gesicht ihres Mannes hefteten. Er spürte ihre Anspannung und weil ihm die Ursache dafür nicht klar war, streckte er die Hand nach ihren kalten Fingern aus. 

„Es ist gut, dass ich wieder zu Hause bin“, sprach er zu ihr, wobei er ihre Hand an seinen Mund führte, zu einem sanften Kuss, „und zumindest für heute Nacht wieder in meinem Gemach liege.“ 

„Ich bin auch froh“, murmelte sie und zog ihre Hand weg, als sie hinüberreichte, um die Vorhänge um das Bett herum zu schließen. 

„Maris ist zu einer wunderschönen Frau herangewachsen“, sagte er und starrte auf die Samtvorhänge, während sie diese gerade zuzog. „Sie sollte schon längst in ihrem eigenen Ehebett liegen.“ 

Allegra erstarrte. „Mylord?“ 

„Es soll noch binnen Jahresfrist geschehen. Sie ist nicht mehr sicher, solange sie unvermählt bleibt.“ 

„Mylord, aber Ihr könnt unmöglich binnen Jahresfrist einen geziemenden Gemahl für sie finden.“ 

„Das könnte man meinen. Und doch habe ich einen gefunden. Einer, der sich Maris als würdig erweisen wird. Als würdig, Herr über Langumont zu sein.“ Er kratzte sich am Bauch und betrachtete ihre schlanke Gestalt mit neu erwachtem Interesse. Es war schon eine Weile her, dass er mit seiner Frau gelegen hatte, und auch wenn sie nicht die willfährigste aller Frauen war, denen er beigeschlafen hatte – sie war seine Frau und sie war zur Hand. 

„Wer ist es?“, fragte sie erstickt mit dünner Stimme. 

„Der Sohn eines guten Freundes.“ Er kämpfte sich unter die Laken und drehte sich zu ihr, so dass sie die hässliche Wunde an seiner Seite sehen konnte. 

Allegra keuchte auf und verbarg das Gesicht in den Händen beim Anblick der roten, geschwollenen Wunde, was Merle wieder einmal daran erinnerte, wie glücklich er sich schätzen musste eine Tochter zu haben, die sich so gut aufs Heilen verstand. Andernfalls hätte er seine Wunden von den Quacksalbern verarzten lassen müssen, denn seine Frau würde es sicherlich nicht auf sich nehmen. „Er ist ein teurer Freund, der dafür gesorgt hat, dass diese hier nicht zu meiner letzten Verwundung wurde.“ 

„Aber Mylord, ich flehe Euch an – begeht nicht den Fehler Maris überstürzt zu verheiraten“, sagte sie und streckte die Hand aus, um sein grau-gesprenkeltes Brusthaar und die vielen Narben dort zu streicheln. „Vielleicht gibt es einen anderen–“ 

„Nein. Mylady, lasst Euch sagen – Maris wird sich zu Mittsommer Victor d’Arcy vermählen. Er wird ihr ein guter Ehemann sein. Er trifft in Kürze hier ein, um den Vertrag zum Ehegelöbnis zu unterzeichnen.“ 

„So bald schon?“ 

„Ja. Sie wird Victor heiraten. Das ist das Beste für sie.“ 

Allegra vergrub ihre Hände krampfhaft in dem schweren Fellmantel, der ihr Lager bedeckte. „Aber, Mylord, sicherlich gibt es noch andere–“ 

„Weib, habt Ihr mich nicht gehört?“ Merle wurde jetzt zornig. „Sie wird sich Victor d’Arcy vermählen und damit ist alles gesagt.“ 

„So sei es, Mylord.“ Ihre Stimme klang halb erstickt und ihre Aufmerksamkeit war jetzt woanders, ihr Blick ruhte auf der Innenseite der Vorhänge vor ihr. 

Merle kam da noch eine andere Sache in den Sinn. „Allegra. Lasst Raymond de Vermille nicht länger von Maris baden. Er schaut sie mit allzu viel Bewunderung in den Augen an und es wäre nicht gut, seiner Schwärmerei für sie noch Vorschub zu leisten. Schick nach Maella oder Verna, um nach ihm zu sehen.“ 

„Ja.“ 

Des Wartens überdrüssig und nicht in der Stimmung sie gemächlich zu überreden, legte er seine Hand sanft auf ihre Brust und zog sie zu sich. „Kommt, Weib, es ist schon zu lange her.“