22. Kapitel

Der Rückweg zum Haus schien endlos. Mehrmals musste Jane innehalten, die Augen schließen und tief durchatmen, um zu verhindern, dass der albtraumhafte Schrecken sie überwältigte.

Constantine sollte Lukes Vater sein? Sie wollte es nicht glauben. Aber er hatte es durch sein erschrockenes Schweigen so gut wie zugegeben. Und so sehr ihr Herz auch gegen diese Vorstellung rebellierte, sie schien einen Sinn zu ergeben.

Ihr Schwiegervater musste gewusst haben, dass Constantine Lukes Vater war. Bestimmt war das der Grund, warum er ihr erlaubt hatte, den Jungen zu behalten. Auch wenn der alte Lord ein mitleidiger Mann gewesen war, so war er doch nicht wohltätig genug, ein wildfremdes Kind in seinem Haushalt aufzunehmen.

Ihr Schwiegervater musste Lukes Vater gekannt haben. Und Frederick musste den Vater gekannt haben. Deshalb also hatten die beiden Constantine des Hauses verwiesen und ihn mit seinem Erbe bestraft - nicht nur wegen der Indiskretion mit Miss Flockton.

Aber sie hatten Constantine nichts von Luke erzählt. Deshalb hatte er sich nie um Luke gekümmert. Aber hätte er nicht herausfinden müssen, welche Früchte seine Nähe zu Violet getragen hatte?

Und dann war da noch der Akt selbst. Wie konnte Constantine ein so gemeines Verbrechen begehen und ein Dienstmädchen verführen, das in Sorge um den Arbeitsplatz alles hinnehmen würde?

Janes Herz rebellierte. Ein so herzloses und hinterhältiges Verhalten passte nicht zu dem Constantine, den sie kannte.

Ihr Magen brannte, während ihr Verstand sich in Mutmaßungen erging. Wenn Constantine ihr nur sagen würde, dass alles gelogen war.

Sie würde ihm glauben. Sie würde es versuchen.

An der Tür zur Bibliothek zögerte sie. Sie legte die Fingerspitzen an das jahrhundertealte Eichenholz, als wollte sie Kraft daraus ziehen. Dann straffte sie die Schultern, hob das Kinn und trat ein.

Er stand an der Fenstertür, an der sie sich zum ersten Mal begegnet waren.

Er blickte zum Himmel hinauf. „Es zieht sich schon wieder zu. Offenbar scheint die Sonne hier nie lang am Stück.“

Er sprach völlig kalt und klar, doch um seinen Mund zuckte ein Muskel. Er stellte sich breitbeinig hin, so als wolle er sich auf einen Angriff vorbereiten.

Während er sie aus seinen grünen Augen unverwandt anblickte, wuchs das Schweigen zwischen ihnen. Am liebsten wäre sie zu ihm gelaufen, hätte sich in seine Arme geworfen und ihm leidenschaftlich erklärt, dass sie kein Wort von Trent glauben konnte.

Benutz deinen Verstand, Jane. Keine andere Erklärung ergab einen Sinn. Und Luke hatte manchmal etwas an sich ...

Als Kinder waren wir befreundet, Frederick und ich. Aber ich habe ihn vielleicht sieben oder acht Jahre nicht mehr gesehen.

Sieben Jahre. Lukes sechsdreiviertel Jahre, dazu neun Monate. Ja, Constantine konnte Lukes Vater sein.

Der Kummer in ihrem Herzen war so groß, dass ihr schwindelig wurde. Sie klammerte sich an dem Schreibtisch fest, der zwischen ihnen stand, um Halt zu finden.

Jane schluckte. Sie nahm all ihren Mut zusammen. Dann hob sie das Kinn und sah ihm in die Augen.

„Ist es wahr?“, fragte sie. „Bist du Lukes Vater?“

Sein Blick brannte sich in ihren. Bedächtig erwiderte er: „Was glaubst du denn?“

„Nein!“ Sie rannte um den Schreibtisch herum. „Das reicht mir nicht, Constantine!“

„Ich fürchte, es muss reichen. Ich habe jetzt keine andere Antwort für dich.“

Hieß das, er wusste nicht, ob Luke sein Sohn war? In dem Fall musste er die Sünde begangen haben, derer er angeklagt worden war. Er musste mit einem Dienstmädchen in diesem Haus geschlafen haben.

Jane bekam keine Luft. Tränen schossen ihr in die Augen. Sie war entschlossen, der Wahrheit ins Auge zu sehen. Gleichzeitig sehnte sie sich danach, von ihm zu hören, dass alles eine bösartige Lüge sei.

