8. Kapitel

Constantine Black sah in der Schreibkammer auf die Uhr.

Noch eine halbe Stunde bis zum Dinner.

Er betrachtete die verschiedenen Karten, die Rechnungsbücher, Dokumente und anderen Utensilien, die verstreut über Tische und Stühle lagen. Alles in allem hatten sie ganz gute Fortschritte erzielt. Nun hatte er eine sehr viel bessere Vorstellung von seiner finanziellen Lage.

Es hatte ihn überrascht, wie schnell die Zeit vergangen war. Noch erstaunlicher aber fand er, wie sehr ihn seine neue Aufgabe begeisterte. Begierig hatte er alle Informationen aufgesogen, hatte Schlüsse gezogen und Befehle erteilt, so als wäre er dazu geboren.

Was er natürlich auch war, immerhin war er als ältester Sohn und Erbe von Broadmere darin ausgebildet worden, ein Gut zu verwalten. Nun stellte er fest, dass alte Gewohnheiten ganz besonders zäh waren. Offenkundig war seine Ausbildung nicht umsonst gewesen.

Papiere knisterten und flatterten, als der Verwalter und der Anwalt sich gemeinsam darüberbeugten. Er hatte sie über sechs Stunden ohne Pause in Atem gehalten. Es war Zeit, sie gehen zu lassen. „Machen wir Schluss für heute, meine Herren.“

Unter zustimmendem Gemurmel sammelten Mr Greenslade und Mr Larkin ihre Papiere ein.

„Nein, lassen Sie sie liegen“, sagte Constantine. „Ich möchte sie noch einmal durchgehen.“

Der Anwalt warf ihm einen verblüfften Blick zu.

Sanft sagte Constantine: „Vielleicht finde ich irgendetwas, was Sie übersehen haben.“

Natürlich klammerte er sich an jeden Strohhalm. Er hoffte, in den Büchern noch verborgene Werte zu entdecken. Bisher hatte ihm ihr Studium nur Geschäftsfelder gezeigt, in die es zu investieren galt.

Man musste dem Anwalt zugutehalten, dass ihm die kleine Spitze dieses so berüchtigten Spitzbuben nicht mehr als ein Blinzeln entlockte. „Jawohl, Mylord.“

„Sagen wir bis morgen Mittag?“, fragte Constantine.

Der Anwalt verneigte sich. „Ich stehe ganz zu Ihrer Verfügung, Mylord.“

„Dafür danke ich Ihnen herzlich.“ Er lehnte sich mit der Hüfte an den Schreibtisch. „Wo sind Sie abgestiegen?“

„Im King’s Head.“

„Ja?“ Constantine hob eine Augenbraue. „Angeblich wird dort ein hervorragendes Frühstück serviert.“

Der Anwalt gestattete sich ein Lächeln. „Allerdings, Mylord.“ Mr Greenslade verabschiedete sich mit einer Verneigung, doch als der Verwalter ihm folgen wollte, sagte Constantine: „Einen Moment, Larkin.“

Der Mann fuhr zusammen und sah ihn wie ein gehetztes Kaninchen an, das einen Fuchs wittert. Der bleiche, rothaarige Kerl erinnerte ihn mit seinem dürren Leib und seinem bauschigen Haupthaar an eine Löwenzahnblüte. Beim geringsten Hauch von Widerstand würde er davonfliegen.

Soweit Constantine es beurteilen konnte, war der junge Mann gewissenhaft, aber leider vollkommen untauglich für die Aufgabe des Verwalters. Es war unwahrscheinlich, dass er Fredericks Vertrauen genossen hatte. Andererseits konnte man nie wissen.

„Wie lang arbeiten Sie schon hier, Larkin?“

„Beinahe drei Jahre, Mylord.“

„Würden Sie sagen, dass Sie Lord Roxdale gut gekannt haben?“ Larkins Adamsapfel hüpfte auf und ab. „Nein, Mylord. Der vorige Lord Roxdale hat sich für den laufenden Betrieb des Gutsbesitzes nicht sehr interessiert.“

„Er hat alles Ihnen überlassen, oder?“

„N...nicht mir, Mylord. Mr Jones. Er war Verwalter hier, bis er vor ein, zwei Jahren in Rente gegangen ist.“

„Ah. Mr Jones kenne ich noch von früher.“ Nur zu lebhaft erinnerte er sich an den einen oder anderen vernichtenden Tadel von dem eigensinnigen Verwalter. Vermutlich hatte er ihn auch verdient. Als Kind hatte Constantine nichts als Schabernack im Kopf gehabt.

