Neunzehn
Warte, Tamani!«, schrie Laurel, ohne selbst genau zu wissen, warum. Nach allem, was Klea verbrochen hatte, war der Tod doch mehr als verdient … oder nicht?
Antworten, dachte sie. Wir brauchen Antworten.
Laurel spürte David hinter sich und riss erschrocken die Augen auf, als die Wächter ihre Gewehre auf sie richteten.
»Nein!« Tamanis Schrei dröhnte in ihren Ohren, doch als die Schüsse knallten, warf David sich vor sie. Laurel stolperte rückwärts und wäre beinahe über Chelsea gefallen, die hinter einer breiten Eiche in Deckung gegangen war. Laurel kauerte sich neben sie, während die Wachposten David weiterhin beschossen. Trotz der lauten Schießerei blieb David ungerührt stehen und sah höchstens nach unten, um die Kugeln zu zählen.
Als Laurel einen Blick um den Baum wagte, brachte Klea sich gerade heimlich vor Tamani in Sicherheit und hob etwas vom Boden auf. Als sie mit ihrer unverkennbaren halbautomatischen Pistole auf Davids Brust zielte, nutzte Tamani die Chance und lief zu Laurel. Er hockte sich neben sie und zog sie an sich. Seine Finger zitterten auf ihrem Rücken.
»Ich fürchte, die Tatsache, dass du deine Freundin hergebracht hast, um mein Leben zu retten, muss mich damit versöhnen, dass du mir den Rest des Tages versaut hast«, sagte Klea trocken, bevor sie aus kürzester Entfernung ihr Magazin auf David leerte.
Laurel und Chelsea hielten sich die Ohren zu und Tamani wollte sie gegen das grausige Bild abschirmen, doch David schien die Sache langsam Spaß zu machen. Er stützte die freie Hand auf die Hüfte und betrachtete amüsiert den Haufen Kugeln zu seinen Füßen.
Als bei Klea der Groschen fiel, hörte sie auf zu schießen und steckte die Pistole anmutig in ihr Holster.
»David Lawson«, sagte Klea gemächlich. »Ich habe deinen Wagen drüben in Orick gesehen und gedacht, Laurel wäre damit hergefahren. Ich bin wirklich beeindruckt, dich hier zu sehen. In Avalon sind Menschen seit …«
» …tausend Jahren nicht mehr geduldet, ich weiß. Das sagt mir jeder.«
»Tja, aber das ist auch nur eine weitere Lüge«, entgegnete Klea. »Fast alles, was die Elfen hier erzählen, ist gelogen.«
»Das Schwert ist keine Lüge«, konterte David und machte einen Schritt nach vorn. »Du hast selbst gesehen, wie die Kugeln einfach runtergefallen sind.«
»Ich sehe auch, dass du auf mich zukommst, und kann mir denken, was du vorhast. Hör lieber gut zu, Mensch. Nur meinetwegen hat Barnes dich und Laurel im letzten Herbst nicht umgebracht. Du bist mir was schuldig.«
»Ich soll dir was schulden? Weißt du noch, was du mit Shar gemacht hast, als er heute Morgen diese Worte benutzt hat?«
Laurel spürte, wie Tamani die Muskeln spannte.
»Was für eine tragische Vergeudung«, antwortete Klea, ohne zu zögern. »Ich glaube, einen besseren Kämpfer hat es nie gegeben. Aber er stand auf der falschen Seite, David. Diese ganze Insel steht auf der falschen Seite der Geschichte! Sieh dich doch um! Ein kleines Paradies voller Elfen, die für ihre Schönheit nichts tun müssen, die alles haben, was sie sich wünschen, und ihr großes Potenzial damit vergeuden, dass sie auf ihren gesellschaftlichen Unterschieden bestehen.«
»Hört sich an wie in der High School«, erwiderte David schlagfertig. Yuki musste lachen. Vor Schreck schlug sie die Hand vor den Mund, doch Klea redete weiter, als wäre nichts geschehen.
»Überleg mal, was dieser Ort der Welt geben könnte, David. Und frag dich dann, warum nichts dergleichen geschieht. Die Elfen verstecken sich, weil sie sich für etwas Besseres halten. Und wenn diese Schlacht geschlagen ist, gibst du das Schwert zurück. Was wird der Dank sein, was glaubst du? Werden sie dich zum Helden machen? Das hättest du wohl gerne, aber im tiefsten Inneren kennst du die Wahrheit. Du wirst wieder ein schlecht angesehener Mensch sein, der ihre Aufmerksamkeit nicht wert ist. Und das nach allem, was du für sie getan hast. Allen Orks zum Trotz, die du für sie getötet hast.«
Davids Versuch, eine gleichgültige Miene zur Schau zu tragen, misslang. Selbst Laurel sah die Qual in seinen Augen.
