Zeugen der Geschichte

Nach dem mittäglichen Abfüttern der Gäste nahm Kelda sich Marie-Claudes Auto und fuhr zu den alten Villen hinaus, die rund um die Bucht von Brignogan lagen. Sie fand die Villa recht bald und parkte am sandigen Straßenrand. Tatsächlich ragten zwei trutzige Rundtürme aus grauem Stein auf, die das Tor bewachten, das die weiß gekieste Auffahrt verschloss. Dahinter lag aus dem üblichen grauen Stein gebaut ein Miniaturschlösschen. Hortensien, sagenhaft blau, wie sie nur hier in der Salzluft – und guter gärtnerischer Pflege – gediehen, säumten den Kiesweg, weiße Hortensien schäumten um den Sockel des Hauses. Efeu rankte sich an der Wetterseite an den Steinen bis zu einem der Kamine hoch, die hölzernen Läden und Türen waren frisch in einem matten Blau gestrichen. Alles sah gepflegt aus. Jerôme Bellard hatte sich das Sahnestückchen als Grundstück gesichert und ein ansehnliches Haus daraufgestellt. Seine Tätigkeit musste sich gelohnt haben.

Jemand hupte laut und erbost, und Kelda kehrte zum Wagen zurück, um ihn vom Fahrbahnrand zu entfernen. Man fuhr auf diesen französischen Straßen einen heißen Reifen, und Störenfriede wie sie waren schnell gefährdet. Sie überlegte, ob sie es wagen sollte, weiter zum Strand zu fahren und auf einem der großen Parkplätze hinter der Düne anzuhalten, in der Hoffnung, dass Matt ihr nicht begegnete. Eigentlich war die Bucht groß genug, aber der Junge hatte einen sechsten Sinn dafür entwickelt, wie er sie aufspüren konnte. Andererseits – die Sonne schien, ein leichter Wind wehte, aus dem Radio klang irgendein fröhlicher Song zum Mitsummen, und die schmale Straße wand sich in wilden Schwüngen durch die Felder. Ihren Verlauf musste ein trunkener Matrose einst vorgegeben haben. Dann entdeckte sie aber im Vorbeifahren den staubigen Transporter von Yves’ Truc et Puces und nahm das zum Anlass, zu wenden und sich neben ihn auf dem sandigen Platz vor einer weiteren Villa zu stellen.

Hohe, uralte Pinien mit grauen Stämmen und fast schwarzen, sturmerprobten Kronen säumten das Grundstück. Das Anwesen war möglicherweise noch größer und prachtvoller als das der Bellards. Rechts vorne stand ein Pförtnerhaus mit Remise, die Villa selbst protzte mit etlichen Türmchen, hinten im weitläufigen Park schlossen sich weitere Wirtschaftsgebäude an. Vor dem Haus standen der Pick-up eines Installateurs und der Lieferwagen eines Dachdeckers. Kelda stieg aus und schaute sich um. Klopfen und Scharren klang aus der offenen Tür der Remise, etliche undefinierbare Trümmer türmten sich daneben auf.

»Yves?«, rief sie in den halbdunklen Raum hinein.

»Oui!«

Hinter einem Verschlag tauchte seine Mütze auf, er selbst folgte.

»Ah, Madame Kelda. Wollen Sie entrümpeln helfen?«

»Gibt es schönes Geschirr hier?«

»Das nun nicht gerade. Kommen Sie rein.«

Es war eine fürchterliche Ansammlung von Gerümpel. Mit spitzen Fingern hob Kelda einen zerbrochenen Tennisschläger auf.

»Was die Leute so alles aufheben.«

Auch der alte Xavier kam aus dem Gerümpel hervor und musterte den Schläger. »Vielleicht aus sentimentalen Gründen? Möglicherweise hat Madame einst damit das erste Match mit ihrem Zukünftigen gespielt?«

»Sie sind ein Romantiker.«

»Alles hat seine Geschichte.«

Kelda erinnerte sich daran, dass Simon ihn für jemanden hielt, der die Geister eines Hauses aufzuspüren in der Lage war. Vielleicht hatte er recht – oder eben eine fruchtbare Phantasie.

»Sie haben hier einen Entrümplungsauftrag?«

»Ja, aber das Haus haben wir schon ausgeräumt. Ist Simons Baustelle. Jetzt arbeiten sie schon an den Leitungen.«

»Hat es sich gelohnt?«

»Dies und das findet sich immer.«

Zerbrochene Gartenmöbel, ein schimmeliger Sonnenschirm, ein verkohlter Gartengrill, eine Matratze, die von regem Verkehr zeugte, ein Bollerwagen ohne Räder, eine Standuhr – okay, die mochte Yves’ Möbelabteilung ergänzen –, allerlei kaputtes Kinderspielzeug, schlaffe Bälle, kopflose Puppen, ein Laufstall.

