15. Kapitel
Das allerdings war ein Schock. Constantine stand einen Augenblick schweigend da, um Janes Worte zu begreifen.
„Was findest du denn daran so unangenehm?“, fragte er im Plauderton.
Was um alles in der Welt bat dieser Trottel von einem Cousin mit diesem armen Mädchen angestellt?
Dann blendete er das Bild wieder aus, denn der Gedanke an Jane in Fredericks Bett war ihm unerträglich.
Vielleicht beruhigte sie seine unaufgeregte Reaktion, denn sie fuhr ruhiger fort: „Das ist für mich sehr schmerzlich. Der Arzt hat gesagt, ich wäre nicht richtig gebaut, es sei für mich unmöglich, intime Beziehungen zu pflegen, ohne Schmerzen zu empfinden.“
Constantine runzelte die Stirn. „Das hat der Arzt gesagt?“ Er hielt nicht viel von Ärzten. Bestenfalls kannten sie ihre Grenzen, schlimmstenfalls brachten sie mehr Patienten um, als sie kurierten.
Sie nickte und blinzelte dabei heftig. Die Ärmste versuchte verzweifelt, nicht zu weinen.
„Das ist natürlich ein sehr ernstes Problem.“
Ihre Stirn verzog sich. „Ich weiß. Ich werde dir nie einen Erben schenken können.“
„Zufällig“, unterbrach er sie, „bist du genau an den Richtigen geraten.“
Jane riss ihren Mund erstaunt auf und starrte ihn an.
Er wedelte mit der Hand. „Ja. Weißt du, ich bin auf dem Gebiet fast so etwas wie ein Experte.“
Sie kniff die Augen zusammen.
Schmunzelnd ignorierte er ihren strengen Blick. „Und ich kann nicht glauben, dass das, was dieser Arzt zu dir gesagt hat, wirklich wahr sein soll.“
„Nicht wahr? Aber jedes Mal, wenn wir ...“ Sie stockte. Ihre Wangen leuchteten scharlachrot. „Ach, das ist einfach albern! Ich hätte mir denken können, dass du es ins Lächerliche ziehst. Ich fasse nicht, dass ich überhaupt mit dir darüber rede.“
Da trat er zu ihr und nahm ihre Hand. „Ich ziehe es nicht ins Lächerliche. Ich gebe dir mein Wort.“ Er umfasste ihr Kinn. „Jane, ich kann dir Freuden schenken, die deine kühnsten Träume übertreffen, wenn du mich nur lässt.“
Ihr Atem wurde unruhig. Ihre Lider schlossen sich flatternd. „Und was ist, wenn du es nicht kannst?“, fragte sie traurig. „Nach der Hochzeit ist es zu spät für dich, es dir anders zu überlegen.“
Nach der Hochzeit. „Warum nicht davor?“
Je länger er darüber nachdachte, desto sinnvoller fand er es. „Ja, warum nicht vor der Hochzeit? Wir können nicht heiraten, bevor Montford uns nicht seinen Segen gegeben hat. Wie wäre es denn, wenn wir uns nach Kräften bemühen, dich mit der Vorstellung vertraut zu machen, dass es gar nicht so schrecklich ist? Wenn doch, kannst du die Verlobung ja wieder lösen.“,
Zynisch verzog er die Lippen. „Jeder wird sagen, dass du froh sein kannst, mich loszuwerden, daher brauchst du keine Angst zu haben, dein Ruf könnte Schaden nehmen.“
Verwundert sah sie ihn an. „Dazu wärst du bereit?“
„Meine süße Jane.“ Er lachte leise. „Glaub mir, ich wäre dann immer noch im Vorteil.“
Natürlich hielt er sich nicht für so unwiderstehlich, dass er eine Frau mit ernsten Problemen nur durch seine Aufmerksamkeiten heilen könnte. Aber er hatte noch nie von einer Frau gehört, die für die körperliche Liebe einfach nicht geschaffen war.
Jane hatte bei Frederick vermutlich Schlimmes erlebt und der hatte alles nur noch schlimmer gemacht, indem er ihr alle Schuld zuschob, statt sie selbst anzunehmen.