»Hast du überhaupt eine Vorstellung davon, wie viele Jahre voller Albträume du dir heute verdient hast?«, fragte Klea, die genau wusste, dass sie Salz in seine Wunden streute. »Und wozu? Für einen Kampf, in dem sie dich fallenlassen, sobald du deine Schuldigkeit getan hast.«
Als David keine Antwort gab, fuhr Klea fort. »Wenn du wirklich ein Held sein willst, solltest du mir helfen, Avalon instand zu setzen, denn es ist schwer beschädigt. Es braucht eine neue Vision unter einer neuen Führung.«
»Auf den Mist fällt er doch nicht rein, oder?«, flüsterte Tamani, doch Chelsea zog nur eine Augenbraue hoch.
»Damit meinst du doch nicht etwa dich, oder? Ich bitte dich«, sagte David.
Chelsea warf Tamani einen triumphierenden Blick zu.
Als Klea seufzte, hörte sie sich eher enttäuscht als verärgert an. »Also gut, keiner kann sagen, ich hätte es nicht versucht. Genieße deine Zeit im Rampenlicht, David. Sie wird viel zu schnell vorbei sein. Aber jetzt müssen wir los. Ich habe noch einen größeren Fisch an der Angel, wie die Menschen sagen.«
»Hier kommst du nicht durch«, sagte David und stellte sich der Gruppe in den Weg. Tamani stand rasch auf.
Klea schob die Sonnenbrille auf ihren Scheitel und fuhr sich mit den Fingern durchs Haar, als hätte sie alle Zeit der Welt. Ihr Anblick ohne die ewigen dunklen Gläser mutete sonderbar an. Die hellgrünen Augen mit den dichten schwarzen Wimpern verliehen ihrem Gesicht eine sanfte Schönheit, die in starkem Kontrast zu ihrem Wesen stand.
»David, du musst pokern üben; du bluffst wie ein Kind. Ich kenne die Sagen über Excalibur natürlich auch – das du da in der Hand hältst, vermute ich –, und so wie du dich anstellst, denke ich, dass sein Zauber dich irgendwie davon abhält, mir etwas zu tun. Deshalb werde ich jetzt einfach an dir vorbeigehen. Halt mich doch auf, wenn du kannst«, sagte sie trocken. Dann machte sie einen Schritt in Richtung Winterpalast und zog erneut die Pistole.
Excalibur glänzte, als David mit ihm auf Klea losging. Sie zuckte nicht einmal zusammen.
Doch er hatte es gar nicht auf sie abgesehen.
Mit dem Schwert schnitt er ihre Pistole klirrend in zwei Teile, drehte sich um und entwaffnete auf dieselbe Weise auch ihre Soldaten. Einige sprangen verblüfft zurück, doch sie waren alle zu sehr damit beschäftigt, ihre Haut zu retten, um an die Pistolen zu denken. Andere versuchten, wieder auf ihn zu schießen, aber auch ihre Waffen wurden zerteilt. Bald lagen Läufe, Patronenlager, Kugeln und abgesprungene Stahlsplitter auf dem Boden verstreut.
Tamani nutzte die Ablenkung, lief vom Baum zu Klea und drehte ihr den Arm auf den Rücken. Dann setzte er ihr wieder den Speer an den Hals, doch Klea trat nach hinten und er schrie vor Schmerz, als sie sein Knie traf. Laurel ballte enttäuscht die Fäuste, weil sie es kaum ertragen konnte, dass sie nur im Weg wäre, wenn sie versuchen würde zu helfen.
»Aufhören!«, schrie Yuki plötzlich, streckte einen Arm nach David aus und spreizte die Finger. Als sie eine Faust machte, schossen mehrere Baumwurzeln in der Breite von Davids Brust in einer Explosion aus Dreck und Steinen aus der Erde. Als die Wurzeln auf ihn zusausten, machte Chelsea ein ängstliches gedämpftes Geräusch, doch in dem Moment, in dem sie ihn berührten, fielen sie erschlafft zu Boden.
Yuki schrie auf und stieß mit den Händen nach unten zum Gras an seinen Füßen. Die Wurzeln wurden wieder in die Erde gesaugt. Erde flog in kleinen Brocken wie Regentropfen über die Lichtung. Yuki blickte zu Klea, doch Tamani hatte sie jetzt auf die Knie gezwungen und hielt ihren Kopf nach unten und den Speer an ihren Rücken.