Yves wuchtete die Uhr von der Wand, und Xavier griff mit zu. Sie gongte leise.

»Wem die Stunde schlägt«, murmelte Kelda.

»Sie hat mehreren geschlagen«, brummte Xavier und stellte sie im Sonnenlicht an der Hauswand ab.

»Sieht gut aus!«, meinte Yves und strich über das staubige Holz. »Wird sich bald einer für interessieren.«

Kelda aber interessierte plötzlich Xaviers Bemerkung mehr.

»Wem hat die Stunde geschlagen?«

Er grinste sie an. »All den Bewohnern, die in diesen Mauern gestorben sind, natürlich.«

»Willst du dem Mädchen deine Schauergeschichten erzählen?«, grummelte Yves.

»Ich würde sie gerne hören. Seit ich die Nacht in Ihrem Haus verbracht habe, bin ich geradezu süchtig nach Schauergeschichten.«

Xavier schnaubte. »Das ist was ganz anderes.«

Aber er hockte sich auf einen wackeligen Stuhl, zog ein Päckchen Tabak aus der ausgebeulten Hosentasche und begann sich eine Zigarette zu drehen.

»Alte Häuser haben auch Geschichten. Und manche Gefühle bleiben in den Ecken hängen. Gute wie böse. Manche spüren es. Manche sehen es. Manche hören es. Simon spürt, ich sehe und höre.«

»Macht es Ihnen Angst?«

»Manchmal ja. Manchmal macht es mich auch glücklich. Das hier ist ein gutes Haus. Obwohl die Deutschen darin gewohnt haben.«

»Mieter?«

»Pff. War ein Hauptquartier. Ein Haufen Offiziere, die die armen Affen kommandiert haben, die den Westwall verteidigen sollten.«

»Sie mögen die Deutschen nicht?«

»Nein. Sie haben meinen Vater und meine Schwester ermordet. Gefoltert und hingerichtet.«

»Xavier!« Yves war empört.

»Oh!«, entgegnete Kelda. »Das … das tut mir leid.«

»Braucht es nicht. Das warst nicht du.«

Dennoch war sie erschüttert. »Die Deutschen, die hier gewohnt haben?«

Er schüttelte den Kopf.

»Lass es ruhen, Xavier«, sagte Yves und reichte ihr seine Wasserflasche. »Kelda war mit Simon in der Chapelle Pol.«

Etwas unbeholfen, der Themenwechsel, aber Kelda ging darauf ein.

»Ja, aber wir haben weder die Schwingungen von Schiffbrüchigen noch von sündigen Priestern dort wahrgenommen.«

»Wohl kaum, das ist eine Stätte des Friedens. Saint Pol hält seine Hand darüber«, meinte Xavier. Er schien wirklich eine seltsame Glaubensmischung zu vertreten: christliche Heilige, spukende Geister, die Korriganen, wie Kelda sich erinnerte. Andererseits hatte sie auch schon einmal einen friedlichen Ort gefunden, der heidnisch und christianisiert zugleich war.

»Ich war auch am Men Marz und fand es sehr friedlich dort.«

Bedächtig nickte der alte Gnom und zog an seiner Zigarette. »Ja, der Men Marz. Ein guter Stein. Ist deiner oben geblieben?«

Ups, konnte er hellsehen?

»Ähm, ich habe einen Kiesel auf diesen Vorsprung geworfen, ja. Er ist oben geblieben.«

»Gut, gut. Dann wirst du bald einen guten Mann finden.«

»Ich suche aber nach gar keinem.«

»Macht ja nichts. Er wird dich eben finden. Das ist so mit dem Men Marz. Darum gehen die jungen Frauen zu ihm.«

»Ich habe ihn aber nicht darum gebeten.«

»Warum hast du denn sonst den Stein hochgeworfen?«

Gute Frage.

»Er lag einfach so in meiner Hand …«

»Nichts geschieht einfach so.«

»Na gut. Aber ich habe eben gerade die Beziehung zu meinem Freund beendet. Mir steht nicht der Sinn nach einer neuen.«

»Manches kannst du nicht beeinflussen. Nicht, wenn du am Men Marz warst.«

Er glaubte fest daran. Also widersprach Kelda ihm nicht weiter. Lieber wollte sie noch etwas über die ortsübliche Elfen- und Gnomenpopulation erfahren, mit der er laut Simon auch in Kontakt stand, aber da sah sie, wie ein Radfahrer hinter Marie-Claudes Wagen anhielt.

Ein sehr bekannter Radler.

»Mist, Matt kreuzt hier gleich auf.«

»Dein Freund?«

»Exfreund. Er ist ständig hinter mir her und macht mir Szenen.«

»Das gehört sich nicht. Soll ich ihn zusammenschlagen?«, fragte Xavier und grinste erfreut.

