Mit wachsender Beklemmung wartete Jane ab. Endlich erschien Feather und kündigte die Gäste an. Nicht nur der Duke of Montford trat herein, sondern auch Lord de Vere und Mr Trent.
Die Gentlemen verneigten sich vor den Damen und Lady Arden und Lady Roxdale knicksten. Der Duke trat vor und ergriff Janes Hände. „Meine liebe Lady Roxdale, wie geht es Ihnen? Ich muss mich entschuldigen. Meine Geschäfte haben mich länger als erwartet in der Stadt festgehalten.“
Jane murmelte irgendeine Plattitüde und der Duke of Montford wandte sich zu Lady Arden. Er lächelte ein wenig. „Das hätte ich mir denken können.“
Sie lupfte die Augenbrauen. „Allerdings.“ Elegant wedelte sie mit der Hand. „Nehmen Sie doch Platz.“
Lady Arden begann munter mit Montford und Trent zu plaudern und ignorierte de Vere vollkommen. Der Lord flegelte auf einem Stuhl, der für seine massive Gestalt viel zu zerbrechlich wirkte, und ließ Lady Arden nicht aus den Augen. Ihr kühles Verhalten schien ihn nicht weiter zu stören. De Vere beteiligte sich nicht am Gespräch.
Schließlich holte de Vere aus und trat Mr Trent vors Bein, der daraufhin von seinem Platz hochschoss. Trent räusperte sich und wandte sich an Jane. „Ich hatte gehofft, ich könnte Sie zu einem unserer beliebten Spaziergänge einladen, aber das Wetter wird immer wechselhafter. Hätten Sie Lust, mit mir in die Galerie zu gehen?“ Jane sah Lady Arden an. „Was für eine gute Idee“, sagte die Lady. „Ihr jungen Leute geht los und amüsiert euch. Die Gentlemen und ich müssen über ein paar langweilige Geschäftsangelegenheiten sprechen.“
Froh darüber zu entkommen, erhob sich Jane und knickste. Dann legte sie die Fingerspitzen auf Mr Trents Arm.
Trent schwieg, bis sie den langen, rechteckigen Raum erreicht hatten, in dem Generationen von Blacks finster aus ihren Goldrahmen starrten.
„Lady Arden fühlt sich auf Lazenby Hall anscheinend ganz wie zu Hause“, sagte er missbilligend.
„Im Augenblick ja“, sagte Jane. „Ich bin ihr für ihre Gesellschaft sehr dankbar. Die Umstände haben dazu geführt, dass ich viel länger als geplant auf Lazenby bleiben muss.“
Es lag ihr schon auf der Zunge, Trent von ihrer Verlobung zu erzählen, doch sie hatte ja zugestimmt, dass Lady Arden die Neuigkeit verkündete. Außerdem war Jane froh, Trents unvermeidlichen Wutausbruch noch ein wenig hinauszuzögern.
Er runzelte die Stirn. „Heute habe ich von Montford Näheres über die Hinterlassenschaft erfahren. Bitte verzeihen Sie, aber Sie stecken da in einer ganz unglücklichen Lage.“
Eine Antwort blieb ihr erspart, denn Trent blieb in diesem Moment abrupt stehen. Der Anblick einer sechs Fuß großen Nase, die in einer Ecke der Galerie stand, hatte ihn verständlicherweise erstaunt.
„Gütiger Gott, was ist das?“ Seine Stimme verstummte, während er dieses neue Stück in der Sammlung in Augenschein nahm.
„Ja, man muss sich wohl erst daran gewöhnen“, stimmte Jane zu. „Lord Roxdale hat sie mitgebracht. Die Herkunft ist ungewiss, aber er meint, sie könnte von einer antiken griechischen Statue stammen. Ich glaube, er sagte, er hätte sie von einem Schmuggler in Rye gekauft.“
Gütiger Gott, was für einen Unsinn erzähle ich nur? Doch die Hauptsache war, sie hielt Trent davon ab, auf das zu kommen, was immer ihn hierhergeführt hatte.
