6. Kapitel
Euer Gnaden,
mehreren Mitgliedern des Ministry of Marriage kam zu Ohren, dass eine bedeutende Partie plötzlich wieder auf den Markt geflattert kam. Angeblich soll das goldene Vöglein in Ihrem ureigenen Nest sitzen.
Die Wölfe kreisen schon, wie Sie sich sicher vorstellen können, und ich war nicht in der Lage, einen gewissen gemeinsamen Bekannten zu finden, der sich ihr kleines Vöglein gewiss ohne Federlesens schnappen möchte.
Daher muss ich Sie bitten, möglichst bald zu einem Treffen zu kommen. Selber Ort, selbe Zeit.
Der Ihrige,
deVere
Jane betrat den Frühstückssalon, wo sie Rosamund und Cecily beim Kakao antraf.
Normalerweise hätte Jane schon längst gefrühstückt, doch sie wartete darauf, dass Constantine Black von seinem Ausritt zurückkehrte. Sie war zeitig aufgestanden und hatte eine Nachricht in sein Zimmer bringen lassen, die ihm beim Erwachen überreicht werden sollte, doch er war ihr irgendwie entwischt. Tatsächlich war er sehr viel früher aufgestanden, als man von einem Großstadtbeau hätte erwarten können.
Ihr war immer noch nicht bewusst, wie er sie am vorigen Abend so vollkommen aus der Fassung hatte bringen können. Ihrem Gespräch hätte überhaupt keine Hitze innewohnen sollen. Sie hatte eine ruhige, abgeklärte geschäftliche Verhandlung geplant. Ein vernünftiger Mann musste die Vorteile einer solchen Ehe doch einfach sehen.
Stattdessen hatte er sie verwirrt und ihr den Atem geraubt. Er hatte sie aus dem Gleichgewicht gebracht mit seiner lächerlich sinnlichen Präsenz und seinen zweideutigen Spötteleien. Wenn sie daran dachte, wie unhöflich sie im Gegenzug geworden war, war sie stets aufs Neue entsetzt. Erst viel später hatte sie erkannt, dass sie bei dem Spiel hätte mitmachen und sich bei ihm hätte einschmeicheln sollen, so wie es andere Damen in ihrer Situation getan hätten. Andere Frauen hätten gegurrt und gelächelt und die hilflose Jungfer gespielt.
So tief wäre sie natürlich nie gesunken. Aber warum konnte sie nicht lernen, einmal den Mund zu halten?
Entschlossen, den Schaden wieder gutzumachen, hatte sie an diesem Morgen nach ihm gesucht. Bisher hatte sie ihn noch nicht zu fassen bekommen. Aber irgendwann einmal musste dieser Kerl auch essen. Also versuchte sie, ihn abzupassen.
„Na?“, fragte Cecily. „Wie ist es gelaufen?“
Jane warf die Hände in die Luft. „Der Mann ist unmöglich.“ „Er will dich nicht heiraten?“, fragte Rosamund.
„Er hat sich noch nicht entschieden.“ Jane verzog das Gesicht. „Ist das zu fassen?“
„Noch nicht entschieden?“ Verächtlich verzog Cecily den Mund. „Der klingt mir ja wie ein rechter Feigling.“
„Feigling“ war so ungefähr die letzte Bezeichnung, die Jane bei einer Beschreibung von Constantine Black benutzen würde. Sie schüttelte den Kopf. „Nein, ich bin mir sicher, dass er es nur spannend macht, um mich zu provozieren.“
Zu spät bemerkte Jane den verdrießlichen Ton in ihrer Stimme. Sie ignorierte Rosamunds hochgezogene Brauen und blickte aus dem Fenster. Es war schon wieder so ein trüber Morgen. Sie hatte den Frühstückssalon hier eingerichtet, weil das Zimmer eine so angenehme Aussicht bot, doch an diesem Tag hatte sich die Sonne hinter dicken zinngrauen Wolken versteckt. Es regnete und die einzige Aussicht, die sie hatte, war das Gespräch mit dem Duke.
Die einzigen Lichtblicke an ihrem Horizont waren Rosamund und Cecily. In ihren Reisekleidern sahen sie sehr elegant aus. Jane dachte an ihre eigene düstere Garderobe und seufzte.
Plötzlich wurde ihr klar, was die Kleidung ihrer Cousinen zu bedeuten hatte. „Oh nein! Wollt ihr uns etwa schon wieder verlassen?“ Sie hatte nicht gewusst, dass sie so bald schon abreisen wollten.
Rosamund tupfte sich die Lippen mit einer Serviette ab. „Ja, offenbar. Seine Gnaden rufen in London dringende Geschäfte und er besteht darauf, uns sofort dorthin zu bringen. Beckenham begleitet uns bis Oxford.“ Sie streckte die Hand über den Tisch, als wollte sie nach Janes greifen. „Es tut mir so leid, dass wir nicht länger bleiben können.“
„Aber ihr seid doch gerade erst gekommen!“, meinte Jane. „Warum lässt er euch denn nicht ein wenig bleiben?“
„Ich möchte wetten, dass er Lord Roxdale nicht in Rosamunds Nähe haben will“, sagte Cecily, deren dunkle Augen mutwillig über dem Rand der Teetasse funkelten. „Ich wünschte, ich könnte den bösen Lord wenigstens einmal sehen, bevor wir abreisen. Sag mal, Jane, findest du ihn attraktiv?“
Constantine Black war mit Sicherheit der anziehendste Mann, der ihr je begegnet war, aber sie wäre lieber gestorben, als das zuzugeben. „Recht hübsch“, räumte sie ein. „Aber absolut unausstehlich. Ich komme mit ihm nicht zurecht.“
„Aha!“, sagte Rosamund mit wissendem Blick.
„Aha?“, wiederholte Jane. „Was willst du mir mit ,aha! sagen? Wie immer die Schlussfolgerung geartet sein mag, die dich so selbstgefällig dreinsehen lässt, Rosamund, schlag sie dir bitte aus dem Kopf.“
„Sie kann nicht anders“, sagte Cecily. „Sie ist unheilbar romantisch.“
„Das wird ihr die Ehe schon bald genug austreiben“, brummte Jane.
