25. Kapitel

Constantine sah dem Duke unverwandt in die Augen. Nichts von dem, was er sagen würde, könnte ihn je umstimmen. Doch wenn es um Finanzen ging, sollte er sich wohl anhören, was Montford zu sagen hatte.

Er wies auf einen Stuhl und sie beide nahmen Platz.

Der Duke machte es sich bequem, schlug ein Bein über das andere und wirkte vollkommen entspannt. „Ich habe Frederick etwa einen Monat vor seinem Tod gesehen. Er wusste, dass es mit ihm zu Ende ging. Er rechnete schon seit einiger Zeit mit seinem Tod.“

Das weckte Constantines Interesse. Er sagte jedoch nichts und wartete, dass Montford fortfuhr.

„Frederick war sehr erregt, weil er wusste, dass das Anwesen an Sie übergehen würde.“

„Wenn ihm das solche Sorgen bereitete, warum hat er dann nicht für einen Erben gesorgt?“, knurrte Constantine. „Ich habe nie damit gerechnet, einmal alles zu bekommen.“

„Wie auch immer, die Ehe blieb kinderlos.“ Wenn der Duke den Grund dafür ahnte, ließ er es sich nicht anmerken.

„Es war meine Idee, das Erbe aufzuteilen“, sagte Montford.

Die Nachricht traf Constantine wie ein Schlag. „ Was?“ Er bekam kaum Luft. „Sie stecken dahinter?“

Montford breitete die Hände aus. „Jane ist eine intelligente und charakterstarke Frau. Frederick stimmte mit mir darin überein, dass nur Jane Sie daran hindern konnte, das Erbe innerhalb kürzester Zeit zu verspielen. Unser Plan war natürlich, dass Sie beide heiraten.“

„Mein Gott“, wisperte Constantine erschrocken, „das ist ja unglaublich!“

Der Herzog fuhr fort, als hätte Constantine nichts gesagt. „Falls aus der Heirat jedoch nichts werden sollte, hat Frederick mich eingesetzt, damit ich einen Blick darauf habe, wie Sie in Ihrer neuen Rolle aufgehen. Wenn ich Sie für würdig erachtete, hatte ich Anweisung, Mittel freizugeben, die treuhänderisch für Sie verwaltet werden. Wenn Sie sich aber innerhalb von sechs Monaten nicht bewähren würden, würden Sie das gesamte Vermögen an Lady Roxdale verlieren.“

Constantine war immer noch mit dem ersten Teil dieses unglaublichen Geständnisses beschäftigt. „Aber Sie haben mir verboten, an Heirat auch nur zu denken!“

Montford neigte den Kopf. „Sie sind ein so halsstarriger junger Heißsporn, Roxdale, dass es dumm gewesen wäre, wenn ich es nicht getan hätte. Und damals habe ich auch gemeint, was ich gesagt habe. So wild und ungestüm, wie ich Sie damals eingeschätzt habe, konnte ich nicht leichten Herzens gestatten, dass Sie Jane heiraten. Jetzt jedoch ...“

Er zuckte mit den Schultern. „Ich habe Sie bei der Überschwemmung erlebt und ich habe mit Ihrem Verwalter und Ihren Pächtern gesprochen. Trotz ihres jüngsten Verhaltens Lady Roxdale gegenüber, dachte ich, und ehrlich gesagt denke ich es immer noch, dass Frederick Ihre Integrität und Ihre Fähigkeiten als Gutsherr falsch beurteilt hat. Daher bin ich bereit, den Treuhändern zu empfehlen, dass sie die Mittel für Sie freigeben. Lady Roxdale bekommt ihr Wittum, damit ist sie gut bedient.“

Constantine war sich bewusst, dass er Genugtuung empfinden müsste. Das Landgut war gerettet. Er würde das Darlehen zurückzahlen und die Weberei retten können.

Er war frei.

Aber er fühlte sich alles andere als erlöst.