»Wär schön, aber er ist sehr sportlich.«

»Das bin ich auch.«

»Kelda, setzen Sie sich hinten auf den Lieferwagen. Ich fahre Sie runter zum Strand, und Sie machen einen hübschen Spaziergang zurück. Bis dahin hat Xavier ihn vergrault.«

Yves’ Vorschlag gefiel Kelda weit besser als eine Prügelei zwischen einem achtzigjährigen Kauz und Matt. Sie hockte sich also zwischen zwei alte hölzerne Fässer und eine Seekiste und wurde kräftig durchgeschüttelt. Allerdings nicht lange, dann hielt Yves wieder. Sie stieg aus und fand sich auf der großen, sandigen Fläche hinter der Düne, auf der eine Ansammlung von Pkws parkte.

»Es ist Ebbe, verlauf dich nicht. Am Bunker da hinten gehst du wieder über die Düne, dann bist du gleich am Haus. Wir haben da noch zwei Stunden lang zu tun.«

»Okay. Danke, Yves.«

»Nichts zu danken.«

Kelda ging zu dem mit einem verwitterten Holzgeländer begrenzten Durchgang durch die mit graugrünem, sehr scharfkantigem Gras bewachsene Düne. Vor ihr dehnte sich der weiße, schimmernde Strand aus. Er wirkte leer, das Meer hatte sich weit zurückgezogen, die wenigen Sonnenhungrigen verloren sich in der Weite.

Sie zog die Sandalen aus und lief barfuß durch den heißen Sand zum feuchten Watt. Wellig war der Boden, in den Vertiefungen warmes Wasser, kleines Getier tummelte sich in den Pfützen. Weiter vorne ragten die Felsen auf, von denen man bei Flut nur die Spitzen sehen konnte. In ihre Richtung wanderte sie, genoss den Wind, der ihr entgegenwehte, schnupperte die salzige Luft und lauschte dem Gelächter der Möwen, die sich erhoben, wenn sie sich ihnen näherte. Rinnsale zogen sich durch den Sand, manche knöcheltief, bei anderen musste sie sogar ihre Shorts ein Stückchen hochziehen. Vereinzelt lagen glitschige Quallen herum, Muscheln, grüne Algen, die wie nasser Blattsalat aussahen, Seeigel, kleine Krebse. Wenig Zivilisationsmüll, wofür sie dankbar war. Teile einer zerbrochenen Boje, ein Stück Tau, ein Placken Öl war alles, was ihr auffiel.

Nach einer Weile merkte Kelda, dass sie sich immer weiter vom Strand entfernt hatte, und ließ ihren Blick rundum schweifen. Das Wasser war noch immer weit draußen, man konnte kaum die Brandung erkennen. Auf der einen Seite der Bucht ragte ein Kirchturm auf, dann folgte die Düne. Sie erstreckte sich so weit, dass sie das Ende der Bucht nicht ausmachen konnte. Sie hielt sich also an den Kirchturm und nahm ihre Wanderung in diese Richtung auf. Yves hatte schon ganz recht, man konnte sich auf dieser weiten Fläche schnell verlaufen, wenn man sich keine Markierungspunkte gemerkt hatte.

Aber der Spaziergang tat ihr gut, und ihre Gedanken schlenderten neben ihr her, ohne sich an etwas Besonderem festzumachen. Erst als sie den Traktor mit dem Anhänger sah, kehrten sie zu der alten Geschichte von Herri Trobiant zurück. Denn der Anhänger war mit einer mächtigen Ladung brauner Algen beladen. Wie breite Bänder sammelten sie sich an der Wasserlinie am Strand, und wie es schien, wurden sie noch immer gesammelt und irgendwo verarbeitet. Kosmetikprodukte aus Algen wurden gerne in den hiesigen Geschenkläden angeboten. Duschgel, Cremes, Seifen in freundlichem Meerblau, zusammengepackt mit Muscheln und Schwämmen in kleinen Körben, schienen sie ein beliebtes Mitbringsel zu sein. Kelda hatte auch schon einige Hinweise auf Wellnessinstitute gesehen, die eine Thalasso-Therapie anboten. Das war eine spezielle französische Form der Badekur, bei der neben Luft, Sonne, Schlick und Salzwasser auch Algen verwendet wurden. Man konnte für eine einfache Wanderung am Meer auch richtig Geld ausgeben …

Und mit Algen konnte man schon immer Geld verdienen. Das Meer war großzügig zu den Küstenbewohnern. Weshalb die Bretagne vermutlich schon sehr früh besiedelt worden war. Die Megalith-Kultur war hier sehr ausgeprägt. Nicht nur die allerorts vorhandenen Menhire gaben Zeugnis davon, auch die langen Steinreihen, wie man sie mehr südlich fand. Carnac war eine der größten Anlagen, bei Weitem aber nicht die einzige Ansammlung von Steingehegen. Auch Steinkreise fand man immer wieder und vor allem Dolmen. Jene mit Steinplatten überdeckten Höhlen, wie sie auch in Schottland und Irland zu finden waren. Einige hatte man wiederhergestellt, mit Erde und Grassoden überdeckt, so dass sie wie die Behausungen der Hobbits wirkten. Und natürlich standen sie in dem Ruf, Feenhügel zu sein.