Jones lebte immer noch in einem Häuschen auf dem Gelände. Constantine hatte seinen Namen in den Rechnungsbüchern gesehen. „Ich wusste gar nicht, dass er schon so alt ist. Musste er in Rente gehen?“ Larkin wollte sich dazu und zu anderen Themen nicht äußern. Schließlich ließ Constantine ihn gehen. Er ging in sein Zimmer, um sich zum Dinner umzukleiden.

Er dachte über Larkin nach. Er wirkte bemüht, aber viel zu zaghaft.

Er würde dem Mann eine andere Aufgabe zuweisen. Für die Gutsverwaltung brauchte er einen starken, klugen Kopf.

George kam ihm in den Sinn, doch sein Bruder hatte seinen eigenen Besitz. Constantine seufzte. Er musste seinen Anwalt bitten, die nötigen Dokumente aufzusetzen, damit er Broadmere auf George übertragen konnte. Daran war für ihn nicht zu rütteln. Nicht einmal um einer Ehe zu entgehen, würde er den Familiensitz verkaufen.

Seine Gedanken wanderten wieder zu der Eisjungfer. Er hatte ihr am letzten Abend die Wahrheit gesagt: Er hatte sich wirklich noch nicht entschieden, ob er sie heiraten wollte. Im Lichte der heutigen Entdeckungen schien diese Ehe jedoch seine einzige Option.

Er musste die Hypothek zurückzahlen, die auf der Weberei lastete, sonst würde er sie verlieren. Eineinhalb Monate war zu wenig Zeit, um eine derartige Summe aus dem Ärmel zu schütteln. Er könnte den Besitz teilen und etwas Land verkaufen, aber das würde dauern. Außerdem ginge ihm das sehr gegen den Strich. Die Pächter vertrauten auf das Versprechen, dass sie in weiterer Zukunft eine Erbpacht für das Land kaufen konnten, das sie bearbeiteten. Wenn Constantine begann, ebendieses Land zu verkaufen, wäre das nicht gut für die Moral.

Und im Gegensatz zu allem, was gewisse Leute glauben mochten, war er sich seiner Verantwortung späteren Generationen gegenüber vollauf bewusst. Er war verpflichtet, den Besitz zu erhalten, statt ihn stückweise zu verkaufen. Lady Roxdale zu heiraten wäre dem auf alle Fälle vorzuziehen.

Constantine, der gerade dabei war, das Krawattentuch zu binden, hielt inne. Schon bei dem bloßen Gedanken an die Ehe wurde ihm übel. Als die vornehme Gesellschaft ihn damals zwingen wollte, den Bund der Ehe einzugehen, hatte er sich strikt geweigert. Diese Entscheidung hatte sein Leben dramatisch verändert. Er war so verletzt gewesen, so weltunerfahren und so leidenschaftlich in seinem Gefühl, betrogen worden zu sein, dass er alles nur noch schwarz-weiß gesehen hatte.

Er prüfte sein Spiegelbild und ließ sich dann von seinem Kammerdiener in den Rock helfen, der von einem tiefen satten Burgunderrot war und sich schmeichelnd an seine Schultern schmiegte.

Constantine rückte eine Manschette zurecht. Nein, trotz all der schlechten Aussichten hatte er die Hoffnung noch nicht ganz aufgegeben, eine andere Lösung für seine finanziellen Probleme zu finden.

Morgen würde er Fredericks alten Verwalter aufsuchen. Was Jones über Lazenby nicht wusste, war der Erwähnung nicht wert.

Wenn es irgendeinen Weg gab, die Weberei zu retten, würde Jones wohl den Schlüssel dazu kennen.

Bis zum Ende der Woche sollte er sich einen genauen Überblick über sein gesamtes Betriebsvermögen verschafft haben. Abgesehen von seinen verschiedenen Investitionen, besaß er kein nennenswertes Vermögen. Broadmere zählte er nicht. Er besaß nur ein paar Vollblutpferde und seine Kutsche. Seine Kuriositätensammlung würde vielleicht etwas einbringen. Er hatte einen Auktionator aus London bestellt, der sich mit derartigen Dingen auskannte.

Ach, zum Teufel, das Familiensilber könnte er auch noch verkaufen.