Das Lächeln in Rosamunds Gesicht erlosch wie das Licht einer Kerze, die jemand ausgeblasen hatte.
Plötzlich wurde Jane klar, was sie da gesagt hatte. Ihr Herz zuckte erschrocken zusammen. Entsetzt starrte sie Rosamund an.
Wie konnte sie nur so taktlos sein? Rosamund hatte ein besonders schweres Los zu tragen, denn sie liebte einen Gentleman, der nicht dazu ausersehen war, ihr Ehemann zu werden. Es handelte sich um einen anständigen und ehrbaren Kavallerieoffizier, der aber für eine Westruther-Erbin bei Weitem nicht großartig genug war. Der Gatte, den Montford für Rosamund ausgewählt hatte, war von einem ganz anderen Kaliber. Er war ein großer finsterer Mensch, den sie wohl nie würde lieben können.
„Oh, Rosamund“, flüsterte Jane. „Es tut mir leid. Ich habe es nicht so gemeint! “
Rosamund stellte ihre Tasse mit einem leisen Klirren ab. Sie schenkte Jane ein höflich distanziertes Lächeln. „Schon gut. Was sollen wir jetzt wegen dir unternehmen?“
Jane wandte sich ab, um das Mitleid in ihrem Blick zu verbergen, und ging zur Anrichte. Automatisch hob sie einen silbernen Deckel hoch und löffelte sich etwas Porridge in eine Schüssel. Dann gab sie etwas Butter in die Mitte und beobachtete, wie sie schmolz und in goldenen Rinnsalen hinablief. Dann tröpfelte sie etwas Milch hinzu, nur ein paar Spritzer um die gelbe Mitte herum.
Es wäre das perfekte Frühstück gewesen, wenn sie nicht den Appetit verloren hätte. Rosamund war der letzte Mensch auf der Welt, den sie verletzen wollte. Sie ging wieder zum Tisch und setzte sich.
Cecily stützte das Kinn in die Hand und fixierte Jane. „Ich weiß. Du musst ihn fesseln.“
Jane rümpfte die Nase. „Du meinst, mit ihm flirten? Aber ich weiß nicht, wie das geht.“
„Ein paar freundliche Blicke und etwas Ermutigung wäre nicht verkehrt“, sagte Rosamund. „Du kannst recht abweisend sein, Liebes.“
Janes Miene verfinsterte sich. „Constantine Black ist die Dreistigkeit in Person. Der braucht keine Ermutigung.“
„Du hast es mit Vernunft versucht“, meinte Cecily. „Jetzt ist die Zeit für ein wenig Überredung gekommen. “ Sie nippte an ihrer Schokolade. „Oder du verführst ihn einfach.“
Jane verschluckte sich an ihrem Porridge. „Was?“
Cecily zuckte mit den Achseln. „Du weißt schon, was ich meine. Sorge dafür, dass er dich kompromittiert, dann müsst ihr heiraten. Das kommt häufig vor.“
„Ich soll ihn verführen? Das kann nicht dein Ernst sein.“ „Natürlich ist das nicht ihr Ernst.“ Rosamund runzelte die Stirn. „Oder, Cecily?“
„Das könnte ich nie“, sagte Jane. „Ich wüsste gar nicht, wo ich anfangen sollte.“
Es lag eine Spur Neugier in der Art, wie Rosamund den Kopf neigte. Es würde ihr bestimmt die Sprache verschlagen, wenn sie wüsste, wie lang es her war, dass Jane das Bett eines Mannes geteilt hatte. Sie unterdrückte ein Schaudern.
„Ich glaube nicht, dass er allzu große Ansprüche stellt, wo er doch so ein Casanova ist“, überlegte Cecily.
Bevor Jane auf dieses reizende Kompliment antworten konnte, hörte sie draußen vom Flur schwere Schritte, die schnell näher kamen. Und dann trat der Mann herein, auf den sie gewartet hatte. Seine Gestalt füllte die Tür und bald auch den ganzen Raum.
Constantine Black war ein großer wohlproportionierter Mann, wie sie am letzten Abend schon hatte erkennen dürfen. Aber es war eher seine Persönlichkeit, die so vereinnahmend war.
Janes dummes Herz schlug bis zum Hals.
„Meine Damen.“ Er verneigte sich mit unbekümmerter Anmut, womit er sich über die förmliche Begrüßung eher lustig zu machen schien.
Jane stellte ihre Gäste einander vor. Cecilys Augen weiteten sich. „Sie sind der neue Lord Roxdale?“
Er neigte den Kopf. „Überrascht Sie das?“
In seinen grünen Augen glomm ein beunruhigender Funke auf, doch Cecily ließ sich nicht bezähmen. „Allerdings! Sind Sie nicht mit Frederick verwandt?“
„Ja, in der Tat.“
„Sie sind sich überhaupt nicht ähnlich.“
Seine Züge erstarrten. „Ja, es heißt, dass ich nach meiner Mutter gerate, zumindest was Haar- und Augenfarbe angeht. Sie war Waliserin. Vielleicht ist das die Erklärung.“
„Sie muss sehr schön sein“, versetzte Cecily. Dann wandte sie sich zu Jane und warf ihr einen vorwurfsvollen Blick zu. „Recht hübsch? Dieser Kerl ist ein regelrechter Adonis, Jane!“
Dieser Kerl?
Drei weibliche Augenpaare inspizierten Constantine.
Er widerstand dem Drang, an seinem Krawattentuch zu zerren. Frauen hatten sein Aussehen oft bewundert, aber eine derart offene Musterung seitens einer jungen Dame hatte er noch nie erlebt, noch viel weniger von drei jungen Damen, und ganz gewiss nicht am Frühstückstisch. Verdammt, er spürte, wie er vor Verlegenheit heiße Wangen bekam.