Sie biss sich auf die Lippe. „Wenn du es abstreitest, glaube ich dir und wir vergessen, dass das alles hier passiert ist.“

Störrisch reckte er das Kinn. „Ich werde es nicht abstreiten.“ „Ach nein?“ Zorn überkam sie angesichts seiner Halsstarrigkeit. „Dann nehme ich das als Bestätigung.“

„Das wäre die eine Möglichkeit“, sagte er ruhig.

„Wieso lässt dich das alles so kalt?“, rief sie. „Luke ist ohne dich

aufgewachsen. Wegen dir musste er bösartige Hänseleien ertragen. Sie haben ihn einen Bastard genannt, Constantine. Sie wussten es.“ Wussten vielleicht schon alle auf dem Landsitz Bescheid? War sie die Letzte, die diese verblüffende Neuigkeit erfuhr? -

Jane begann, im Raum auf und ab zu gehen. Kränkung, Verwirrung und Zorn stiegen in ihr auf. Wie konnte er sich nur so ekelhaft verhalten? Gerade hatte sie gedacht, sie hätte den Mann fürs Leben gefunden.

War er das wirklich? Hatte Constantine ihr je etwas versprochen? Hatte sie von ihm verlangt, dass er ihr treu blieb, als sie seinen Heiratsantrag angenommen hatte? Hatte sie verlangt, dass er sie liebte? Sie hatte gelernt, von einem Ehegatten nur sehr wenig zu erwarten.

Sie hatte gedacht, ihn ließe das alles kalt, doch als er antwortete, schien ihn jedes Wort Kraft zu kosten. „Ich wäre dir dankbar, wenn du Luke von alledem nichts sagst, bis ich ein paar Dinge in Ordnung gebracht habe.“

Sie kniff die Augen zusammen. „Nein, als sein Vater hast du bestimmt jedes Recht, ihm zu sagen, was immer du willst.“

Was für einen edlen Papa du hast, Luke! Wie blind war sie doch gewesen, es nicht zu erraten. Sie lief immer weiter durchs Zimmer. Wenn sie sich nicht bewegte, würde sie in tausend Einzelteile zerspringen.

Seine Stimme schob sich zwischen ihre Gedanken. „Auch wenn es durchaus anregend ist, dich so durch den Raum stürmen zu sehen, möchte ich doch bitten, mich nicht so auf die Folter zu spannen.“ Abrupt blieb sie stehen. „Auf die Folter spannen?“

Er rollte mit den Augen. „Unsere Verlobung. Ich nehme an, dass du sie lösen möchtest.“

Jane lachte ziemlich wild. „Warum denn das? Ich wusste doch von Anfang an, dass du ein Schuft bist.“

„Das stimmt.“ Constantine blickte wieder grimmig. „Es ist beruhigend zu wissen, dass sich in deinem kleinen Köpfchen weder Vertrauen noch irgendeine andere romantische Vorstellung festgesetzt hat, und das nach all den Nächten, die du mit mir im Bett verbracht hast.“ Ihr Gesicht brannte. Ein paar hitzige Augenblicke war sie wieder in seinem Schlafzimmer. Sie zitterte wieder in seinen Armen. Ein Gefühl des Verlusts stieg in ihr auf. Es lag nicht an den Freuden, die er ihr geschenkt hatte, sondern an der kostbaren Nähe jener gemeinsamen Augenblicke.

Der Kummer drohte sie zu überwältigen, doch sie schob ihn beiseite. Ihr dunkler Prinz schien verschwunden. Sie hatte in einem Märchen gelebt und Märchen waren nun einmal nichts anderes als eine Illusion. Sie sollte nicht klagen.

„Mich haben zwar alle möglichen Leute vor dir gewarnt, aber dennoch waren sie sich in einem einig. Angesichts dieses Testaments schien es allen das Klügste zu sein, dass ich dich heirate. Das verlangt die Pflicht.“

„Und du bist natürlich eine äußerst pflichtbewusste Dame.“

„Da hast du verdammt recht!“

Constantine blinzelte sie an. „Hast du eben geflucht?“

„Ja!“ Und es hatte sich einfach wunderbar angefühlt.

Sie begann wieder herumzulaufen. Sie presste die Hände aneinander und versuchte verzweifelt, sich einen Anschein von Ruhe zu geben.

Ja, sie war pflichtbewusst, aber dennoch hätte sie das Haus gewiss fluchtartig verlassen, wenn Luke nicht gewesen wäre. Sie wollte ihm dabei helfen, sich an die schockierende Neuigkeit seiner Herkunft zu gewöhnen. Sie wollte ihm das Gefühl vermitteln, dass sie immer für ihn da wäre, auch wenn sein gleichgültiger Vater es nicht war.