Er betrachtete den Duke. „Das tun Sie doch nicht aus reiner Selbstlosigkeit.“

Montford hob die Augenbrauen. „Natürlich nicht. Warum sollte ich auch? Fredericks Familie hatte nichts dagegen, Janes Erbe anzunehmen, als sie es benötigte. Das Mindeste, was sie tun konnten war, ihren Teil der Abmachung zu erfüllen und bei Fredericks Tod Ersatz zu bieten. Frederick machte sich nicht die geringsten Illusionen, dass meine Motive rein sein könnten. Aber er war in der Zwickmühle. Er wusste, dass Sie Anspruch auf den Besitz haben, aber er wollte sich rückversichern, dass Sie Ihre Pflichten auch ernst nehmen würden. Die Lösung, die ich vorschlug, kam ihm zupass.“

„Sie haben mich, nein, uns die ganze Zeit manipuliert!“

„Ich habe Sie wie Marionetten tanzen lassen, ja“, murmelte der Duke mit zynischem Lächeln. „Ich habe Sie dazu gebracht, Lady Roxdale nachzulaufen und Sie dann sich selbst überlassen. Ich wusste ja, dass Lady Arden bald anreisen würde, um nachzuhelfen.“ Er hob die Augenbrauen. „Das war schlau von mir, nicht wahr? Aber ich habe mich verkalkuliert, Roxdale, denn ich habe nicht damit gerechnet, dass Jane sich in Sie verlieben würde.“

Constantine schnürte es die Brust zusammen. Harsch sagte er: „Das hat sie ja auch nicht.“

„Das ist nicht das, was sie sagt. Und auch nicht das, was ich beobachtet habe.“ Montford erhob sich. „Ich sage Ihnen jetzt, dass ich diesen Aufruhr für Jane nicht gutheißen kann. Sie hat sich schon als Kind immer so gesorgt. Sie braucht Frieden und Stabilität, aber mit Ihrem überbordenden Stolz und Ihrer wilden Leidenschaft können Sie ihr das nicht bieten. Ich werde Jane überreden, Sie von der Verlobung zu entbinden, dann reden wir nicht mehr von Ihrem Versuch, sie sitzen zu lassen.“

Der Duke breitete die Hände aus. „Sie bekommen also Ihre kostbare Freiheit. Dann brauchen Sie Jane nicht mehr.“

Constantine wusste, dass es nicht stimmte. Er spürte einen tiefen Stich in seinem Herzen und sein Magen drehte sich um. Er stützte den Kopf in die Hände. Seine Gefühle waren in einem derartigen Aufruhr, dass er meinte, verrückt zu werden.

Von weit her kam die Stimme des Dukes. „Ich werde die nötigen Vorkehrungen treffen. Sie können alles mir überlassen. Sie sind ein äußerst reicher Mann. Ich wünsche Ihnen viel Freude damit.“ „Freude.“ Seine Stimme brach. Bei der bloßen Vorstellung hätte er am liebsten gelacht wie ein Irrer, aber er schien nicht in der Lage, noch einen Laut von sich zu geben.

„Bis dahin“, sagte Montford, „habe ich noch zwei Bitten an Sie. Sie haben eine Einladung zum Ball in Montford House morgen Abend. Kommen Sie ihr bitte nach, aber suchen Sie sich für den Abend eine Freundin.“

Oh Gott, nein! Für diese Bitte konnte es nur einen Grund geben. Constantine blickte zum Duke auf. „Sie ist hier? In London? Sie will auf den Ball?“

Montford nickte. „Sie werden nicht mit ihr sprechen. Sie werden sie nicht ansehen. Sie werden ihr und allen anderen klarmachen, dass Sie nicht die Absicht haben, diese unselige Verlobung fortzuführen. Und dann werden Sie gehen und sie nie Wiedersehen.“

Der Duke hielt inne. „Meiner Erfahrung nach heilen derartige Wunden sehr viel schneller, wenn man einen sauberen Schnitt zieht. Geben Sie ihr einen Grund, Sie zu hassen, dann wird sie schon bald über Sie hinwegkommen.“

Er hätte vollkommen mit Montford übereinstimmen müssen, doch alles in ihm lehnte sich dagegen auf. Er wollte verdammt sein, wenn er diesen Ball besuchte und sich dort quälte. Er würde keine wildfremde Frau benutzen, um Jane eifersüchtig zu machen ... und ihr die Trennung zu erleichtern.

Er wollte doch, dass sie litt! Allzu bald würde sie ihn vergessen haben und einen Musterknaben heiraten, irgendeinen Protégé von Montford. Jemanden, der besser geeignet war als er.