Jane musste sich das Lächeln nicht gewaltsam abringen, als Constantine an diesem Abend in den Salon schlenderte. Die Gesellschaft zweier Damen von Lady Ardens und Lady Endicotts Kaliber, die ihren Meinungen wortreich und entschieden Ausdruck verliehen, konnte ziemlich nervenaufreibend sein. Janes Lächeln beruhte sowohl auf ihrer Erleichterung, ihn zu sehen, als auch ihrem Entschluss, sich charmant zu zeigen.

Sie hatte das kleidsamste Trauergewand angezogen, das sie besaß, und das Fichu beiseitegelassen, das sie normalerweise in den Ausschnitt steckte, um das Dekollete zu verdecken. Ihr Haar hatte die Zofe nach der neuesten Londoner Mode frisiert. Jane war sich unsicher, wie es wirkte. Es fühlte sich frei und hübsch an, beinahe frech, so als könnten ihr die Locken jeden Augenblick über die Schultern fallen. Jane widerstand dem Bedürfnis, danach zu tasten, um sicherzugehen, dass jede Strähne fest saß.

Constantine blieb auf der Schwelle stehen und hob überrascht die Augenbrauen.

Dann trat er vor. „Guten Abend, Cousine Jane.“ Constantine beugte sich ganz korrekt über ihre Hand. Weder drückte er ihre Finger noch versuchte er sie zu küssen, doch der flüchtige Kontakt reichte aus, um ihre Sinne zu wecken.

Sie hoffte, dass sie ihre Irritation und die vollkommen unpassende Reaktion verbergen konnte, doch seine Augen glitzerten vielsagend, als er sie betrachtete.

„Sie haben eben ehrlich erfreut gewirkt, mich zu sehen“, murmelte er. „Geht es Ihnen auch gut?“

„Da sind Sie ja, Constantine!“

Beim Klang der musikalischen Stimme zuckte Constantine zusammen. Er sah über Jane hinweg zur anderen Seite des Salons.

„Zum Teufel“, murmelte er.

Jane unterdrückte ein Lachen. Constantine überspielte den Fluch mit einem leichten Hüsteln und trat vor, um die Damen zu begrüßen.

„Lady Arden.“ Er verneigte sich und hob ihre Hand an die Lippen. „Jedes Mal, wenn ich Sie sehe, sind Sie noch schöner geworden.“

Mit vergnügt funkelnden Augen antwortete Lady Arden: „Glauben Sie nur nicht, dass Sie mir nach all den Jahren mit Schmeicheleien beikommen können, Sie Spitzbube. Ich bin immun gegen Ihren Charme.“

Das war natürlich völliger Unsinn, wie Jane mit heimlichem Entzücken beobachtete. Denn die unerschütterliche Lady Arden verlor unter Constantines Aufmerksamkeiten doch ein wenig die Contenance und wurde unruhig.

Constantine gelang sogar das Kunststück, Lady Endicott zu schmeicheln. Jane hätte es nie für möglich gehalten, schließlich hatte sie sich in der letzten halben Stunde nur Klagen der Countess über Constantines Mangel an Benehmen und Moral anhören müssen. Und doch schlug die Tante nun nach nur wenigen geschickt formulierten Komplimenten ganz andere Töne an.

Beim Dinner saßen sie zwanglos am Tisch, Constantine am Kopfende, Jane zu seiner Rechten, Lady Arden und Lady Endicott zu seiner Linken. Bald tauschten die älteren Damen Familienklatschgeschichten aus und überließen Jane und Constantine sich selbst. Jane wappnete sich gegen Flirtversuche, doch Constantine plauderte über neutrale Themen, bis das Dinner serviert wurde.

Als die Dienstboten mit silbernen Platten und Schüsseln erschienen, entspannte sich Jane ein wenig. Vielleicht würde sich Constantine in Hörweite seiner Anverwandten benehmen.