Wie lang waren sie und Frederick eigentlich verheiratet gewesen? „Du Ärmste“, sagte er leise. „Du hast bestimmt Höllenqualen ausgestanden.“
Er nahm sie in die Arme und küsste sie sanft. Als er spürte, dass sie sich verängstigt anspannte, sagte er: „Keine Sorge, ich verführe dich nicht jetzt. Aber wenn du auch nur ein Gran Mitgefühl hast, Prinzessin, dann spannst du mich nicht viel länger auf die Folter. Wirst du mir die große Ehre erweisen, meine Frau zu werden, Jane?“ Sie schloss die Augen, holte tief Luft und atmete aus. „Ja, Constantine.“ Sie öffnete die Augen und sah ihn ernst an. „Zumindest werde ich deine Verlobte.“
Wieder verspürte er den Schmerz in seiner Brust. Er gab sie frei, nahm ihre Hand und legte sie auf seinen Arm, während sie sich zum Haus zurückwandten.
Behutsam sagte er: „In einer vollkommenen Welt würdest du die korrekte Trauerzeit für Frederick einhalten, ehe wir uns verloben. Ich glaube aber, dass wir unsere Verlobung bald ankündigen müssen, damit der Ehevertrag geschlossen und die Hypothek auf die Fabrik zurückgezahlt werden kann. “
„Da hast du vermutlich recht“, sagte sie. Ein leiser Seufzer entschlüpfte ihr, als behagte ihr die Aussicht nicht sonderlich.
Er hielt kurz inne. „Hoffentlich ist dir deine Lage nicht zu peinlich. Die Leute werden natürlich reden, aber sobald sich herumgesprochen hat, wie Frederick den Besitz hinterlassen hat, werden die Leute dich dafür loben, dass du deine Pflicht getan hast.“ Er sah auf sie hinunter. Wie unangenehm sie auch sein mag.
Sie blinzelte ihn überrascht an. „Aber mir ist völlig gleichgültig, was die Leute denken.“
Einen Augenblick lang hatte er vergessen, dass sie eine Westruther war. „Was beunruhigt dich dann?“
Sie senkte den Blick. „Mir graut davor, es dem Duke of Montford zu sagen. Er war von Anfang an gegen unsere Verbindung.“
Er runzelte die Stirn. „Du hast doch nicht etwa Angst vor ihm?“ „Nein! Es wird nur nicht so einfach, es ihm zu erklären.“ Sie breitete die Hände aus. „Er ist ein äußerst Respekt einflößender Mann. Wenn er sich etwas vornimmt, dann gelingt es ihm auch. Ich habe noch nie erlebt, dass einer seiner Pläne gescheitert ist, und war er noch so unwichtig.“ Sie begann, am Daumennagel zu knabbern. „Ich befürchte, dass er uns von einer Heirat abhalten wird, wenn er es will.“ Ihre Sorgen waren hoffentlich unnötig. „Was kann Montford tun? Er hat keine Kontrolle über dich.“
„Ich weiß nicht. Auch wenn ich eine erwachsene Frau bin, komme ich mir in Montfords Gegenwart doch immer noch vor wie ein kleines Mädchen.“ Ihr Blick huschte zu Constantine. „Hat Lady Arden dir viel von mir erzählt?“
Er schüttelte den Kopf.
Sie atmete tief durch. „Ich war acht Jahre alt, als der Duke of Montford mich gefunden hat.“
Sie gelangten an die Steinbrücke, die sich romantisch über den See wölbte. Jane hob die Röcke und begann sie zu erklimmen. „Meine Mutter ist kurz nach meiner Geburt von zu Hause weggelaufen. Sie hat mich mitgenommen. Ich erinnere mich nicht mehr an sie. Sie haben mir erzählt, dass sie kurz nach unserer Ankunft in London gestorben ist.“
„Sie?“, wiederholte er.
„Das Paar im Gästehaus, das mich aufgenommen hat.“ Ihre Lippen zitterten und ihre Augen verdunkelten sich, als wäre es eine angstvolle Erinnerung. „Es waren keine netten Leute. Ich hatte allerdings mehr Glück als die meisten anderen Kinder in diesem Teil Londons. Meine Pflegeeltern konnten zwar nicht herausfinden, wer ich war, sie dachten sich aber, dass ich von vornehmer Herkunft sei. Sie hätten sich das Geld, das meine Mutter hinterließ, unter den Nagel reißen und mich in ein Waisenhaus schicken können. Stattdessen haben sie mich aufgenommen, mir zu essen gegeben und mich gekleidet. Sie haben darauf gehofft, dass eines Tages jemand aus meiner Familie nach mir suchen und sie dann reich belohnen würde.“ Entsetzt lauschte Constantine ihren Worten. Seine zarte Jane in den Händen solcher Unmenschen? Er konnte sich nicht einmal ansatzweise vorstellen, was sie alles durchgemacht haben musste. Kein Wunder, dass sie Schwierigkeiten hatte, anderen zu vertrauen.
