24. Kapitel
Luke saß im Schneidersitz am Fenster und beobachtete Jane, wie sie die Dienstboten beim Packen dirigierte. Es war so tröstlich, dass er da war. Luke gab sich überraschend fürsorglich. Hatte er den Grund für Constantines verfrühten Aufbruch etwa erraten?
Oder war Luke wie die meisten Kinder und spürte einfach, wenn etwas schiefging.
„Lady Arden hat zugestimmt, dass wir im ersten Morgengrauen aufbrechen“, sagte Jane energisch. „Ich möchte London so schnell wie möglich erreichen, aber wir werden unterwegs anhalten müssen. Ich habe Higgins gesagt, dass sie für dich packen soll, aber suche dir doch wenigstens ein paar Bücher oder Spiele zusammen, die du mitnehmen möchtest.“
Er zögerte, als widerstrebe es ihm, sie zu verlassen, doch sie lächelte beruhigend. „Geh ruhig. Ich bin hier fast fertig.“
Jane stand am Fenster und blickte auf die lange gerade Auffahrt hinunter. In ihrer Vorstellung sah sie Constantine, der wie ein Prinz herangaloppiert kam, um seine edle Jungfrau aus dem Turm zu retten. Ein dunkler Prinz, dachte sie.
Wie verblendet sie nur gewesen war.
Statt das Landgut zugrunde zu richten, blühte und gedieh es. Seine Leute liebten ihn. Er hatte die Katastrophe an der Fabrik mit kühlem Kopf und einem starken, mitfühlenden Herzen gemeistert.
Für seine Pächter war er ein Held.
Für sie auch.
Mein. Ihre Brust schwoll vor Stolz und Zuneigung, bis sie kaum noch atmen konnte.
Sie hatte ihn gehen lassen, schlimmer noch, sie hatte ihn vertrieben. Sie war nicht in der Lage gewesen, ihm zu vertrauen, aber war nicht die Fähigkeit, einem Menschen bedingungslos zu vertrauen, die Grundlage für jede Liebe?
Es war noch nicht zu spät. Sie würde ihm folgen und ihn zur Vernunft bringen.
Und sie wusste genau, wo sie sich Hilfe suchen konnte.
„Oh Gott, nein!“ Constantine sah seinen Bruder wütend an und ließ den Kopf in die Hände sinken.
George verzog das Gesicht. „Ich habe versucht, sie abzuwimmeln, aber sie wollten dich unbedingt sehen. Lady Arden sieht aus wie Göttin Athene, die in die Schlacht ziehen will.“
„Und Montford?“
„Woher soll ich das wissen? “ George breitete die Hände aus. „Der Mann ist ein Eiszapfen.“
Constantine stöhnte leise auf.
„Ich habe ihnen gesagt, dass du verhindert bist“, sagte George. Er ließ sich in einen Sessel fallen, der Constantine gegenüberstand. Kleine Lachfältchen bildeten sich um seine Augen, als er scherzhaft sagte: „Aber ich bin ja bloß ein einfacher Landadeliger, auf mich hört sowieso niemand.“
Normalerweise hätte diese Spitze Constantine ein Lächeln entlocken müssen, doch seine Mundwinkel hingen trostlos nach unten. Dem Himmel sei Dank für George. Trotz ihres Streits nach Fredericks Beerdigung war sein Bruder sofort zu ihm geeilt, sobald Constantine ihm Nachricht geschickt hatte, dass er ihn brauche.
Constantine legte den Kopf an die Lehne des Stuhls und fuhr mit dem Handrücken über seine Augen. Wieder einmal war er am Schreibtisch eingeschlafen. Nacken und Rücken taten ihm weh und sein Gaumen fühlte sich schwer und trocken an, obwohl er am Abend davor kaum einen Tropfen angerührt hatte. Er war am Vortag in London angekommen und hatte die ganze Zeit damit zugebracht, Mittel und Wege zu finden, das Vermögen aufzutreiben, das er mit der Lösung der Verlobung verloren hatte.
Wenn sich die Nachricht herumsprach, und das würde sie, schließlich wussten sowohl der Duke of Montford als auch Lady Arden davon, war er gesellschaftlich ruiniert. Davor konnte ihn auch sein Titel als Lord Roxdale nicht retten. Die einzigen wohlhabenden Frauen, die ihn unter diesen Umständen noch heiraten würden, wären die Töchter reicher Kaufleute, die einen Titel ergattern wollten, gleich um welchen es sich dabei handelte.
Und selbst die würden ihn nur als letzten Ausweg nehmen.