Er wehrte sich dagegen, doch die Worte entschlüpften ihm dennoch. „Am Ende werden Sie sie wohl mit Trent verheiraten.“ „Nein“, sagte Montford. „Trent mag ich noch weniger als Sie.“ Constantine lachte zynisch auf. „Und die zweite Bitte?“ „Überlassen Sie mir die Vormundschaft für den Jungen.“

„Nein.“ Das kam nicht infrage. Luke brauchte ihn und hing von ihm ab. Der Himmel wusste, was der Duke mit dem Jungen vorhatte.

Der Duke hob die Augenbrauen. „Ach, nun kommen Sie, Roxdale. Sie können sich doch unmöglich mit einem sechsjährigen Kind belasten wollen.“

„Ich habe Nein gesagt. Ich habe Lady Roxdale versprochen, dass er sie oft besuchen kommt, aber Luke gehört nach Lazenby Hall. Er gehört zu mir.“

„Wenn Sie daran denken, ihn als eine Art Verhandlungsmasse zu benutzen ...“

„Beurteilen Sie mich nicht nach Ihren Standards, Euer Gnaden“, sagte Constantine harsch. „Wir können jetzt gleich Besuchstermine vereinbaren, wenn Sie möchten. Ich muss mich dazu nicht mit Jane persönlich absprechen.“

Noch einmal wurde das Messer in seiner Wunde herumgedreht. Er hatte gedacht, Amandas Verrat hätte ihn für immer gezeichnet. Doch die schwache Zuneigung, die er für sie empfunden hatte, war wie eine Kerze neben der Sonne, wenn er sie mit seiner Liebe zu Jane verglich. Liebe.

Oh Gott. Es war, als öffnete dieses stille Eingeständnis die Schleusen für neue Fluten des Schmerzes, die größer waren als alles, was er bisher erlebt hatte.

Gerade sagte der Duke etwas. Er zwang sich zuzuhören.

„Haben Sie je herausgefunden, wer Lukes Vater ist?“

„Nein, aber ich habe einen gewissen Verdacht.“ Er rutschte auf seinem Stuhl herum. „Allwissend, wie Sie sind, haben Sie sicher die Gerüchte gehört, er wäre mein Sohn.“

„Ich habe dergleichen gehört. Das war wohl der Grund, warum Ihr Onkel den Jungen aufgenommen hat.“

„Nun, er ist nicht mein Sohn, aber mit meinem Onkel haben Sie vermutlich recht. Ich denke, das ist auch der Grund, warum er Luke so gut versorgt hat.“ Wieder drohte ihn ohnmächtiger Zorn zu überwältigen. Sein Onkel hatte seine schlechte Meinung über Constantine mit ins Grab genommen.

Der Duke beugte sich vor. „Sehr interessant. Da fragt man sich, wessen Sohn Luke denn nun ist.“

Montford glaubte ihm so einfach? In Constantines Herzen kämpften die widerstrebendsten Gefühle gegeneinander. Er wollte diesem Mann keine Dankbarkeit entgegenbringen.

Er biss sich auf die Lippe. Er konnte den Verdacht, den er hegte, noch nicht beweisen und er würde nichts damit erreichen, wenn er Mutmaßungen aussprach. „Keine Ahnung.“ Er zuckte mit den Schultern. „Vielleicht Trent? Er war in der Nähe, hatte jede Menge Gelegenheit.“

„Und ist genau der Typ Mann, der sich im Haus eines Gentlemans an die Dienstmädchen heranmachen würde“, vollendete Montford den Satz. Seine Nasenflügel waren vor Widerwillen geweitet.

Eine neuartige Erfahrung, dass jemand seine Partei ergriff und nicht die des anscheinend so engelhaften Adam Trent.

„Ich habe keinen Beweis, er würde es nie zugeben, also belassen wir es dabei.“

„Ja, das halte ich für das Beste.“ Der Duke hielt inne. Er betrachtete Constantine mit mehr Freundlichkeit, als er ihm je hatte zuteilwerden lassen. „Wie ich sehe, empfinden Sie stark für den Jungen. Aber ich fürchte, dieser Punkt ist nicht verhandelbar. Lady Roxdale will den Jungen. Und ich glaube, dass er sie auch braucht. Es wäre selbstsüchtig von Ihnen, die beiden voneinander zu trennen.“

Constantine fuhr mit den Fingern durch sein Haar. Jane würde sich gut um Luke kümmern, schließlich liebte sie Luke seit Jahren. Er hingegen war neu in Lukes Leben und könnte leichter wieder daraus verschwinden. Montford hatte recht, es wäre für den Kleinen weniger schmerzlich, wenn er bei Jane blieb. Aber Luke musste erfahren, dass Constantine ihn schätzte. Dass er ihn nicht einfach seinem Schicksal überlassen und sein Versprechen gebrochen hatte.

