Scherbenhaufen

Kelda hatte auch am nächsten Tag lange geschlafen, ein wunderbares Frühstück vorgesetzt bekommen und dann für Marie-Claude einige Einkäufe erledigt. Als die ersten Gäste kamen, half sie ihr auch wieder bei dem Mittagsansturm. Zu ihrer großen Freude brachte Paulette ihr dabei bei, wie man den Crêpe-Teig hauchdünn gebacken bekam, ohne dass er anbrannte. Na gut, nicht jedes Mal. Die vier Veteranen machten zwar launige Bemerkungen darüber, beschwerten sich aber nicht. Die meisten Gäste waren in sommerlich-entspannter Stimmung und genossen die Kreationen der Küche. Soquette schlich zwischen den Tischen herum und bekam hier und da ein Stückchen Fisch zugesteckt, verschmähte jedoch klugerweise Crêpes mit Schokoladensoße, war aber einem Finger voll Schlagsahne nicht abgeneigt.

Gegen zwei Uhr aber stiegen aus dem Kelda wohlbekannten Wohnmobil drei junge Männer und drei kichernde Surf-Groupies. Sie waren ein echter Anblick – braun gebrannte, durchtrainierte Männer, einer mit langen Rastalocken, der andere mit einem schwarzen Pferdeschwanz und passendem Bartschatten, der dritte, Matt, ein wahrer Teutone mit sonnengebleichten Blondlocken.

»Hallo, Kelda, kriegen wir was zu essen bei euch?«, rief er quer über die Terrasse.

Sie ging auf sie zu. »Sicher, ich schiebe euch zwei Tische zusammen.«

Die Jungs packten mit an, die Mädchen sonnten sich in den gierigen Blicken der Veteranen. Ihre Shorts waren Kunstwerke des Minimalismus, unter ihren knappen Tops wippten jugendlich straffe Brüste. In ihren Köpfen hatte aber offensichtlich die hochstehende Mittagssonne schon bleibende Schäden angerichtet. Sie giggelten bei jedem Wort, das einer ihrer Begleiter von sich gab. Kelda nahm ihren Block und versuchte, einigermaßen geordnet die Bestellung aufzunehmen. Man hatte offensichtlich die Absicht, sich einmal durch die Karte zu fressen.

»Dein Ex«, sagte Marie-Claude, als sie in die Küche trat. »Nicht sehr angenehm für dich, was?«

»Nein, nicht angenehm. Ich weiß nicht …«

»Wirst du wieder weich?«

»Bin ich nicht ein bisschen zu hart?«

Ihre Freundin schaute von dem Salat auf, den sie gerade anrichtete. »Er wohnt bei dir auf deine Kosten, er bestimmt, wie du den Urlaub zu verbringen hast, er lässt sich von dir bei den Seminararbeiten helfen, er schmust da gerade sehr öffentlich mit einem der kleinen Hohlköpfchen herum. Ich wüsste nicht, warum du dir das alles gefallen lassen musst. Ist es Liebe?«

»Gehört das nicht zur Liebe dazu?«

»Sich ausnutzen zu lassen? Ja, es gibt solche Frauen. Ich habe dich bisher nicht für so ein Weibchen gehalten, Kelda. Liebe kann sich an solchen Dingen zerreiben. Du bist erwachsen geworden, er ist ein Junge geblieben.«

Kelda stellte Gläser und Flaschen auf ein Tablett. »Das ist dein Eindruck?«

»Die ganze Zeit schon.«

Mit einem unterdrückten Seufzer brachte sie die Getränke an den Tisch und beobachtete die Runde. Matts Aussehen hatte sie einst angezogen. Er hatte einen offenherziges Wesen und einen jungenhaften Charme – den er jetzt gegenüber den Groupies spielen ließ.

Sie ignorierte es und schenkte die Gläser ein. Rotwein in der Sonne, dachte sie, wird euch nicht gut bekommen.

»Setz dich doch zu uns, Kelda«, schlug Matt vor und zog an ihrem Schürzenband.

»Tut mir leid, aber wenn ihr etwas zu essen haben wollt, dann musst du mich schon loslassen.«

»Machst du hier den Affen?«

»Ich helfe Marie-Claude. Immerhin wohne ich ja bei ihr kostenlos.«

»Im Womo ist noch immer Platz für dich.«

Ein giftiger Blick der Rothaarigen an seiner Seite traf auf Kelda.

»Wie ich schon erklärte, Matt: nein.« Kelda entwand sich ihm und kehrte in die Küche zurück.

Marie-Claude hatte recht, dachte sie. Er war ein Junge geblieben. Er merkte noch nicht einmal, dass sich etwas geändert hatte.

Die erste Portion Vorspeisen war angerichtet, sie nahm das nächste Tablett auf. Während sie die Teller und Schüsseln auf den Tisch stellte, legte Matt seinen Arm um ihre Taille.

Wieder machte sie sich los.

»Hab dich doch nicht so«, grummelte er.

Kelda sagte nichts mehr dazu. Die vier Alterchen winkten ihr mit dem Cidre-Krug zu, sie nickte. Das Futter zähmte die Meute, sie brachte neue Getränke, verkniff sich jede Bemerkung zum Rotwein-Konsum, räumte den Tisch ab, brachte neue Teller, nahm weitere Bestellungen auf, und gegen halb vier waren die sechs endlich gesättigt. Sie standen auf und wollten gehen.

