Bei dem Gedanken daran wurde er noch wütender auf sich selbst.

Er schüttelte sie ein wenig. „Antworten Sie mir, verdammt!“

Er brachte ihr gegenüber nicht einmal die Geduld auf, seine Worte zu mäßigen, obwohl sie zitternd vor ihm stand. Ihre grauen Augen hatte sie vor Schreck weit aufgerissen. Sie war so schlank und so zerbrechlich und doch ritt sie mit dem Mut einer Amazone und der Geschicklichkeit einer geborenen Jägerin. Latenter Stolz wärmte seine Brust, auch wenn er immer noch vor Zorn bebte.

Mit einem Keuchen riss sie sich von ihm los und trat einen Schritt zurück. „Ist das nicht offensichtlich? Ich bin hierhergeritten, um allein zu sein.“

„Und haben sich Stattdessen beinahe umgebracht. Machen Sie das bitte niemals wieder! “

Ihre Brauen zogen sich zusammen. „Noch sind Sie nicht mein Ehemann, Lord Roxdale. Maßen Sie sich nicht an, mir Vorträge zu halten.“

„Seien Sie froh, dass ich noch nicht Ihr Ehemann bin. Eben darum halte ich mich ja zurück! Haben Sie denn nicht an Ihr Pferd gedacht, wenn Sie schon nicht an sich selber denken?“

Sie öffnete den Mund, um zu widersprechen, und schloss ihn wieder. Sie presste die Lippen zusammen. Ihre Nasenflügel bebten.

„Sie haben recht“, gab sie zu. „Ich wusste es, sowie ich auf der anderen Seite war, aber ich konnte nicht anders.“ Sie fuhr sich mit zittriger Hand über die Augen.

Janes ehrliches Eingeständnis, dass sie im Unrecht war, entwaffnete ihn.

„Warum?“, fragte er heiser. „Warum haben Sie es gemacht?“

Ihr innerer Kampf war beinahe schmerzlich anzusehen, doch er brach das angespannte Schweigen nicht, das auf seine Frage folgte. Wo immer das Problem auch lag, für sie war es schier unüberwindlich, das spürte er. In diesem Augenblick war sie ziemlich wehrlos. Er würde keine bessere Chance mehr bekommen, von ihr zu erfahren, was sie bedrückte. Zum Glück neigte sie nicht dazu zu weinen. Weiblichen Tränen hatte er noch nie widerstehen können. Er hätte sie ohne ein weiteres Wort vom Haken gelassen.

„Kommen Sie“, sagte er sanft und umfasste ihre Hand mit leichtem Griff. „Unsere Pferde trinken gerade. Sie haben bestimmt auch Durst.“

Bereitwillig ging sie mit ihm und beugte sich über den klaren, kühlen Bach, wo er mit seinen Händen eine Schale formte. Sie fasste sein Handgelenk, um es ruhig zu halten. Er versuchte, nicht darauf zu achten, wenn ihre Lippen zufällig seine Handflächen streiften.

Sie murmelte einen Dank, tupfte sich den nassen Mund mit den Fingerspitzen ab und wartete, bis er seinen eigenen Durst gelöscht hatte. Er deutete auf einen Baum in der Nähe und half ihr, sich in seinem Schatten niederzulassen.

Kaum hatte er es sich neben ihr bequem gemacht, sprang sie wieder auf und begann auf und ab zu laufen. Mit einem innerlichen Seufzer machte er sich daran, sich ebenfalls zu erheben, doch sie gab ihm mit einer Geste zu verstehen, dass er bleiben sollte, wo er war.

Eine Hand zur Faust geballt, nagte Jane durch ihren Handschuh hindurch an ihrer Daumenspitze. Dann drehte sie sich zu ihm um, wobei die schwarzen Röcke ihres Reitkostüms um ihre Stiefel raschelten.

„Möchten Sie mich nach letzter Nacht immer noch heiraten?“

Constantine wusste, dass ein Mann, der bei einer derartigen Frage zögerte, verloren war.

„Ja“, sagte er.

Seine Antwort überraschte sie offenbar. Ihr Blick war so konzentriert, dass sie aussah, als versuchte sie seine Gedanken zu lesen.