Schließlich atmete er tief durch. „Sie haben recht. Sie kann ihn bekommen. Aber ich bleibe sein Vormund, daran lasse ich nicht rütteln. Und er wird jeden zweiten Sommer auf Lazenby Hall verbringen.“ Er fixierte Montford. „Und das ist ebenfalls nicht verhandelbar.“

Den Jungen gehen zu lassen fiel ihm weitaus schwerer, als er für möglich gehalten hätte. Unabhängig von seiner Zuneigung zu Luke hatte er das Gefühl, dass nun auch das letzte Verbindungsglied zwischen ihm und Jane durchtrennt worden war. Natürlich lag das in Montfords Absicht.

Der Duke überlegte. „Das erscheint mir gerecht. Solange Sie sich bereit erklären, keinen weiteren Kontakt mit Lady Roxdale zu pflegen. Alle Kommunikation läuft über mich, nicht über Jane.“

Jane. Jedes Mal, wenn der Duke ihren Namen aussprach, war es ihm, als würde ein Schwert ganz langsam sein Herz zerteilen. Constantine senkte den Blick, damit Montford seine Qual nicht sah.

„Oh, beinah hätte ich es vergessen.“ Der Duke zog einen versiegelten Brief heraus und reichte ihn ihm. „Frederick hat Ihnen noch kurz vor seinem Tod geschrieben und Ihnen alles so erklärt, wie ich es Ihnen beschrieben habe.“

Constantine nahm den Brief und fuhr mit dem Daumen über den Abdruck eines Siegels, das nun ihm gehörte. Ohne sich darum zu kümmern, ob Montford ging oder blieb, erbrach Constantine das Siegel und faltete den Brief auseinander.

Die Schrift verschwamm vor seinen Augen. Gott, er war so müde. Doch plötzlich klärte sich sein Blick und Constantine wurde hellwach. Es war keine Erklärung, es war ein Geständnis über ein schweres Verbrechen.

Ich weiß, dass es verachtenswert von mir war, meinen Vater in dem Glauben zu lassen, dass das Kind von dir war, Constantine. Aber du warst ohnehin schon wegen Amanda in Ungnade gefallen. Ein weiterer Makel machte da kaum einen Unterschied, während ich auf Lazenby zu einem wahren elenden Leben verdammt worden wäre, wäre die Wahrheit jemals herausgekommen.

Ich habe mir eingeredet, dass es gerechtfertigt sei, dass es genauso gut du hättest sein können. Aber seitdem ich seit einigen Monaten im Schatten des Todes lebe, habe ich mich mit der Angelegenheit auseinandergesetzt. Die Verantwortung liegt bei mir. Ich hätte Manns genug sein müssen, sie gleich zu akzeptieren.

Tief im Inneren hatte er es immer gewusst. Nicht Trent, Frederick hatte ihn bis zum Schluss hintergangen.

Die Unverfrorenheit, mit der sein Cousin ihm das angetan hatte, raubte Constantine den Atem und die letzte Kraft. Schweigend reichte er Montford den Brief. Nach einer Weile sagte der Duke: „Da haben wir also unsere Antwort. Zumindest brauchen wir jetzt nicht zu befürchten, dass Trent Ansprüche auf das Kind erhebt.“

Er legte den Brief auf den Tisch. „Ich würde das an Ihrer Stelle sicher verwahren. Man weiß nie, wann Sie es noch einmal brauchen können.“

Constantine hörte kaum zu. Er war wie betäubt und völlig verstört. Er hatte damit gelebt, dass ihm sein Onkel und vielleicht auch die übrige Familie eine unverzeihliche Sünde zugetraut hatten. Aber dass Frederick höchstpersönlich sie so belügen konnte.

Kummer und Enttäuschung lasteten so schwer auf Constantine, dass er sich kaum aufrichten konnte. Erst Jane, und nun das. Sein Onkel war in dem Glauben gestorben, er hätte sich einem Dienstmädchen in seinem Haus aufgedrängt. Hatte sein Vater auch davon gehört? Seine Mutter? Seine Schwestern? Glaubten sie alle, er hätte das getan? Er hatte nie versucht, sich in ihren Augen zu rechtfertigen.

