20. Kapitel
Sobald Constantine ihr in dieser Nacht die Tür öffnete, stürzte sie sich auf ihn. Sie küsste ihn fieberhaft und riss an den Verschlüssen seines Morgenrocks.
Als er ihre Fingerspitzen auf der nackten Haut fühlte, hielt er den Atem an. Er spürte, dass ihre Liebkosungen etwas Verzweifeltes an sich hatten. Das verstörte ihn.
Er legte Jane die Hände auf die Schultern, um sie festzuhalten. „Hoppla“, sagte er sanft. „Wozu die Eile, Prinzessin?“
Wortlos entschlüpfte sie seinem Griff und glitt an seinem Körper hinab. Sie liebkoste seine Hüften mit den Händen, küsste sanft seine kratzige Brust und ließ die Zungenspitze über seine Brustwarzen schnellen. Er wurde sofort hart, doch er war fest entschlossen, sich nicht von seiner Frage ablenken zu lassen.
„Jane!“
Sie stieß weiter nach Süden vor, leckte ihm spielerisch über den Bauch. Es fühlte sich an wie züngelnde Flammen. Nein. Bevor er noch ganz den Verstand verlor, musste er wissen, warum sie sich so benahm.
Er berührte sie am Hinterkopf, versuchte sie auf sich aufmerksam zu machen. Mit angespannter Stimme sagte er: „Nicht dass ich nicht zu schätzen wüsste, was du gerade tust.“ Er unterbrach sich und stöhnte auf, denn in diesem Augenblick hatte sie ihn in den Mund genommen. Constantine vergaß, was er hatte sagen wollen.
Etwas stimmte nicht, doch er würde es nicht herausfinden, während sie ihn geschickt wie eine erfahrene Kurtisane mit der Zunge verwöhnte.
Zitternd schob er die Finger in ihr Haar, spannte die Pobacken an, als sie ihn tief in sich aufnahm. Er hatte ihr einige Kunstgriffe beigebracht, aber in den letzten Tagen schien sie diese perfektioniert zu haben.
Er hielt so lange aus, wie er nur konnte, was, wie sich herausstellte, nicht lang war. Viel zu bald entrang sich seiner Kehle ein heiserer Schrei und er kam so heftig, dass ihm schwindelig wurde.
Sie hatten es nicht einmal bis zum Bett geschafft.
Als er wieder bei Sinnen war, zog er sie zu einem langen, tiefen Kuss zu sich herauf und führte sie zum Bett. Eine Hand umfasste dabei ihren köstlich kleinen, wohlgerundeten Po. Sie trug keinen Faden Kleidung. Sie war nackt und obwohl er diesen Anblick sehr genoss, beunruhigte er ihn auch ein wenig.
Sein Atem ging immer noch schneller, als er sich auf die Kissen fallen ließ und sie mit sich zog. „Ich brauche noch ein wenig, bis ich den Gefallen erwidern kann“, sagte er.
Sie lag in seinen Armen und knabberte an ihrem Daumen. Inzwischen wusste er auch, was die Angewohnheit zu bedeuten hatte. Sie war beunruhigt, und er musste herausfinden, warum. „Jane, was ist los?“
„Was soll los sein?“ Sie sah durch ihr wirres Haar zu ihm auf. „Hast du es nicht genossen?“
„Was für eine Frage! Natürlich habe ich es genossen. Aber du brauchst das nicht zu tun, wenn du nicht möchtest, weißt du. Es ist nicht vorgeschrieben.“
„Ich tue es aber gern. Es gefällt mir“, sie lächelte verstohlen, „wenn du mir so ausgeliefert bist.“
Er lachte und küsste sie auf die Schläfe. Seine Stimme wurde heiser. „Ich bin dein Sklave, Prinzessin. Das weißt du doch.“
Sie schwieg. Und wieder spürte er diese unerklärliche Anspannung zwischen ihnen. Er spürte sie sogar, als sie sich an ihn kuschelte.
Bei den meisten seiner Frauengeschichten war dies der Augenblick gewesen, in dem er das Weite gesucht hatte. Er verließ die Frau, oder er benahm sich so unmöglich, dass sie ihn aus dem Bett und aus ihrem Leben verbannte.
Doch Jane gehörte nicht zu diesen Frauen. Er machte sich etwas aus ihr. Er wollte sie heiraten. Er konnte nicht gehen, selbst wenn er gewollt hätte. Aber das wollte er ja gar nicht.