„Und das ist dann auch geschehen.“ Seine Stimme klang in seinen eigenen Ohren rau. „Montford hat dich gefunden.“
„Ja. Meine Pflegeeltern haben die Habseligkeiten meiner Mutter versetzt, Montford hat irgendwie Wind davon bekommen und sie gefunden. Er ist wie der Zorn Gottes über dieses schreckliche Paar hereingebrochen.“ Sie hob eine Schulter. „Ich weiß noch immer nicht, was mit ihnen passiert ist. Seine Gnaden hat mir gesagt, er hätte die Sache für mich erledigt und ich bräuchte mir deswegen nie mehr den Kopf zerbrechen. Zum ersten Mal im Leben habe ich mich sicher gefühlt.“ Sie hatten den Scheitelpunkt der sanft geschwungenen Brücke erreicht. Constantine nahm Janes Hand und hielt sie fest. Er hasste es, sie sich einsam und verängstigt vorzustellen. „Ich bin froh, dass jemand von Montfords Kaliber sich der beiden angenommen hat. Ich glaube, mit weniger wäre ich nicht zufrieden gewesen.“ Hoffentlich hatte der Duke den beiden den Hals umgedreht und sie in die Themse geworfen.
Er zögerte. „Und dein Vater?“
Sie blickte auf den See hinaus. „Ich war anscheinend nicht der ersehnte Erbe, das, was er sich gewünscht hatte. Er hat sich nicht die Mühe gemacht, nach mir zu suchen. Ich habe ihn nie kennengelemt, aber gehört, dass er kein netter Mensch war. Nach seinem Tod wurde der Duke mein Vormund. Als Tochter eines wohlhabenden Earls war ich ja eine reiche Erbin. Deswegen hat der Duke auch so eifrig nach mir gesucht.“
Ein paar Momente schaute sie auf den strahlend blauen See hinaus. Dann hängte sie sich wieder bei Constantine unter und sie schritten gemeinsam auf der anderen Seite hinunter.
„Du siehst also“, schloss sie, als sie die Brücke verließen, „Montford hat in meinem Leben immer eine große Rolle gespielt. Wenn er England durchsuchen und ein kleines Mädchen finden konnte, wird es für ihn ein Kinderspiel sein, unsere Hochzeitspläne zu durchkreuzen.“ Sie schüttelte den Kopf. „In deinen Ohren klingt das sicher albern.“
„Nein. Es ist ganz normal, dass du so empfindest. Es wäre vielleicht keine schlechte Idee, Lady Arden um Hilfe zu bitten, damit sie uns zu Montfords Einverständnis verhilft.“ Er nahm ihre Hand. „Aber ich versichere dir, dass ich nicht die geringste Absicht habe, mich Montfords Willen zu beugen. Welchen Druck er auf dich auch ausüben mag, an meiner Entschlossenheit, dich zu heiraten, wird sich nichts ändern. “
Sie schien darüber nachzudenken. „Darf ich dich etwas fragen, Constantine?“
„Natürlich.“
„Warum möchtest du mich heiraten?“
Er konnte zwar verhindern, dass er ins Stolpern geriet, dennoch hatte sie ihn aus der Fassung gebracht. Je länger er zögerte, desto deutlicher würde es zu Tage treten.
In einem Versuch, verlorenen Boden wiedergutzumachen, lächelte er sie strahlend an. „Nur des Geldes wegen, meine Liebe. Ich dachte, du wüsstest das.“
Sie runzelte die Stirn.
Bevor sie sich die Wahrheit zusammenreimen konnte, zog er sie in den Schatten eines Baums und nahm sie in die Arme. „Allerdings“, fügte er hinzu, „gibt es da noch ein paar andere Dinge, die mich reizen.“
Constantines Lippen fanden Janes, bevor sie protestieren konnte. Er schloss sie in die Arme und vertraute darauf, dass seine warmen Lippen und seine Zunge ihren Widerstand schmelzen ließen und sie sich in Leidenschaft verlieren würde.
Als er endlich den Kopf hob, war ihm so schwindelig wie einem Knaben, der einen ersten Kuss geraubt hat.
„Mitternacht“, flüsterte er an ihren Lippen. „Ich komme heute Nacht zu dir.“
„Ja.“ Sie zitterte in seinen Armen und er war sich nicht sicher, ob es vor Angst oder Erregung war.
Als er sich von ihr lösen wollte, hielt sie ihn fest. Sie küsste ihn weiter, rieb sich an ihm, ließ ihre Zunge um die seine kreisen und strich ihm über die Schultern. Sie unternahm forschende Streifzüge mit Mund und Händen und befragte ihn. Und er antwortete ihr und sagte ihr alles, was sie wissen wollte.