„Was für ein grässliches Ding“, sagte er noch einmal. „Ich begreife nicht, wie er so etwas aufstellen konnte. Aber egal. Wollen wir?“ Er nickte zu einem gestreiften Satinsofa hinüber, das an der Wand stand. Zweifellos war es so platziert, dass der, der dort saß, das Porträt des vierten Barons bewundern konnte. Dieser spezielle Ahne wirkte ein wenig wie Charles II. Er hatte lange dunkle Locken und schwere Lider. Fast hätte das Bildnis auch Constantine zeigen können, wenn die Nase nicht so groß und der Mund nicht so grausam gewesen wären.
„Meine liebe Jane.“ Trent sah sie ernst an. „Bitte verzeihen Sie, dass ich die Angelegenheit so bald anspreche. Ursprünglich hatte ich geplant, bis zum Ende Ihrer Trauerzeit zu warten.“
Ihre Augen weiteten sich. Sollte das etwa ein Heiratsantrag werden? „Lieber Sir! Ich bitte Sie ...“
„Aber ich muss!“ Plötzlich wurde er ganz heftig. Er beugte sich zu ihr und ergriff ihre Hände. Mit einem wortlosen Protestschrei versuchte sie sich zu befreien, doch er ließ sie nicht los.
„Hören Sie mich an!“, sagte er und packte ihre Hände noch fester.
„Um Gottes willen, nun hören Sie doch zu!“ In leisem, dringlichem Ton sagte er: „Roxdale ist ein Schuft, aber er ist so verdammt attraktiv und charmant, dass es niemand erkennen kann! Lady Roxdale, Jane, Sie liegen mir nicht nur wegen meiner Freundschaft zu Frederick am Herzen. Ich muss mit Ihnen sprechen!“
„ Was hat das zu bedeuten?“
Die Worte schnitten kalt und scharf durch die Luft wie ein Peitschenhieb. Jane fuhr herum. Constantine stand nicht weit von ihnen und musterte sie ebenso finster wie der erste Lord auf dem Porträt.
Nie in ihrem Leben war sie so sprachlos gewesen. Sie sah bestimmt so erhitzt und schuldbewusst aus, als hätte man sie dabei ertappt, wie sie in der Öffentlichkeit ihr Strumpfband richtete. Was musste er nur darüber denken, dass sie hier allein mit Mr Trent war, ihre Hände in seinen. Verstohlen versuchte sie sich ihm noch einmal zu entziehen. Trents Griff wurde noch fester. Es war völlig unmöglich für Jane, sich zu befreien.
Mit geneigtem Kopf sah Constantine sie einen langen, schweigsamen Augenblick an. Dann widmete er sich ihrem Nachbarn. „Ich glaube, die Dame möchte ihre Hände zurück, mein Freund.“
„Ich bin nicht Ihr Freund!“, fuhr Trent ihn an, doch er lockerte seinen Griff, als er sich Constantine zuwandte.
Mit vorsichtigem Blick auf ihren wutschnaubenden Verlobten trat Jane zwischen die beiden Männer. Sie hatte die Hände in beide Richtungen ausgestreckt, so als wollte sie beide gleichzeitig in Schach halten.
In Constantines Augen war nicht das kleinste Anzeichen seines sonst so bereitwilligen Lächelns zu entdecken. Die Anmut, die seine Bewegungen normalerweise auszeichnete, hatte ihn ganz und gar verlassen. Sein Gesicht war hart wie Marmor, seine Haltung wachsam und aggressiv. Sein störrisches Kinn war weit nach vorn gestreckt, so als böte er es Trent zum Schlag an.
Er suchte Streit. Sie hoffte, dass Trent nicht darauf eingehen würde.
Ein Blick auf ihren Nachbarn verriet ihr jedoch, dass er genauso kochte. Oh nein! Wenn Männer erst einmal anfingen, sich zu prügeln, gab es kein Halten mehr. Jane musste sie aufhalten.
„Mr Trent wollte gerade gehen, nicht wahr, Sir}“ Sie legte so viel arrogante Befehlsgewalt in ihre Stimme, wie sie nur konnte. Darin war sie gut, schließlich war sie eine Westruther.
