19

Messer

 

 

Anne hatte Kelly angerufen und sie für Sonntagabend auf ein Glas Wein eingeladen. Sie wollte ihr nicht am Telefon von Mark erzählen.

Das gestrige Regenwetter war herrlichem Sonnenschein gewichen. Trotzdem zog es Anne nicht nach draußen. Sie machte sich einen faulen Tag zu Hause und ließ es sich rundum gutgehen.

Um neun trudelte Kelly endlich ein. »Sag nichts!«, rief sie ihr schon in der Tür entgegen. »Ich weiß, ich bin viel zu spät, aber ich konnte es mir nicht aussuchen.«

Während sie Handtasche und Jacke im Flur ablegte, erzählte sie von der Autopanne, die sie gehabt hatte. Sie war auf der Landstraße liegengeblieben und musste drei Kilometer bis zur nächsten Telefonzelle laufen, um ein Taxi und den Abschleppdienst zu rufen. Ihr Handy hatte sie, wie meist, nicht dabeigehabt.

»Ich bin total sauer!«, fuhr Kelly am Esstisch fort, wo eine Flasche Wein auf sie wartete. »Auf mich, wegen dem Handy und auf die Karre, dass sie mich mitten in der Pampa im Stich gelassen hat.« Ihre Augen funkelten.

»Jetzt beruhige dich mal«, sagte Anne und drückte die Hand der Freundin. Insgeheim spielte sie mit dem Gedanken, Kelly heute nichts von Mark zu sagen, um sie nicht noch mehr aufzuregen.

Doch schon fragte sie: »Erzähl mal, was macht unsere Wette. Hast du Mark nach unserem letzten Telefonat noch mal gesehen? Du wolltest es doch ein letztes Mal probieren.«

»Hab’ ich.« Anne sah in Kellys erwartungsvoll blickende Augen.

»Jetzt sei doch nicht so wortkarg. Erzähl schon.«

»Ich hole dir erst mal einen Schnaps.« Anne erhob sich.

»Wieso Schnaps? Ich trinke nie Schnaps.«

»Heute wirst du«, rief Anne aus der Küche und kam kurz darauf mit zwei Gläsern und einer Flasche Malteser zurück.

»Was ist hier los, Anne?« Kelly blickte sie ernst an und verschränkte ihre Arme.

»Mark war gestern hier.« Sie füllte die beiden Gläser. »Und … wir haben miteinander geschlafen.« Jetzt war es raus. Ungläubig starrte Kelly sie an. Um dem Ganzen die Ernsthaftigkeit zu nehmen, fuhr Anne fort: »Also habe ich die Wette gewonnen. Wann gehen wir auf die Beautyfarm?« Sie versuchte zu lachen, was ihr beim Anblick der Freundin jedoch nicht gelang.

»Das ist nicht wahr.« Entsetzen stand in Kellys Augen.

»Doch, Kelly.«

»Jetzt brauche ich den Schnaps!« Sie trank das Glas in einem Zug leer, verzog den Mund und forderte einen zweiten. Nachdem auch der geleert war, sagte sie: »Warum hast du das gemacht?«

»Warum? Weil wir gewettet hatten.«

»Aber du hättest es nicht zum Äußersten kommen lassen dürfen. Du hattest es doch in der Hand, Nein zu sagen.«

»Das ist nicht so einfach, wie du glaubst. Das Ganze war zwar ein Spiel, aber ein Spiel mit Gefühlen.«

»Unsinn«, sagte Kelly gereizt, »du kannst dich doch sonst so gut steuern. Das waren keine Gefühle, dich hat einfach der Ehrgeiz gepackt!«

»Kelly, was soll das? Warum machst du mir jetzt Vorwürfe? Du hast mich zu dieser Wette überredet, und nur weil Mark nicht der ist, für den du ihn hältst, stellst du mich als Sündenbock hin.«

»Ich glaube«, sagte Kelly abwesend, als hätte sie nicht gehört, was Anne gesagt hatte, »ich kann ihm nie wieder in die Augen sehen. Was ist das für ein Schwein!«

»Er ist kein Schwein. Er ist ein Mann. Und man kann ihm eigentlich nicht mal einen Vorwurf machen –«

»Ach, nein!«, sagte Kelly übertrieben betont. »Dir kann man keinen Vorwurf machen, ihm kann man keinen Vorwurf machen. Ihr armen Unschuldslämmer.«

»Sarkasmus ist hier fehl am Platz.« Jetzt kippte auch Anne ihren Schnaps herunter. »Noch bei unserem letzten Telefonat habe ich dir gesagt, dass du enttäuscht sein würdest, und dich gefragt, was wäre, wenn er mit mir ins Bett ginge, weil ich es für sehr wahrscheinlich hielt. Du hast gesagt, damit müsstest du dann leben.« Annes Stimme wurde laut. »Also lebe damit und benimm dich nicht wie die beleidigte Leberwurst.«

Einige Minuten sagte keine der beiden Frauen ein Wort.

»Erzählst du mir, wie es dazu gekommen ist?«, bat Kelly schließlich leise und blickte Anne traurig an. »Vielleicht verstehe ich es dann.«

Anne nickte und fing an zu erzählen. Als sie geendet hatte, nahm sie Kellys Hand. »Es war eine irrsinnige Wette, und wir hätten es nicht tun sollen, aber –«

Kelly unterbrach sie lächelnd. »Aber dann hättest du nicht diesen wirklich guten Sex gehabt. Und das wäre doch, im Nachhinein betrachtet, wirklich schade gewesen.«

»Du bist mir nicht mehr böse?«

»Nein. Ich hätte mich nicht so aufregen sollen. Das war dumm. Ich habe eben tatsächlich geglaubt, Saskia und Mark wären so glücklich miteinander, dass er nicht fremdgehen würde.« Sie schüttelte den Kopf.

»Sie sind auch glücklich.«

»Klar, und deshalb geht er mit dir ins Bett«, entgegnete sie trocken. »Gut, dass das jetzt abgehakt ist. Aber es muss euer kleines Geheimnis bleiben und darf sich nicht wiederholen. So hat unsere Wette wenigstens keine Folgen.«

Abgehakt
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