Constantines Leben, das noch vor einer Woche so reich und vielversprechend gewirkt hatte, lag nun vor ihm wie ein Trümmerfeld.

„Ich verabschiede mich“, sagte der Duke ruhig. „Bis morgen Abend.“

Constantine blickte nicht auf.

Eine lange Pause trat ein. Dann sagte Montford: „Ich empfehle Ihnen, sich nach Lazenby zurückzuziehen, wenn das alles hier vorüber ist. Bitte verzeihen Sie die Bemerkung, aber Sie sehen arg mitgenommen aus.“

„Ich muss ihn zurückgewinnen.“ Jane wandte sich an ihre Cousinen. „Rosamund, Cecily, ich brauche eure Hilfe.“

Jane und Luke hatten Lady Arden am Abend zuvor an deren Haustür abgesetzt und sich dann müde nach Montford House begeben. Sie trafen mitten in die Vorbereitungen zum jährlichen Ball des Dukes, weshalb im Haus großer Betrieb herrschte.

Jane hatte wenig geschlafen, doch ein erholsames Bad und die Aufregung hielten sie wach. Ihr schwirrte der Kopf vor Plänen und Mutmaßungen.

Rosamund und Cecily tauschten einen Blick. Schließlich sagte Rosamund: „Liebes, wir würden dir ja helfen, das weißt du, aber“, sie biss sich auf die Lippe, „er macht dich so unglücklich. Vielleicht wäre es am besten, wenn du ihn gehen ließest.“

Jane schüttelte den Kopf. „Du verstehst nicht. Ich liebe ihn. Und ich muss ihn dazu bringen, einzusehen, dass wir zusammengehören. “

Rosamund blieb vor Erstaunen der Mund ein Stück offen stehen. Cecily blinzelte. „Das kommt etwas unerwartet, um es vorsichtig auszudrücken.“

Jane hatte keine Zeit für Zweifel. „Ich weiß, was ihr denken müsst, aber so ist es nicht. Er liebt mich auch, da bin ich mir sicher.“ Sie schlug die Hände zusammen. „Ich muss ihn dazu bringen einzusehen!“

Doch je mehr sie darüber nachdachte, desto hoffnungsloser schien ihr das Vorhaben. Ob Constantine seinen Kummer jetzt in diesem Augenblick wohl ausschweifend verdrängte? Eine Welle des Schmerzes überrollte sie. Jane schloss die Augen.

Mühsam hob sie das Kinn. „Ich brauche eure Hilfe, damit ich morgen Abend auf den Ball gehen kann.“

„Du? Du willst auf einen Ball?“ Cecily warf Rosamund einen Blick zu. „Sie ist tatsächlich verliebt.“

„Ja, und ich will das gewagteste Kleid tragen, das ich finden kann.“ Rosamunds Stirn war noch gerunzelt. „Aber du trägst Trauer.“ Jane schob das Kinn vor. „Ich habe Constantine gesagt, wenn er entschlossen sei, in der Hölle zu schmoren, dann käme ich mit. Wir haben die Einladung zum Ball vor Wochen angenommen, also wird er morgen Abend da sein. Aber mich wird er dort nicht erwarten.“ „Ich glaube nicht, dass er kommt, nach allem, was passiert ist“, sagte Rosamund. „Der Duke war so wütend auf ihn. Lady Arden hat mir gesagt, er hätte Constantine zu einem Duell gefordert.“

„Was?“ Jane sah Rosamund schockiert an.

„Es ist nicht dazu gekommen. Ich glaube, Constantine hat sich geweigert, sich zu duellieren, und Lady Arden hat Montford wieder zur Vernunft gebracht. So ein Kampf würde dem Skandal nur neue Nahrung geben.“ Rosamund schien ihre Worte sehr sorgfältig zu wählen. „Lady Arden hat eine Bemerkung gemacht, die mich verblüfft hat. Sie hat gesagt, dass Seine Gnaden hier tatsächlich einmal seine kühle Gelassenheit verloren hätte. Was könnte wohl der Grund dafür sein?“

Ungeduldig schüttelte Jane den Kopf. „Keine Ahnung. Vielleicht hat ihn Constantine provoziert. Er kann einen mitunter ganz schön reizen.“

„Vielleicht“, stimmte Rosamund zu.

