Vier
Obwohl Laurel schon mit offenen Augen dalag, als frühmorgens ihr Wecker klingelte, zuckte sie bei dem schrillen Geräusch zusammen. An einem normalen 22. Dezember würde sie ihren Eltern in ihren Geschäften helfen oder noch letzte Hand an die Weihnachtsdekoration legen, Weihnachtslieder hören oder Leckereien für die Festtage vorbereiten. Doch sie hatte den Verdacht, dass es in diesem Jahr viel weniger feierlich zugehen würde.
Der Himmel war noch recht dunkel, als Laurel ihren Schrank öffnete und nach einer Bluse griff, die von den Elfen geschneidert worden war. Diese Bekleidung passte gut zu diesem Tag, an dem sie voll und ganz in ihre Rolle als Gesandte aus Avalon schlüpfte. Als sie das pinkfarbene Oberteil über den Kopf zog, fühlte es sich mehr wie eine Rüstung als wie schlichter hauchdünner Stoff an.
Direkt vor der Haustür wurde Laurel von einem grüngekleideten Wachposten begrüßt, den sie noch nicht kannte – es waren mittlerweile so viele! Anscheinend wollte er sie aufhalten. »Gleich geht die Sonne auf«, sagte Laurel, ohne abzuwarten, was er sagen wollte. »Ich gehe zu Tamani, das kannst du in fünf Minuten überprüfen. Und jetzt lass mich vorbei.«
Zu ihrer Überraschung gehorchte er.
Sie warf noch einen Blick auf das Haus, während sie die Einfahrt hinunterging, und blieb an den dunklen Fenstern des Elternschlafzimmers hängen. Sie hatte ihnen immer noch nicht erzählt, was los war, doch lange hielt sie das nicht mehr durch. »Es ist bald vorbei«, sagte sie in der Hoffnung, dass es zutraf.
Nach einer kurzen Autofahrt klopfte Laurel an die Wohnungstür und wartete, bis jemand sie einließ. Hoffentlich ging nicht Shar an die Tür. Im Grunde wäre das auch egal, weil er ohnehin hier war und sie damit umgehen musste. Doch sie wollte die Begegnung möglichst lange hinausschieben und war erleichtert, als Tamani sie begrüßte.
»Alles in Ordnung?«, fragte Laurel leise, als sie eintrat.
»Wenn du mit in Ordnung meinst, ob nichts passiert ist, dann ja«, antwortete er und sah sie so freundlich an wie seit Yukis Gefangennahme nicht mehr. Laurel überlegte, worüber Tamani und Chelsea geredet hatten, und wünschte, sie würden es häufiger tun.
»Das ist doch wirklich in Ordnung«, sagte sie und stellte den Rucksack ab. Andererseits hofften natürlich alle, dass endlich etwas passierte. Es war schon acht Stunden her, seit sie Yuki gefangen genommen hatten. Das kam ihnen zu lang vor – schließlich war Klea sonst auch nicht die Langsamste.
Chelsea saß auf dem Stuhl neben Tamanis und sah müde aus. Sie trug immer noch ihr zerknittertes Kleid, doch sie rang sich ein Lächeln ab. Tamani hatte seine Fliege, Schuhe und das Jackett ausgezogen, die Handschuhe aber wegen Yuki angelassen. Sein Hemd war zur Hälfte aufgeknöpft. Die beiden sahen aus, als hätten sie die ganze Nacht Party gemacht, statt Wache zu schieben.
Aus dem Wasserrauschen schloss sie, dass Shar unter der Dusche stand. Vor einem halben Jahr hätte sie noch gelächelt, wenn sie ihn bei einer solch banalen menschlichen Tätigkeit erwischt hätte. Doch heute stand sie viel zu sehr unter Strom, als sie die Tür zu Tamanis Schlafzimmer ansah. Wie sollte sie Shar gegenübertreten, nachdem sie wusste, was er ihrer Mutter angetan hatte?
»Ich bleibe bei dir, wenn er kommt«, sagte Tamani. Sein Atem kitzelte ihr Ohr. Sie hatte gar nicht gemerkt, dass er so nah war.
Laurel schüttelte den Kopf. »Geh lieber schlafen.«
»Ich bin ein paar Mal eingedöst«, sagte er und legte ihr sanft die Hände auf die Schultern. »Mir geht’s gut, glaub mir.«
»Okay.« Sie fühlte sich schon viel besser, weil er bei ihr bleiben würde.
Sie drehten sich gleichzeitig um, als Shar mit feuchten Haaren aus dem Zimmer kam. Als er Laurel sah, blieb er stehen, hielt den Blickkontakt jedoch, bis sie nervös nach unten guckte.
»Ist in den letzten fünf Minuten irgendwas passiert?«, fragte Shar und stemmte die Hände in die Hüften, als er in den vorderen Raum ging.
»Absolut nichts.« Tamani ahmte seine Haltung nach. Laurel hätte beinahe gelächelt, weil er so automatisch und wahrscheinlich unbewusst seinen Lehrer imitierte.