Er lächelte und stieß zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor: „Zu freundlich, Lady Cecily.“
Lady Roxdale zuckte mit den Achseln. Offenbar genoss sie sein Unbehagen. „Vermutlich ist das alles eine Sache des persönlichen Geschmacks.“
„Schön ist, wer schön handelt“, sagte die dritte Frau. Sie war eine wunderschöne Blondine, die zuerst zu Lady Roxdale sah und dann ihren merkwürdig durchdringenden Blick auf ihn heftete.
„Ach, ich weiß nicht“, meinte Lady Cecily. „Man kann einem Mann viel nachsehen, wenn er so ein Schmuckstück ist.“
Lady Cecily Westruther war eine Göre, aber eine mit der typischen Überzeugung der Westruthers, dass sie sagen und tun könnte, was ihr beliebte, und damit durchkäme. Die Eisjungfer, die, wenn es um ihn ging, eine solche Prinzipienreiterin war, unternahm keinerlei Anstrengung, das Mädchen zum Schweigen zu bringen. Genauso wenig wie die stille Schönheit.
Er ließ sich seinen Unmut nicht anmerken. „Es freut mich, dass ich Ihre Billigung finde, Lady Cecily.“
Lady Cecily stützte die Ellbogen auf den Tisch, legte das Kinn in die Hände und starrte ihn an. Er kam sich vor wie ein Stück Vieh auf der Schlachtbank. Offenbar fragte sie sich gerade, wo sie das Messer als Nächstes ansetzen sollte.
„Sagen Sie“, begann die junge Frau, „ist es eigentlich aufregend, ein Casanova zu sein?“
Die blonde Frau überraschte ihn, indem sie lachte und vom Tisch aufstand. „Das genügt jetzt, Cecily. Du bringst Lord Roxdale sonst noch in Verlegenheit. Er hat noch nicht gefrühstückt. Komm, wir müssen gehen und uns um das Gepäck kümmern.“
Sie beugte sich herab und küsste Lady Roxdale auf die Wange. „Wir fahren in einer Stunde.“
Constantine spürte, wie sich seine verkrampften Schultern ein wenig entspannten. Ihm konnten sie gar nicht früh genug abreisen. Er verneigte sich erneut, als die Damen den Raum verließen.
„Mylord, wir müssen weiter über die Lage beraten, in der wir uns befinden“, sagte Lady Roxdale. „Ich flehe Sie an, überlegen Sie doch bitte, welche Vorteile unsere Verbindung hätte.“
Warum nur war sie so versessen auf diese Ehe? War es nur, weil sie sich dem Besitz verpflichtet fühlte? Oder galt ihre einzige Sorge Luke? Er konnte sich gut vorstellen, was für übertriebene Sorgen sie sich machte bezüglich seines Einflusses auf die Moral eines kleinen Jungen. Er glaubte nicht, dass ihr Interesse an dem Kind über ihre selbstgerechte Mission, sich ungefragt überall einzumischen, hinausging.
„Ich betrachte die Vorteile, glauben Sie mir“, sagte er. „Aber bevor ich meine finanzielle Lage nicht bewertet habe, würde ich in dieser Hinsicht lieber nichts versprechen.“
Das Gespräch mit Montford am Vorabend hatte ihn zutiefst erzürnt, doch es war voreilig gewesen, jeden Gedanken an eine Hochzeit mit Lady Roxdale von sich zu weisen. Ein langer anstrengender Ritt durch den morgendlichen Regen hatte ihn so weit beruhigt, dass er die Wahrheit erkannt hatte: Er konnte es sich einfach nicht leisten, die Lösung zu verschmähen, die Lady Roxdale ihm anbot. Nicht wenn er Lazenby erhalten wollte.
Constantine Black fragte sich, ob er sie vorwarnen sollte, wie sehr der Duke gegen diese Verbindung war, sah aber davon ab. Sie würde es bald selbst herausfinden. Ob sie sich wohl von der Meinung des Dukes beeinflussen lassen würde? Letzten Abend hatte sie fest entschlossen gewirkt, sich gegen ihn zu stellen, aber er hatte den Verdacht, dass das nicht ganz einfach sein würde.
In der Hoffnung, die Angelegenheit für den Moment abgeschlossen zu haben, trat er zur Anrichte, wo ein paar silberne Schüsseln standen. Er nahm einen Teller und hob den ersten Deckel hoch. Porridge. Den nächsten. Rührei. Den nächsten. Ein Pudding, der so bleich war, dass er schwindsüchtig wirkte.
Sein Magen knurrte, wohl um seiner Enttäuschung Ausdruck zu verleihen. Wo war der Speck? Wo waren das Beefsteak und die Heringe, wo die Würste und der gegrillte Schinken? Er hatte sich auf ein gutes, herzhaftes, fleischreiches Frühstück gefreut. Eines, wie es seine Mutter auf Broadmere zu servieren pflegte.
Nach seinem Gelage am Vorabend war er mit höllischen Kopfschmerzen aufgewacht und hatte beschlossen, sie mit einem Ritt zu vertreiben. Nass, frierend und hungrig war er zurückgekehrt, nur um so ein Frühstück vorzufinden.
„Kinderbrei“, sagte er ausdruckslos. „Lauter Kinderbrei.“ „Nahrhaft und gesund.“
Langsam drehte er sich um und begegnete Lady Roxdales Blick, die ihn ansah, als wäre er der Seltsame. Er tat, als zuckte er zusammen. „Großer Gott, sind Sie immer noch da?“
Sie blinzelte und ignorierte die Frage dann. „Probieren Sie doch den Porridge. Heute schmeckt er ganz besonders gut.“
„Da würde ich lieber meine eigene Zunge runterschlucken.“
Sie nahm einen Löffel von dem Brei und schob ihn sich in den Mund. Er riss den Blick los von der Bewegung ihrer Lippen, als sie kaute. Himmel, der Hunger hatte ihm den Verstand getrübt. Eine Porridge essende Frau musste ja wohl das Unerotischste sein, was das Universum zu bieten hatte.
„Vermutlich haben Sie das alles nur bestellt, um mich zu ärgern.“ Er klang missmutig, aber er war nicht Herr seiner Sinne, solange ihm der Magen knurrte und die einzige Nahrung weit und breit aus Invaliden- und Kinderkost bestand.