Jane hielt inne. „Du glaubst, er hat seine Kaltblütigkeit aus Sorge um mich verloren?“

Konnte das sein? Dann würde Montford tiefere Gefühle für sie hegen, als Jane je für möglich gehalten hatte.

„Wir helfen dir, nicht wahr, Rosamund?“ Cecily sprang auf. „Holen wir unsere Hüte. Wir gehen in die Bond Street. Wir dürfen keinen Augenblick mehr verlieren. Ich bin absolut bereit, dir zu helfen, wenn du dich empörend benehmen willst.“ Sie blinzelte Jane zu. „Nicht zuletzt deswegen, weil es alle von dem ablenken wird, was ich treibe.“ Das weckte Janes Aufmerksamkeit. „Du hast noch nicht debütiert. Was willst du auf einem Ball denn groß treiben?“

Cecily klimperte mit den dichten Wimpern. „Meine liebe, süße, unschuldige Jane. Du wärst überrascht.“

„Du fürchterliches Ding! “ Doch Jane lächelte. Sie wusste die Bemühungen ihrer Cousine, sie aufzuheitern, zu schätzen. „Macht ihr euch schon mal fertig. Ich muss noch ein Wort mit dem Duke sprechen.“

Montford stand am Fenster seiner Bibliothek und fragte sich, warum ihm bei der ganzen Sache mit Constantine Black so unbehaglich war.

Er hatte doch recht, er wusste, dass er recht hatte. Jane ging es ohne all diesen Kummer und dieses Durcheinander sicher besser. Und doch konnte er seine Zweifel nicht leugnen.

Er wurde doch wohl auf seine älteren Tage nicht sentimental. Ein so hartgesottener Zyniker wie er wünschte sich ein Ende wie im Märchen? Was für ein Unsinn.

Dennoch konnte er das Gefühl nicht abschütteln. Er hatte Constantine Black genau beobachtet, als er ihm von seinem neuen Reichtum berichtete, und hatte statt Jubel oder Erleichterung nur eine tiefe Enttäuschung und Verzweiflung wahrgenommen.

Natürlich war da noch die Angelegenheit mit Luke Black. Montford war nicht in der Lage gewesen, aus Jane etwas Vernünftiges herauszubekommen. Sie hatte behauptet, es spiele keine Rolle, wer den Jungen bekäme, da sie und Constantine ohnehin bald wieder zusammen wären.

Montford seufzte. Wenn junge Leute glaubten, sie hätten sich verliebt, wurden sie unberechenbar, unlogisch und störrisch. Jane war in ihrer Jugend immer so leicht zu beeinflussen gewesen. Es war für ihn eine ganz neue Erfahrung, mit einer verliebten Jane umzugehen.

Ein Kratzen an der Tür bewog ihn, sich umzudrehen. „Jane“, sagte er. „Kommen Sie herein.“

Er führte sie zu einem bequemen Sessel am Kamin und nahm selbst auf dem Sofa Platz. „Ich habe mit Roxdale gesprochen.“

„Ich habe davon gehört“, murmelte Jane. „Verzeihen Sie mir, Euer Gnaden, aber was kann nur in Sie gefahren sein, ihn zum Duell herauszufordern? Ich hätte es nie für möglich gehalten!“

Ja, was war nur in mich gefahren, fragte er sich. Merkwürdigerweise wusste er darauf keine Antwort.

„Bekümmern Sie sich nicht.“

Mit siebzehn Jahren hätte sie sich damit zufriedengegeben. „Aber es kümmert mich“, beharrte sie. „Liegt es daran, weil Sie glauben, er hätte meine Gefühle verletzt?“

„Dies ist eine überaus ungehörige Unterhaltung. Ich habe nur getan, was jeder Mann in meiner Lage tun würde.“

Skeptisch hob sie eine Augenbraue. Sie äußerte sich jedoch nicht weiter zu dem Thema.