Constantine ließ sich etwas Hummer in Butter auftun. „Ich nehme an, jetzt, wo sie weg sind, vermissen Sie Ihre Cousinen.“

Wenn er damit andeuten wollte, sie sollte ihrem Beispiel folgen, so war Jane für diesen Hinweis taub. „Ja, ich habe sie sehr gern.“

Er neigte den Kopf und betrachtete sie nachdenklich. „Der Duke ist sehr Respekt einflößend. Wie war es, unter seinem Dach aufzuwachsen?“

„Seine Gnaden hatte nicht viel mit uns zu tun, als wir klein waren“, sagte Jane. „Die meiste Zeit waren wir uns selbst überlassen.“ Sie überlegte. „Es war schön auf Harcourt. Die Jungen haben uns natürlich gnadenlos getriezt. Aber wir haben uns gerächt. Cecily war besonders einfallsreich, wenn es darum ging, sie für ihre Verbrechen zahlen zu lassen.“

Constantine nickte einem Diener zu, der ihm Bordeaux eingoss. „Lady Cecily muss ein ziemlicher Wildfang gewesen sein.“

„Zweifellos. Aber sie war dabei so reizend und lustig, dass ihr niemand widerstehen konnte. Streng genommen ist sie noch nicht in die Gesellschaft eingeführt, aber sie ist von klein auf mit dem Duke of Norland verlobt, daher besteht kein Grund zu übertriebener Eile.“ „Und Lady Rosamund? Ihre Heirat ist vermutlich auch schon arrangiert. Eine solche Schönheit wäre ja schon in der ersten Ballsaison vom Fleck weg geheiratet worden.“

Natürlich war ihm Rosamunds Schönheit aufgefallen, wie hätte es anders sein sollen. Das stimmte Jane ein wenig eifersüchtig. „Sie ist bemerkenswert schön, nicht wahr? Lady Rosamund soll den Earl of Tregarth heiraten. Kennen Sie ihn?“

„Ich glaube ja. Er ist ein deVere, oder?“ Er beugte sich vor und murmelte: „Erwähnen Sie den Namen bloß nicht, wenn Lady Arden Sie hören kann. Die deVeres und die Blacks sind seit Jahrhunderten erbitterte Feinde.“

Constantines warmer Atem kitzelte sie am Ohr. Erneut lief ein eiskalter Schauer ihren Rücken hinab. Um es zu kaschieren, rang sie sich ein Lächeln ab. „Wirklich? Ich dachte, dergleichen wäre mit Shakespeare ausgestorben. Von wegen Montagues und Capulets und so.“ „Oh, keineswegs. Die alten Rivalitäten sind immer noch aktuell, wenn sie sich auch auf weniger gewalttätige Weise Ausdruck verschaffen.“ Er biss die Zähne zusammen. „Meistens jedenfalls.“ Hatte Constantine je ein Duell ausgefochten? Vielleicht wegen dieser Dame, die er geliebt und verlassen hatte? Jane verbat sich den Gedanken. An diesem Abend sollte diese unbekannte Dame keine Rolle spielen.

Jane ließ sich von verschiedenen Gerichten servieren, ohne zu bemerken, worum es sich handelte. Trotz der harmlosen Natur ihres Gesprächs, beobachtete sie gespannt jede seiner Bewegungen und jeden Ausdruck in seinem Gesicht. Vor Nervosität krampfte sich ihr Magen zusammen. Sie bekam kaum einen Bissen hinunter.

„Hat sich denn keine von Ihnen nach Liebe verzehrt?“, fragte Constantine. „Drei so schöne und intelligente Frauen müssen sich über derartig mittelalterliche Arrangements doch geärgert haben.“ Geärgert? Er hatte ja keine Ahnung. Sie hob eine Schulter. „Eine Westruther erwartet in der Ehe keine Liebe. Tatsächlich bin ich sogar der Ansicht, dass es so für beide Seiten angenehmer sein muss.“ Constantine betrachtete sie einen Augenblick, als wollte er etwas sagen. Dann jedoch schien er es sich anders zu überlegen und schwenkte nur seine Gabel. „Sie sollten das Kalbsfrikassee probieren. Es ist köstlich.“

Sie blickte auf ihren immer noch unberührten Teller. Normalerweise interessierte sie sich nicht für Essen. Im Gegenteil, meist musste man sie daran erinnern, etwas zu sich zu nehmen.

„Sie klingen genau wie meine alte Kinderfrau. Sie hat mich auch immer zum Essen angehalten“, sagte sie und griff nach dem Besteck. Was für ein Vergleich! Es wäre schwer, jemanden zu finden, der ihrer runden, gemütlichen alten Kinderfrau weniger ähnelte als dieser wilde schöne Mann.