Als er später aus einer Leidenschaft erwachte, hatte er das Gefühl, dass Jane den Spieß umgedreht hatte, wenngleich er nicht recht wusste, wie es ihr gelungen war. Als sie zum Haus zurückschlenderten, ahnte er, dass sie über seine wahren Absichten im Bilde war, obwohl er sie vor ihr hatte verbergen wollen. Vielleicht war sie sogar besser informiert als er und das war ihm gar nicht recht.
„Ach, meine Lieben! Das sind ja wunderbare Neuigkeiten! Wie aufregend! Ich hatte ja nicht die geringste Ahnung, als ich euch heute früh gesehen habe.“ Lady Arden strahlte vor Freude.
„Wie unaufrichtig!“, sagte Constantine. Er legte einen Arm um Lady Ardens Taille und küsste sie auf die Wange. „Du hast doch von Anfang an darauf hingearbeitet.“
„Nur weil ich überzeugt bin, dass es für euch beide das Beste ist“, behauptete sie.
Lady Arden ließ sich in einer Wolke aus Musselin auf das Sofa sinken. „Setz dich doch und erzähl mir alles.“
Als Constantine Anstalten machte, sich zu ihr zu gesellen, wedelte sie herablassend mit der Hand. „Du doch nicht, Constantine. Männer sind schockierend im Weg, wenn es darum geht, Heiratsanträge und bräutliche Dinge zu besprechen. Jane, meine Liebe. Komm und trink ein Tässchen Tee mit mir.“
In gespielter Bestürzung drehte sich Constantine um und nahm in einem warmen Griff Janes Hand.
Diesmal beugte er sich nicht nur darüber, sondern führte ihre Hand an die Lippen, um sie zu küssen. Er machte aus der höflichen Geste eine Liebkosung. Der Handkuss war nicht mehr üblich, zumindest nicht in der Öffentlichkeit.
Als seine Lippen ihre Knöchel streiften, fuhr Jane flirrende Hitze durch den Körper. Sie spürte, wie ihre Wangen heiß wurden. Als Constantine aufsah, glommen ihre Augen voll sinnlicher Verheißung. Der Ausdruck war gleich wieder verschwunden, aber deshalb nicht weniger reizvoll. Bevor Jane sich von diesem kurzen Intermezzo erholt hatte, war er gegangen.
Sie drehte sich zu Lady Arden um, die mit dem Tee beschäftigt war. Sie drehte den Hahn des silbernen Teebereiters auf und ließ heißes Wasser in eine zarte Porzellantasse laufen. Sie hatte von dieser Szene zum Glück nichts mitbekommen.
Janes Wangen waren fieberheiß, ihr Körper zittrig. Sie zwang sich, tief Atem zu holen, und setzte sich Lady Arden gegenüber.
Lady Arden reichte Jane die Tasse.
Zufrieden betrachtete sie Jane. „Du bist genau die Frau, die ich mir für Constantine gewünscht hätte! Ich bin sicher, dass ihr hervorragend miteinander auskommen werdet.“
Genau das hatte sie damals auch über Frederick gesagt, deshalb fiel es Jane schwer, Zuversicht aus diesen Worten zu schöpfen. Natürlich hatte Lady Arden keine Ahnung, wie es um Janes Ehe wirklich bestellt gewesen war. In ihrer Jugend waren Jane und Frederick Freunde gewesen. Man konnte es Lady Arden nachsehen, dass sie ihnen eine glückliche Zukunft vorausgesagt hatte.
„Sag, Jane“, begann die Dame, hob ihre Tasse auf und linste über den Rand, „ist es vielleicht eine Liebesheirat?“
Jane dachte daran, wie Constantine auf eine ähnliche Frage geantwortet hatte. „Nein! Es geht nur um das Gut.“
Dieses Motiv würde eine Dame wie Lady Arden voll und ganz verstehen. Janes anderen Grund würde sie vielleicht weniger bereitwillig akzeptieren.
Luke. Constantine würde ein großartiger Vater werden, auch wenn er es selbst noch nicht wusste.