Er lächelte. „Tatsächlich kann ich mir im Moment nichts vorstellen, was ich lieber täte.“

Aus grauen Augen sah sie ihn groß an. „Wirklich?“

„Wirklich.“

„Obwohl ich vor Ihnen davongelaufen bin?“

„Sie waren nicht auf einen solchen Ausbruch meiner Leidenschaft vorbereitet“, antwortete er langsam. „Die Schuld liegt bei mir. Ich kann mich durch nichts rechtfertigen, außer vielleicht, dass ich den Kopf verloren habe, weil Sie mich so betören.“

Sie errötete schon wieder höchst reizend über dieses indiskrete Kompliment. Ihr schwarzer Kastorhut war der perfekte Rahmen für ihre kastanienbraunen Locken und all die unterdrückten Gefühle hatten in ihrem Blick ein kühles Feuer entzündet. Ihre Lippen waren wie gemacht zum Küssen. Es war, als hätte ein grausamer Gott Constantines Schwur, er wolle sich benehmen, gehört und quälte ihn nun damit.

Doch er würde sich trotz aller Versuchung benehmen. Er wollte mehr von dieser Frau. Die Ehe war eine ernste Angelegenheit, deshalb hatte er sie ja bisher so geflissentlich gemieden. Und um Jane zu verführen, brauchte man offenbar mehr Geduld, Raffinesse und Selbstbeherrschung, als selbst er vermutet hatte.

„Die letzte Nacht war für mich sehr verwirrend“, fügte er in einem Anfall von Ehrlichkeit hinzu.

Nicht beeindruckt von dieser Enthüllung, die ihn doch einiges gekostet hatte, schüttelte sie den Kopf.

„Sie verstehen nicht.“ Sie sah aus, als wollte sie die Hände ringen, doch am Ende fuhr sie sich nur über das Gesicht. „Sie verstehen nicht und ich kann es Ihnen einfach nicht erklären.“

„Bin ich denn so Furcht einflößend?“ Er sagte es leichthin, um seine echte Sorge zu verbergen.

Sie antwortete nicht, doch ihre Aufregung schien in Wellen von ihr abzustrahlen.

Nach einem Augenblick fügte er hinzu: „Wissen Sie, ich denke immer, man sollte besser einem Sünder beichten als einem Heiligen. Sünder haben viel mehr Mitgefühl.“ Er dachte darüber nach. „Jedenfalls schwingen sie sich nicht so oft zum Richter auf.“

Seine Worte schienen sie zu beeindrucken, auch wenn die Logik vielleicht etwas zweifelhaft war. Sie kaute eine Weile auf ihrer Unterlippe und drehte sich dann zu ihm um. Er erwiderte den Blick, ohne zu lächeln. Er forderte sie wortlos auf, ihm ihr schreckliches Geheimnis zu offenbaren.

Ihre Lippen teilten sich, ihr Blick wurde weicher. Eine ihrer herrlichen Locken fiel ihr ins Gesicht.

Dann wandte sie ihren Blick abrupt wieder ab. Sie atmete lang und zittrig aus und der Wind trug ihr Geheimnis davon.

In seiner Brust keimte ein Schmerz, der dort nichts zu suchen hatte. Warum zum Teufel sollte sie sich ihm anvertrauen? Was würde er mit ihren Ängsten anfangen?

Sie zehn Mal schlimmer machen, hätte sein Vater gesagt.

„Ich muss zurück.“ Vor Enttäuschung klang seine Stimme ganz rau. Es war albern und unvernünftig von ihm, aber er wünschte sich so sehr, dass sie ihm vertraute.

Er erhob sich und setzte sich den Hut auf.

Jane nickte. Sie konnte ihn immer noch nicht ansehen. Einen Augenblick schaute er auf ihren dünnen schwarzen Schal, der von ihrem Hut auf ihre Schultern floss. Er wollte das beunruhigende Gefühl abschütteln, das ihn veranlasste, ahnungslos neben ihr zu verharren.

Das Schweigen zwischen ihnen schien sich unendlich auszudehnen.

Schließlich räusperte er sich. „Jane, tun Sie mir bitte einen Gefallen?“ Er zog sich die Handschuhe an.

Sie versteifte sich. „Ja?“

Er blickte zur Hecke und dann auf ihr Pferd. „Bitte nehmen Sie den längeren Weg nach Hause.“