27. Kapitel
Zur Hölle! Was hatte sie nun schon wieder vor?
Constantine hatte es das ganze Dinner über vermieden, ihr in die Augen zu sehen. Nun konnte er den Blick nicht von ihr wenden, wie sie so dastand, so königlich und souverän. Der Diener hinter ihr sah aus wie ihr Leibwächter.
Sie sprach mit klarer, tiefer Stimme. „Sie alle werden die Neuigkeiten gehört haben, dass ich und Lord Roxdale - der augenblickliche Lord Roxdale - verlobt waren.“
Ihr Teint rötete sich ein wenig, ansonsten aber blieb sie ruhig. „Ich sage verlobt waren, weil wir nicht länger verlobt sind. Ich möchte jedoch ganz deutlich sagen, dass Lord Roxdale nicht für den Bruch zwischen uns verantwortlich ist. Es war meine Schuld. Ich habe einen schrecklichen Fehler begangen, einen Fehler, den ich bitter bereue, denn ich habe ihn falsch beurteilt.“ Sie schaute sich am Tisch um und ließ den Blick einen bedeutsamen Augenblick auf seiner Mutter ruhen. „Ich glaube, viele hier haben sich dessen schuldig gemacht. Schuldiger vielleicht, als ihnen je bewusst sein wird.“
Sie atmete tief durch. „Wenn Seine Lordschaft sich dazu durchringen könnte, mir zu verzeihen, würde ich ... “ Ihr versagte die Stimme, und sie schüttelte kaum merklich den Kopf. „Ich liebe ihn“, sagte sie mit einer Spur Trotz. „Und ich würde alles dafür geben, wenn ich seine Frau sein könnte.“
Jane, Jane, was sagst du da nur?
Energisch begegnete Jane seinem Blick und hob das Glas. „Und jetzt bringe ich einen Toast aus auf den besten, mutigsten, ehrenhaftesten Gentleman, den ich je kennenlernen durfte.“
Im Raum wurde es still. Zweifellos waren die Gäste ebenso fassungslos und schockiert wie er selbst. Etwas Hartes, Scharfes saß in seiner Kehle fest. Sie hatte so überzeugt gesprochen, als wäre es ihr wirklich ernst. Und sie hatte es in aller Öffentlichkeit gesagt. Jeder hatte es gehört.
Plötzlich ertönte von weiter unten am Tisch eine weibliche Stimme: „Hört, hört!“
Lady Arden natürlich. Er atmete zittrig ein. Nach der gestrigen Konfrontation hatte er befürchtet, sie habe sich ganz von ihm losgesagt.
Dann geschah etwas überaus Merkwürdiges. Montford sagte: „Auf Roxdale!“ Dann hob er sein Glas, prostete seihen Gästen zu und trank.
Unter ähnlichem Gemurmel hoben andere das Glas und folgten dem Beispiel des Dukes. Constantine wurde die Brust ganz eng. Er sah, wie seine Mutter mit bebendem Mund ebenfalls das Glas erhob.
Das Gemurmel am Tisch wurde immer lauter. Montfords Gäste waren verwirrt. Einige waren angenehm erregt, andere maßlos neugierig. Doch wenn der Duke of Montford seinen Segen so öffentlich und so vollmundig gab, konnte niemand zurückstehen.
Nur seine Schwester Lavinia saß stocksteif da, zwei hektische rote Flecken auf den Wangen.
Sie würde ihm nie vergeben. Und wenn er sich die bitteren Falten ansah, die sich in ihr Gesicht gegraben hatten, gelangte er allmählich zu der Einsicht, dass es nicht sein Verlust war, sondern ihrer.
Nun konnte er Janes Blick nicht länger ausweichen. Er sah auf. Tränen glitzerten in ihren Augen und die Hand, mit der sie das Glas in die Höhe hielt, zitterte. Für jemanden, der so ungern im Mittelpunkt stand wie sie, hatte sie an diesem Abend Unmögliches vollbracht.
Die Wunde, die sie ihm in Lazenby geschlagen hatte, verheilte binnen Sekunden. Plötzlich wurde ihm ganz warm ums Herz vor Liebe zu Jane.
