»Sie tragen dein schauriges Fundstück heute Nachmittag zu Grabe«, erklärte Marie-Claude am nächsten Morgen, als Kelda sich zum Frühstück in der Küche einfand. »Du solltest hingehen. Immerhin hast du eine heiße Nacht mit ihm verbracht.«
»Ich habe aber nichts Beerdigungstaugliches anzuziehen.« Ihre Freundin musterte sie kritisch. »Einen Beerdigungshut kann ich dir leihen, meine Kleider würden eher putzig an dir aussehen.«
Kelda war einen Kopf größer als sie und ziemlich schlank, Marie-Claude hingegen wies deutliche Rundungen auf. Putzig war wohl der richtige Ausdruck.
»Hast du etwas Schwarzes dabei, das wir irgendwie herrichten können?«
»Meinen Neoprenanzug.«
»Scharf!«
»Ja, vor allem mit einem Schleierhütchen dazu. Ich fahre ins Dorf, mal sehen, was ich bekommen kann.«
»Oh, gut. Dann bringst du bitte auch gleich Katzenfutter mit. Und Waschmittel brauche ich auch. Ich gebe dir eine Liste.«
»Ist in Ordnung.«
Mit einem halben Meter vollgeschriebenem Papier machte Kelda sich also auf nach Plouescat, wo nicht nur ein gut sortierter Supermarkt am Ortsrand vorhanden war, sondern auch einige kleine Boutiquen im Örtchen selbst zum Einkaufen einluden. Sie fand recht schnell ein brauchbares schwarzes, ärmelloses Kleid, nicht sonderlich ausgefallen, aber zusammen mit dem langärmeligen Wickeljäckchen kirchengeeignet. Dann parkte sie vor dem Intermarché, zerrte einen Einkaufswagen aus der angeketteten Reihe und machte sich daran, Marie-Claudes Wünsche zu erfüllen. Putz- und Waschmittel, Küchenpapier, Glühbirnen hatte sie bereits eingesammelt und spürte gerade das Regal mit dem Katzenfutter auf, als sie eine bekannte Stimme rief.
»Kelda, gut, dass ich dich treffe. Kelda, du musst mir helfen!«
Matt, in Begleitung eines der Surf-Groupies, stürmte auf sie zu.
Sie blieb stehen und antwortete kühl: »Wobei muss ich dir helfen? Gewöhnlich bist du doch gut darin, dir deine Konservendosen selbst auszusuchen.«
»Darum geht es nicht. Kelda. Die haben uns heute Morgen von unserem Platz vertrieben. Du musst diesen Trotteln erklären, dass wir keinen Schaden angerichtet haben.«
»Welchen Trotteln?«
»Denen von der Gendarmerie. Die tun so, als ob sie mich nicht verstehen.«
»Vielleicht solltest du Französisch mit ihnen sprechen?«
»Mann, du weißt doch ganz genau, dass ich das nicht kann.«
»Tja, vielleicht ist deine Begleiterin ja der Sprache mächtig?«
Das Mädel hatte sich etwas in den Hintergrund verdrückt. So ganz geheuer war ihr der Auftritt wohl nicht.
»Sie kann auch nur ein paar Brocken.«
»Dann soll sie mit den Wimpern klimpern und mit den Hüften wackeln, das beherrscht sie ja. Ich habe allerdings keine Zeit, für dich die Kartoffeln aus dem Feuer zu holen.«
»Aber wieso nicht? Du hast doch Zeit. Oder machst du weiter Sklavendienst in dieser Kaschemme.«
»Ich wohne bei meiner Freundin, Matt. Ich helfe ihr.«
»Und mir nicht mehr. So ist das also. Und was soll ich jetzt machen?«
»Es gibt genügend Campingplätze hier.«
»Mann, die kosten Geld.«
»Richtig, dafür haben sie auch Duschen und Toiletten.«
»Das kann ich mir nicht leisten, das weißt du doch.«
»Du könntest allmählich mal anfangen, dein eigenes Geld zu verdienen, Matt, dann kannst du auch die Miete für einen Stellplatz bezahlen.«
»Gott, bist du ätzend. Das war wohl dein Kumpel, der uns verpfiffen hat, was?«
»Keine Ahnung. Aber das Wohnmobil steht in einem Naturschutzgebiet, daran werden sich auch andere schon gestört haben. Ich habe dir gleich gesagt, dass das nicht in Ordnung ist.«
»Mann, bist du spießig geworden.«
»Nicht spießig, Matt. Aber mit den Jahren vielleicht einsichtiger. So, und jetzt muss ich meine Einkäufe erledigen.«
Kelda wollte sich umdrehen, um das Katzenfutter aus dem Regal zu holen, als er sie grob an der Schulter packte.
