
KAPITEL DREIZEHN
Allegra hatte sich noch nicht von ihrem Bett erhoben, seit Merle sich an die Spitze seiner Armee von Soldaten zur Rettung von Maris gestellt hatte. Maella war sehr in Sorge um ihre Herrin, denn die zerbrechliche Frau tat nichts anderes, als sich an ein abgegriffenes Kruzifix zu klammern und zu beten.
„Herrin, ‘s geht nun schon fast zwei Tage so. Ihr müsst essen!“ Die Zofe hielt eine Schüssel voller Suppe direkt unter die Nase ihrer Herrin. „Lord Merle wird die Lady sicher nach Hause geleiten.“
„Nein.“ Allegras Stimme war vor lauter beschwörenden Gebeten an die Heiligen schon ganz heiser. „Ich habe nicht viel Aussicht weiterzuleben, wenn er nach Langumont zurückkehrt. Mein Gatte Merle wird mich töten.“
Bei dem Geständnis ihrer Herrin wurde Maellas Gesicht ganz weich, sie strich mit einer von Arbeit gezeichneten Hand zart über die Stirn der Frau, der sie von Geburt an gedient hatte, und ihr fielen die neuen weißen Streifen in deren weichem, braunem Haar auf. Das Grau war über Nacht gekommen. „Der Herr ist anständig und gerecht. Er hegt keinen Groll auf Euch wegen der Taten Eures Bruders, Herrin.“
„Nein“, Allegras Hand hatte sich um die Hand geschlossen, die ihr über die Stirn strich. „Nein, Maella, es ist nicht deswegen, dass ich um mein Leben bange. Es ist, weil ich–weil ich Michael erzählt habe, dass er Maris’ wahrer Vater ist und ihn angefleht habe das Verlöbnis aufzulösen.“
Die Zofe zog augenblicklich ihre Hand weg. „Herrin, das habt Ihr nicht getan.“
„Meine Tochter darf sich seinem Sohn nicht vermählen!“ Allegras Stimme war lauter geworden.
„Das ist wahr, Herrin, aber Ihr habt dem Herrn nichts von dieser Wahrheit erzählt – wohl aber Lord Michael?“
Allegra bewegte ihren Kopf zur Zustimmung. „Ich wagte nicht, Lord Merle davon zu erzählen, Maella. Ich wagte es nicht“, ihre Stimme wurde schwächer und verstummte. „Möge Gott mir vergeben.“
~*~
Maris hatte einen Plan.
Sie verbrachte den Tag damit, die Leibeigenen in der großen Halle herumzukommandieren, in den Speisekammern der Küche herumzustöbern und letzte Einzelheiten ihres Fluchtplans in die Tat umzusetzen. Sir Dirick folgte ihr, wie es schien, auf Schritt und Tritt, so dass es ihr unmöglich war kehrtzumachen, ohne gegen seine mächtige Brust zu laufen, und trotz ihres Misstrauens ihm gegenüber fühlte sie sich beinahe – beinahe – erleichtert, ihn in ihrer Nähe zu haben.
Lord Bon saß den größten Teil des Tages über auf seinem Thron-ähnlichen Stuhl und sah erstaunt zu, wie Maris die widerspenstigen Leibeigenen zur Arbeit anhielt. Wenn einem der beiden Männer die Abwesenheit von Maris’ Zofe Agnes aufgefallen war, so ließ keiner eine Bemerkung dazu fallen.
Beim Mittagsmahl, dessen Zubereitung von Maris überwacht worden war, langte Bon bei den ausgezeichneten Gerichten gerne zu – so wie alle anderen Gäste im Saal.
„Ahh“, rülpste er und tätschelte die Hand seiner zukünftigen Frau. „Mir waren die fehlenden Kochkünste meines Kochs gar nicht aufgefallen. Wenn Ihr mich weiterhin so mästet, werde ich bald nicht mehr zu Pferd sitzen können.“ Er lachte, so als wäre es unvorstellbar, dass das je eintreten würde.