Später hatten sich die Kelten hier angesiedelt, die die Monumente ihrer Vorgänger unberührt ließen, sie aber in ihre Mythologie mit aufnahmen. Erst die Christen hatten angefangen, sie zu zerstören oder mit ihren Kreuzen zu verzieren.

Doch irgendwie beschlich Kelda das Gefühl, dass die alten Mächte das Land hier nicht verlassen hatten. Sie waren beharrlicher als Weihwasser und Psalmen. Was wiederum die Einstellung solcher Menschen wie Xavier dazu erklärte.

Sie erreichte den Wassersaum mit seinen Muschelscherben und Algenhaufen und überquerte ihn vorsichtig. Immerhin hatte sie die richtige Richtung gewählt, vor ihr in der Düne lag ein hässlicher Klumpen Beton – der Bunker.

Alles hat seine Geschichte, hatte Xaver gesagt.

Und Geschichte gab es tatsächlich sehr viel hier. Steinerne Geschichte – hier nicht als Menhir oder Dolmen, sondern als Schutzwall – der Westwall, eines dieser überheblichen Projekte einer unrühmlichen Vergangenheit. Solide Arbeit, die schon Jahrzehnte überdauert hatte und auch noch Jahrzehnte von Anmaßung und menschlicher Idiotie zeugen würde.

Kelda stapfte durch den losen Sand hin zu dem Durchgang durch die Düne, aber noch hatte sie keine Lust, zurück in die Zivilisation zu kehren. Darum setzte sie sich in eine grasige Mulde und sah auf die Bucht hinaus. Ein paar Kinder spielten mit Frisbee-Scheiben, ein Hund tollte durch die Wasserpfützen, Muschelsammler harkten das Watt auf.

Luc le Gamache war nie wieder hierher zurückgekehrt, obwohl er das Land liebte.

Warum?

Der Sog war doch so mächtig.

Was mochten er und sein Vater für Menschen gewesen sein? Herri war sicher geschäftstüchtig. Als Fischer, Goëmonier hatte er seinen Lebensunterhalt bestritten. Der Schmuggel verschaffte ihm ein Zubrot und – Abenteuer. Luc hatte ihn begleitet, und da beide Bretonisch, nicht Französisch sprachen, mochte die Verständigung mit den walisischen Abnehmern wenig Probleme bereitet haben. Weshalb er vermutlich auch zunächst in Cornwall ansässig wurde.

Geschäftstüchtig, hart arbeitend, abenteuerlustig.

Solche Männer konnten sehr attraktiv sein. Sechzehnjährige Bürgermeistertöchter erlagen ohne Zweifel ihrem rustikalen Charme. Aber war die Ehe, die daraufhin geschlossen wurde, glücklich? Oder war der Rausch der Leidenschaft schnell verflogen? Herri hatte seinen Sohn – für einen Mann jener Zeit ein Gewinn. Wenn nicht emotional, so doch in arbeitstechnischer Hinsicht. Jeanne aber hatte keine weiteren Kinder bekommen. Ungewöhnlich in jener Zeit. Hatte sie Fehlgeburten? Oder waren andere Kinder im Kindbett verloren? Oder verwehrte sie sich ihrem Gatten im Bett? Oder hatte er sich mit anderen vergnügt?

Wenn sie eine so zänkische, auf ihren Stand bedachte Frau im Alter gewesen war, dann war Jeanne es sicher in ihrer Jugend auch schon gewesen. Und hatte vermutlich dem armen Herri das Leben mit ihren Ansprüchen zur Hölle gemacht.

Kelda lächelte vor sich hin.

Wie viel mochte Simon von Luc le Gamache geerbt haben? Sie war neugierig auf das Foto, von dem er gesprochen hatte. Zumindest war auch Simon ein harter Arbeiter, und geschäftstüchtig war er auch, denn sonst hätte er nicht so schnell wieder Fuß gefasst.

Er sah inzwischen auch fraglos gut aus. Vielleicht sogar ein bisschen abenteuerlich.

Warum hatte sie eigentlich diesen blöden Stein auf den Menhir geworfen?

Diesen Gedanken schüttelte Kelda jedoch mit Nachdruck ab und stand auf, um zu der Villa zurückzukehren, wo ihr Auto stand. Zwei Stunden waren vergangen, und so lange würde Matt sicher dort nicht ausgeharrt haben.