Shar musterte Yuki mit einem sonderbar neutralen Blick, den Laurel nicht deuten konnte. Manchmal wirkte er geradezu gefühllos. Sie wusste, dass es nicht sein konnte, denn Tamani hatte ihr viele Geschichten über ihn erzählt, bei denen sie Tränen gelacht hatten. Doch als der Elf die Gefangene so konzentriert und ungerührt ansah, fragte Laurel sich, ob er überhaupt jemanden an sich heranließ.
»Wie lange sollen wir noch warten?«, fragte Tamani. »Vielleicht war unsere erste Vermutung doch richtig, und Yuki soll uns nur ablenken, während Klea das tut, was sie die ganze Zeit vorhatte.«
»Kleas Pläne betreffen uns nur, wenn sie etwas mit dem Tor oder Laurel zu tun haben. Wir lassen Laurel nicht aus den Augen und wenn sie sich wirklich dem Tor nähern will, braucht sie sie dafür«, erklärte Shar und zeigte beinahe anklagend auf Yuki. »Also können wir davon ausgehen, dass das Tor in Sicherheit ist, bis sie kommt, um sie zu holen. So sicher, wie es eben möglich ist. Wir werden jedenfalls hier gebraucht, um das zu tun, was wir gerade tun.«
»Meint ihr, wir sollten Jamison Bescheid sagen?«, fragte Laurel.
»Nein«, antworteten Tamani und Shar einstimmig.
Yuki hob mit einem merkwürdig konzentrierten Gesichtsausdruck den Kopf.
»Warum denn nicht?«, hakte Laurel nach. »Ich finde, wenn einer es wissen sollte, dann er.«
»Komm mal kurz mit«, sagte Shar. »Pass bitte auf den Bückling auf, Tam.«
Laurel hatte einen Kloß im Hals. Als Tamani ihre Hand nahm, spürte sie den weichen Stoff seines Handschuhs.
»Ich bleibe an der Tür stehen, wenn es dir was nützt«, schlug er leise vor.
Doch Laurel schüttelte den Kopf und schluckte ihren Ärger hinunter, so gut es ging. »Schon okay«, sagte sie. »Schließlich ist es immer noch Shar, nicht wahr?«
Tamani nickte und drückte ihre Hand, ehe er sie losließ.
»Ich gehe dann mal«, sagte Chelsea erschöpft, bevor Laurel Shar folgen konnte.
»Danke.« Laurel umarmte ihre Freundin. »Die Haustür ist nicht abgeschlossen.« Ein Vorteil der vielen Wachposten bestand darin, dass Laurel sich nie die Mühe machen musste, abzuschließen. »Bitte wecke meine Eltern nicht. Sei leise, denn glaub mir, du willst ihnen das Ganze bestimmt nicht erklären.« Sie schluckte. Irgendwann, das hieß möglichst bald, würde sie das erledigen müssen.
Chelsea nickte gähnend und verließ die Wohnung. Tamani schloss hinter ihr ab und schob die Riegel vor.
Laurel ging in Tamanis Schlafzimmer, ohne das Licht anzuschalten. Die Sonne war schon fast aufgegangen und leuchtete rosenrot durch die vorhanglosen Fenster. Sie schien in ein karges Zimmer mit einem einzigen Holzstuhl, auf dem seine Anziehsachen hingen, neben einem ungemachten Doppelbett. Das war Tamanis Bett – seltsam, dass sie es heute zum ersten Mal sah. Sie war noch nie in seinem Zimmer gewesen.
»Bitte schließ die Tür.«
Bevor sie sie zuzog, sah sie Tamani noch mal kurz in die Augen.
»Wir können den anderen Wachposten nicht sagen, was wir über Yuki wissen, und wir können nicht zu Jamison gehen«, sagte Shar kaum hörbar. Er stand dicht vor ihr und hatte die Arme verschränkt. »Und zwar aus verschiedenen Gründen, vor allem aber weil wir es nicht riskieren dürfen, uns dem Tor auch nur zu nähern. Das Einzige, was Yuki noch daran hindert, nach Avalon zu gehen, ist, dass sie nicht genau weiß, wo das Tor liegt. Sobald sie das herausgefunden hat, ist alles aus.«
»Aber Klea hat mit Barnes zusammengearbeitet. Anders kann es gar nicht gewesen sein. Sie weiß sicher schon, wo das Grundstück liegt.«
»Egal«, bürstete Shar sie ab. »Wenn sie nicht den ganzen Wald abholzen wollen, kann sie mit Yuki nur zum Tor gelangen, wenn sie die genaue Stelle kennt und weiß, wie wir es getarnt haben.«
»Wir könnten doch jemanden hinschicken. Aaron oder Silve oder …«
»Und wenn sie verfolgt würden? Vielleicht wartet Klea deshalb so lange damit, ihren Schützling zu retten. Möglicherweise hofft sie, dass wir Verstärkung anfordern.«
»Und wenn sie nun gar nicht auftaucht?«, fauchte Laurel. »Wir können Yuki nicht in alle Ewigkeit auf diesem Stuhl gefangen halten!«
Shar wich zurück.