Sie hob überrascht die Brauen. „Warum sollte ich? Bei Frederick und mir hat es das jeden Tag zum Frühstück gegeben. Fragen Sie doch die Köchin, wenn Sie mir nicht glauben.“
Sie presste eine Serviette an die Lippen und stand auf. Ihm fiel auf, wie wenig sie von ihrem eigenen Mahl gegessen hatte. Auf die ihr eigene korrekte Art sagte sie: „Nachdem Sie sich nicht die Mühe gemacht haben, etwas zu bestellen, hat die Köchin das serviert, was sie immer serviert.“
Er sollte also bestellen, was er wollte? Er hatte angenommen, dass es hier ein ganz normales Frühstück wie auf jedem anderen Herrensitz im Lande gab.
Es war sein Fehler. Auf Lazenby Hall war nichts normal. Plötzlich empfand Constantine tiefes Mitgefühl für seinen Vorgänger. Der arme Frederick. Kein Wunder, dass er den Löffel abgegeben hatte, wenn er dieses Zeug jeden Morgen hatte runterwürgen müssen.
Lady Roxdale hob das Kinn. „Wenn Sie mir sagen, was Sie wünschen, bestelle ich es Ihnen auf der Stelle.“
Wenn er ihr erlauben würde, die Herrschaft über die Haushaltspflichten zu behalten, und sei es auch nur vorübergehend, würde er sie nie mehr loswerden. „Oh nein, das kommt nicht infrage.“
Er bekam sie am Ellbogen zu fassen, als sie an ihm vorbeiging. Ihr bloßer Arm war weich und warm, ganz anders als ihre Persönlichkeit. Das nachgiebige Fleisch schickte zuckende Botschaften zu dem Teil seiner Anatomie, den er in ihrer Nähe unter strenger Kontrolle halten musste, weil Montford ihn andernfalls umbringen würde.
Sie atmete schwer und versuchte sich loszureißen. Ihre Wangen liefen rosig an. „Sie vergessen sich, Sir.“
Nein, ich erinnere mich gerade.
Er blickte ihr in die Augen und entdeckte dort neben Schrecken und Verwirrung eine seltsame Erwartung. Der Wunsch, sie dazu zu bringen, diese Augen in sinnlichem Entzücken zu schließen, war beinahe größer als seine Vernunft.
Er war gewiss nicht mehr so dumm, eine Frau nur deshalb zu begehren, weil sie ihm verwehrt bleiben sollte! Und doch brannte er darauf herauszufinden, ob er sie ebenso aus der Fassung bringen konnte, wie sie ihn aus der Fassung brachte.
Warum sollte er es nicht herausfinden? Am Abend zuvor hatte er unter ihrer eisstarren Oberfläche Leidenschaft aufblitzen sehen. Warum sollte er diese Glut nicht entfachen, bis sie loderte?
„Ich ziehe in die Hausherrensuite“, sagte er. Er blickte in ihre Augen und entdeckte ein leichtes Flimmern. „Früher oder später musste es ja dazu kommen, nicht wahr?“
Er lockerte seinen Griff und begann sanft ihren Arm zu streicheln. Diese glatte nachgiebige Haut wäre beinahe sein Untergang gewesen. Er wollte mehr davon berühren, sie küssen und schmecken, jeden Zoll von ihr in brennende Lust versetzen.
Ihre Lider senkten sich ein wenig, fast als wollte sie sie in stillem Genuss schließen, doch dann schüttelte sie den Kopf und nutzte die Gelegenheit, sich ihm zu entziehen.
Sie trat zurück und atmete zitternd durch. „Es ist Ihr Haus, Mylord. Sie können tun, was Sie wollen.“
Er schenkte ihr ein sinnliches Lächeln. „Was immer ich will?“
Sie blickte ein wenig verstört zur Anrichte. „Ich entschuldige mich für das Frühstück. Ich hätte mir denken sollen, dass Sie ... “ Die Worte schienen ihr im Halse stecken zu bleiben.
Constantine Black merkte auf. Hatte sie beschlossen, sich versöhnlich zu zeigen? Was hatte den Sinneswandel wohl hervorgerufen? Er genoss ihr Unbehagen und wartete neugierig, was sie zu sagen hatte. Wie weit würde sie sich vor ihm erniedrigen, um es ihm recht zu machen?
Jane versuchte es noch einmal. Diesmal mit einem entschlossenen Lächeln. „Ich werde mit der Köchin reden und für morgen ein königliches Frühstück bestellen. Sie werden schon sehen.“
Ihr Lächeln hätte ihn beinahe in die Knie gezwungen. Obwohl es sicherlich nur aufgesetzt war, brachte es ihr ganzes Gesicht zum Strahlen und ließ die Augen silbern leuchten. Vor allem aber zog es seine Aufmerksamkeit auf ihren Mund und ihre strahlend weißen Zähne. Ihre Lippen waren von einem matten und tiefen Rot und wirkten so voll und so köstlich wie ein guter Burgunder.
Seit wann seufzt du wie ein Kalb, nur weil eine Dame dich angelächelt hat?
Frauen, mahnte er sich, lächelten nur, wenn sie etwas wollten, oder weil sie es gerade bekommen hatten. Constantine Black kannte sich aus in diesem Spiel. Er spielte es gern und seine Chancen standen gerade gar nicht so schlecht.
Diese sanfte Geste war alles andere als arglos. Selbst die Witwe seines Cousins lächelte, weil sie etwas wollte, und das war sein Ring an ihrem Finger.
„Machen Sie sich keine Mühe“, brummte er. „Ich rede selbst mit der Köchin.“
Sein Magen krampfte sich vor Hunger zusammen und so ging er mit einer Verneigung hinaus in Richtung Küche, die so weit weg von Ess- und Frühstückszimmer lag, wie es nur ging. Diese Unbill gedachte er zu beseitigen, beziehungsweise würde er es tun, sobald er das nötige Kleingeld dazu besaß. Erneut spürte er den Zorn in ihm aufsteigen.
In der Eingangshalle begegnete er dem Duke of Montford und dem Earl of Beckenham. Sie kamen offenbar von einem Ausritt zurück.