»Jetzt hör mir mal gut zu, Kelda!«
»Lass mich los, Matt!«, sagte sie scharf.
Er tat es nicht. Er sprühte Gift.
»Du kommandierst mich herum wie einen Hund. Du lässt es zu, dass man mir ein paar uniformierte Wichtigtuer auf den Hals hetzt. Und dann bist du noch nicht mal bereit, mir aus der Patsche zu helfen.«
»Du jammerst wie ein unreifer kleiner Junge, ganz genau. Die Suppe hast du dir selbst eingebrockt. Jetzt sei ein Mann und löffel sie auch selbst aus.«
Sie sprach noch immer in gewöhnlicher Lautstärke, aber die Wut in ihr begann schon zu brodeln.
»Ich bin kein kleiner Junge!«, brüllte Matt und schüttelte sie so heftig an den Schultern, dass ihr die Zähne klapperten.
Bevor sie in der Öffentlichkeit zu drastischen Maßnahmen greifen musste, kam plötzlich ein vollbeladener Einkaufswagen näher, geschoben von einer vollbusigen Matrone, und krachte unversehens in Matts Kreuz. Er ließ Kelda los. Eine zweite füllige Madame drängte sich vor sie.
Kelda nutzte die Chance, schnappte Soquettes Knusperflöckchen aus dem Regal und trat geschwind den Rückzug zu ihrem Wagen an. Matt ließ sie in dem Ansturm französischer Beschimpfungen stehen. Zu der Gruppe gesellten sich nämlich nun auch noch der Marktleiter und zwei Regaleinräumer.
Das Surf-Groupie desertierte feige.
Kelda stellte sich an der Kasse an.
Ihre Knie zitterten.
Marie-Claude und Paulette hörten sich ihren wutschnaubenden Bericht verständnisvoll an, und eine große Tasse Milchkaffee zusammen mit einem Schokoladencroissant besänftigte Kelda dann auch wieder.
»Pass auf, dass er sich nicht zum Stalker entwickelt, Kelda«, mahnte Paulette. »Er scheint dich irgendwie als Stütze in allen Lebenslagen zu betrachten. Das ist nicht gesund für einen jungen Mann.«
»Nein, das ist es nicht, aber im Moment kann ich nicht mehr machen als ihm aus dem Weg gehen. Und wenn ich zu Hause bin, werde ich mich wirklich um neue Schlösser kümmern.«
»Bleib noch ein paar Tage länger hier, Kelda, du hast aber noch zwei Wochen Urlaub.«
»Doch, du kannst«, sagte auch Paulette. »Wir können auf deine unbezahlte Arbeitskraft nicht verzichten.«
»Pah.«
»Und außerdem kommt Brendan in zwei Wochen zurück, und ihr solltet euch endlich mal kennenlernen.«
»Ich stör doch nur, wenn dein Mann hier ist.«
»Hör endlich auf, so rücksichtsvoll zu sein.«
Das Geplänkel lenkte Kelda von ihrem Zorn auf Matt ab, und dann musste sie das neue Kleid vorführen, bekam den Beerdigungshut, ein rundes Etwas mit einem kleinen Schleierchen, aufgesetzt, musste sich die Haare anders frisieren und fühlte sich dabei richtig als Mädchen.
Jerôme le Filou verbreitete noch Jahre nach seinem Tod seinen vermutlich nicht unbeträchtlichen Charme.
Marie-Claude blieb in der Crêperie, aber Paulette, ebenfalls in Schwarz, was ihr ausgezeichnet stand, begleitete Kelda zum Friedhof. Eine Messe wurde nicht für den Toten gelesen – Angehörige hatte er hier nicht mehr. Doch er erhielt ein christliches Begräbnis. Yves trug zusammen mit einem Mann des Bestattungsunternehmens den kleinen Sarg mit seinen Gebeinen von der Friedhofskapelle zum Grab. Er hatte gesagt, da der Tote so lange sein Untermieter gewesen war, wolle er ihm diesen letzten Dienst erweisen. Kelda hatte er gebeten, hinter ihnen zu gehen, und da sie sich dem goldzahnigen Filou verbunden fühlte, tat sie es auch, froh über ihre angemessene Kleidung. Eine erstaunliche Menge Neugieriger – Trauernde konnte man sie sicher nicht nennen – hatte sich versammelt. Blumen gab man Jerôme Bellard nicht mit ins Grab, und Xavier spuckte sogar darauf. Er war ein sehr alter Mann, und besonders beliebt hatte der Filou sich seinerzeit wohl nicht gemacht.