Sie liebte ihn. Vor all den Zeugen hatte sie ihm an diesem Abend ihre Liebe erklärt. Nicht nur das, sie hatte ihren eigenen Ruf riskiert, um den seinen zu retten.
Die Witwe neben ihm stieß ihm den knochigen Ellbogen in die Seite. „Nur Mut. Sie müssen antworten.“
Das musste er.
Langsam erhob sich Constantine. Sein Blick brannte sich in Janes Gesicht, während diese sich auf ihren Stuhl zurücksinken ließ, um ihm die Bühne zu überlassen. Atemlose Stille senkte sich auf den Raum, die Luft war von Spannung erfüllt.
Er brauchte ein paar Augenblicke, bis er seine Stimme gefunden hatte. Rau sagte er: „Lady Roxdale erweist mir große Ehre.“
„Hören Sie sofort auf!“
Ein Stuhl ging zu Boden. Trent hatte ihn hastig umgestoßen und kam nun um den Tisch geeilt. Er stieß einen Diener weg, der ihm im Weg stand, und baute sich vor Constantine auf. „Ich weiß nicht, was für Lügen Sie diesen Leuten erzählt haben, aber ich bin hier, um ihnen die Wahrheit über Sie zu erzählen!“
Zwischen zusammengebissenen Zähnen stieß Constantine hervor: „Setzen Sie sich, Sie Esel.“
Vor Zorn lief Trent rot an. Er kniff die Augen zusammen. Schnaufend erklärte er: „Nein, ich werde nicht still sein. Ich habe schon viel zu lang geschwiegen! “ Verächtlich schürzte er die Lippe. „Sie können Lady Roxdale nicht heiraten. Sie sind es ja noch nicht einmal wert, ihr die Stiefel zu halten.“
Constantine lächelte milde. „Nun, da haben wir schon einen Punkt, in dem wir übereinstimmen, Trent.“ Er wandte sich zu Jane. „Aber wenn Mylady mich haben will, dann bin ich nicht so edelmütig, sie abzuweisen.“
„Sie Halunke“
Trent packte Constantine an der Schulter und drehte ihn zu sich herum. Constantine wich dem Faustschlag aus, der auf seinen Kopf zielte, packte Trent am Arm und presste ihn in seinen Rücken, bis Trent sich nicht mehr rühren konnte.
Er flüsterte. „Sie machen sich lächerlich, Trent, und blamieren Lady Roxdale. Verschwinden Sie, sonst verabreiche ich Ihnen die Tracht Prügel.“
DeVeres Stimme dröhnte über den Tisch: „Zum Teufel mit dir, Trent! Roxdale ist dutzendmal so viel wert wie du, du übler kleiner Wurm. He, Sie da!“ Er deutete auf die Reihe von Dienstboten, die an der Wand standen. „Schaffen Sie ihn fort. Mir wird schlecht, wenn ich ihn bloß sehe.“
Trent hörte auf sich zu wehren und riss überrascht den Mund auf. Die Abtrünnigkeit seines Verwandten machte ihn sichtlich fassungslos.
Auch Constantine war wie vom Donner gerührt. Trotz seiner Wut auf Trent, hatte de Vere ihm ein Kompliment gemacht, das er nicht ignorieren konnte.
Janes waghalsige Liebeserklärung hatte alle am Tisch zu Verbündeten gemacht. Constantine hatte sich nie um Montfords Anerkennung bemüht, doch es wäre gelogen gewesen, wenn er behauptet hätte, sie bedeute ihm nichts. Auf Lady Ardens Unterstützung konnte er zählen, das hatte er inzwischen gelernt, aber dass auch noch de-Vere sich auf seine Seite schlug, war beispiellos. Ein deVere, der einen Black gegen jemanden aus der eigenen Familie unterstützte? Wer hätte das gedacht?
Wie betäubt sah Constantine sich unter Montfords Gästen um. Durch Janes kühnes Manöver war Constantine von drei mächtigen
Mitgliedern der vornehmen Gesellschaft nicht nur akzeptiert, sondern öffentlich angenommen worden. Der verlorene Sohn war zurückgekehrt und er war mit offenen Armen empfangen worden.