„Euer Gnaden!“ Sie erhob sich aus dem Sessel und setzte sich zu ihm auf das Sofa. Zu seiner Überraschung nahm sie sogar seine Hand. „Ich wollte Ihnen danken für Ihre Fürsorge in all den Jahren. Ich bin undankbar gewesen.“

Woher kam das denn nun wieder? „Gern geschehen.“

„Sie wissen es nicht. Ich war undankbar im Herzen.“ Sie seufzte. „Zwischen Frederick und mir stand nicht alles zum Besten. Ich habe Ihnen die Schuld daran gegeben. Aber Sie konnten es gar nicht gewusst haben. Er war schuld und ich, weil ich nichts unternommen habe, um die Situation in Ordnung zu bringen.“

Das alte Gefühl der Hilflosigkeit traf ihn unvorbereitet. Es war ein Gefühl, mit dem er nicht gut zurechtkam. Er blickte auf ihre ineinandergelegten Hände. „Ich habe gespürt, dass Sie unglücklich waren, aber ich hätte Sie nie dazu bringen können, darüber zu reden, daher habe ich die Sache auf sich beruhen lassen. Es tut selten gut, wenn man sich zwischen Mann und Frau stellt.“

„Nein, Sie hätten auch nichts tun können“, sagte Jane. „Seit ich die Verantwortung für Luke trage, ist mir klar geworden, wie schwierig es ist zu wissen, was das Beste für ein Kind ist. Sie hatten sechs Mündel, für die Sie verantwortlich waren, und Sie waren selbst noch recht jung, als wir zu Ihnen kamen. Sie wirkten immer so un...“ Sie unterbrach sich leicht verwirrt.

„Unfreundlich?“

Sie lächelte. „Ich wollte unnahbar sagen.“ Ihr Blick wurde weicher. „Aber Sie haben immer getan, was Sie für richtig hielten. Wenn Sie mich damals nicht an diesem schrecklichen Ort gefunden hätten“, sie schauderte, „wer weiß, was dann aus mir geworden wäre.“ Seine Kehle schnürte sich plötzlich zu. Ihm stockte der Atem und es fiel ihm schwer, etwas zu sagen. „Ich wollte mich mit Roxdale duellieren, weil ich nicht mit ansehen kann, welches Unglück er Ihnen gebracht hat. Obwohl ich sagen muss“, fügte er hinzu und betrachtete sie kritisch, „Roxdale sieht im Moment sehr viel schlimmer aus als Sie.“

In ihren Augen leuchtete Hoffnung auf und er verfluchte sich für diesen Ausrutscher. Was war nur mit ihm los? Sein berechnender Verstand schien in letzter Zeit nicht mehr ganz auf der Höhe zu sein.

Dann runzelte sie die Stirn. „Er braucht jemanden, der sich um ihn kümmert.“ Sie hob den Blick. „Hat er von mir geredet?“

„Im Vorübergehen. Wir haben über Geschäftliches gesprochen und von Luke.“ Jane hatte ein Recht, davon zu erfahren. „Wie es scheint, haben wir uns hinsichtlich Lukes Herkunft alle getäuscht.“ Sie sah ihm in die Augen. „Warum? Wissen Sie, wer Lukes Vater ist?“

Er nickte. „Es war Frederick. Er hinterließ Constantine einen Brief, in dem er alles erklärt.“ Roxdales Anblick, als er die Neuigkeit erfuhr, würde Montford sein Leben lang nicht mehr vergessen. Nie hatte er einen Mann gesehen, der so niedergeschlagen wirkte. „Roxdale hatte Trent in Verdacht. Zumindest mit dieser Möglichkeit müssen wir uns nun nicht mehr herumschlagen.“

„Aber Frederick! Das ist unfassbar! So ein feiger, selbstsüchtiger Lump!“ Sie packte Montfords Hand mit beiden Händen.

„Oh, Euer Gnaden, ich muss zu Constantine. Bestimmt leidet er ganz schrecklich!“

Montford fühlte sich verpflichtet zu sagen: „Er will Sie nicht sehen, Jane. Lassen Sie ihn ziehen.“

Er räusperte sich, entschlossen, seine Aufgabe zu Ende zu bringen. „Roxdale ist bereit, Luke bei uns leben zu lassen, unter der Bedingung, dass er jeden zweiten Sommer auf Lazenby Hall verbringt.“ Janes Lippen zitterten. „So.“ Blind starrte sie auf den Kamin. Wieder empfand Montford Unbehagen. Alle Muskeln in Schultern und Brust spannten sich an. „Ich konnte ihn überreden, die offizielle Ankündigung vom Ende der Verlobung uns zu überlassen.“ „Ich werde ihn nicht freigeben“, sagte Jane ruhig.

„Entweder wir übernehmen es oder er muss die Schande auf sich nehmen, Ihnen den Laufpass zu geben“, sagte Montford. „Wenn Sie ihn wirklich lieben, würden Sie das nicht wollen.“

Sie antwortete nicht, doch er spürte, wie sie ein Stück in sich zusammensank.