Maris, der sein beachtlicher Bauchumfang bereits aufgefallen war, beschloss, lieber nichts zu sagen. Stattdessen trank sie den letzten Schluck Ale aus und schob das Stück Wildbret auf ihrem Holzteller beiseite. „Mylord, einigen Stücken Fleisch, die in Eurer Küche hingen, haftete ein übler Geruch an“, sprach sie zu ihm. „Ich glaube nicht, dass man eines davon bereits zum Essen weiter verarbeitet hatte, aber ich kann mir da nicht sicher sein. Viel von dem Hirschbraten kochte schon im Topf, bevor ich es gefunden hatte. In jedem Fall habe ich sämtliche verdorbene Stücke noch aus der Küche entfernen lassen. Aber ... Mylord, es ist rein gar nichts mehr übrig für unser Hochzeitsmahl morgen.“
„Bekümmert Euch deswegen nicht, Mylady“, Bon streichelte über ihre Finger, ohne an das Essensfett zu denken, das an den seinen haftete. „Es wird nicht das erste Mal gewesen sein, dass ich verdorbenes Fleisch gegessen habe ... und für den morgigen Tag habe ich schon eine Jagd geplant, für unser Hochzeitsessen.“
„Mylord, wieder einmal überrascht Ihr mich mit Eurer weisen Voraussicht!“ Maris klimperte ihn mit ihren Augenwimpern an, als sie ihre Hand wegzog. Nachdem sie ihre Hand unbemerkt an seiner Tunika abgewischt hatte, kletterte sie über die Bank und stellte zufrieden fest, dass da weit und breit nicht mal ein Brotkrümel übrig war, an dem die Hunde hätten nagen können.
„Bitte entschuldigt mich, da ich mich noch um das Essen für den heutigen Abend kümmern muss, Mylord“, eilte sie schon weg.
„Es war ein ausgezeichnetes Mahl, Mylady“, Diricks tiefe Stimme erklang hinter ihr, als sie die Halle durchquerte.
Ihr Rücken erstarrte, selbst als das Herz ihr höher sprang. Sie hatte nicht vergessen, wie rüde er sie vergangene Nacht aus dem Schlaf gerissen hatte und wie sein warmer, starker Körper sich gegen den ihren gepresst hatte. Also ignorierte Maris den Mann geflissentlich, als sie den Küchentrakt betrat. Nachdem sie dem Koch rasch Anweisungen erteilt hatte, raffte sie wieder die Röcke und kehrte in die Halle zurück, um anzuordnen, dass man das verfaulte Stroh dort entfernen solle.
Bis man dann das neue Stroh auf dem Boden ausgelegt hatte, war Maris’ Magen schon in Aufruhr. Es wird jetzt jeden Augenblick beginnen.
„Mylord, ich werde mich in mein Gemach zurückziehen“, sie näherte sich dem Podest. „Mir ist nicht ganz wohl.“ Die Übelkeit, die sie befallen hatte, war nicht gänzlich erfunden. „Ich werde etwas ruhen und Euch dann heute Abend bei Tisch Gesellschaft leisten.“
Bon nickte hoheitsvoll, „natürlich, Mylady. Ich werde Agnes zu Euch schicken, sobald ich sie sehe.“
„Ich danke Euch, Mylord.“ Maris machte kehrt und ging gefasst auf die Treppe zu, wobei sie sich der bohrenden Blicke von Dirick hinten an ihrem Rücken nur zu bewusst war. Er darf keinen Verdacht schöpfen, dachte sie und schleppte sich langsam die Stufen hoch. Da sie wusste, dass sein Blick ein Hauch argwöhnisch gewesen war, bei ihrer vorgebrachten Entschuldigung, steckte Maris sich verzweifelt einen Finger tief in den Rachen, als sie am oberen Ende der Treppe um die Ecke bog.
Es gelang ihr noch, sich ein überzeugendes, „Sir D–“, zu entringen, bevor sie sich umdrehte und ihr Mittagessen wieder hochwürgte – genau auf Diricks Lederstiefel. Als sie zusammengekauert an der Wand hing, musste sie um Atem ringen wegen des Lachens, das sie bei seinem entsetzten Gesichtsausdruck überkam.
„Verzeihung“, es gelang ihr auch, ihre Stimme peinlich berührt und zerknirscht klingen zu lassen. „Ich muss mich hinlegen.“ Sie floh aus seiner Gegenwart in ihr Zimmer, so schnell es ihr die „Krankheit“ gestattete.
