Simon war gegen Mittag bei Yves vorbeigefahren und hatte ihm zwei Kisten Bücher mitgebracht, die noch in der Remise der Villa gestanden hatten. Xavier war dabei, seinen Fang auf einem Grill zu rösten, und lud ihn ein, von dem gebratenen Fisch zu essen. Sie setzten sich mit ihrem Mahl auf die Campingstühle hinter dem roten Doppeldeckerbus. Simon erzählte dabei den beiden Männern davon, dass er das Haus seines Großvaters gefunden hatte. Xavier betrachtete ihn mit stummem Nicken.
»Hab das Haus ein paar Mal besucht. Als es noch der Witwe gehörte. War noch klein, vielleicht vier oder fünf Jahre.« Er schob die Kappe nach hinten und kratzte sich den Kopf. »Fand es damals unangenehm.«
»Wieso?«
»Es hatte einen Bewohner. War das erste Mal, dass ich einen gesehen habe. Hat mich erschreckt.«
»Was für einen Bewohner? Einen Geist?«
»Nein, nein. Einer der Alten. Ich bin später nie wieder da hingegangen. Blöd eigentlich. Die Bar war ziemlich beliebt.«
»Deswegen bist du also nicht mitgekommen, als wir es entrümpelt haben«, sagte Yves. »Hab mich damals gewundert.«
Behäbig nickte Xavier. »Ja, blöd.« Er sah wieder sinnend in die Ferne. Dann raffte er sich auf. »Fahren wir mal rüber. Ich muss was prüfen.«
»Was?«
Xavier grinste plötzlich. »Ich hab da so eine Idee. Aber ich brauch noch was.«
Er stand auf und strebte zu dem Stand mit den Glaswaren.
»Ist schon ein Ding, dass ausgerechnet das Marée bleue mal deinem Grandpère gehört hat«, meinte Yves und erhob sich, um die Teller zusammenzustellen. »Egal, was Xavier sagt, ich fand es immer ein gutes Haus.«
Simon lächelte. »Es hat seine Geschichte. Manchmal dachte ich, dass hier und da etwas Bosheit darin lauerte. Aber im Großen und Ganzen ist es okay. Gastfreundlich.«
Yves nickte.
»Mein Großvater, Luc, hatte auch immer gerne Gäste um sich. Es hätte ihm gefallen, was aus dem Haus geworden ist.«
»Paulette und Marie-Claude führen es gut. Und du hast es in Ordnung gebracht.«
Diesmal nickte Simon. Manches, so ging ihm eben auf, sollte wohl so sein. Er war an diesen Ort gekommen, nach langer, geradezu zwanghafter Suche, und als er sie schließlich aufgegeben hatte, war ihm die Lösung fast in den Schoß gefallen.
Kelda – wäre sie nicht in Yves’ Haus in den Keller gestürzt und hätte Jerôme entdeckt, wüsste er noch immer nicht, dass Luc le Gamache Lukaz Trobiant war. Er stand auf und reckte sich. Es kam eine unerwartete Zufriedenheit über ihn. Eine Entscheidung würde fallen, und er würde das Richtige tun. Etwas, das er lange aufgeschoben hatte. Es war wie ein noch ferner Wetterumschwung, eine gefühlte Veränderung, noch im Nebel der Zukunft verborgen.
Xavier kam mit einem Kristallschälchen, vielleicht einst für Desserts gedacht, geschliffen und – wenn es einmal gründlich abgewaschen würde – wohl auch glitzernd.
»Allons!«
Sie nahmen Simons Offroader und kamen am Marée bleue eben an, als die letzten Mittagsgäste sich vom Tisch erhoben.
»Wir wollten gerade …«, sagte Kelda, aber Simon winkte ab.
»Wir haben gegessen, ihr braucht unseretwegen nicht in die Küche. Xavier wollte herkommen.«
Paulette kam auf die Terrasse und sah den alten Mann an. »Ungewöhnlicher Besuch, Xavier.«
»Ja, Madame.«
Simon merkte, dass der Alte sich unwohl fühlte, und fragte sich, ob er tatsächlich noch immer eine unangenehme Wahrnehmung hatte. Und seltsamerweise fühlte sich auch Paulette nicht gerade wohl.
»Was willst du hier?«
»Ich muss wohl was gutmachen.«
»Dafür hast du lange gebraucht.«
»Ja, blöd, nicht.«
Ein Lächeln huschte über Paulettes Gesicht. »Es ist lange her, Xavier.«
Yves flüsterte: »Da tun sich ja Abgründe auf!«
»Ja, sieht aus, als ob dein Freund auch noch andere Gründe hatte, Paulettes Haus zu meiden.«
»Maman?«
Auch Marie-Claude hatte die Spannung zwischen den beiden bemerkt.
»Er hatte einmal gute Chancen, dein Vater zu werden. Aber dann kam ihm etwas dazwischen, und ich ging nach Brest«, murmelte Paulette.
Kelda kam mit einem Krug Cidre und Gläsern. »Setzt euch. Ich habe das Gefühl, hier soll etwas geklärt werden«, sagte sie.
»Ja, sollte. Da, Madame Kelda. Waschen Sie das bitte gut ab.«
Kelda nahm das Kristallschälchen an sich und ging damit ins Haus. Dafür kam Soquette jetzt angeschlichen und wickelte sich um Simons Beine.
»Mach es nicht so spannend, Xavier.« Simon setzte sich und streichelte die Katze.
»Gleich. Darf ich das Haus betreten, Paulette?«
»Es ist Marie-Claudes Haus.«
»Kommen Sie«, sagte diese und machte eine einladende Handbewegung.
Paulette aber setzte sich zu Simon und Yves.
