Epilog

Tamsin Hinkley öffnete, so leise sie konnte, die Studiotür und schlich auf Zehenspitzen ins Dunkle. In der Hand hielt sie den noch druckerwarmen Ausdruck, der die jüngsten Einschaltquoten von Wie man nicht einkauft enthielt.

1,4 Millionen Zuschauer hatten die letzte Folge gesehen, die damit einen Großteil des Mittwochabend-Publikums auf sich gezogen hatte. Die Channel-4-Manager waren begeistert, und es bestand kein Zweifel, dass eine zweite Staffel gedreht werden sollte. Tamsin hoffte sogar, ihre Unterschrift für zwei weitere darüber hinaus zu erhalten.

Als gute Filmproduzentin konnte sie es nicht erwarten, Annie und der Filmcrew die Nachrichten zu überbringen. Außerdem kam sie, wann immer sie die Zeit fand, gern hinzu, um den Schluss der Aufnahmen mitzuverfolgen. Sie war stolz darauf, selbst so aktiv zu sein, und manchmal griff sie vielleicht sogar ein bisschen zu stark in die Film- und Schneidearbeit ein. Doch das war die einzige Möglichkeit, den Überblick über die Produktion zu behalten und beste Qualität zu gewährleisten.

Vor ihr strahlten Studiolampen das lebhafte schwarz-weiße Set an, doch sie selbst hielt sich hinten im Studio in der Dunkelheit, steuerte den Stuhl an, den sie entdeckt hatte, und setzte sich.

Annie sprach solo, direkt in die Kamera.

Sie redete mit so lebhaftem Interesse und so überzeugend, dass Tamsin wie alle anderen Anwesenden auch unwillkürlich gefesselt war.

Annie hielt diverse Schmuckstücke in die Höhe und empfahl eindringlich: »Schaut euch diese Farbe an, es ist ein absolut hinreißendes Blau, und es kostet nur zweineunundneunzig! Niemand sollte darauf verzichten! Es wäre ein Verbrechen, diesen Armreif nicht zu kaufen. Aber ihr müsst nicht zur High Street; diese wunderschöne Brosche zum Beispiel haben wir für nur fünfzig Pence in einem Secondhand-Laden aufgestöbert.«

Das war der Grund, warum Tag für Tag Wagenladungen an Kleidern, Accessoires und Schönheitsprodukten im Büro eintrafen. Die Industrie war auf die Show aufmerksam geworden. Wenn Annie ein Produkt vorstellte, schossen die Verkaufszahlen in die Höhe. Handelsketten wollten im Voraus wissen, was sie präsentieren würde, damit sie genug davon in den Auslagen hatten.

Es war beinahe erschreckend.

Annie waren schon diverse Werbeverträge angeboten worden, aber interessanterweise hatte sie bisher alle abgelehnt, mit der Begründung, dass niemand mehr an ihre Unabhängigkeit glauben würde, wenn sie sich für Werbung bezahlen ließe.

»Das gefällt den Leuten an mir.« Annie hatte auf Anhieb begriffen, was ihren Reiz ausmachte. »Ich bin ihre ehrliche beste Freundin im Fernsehen. Ich stehe auf ihrer Seite.«

Die Studiolampen ließen ihren glänzenden Lippenstift und ihr babyblondes, leicht zottiges kurzes Haar schimmern. Wie Tamsin vorausgesagt hatte, hatte die Folge der letzten Woche, in der Annies vielbeachteter Haarschnitt vorgestellt wurde, die bisher höchsten Einschaltquoten erzielt. Dieser neue Fernsehstar war im sechsten Monat schwanger, doch dafür liebte sein vorwiegend weibliches Publikum ihn offenbar umso mehr. Schon schickten Zuschauerinnen Strampelanzüge, Schühchen und Namensvorschläge.

Annie scherzte auf Sendung gern über ihren enormen Zwillingsbabybauch: »Meine Lieben, ich kann mir nicht mal den Po abwischen. Die Situation gerät außer Kontrolle; ich sollte Flatterband oder eine Sirene benutzen, wie Lastwagen zum Beispiel: Vorsicht, Fahrzeug setzt zurück! Vorsicht, dieses Fahrzeug könnte euch auf die Zehen treten und eure Möbel demolieren!« Schwangerschaft wie auch Berühmtheit standen Annie gut zu Gesicht. Vor aller Augen war sie aufgeblüht.

»So, für mehr haben wir heute Abend leider keine Zeit. Ich weiß! Mir tut es auch leid! Die Zeit vergeht wie im Flug«, sprach Annie in aller Aufrichtigkeit in die Kamera. »Aber das macht nichts; wenn ihr mich vermisst, loggt euch ein und schaut euch die Website an! Da gibt’s den Blog, da gibt’s tonnenweise Modetipps und Hinweise … Ehrlich, Mädels, das hilft euch über sieben ganze Tage ohne mich hinweg!«

»Beim nächsten Mal«, fuhr sie fort, »reden wir über die Frage, was man an Wohltätigkeitsverbände abgeben kann und was nicht. Owen Valentine, du solltest genau zuhören! Und wir haben meinen ganz, ganz besonderen Special Guest Svetlana Roscoff zu Gast, die euch ihre Einführung in kluge Investitionen für Mädels präsentiert. Ja, denn allein die Tatsache, dass euer Anlageberater einen Hubschrauber besitzt, bedeutet noch lange nicht, dass eure Aktien steigen … klar!« Sie neigte ihren Kopf und zwinkerte der Kamera zu.

Schau sie dir an! Tamsin lächelte unwillkürlich. Annie war blond und schön und in der Blüte ihres Lebens, aufrecht erhalten durch die Zuversicht so vieler angenommener Herausforderungen, so vielen ausgeschöpften Potenzials, und blickte kraftvoll in die Zukunft. In dieses höchst interessante Leben mit all seinen Höhen und Tiefen, das vor ihr lag. In dem leuchtend fuchsiaroten Samtkleid, das sie für diese Folge ausgewählt hatte (»eines meiner Schwangerschaftsgelüste: Ich habe das Fuchsia-Fieber, meine Lieben«), traf nur eine Beschreibung auf sie zu: strahlend.

Nach einer halben Stunde mit Annie fühlte man sich besser. Freute man sich des Lebens. Dachte man: Ich werde sorgfältig darauf achten, welche Schuhe ich anziehe und welchen Lippenstift ich nehme, denn, wie Annie immer wieder warnte: »Heute könnte etwas Faszinierendes geschehen, und du solltest entsprechend gekleidet sein!«

Bob Barratt hielt die Kamera noch einen Moment länger auf Annies Lächeln gerichtet, dann stand die Regisseurin auf, schaute auf ihren Monitor, hob die Hand und verkündete:

»Schnitt!«