Kaum hatte sie hinter sich die Tür geschlossen, ließ sie ihrer Heiterkeit freien Lauf, erstickte ihr Kichern in den dicken Kissen auf ihrem Bett. Es dauerte einige Augenblicke, bis sie hörte, wie Sir Dirick wieder Posten vor ihrer Tür draußen bezog – wohl gerade genug Zeit, um seine Stiefel abzuwischen und jemanden zu rufen, der ihr kleines Malheur aufputzte.
~*~
Maris döste ein bisschen, während sie darauf wartete, dass Agnes zurückkam ... und darauf, dass einen Stock tiefer das Chaos ausbrach. Später heute Nacht würde sie all ihre sieben Sinne beieinander halten müssen.
Als die Zofe in dem Schlafgemach eintraf, war sie bester Laune. „Herrin, ‘s geschieht gerad’“, verkündete Agnes, als die Tür schwer hinter ihr zuschlug. „Genau wie Ihr gesagt habt!“
„Ausgezeichnet.“ Maris lächelte selbstzufrieden. „Und wie steht es um das Wohlergehen unseres Wächters? Er ist es, um den ich mir am meisten Sorgen mache ... neben Lord Bon natürlich.“
„Sir Dirick is’ noch nicht schlecht geworden, aber bei dem Ausdruck auf sein’m Gesicht, wird auch er sicherlich schon bald nach ‘nem Nachttopf greif’n müssen.“
„Oder zum Erkerabort eilen.“ Maris unterdrückte ein Kichern.
„Was habt Ihr denn ins Essen getan, Mylady?“
„Es ist eine Pflanze mit dem Namen Ginster“, erklärte sie. „Es war wahrhaftig eine Fügung des Himmels, Agnes, denn einer der alten Besen in der Küche hatte Borsten, hergestellt aus genau dieser Pflanze. Es ist möglich, die getrockneten Zweige samt Blättern und Blüten einweichen zu lassen und sie zu medizinischen Zwecken zu nutzen. Mein Lehrmeister, der Gute Venny, warnte mich jedoch stets, dass man bei der Verwendung dieses Krauts Vorsicht walten lassen müsste, denn es zeitigt große Wirkung. Es macht, dass der Körper sich – ehem – seiner Mageninhalte recht brutal wieder entledigt. Es war eine viel bessere Wahl als die Rinde vom Holunder, die ich anfangs verwenden wollte, bevor ich den Ginster sah.“
„Glaubt Ihr nich’, dass Lord Bon Verdacht schöpf’n wird, dass Ihr’s wart, die’s Essen vergiftet hat?“, fragte Agnes.
Maris setzte sich im Bett auf. „Nein, denn ich erzählte ihm, dass das Fleisch übel roch und dass etwas davon vielleicht schon für das Mittagessen zubereitet worden war. Und dann habe ich meinen Mageninhalt über die schönen Lederstiefel von Sir Dirick entleert.“ Sie zog den abgewetzten Wandteppich von dem schmalen Fenster weg und stellte zufrieden fest, dass die Sonne schon fast untergegangen war. „Ist alles vorbereitet?“
„Ja. Ich hab’ die Essenssachen, die ich mit Eurem Ring im Dorf gekauft hab’, gut versteckt und ein Pferd steht für uns nah beim Geheimeingang von der Burg.“
Maris drehte sich überrascht um, Freude stand ihr ins Gesicht geschrieben. „Ein Pferd, sagt Ihr? Agnes, wie habt Ihr das nur...?“
„Der Stallmeister hat nich’ viel übrig für Lord Bon, Mylady, und ‘s war nicht sehr schwer, ihn zu überreden, dass ich jetzt, wo mein Herr sich eine Braut genommen hat, mit einem Liebhaber wegrennen will.“
„Ausgezeichnet. Es ist schon fast Zeit für unseren Aufbruch.“ Sie wühlte in einer Truhe herum und zog einen großen Lederbeutel aus den Tiefen da hervor. In diesem befanden sich zwei dicke Umhänge, die sie in den Stapeln von Kleidern gefunden hatte, welche ihr Lord Bon bereitgestellt hatte, und auch ein Dolch, den sie heute Vormittag unbemerkt in ihrem Ärmel hatte verschwinden lassen.