„Ein gutes Essen zählt zu den größten Annehmlichkeiten des Lebens“, sagte Constantine. „Im Gegensatz zu anderen genussfreudigen Lastern hat es zudem den Vorteil, niemandem zu schaden.“ Er zuckte seine Schultern. „Also, warum greifen Sie nicht zu?“

Sie fragte sich, ob sich seine Einladung nur auf die Freuden der Küche bezog. Dann bemerkte sie das Glitzern in seinem Blick und war sich sicher, dass sie das nicht tat.

Jane betrachtete ihren Teller. Sie fühlte sich wie Eva im Paradies, der gerade die Schlange mit dem Apfel begegnet war.

Ein wenig trotzig spießte sie ein Stückchen Kalbfleisch auf und führte den Bissen zum Mund. Sie konnte das Stöhnen kaum unterdrücken, als der Geschmack in ihrem Mund förmlich explodierte. Nach all den milden Speisen, die sie gewohnt war, war er beinahe zu intensiv.

„Und?“, fragte Constantine.

Sie schluckte und zwang sich, gleichgültig zu tun.

„Recht ordentlich“, brachte sie hervor.

Er runzelte die Stirn. „Ordentlich?“

Jane bemühte sich, ihren unschuldigen Gesichtsausdruck zu wahren. Doch anscheinend hatten ihre Züge die Wahrheit bereits verraten, denn auf Constantines Gesicht breitete sich ein breites Lächeln aus. Sein Blick schien sich auf ihren Mund zu konzentrieren. Hatte sie dort einen Soßenfleck? Verlegen leckte sie sich die Lippen.

Seine Augen glühten, doch seine Stimme blieb nonchalant. „Ich würde Sie ja gerne dafür tadeln, dass Sie die Begabung einer Meisterköchin herunterspielen, Lady Roxdale, aber mir ist auch klar, dass sie eher zu bedauern sind.“ Er schüttelte den Kopf. „Ordentlich! Sagen Sie das nur nicht der Köchin. Sie würde auf der Stelle kündigen und dann wäre ich gezwungen, ihr zu folgen.“

Jane kostete einen weiteren Bissen und unterdrückte dabei tapfer jede Spur von Genuss. Er hatte recht! Ihr war nicht bewusst gewesen, was sie bisher verpasst hatte. Fredericks Arzt hatte ihm schon vor Jahren üppige Speisen verboten und es war ihr nicht recht vorgekommen, sich raffinierte französische Köstlichkeiten servieren zu lassen, während Frederick gekochten Hammel mit Erbsen aß.

„Ich glaube, die Köchin wird sich mit Ihrem vollmundigen Lob begnügen müssen, Sir“, sagte sie und nahm einen Schluck Wein. Sie runzelte überrascht die Stirn. „Stammt der aus unserem Keller?“ „Ich würde Marthes Kreationen nie mit minderwertigen Weinen beleidigen.“ Er griff nach seinem Glas. „Guter Bordeaux muss genossen und nicht gehortet werden wie die Goldstücke eines Geizkragens.“

„Sie sind ein Lüstling“, sagte sie mit leisem Tadel.

„Ein Genussmensch“, korrigierte er sie. „Ich freue mich an allem, was sich mir darbietet.“

Diese bloße Bemerkung, gesprochen in seinem heiseren Ton, ließ abermals die Hitze in ihr aufsteigen. Jane stockte der Atem. Sie fühlte sich unsicher und war überzeugter denn je, dass es klug gewesen war, nicht zuzugeben, was für eine Offenbarung die Mahlzeit für sie gewesen war.

Im Kerzenlicht schimmerte Constantines Teint bronzefarben. Seine Wangenknochen und das markante Kinn traten deutlich hervor. Fasziniert starrte sie auf seine Finger, mit denen er am Stiel seines Weinglases spielte. Sie waren lang, beweglich und von subtiler Kraft. Die weiße Spitzenmanschette fiel elegant über seine kräftige, gebräunte Hand.

Er hob das Weinglas und nahm einen tiefen Schluck. Ihre Blicke begegneten sich und sie sahen sich lange in die Augen.

Lady Endicotts schrille Stimme zerstörte diese merkwürdige Spannung. „Constantine! Jane! Habt ihr gehört, was ich gesagt habe?“ Leise Verärgerung huschte über Constantines Gesicht. Jane merkte, dass sie selbst ein wenig zornig war, dabei sollte sie der Countess doch eher dankbar sein für diese Störung.