Lady Arden nickte. „Sehr klug. Nun, ich bin äußerst erfreut, dass ihr beide endlich einmal praktisch denkt. Ich würde mich sogar noch mehr freuen, wenn ihr keine Leidenschaft füreinander entwickelt hättet.“ Jane zuckte zusammen und verschüttete Tee in ihre Untertasse. „Verflixt!“
„Mach dir nichts daraus, meine Liebe. Wahrscheinlich würdet ihr beide es sowieso abstreiten, also bin ich lieber still.“ Sie nahm einen Keks. „Es gibt ja auch nichts dagegen einzuwenden, wenn man Zärtlichkeit für den Mann empfindet, den man zu heiraten gedenkt, aber pass gut auf dich auf, ja? Männer wie Constantine mögen zu Beginn der Verlobungszeit ganz trunken vor Verliebtheit sein, aber oft kühlt diese Glut ab, wenn sie bekommen haben, was sie wollten.“ Das Strahlen in Lady Ardens Augen wurde ein wenig matter. Sie legte ihren Keks unangerührt auf dem Teller ab. „Natürlich wirst du finanziell abgesichert sein. Montford wird darauf achten, dass der Ehevertrag für dich günstig ist. Constantine würde das bestimmt nicht anders wollen.“
„Was das angeht“, sagte Jane, „so fürchte ich, dass wir vom Duke Gegenwind bekommen werden. Er hat mich gewarnt, eine Ehe mit Constantine nicht in Betracht zu ziehen.“
„Ach, mach dir wegen Seiner Gnaden keine Sorgen. Ich werde schon mit ihm fertig.“ Lady Arden zögerte. „Ich wollte die Angelegenheit zuvor nicht ansprechen, aber jetzt, wo zwischen euch Einvernehmen herrscht, habe ich doch das Gefühl, es ist meine Pflicht, es zu erwähnen.“
Jane erstarrte. Lady Arden wollte die Vergangenheit aufwühlen, jetzt, wo Jane sich mit Constantines Rolle in dem lang vergangenen Skandal abgefunden hatte. „Constantines Vergangenheit geht mich nichts an. Wirklich, es besteht keinerlei Grund.“
„Doch, meine Liebe.“ Lady Arden strich ihre Röcke mit den Händen glatt. Anschließend faltete sie die Hände und legte sie in ihren Schoß. Mit dem Gestus eines Menschen, der unangenehme Nachrichten überbringen muss, sagte sie: „Als seine Frau wirst du auf verschiedenste Weise mit Constantines Stand in der Gesellschaft konfrontiert werden.“
„Ich mache mir nichts aus der Gesellschaft, also spielt das keine Rolle“, erwiderte Jane.
„Du machst dir nichts aus der Gesellschaft!“ Lady Arden nahm ihr Taschentuch heraus und wedelte sich damit ein wenig Luft zu. „Oje, meine Liebe. Um Constantines willen musst du dein Widerstreben gegen die vornehme Gesellschaft unbedingt überwinden.“ „Um Constantines willen?“
„Natürlich, meine Liebe. Er würde es nie zugeben, aber für einen Gesellschaftslöwen wie Constantine war der Ausschluss aus dem erlauchten Kreis nicht einfach.“
„Vielleicht hätte er sich das überlegen sollen, bevor er ein unschuldiges Mädchen verführt und dann sitzen lässt“, versetzte Jane giftig.
Lady Arden zog die Augenbrauen hoch. „Wenn du das glaubst, bin ich überrascht, dass du seinen Antrag dennoch angenommen hast.“ Ein guter Punkt, mit dem Jane immer noch rang. Sie spitzte die Lippen. „Und mich überrascht, dass du Constantine nicht längst dabei unterstützt hast, seinen guten Ruf wiederherzustellen.“
Möglicherweise war es Lady Arden vor dem Erbe des Titels kein so großes Anliegen gewesen, Constantine wieder zu etablieren. Was für ein zynischer Gedanke! Doch Jane durfte nicht vergessen, dass Lady Arden und der Duke of Montford aus demselben Holz geschnitzt waren, wenn es darum ging, die Interessen ihrer Familien zu fördern.