Sie hatte ihm gesagt, dass sie ihn liebte. Aber sie hatte es nur einmal gesagt, direkt nachdem sie miteinander geschlafen hatten. Sie hatte es nie wiederholt. Die Erfahrung hatte ihn gelehrt, dass Frauen in der Nachwärme einer erotischen Begegnung vieles sagten, was sie nicht so meinten. Selbst wenn sie wirklich glaubte, ihn zu lieben, könnte es eine Illusion sein. Schließlich war er ihr erster richtiger Liebhaber. Manchmal redeten Frauen sich lieber ein, dass sie mit einem Mann aus hehreren Motiven schliefen als aus schlichter, sündiger Lust.
Constantine wusste dennoch, dass er Gefahr lief, alles zu verlieren, was sie teilten, wenn er jetzt einen falschen Schritt unternahm.
Das wollte er nicht riskieren. Was sie teilten, war so neu für ihn und so kostbar! Nach Amanda hatte er sich nur Geliebte gewählt, die ebenso hartherzig und welterfahren waren wie er. Er hatte sich nicht mehr verlieben wollen und hielt sich aus jeder Gefahr heraus.
Sanft küsste er Jane auf den Scheitel und strich mit den Fingerspitzen über ihren nackten, schönen Arm.
Die Worte „Ich liebe dich“, die sie ihm so mühelos gesagt hatte, kamen ihm nicht so leicht über die Lippen. In seiner Kehle bildete sich ein schmerzhafter Kloß, während er verzweifelt nach Worten suchte, die ihr sagten, wie wichtig sie ihm war, wie lieb und teuer. Er konnte es nicht. Und am Ende streckte er nur die Arme nach ihr aus, zog sie über sich und verzichtete ganz auf Worte.
Sobald er erfuhr, dass Trent aus London zurück war, stattete Constantine ihm einen Besuch ab. Diesmal stürmte er nicht in Trents Frühstückszimmer, sondern schickte korrekt seine Visitenkarte nach oben. Nach längerer Wartezeit wurde er in die Bibliothek geführt.
Wenigstens hatte Trent ihn nicht des Hauses verwiesen. Vielleicht hatte er nur nicht daran gedacht.
Als Trent hereinkam, ging Constantine mit ausgestreckter Hand auf ihn zu. Trent ignorierte sie.
„Sie wollten mich sprechen?“ Sein Ton war kühl, doch Constantine spürte die Feindseligkeit dahinter.
„Ja, ich wollte Sie sprechen. Und ich möchte Ihnen sagen, dass ich keinen Streit suche.“ Er sah sich um. „Könnten wir uns vielleicht setzen?“
„Dazu werden Sie nicht lang genug hier sein. Sagen Sie, was Sie von mir wollen, und dann gehen Sie.“
Constantine betrachtete Trent mit einer Spur Sympathie. Vielleicht sollte er dem anderen die Möglichkeit geben, seinem Ärger freien Lauf zu lassen. „DeVere hat Ihnen den Kopf gewaschen, was? Das tut mir leid.“
„Er hat Sie als leuchtendes Beispiel hingestellt. Und das mir!“ Trent mahlte mit den eckigen Kinnbacken.
„Vermutlich leidet er allmählich an Altersschwachsinn“, sagte Constantine leichthin.
„Das habe ich mir auch gedacht! Bei den deVeres ist Wahnsinn nicht unüblich und Seine Lordschaft hat davon jede Menge abgekriegt!“ Plötzlich schien Trent sich wieder zu fangen. Vielleicht war ihm eingefallen, dass seine Mutter selbst eine deVere war und er mit einem Black sprach, der mit dem deVere-Clan verfeindet war.
Trent räusperte sich. „Aber lassen wir das. Was wollen Sie?“ „Ich will Sie von den Arbeiten in Kenntnis setzen, die in Ihrer Fabrik im Gang sind.“
„Ich weiß, was dort los ist“, fuhr Trent ihn an. „Ich habe Augen im Kopf. Ich bin heute Morgen dort vorbeigeritten.“ Er lachte kurz auf. „Wenn Sie dumm genug sind, für Verbesserungen auf meinem Land Geld hinzulegen, kann ich Ihnen auch nicht helfen. Ich werde Sie jedenfalls nicht aufhalten.“
„Nein, so dumm bin ich nicht“, erwiderte Constantine. „Die Rechnungen übernimmt Lord de Vere.“
Er hielt inne und genoss das fassungslose Erstaunen, das sich auf dem Gesicht seines Nachbarn ausbreitete. Aus einer Verpflichtung Constantine gegenüber mochte Trent sich herauswinden, doch er würde es nicht wagen, seinem Onkel die Rückzahlung der Gelder zu verweigern, die dieser für Trents Land vorgestreckt hatte.