Als die beiden Frauen sich auf die schwere Eichentür zubewegten, hörten sie ein lautes Stöhnen von draußen her. Maris schaute Agnes nur an und öffnete vorsichtig die Tür.
Dirick lag zusammengekrümmt auf dem Boden, das Gesicht ganz käsig vor Schmerz und völlig verschwitzt. Als er hörte, wie sich die Tür knarrend öffnete, bemühte er sich, sich aufzusetzen, aber die Schmerzen, die ihm den Unterleib zerrissen, hatten ihn offensichtlich zu sehr geschwächt. Neben ihm fand sich eine Lache von Erbrochenem, was bewies, dass er es vorgezogen hatte, seinen Posten nicht im Stich zu lassen, als die Krankheit zuschlug.
Maris versuchte an ihm vorbei zu schlüpfen, aber Dirick fand noch die Kraft sie unter ihrem Rocksaum am Knöchel zu packen zu bekommen. „Ihr seid nicht krank!“, krächzte er und auf seinem Gesicht dämmerte es. „Bei Gott, Weib, Ihr steckt hinter all dem hier!“
Agnes eilte vorbei, aber Maris, die er immer noch am Knöchel festhielt und die aber kein Aufhebens machen wollte, kämpfte leise darum, sich frei zu bekommen. „Ich hatte keine Wahl“, sprach sie zu ihm, war sich sicher, dass er zu schwach war, um sie aufzuhalten. Sein kräftiger Arm zitterte in der Tat schon vor Anstrengung – nur vom Festhalten an ihr – und sie sah, wie ihm der Schmerz über das Gesicht fuhr. „Papa wäre nicht beizeiten hier gewesen.“ Mit ihrem anderen Fuß trat sie nach seiner Hand, aber sein Griff ließ nicht locker. „Lasst mich los“, fauchte sie und bückte sich, um mit ihren Nägeln an dem Arm zu kratzen, der sie so fest hielt.
Diricks andere Hand schoss nach oben, um sie am Handgelenk zu packen. „Habt Ihr mich also vergiftet?“ Er vermochte kaum die Worte über die Lippen zu pressen und er zerrte sie zu sich nieder, auf die Knie neben sein Lager auf dem harten Boden.
Ihr Gesicht war fast an seinem und ihr langes Haar verfing sich im Schweiß auf seinen Wangen. Einen kurzen Augenblick lang, nur für einen Moment, überkam sie entsetzliches Bedauern, dass er wegen ihrem Tun solche Qualen erleiden musste.
Dann gewann ihr Verstand wieder die Oberhand und sie zog sich mit aller Macht weg. Dirick, der noch nie derart geschwächt gewesen war, konnte sie nicht länger halten und sie war plötzlich frei und purzelte rückwärts auf den Boden. Sie strampelte sich rasch hoch und gab dabei Acht, ihre Röcke außer Reichweite seiner Hände zu halten. Dann starrte sie auf ihn runter, als ein neuer Anfall seinen Körper erzittern ließ. Er stöhnte laut und stieß einen üblen Fluch aus, während er die Arme vor dem Bauch verschränkte, wie um den Schmerz dort auszutreiben.
„Hexe...“ Das Wort war eher gehaucht, denn als Fluch ausgestoßen.
Sie hob ihre Röcke an und ergriff den Lederbeutel, und dann zwang Maris sich dazu, sich von dem gepeinigten Mann abzuwenden und hinter Agnes her zur Treppe zu eilen.
Dort hielt sie inne und wirbelte auf dem Treppenabsatz herum. „Man hat Euch nicht vergiftet“, erklärte sie ihm. „Vergesst nicht, meine Arbeit ist das Heilen. Noch bevor der Morgen eintrifft, wird alles wieder gut sein. Adieu, Sir Dirick, und seid auf der Hut: Obwohl ich kaum annehme, Euer Verräter-Gesicht wiederzusehen, sollte ich es doch tun, werde ich zusehen, dass Ihr für die Behandlung, die ich erlitten habe, büßen werdet!“
Damit wirbelte sie erneut herum und eilte die schmalen Steinstufen hinab und ließ ihn als ein zusammengekrümmtes Häuflein hinter sich zurück.
~*~
Das Letzte, woran Dirick sich erinnerte, bevor er sich seinen Schmerzen ergab, waren Maris’ bittere Worte.