Er fuhr sich mit der Hand über das Kinn. Er spürte die Stoppeln, die über Nacht dort gesprossen waren. Er sollte sich rasieren, waschen und anziehen, aber er brachte nicht den nötigen Willen auf, sich zu bewegen.
Sein schwächeres Selbst schrie ihn an, zu Jane zurückzugehen und sich vor ihr auf die Knie zu werfen. Er brauchte sie. Was für ein Gutsherr und Mensch würde er ohne Jane an seiner Seite denn sein?
Wenn sie zu ihm aufgesehen hatte, so vertrauensvoll und zuversichtlich, hatte er sich wie ein Gott gefühlt und nicht wie der Schuft, als den sie ihn einmal bezeichnet hatte.
Aber sie vertraute ihm nicht, oder? Ihre Bewunderung galt seinem Aussehen und seinen geübten Liebkosungen, nicht seinem Charakter. Ihre Liebe war eine Lüge gewesen.
Und nun musste er sich beweisen, dass er auch ohne sie überleben konnte. Der erste Schritt war zu zeigen, dass er ihr Geld nicht brauchte.
Es gab nur einen Weg. Aber wie konnte er das seinem Bruder antun? Er konnte Broadmere nicht verkaufen, George wohnte dort.
„Was immer du auch tun musst“, sagte George ruhig und legte ihm eine Hand auf die Schulter, „ich stehe hinter dir.“
Constantine senkte den Blick. Die Standhaftigkeit seines Bruders erfüllte ihn unweigerlich mit Ehrfurcht und tiefer Demut. „Danke.“
„Weißt du, ich habe oft daran gedacht, nach Gloucestershire zu ziehen“, begann George.
„Nicht. George. Du wirst Broadmere nicht verlieren. Ich habe noch eine ganze Menge Eisen im Feuer. Alles wird gut.“
„Jetzt sag nicht, dass du wieder spekulierst! Constantine, das ist fast so schlimm wie der Versuch, ein Vermögen am Spieltisch zu gewinnen.“
Derartige Zweifel konnte er jetzt nicht brauchen. Er hatte selbst schon genug. „Nur wenn man nicht weiß, was man tut.“
Was Constantine George nicht erzählte, war, dass er sich Geld geliehen hatte, als er noch mit Lady Roxdale verlobt gewesen war. Die Erwartung eines Vermögens hatte seinen Bankiers als Sicherheit gereicht, sie waren nur zu gern bereit, ihm gefällig zu sein. Niemand hatte die bevorstehende Hochzeit erwähnt, aber natürlich war das der Grund für das Darlehen, noch dazu zu so günstigen Konditionen.
Zwischenzeitlich war es ihm gelungen, die Summe zu verdoppeln, doch ein Großteil des Geldes war in das Landgut geflossen.
Sobald sich herumsprach, dass er die Verlobung gelöst hatte, würden die Bankiers das Darlehen zurückfordern, und ihm bliebe nichts. Er musste etwas tun, und zwar schnell.
Doch zuerst musste er sich den Unannehmlichkeiten im Erdgeschoss stellen.
„Meine liebe Lady Arden“, sagte Montford. „Beruhigen Sie sich doch. All dieses aufgeregte Gerenne ist äußerst ermüdend mitanzusehen.“
Sie fuhr auf ihn los. „Ich weiß nicht, wie Sie so gelassen bleiben können! Er hat sie sitzen gelassen, Julian!“
„Ja. Wenn sich das herumspricht, können Sie sich im Ministry of Marriage nie mehr blicken lassen.“
„Was glauben Sie wohl, was mich das interessiert? Constantine ist dabei, sich zu ruinieren. Ich habe solche Hoffnungen in ihn gesetzt, und nun das!“ Lady Arden kehrte ihm den Rücken zu. Sie klammerte sich mit der rechten Hand am Kaminsims fest, die linke krampfte sie in ihre Taille.
Montford tastete nach einem Taschentuch. Er trat zu ihr und bot es ihr an, doch sie winkte ab. Als sie ihm den Kopf zuwandte, glitzerten Tränen in ihren Augen, doch sie schien sich wieder in der Gewalt zu haben.
Ihr Gesicht nahm die altbekannte Entschlossenheit an. „Wir müssen etwas unternehmen.“
„Das werden wir auch. Sobald wir herausgefunden haben, wie die Dinge stehen.“
In Wahrheit war er nicht so ruhig, wie er aussah. Am liebsten hätte er Constantine Black in Stücke gerissen, doch sollte er Lady Arden seine Mordgelüste offenbaren, würde sie sofort zu Constantines Verteidigung eilen. Das wollte er verhindern. Wenn Lady Arden sich etwas in den Kopf gesetzt hatte, bekam sie es meist auch. Und sie war sich nicht zu schade, dafür all ihre weiblichen Reize einzusetzen.