„Du hast recht, ich habe versagt“, meinte Lady Arden zu Janes Überraschung. „Normalerweise gebe ich mich niemals geschlagen, aber in diesem Fall war es anders.“ Unglücklich zuckte sie die Schultern. „Ich konnte Constantine nicht helfen, weil er sich nicht helfen lassen wollte. Er ging direkt zum Teufel und ich konnte nichts dagegen unternehmen.“
„Und seine Familie?“
Lady Arden schüttelte den Kopf. „ Sein Vater hat ihn verstoßen und seine Mutter und seine Schwestern waren natürlich zu ängstlich, sich gegen seine Autorität zu stellen. Constantines Bruder George war der Einzige, der zu ihm hielt, doch George ist ein Landedelmann und jüngerer Sohn. Seine Unterstützung zählte in der Gesellschaft wenig.“ Jane rutschte unbehaglich auf dem Sitz herum. „Es tut mir leid, Madam, aber ich komme mir illoyal vor, so über Constantine zu reden.“
„Meine Liebe, es ist nicht illoyal, darüber zu sprechen, was wir für ihn tun können. Wir beide haben doch nur sein Bestes im Sinn. Und er würde dir das weiß Gott nie selbst erzählen. Der Umstand, dass er sich in der vornehmen Gesellschaft überhaupt noch sehen lassen kann, ist zum Großteil mein Verdienst. Ich muss sagen, es war nicht leicht, vor allem weil Constantine so entschlossen war, sich selbst zu schaden.“
Sie machte eine kurze Pause. „Du sagst, du machst dir nichts aus der Gesellschaft. Vielleicht glaubst du das auch, aber denke einmal darüber nach, wie es sich anfühlen würde, wenn dich eine alte Freundin auf offener Straße schneidet oder wenn deine Kinder von Gleichaltrigen gemieden werden. Wie würdest du damit zurechtkommen, wenn dich deine eigenen Cousins und Cousinen auf Harcourt nicht mehr empfangen dürften?“
„Ich bin überzeugt, dass das nie passieren würde.“
Lady Arden breitete die Hände aus. „Vielleicht nicht. Aber so etwas kommt vor. Wusstest du, dass Constantines Vater ihm das eigene Heim verboten hat? Der arme Junge hat seinen Vater vor dessen Tod nicht mehr gesehen. Es ist nicht einfach, am Rand des Abgrundes zu leben. Du weißt nicht, wie es ist, ausgestoßen zu sein, Jane, und ich hoffe, du wirst es auch nie erfahren.“
Jane runzelte die Stirn. „Willst du mir damit sagen, ich soll ihn nicht heiraten?“
„Ich will dir damit sagen, dass du ihm helfen musst. Du bist eine Westruther, eine nahe Verwandte des Duke of Montford. Schon eure Heirat wird einiges dazu beitragen, ihn wieder zu etablieren, aber ganz wird es nicht ausreichen. Du musst der Welt zeigen, dass du voll und ganz hinter ihm stehst, ebenso wie deine Familie.“
Bei der Aussicht spürte Jane eine leichte Panik in der Brust. Sie würde alles lieber tun, als in London auf Bälle und Gesellschaften zu gehen. Aber sie konnte Lady Ardens Bitte nicht ignorieren.
Ein wenig schüchtern fragte sie: „Du hast ihn gern, nicht wahr?“ „Oh ja, allerdings! Er war so ein stürmischer, wilder junger Mann,
aber er hatte immer ein freundliches und gutes Herz.“ Sie schüttelte den Kopf. Ihre dunklen Augen wirkten traurig. „Ich habe nie verstanden, warum er sich Miss Flockton gegenüber nicht anständig verhalten hat. Jeder konnte sehen, dass er völlig verrückt war nach dem Mädchen. Wir alle dachten, es wäre nur eine Frage der Zeit, bis die Bande geknüpft. Und dann kam dieser schreckliche Skandal.“ Lady Arden nippte an ihrem Tee. „Er und Miss Flockton wurden bei einer Hausgesellschaft in seinem Schlafzimmer ertappt. Wie konnte Constantine nur so indiskret sein? Warum hat er nicht bis zur Hochzeitsnacht warten können, frag ich dich? Männer! Manchmal denken sie nicht mit dem Gehirn, wenn du verstehst, was ich meine.“ Jane konnte die Andeutung nicht missverstehen. Ihre Wangen wurden heiß. Sie versuchte nicht an die unbekannte Miss Flockton in Constantines Bett zu denken.
„Der Duke hat mir erzählt, Miss Flockton hätte einen Anwalt geheiratet“, brachte sie hervor.
„Nun ja, was sollte das arme Mädchen auch tun, nachdem ihr Bruder so taktlos war, Constantine zum Duell zu fordern. Ihre empörten Eltern hatten die Schande in ganz London herumposaunt. Wahrscheinlich hatten sie gehofft, die Heirat so erzwingen zu können. Sie waren von niederem Adel, aber sehr ehrgeizig. Das Mädchen hatte keinen Penny, aber natürlich war es sehr schön.“
Oh, natürlich, dachte Jane bitter. Wenn Constantine ein Mädchen ruiniert, war es natürlich schön.