Und jene entschlossene Drohung war das Erste, was ihm in den Sinn kam, als er viele Stunden später wieder zu Sinnen kam. Er wusste, dass es viel später war, weil ein heller Lichtstrahl die Treppe hochgewandert kam und anzeigte, dass der Tag bereits angebrochen war.
Er kämpfte sich hoch, mit der rauen Wand als Krücke, und Dirick versuchte zu schlucken, um seinen staubtrockenen Hals zu befeuchten. Er hatte aufgehört zu zählen, wie viele Male er sich im Laufe der Nacht übergeben hatte oder sich auf andere Weise seines Mageninhalts entledigt hatte. Nach dem Gestank zu urteilen, der ihn begrüßte, als er sich anschickte die Treppe hinunterzugehen, hatten andere – die das Gift von Maris ebenfalls heimgesucht hatte – auch nicht rechtzeitig einen Abort aufsuchen können.
Während er die Frau verfluchte, die eine solche Verwüstung ausgelöst hatte, suchte Dirick sich vorsichtig einen Weg die Treppen runter und stützte sich dabei ständig gegen die Wand. Wenn es ihm gelang, auf einem Pferd zu sitzen, würden er und Nick sich von diesem verdammten Ort davonmachen und sich Maris und ihrer Zofe an die Fersen heften, sobald er zum Stall laufen konnte.
In der großen Halle zeugten verstreut herumliegende Körper von der Wirkung dessen, was auch immer Maris in das Essen gemischt hatte. Erneut versuchte Dirick zu schlucken und schaffte es, genug Spucke hochzuwürgen, dass sein Hals sich zusammenzog. Sein Hals gab einen rauen, gepeinigten Ton von sich.
Keine Menschenseele rührte sich, als er sich seinen Weg zum Ausgang der Halle nach draußen bahnte, wild entschlossen an die frische Luft zu kommen. Dirick fragte sich da kurz, ob Maris und Agnes es auch wirklich geschafft hatten, an den Wachen auf der Zugbrücke vorbeizukommen ... und dann verwarf er die Frage wieder. Natürlich war es der Frau gelungen – jeder Mann hier war außer Gefecht gesetzt worden, dank ihrer Machenschaften.
Sein leerer Magen krampfte sich schmerzhaft zusammen und er verfluchte Maris. Noch einmal.
Draußen an der kalten, frischen Luft lüftete sich der Nebel in seinem Kopf etwas und er fühlte sich etwas stärker. Der Burghof war relativ ruhig – manche der Soldaten kamen gerade zu sich, stöhnten und klagten über ihre Qualen von der Nacht zuvor. Selbst die Wachen auf der Zugbrücke saßen zusammengesunken an der mit Zinnen versehenen Mauer.
Beim Blut Christi, hatte er Durst!
Schwerfällig bückte sich Dirick, um eine Handvoll sauberen Schnees an seinen Mund zu führen. Die nasse Kälte fühlte sich für seine aufgesprungenen Lippen und seine geschwollene Zunge wie ein Lebenselixier an. Eine weitere Handvoll folgte und dann noch eine, und dann merkte er, dass er hungrig war.
Maris hatte Recht behalten. Sie hatte gesagt, vor dem Morgengrauen noch würde alles gut werden. Es hatte während dieser Nacht Zeiten gegeben, viele, wo er an ihren Worten gezweifelt hatte, sich sicher gewesen war, schon bald vor seinem Schöpfer zu stehen.
Sein Magen krampfte sich wieder zusammen, diesmal um seine Leere kundzutun. Er drehte sich um, um wieder zur Halle zu gehen – es wäre am Besten nicht mit einem verdrehten Magen aufzubrechen –, aber blieb wie angewurzelt stehen, als da drinnen ein Gebrüll erscholl. So schwach der Schrei auch gewesen war, Dirick erkannte Bon und auch dessen sehr wahrscheinliche Wut angesichts des Verschwindens seiner Braut.
Er traf schnell eine recht kluge Entscheidung und wandte sich rasch seinem ursprünglichen Weg zu den Stallungen zu, wo er Zuflucht suchte, so schnell er nur humpeln konnte. Als er erst einmal drin war, verlor er keine Zeit Nick zu finden und nachdem er dem willigen Schlachtross das Zaumzeug in den Mund geschoben hatte, sprang Dirick ohne aufzusatteln auf dessen Rücken.