Das war einer der Gründe, warum er sie als Gegnerin so anregend empfand.
Diesmal jedoch war der Einsatz zu hoch für derartige Spielchen. „Sie haben sich ineinander verliebt“, sagte er.
„Ja.“
„Damit hatte ich nicht gerechnet.“
Sie hob die Brauen. „Und wenn, dann hätten Sie die Heirat nicht unterstützt, nehme ich an.“
„Natürlich nicht.“ Seine Lippen verzogen sich zu einem zynischen Lächeln. „Maßlose Leidenschaft tut selten gut. Dieses Fiasko hier beweist es wieder einmal.“
Sie schluckte und wandte den Blick ab. „Ich habe sie gewarnt. Constantine hat mir erzählt, es sei ein geschäftliches Arrangement, aber ich wusste, dass das nicht stimmt.“
„Und was hat ihnen ihre sogenannte Liebe eingebracht?“, erwiderte er. „Skandal und Schande.“
„Noch nicht!“ Lady Arden reckte das Kinn. „Ich lasse es nicht zu.“ Sie wandte sich vom Kamin ab und begann wieder auf und ab zu gehen. „Wo ist dieser dumme Junge? Kleidet er sich immer noch an? Man könnte meinen, er gehört zu den Dandys.“
„Gott behüte.“
Die heisere Stimme ertönte von der Tür. Lord Roxdale war gekommen.
Montford betrachtete den Mann aufmerksam. Constantine sah so ähnlich aus wie am Tag nach der Überschwemmung. Er war bleich, abgespannt und wirkte unendlich erschöpft. Seine Mundwinkel zeigten nach unten. Sein Blick verriet Kummer.
„Sie sehen völlig geschafft aus“, sagte Montford. „Haben Sie zu tief ins Glas geschaut?“
Constantine starrte ihn mit einer Spur Arroganz an. „Ich bin Ihnen keine Rechenschaft schuldig, Euer Gnaden.“
„Oh doch und das wissen Sie verdammt genau.“ Obwohl der Duke sehr gelassen sprach, wich Constantine beim Klang seiner Stimme zurück.
„Nun hört schon auf, alle beide.“ Lady Arden kam herbeigeeilt und ergriff Constantines Hände. „'Warum, Constantine? Wie konntest du nur so etwas tun?“
Constantines angespannte Gesichtsmuskeln entspannten sich und wurden ein wenig weicher, als er in Lady Ardens Gesicht blickte. „Du weißt, dass ich dir das nicht beantworten kann.“
Montford stieß zwischen den Zähnen hervor: „Dann lassen Sie sich von mir gesagt sein, Sir, dass ich es nicht hinnehmen kann, wenn Sie Lady Roxdales guten Namen besudeln. Ihre Cousins lechzen nach Ihrem Blut, aber die Befriedigung, es zu vergießen, habe ich mir selbst Vorbehalten.“
Lady Arden keuchte auf. „Julian, nicht!“
„Ich bedaure, dass Sie das hören mussten, meine Liebe“, sagte er freundlich. „Vielleicht ist es an der Zeit, dass Sie gehen.“
„Ich gehe nirgendwohin und ihr duelliert euch nicht. Das ist doch keine Lösung!“
„Er ist ein Schandfleck für seine ganze Familie“, erklärte Montford. „Mylady, Sie sollten mir dankbar sein, wenn ich diesen Dorn in Ihrem Fleisch entferne.“
„Ich werde mich nicht mit Ihnen duellieren“, sagte Constantine und verschränkte die Arme vor der Brust. „Sie brauchen gar nicht zu versuchen, mich zu provozieren.“
Der Duke hob die Brauen. „Sie glauben, ich sei wegen unseres Altersunterschieds im Hintertreffen? Lassen Sie mich Ihnen versichern, das Gegenteil ist der Fall. Außerdem glaube ich mich zu erinnern, dass Sie gesagt haben, Sie seien kein Fechter.“
„Was ich sagte, war, dass ich nicht fechte.“
„Nein, und heute sollst du das auch nicht! “ Lady Arden fuhr auf Montford los. „Wie können Sie nur so ein Mann sein, Montford? Ich hätte Besseres von Ihnen erwartet! “
Grimmig erwiderte Montford: „Und wie soll ich das verstehen?“ „Sie dürfen es so verstehen, wie ich es gesagt habe. Ich hatte geglaubt, dass wenigstens Sie ein wenig Vernunft zeigen würden! Wenn sich das mit dem Duell herumspricht, steht ja schon der nächste Skandal an. Wir sind hergekommen, um den Schaden zu begrenzen, nicht um dem Klatsch neue Nahrung zu geben.“
Der Duke of Montford wusste, dass sie recht hatte, aber seine Rachegelüste, die seit Generationen von einem Westruther zum anderen weitergegeben wurden, waren immer noch überaus lebendig.