„Constantine hat das Duell unbeschadet überstanden, der Bruder aber leider nicht“, fuhr Lady Arden fort. „Constantines Kugel traf den Bruder in der Schulter. Beinahe wäre er am Wundfieber gestorben, der arme Kerl. Eine Zeit lang hat es so ausgesehen, als müsste Constantine das Land verlassen, aber zum Glück hat sich der Bruder wieder erholt. Dennoch wollte Constantine das Mädchen immer noch nicht heiraten! Ihr ist gar nichts anderes übrig geblieben, als einen Niemand zu heiraten und dem Himmel zu danken, dass ihr kein schlimmeres Schicksal beschieden war.“
Jane schüttelte den Kopf. Sie konnte diese Geschichte nicht glauben. Sie passte nicht zu dem, was sie über Constantine wusste oder zu wissen glaubte. Eines jedoch lernte sie daraus: Sie sollte nicht allzu sehr auf seine offenkundige Zuneigung vertrauen. Wie konnte er nur so herzlos sein, eine Dame im Stich zu lassen, die seine Hilfe so sehr gebraucht hätte? Eine Dame vor allem, die er kompromittiert hatte.
Vorsichtig meinte Jane: „Constantine und Frederick haben sich zerstritten, aber ich hatte den Eindruck, dass es nichts mit Miss
Flockton zu tun hatte.“ Sie zögerte. „Ich habe gehört, dass Constantine ein Vermögen am Kartentisch verloren hat.“
„Unsinn! Broadmere ist ein blühendes Landgut, die Familie ist wohlhabend. Wer erzählt denn so etwas?“
Jane runzelte die Stirn. „Ich bin mir nicht sicher. Frederick, nehme ich an.“
Warum sollte Frederick ihr derartige Dinge erzählen, wenn sie nicht stimmten? Vielleicht hatte er sie geglaubt. Vielleicht war er auch so gegen seinen Cousin eingenommen, dass er ihm alles Schlechte nachsagte.
Lady Arden setzte ihre Teetasse ab und zuckte mit den Achseln. „Ich glaube schon, dass Constantine hin und wieder spielt wie wir alle, aber er hat nie große Summen am Spieltisch verloren, davon hätte ich gehört.“
Jane runzelte die Stirn: „Vielleicht haben ich oder Frederick auch etwas falsch verstanden. Ich bin jedenfalls froh zu hören, dass es nicht stimmt. Ich fände es schrecklich, wenn dieses Landgut durch Glücksspiel zerstört werden würde.“
„Da kannst du ganz beruhigt sein.“ Lady Arden beugte sich vor und fixierte Jane mit ihrem klaren Blick. „Wirst du ihm helfen?“ Mit Blick auf die Abmachung, die sie mit Constantine getroffen hatte, konnte sie dergleichen nicht versprechen. Wenn sie die Verlobung lösen musste, würde sie Constantines Ruf nur noch mehr schaden.
„Ich versuche es“, erwiderte sie.
Der Nachmittag war ungewöhnlich schwül für die Jahreszeit gewesen. Die Luft war so unruhig und angespannt, als hielte sie den Atem an. Mit der Dämmerung kam der Regen und dazu ein starker Wind, sodass die Regentopfen laut gegen die Fensterscheiben prasselten.
Jane zitterte nur zum Teil vor Kälte. Der Regen mochte etwas Erlösendes haben, doch ihre Nerven waren zum Zerreißen gespannt. Constantine war nicht zum Dinner heruntergekommen, sondern hatte sich ein Tablett in die Schreibkammer bringen lassen, wo er immer noch saß und arbeitete.
Sie hatte mit aller Macht versucht, sich zu entspannen, doch es war ihr nicht geglückt. Die warme Milch hatte sie nicht angerührt, der Roman konnte sie nicht fesseln, die Stickarbeit lag unbeachtet in ihrem Schoß, die Nadel war auf halbem Weg gezückt.
Als im Haus alles still geworden war, erhob sie sich und ging zu der Verbindungstür zwischen ihrem und Constantines Zimmer. Sie presste das Ohr an die Tür, konnte aber nichts hören.
Um Mitternacht hatte er gesagt.
Langsam schlossen sich ihre Finger um den verzierten Schlüssel, der sie vor seinem Eindringen schützte. Vorsichtig drehte sie den Schlüssel im Schloss. Ein leises Klicken verriet ihr, dass der Riegel nun zurückgeschoben war.
Ihr Herz begann, laut zu pochen. Sie sah sich im Zimmer um. Es war zu hell. Sie schnappte sich das Löschhütchen vom Kaminsims und löschte alle Kerzen bis auf eine. Dann setzte sie sich an ihre Frisierkommode und stellte die Kerze darauf.
Ein langer Blick in den Spiegel verriet ihr, dass sie blass war. Ihre Augen blitzten vor Anspannung aus tiefen Höhlen hervor und ihr üppiges kastanienbraunes Haar musste gebändigt werden. Mit zitternden Händen bedeckte sie ihr Gesicht. Oh Gott, wie sollte sie diese Nacht nur überstehen? Wie hatte sie dazu nur Ja sagen können?