»Chelsea«, flüsterte Laurel, die Yuki nicht aus den Augen ließ. »Bleib hier. Um sie zu überrumpeln. Das ist alles, was wir haben.« Bis auf David war Chelsea die einzige, die eine Winterelfe wirklich überraschen konnte. Alle anderen konnte Yuki schon aus der Ferne spüren. Sie hatten diesen Vorteil bereits genutzt, um sie nach dem Ball gefangen zu nehmen – was erst in der Nacht zuvor geschehen war, obwohl Laurel das Gefühl hatte, seither sei eine Ewigkeit vergangen. Doch vielleicht konnten sie jetzt noch mal eine ähnliche Sache abziehen.
Chelsea nickte und Laurel stand auf.
»Yuki«, sagte Laurel und trat mit erhobenen Händen vor.
»Bleib, wo du bist, Laurel!«, rief Tamani nervös. Doch Laurel schüttelte den Kopf. Ohne Jamisons Hilfe hatte Tamani keine Chance gegen Yuki. Laurel hatte vor, sie in Grund und Boden zu reden.
»Bitte, Yuki, du willst das doch eigentlich alles gar nicht. Du warst in den letzten vier Monaten mit uns – mit uns allen – zusammen. Wir wollten keinem etwas zuleide tun und schon gar niemanden umbringen. Ja, in Avalon gibt es gewisse Probleme, aber muss man deshalb so dagegen vorgehen?«
»Bring sie um, Yuki«, rief Klea.
Yukis Kinn zitterte. »Diese Gesellschaft ist auf Lügen aufgebaut, Laurel. Du weißt ja gar nicht, was sie alles heimlich tun. Langfristig betrachtet, ist es für das Allgemeinwohl besser so.«
»Wer sagt das?«, fragte Laurel scharf. »Sie?« Sie zeigte auf Klea, die immer noch versuchte, sich aus Tamanis Griff zu befreien. »Ich habe doch erlebt, wie sie dich behandelt. Sie ist nicht ehrenhaft und stark, nein, sie ist eine ängstliche Tyrannin. Sie hat fast alle Elfen in der Akademie getötet. Sie sind tot, Yuki.«
Doch Yuki musterte sie misstrauisch. »Das war doch nur ein kleines Feuer, Laurel.«
»Und was ist mit dem roten Gas? Fast tausend Elfen sind ihretwegen gestorben – ohne die, die von den Orks getötet wurden.«
»Sie sind nicht tot, sie schlafen nur.«
Laurel blieb der Mund offen stehen. Dann drehte sie sich zu Klea um. »Du hast es ihr nicht gesagt?«
»Ich weiß gar nicht, wovon du redest«, entgegnete Klea ruhig.
»Von dem roten Rauch vielleicht? Ich weiß, wie er wirkt«, sagte Laurel. Sie waren tot. Sie wusste es; Klea wusste es auch.
Klea hatte Yuki angelogen.
»Yuki, hör mich an. Wir sind keine Lügner, sondern Klea. Nach dem Feuer hat sie rotes Gas geschickt, das jeden getötet hat, der mit ihm in Berührung kam. Die schlafen nicht, sie sind tot. Sie ist nicht die, für die du sie hältst. Sie ist eine Mörderin.«
Yuki blinzelte, aber Laurel konnte in ihren Augen lesen, dass die Entscheidung gefallen war. »Klea hat mir gesagt, dass du das behaupten würdest«, erwiderte Yuki mit fester Stimme, ehe sie Tamani ansah. Dann sagte sie so leise, dass Laurel es kaum verstand: »Es tut mir leid.«
Und wieder kamen die Wurzeln aus der Erde und bildeten einen dunklen moosbedeckten Vogelkäfig um Laurel. Dann wurde die Erde um David herum von einer Million winziger Pflanzenfasern zurückgezogen und bildete einen Graben in Form eines Donut um ihn herum. Ohne Anlauf konnte man nicht darüber springen und er war zu tief, als dass man hätte herausklettern können.
»Vergiss ihn!«, schrie Klea. »Er kann uns nichts tun.«
Yuki sah ihre Ziehmutter und Tamani an und ballte nach kurzem Zögern erneut die Faust.
»Tamani!«, brüllte Laurel, doch auch unter ihm schossen dicke Wurzeln hervor, schlugen ihm den Speer aus der Hand und warfen Tamani auf die Knie, um seine Handgelenke an den Erdboden zu fesseln.
»Tu ihnen nichts«, sagte Yuki, als Klea ein Messer aus einer geheimen Scheide zog. »Komm, wir gehen.«
Auf einmal sagte eine vertraute Stimme vom Weg her: »Ich würde sagen, ihr seid schon viel zu weit gegangen.«