Am liebsten würde er Constantine zerteilen und den Hunden zum Fraß vorwerfen, weil er es gewagt hatte, Jane bloßzustellen. „Wir erledigen es gleich hier, ohne Sekundanten. Niemand wird es herausfinden.“ Lady Arden umfasste sein Gesicht mit beiden Händen und sah ihm unverwandt in die Augen, bis er sich auf sie konzentrierte. „Ich weiß, dass Sie Jane wie eine Tochter lieben, aber Sie müssen jetzt Ihren Verstand einsetzen. Denken Sie nach, sonst werden Sie sie für immer verlieren.“
Die Worte drangen durch den roten Nebel in seinem Gehirn. Er hatte Jane schon einmal verloren. Sie glaubte, dass sie diesen Schurken liebte, sonst hätte sie ihn nicht gezwungen, eine Lösung der Verlobung zu erbitten.
Das ließ Montford innehalten. Er erkannte, dass Lady Arden recht hatte und das gab er nicht gerne zu.
Er schnaufte angewidert, kehrte Constantine den Rücken zu und sah aus dem Fenster.
Hinter ihm begann Lady Arden wieder auf und ab zu laufen. „Die Verlobung wurde schon verkündet, sonst hätten wir einfach so tun können, als wäre sie nie geschlossen worden. Constantine, hast du deine Entscheidung schon öffentlich gemacht?“
„Nein.“
Darauf trat eine angespannte Pause ein, die Montfords Aufmerksamkeit weckte. Er drehte sich um und sah, dass Constantine müde den Mund verzog. „Ich hatte andere Sorgen.“
Lady Arden legte die Hände auf Constantines Schultern. „Besteht eine Möglichkeit, dass ihr euch versöhnt? Constantine, denk gut nach, bevor du das bereust. Wenn schon nicht um Janes oder deinetwillen, dann doch für deine Leute!“
Constantine wurde blass, als sie ihn so bestürmte. Wenn Montford je einen Mann kurz vor dem Zusammenbruch gesehen hatte, dann war es Roxdale.
Montfords Zorn verlor etwas von seiner Hitze. Welche Gründe Constantine auch immer dazu bewogen hatten, die Verlobung zu lösen, es war unverkennbar, dass er darunter litt. Möglicherweise mehr als Jane. Zumindest hoffte Jane noch auf Versöhnung, so verwegen und töricht es auch sein mochte.
„Madam.“ Constantine nahm ihre Hände von seinen Schultern und hielt sie in seinen. „Glaubt mir.“ Er stockte. Seine Stimme wurde von einem Gefühl erstickt, das ihm körperliche Schmerzen zu bereiten schien. Er ließ ihre Hände sinken. „Ich muss Euch bitten, mein Haus zu verlassen. Ich bin keine geeignete Gesellschaft.“
Lady Arden blickte ihn grimmig, aber entschlossen an. „Wir sind noch nicht fertig, Constantine. Wir haben eben erst deine Verlobung bekannt gegeben. Ich weigere mich, ihr Ende zu verkünden!“
Er rieb sich die Nasenwurzel mit Daumen und Zeigefinger. „Tu, was du willst. Gib es bekannt oder lass es bleiben. An den Fakten wirst du nichts ändern.“
„Ich hätte mir mehr von dir erwartet, Constantine“, sagte Lady Arden traurig. „Anscheinend habe ich mich getäuscht.“ Mit einem letzten verzweifelten Blick auf Montford verließ sie den Raum.
Montford blieb. „Lady Arden hat recht. Wir geben es erst einmal noch nicht bekannt. Vielleicht kommen Sie ja noch zur Vernunft.“ „Ich bin zur Vernunft gekommen, glauben Sie mir.“
Der Duke seufzte. „Deswegen ziehe ich es vor, mit jungen Leuten zu tun zu haben, deren Gefühle nicht beteiligt sind. Es macht alles so viel einfacher.“ Er sah sich um. „Wollen wir uns setzen?“
„Nein. Ich glaube, Sie wollten gerade gehen.“
„Aber ich habe Ihnen etwas über Ihre Finanzen zu sagen, das Sie bestimmt hören wollen.“