Montford war gerade dabei, dem Butler seinen Hut zu reichen. Er hob die Brauen. „Ah, Roxdale. Gut, dass ich Sie treffe.“
Seine Antwort fiel aufgrund seines leeren Magens ein wenig wilder aus als sonst. „Wenn Sie auf ein ordentliches Frühstück hoffen, steht Ihnen leider eine Enttäuschung bevor.“
Beckenham ließ den Überrock von den Schultern und in die Hände des Butlers gleiten. „Machen Sie sich keine Gedanken, Roxdale. Wir haben im Dorf gefrühstückt.“
„Im Dorf“, wiederholte Constantine.
Der Duke lächelte und schlug sich mit den Handschuhen in die Handfläche. „Ja. Im King’s Head servieren sie ein exzellentes Frühstück! Das lassen wir uns nie entgehen, wenn wir hier zu Besuch kommen.“
„Der Speck dort ist ganz besonders gut“, stimmte Beckenham zu. „Es liegt vielleicht an der Räucherung. Einfach hervorragend!“
Bei der Erwähnung von Speck lief Constantine das Wasser im Mund zusammen. Sein Magen knurrte so vernehmlich, dass der Duke sein Monokel hob und den Blick auf Constantines Mitte lenkte.
Constantine machte wortlos auf dem Absatz kehrt und verschwand im hinteren Bereich des Hauses. Diese verdammten Westruthers wussten doch immer alles besser! Offensichtlich kannten sie sich alle in diesem Haushalt besser aus als er.
Sollte er diese verklemmte Eisjungfer heiraten, würde er den Rest ihrer höllischen Familie nie mehr loswerden. Ständig würden sie ihm auf die Pelle rücken.
Constantine lief die schmale Wendeltreppe hinunter, die zur Küche führte, und fühlte sich wieder in die Vergangenheit zurückversetzt.
In dieser Küche mit dem Schachbrettboden, dem großen Holztisch und der Holzbank zum Abkühlen der Speisen am Fenster, hatte er als Knabe oft süße Brötchen und Ingwerplätzchen gemopst. Er dachte an den Duft von frisch gebackenem Brot, Kräutern und Bienenwachs. Und an die warmen, mehligen Umarmungen von Marthe.
Ob sie noch da war? Bei dem Gedanken hob sich seine Laune und ihm wurde wieder so leicht und warm, wie damals von Marthes Broten.
Er fand die Küche verlassen vor. Aus dem Speisesaal der Dienstboten hörte er Stimmengewirr und das Klirren von Porzellan. Eigentlich hatte er in der Speisekammer auf Beutezug gehen wollen, doch das konnte warten. Erst musste er sehen, ob Marthe noch da war.
Als er in der Tür zum Speisesaal erschien, war es auf einen Schlag still. Wie auf ein Kommando erhoben sich die Dienstboten unter allgemeinem Stuhlgescharre und Besteckgeklapper.
Er sah sich um. Ein, zwei Gesichter kamen ihm bekannt vor, doch er konnte sie nicht recht zuordnen. Doch am Fußende des Tisches strahlte ein Gesicht wie ein Leuchtfeuer, rund, rotbackig und breit lächelnd.
Er lächelte herzlich. „Hallo, Marthe!“
„Master Con!“ Sie sprach seinen Namen wie ein freudiges Gebet. Constantine war elektrisiert. Er ging auf die ältere Frau zu, umfasste ihre Taille mit seinen Händen und schwenkte sie herum.
Wofür er sich eine sanfte Ohrfeige einhandelte. „Tiens, milor’! Was fällt Ihnen denn ein, hier herunterzukommen, wo kein Mensch Sie gebrauchen kann!“
„Marthe, es tut meinem Herzen gut, Sie wiederzusehen.“ Er blickte zur Anrichte, die sich unter ordentlichen Frühstücksgerichten bog. Er feixte. „Und meinem Magen erst. Darf ich mir etwas nehmen?“
Ohne eine Antwort abzuwarten griff er sich einen Teller und lud sich von allem eine große Portion auf. Er leckte sich etwas Fett vom Finger und sah sich um. Erst da bemerkte er, dass das Personal immer noch in Habachtstellung stand.
„Ach, nun setzen Sie sich doch.“ Er wuchtete seinen Teller herum. „Ich nehme das mit in die Küche.“
Marthe sammelte sich wieder. „Ihr frühstückt alle weiter. Ich kümmere mich um Seine Lordschaft.“
Sie eilte ihm nach, wobei sie sich abwechselnd für den Mangel an ordentlicher Frühstückskost oben entschuldigte und ihn ausschalt, dass er nicht schon früher zu ihr gekommen war.
„Ah, la pauvre petite!“, fuhr sie fort. „Die Herrin hat leider überhaupt keinen Geschmack.“ Mit einem theatralischen Seufzer zog die Köchin die Mundwinkel nach unten und schüttelte den Kopf. „Es ist eine Schande, aber was soll ich machen? Ich muss die Befehle befolgen und dieses geschmacklose englische Zeug servieren.“ Sie warf die Hände hoch. „Pudding! Man möchte weinen!“
„Ich bin überrascht, dass Sie überhaupt noch hier sind.“ Constantines Geschmacksknospen explodierten vor Entzücken, als er die gebratenen Pilze in einer cremigen Soße gewürzt mit Kräutern und Brandy kostete.
Marthe zuckte ihre Schultern. „Mit dem Haus hier verbindet mich mehr als Loyalität.“
Er zwinkerte. „Haben Sie sich in den Butler verliebt? Der alte Teufel! Wusste gar nicht, dass Feather so viel Schwung hat.“
Marthe richtete sich kerzengerade auf. „Dieses Aas?! Glauben Sie wirklich, ich würde mich in so einen verlieben?“
„Wer ist es denn dann?“
Ihre Entrüstung wich einem humorvollen Zwinkern. Marthe winkte flatternd ab. „Das spielt doch keine Rolle.