Dann sah sie ihn an. „Geht Constantine morgen Abend auch auf den Ball?“

„Ich glaube ja.“

An ihren Wimpern hingen Tränen. „Dann gewähren Sie mir noch diesen einen Abend. Den Ballabend. Bitte, Euer Gnaden. Bevor Sie verkünden, dass die Verlobung gelöst ist.“

Wie sollte er diesem flehenden Blick widerstehen? Wann hatte sie ihn je um etwas gebeten? „Er ist nicht gut genug für Sie, Jane. Sehen Sie doch, was er Ihnen angetan hat.“

Sie schüttelte den Kopf. „Nein. Ich war’s. Ich bin an allem schuld. Ich bin es, die ihm Unrecht getan hat. Können Sie es denn nicht sehen? Ich habe ihm wehgetan! So schlimm und unverzeihlich. Ich bin diejenige, die nicht gut genug für ihn ist.“

„Aber er wäre der letzte Mann auf Erden, der Sie glücklich machen kann.“

Energisch sagte sie: „Constantine hat mir so viel Freude bereitet, dass ich es gar nicht beschreiben kann. Es ist, als wäre ich all die Jahre tot gewesen und er hätte mich zu neuem Leben erweckt. Ich habe mich noch nie so unbeschwert und frei gefühlt. Und er braucht mich, damit ich mich um ihn kümmern und an ihn glauben kann. Ich muss ihn nur dazu bringen, es einzusehen.“

Jane stockte und Montford fragte sich, ob sie es wohl bedauerte, so viel gesagt zu haben.

Ihre kleine Ansprache hatte ihn unwillkürlich berührt. Sie war immer eigenständig gewesen und ruhig. Manchmal hatte sie einen trockenen Humor bewiesen, aber eine solche Lebhaftigkeit, eine solche Leidenschaft, hatte er an ihr noch nicht erlebt. Offenbar hatte Black ihr doch gutgetan.

Er zögerte. In Anbetracht seiner Haltung heute wäre es ein wahres Wunder, wenn sie Lord Roxdale an einem einzigen Abend umstimmen könnte. Und wenn es ihr gelang, dann würde er ihr ihren Willen lassen müssen. Sie war jetzt unabhängig von ihm. Er konnte nicht viel dagegen unternehmen, wenn sie beschloss, ihrem Herzen zu folgen. Lady Arden hatte recht. Er wollte Jane nicht noch einmal verlieren. „Also schön“, sagte er schließlich. „Ich gebe Ihnen einen Abend.“ Sie warf ihm die Arme um den Hals und küsste ihn auf die Wange. Ihre Augen leuchteten wie Sterne. Er blickte auf sie herab und wurde zurückversetzt in eine Zeit, als sie ihn immer so angesehen hatte. Ihren Prinzen hatte sie ihn genannt, als er sie aus diesem elenden Gästehaus in den Elendsvierteln gerettet hatte.

Aber so warmherzig hatte sie ihn noch nie umarmt. Er war immer so sorgsam darauf bedacht gewesen, Distanz zu wahren. Er hatte nie riskieren wollen, dass man ihn, was seine Mündel anging, der Unkorrektheit bezichtigte. Zum ersten Mal ließ Montford alle Vorsicht fahren. Er schloss die Arme um sie und drückte sie an sich.

Und ihm kam der Gedanke, dass Roxdale sich glücklich schätzen durfte, die vorbehaltlose Zuneigung dieser jungen Frau gewonnen zu haben. Nun war Roxdale ihr Prinz, und genauso sollte es auch sein.

Aber wenn ihr Prinz nicht um sie kämpfen wollte, hatte er eine solche Frau auch nicht verdient. Wenn er doch kämpfte, vielleicht würde Montford dann seine Einwände überdenken -zum Wohl der Familie natürlich. Lazenby war immer noch ein begehrenswerter Fang, egal, wer dort Herr war.

Was auch geschehen würde, im Augenblick genoss er es, sein kleines Mädchen wiederzuhaben. Freiwillig würde er nichts tun, um dieses zerbrechliche Einvernehmen zu zerstören.

Er gab einer spontanen Regung nach und küsste Jane auf den Scheitel. „Am Ende wird alles gut, meine Kleine. Sie werden schon sehen.“