»Matt!«

»Ja, Kelda?«

»Wer zahlt die Rechnung?«

»Wieso Rechnung? Deine Freundin hat uns doch eingeladen.«

Das stimmte insoweit, als Marie-Claude sie und ihn am ersten Tag umsonst bewirtet hatte.

»Ich wüsste nicht, aus welchem Grund sie dich und vor allem deine Freunde durchfüttern sollte. Zahlst du, oder geht es getrennt?«

»Hey, Matt, was soll denn der Scheiß?«

»Frag mich nicht. Was zickst du denn so rum? Der Laden geht schon nicht zugrunde, wenn ihr mal einen Happen umsonst spendiert.«

»Matt, zahlen! Oder soll ich euch wegen Zechprellerei anzeigen.«

»Sag mal, spinnst du?« Ganz klar war seine Aussprache nicht mehr.

»Hinsetzen, ich hole die Rechnung. Getrennt oder übernimmst du das?«

»Mann, bin ich Krösus?«

»Weiß ich nicht. Jedenfalls hast du deine Bekannten hierhergebracht. Also – du bekommst die Rechnung, macht die Aufteilung unter euch aus. Wir nehmen auch Karte.«

Kelda streckte die Hand aus, Matt nahm sein Glas und schüttete ihr den Rest Rotwein über die Bluse.

Die vier Veteranen standen auf.

Was sie sagten, verstand sie nicht besonders gut. Das hiesige Argot war ihr nicht geläufig, wohl aber der Ton. Und der sprach von blumenreichen Beleidigungen.

Der Rastalockige reichte ihr seine Kreditkarte.

Kelda eilte in die Küche, um den Betrag abzubuchen und ihm die Rechnung auszudrucken. Wenigstens einer der Jungs hatte noch einen kleinen Sinn für Anstand. Sie beeilte sich, beides zurückzubringen, bevor es zu Handgreiflichkeiten kam. Die Alten hatten sich so vor dem Tisch aufgebaut, dass keiner der anderen gehen konnte, ohne sie derb zur Seite zu stoßen. Eine vermutlich oft geübte Taktik. Sie nickte ihnen zu, gab dem Rastaboy Karte und Rechnung mit einem trockenen Danke und bat die kampfbereiten Veteranen leise, vom Tisch zurückzutreten.

Sie taten ihr den Gefallen, und Matt samt Clique standen auf. Allerdings stolperte Matt so ungeschickt – oder so geschickt –, dass der Tisch mit all seinen Tellern und Gläsern umkippte.

»Einen schönen Tag noch, liebe Kelda!«, höhnte er.

Sie betrachtete den Scherbenhaufen. Von irgendwoher klang ein triumphierendes Miauen, und als sie in die Richtung sah, aus der es kam, erkannte sie Soquette auf dem First des Anbaus sitzen. Sie putzte sich den Schwanz, hob einmal kurz den Kopf und blinzelte ihr zu.

»Okay, Soquette, das ging nicht auf deine Rechnung. – Ich danke Ihnen, meine Herren«, sagte sie zu den Veteranen.

»Hat uns Spaß gemacht, was, Didier? Wisst ihr noch, damals …«

Wehmütige Erinnerungen an Kneipenschlägereien kamen auf, als sie sich an ihren Tisch verzogen. Kelda spendierte ihnen das nächste Pichet Cidre und räumte den Scherbenhaufen auf.

»Mist«, sagte Marie-Claude.

»Ja, ich weiß. Ich ersetze dir das Geschirr.«

»Brauchst du nicht, Kelda. Das war nicht deine Schuld. Randalierer gibt es immer mal wieder. Und du hast sie dazu gebracht zu zahlen.«

»Es ist zum Kotzen, Marie-Claude. Matt führt sich auf wie der letzte Idiot.«

»Sein Weltbild ist erschüttert, Kelda. Er hat dich für eine sichere Bank gehalten, und du hast ihm den Teppich unter den Füßen weggezogen. Ich fürchte, er wird dir noch weiter Schwierigkeiten machen.«

»Ich werde abreisen.«

»Und dann? Dann kreuzt er in deiner Wohnung auf, und das Spiel geht weiter.«

Müde setzte sie sich auf die Eckbank. »Stimmt, das ist nicht die Lösung.«

»Kelda, bleib hier, geh ihm aus dem Weg, und wenn du nach Hause kommst, tauschst du die Schlösser aus und stellst ihm seinen Koffer vor die Tür. Obdachlos wird er ja nicht – er kann in seinem Wohnmobil leben, bis er eine eigene Wohnung gefunden hat.«

»Eine überdenkenswerte Idee. Gut, ich bleibe hier, aber das Geschirr musst du mich ersetzen lassen.«

Plötzlich grinste Marie-Claude. »Dann mach deinen Bußgang – zu Yves Truc et Puces. Such mir ein schönes Service aus. Wenn möglich, gleich mit Gläsern.«

»Vom Trödelmarkt?«

»Lass dich überraschen. Wenn ich Zeit hätte, würde ich dich begleiten, aber heute Nachmittag kommen der Weinhändler und der Klempner.«

»Also gut, aber ich brauche deinen Wagen.«

»Der Schlüssel liegt auf der Kommode.«