Sie hatte das Unmögliche geschafft. Durch das freimütige Eingeständnis ihres Fehlers und ihre kühne Liebeserklärung hätte sie sich auch der Lächerlichkeit preisgeben können. Doch sie hatte es riskiert, um seinetwillen.
Für ihn.
Sie hatte an seine Ehre geglaubt und sie verteidigt, wo er schon lange aufgegeben hatte.
Roxdale nickte zwei Dienern zu und stieß Trent in ihre Richtung. „Weisen Sie ihm die Tür.“
Ausdruckslos blickten beide zu ihrem Dienstherrn. Montford nickte ihnen leicht zu, dann wandte er sich seiner Tischnachbarin zu und nahm die Unterhaltung wieder auf, als wäre nichts geschehen.
„Dafür geben Sie mir Satisfaktion!“ Trent spie die Worte förmlich aus. Seine Stimme wurde immer schriller und er verlor vollkommen die Kontrolle über sich. „Sie haben Sie verhext! Sie haben Sie alle betört, aber ich habe Sie durchschaut, Sie elender Bastard!“
Die Welt schien stillzustehen, als Trent seinen Handschuh aus der Tasche zerrte, sich von den Dienern losriss und Constantine den Handschuh ins Gesicht schlug.
Heißer Zorn brachte Constantines Blut zum Kochen. Eine solche Herausforderung konnte er nicht abtun und dieses Mal hatte er auch nicht vor, es zu tun.
Vor vielen Jahren hatte er in einem Duell um Amandas Ehre beinah einen Mann getötet. Er hatte sich geschworen, dass er sich nie wieder in eine so dumme, tödliche Lage manövrieren ließe. Seither hatte er, egal was geschah, immer einen kühlen Kopf bewahrt. So sehr er auch provoziert werden mochte, er hatte sich von niemandem reizen lassen, jene schreckliche Erfahrung auf Hampstead Heath zu wiederholen.
Bis zu diesem Tag.
Plötzlich hörte er wieder die Stimme seines Vaters. Deine Ehre ist dein kostbarster Besitz, Constantine. Verteidige sie mit deinem Leben.
Zu Lebzeiten seines Vaters hatte er nie versucht, seine Ehre wiederherzustellen. Aber es war noch nicht zu spät, sie zu verteidigen.
Ein gefährliches Lächeln breitete sich in seinem Gesicht aus.
„Constantine, nein!“, hörte er Janes verängstigte Stimme von der anderen Seite des Tischs.
Er ignorierte sie, strich seinen Rock glatt und rückte seine Manschetten zurecht. „Nachdem Sie es so ausdrücken, Trent, bleibt mir wohl nichts anderes übrig als anzunehmen!“
Im Raum wurde es totenstill. Ein Blick auf Jane sagte ihm, dass sie vor Angst umkam. Ihr Gesicht war kreidebleich.
Träge ergriff der Duke das Wort: „Wenn die beiden Herrschaften ihre überaus interessante Unterhaltung beendet haben, könnten wir uns vielleicht unserem Dinner wieder zuwenden.“
Jane hörte kaum Rosamunds leise Stimme, mit der sie die Damen einlud, sich aus dem Speisezimmer zurückzuziehen.
Nein. Nein. Nein. In ihr sträubte sich alles. Sie konnte kaum noch einen klaren Gedanken fassen. Wie konnte er nur? Wie konnte sie es zulassen? Trent war wütend genug, dieses Duell auf Leben und Tod auszufechten. Sie konnte sich nicht vorstellen, dass sein Zorn sich durch eine saubere kleine Stichwunde am Arm beschwichtigen ließe.
Und wenn Constantine Trent umbringen würde? Er würde England verlassen müssen. Sie hatte so große Hoffnungen in diesen Abend gesetzt und nun lag die Zukunft zerbrochen zu ihren Füßen.
Sie sah, dass Constantine mit mehr Appetit aß als zu Beginn des Abends. Hin und wieder neigte er den dunklen Kopf zu seiner Tischnachbarin und lächelte, als hätte er keinerlei Sorgen. Janes Blick begegnete er kein einziges Mal.