Schmunzelnd fiel ihm sein jugendliches Schwärmen für ein Hausmädchen ein. „Ist Violet noch da, das kleine freche Stück?“
„Sie war ehrgeizig“, sagte Marthe und zuckte mit den Achseln. „Irgendeine Dame auf Besuch fand Geschmack an ihr und warb sie ab. Sie wurde ihre Zofe.“
Constantine schluckte. „Schön für Violet.“ Er sah sich in der Küche um. „Es überrascht mich, dass diese Dame nicht auch Sie abgeworben hat.“
Marthe zuckte mit den Achseln. „Das haben schon viele versucht, aber ich verdiene hier gutes Geld und bin es zufrieden. Aber eh voilà Jetzt, wo Sie hier sind, kann ich endlich wieder anfangen, Meisterwerke zu kreieren!“
Er lachte. „Hervorragend, Marthe, kreieren Sie, so viel Sie wollen.“ Er winkte mit der Gabel, wie um sie wegzuscheuchen. „Aber ich halte Sie von Ihrem Frühstück ab. Gehen Sie, ich bestehe darauf! “ „Jawohl, Mylord.“ Marthe knickste lachend und ging hinaus. Constantine konzentrierte sich auf seinen Teller, doch trampelnde Schritte auf der Küchentreppe störten ihn in seinem Genuss. Ein kleiner dunkelhaariger Knabe kam in die Küche gestürzt und blieb abrupt stehen.
Ein Blick verriet Constantine, dass es kein Küchenjunge war. Der Schnitt seiner Nanking-Jacke und die Qualität der Messingknöpfe verrieten, dass er zur Familie gehörte.
Der Knabe schien sich gefangen zu haben. Er verbeugte sich abrupt und japste. „Lord Roxdale, Sir.“
Constantine lächelte: „Und du musst Luke sein.“
„Jawohl, Sir.“
Constantine erhob sich von seinem Stuhl und reichte dem Jungen die Hand.
Luke neigte den Kopf, als verwirrte ihn die dargebotene Hand. Dann streckte er die seine aus und packte Constantines mit etwas aggressivem Druck.
Constantine verstand die Geste. Lady Roxdale war also nicht die Einzige, die mit seiner Anwesenheit auf Lazenby nicht einverstanden war.
Leichthin meinte Constantine: „Wenn du auf der Suche nach einem ordentlichen Frühstück hier heruntergekommen bist, kann ich dir den Speck empfehlen. Er schmeckt hervorragend.“
Ein verstohlener Blick zum Speisesaal der Dienstboten entlarvte den Knaben. Seine Augen wurden groß, als sein Blick auf Constantines vollgehäuften Teller fiel.
„Ich verrate dich nicht, wenn du mich nicht verrätst“, sagte Constantine.
Luke schluckte und sah noch einmal verstohlen zum Speisesaal. „Es ist nur, weil ich Tante Jane nicht verletzen will.“
„Ich verstehe schon. Aber das Essen hier ist mehr was für einen hungrigen Mann als die leichtere Kost, die oben serviert wird“, erklärte Constantine. „Lade dir den Teller voll und bring ihn her. Wir beide sollten uns besser kennenlernen.“
Das ausdrucksvolle Gesicht des Knaben spiegelte den Zwiespalt wider, der in ihm tobte. Am Ende siegte die Begierde über das Gewissen und Luke marschierte davon, um sich etwas zu essen zu holen.
Bei seiner Rückkehr wählte er einen Stuhl, der ein Stück von Constantines Platz entfernt stand. Luke hob den Blick nicht von seinem Teller und schaufelte Marthes köstliches Essen in sich hinein. Vermutlich hoffte er, so einem Gespräch mit seinem Tischnachbarn zu entgehen.
Unbeirrt schwelgte Constantine in seinen Kindheitserinnerungen an Lazenby. „Als wir klein waren, sind Frederick und ich oft hier heruntergekommen und haben Marthe besucht. Wir haben unsere Satteltaschen mit Köstlichkeiten aus der Küche vollgestopft und sind über das ganze Land geritten. Wir waren Ritter, haben Drachen getötet und holde Jungfrauen gerettet.“ Er lächelte. „Das Retten hat mir immer am besten gefallen.“
In Lukes Blick zeigte sich leiser Neid. „Tante Jane sagt, ich bin noch zu jung, um ohne Stallburschen auf meinem Pony auszureiten. Manchmal kommt sie mit.“ Er hob eine Schulter.
Constantine runzelte die Stirn. „Wie alt bist du noch mal?“
„Sechsdreiviertel“, sagte Luke. Seine Stimme klang ein wenig empört.
In diesem Alter hatten Constantine und Frederick allerlei Streiche im Schilde geführt und die Freiheit des Knabenalters bis zur Neige ausgekostet. Er machte Luke keinen Vorwurf aus dem trostlosen Ton in seiner Stimme. Die Begleitung eines Stallburschen förderte die Abenteuerlust nicht gerade.
Offensichtlich engte Cousine Jane den Knaben unverhältnismäßig ein. Sie tat dies gewiss nicht aus Bosheit, nein, so grausam war sie nicht, das sah man sofort. Vielleicht war sie nur übertrieben fürsorglich. Wie auch immer, dem Jungen tat es nicht gut, in Watte gepackt zu werden.
Constantine wählte seine Worte sorgfältig. „Du hast Glück, dass Lady Roxdale so auf deine Sicherheit bedacht ist. Allerdings gibt es gewisse Dinge, die eine Lady nicht verstehen kann. Ich werde mit ihr reden, vielleicht können wir für dich ein paar mehr Freiheiten aushandeln.“
Lukes Gesicht strahlte vor Hoffnung. Doch gleich darauf erlosch das Strahlen. Er senkte den Blick und seine Mundwinkel bogen sich nach unten.
„Das nützt doch nichts“, brummte er. „Nicht wenn Sie uns wegschicken.“
Constantine streckte die Hand aus und hob Lukes Kinn, damit der Knabe ihm in die Augen sehen musste. „Ich schicke euch nicht weg, mein lieber Luke! Das verspreche ich!“
„Sie wollten mich sprechen, Euer Gnaden?“ Jane betrat zur vereinbarten Stunde den Salon. Sie hatte sich so gut es ging auf die bevorstehende Diskussion vorbereitet. Sie hatte sich viele gute Argumente zurechtgelegt, unabhängig davon, dass ihr zukünftiger Bräutigam äußerst abgeneigt schien, sie zur Frau zu nehmen.