Constantine behielt den Nachbarn im Auge. Er breitete die Arme ausladend aus und gab den Weg zur Tür frei.
Doch entweder hatte Trent mehr Zutrauen in seine Boxkünste als Jane, oder er fühlte sich furchtbar ungerecht behandelt.
„Lady Roxdale! Wollen Sie sich wirklich von einem so schamlosen Casanova Vorschriften machen lassen? Er befürchtet doch offensichtlich, dass ich Ihnen etwas über ihn erzählen könnte.“
„Tatsächlich?“ Constantine zog die Augenbrauen hoch. „Ich glaube eher, ich befürchte, dass Sie Ihre dreckigen Hände auf meiner Dame hatten und ihr das nicht recht gefallen wollte.“
Sein Blick huschte zu Jane. „Oder täusche ich mich?“, fragte er gefährlich leise. „Sollte vielleicht ich lieber gehen?“
Sie fuhr auf. „Sei doch nicht albern!“
Trent deutete auf Constantine. „Sie mögen Sie ja getäuscht haben, Black, aber mich halten Sie nicht zum Narren, hören Sie?“
„Ich bin sicher, Sie finden allein hinaus“, erwiderte Constantine. „Lassen Sie es mich jedoch wissen, wenn Sie Hilfe brauchen.“ Er zeigte ihm die Zähne.
Trent ignorierte die indirekte Drohung und blieb. Seine nussbraunen Augen waren ernst auf Jane gerichtet, als könnte er all sein Wissen durch einen Blick auf sie übertragen.
Langsam schüttelte sie den Kopf. Sie wollte gern glauben, dass er es nur gut mit ihr meinte, weil er Fredericks bester Freund gewesen war. Aber in dieser Angelegenheit täuschte er sich. Sie würde sich von ihm keine Klatschgeschichten über Constantine anhören.
Jane hob das Kinn. „Bitte gehen Sie, Mr Trent. Was immer Sie auch zu sagen haben mögen, ich will es nicht wissen.“
Trent deutete dramatisch auf Constantine. „Fragen Sie ihn! Zwingen Sie ihn, Ihnen zu sagen, warum ihm in diesem Haus die Tür gewiesen wurde! Dann können Sie selbst entscheiden, ob er Ihrer würdig ist!“
Trent warf Constantine einen letzten giftigen Blick zu und verließ die Galerie.
Constantine sah ihm hinterher. „Es ist traurig, aber er war schon immer so ein selbstgerechter, hinterhältiger Musterknabe. Kaum zu glauben, dass seine Mutter eine de Vere ist.“
„Er hat es gut gemeint.“
Constantines Nasenflügel bebten. „Sei doch nicht so verdammt naiv.“
„Also bitte! Achte gefälligst auf deine Ausdrucksweise!“
Er funkelte sie wütend an. „Was glaubst du wohl, warum er deine Hände so gehalten hat? Er will dich.“
„Er hat meine Hände gehalten, weil er mich dazu bringen wollte, ihm zuzuhören, und ich nicht wollte!“ Jane konnte sich ein ungläubiges Lachen nicht verkneifen. „Die Vorstellung, er könnte mich auf diese Art wollen, ist doch grotesk! Er war Fredericks bester Freund. “ Constantine murmelte etwas in sich hinein, dann deutete er mit spitzem Finger auf sie. „Du empfängst ihn nicht mehr allein.“ „Aber ich ...“
„Hast du es ihm gesagt?“, fragte er abrupt.
„Was gesagt?“ Verwirrt über diesen Themenwechsel, öffnete sie den Mund.
„Das wir verlobt sind natürlich! Hast du es ihm gesagt?“
Ihre Wangen wurden heiß. „Es hat sich nicht ergeben.“ Constantine blickte eisig. „Verstehe.“
Sie schwiegen. Constantine war bleich und atmete schwer. Anscheinend interpretierte er in ihre Unterlassung alles nur erdenklich Schlechte hinein. Sie hatte sich einfach noch nicht an die Idee gewöhnt, verlobt zu sein. Sie hatten doch beschlossen, ihre Verlobung erst dann bekannt zu geben, wenn Montford Bescheid wusste. Jane hatte Lady Arden versprochen, so lange zu schweigen. Ihr kamen viele Entschuldigungen in den Sinn.