Das Grab jedoch war das seiner Frau Jeanne, weshalb die anderen wohl von derartigen Unflätigkeiten absahen.
Jeanne Bellard, 1882–1964, las Kelda auf dem Grabstein.
»Sie haben sie gekannt«, sagte sie leise zu Paulette, die ebenfalls versonnen auf die Inschrift schaute.
»Ja, die letzten fünf Jahre ihres Lebens. Eine Frau, die das Unglück verbittert hat. Der erste Mann ist auf See geblieben, der zweite hat sie verlassen – oder, wie wir jetzt wissen, ist erschossen worden. Vermutlich nicht ohne Grund. Kinderlos ist sie geblieben, ohne Nachkommen. Ich war nicht die Einzige, die sie nicht sonderlich mochte. Sie war die Tochter des Bürgermeisters von Plounéour-Trez und trug die Nase daher entsetzlich hoch. Himmel, was hat sie mich herumkommandiert und schikaniert.«
»Zweiundachtzig Jahre ist sie alt geworden. Für die Zeit ein hohes Alter.«
»Sie hatte immer genug zu essen.« Dann huschte ein böses Lächeln über ihr Gesicht. »Es wird sie fuchsen, dass sie ihr Jerôme jetzt beigepackt haben.«
Paulette hatte ihr noch immer nicht verziehen. Aber Gemeinheiten, die man jungen Menschen antat – und sie war gerade erst siebzehn, als sie in Madames Dienst trat –, behält man lange im Gedächtnis.
»Da neben ihr liegt ihr erster Mann«, sagte Paulette und wies auf den verwitterten Grabstein. Die Neugierigen hatten sich allmählich verlaufen, und Kelda trat näher heran. Die stoppelig graugrünen Flechten, die allerorts Menhire, alte Gemäuer und Grabsteine überzogen, hatten seine Inschrift fast verborgen. Sie kratzte ein wenig daran. Das Gewächs war trocken und löste sich von dem Granit.
1875–1912 war das Erste, was sie erkennen konnte. Siebenunddreißig war der erste Mann geworden. Sie zupfte noch ein bisschen an den Flechten herum und hatte schließlich auch den Namen freigelegt.
Herri Trobiant.
Darunter: Lukaz Trobiant, 1898–1912. Disparu en mer.
Der Sohn.
Kelda schnappte nach Luft.
»Ich glaube, ich habe Simons Urgroßvater gefunden!«, flüsterte sie. Paulette betrachtete ebenfalls den Stein. »Sie wissen doch, Lukaz Tobant hat er sich genannt, als er nicht mehr als Luc le Gamache seinen Geschäften nachging.«
»Mon Dieu!«, sagte Paulette. »Mon Dieu! Das wirft ein ganz anderes Licht auf die Angelegenheit.«
»Ich muss Simon anrufen!«
Das Handy war mal wieder ganz nach unten in die Tasche gerutscht, aber als sie Simons Nummer wählte, meldete er sich sofort.
»Ich habe einen Herri Trobiant gefunden.«
»Was?«
»Ich stehe an seinem Grab, Simon. Neben ihm wurde 1964 seine Frau Jeanne Bellard begraben. Auf dem Grabstein wird auch an seinen Sohn Lukaz erinnert, der zum selben Zeitpunkt auf See verschollen ist.«
Simon schwieg.
Ja, die Zusammenhänge waren erstaunlich.
Schließlich räusperte er sich und meinte: »Ich muss heute noch ins Büro. Hast du übermorgen schon etwas vor, oder willst du wirklich schon abreisen?«
»Kann ich jetzt kaum noch, was, Simon?«
»Bleib noch ein paar Tage.«
Ja, das sollte sie wirklich. Ihr fiel aber etwas anderes ein. »Simon? Hast du Matt bei den Behörden wegen Wildcampens angezeigt?«
»Nein.«
»Okay. Melde dich, wenn du zurück bist.«
»Ja. Und – danke.«
Weg war er.