Wie hätte sie Nein sagen sollen?
Constantine Black faszinierte sie. Obwohl sie wusste, welches Risiko sie einging, sehnte sie sich immer noch danach, ihre mitternächtliche Verabredung einzuhalten. Sie dachte daran, wie sich seine Hand auf ihrem Schenkel angefühlt hatte und seine Lippen auf ihren Brüsten. Nie zuvor hatte sie sich so lebendig gefühlt, so hemmungslos außer Kontrolle. Schon bei dem Gedanken begann ihr Körper vor Erregung zu prickeln.
Bald, sehr bald würde er bei ihr sein.
Inzwischen konnte Jane gut verstehen, warum Miss Flockton ihn vor all den Jahren in ihr Schlafzimmer gelassen und ihren eigenen Ruin herbeigeführt hatte.
Es war so lächerlich! Sie hatte sich diesem albernen jungen Ding gegenüber so überlegen gefühlt und gedacht, sie sei zu klug, zu abgeklärt und zu kalt, um einem Mann wie Constantine auf den Leim zu gehen.
Doch nun stellte sich heraus, dass sie ebenso albern und formbar wie jede andere Frau war, wenn es um Constantine Black ging.
Sie lief ernsthaft Gefahr, ihr Herz an ihn zu verlieren.
Ein Blitz erhellte das Zimmer. Einen Augenblick lang sah Jane die Panik in ihrem Gesicht hell erleuchtet im Spiegel. Danach grollte Donner.
Jane erschrak. Sie bekam keine Luft. Sie krallte die Hände um die Platte ihrer Frisierkommode und die Kanteneinfassung drückte sich in ihre Handflächen.
Nein! Sie konnte doch unmöglich so dumm sein und sich in ein schönes Gesicht verlieben.
Aber es war ja nicht nur sein prächtiges Gesicht und seine attraktive Mimik, die sie gefangen genommen hatten.
Er war charismatisch. Er zog die Leute magisch an und stieß sie dann wieder auf sichere Distanz zurück, ohne es zu merken. Ein unbekannter Instinkt drängte sie, diese Distanz zu überwinden und aufzulösen. Manchmal glaubte sie, es sei ihr gelungen, doch dann zog er wieder eine neue Grenze oder lenkte sie mit irgendeiner abstoßenden Bemerkung ab.
Sie fürchtete, je enger sich ihre Leben verbanden, desto größer würden die Bollwerke, die er gegen sie errichtete.
Nun, wenn Constantine sie in die Freuden des Ehebetts einführte, wäre das allein schon ein großes Geschenk. Vielleicht sollte sie nicht mehr erwarten. Wenn er sie nicht an sich herankommen lassen wollte, würde sie nicht darum betteln.
Das Geräusch einer sich öffnenden und schließenden Tür in Constantines Zimmer setzte ihren Überlegungen ein Ende. Leise männliche Stimmen drangen an ihr Ohr. Constantine sprach mit seinem Kammerdiener.
Als sie auf ihr Gesicht im Spiegel starrte, dachte sie, dass sie tragisch aussehe. Ihre Augen glommen vor Furcht, und ihre Mundwinkel waren nach unten gebogen. Sie bot nicht gerade einen verlockenden Anblick.
Jane kniff sich in die Wangen und biss sich auf die Lippen, um ihnen Farbe zu verleihen. Sie versuchte zu lächeln, doch es gelang ihr nicht überzeugend.
Ihr Magen krampfte sich voller Sorge zusammen. Das Bedürfnis, Constantine zu sehen, widersprach ihren zahllosen Ängsten. Sie hatte Angst vor ihm und vor dem Akt, den sie begehen wollten. Vor allem aber fürchtete sie, dass es sie schwächen würde, wenn sie sich ihm hingab. Dass sie wieder so wehrlos würde wie damals als kleines Mädchen.
Sie hörte, wie Constantines Schlafzimmertür ein zweites Mal zuklappte. Sein Kammerdiener musste gegangen sein. Ihr Herz schlug bis zum Hals. Jetzt würde er kommen.
Langsam nahm sie die versilberte Bürste in die Hand und führte sie mit zitternder Hand an ihr Haar. Hundert Bürstenstriche morgens und abends hatte ihre Kinderfrau immer gesagt.
Sie war bei zwanzig angekommen, als es leise an ihre Tür klopfte. Sie zuckte zusammen, das Tuch rutschte ihr von den Schultern. Ohne eine Antwort abzuwarten, öffnete sich die Verbindungstür, und dann stand er vor ihr.