Doch keine entsprach ganz der Wahrheit.
Er biss die Zähne zusammen. „Ich mag vielleicht noch nicht dein Mann sein, meine Liebe, aber ich bin dein Verlobter und du stehst hier unter meinem Schutz. Und wenn dieser hinterhältige Kerl noch einmal versucht, auch nur ein Haar auf deinem hübschen Kopf zu berühren, reiße ich ihm die Arme ab. Habe ich mich klar ausgedrückt? “ Jane starrte ihn an. Sie war verwirrt von seinem Zorn. War er etwa eifersüchtig? Diese Wut sprach tatsächlich für ein Besitzdenken, das nichts zu tun hatte mit der Pflicht eines Gentlemans, seine Verlobte zu beschützen. „Ich komme mit Mr Trent schon klar.“
Höhnisch verzog er die Lippen. „Für mich hat es eher so ausgesehen, als sei er kurz davor gewesen, dich zu nehmen.“
Jane öffnete den Mund und schloss ihn wieder. Sie zog die Oberlippe zwischen die Zähne und gab sie seufzend wieder frei. „Ich sehe, du willst nicht mit dir reden lassen. Es steht dir natürlich frei, nach Belieben Hausverbote zu erteilen, aber du hast kein Recht, mein Verhalten zu tadeln oder mir vorzuschreiben, wen ich sehen darf und wen nicht.“
„Halt dich von ihm fern, die Konsequenzen würden dir andernfalls nicht gefallen.“
Sie musterte schweigend die Zornesfalten in seinem Gesicht.
Hunderte Fragen gingen ihr durch den Kopf. Warum war sie nur so hartnäckig darauf bedacht, Gutes in diesem Mann zu sehen. Er war das schwärzeste Schaf aller Blacks!
Montford hatte ihr Constantines Schande offenbart. Nicht einmal Lady Arden stellte infrage, dass die Gerüchte stimmten Warum also fühlte sie sich von Constantines Vergangenheit nicht abgestoßen?
Sie wusste, dass das, was Trent ihr erzählen wollte, was immer es auch sein mochte, für sie keine Rolle spielen würde. Sie war ein hoffnungsloser Fall.
Constantine sah ein paar Augenblicke schweigend auf sie herab. Allmählich entspannten sich seine Züge. Das gefährliche Licht in seinen Augen erstarb und der ironische Zug um seinen Mund kehrte zurück.
Er lehnte sich an die Wand. „Also los, frag mich! Ich sage dir, was immer du wissen willst.“
Die Art, wie ihm dieses Zugeständnis abgepresst worden war, gefiel ihr nicht. Sie wollte ihn nicht verhören, während ihm Mr Trents Drohung im Nacken saß.
Andererseits war Constantine ihr eine Erklärung schuldig, wenn er erwartete, dass sie seine Schande mit ihm teilte.
„Also schön. Was hast du getan, dass sich mein Schwiegervater veranlasst sah, dich aus diesem Haus zu verbannen?“
Er blickte starr geradeaus, um sie nicht ansehen zu müssen. „Ich habe eine junge Dame aus gutem Haus verführt. Als wir erwischt wurden, habe ich mich geweigert, sie zu heiraten. Und dann habe ich mich mit ihrem Bruder deswegen duelliert und hätte ihn beinahe umgebracht.“
Es war die Geschichte, die sie bereits gehört hatte, doch seine eiskalte Aufzählung der Fakten war für sie wie ein Schlag ins Gesicht.
Das war alles? Sie hätte wenigstens erwartet, dass er irgendwelche mildernden Umstände anführte. Vielleicht war er sich zu gut dafür. Oder war er wirklich so ein Schuft?Jane sog die Luft ein. „Ja, die Version kenne ich bereits. Nun würde ich gerne deine hören.“
Er biss die Zähne zusammen. „Es gibt keine andere Version. Ich habe die Tat begangen und den Preis dafür bezahlt.“
Sie starrte ihn an und spürte, wie sie ungläubig den Kopf schüttelte. Sie wollte es nicht wahrhaben.