»Er war einmal ein ansehnlicher Mann und ich wahrscheinlich ein dummes Ding. Damals, als ich die alte Witwe Bellard gepflegt hatte, sind wir – na ja, ich hatte was mit ihm. Aber er war nicht einfach, der Xavier. Heute denke ich, das, was seiner Schwester und seinem Vater widerfahren ist, hat ihn verbittert gemacht. Er war ein Rebell, er geriet auf die schiefe Bahn.«
»Das kann einem schon mal passieren. Was geschah mit seiner Familie?«
»Sie gehörten zur Résistance und wurden zweiundvierzig an die Deutschen verraten. Man hat sie zwei Tage lang gefoltert und dann umgebracht. Er hat es miterlebt, konnte aber entkommen.«
»Großer Gott.«
Kelda kehrte mit dem nun schimmernden Kristallschälchen zurück, und Soquette sprang wie von der Tarantel gestochen auf. Mit beiden Pfoten schlug sie in die Luft, tanzte auf den Hinterbeinen, knurrte und fauchte.
»Soquette, was soll das?« Kelda sprang zur Seite, als die Katze versuchte, an ihren Beinen hochzuklettern. »Dieses Tier ist völlig durchgeknallt.«
»Stellen Sie das Schälchen auf den Boden, Madame Kelda«, sagte Xavier.
Sie tat es, und Soquette umschlich es mit gesträubtem Schwanz.
»Was ist denn da nun schon wieder für eine Magie enthalten?«
»Keine Magie, Madame Kelda, sondern eine Korrigane.«
Xavier setzte sich zu den anderen unter den Sonnenschirm.
Simon verkniff sich ein Lächeln. Der Alte lebte wirklich in der Welt der Fantasie. Aber, wie auch immer, er war in einem Land aufgewachsen, wo sich einst der Glaube an die Wesen der Anderwelt sehr lange gehalten hatte.
»Eine Korrigane?«
»Eine Art Fee, ein Wesen aus dem Alten Volk, Madame Kelda. Sie ist etwa so groß wie diese Katze, sieht wie ein schlankes Mädchen aus, hat lange braune Haare und Flügel wie eine Libelle.«
»Sie können sie sehen?«
»Sicher.«
Kelda warf Simon einen augenverdrehten Blick zu, aber er schüttelte den Kopf.
»Glaub es einfach«, murmelte er.
Soquette hatte sich neben dem Schälchen niedergelassen und den Schwanz darum gekringelt. Sie sah aus, als ob sie grinsen würde.
»Das Kätzchen sieht sie auch«, sagte Xavier ungerührt. »Tiere können das.«
»Dann scheint die Korrigane sie wohl häufig zu ärgern.«
»Könnte sein. Die sind bekannt dafür, dass sie mit anderen Lebewesen Schabernack treiben.« Und dann grinste Xavier Kelda breit an. »Sie können auch flechten und knoten.«
»Oh«, sagte Kelda.
»Was heißt das?«, fragte Simon.
»Ach nichts …«
Etwas ziepte an seinem Kopf, und er fuhr sich mit der Hand durch die Haare. Xavier sah zwischen ihm und Kelda hin und her.
»Aha«, sagte er.
Kelda wurde rot.
Und Simons Herz machte einen Schlag mehr.
Kelda räusperte sich.
»Wir haben ja nun herausgefunden, dass dieses hier Herri Trobiants Haus war. Und Simons Fragen sind damit wohl beantwortet«, sagte sie. »Aber mich würde immer noch interessieren, was mit dem Filou Jerôme geschehen ist. Dass er Herris Witwe in unziemlicher Geschwindigkeit geheiratet hat, ist das eine, dass er dabei das nicht unbeträchtliche Vermögen in die Hand bekommen hat, das Herri zu Lebzeiten angesammelt hat, dürfte ein Grund dafür sein.«
»Und dass Herri samt Sohn an jenem zwölften September in einem Logger ausgelaufen, der leckgeschlagen war, war sicher mehr als ein Zufall«, meinte Marie-Claude. »Wenn das kein Zufall war, dann war er nicht nur ein Filou, sondern ein Mörder.«
»So vermutete mein Großvater wohl«, sagte Simon. »Er war damals vierzehn und ein cleveres Kerlchen. Er wollte nicht zurück, weil er Angst vor seiner Mutter hatte. Ich habe den schrecklichen Verdacht, dass nicht nur Jerôme für diesen Schiffbruch zuständig war.«
»Jeanne war immer eine unzufriedene Frau«, sagte Paulette. »Sie hat Herri vermutlich nur ungern geheiratet, denn Lukaz war ein Malheur. Ja, es ist nicht auszuschließen, dass sie den jungen, erfolgreichen Pariser vorgezogen hat. Was für eine grässliche Geschichte!«
»Jerôme war ein Mörder«, murmelte Xavier.
Simon drehte sich zu ihm um. »Hast du Beweise?«
»Nicht für diese Tat. Jerôme war es, der meine Familie verraten hat.«
Xavier nickte. Dann trank er einen großen Schluck Cidre, als ob er einen schlechten Geschmack herunterspülen musste.
»Ich habe damals geschworen zu schweigen. Ich hätte es auch getan, bis ins Grab. Aber dann, Madame Kelda, erschienen Sie. Und Yves hat Ihnen sein morsches Häuschen vermietet. Und so kam es ans Licht.«
»Er wurde von der Résistance erschossen?«
»Ja. Wir nutzten das alte Fischerhaus damals als Treffpunkt und Waffenlager. Und als wir seiner habhaft wurden, brachten wir ihn dahin. Ich selbst habe ihm die Pistole an den Kopf gehalten und abgedrückt.« Xavier senkte seinen Blick. »Und ausgerechnet eine Deutsche bringt es ans Licht. Komisches Schicksal.«
Sie schwiegen.