Nachdem er sich ein wenig erholt hatte, polterte Trent: „Außerdem ist die Fabrik an Bronson verpachtet. Was er dort anstellt, geht mich nichts an.“
Constantine wurde wütend. „Aber Ihre Pächter gehen Sie durchaus etwas an. Sie sind es ihnen schuldig, dass Sie Ihre Verantwortung nicht an einen Mann wie Bronson abtreten, der hier in der Gegend vor allem durch Abwesenheit glänzt.“
Constantine zog die Augenbrauen zusammen. „Wussten Sie, dass die Löhne Ihrer Weber kaum für ihren Lebensunterhalt gereicht haben? Wissen Sie, wie viele Stunden die Männer, Frauen und Kinder täglich schuften mussten? Interessiert Sie das überhaupt?“
Trent warf ihm einen verächtlichen Blick zu. „Nun kommen Sie mir nicht so herablassend. Von so einem Halunken wie Ihnen lasse ich mir doch nichts sagen!“
Der Zorn, der in Constantine brodelte, hätte nur ein Ventil gebraucht, doch er hatte sich vorgenommen, sich zu beherrschen. Mühsam riss er sich zusammen und schüttelte den Kopf.
„Nein“, stieß er hervor. „Sie werden es nie lernen, Trent.“ Er kniff die Augen zusammen. „Ich wusste schon immer, dass Sie ein Heuchler sind. Aber ich hätte mir nie träumen lassen, dass Sie auch ein hinterhältiger Betrüger sind.“
In Trents Gesicht zuckte ein Muskel. Dann blickte er ausdruckslos. „Was?“, fragte er kalt.
„Mr Greenslade hat sich für mich ein wenig umgehört“, sagte Constantine. „Und wissen Sie, was er herausgefunden hat? Er hat herausgefunden, dass Sie, Trent, Direktor und Hauptaktionär von
Bronson & Company sind. Es gibt keinen Bronson. Sie haben ihn einfach erfunden.“
Trent hatte die Hände zu Fäusten geballt, bis die Knöchel weiß hervortraten. „Warum zum Teufel sollte ich das tun?“
„Ich weiß nicht“, erwiderte Constantine. Er zog einen Stuhl hervor und setzte sich. „Soll ich raten? Sie haben Frederick überredet, seine Weberei als Geschäft zu betreiben, genauso wie sie. In Ihrer Rolle als Bronson &c Company haben Sie Frederick die Mittel für die neuesten und teuersten Maschinen geliehen und dann dafür gesorgt, dass die Weberei unterging, indem Sie den Fluss aufstauten, der die Maschinen hätte antreiben sollen. Wie war es denn weiter geplant, Trent? Die Zinsen für diesen Kredit waren exorbitant. Hatten Sie vor, Frederick ausbluten zu lassen?“
Trent verzog höhnisch die Lippen. „Was für ein hübsches kleines Märchen Sie sich da zusammengestrickt haben, Roxdale.“
„Dadurch, dass Sie den Fluss aufgestaut haben, hat das Gut die Einnahmen von drei Geschäftsjahren verloren. Wir mussten Ihre Weberei bezahlen, damit sie unsere Wolle verarbeitet. Und nicht nur das, unseren Webern blieb nichts anderes übrig, als bei Ihnen für einen Hungerlohn zu arbeiten.“
„Lauter Lügenmärchen!“, sagte Trent, doch auf seiner Oberlippe bildeten sich verräterische Schweißtropfen.