Er lachte höhnisch auf. „Hast du erwartet, dass mir meine Familie und die Gesellschaft unrecht getan haben? Vergiss es, meine süße Unschuld. Meine Sünden kann man nicht schönreden. Wenn du mich heiratest, wirst du mich so nehmen müssen, wie ich bin.“
Jane zuckte zurück. Dieser harte, höhnische Kerl vor ihr war nicht der Constantine Black, der ihr so ans Herz gewachsen war. Andere hatten ihn einen Schuft genannt, aber sie hatte ihn ganz anders kennengelemt. Und nun sah er auf einmal so aus, als würde er zurück in seine alte Rolle schlüpfen.
Ihre Augen begannen zu brennen. Sie schämte sich plötzlich, dass sie so leichtherzig über seine größte Sünde hinweggesehen hatte. Dabei war sie doch wirklich verabscheuungswürdig.
Er hatte das Leben einer jungen Frau zerstört. Und doch, wenn er ihr irgendeine fadenscheinige Rechtfertigung angeboten hätte, hätte Jane sich mit Freuden daran geklammert. In ihren Träumen hatte sie Constantine zu einem zu Unrecht beschuldigten Helden gemacht.
Wie dumm sie doch war.
In Wahrheit war sie doch nicht so naiv zu glauben, dass sich ein Mensch wirklich grundlegend ändern konnte. Und doch hatte sie ihr Lebensglück auf gerade so ein Wunder gesetzt, oder nicht? Nicht nur, indem sie sich einverstanden erklärt hatte, den bösen Lord zu heiraten, sondern auch, weil sie sich etwas aus ihm machte.
„Du hast recht“, flüsterte sie. „Du hast vollkommen recht. Ich kenne dich überhaupt nicht, Constantine.“ Sie legte die Fingerspitzen an die Schläfe und fühlte sich mit einem Mal seltsam verloren. „Ich fürchte, ich kann nicht...“
Wie eine Schlafwandlerin drehte sie sich um und ließ ihn allein zurück.
Obwohl sie sich nichts mehr wünschte als Einsamkeit, um sich in Ruhe die Augen auszuweinen, kehrte Jane in den Salon zurück. Sie war entschlossen, Montford davon zu überzeugen, dass sie in dieser Ehe zufrieden sein würde, auch wenn sie im Augenblick nicht daran glaubte.
Wann war Constantine mehr für sie geworden als ein Weg, sich eine Zukunft mit Luke zu sichern?
Die Herren erhoben sich bei ihrem Eintritt. „Wo ist mein Neffe?“, wollte de Vere wissen.
„Oh, ist er denn nicht hier?“, fragte Jane vage. „Mr Trent und Lord Roxdale hatten oben in der Galerie eine kleine Auseinandersetzung. Mr Trent muss wohl nach Hause gegangen sein.“
Um Montfords Lippen zuckte es. Lady Arden unterdrückte zaghaft einen Laut. Sie klang, als müsste sie sich das Lachen verkneifen.
„Nach Hause?“, explodierte de Vere und sprang von seinem Stuhl auf. „Zum Teufel mit dem Knaben!“
Ohne sich zu verabschieden, stürmte deVere aus dem Zimmer. Lady Arden prustete los. „Oh, ich sollte nicht lachen, aber er ist wirklich überaus unterhaltsam.“ Sie wedelte mit den Händen und winkte Jane zu sich. „Nun können wir uns endlich den Geschäften widmen, Montford, ich habe frohe Neuigkeiten. Jane und Constantine wollen heiraten.“
Einen Moment lang herrschte Stille zwischen ihnen. Dann sagte Montford sanft: „Dann muss ich Ihnen wohl gratulieren, Lady Roxdale.“
Jane sagte eilig: „Ich weiß, dass es Ihren Wünschen nicht entspricht, Euer Gnaden, aber ich glaube, dass diese Verbindung für alle Beteiligten das Beste ist und lebensnotwendig für das Gut.“
Der Duke betrachtete sie milde und nachdenklich. Unter diesem Blick hatte sie sich schon als Kind gewunden. Mit ihm hatte Montford sie stets dazu gebracht, all ihre Geheimnisse preiszugeben. Selbst jetzt noch hatte er diese Wirkung.