»Sorry«, murmelte Laurel. Ihr Ton war schärfer ausgefallen als beabsichtigt.
»Schon gut«, sagte Shar entnervt. »Du hast ja recht. Möglicherweise spielt es aber auch keine Rolle. Meiner Meinung nach kann das Ganze nur gut enden, wenn wir Yuki so lange wie möglich vom Tor fernhalten.«
»Das heißt, wir bleiben hier und drehen Däumchen?«
»Wir befinden uns an einem Scheideweg. Im Augenblick haben wir nur eine Winterelfe und schwere Verdachtsmomente. Angenommen, wir gehen nach Avalon. Sollte Klea tatsächlich nicht wissen, wo das Tor ist, führen wir sie dorthin. Falls sie es doch weiß, hat sie vielleicht auf dem Weg Fallen aufgestellt. So oder so verlieren wir mehr, als wir gewinnen. Und selbst wenn wir sicher nach Avalon gelangen, was dann? Hast du dich schon gefragt, wie du dich fühlen wirst, wenn Königin Marion uns befiehlt, Yuki umzubringen?«
Laurel musste schlucken.
»Ob du es glaubst oder nicht, das ist noch das Beste, was uns dort passieren kann.« Shar verzog das Gesicht. »Die Alternative ist, hier zu warten«, fuhr er fort. »Der Kreis hält so lange, wie er nicht unterbrochen wird, aber täusche dich nicht, es ist ein Drahtseilakt. Ein falscher Schritt und Yuki geht auf uns los. Wir könnten unsere Sicherheit nur garantieren, wenn wir sie auf der Stelle erstechen.«
»Was? Nein!« Die Panik in Laurels Stimme war nicht zu überhören.
»Allmählich wird dir klar, in welchen Schwierigkeiten wir stecken«, sagte Shar eine Spur versöhnlicher. »Yuki ist gefährlich, aber noch gibt es keinen Grund, sie zu töten. Noch nicht, wie gesagt. Doch egal, was wir tun, irgendwann heißt es wahrscheinlich: sie oder wir. Meine einzige Hoffnung ist, dass Klea Yuki braucht und herkommt, um sie zu retten. Und wenn wir – wenn wir Klea irgendwie hier ausschalten können …«
»Das würde unseren Verdacht bestätigen, das Tor wäre sicher und niemand müsste sterben«, beendete Laurel den Satz mit ausdrucksloser Stimme. Auch wenn es ihr nicht gefiel, hatte sie keinen besseren Vorschlag auf Lager. Sie waren nur zu fünft – drei Elfen und zwei Menschen – gegen Klea und ihre unbekannten Truppen. Was würde auf sie zukommen? Ein Dutzend Orks? Hundert? Andere Elfen?
»Verstehst du mich jetzt?«
Laurel nickte und wünschte fast, es wäre nicht so. Sie musste zähneknirschend zugeben, dass Shars Plan wahrscheinlich der beste war. Im Moment. Wortlos drehte sie sich um und verließ das Zimmer. Shar folgte ihr.
»Gut … wie habe ich mir das jetzt genau vorzustellen?«, fragte sie und ließ den Blick durch die Wohnung schweifen, ohne Yuki direkt anzusehen.
»Wir sitzen herum. Oder stehen, wie du willst«, antwortete Tamani. »Shar und ich bewachen die Tür und die Fenster. Ich stelle ihr Fragen, was meistens nichts bringt.« Er zuckte die Achseln, eine Geste, die eher für Shar als für Laurel bestimmt war. »Ehrlich gesagt, ist es ganz schön langweilig.«
Yuki machte ein schnaubendes Geräusch, doch keiner beachtete sie.
Aus Tamanis Zimmer kam ein elektronisches Piepsen, woraufhin Shar leise fluchte.
»Blödes, frostverfaultes …«
Laurel grinste. Shar hasste Handys und fluchte jedes Mal ausgiebig und ausgefallen, wenn eins einen Ton von sich gab. Der Raum schluckte seine Schimpfwörter, als er das »menschliche Spielzeug«, wie er es so gern bezeichnete, von dort holte, wo er es halb absichtlich, halb versehentlich zuletzt hingelegt hatte.
Als jemand klopfte, sprang Tamani auf. »Wahrscheinlich Chelsea, die mal wieder ihren Schlüssel vergessen hat.«
Shar kam mit dem Handy aus dem Schlafzimmer. »Da steht Silves Name. Was bedeutet ›Zwei SMS‹?«
Tamani sah durch den Spion.
»Dass du zwei Nachrichten bekommen hast …«, setzte Laurel an.
Doch Shar starrte mit aufgerissenen Augen aus dem rückwärtigen Fenster der Wohnung. »Weg da!«, schrie er Tamani an.
Unter lautem Feuerwerk explodierte die Tür.