Jane ging auf Constantine zu. Mit zitternder Stimme sagte sie: „Unsere Verlobung bleibt bestehen.“

Sie zitterte und dachte an dieses arme Dienstmädchen, das hochschwanger mit Constantines Kind hinausgeworfen worden war. In dieser Nacht wollte sie ihn nicht in ihrem Bett haben. Sie wollte es nie wieder.

„Aber vergeben wird mir nicht“, sagte er.

Zorn und Trauer loderten in ihr empor. Sah er denn wirklich nicht, wer das eigentliche Opfer war? Verstand er denn gar nichts?

„Das liegt nicht an mir“, sagte sie ruhig. „Das ist Lukes Aufgabe.“

Innerlich zerrissen vor Bedauern sah Constantine, wie Jane mit hoch erhobenem Kopf den Raum verließ. Es drängte ihn, ihr nachzugehen und ihr alles zu erklären. Tatsächlich machte er ein paar Schritte in Richtung der Tür. Dann aber blieb er stehen, drehte sich um und wandte sich dem Tablett mit Drinks zu.

Brennend rann ihm der Brandy durch die Kehle, doch konnte er den Schmerz nicht dämpfen.

Er fluchte heftig.

Dann schnappte er sich die Karaffe, ging zu einem Sessel und setzte sich. Er musste nachdenken. Er goss sich einen weiteren Brandy ins Glas und stellte die Karaffe auf dem Tischchen ab. Seine Hände zitterten.

Verdammt! Er hätte wissen müssen, dass dieses Gefühl der Zufriedenheit nur von kurzer Dauer sein würde. Glück war für ihn immer der Vorbote einer Katastrophe gewesen.

Er knallte das Glas hin und stützte den Kopf in die Hände.

So ergab plötzlich alles einen Sinn. Er hatte auch deshalb so mit dem Schicksal gehadert, weil er die Gründe damals nie ganz verstanden hatte, die zu seinem Bann geführt hatten. Er hatte es nicht gewusst.

Nun, nach dieser letzten Enthüllung, fügte sich alles zu einem Bild zusammen. Wie bei dem Kaleidoskop, das er Luke gezeigt hatte, genügte eine kleine Drehung, und dieselben Teilchen fügten sich vollkommen neu zusammen und ergaben ein ganz anderes Muster.

Als er endlich die Wahrheit erkannte, überwältigte sie ihn.

Constantine sprang aus dem Sessel auf. Sein Onkel, sein Cousin, sein Vater, seine Schwestern, sie alle hatten ihn für Verbrechen schuldig gesprochen, die er niemals begangen, von denen er nicht einmal gewusst hatte.

Und nun verdächtigte ihn auch noch Jane. Die süße, unschuldige Jane.

Daran trug ganz allein er die Schuld. Wenn er doch nur die Geistesgegenwart besessen hätte, Trents Anschuldigung sofort von sich zu weisen, dann hätte er die Verurteilung in Janes Blick nie gesehen.

Zorn verzerrte seinen Verstand und verengte seine Brust. Er hob sein Glas und schleuderte es in den Kamin. Es zerbarst in glitzernde Scherben.

Aber teures Kristall zu zerschmettern befriedigte ihn nicht. Er konnte die Jahre nicht zurückdrehen und alles in Ordnung bringen.

Drei Menschen hatten bis ins Grab das Schlechteste von ihm gedacht. Er hatte sie nie um Verzeihung gebeten. Jetzt war es dazu zu spät.

Aber wie konnte er damit leben, dass Jane ihm misstraute? Wie konnte er eine Frau heiraten, die so wenig von ihm hielt?

Ah, lieber Himmel, warum hatte sie nur die Macht, all diese Gefühle wieder wachzurufen? So lange hatte er in einem Zustand benommener Verleugnung gelebt. Nichts konnte ihn verletzen, weil er es nicht zuließ. Und dann war sie gekommen und hatte ihn berührt, und all seine Verteidigungsstrategien hatten sich aufgelöst.

Was zum Teufel sollte er Luke erzählen? Er wusste, dass Jane ihm alles sagen würde, wenn er es nicht selbst bald übernahm.

Zeit. Er brauchte Zeit, um nachzudenken. Er wollte keine weiteren Fehler begehen. Luke durfte von alledem nicht mitgerissen werden.

Constantine fuhr sich mit seinen langen Fingern durch das Haar. Der Schmerz war beinahe unerträglich. Aber er brauchte einen klaren Kopf, um die Probleme zu lösen. Er würde nicht weit kommen, wenn er hierbliebe. Er musste weg von ihr. Er musste raus aus diesem Haus.