„Äußerst vernünftig, meine Liebe! “, mischte sich Lady Arden ein. „Lass dich von dem Duke of Montford nur nicht aus dem Gleichgewicht bringen. Wir haben uns auf eine kurze Verlobungszeit geeinigt, nicht wahr ? Euer Gnaden, ich bin überzeugt, in dieser Zeit werden sich all Ihre Befürchtungen zerstreuen. Tatsächlich“, fügte sie mit ihrem strahlendsten Lächeln hinzu, „prophezeie ich Ihnen, dass Sie alles zurücknehmen werden, was Sie über Constantine gesagt haben.“
Die Gewissheit, mit der Lady Arden das sagte, ließ Jane nur noch mutloser werden. Sie entschuldigte sich, sobald sie konnte.
Als sie den Salon verließ, hörte sie, wie Lady Arden den Duke bat, zum Dinner zu bleiben.
Wunderbar! Es würde eine unendliche Qual werden.
In ihrem Schlafzimmer fand Jane nicht die Ruhe, nach der sie sich so sehnte. Luke passte sie in ihrem Salon ab und sah sie vorwurfsvoll an. Nicht jetzt, dachte sie. Bitte nicht jetzt.
„Du hast unser Picknick vergessen“, sagte Luke unvermittelt. „Und jetzt fängt es an zu stürmen!“
„Picknick?“ Jane drückte ihren Zeigefinger auf die Nasenwurzel. „Ich erinnere mich nicht, dass wir ein Picknick geplant haben.“ Er betrachtete sie mit dem gnadenlosen Blick eines Kindes, dem man ein versprochenes Vergnügen vorenthält. „Am ersten schönen Tag machen wir ein Picknick, hast du gesagt. Und Lord Roxdale sollte auch mitkommen. Er hat gesagt, er würde Marthe bitten, uns einen speziellen Picknickkorb zu packen. Wir wollten irgendwelche
Ruinen anschauen. Jetzt ist es dafür zu spät und außerdem regnet es draußen wie aus Kübeln. Ich wollte diese Ruinen unbedingt sehen, Tante Jane, und jetzt regnet es wieder wochenlang!“
Normalerweise hätte Jane ihn mit Späßchen und Neckereien aus dieser Stimmung herausgeholt, doch nun brachte sie der Strom kindlicher Vorwürfe aus der Fassung.
Rasch wandte sie Luke den Rücken zu und biss sich auf die Lippen, um nicht in Tränen auszubrechen. Sie konnte nicht zulassen, dass er sie weinen sah.
Sie atmete ein paar Mal tief durch und wartete, bis sie sich wieder im Griff hatte. Dann drehte sie sich zu ihm um.
„Luke“, gelang es ihr mit ruhiger Stimme zu sagen. „Es ist schade, dass du dich heute so darauf gefreut hast. Du hättest mich früher daran erinnern sollen, dann hätten wir vielleicht noch aufbrechen können. “
Sie wünschte sich, dass Luke sie erinnert hätte. Sie wünschte sich, dass sie sich zu dritt fröhlich auf den Weg gemacht hätten, ohne an irgendetwas anderes zu denken als an den Spaß, der vor ihnen lag. Dann wären ihr vielleicht viele Schmerzen erspart geblieben.
Nein. Das rüde Erwachen war seit Langem fällig. Ein Ausflug hätte das Unvermeidliche nur hinausgeschoben.
Luke sah durchaus nicht besänftigt aus. Geduld zu zeigen überstieg im Augenblick zwar ihre Kräfte, doch sie bemühte sich.
In neckendem Ton sagte sie: „Komm her, du kleines Dummerchen.“ Sie legte den Arm um ihn. „Kein Grund, so sauer zu sein. Wir gehen ein andermal.“
„Das ist aber nicht dasselbe.“ Er befreite sich brummend aus der Umarmung, verschränkte die Arme vor der Brust und musterte sie finster unter zusammengezogenen Brauen. Er sah aus wie ein boshafter Kobold.