Das Geschrei aus der Halle wurde immer lauter und ergoss sich jetzt schon in den Burghof und er wusste, ihm blieb jetzt nur sehr wenig Zeit, noch zu fliehen. Seine Knie zitterten ihm vor Schwäche und in seinem Kopf drehte es sich noch leicht, aber er zwang sich dazu, seine Gedanken zu ordnen und einen Weg aus Breakston heraus zu finden.
Nick war begierig aufzubrechen und Dirick ließ die Zügel schießen, kaum waren sie aus den Ställen draußen. Der Anblick, der sich im Burghof bot, war ein einziges Chaos: Männer stolperten auf die Füße, wie betäubt und verwirrt. Bon stand im Eingang zur Halle und schrie mit Befehlen um sich, selbst dann noch, als er sich schwerfällig auf einen schwachen Edwin stützte.
Als der einzige Mann zu Pferde sprang Dirick Bon sofort ins Auge und bekam da einen wutentbrannten Schrei zugebrüllt. Er zog Nick am Zügel herum, nahm all seinen Wagemut zusammen und drängte den Hengst dazu, auf den Lord von Breakston zuzuhalten.
„Mylord“, keuchte er wie in höchster Eile, „ich habe sie auf jenem Hügel dort erspäht!“ Er machte ein Handzeichen in nordöstliche Richtung, wobei ihm im Hinterkopf da der Gedanke kam, dass er eigentlich keine Ahnung hatte, welche Richtung sie eingeschlagen hatten, und hoffte, dass er ihnen jetzt nicht alle Streitkräfte hinterherschickte. „Ich werde sie einholen! Folgt mir!“
Ohne auf eine Erwiderung zu warten und während er betete, dass Bon seine Handlungen hier für bare Münze nahm und nicht anordnete, dass man ihm sämtliche Pfeile in den Rücken schoss, gab Dirick Nick die Fersen und der sprengte los. Männer sprangen ihnen aus dem Weg, zu Recht in Unruhe ob des mächtigen Schlachtrosses, das ganz seiner Natur entsprechend schon Schlachtgetümmel witterte.
Hinter ihm schrie Bon her – was genau, das versuchte Dirick gar nicht erst herauszufinden – und ein paar der Männer versuchten ihre geschwächten Körper zur Tat zu drängen. Aber niemand wagte es, das Schlachtross am Zügel zu packen, und Mann und Reiter pflügten sich ohne Schwierigkeiten durch alle hindurch. Die Männer an der Zugbrücke hatten soeben zu den Winden dort gegriffen, um das Fallgitter herabzulassen, als Nick und Dirick schon an ihnen vorbeigaloppierten, wobei der Schnee durch die Luft flog und sie einen etwas tölpelhaften Mann nur knapp verfehlten.
Dirick beugte sich weit nach vorne über den Hals seines Pferdes und trieb Nick weiter an. Die Haare standen ihm im Nacken zu Berge, als er darauf wartete, dass ein Regen von Pfeilen auf sie beide niederprasselte. Die Zugbrücke hatte gerade angefangen, sich behäbig aufzurichten, als sie darüber hinweg donnerten. Aber Nick, der nicht krank gewesen war, tat einen wunderschönen Sprung, als würde er fliegen. Sie flogen elegant durch die Luft und landeten drüben auf der anderen Seite des Burggrabens.
Der erste Pfeil landete nicht weit von ihnen im vereisten Schnee und Dirick fluchte. Als er zurückblickte, sah er, wie die Zugbrücke sich wieder senkte, und konnte sich gerade noch rechtzeitig ducken, als der Pfeil einer Armbrust an seinem Kopf vorbeisauste. „Jetzt, Nick, lauf! Lauf!“
Die Pfeile fielen immer weiter hinten zu Boden und die Männer, die wie ein Schwarm auf der Brücke herumrannten, verfügten nicht über genug Energie, um zur Bedrohung zu werden. Vor sich sah Dirick die Zuflucht des Waldes und er wusste, es war ihm gelungen, Breakston hinter sich zu lassen.
Und wenn es Gottes Wille war, würde er mit etwas Glück auch Maris finden und sie in Sicherheit bringen.