Inzwischen war dem Duke wohl klar geworden, dass sie ihm aus dem Weg gegangen war. Am Abend davor hatte sie Müdigkeit vorgeschützt. Diesen Morgen hatte sie seine Einladung zu einem Ausritt ausgeschlagen, obwohl sie sich nach einem schnellen Galopp und frischer Luft sehnte. Aber nun konnte sie das Gespräch nicht länger hinausschieben. Der Duke wollte demnächst nach London aufbrechen.
Montford blickte von dem Brief auf, den er gerade las. „Ja, meine Liebe. Wollen wir uns setzen?“
Jane sah zu dem Brief. Wenn dem Duke ein Schreiben bis hierher folgte, musste es wichtig sein. „Hoffentlich keine schlechten Nachrichten?“
Der Duke hob die Augenbrauen. Jane machte sich darauf gefasst, für ihre Neugier getadelt zu werden.
Doch Montford faltete den Brief nur zusammen und steckte ihn in die Tasche. „Nein, nein. Aber eine wichtige Angelegenheit, der ich mich umgehend widmen muss. Leider sehe ich mich gezwungen, meinen Besuch abzukürzen und sofort nach London zurückzukehren.“
„Das hat Rosamund mir bereits gesagt. Es ist bedauerlich. Ich hatte gehofft, dass Ihr mindestens noch bis Ende der Woche bleibt.“
„Ja, das hatte ich auch gedacht.“ Er hielt inne. „Sie jedoch täten gut daran hierzubleiben, während die Anwälte die Übergabe vorbereiten, um alles im Auge zu behalten.“
„Ja.“ Jane nickte leicht überrascht. Offenbar hatte der Duke of Montford nichts dagegen einzuwenden, dass sie mit jemandem wie
Constantine Black, wenn auch nur eine Weile, unter ein und demselben Dach lebte. „Ich bin überzeugt, dass das Durcheinander nur noch größer würde, wenn ich in einem Moment wie diesem abreisen würde.“
Jane setzte sich auf das Sofa und der Duke wählte einen Stuhl in der Nähe der Sitzgruppe. Er wirkte elegant und ungezwungen und Jane wünschte, sie könnte von ihm lernen, ihre Gefühle ebenso gut zu verbergen. Aber vielleicht war es gar keine Gabe. Vielleicht stimmte ja, was andere über ihn sagten, und der Duke of Montford hatte überhaupt keine Gefühle.
„Sagen Sie mir, Euer Gnaden, ist die Lage wirklich so schlimm, wie Beckenham glaubt?“
Der Duke seufzte. „Constantine Black hat Lazenby Hall geerbt, dazu das umgebende Land. Die restlichen Kapitalanlagen aber, die Aktien, Papiere und Barvermögen, werden für Sie treuhänderisch verwaltet.“
„Aber ich will es doch gar nicht.“
„Trotzdem.“
Sie biss sich auf die Lippen. „Gibt es denn keine Möglichkeit, alles zurückzugeben?“ Im Austausch für Luke natürlich, dachte Jane, sagte es aber nicht.
„Das könnte kompliziert werden. Die Treuhänder würden ihre Pflicht verletzen, wenn sie dem zustimmten.“ Montford breitete in einer ungewohnt hilflosen Geste die Hände aus. „Es ist sehr bedauerlich, dass Frederick das Erbe auf diese Weise geteilt hat, aber wir können dagegen nun nicht mehr viel tun. Wenn man Anwälte damit betraut, könnte sich die Sache bis ins nächste Jahrhundert hinziehen. Sie wissen ja, wie Anwälte sind.“
Der Duke legte die Fingerspitzen aneinander und drückte die Zeigefinger an die Lippen. „Sie sind eine kluge Frau, Lady Roxdale. Inzwischen haben Sie sicher erkannt, dass es nur eine Möglichkeit gibt, das Puzzle wieder zusammenzufügen, und die besteht darin, den neuen Lord Roxdale zu heiraten.“
Sie neigte den Kopf. „Euer Gnaden ...“
Der Duke hob die Hand. „Allerdings rate ich davon ab. Wenn er ein anderer Mann wäre, aber so?“ Missbilligend presste er die Lippen zusammen. „Constantine Black würde jede Frau unglücklich machen. Sein Ruf ist schockierend. Er wird in der vornehmen Gesellschaft kaum empfangen. “
Jane blinzelte. Hatte sie gerade richtig gehört? Hatte der Duke ihr tatsächlich geraten, ihr persönliches Glück über die familiäre Pflicht
zu stellen? Wie ärgerlich, dass dieser Sinneswandel ausgerechnet jetzt eintrat, wo sie bereit war, das Opfer darzubieten, damit sie Luke behalten konnte.
„Was um alles in der Welt hat dieser Halunke eigentlich getan?“ Sie bemühte sich, die Frage möglichst beiläufig anzuführen. „Ich erinnere mich nur dunkel an das Gerede über irgendeinen Skandal, doch Frederick wollte nicht darüber sprechen.“
„Er hat eine junge Dame verführt und dann sitzen gelassen“, sagte der Duke of Montford unverblümt. „Er hatte sich schon zuvor einen zweifelhaften Ruf erworben, doch mit dieser Episode hat er jede Grenze überschritten. Die Familie hat natürlich versucht, alles unter den Teppich zu kehren, aber derartige Dinge kommen immer heraus.“
Jane spürte, wie eine tiefe Enttäuschung von ihr Besitz ergriff und ihr ein Stück der Spannung nahm, die sie immer dann spürte, wenn Constantine Black in ihrer Nähe war. Sie blinzelte überrascht. Sie hatte doch gewusst, dass Constantine Black keine Moral besaß. Warum also kränkten sie diese Worte so?„Was ist mit der jungen Dame passiert?“, fragte sie.