Sie wusste nicht, ob sie lachen oder weinen sollte, aber sie wusste, wenn sie jetzt lachte, würde er nur noch wütender werden. Sie biss sich auf die Lippen, damit ihr nicht einmal ein Kichern entschlüpfte.
Warum bekam sie Lukes ganzen Zorn allein zu spüren? Constantine sollte auch hier sein.
„Wo ist Lord Roxdale?“, fragte sie.
„Er ist ohne mich ausgeritten“, brummte Luke.
Darum also ging es. Constantine hatte es sich angewöhnt, sich von Luke zu Pferd begleiten zu lassen, wenn er auf den Ländereien unterwegs war, und Luke genoss diese Ausritte mit seinem Idol.
Damit endlich wieder Frieden einkehrte, opferte sie sich heroisch: „Bestimmt wollte Lord Roxdale nichts lieber, als dass du ihn begleitest. Aber er wusste, dass ich ihm das Fell über die Ohren ziehen würde, wenn er dich bei einem Gewitter draußen rumstreunen lässt. “
Lukes Gesicht hellte sich ein wenig auf. Dann rollte er mit den Augen. „Ich bin doch nicht aus Zucker, Tante Jane.“
Er klang wie sein Vormund. Jane strich Luke über das Haar und schickte ihn los, sich die Hände fürs Abendessen zu waschen.
Sie wandte sich zum Fenster. Im Westen war der Himmel dunkler als der Höllenschlund. Sie hoffte, dass Constantine Unterschlupf finden würde, wenn das Gewitter losbrach.
Constantine war völlig durchnässt, als er abends zurückkehrte. Er war zu Bronsons Damm geritten, um den Wasserstand zu prüfen, das hatte er sich zumindest eingeredet. In Wahrheit sehnte er sich nach einer ordentlichen Prügelei. Er hatte gehofft, Trent oder einer seiner Handlanger würde ihm den Gefallen tun.
Doch die Wachen, die Trent aufgestellt hatte, hatten anscheinend ihren Posten verlassen, als das Wetter schlechter wurde. Im strömenden Regen war niemand zu finden.
Das Wasser stand gefährlich hoch, doch offenbar hatte Trent nicht die Absicht zu verhindern, dass der Damm brach und die Umgebung überflutete.
Irgendein rebellischer Impuls drängte Constantine, die ganze Geschichte einfach zu vergessen. Was kümmerte es ihn, wenn Bronsons Fabrik überflutet wurde oder Trents Pächter unter der Sintflut zu leiden hatten? Es war nicht seine Weberei. Es waren nicht seine Leute. Sobald der Damm brach, wäre seine Weberei wieder im Geschäft. Warum wollte er schlafende Hunde wecken?
Gleichzeitig wusste er, dass er morgen einen Fachmann rufen und mit ihm nach einer Lösung für den Staudamm und die Weberei suchen würde. Er betete zu Gott, dass der Damm so lang hielt.
Constantine ritt los. Er wusste nicht, wie viele Meilen er hinter sich gebracht hatte, ehe der Sturm losbrach und ihn zum Umkehren zwang. Während um ihn herum die Blitze zuckten, galoppierte er querfeldein, bis es so dunkel war, dass er nichts mehr sehen konnte. Dumm wie er war, hatte er absteigen und den ganzen Heimweg zu Fuß zurücklegen müssen.
War das irgendeine Buße? Wofür bestrafte er sich? Er konnte nur hoffen, dass der lange Fußmarsch im strömenden Regen seiner Seele guttat.
Ihm war klar gewesen, was Jane von ihm gewollt hatte, als sie ihn um eine Erklärung für jenen lang zurückliegenden Skandal gebeten hatte. Sie wollte etwas, was ihr Vertrauen zu ihm unterfütterte. Für sein Verhalten damals hatte er sich nie entschuldigt oder lauthals gerechtfertigt und er würde jetzt nicht damit anfangen.