Ohne eine Antwort abzuwarten, fuhr die Countess fort: „Lady Arden hat mir eben überaus beunruhigende Neuigkeiten aus London berichtet.“ Sie drehte sich zu der anderen Dame um. „Wirklich, Emma, ich weiß nicht, warum Sie mir das nicht schon früher erzählt haben. Diese Hyäne hat die Krallen in meinen Sohn geschlagen“, murmelte sie. „Das lass ich nicht zu! Jane“, fügte sie hinzu, „ich muss nach London zurück. Es tut mir leid, wenn dich das in eine schwierige Lage bringt, aber es ist äußerst wichtig!“

Constantine blinzelte: „Du verlässt uns, Tante?“ Er konnte sein Glück kaum fassen.

„Im ersten Morgengrauen!“ Lady Endicott warf ihre Serviette auf den Tisch und machte Anstalten, sich zu erheben, worauf sofort ein Diener herbeisprang und ihren Stuhl zurückzog. „Ich muss mich um das Gepäck kümmern.“

Lady Arden winkte lässig. „Tu, was du für richtig hältst, Griselda. Wir kommen hier auch ohne dich zurecht.“

Mit verdächtig unschuldiger Miene hob Lady Arden das Weinglas an die Lippen, während die ältere Frau geschäftig aus dem Zimmer eilte.

Constantine betrachtete seine Respekt einflößende Verwandte mit hochgezogenen Brauen. Sie führte mal wieder etwas im Schilde. Als unverbesserliche Ehestifterin hatte Lady Arden gewiss Jane und ihn im Visier.

Auf seinen fragenden Blick hin erntete er nur ein strahlendes Lächeln. „Das hätten wir nun auch erledigt.“

„Aber“, sagte Jane, „wenn Lady Endicott morgen nach London reist, wer soll dann meine Anstandsdame sein? Ich kann hier unmöglich allein mit Constantine bleiben!“

„Es klingt nach einem hervorragenden Plan.“ Constantine schmunzelte und fing sich dafür einen kühlen Blick ein. Verdammt, eigentlich hatte er gedacht, Jane hätte sich an diesem Abend ein wenig für ihn erwärmt, aber ihr Blick verriet ihm, dass vor ihm noch ein langer Weg lag.

Lady Arden warf die Hände in die Höhe. „Natürlich bleibst du nicht allein bei dem Spitzbuben hier, meine Liebe. Ich bleibe vorerst auf Lazenby. Ich bin mir sicher, der Duke würde es von mir erwarten.“

„Du?“, fragte Constantine. Seine Lippen umspielte ein ungläubiges Lächeln. „Du willst wochenlang auf dem Land Däumchen drehen? Ausgerechnet im Frühling? Das kann ich nicht glauben.“ „Ich bin in Cambridgeshire aufgewachsen“, sagte Lady Arden verschnupft. „Ein paar Schweine und Pferde machen mir keine Angst.“

„Schafe.“ Jane führte ihr Glas an den Mund, um ein Lächeln zu verbergen. „Auf Lazenby züchten wir Schafe.“

„Natürlich, meine Liebe, schließlich sind wir in den Cotswolds, nicht wahr?“ Lady Arden nahm Messer und Gabel auf. „Ich freue mich schon darauf, mich hier mit allem bekannt zu machen.“

Jane sagte: „Na, dann ist es abgemacht. Herzlichen Dank. Ich weiß nicht, was ich ohne dich anfangen würde.

Die beiden warfen vieldeutige Blicke in Richtung Constantine.

Man brauchte kein Genie sein, um zu erraten, dass sie sich gegen ihn verbündet hatten. Wenn Lady Arden sich wie so oft durchsetzte, schienen seine Tage als Junggeselle wohl gezählt.

Allerdings hatte er sich in der Vergangenheit schon gegen ganz andere entschlossenere Gegner zur Wehr gesetzt. Noch wollte er sich nicht geschlagen geben.

Er schenkte beiden ein ausdrucksloses Lächeln.

Lady Arden verwickelte Jane in ein weiteres Gespräch. Es gab Constantine die Gelegenheit, Jane ausführlich zu betrachten. Ihr Haar sah anders aus, irgendwie weicher und femininer. Ihre kastanienbraunen Locken waren so locker und beinahe nachlässig festgesteckt, als wäre sie gerade erst aus dem Bett gekommen. Um ihren Hals trug sie eine Kette aus glänzenden Jettperlen, die sich scharf von ihrer weißen Haut abhoben. Und man sah, wie sich ihr Busenansatz beim Atmen hob und senkte.