Der Duke zuckte mit den Achseln. „Sie wurde bald mit einem anderen Mann verheiratet. Ich glaube, es war ein Anwalt. Kaum vergleichbar mit der Stellung, die sie errungen hätte, wenn Black ihr gegenüber Anstand bewiesen hätte.“
Hätte Black damals. Anstand bewiesen, würde diese junge Dame nun Jane als Herrin von Lazenby Hall ablösen. Jane! Was bist du nur für ein schreckliches, selbstsüchtiges Ding! Diese arme junge Frau hatte einen Anwalt heiraten müssen.
Die Neuigkeit ließ Cecilys brillanten Plan im neuen Licht erscheinen. Selbst wenn es Jane gelingen würde, Constantine Black zu verführen, würde sie ihn niemals vor den Altar zwingen können. Das wusste sie jetzt. Außerdem würde sie sich selbst verachten, wenn sie zu so üblen Methoden griff.
Jane konnte gut nachempfinden, welche Anziehungskraft Constantine Black auf ein unerfahrenes Mädchen ausüben musste. Auch sie wurde von seinem Charme magisch angezogen, und sie war weder eine alberne junge Frau, noch hatte sie romantische Illusionen über Bettgeschichten.
„Wie alt war er denn damals?“ Warum hasche ich nach mildernden Umständen?
Der Duke zuckte mit den Achseln. „Zwanzig? Einundzwanzig? Jedenfalls alt genug, um es besser zu wissen.“
Jung genug, um einen Fehler zu begehen.
Jane schüttelte sich innerlich. Nun verteidigte sie ihn auch noch. Sie besaß offenbar auch nicht mehr Verstand als diese arme junge Frau. Ein ehrbarer Mann würde sich nie weigern, ein Mädchen aus gutem Haus zu heiraten, das er ruiniert hatte, egal wie jung er war.
Anscheinend würde der Duke sie nicht in ihren Plänen unterstützen, den neuen Lord Roxdale zu heiraten. Sie musste sich Constantines Einwilligung allein erkämpfen. Und das dürfte schwer genug werden.
Wenn man der Enthüllung des Dukes glauben durfte, vermied Constantine Black völlig skrupellos jeden Schritt in eine Ehefalle.
Sie kam auf ihr ursprüngliches Gespräch zurück. „Was auch immer mit dem Besitz geschieht, ich sollte vorerst hierbleiben, um dafür zu sorgen, dass die Haushaltsführung ohne große Störungen übergeben werden kann.“
„Ja.“ Der Duke nahm seine Uhr heraus. Er klappte den Deckel auf, sah aufs Ziffernblatt, klappte die Uhr wieder zu und steckte sie wieder ein. „Ich möchte Sie jedoch warnen! Man kann Constantine Black nicht über den Weg trauen.“
Sie dachte an den Abend davor in der Kapelle. Wie unbesonnen sie doch gewesen war. Aber er hatte sie nicht mit Gewalt genommen. Er hatte ihr nicht einmal einen Kuss gestohlen. Er hatte nur ... Jane lief ein eiskalter Schauer über den Rücken.
Um ihre Reaktion zu verbergen, strich sie mit beiden Handflächen die Rockfalten über ihrem Schoß glatt. „Machen Sie sich keine Sorgen, Euer Gnaden“, sagte sie. „Ich bin kein albernes junges Mädchen. Vielleicht bin ich sogar die letzte Frau auf Erden, die auf die Listen eines solchen Mannes hereinfallen würde.“
Montford betrachtete sie eine Weile mit leicht zusammengekniffenen Augen. „Dennoch ist es nicht wünschenswert, dass Sie mit ihm allzu lange unter einem Dach wohnen. Wäre das Erbe nicht so ungünstig geregelt worden, würde ich es gar nicht gestatten.“
„Lady Endicott hat versprochen, hierzubleiben und als meine Anstandsdame zu fungieren“, erinnerte sie ihn.
Montford nickte. „Ich weiß. Wo ist die Countess überhaupt? Ich habe sie seit der Beerdigung nicht mehr gesehen.“
„Sie hat sich gestern mit Migräne zurückgezogen. Ihre Zofe sagte, dass sie sich nach einem Tag Ruhe meist wieder erholt.“
Er runzelte die Stirn. „Ich möchte hoffen, dass die Dame nicht weiter kränkelt. Man kann sie kaum als passende Anstandsdame ansehen, wenn sie ihr Schlafzimmer nicht verlässt.“
Jane hob das Kinn. „Wie gesagt, ich bin kein junges Ding mehr, Euer Gnaden. Constantine Black wird mich wohl kaum belästigen.“ Sie sah ihn ernst an. „Sie glauben doch nicht, dass er eine Frau gegen ihren Willen bedrängt, oder?“
„Nein, ich glaube, diese Grenze wird er nicht überschreiten“, sagte Montford. „Dennoch wäre es besser, wenn man ein anderes Arrangement treffen könnte. Lady Endicott möchte auch nicht allzu lang in Lazenby Hall bleiben. Ich werde darüber nachdenken und Sie über meine Gedanken in Kenntnis setzen.“
Sollte sie Luke erwähnen? Vielleicht wäre das unklug. Wenn Montford erfuhr, wie sehr sie an Luke hing, würde er sicherlich über die Beweggründe nachdenken, die sie zum Bleiben veranlassten. Und dann würde er sie davon abhalten, um Constantine Black zu werben.
Draußen war geschäftiges Treiben zu hören. Der Duke erhob sich. Gemächlich trat er ans Fenster und blickte hinaus.
„Mir scheint, es ist alles zur Abreise bereit. Ich muss mich verabschieden.“ Auf seine elegant lässige Art streifte er sich die Handschuhe über.
Dann sah er einen langen Augenblick auf sie herab. „Auf Wiedersehen, Jane.“
Ihr Vorname! Er hatte sie bei ihrem Vornamen genannt. Staunend erwiderte sie den Blick. Bildete sie es sich nur ein oder war sein Ausdruck tatsächlich weicher geworden? Vielleicht lag es nur am Licht.
Sie antwortete nicht, drehte sich jedoch um, um ihn hinunter zur Kutsche zu begleiten.