Er und Jane waren so prächtig miteinander ausgekommen. Sah sie denn nicht, dass es das war, was zählte, und nicht irgendeine Dummheit, die er vor vielen Jahren angestellt hatte? Die Gegenwart war süß, die Zukunft gehörte ihnen. Warum all den Dreck der Vergangenheit aufrühren?
Er hatte schon zu oft mit seinem Schicksal gehadert, um diese müden alten Argumente wieder aufzuwärmen. Am Ende musste man einfach aufhören, sich über die Ungerechtigkeit des Lebens zu beschweren, und wieder leben. Jane würde lernen müssen, ihm zu vertrauen. Wenn nicht, konnte er es auch nicht ändern.
Das Dinner war längst vorüber, als Constantine wieder auf Lazenby Hall eintraf. Er nahm hastig ein großes Mahl ein, während ein Bad für ihn gerichtet wurde.
Dann lief er die Treppe hoch, nahm zwei Stufen auf einmal und zog sich dabei aus. Im heißen Wasser erwachten seine Knochen nur unter Schmerzen zu neuem Leben, aber es fühlte sich gut an. Er lehnte den Kopf an das hochgezogene Ende der Wanne und schloss die Augen.
Jane. Es war ihm nicht gelungen, sie während des langen, idiotischen Ritts durch den Sturm aus seinen Gedanken zu verbannen. Nun befand sie sich auf der anderen Seite der Verbindungstür, vielleicht zog sie sich gerade aus. Ein Schauer der Lust überlief ihn. Gott, wie er sie begehrte.
Als er sich in die Wanne begeben hatte, war er vollkommen erschöpft gewesen. Jetzt waren all seine Sinne erwacht und seine Männlichkeit regte sich.
Ruhig, mein Junge, sagte er ironisch. Nach den Aufregungen heute würde Jane ihn niemals in ihr Bett lassen.
Er nahm die Seife und rieb sie sich über die Brust.
Jane hatte in einer wunderbaren Seifenblase gelebt und Träume um ihn gewebt, die nicht zur harten Realität passten. Er hatte sie von ihrem Irrtum befreit und die schillernde Blase zum Platzen gebracht. Nun zahlte er den Preis.
Vielleicht hätte er den listigen Spitzbuben mimen und ihr irgendeine ausgeschmückte Geschichte erzählen sollen, um sich bei ihr einzuschmeicheln. Sie hätte sich förmlich darauf gestürzt. Alles, wonach sie gesucht hatte, war ein sicherer Haken, an dem sie ihren Glauben an ihn aufhängen konnte.
Aber sie hatte die Verlobung nicht gelöst, obwohl er sie enttäuscht und die Stimme erhoben hatte. Sie war eine vernünftige, pflichtbewusste Frau. Und sie wollte Luke behalten.
Er rieb sich mit den Händen über das Gesicht und spürte die rauen Bartstoppeln an seinen Handflächen. Er musste sich dringend rasieren. Er schnaubte spöttisch. Was für großartige Pläne hatte er für diesen Abend geschmiedet, und nun war alles umsonst.
Constantine überlegte. Vielleicht war es aber auch ein ernster Fehler, Jane zu lange sich selbst zu überlassen. Wenn er jetzt nicht in ihr Zimmer ging, würde es nächstes Mal noch schwieriger werden, ihre Verteidigungswälle zu überwinden. Ihr Gehirn würde wieder anfangen zu arbeiten, während er noch darum kämpfte, dass sie ihren Willen treiben und sich von ihm führen ließ. Wenn er die Sache nun hinauszögerte, würde er wieder ganz von vorn beginnen müssen. Er glaubte nicht, dass er noch eine Nacht wie die letzte überstehen würde.
Constantine drückte den Badeschwamm aus und legte ihn beiseite. Dann erhob er sich, stieg aus dem Bad und griff nach einem Handtuch.
Er hatte Priddle bereits fortgeschickt, doch bevor er ging, hatte der Kammerdiener fürsorglich den Morgenmantel aufs Bett gelegt. Nachdem er sich abgetrocknet hatte, zog Constantine den seidenen Mantel über.
Er ging zur Verbindungstür. Mit jedem Schritt stieg seine Erwartung.
Leise klopfte er an die Tür und drehte den Knauf.