Constantine lehnte sich vor. Er legte die Hände auf den Schreibtisch. „Und wissen Sie, was das Schlimmste an der ganzen Sache ist, Trent? Dass Sie nicht einmal den Mumm hatten, diese Schurkerei unter Ihrem eigenen Namen durchzuführen.“
Constantine zog ein Stück Papier aus der Westentasche und warf es auf den Tisch. „Hier habe ich die Schäden und den Verdienstausfall berechnet, die Sie verursacht haben. Sie können Ihren Anwalt anweisen, sich mit meinem in Verbindung zu setzen.“
Trent sah das Stück Papier kaum an. „Ich gebe nichts zu! Nichts von alledem ist wahr! Aber was immer ich auch getan haben soll, Roxdale, Sie schulden Bronson & Company weitaus mehr Geld als das! Sie haben eine Woche, die Mittel aufzutreiben, sonst können Sie sich von Ihrer Weberei verabschieden.“ Er grinste höhnisch. „Dann ist es vorbei mit dem Heldentum, Roxdale!“
Mit grimmigem Lächeln erwiderte Constantine: „Keine Sorge, ich habe nicht vor, die Weberei in nächster Zeit aufzugeben.“
Trent wurde blass. „Wie das? Woher wollen Sie das Geld denn nehmen? Frederick hat Ihnen nichts als das Land hinterlassen.“ „Das ist richtig.“ Constantine lächelte ihn an. „Doch Lady Roxdale hat mir die Ehre erwiesen, meinen Heiratsantrag anzunehmen. Wussten Sie das noch nicht?“
„Tante Jane, Tante Jane!“
Jane stieß ein leises Uff aus, als Luke direkt in sie hineinrannte. Er schlang die dünnen Arme um sie und drückte sie fest. Dann gab er sie frei und tollte durch den Raum. „Rat mal, wohin wir jetzt gehen?“
Sie gab vor nachzudenken. „Zum Meer?“
Er krähte vor Lachen. „Nein, du Dumme! Rat noch mal!“
„Ich weiß! Nach Timbuktu.“
„Timbuktu?“ Er johlte vor Spott. „Was sollten wir da denn wollen? Nein, viel besser.“
Sie tippte sich ans Kinn. „Nein, ich glaube, ich errate es nicht. Verrate du es mir.“
„Nach London!“ Luke nahm ihre Hände und schwenkte sie hin und her. „Stell dir das vor! Lord Roxdale sagt, dass er mich zu Astley’s Royal Amphitheater mitnimmt, damit ich die dressierten Pferde sehen kann, und zu Tattersall’s auch. Und nach Somerset House und überhaupt überallhin.“
„Wirklich? Das ist ja herrlich“, sagte Jane vielleicht eine Spur zu herzhaft.
Doch Luke bemerkte ihr Unbehagen nicht und erzählte weiter aufgeregt von den spannenden Attraktionen, die in der Stadt auf ihn warteten.
„Das klingt ja wunderbar“, sagte Jane, als er endlich innehielt, um Atem zu holen.
„Und das Beste ist“, fügte Luke hinzu, „Lord Roxdale sagt, ich darf Ferien machen. Mr Potts kommt nicht mit.“
„Der arme Mr Potts“, sagte Jane und lachte. Doch sie erhob keine Einwände. Sie und Constantine hatten einen Kompromiss gefunden, was Lukes Unterricht anging. Es war ihnen tatsächlich gelungen, ihre verschiedenen Vorstellungen von Erziehung zu vereinen. Constantine lernte, dass er für einen Jungen Verantwortung trug, und Jane bemühte sich nach Kräften, ihren Hang zu zähmen, Luke vor jedem Windhauch zu bewahren.
Sie hätte nie gedacht, dass sie Constantines Vormundschaft einmal als Vorteil betrachten könnte. Doch seine Anwesenheit hatte Luke sehr gutgetan. Jane dachte an Montford und an all das Gute, das er als ihr Vormund bewirkt hatte. Es war keine Kleinigkeit, für das Wohlergehen eines Kindes verantwortlich zu sein. Die Diskussionen, die sie mit Constantine über ihre Rolle in Lukes Leben geführt hatte, hatten auch neues Licht auf ihre Beziehung zum Duke geworfen.
Nun sagte sie: „Du hast Lord Roxdale gern zum Vormund, nicht wahr, mein Liebling?“
Luke nickte. „Er ist ein prima Kerl!“ Er senkte den Blick. „Tante Jane? Lord Roxdale sagt, ich bin jetzt wie ein Sohn für ihn. Wenn du ihn heiratest, bist du dann meine Mama?“
Als sie die Hoffnung in den braunen Augen sah, tat ihr Herz einen Satz. Plötzlich strahlte sie vor Glück. „Ja, Luke. Ich fände es herrlich, wenn du mein Sohn wärst.“
Sie drückte ihn fest an sich. Er schlang seine Arme um ihren Hals und erwiderte die Umarmung so innig, dass ihr Tränen in die Augen stiegen.
„Ich liebe dich mehr als mein Leben“, flüsterte sie in die dunklen Locken und küsste Luke auf beide Wangen. Wie lang er ihre Umarmungen noch wollen würde? Er wurde so schnell groß.
Plötzlich schlug die vergoldete Uhr auf dem Kaminsims.
„Ich muss los“, sagte Luke und befreite sich aus der Umarmung. „Ich bin mit Jimmy unten am See verabredet. Wir wollen angeln gehen.“
„Na, das ist ja toll.“ Jane wischte sich eine Träne aus den Augen. Sie lachte ein wenig über sich und Lukes Sprunghaftigkeit. „Bring nur einen recht großen Fisch mit, dann sage ich der Köchin, sie soll ihn dir zum Dinner braten.“
„Juhu!“, rief Luke mit so einem frechen Grinsen, das es sie rührte. Dann lief er davon.