Elf

Nach dem Lärm der Schlacht war die Stille unheimlich. Laurels Ohren konnten sich nur langsam daran gewöhnen und dann hörte sie das Stöhnen und Seufzen der Verwundeten und das Gerede der Elfen auf den Mauern, die jenen die Neuigkeit überbrachten, die das Tor nicht sehen konnten.

Tamani schonte eine Schulter und sah erschöpft aus, als er mit David in Jamisons Kreis der Am Fear-faire trat.

»Haben wir gewonnen?«, wisperte Chelsea. »Kann Jamison das Tor wieder schließen?«

Tamani schüttelte den Kopf.

»Es ist noch nicht vorbei«, sagte er leise. »Wenn es so wäre, wären meine Wachposten hier und hätten es uns gesagt.« Er knirschte mit den Zähnen. »Klea und Yuki sind immer noch auf der anderen Seite.«

»Richtig«, sagte Jamison und breitete die Arme aus, um Tamani und David mit dieser Geste zu umfangen. »Wenn wir sie nicht selbst überfallen, werden sie wiederkommen und uns erneut angreifen.«

»Wir haben hier eine anständige Truppe zusammen. Ich bin gerne bereit, sie durch das Tor zu führen.«

»Lass mich das tun«, sagte David leise und hob das Schwert.

Tamani zögerte. In seinem Blick wütete der Kampf zwischen Stolz und gesundem Elfenverstand. Doch die Vorsicht gewann die Oberhand und er nickte. Dann rief er den versammelten Elfen Befehle zu, die daraufhin erneut ihre Waffen schulterten und sich in Reih und Glied aufstellten.

Laurel ließ das Tor nicht aus den Augen. Dahinter konnte sie die Küstenmammutbäume erkennen, die die Lichtung säumten, aber die Lichtung selbst schien leer zu sein. Wo waren die Wachposten? Oder die restlichen Orks? Sie dachte, sie hätte kurz schwarzes Leder gesehen, doch das war sicher reiner Verfolgungswahn.

Dann rollte etwas kleines Gelbes durch das Tor.

Es wurde sofort von der Erde verschluckt. Zweifellos Jamisons Werk, dachte Laurel, doch in dem Moment kamen weitere zischende Kanister über den Weg gerollt und stießen dampfende Wolken eklig grünen Gases aus, das sich unbeschreiblich rasch ausbreitete.

Laurel konnte noch schnell tief einatmen, bevor die Rauchwolke sie einhüllte. Während weitere Kanister auf den Weg geworfen wurden, blinzelte Laurel gegen die trübe Luft an. Entsetzt musste sie zusehen, wie Jamison wankte und mitsamt seiner Am Fear-faire auf den smaragdgrünen Grasboden fiel. Die Wachposten, die noch aufrecht standen, sahen zu, wie der Winterelf fiel und liefen dann panisch los, um dem sich unkontrolliert ausbreitenden Nebel zu entkommen. Doch so schnell konnten sie gar nicht laufen, als dass sie Kleas Spezialmischung entfliehen könnten.

Laurel stemmte sich gegen den Strom der zurückweichenden Wächter und suchte ihre Freunde. David stand stocksteif in der Flut der Elfen. Er starrte auf das Schwert in seiner Hand, als wollte er es fragen, was er jetzt tun sollte. Angesichts der Geschwindigkeit des Gases hatte er kaum eine andere Wahl, als mit den anderen die Flucht zu ergreifen. Auch wenn er Excalibur in den Händen hielt, musste er doch sicherlich weiteratmen.

Laurel brauchte nur einen kurzen Moment, um zu begreifen, dass sie ihn retten konnte.

Genauso wie sie ihn schon einmal gerettet hatte.

Sie stürmte auf David zu und packte sein blutgetränktes Hemd. Ihre Hand rutschte ab, als hätte sie einen Geist berührt, und sie kapierte zu spät, dass sie ihn nicht anfassen konnte, solange er Excalibur festhielt. Gleichzeitig wurde sie von der panischen Menge abgedrängt. Vor Angst hätte sie beinahe geschrien.

Doch dann nahm er sie am Handgelenk und zog sie an sich. Sein Blick war hart und er hielt sie gut fest, als er ihr die Hand seitlich an den Hals legte, wie er es immer getan hatte. Sie fühlte, wie sein Herz in der Brust raste, als er sein Gesicht an ihres legte und sie küsste.

Laurel hörte ein sonderbares Geräusch und öffnete die Augen. Chelsea stand ganz in der Nähe und hatte die Hand vor den Mund geschlagen, während sie ihnen zusah. Auch Tamani hinter ihr hielt inne und ließ Jamisons bewusstlosen Körper zu Boden gleiten, den er aus dem Tumult zu retten versuchte. Verwirrt starrte er sie an.

Laurel holte tief Luft und fing ihren Blick auf. »Atmen!«, befahl sie ihnen und achtete darauf, dass sie nichts von dem Nebel einatmete.

Chelseas Augen glänzten, als sie verstand, was sie tun sollte. Sie drehte sich rasch zu Tamani um und presste ihren Mund auf seinen.

Und so standen sie da: Vier Gestalten, die sich aneinanderklammerten – von den Lebenden im Stich gelassen, inmitten von Toten. Seit Barnes sie in den Chetco River geworfen hatte, wussten Laurel und David, dass sie ihren Atem lange Zeit austauschen konnten. Wenn sie es vorsichtig angingen, konnten sie dem Dampf wahrscheinlich entfliehen. Dabei würde David zwischen zwei Atemzügen auch das Schwert mitnehmen können.

Aber was sollen wir ohne Jamison anfangen?

Laurel riss sich von David los und kauerte sich neben Jamison. Sie legte beide Hände auf die Brust des alten Elfs – und zu ihrem großen Erstaunen hoben und senkten sie sich. Laurel konnte es kaum fassen, als ihre Hände sich nochmals hoben und senkten.

Jamison lebte!

Laurel riss an Tamanis Arm, nahm seine Hand und legte sie auf Jamisons Brust. Vor Erleichterung ließ Tamani die Schultern nach vorn sinken.

Sie schlossen daraus, dass das Gas nicht tödlich war und die meisten Elfen, die wie tot am Boden lagen, am Leben waren – doch die Frage war: Wie lange noch?

Als sie schwere Schritte im dichten Gras hörten, wurde ihnen wieder bewusst, dass die Zeit knapp war. Laurel spähte durch den Rauch. Sie sah nur Schatten, doch an den unförmigen Figuren erkannte sie schnell, dass es sich nicht um Elfen handelte. Die nächste Angriffswelle rollte an. Das Schlafgas sollte nur dafür sorgen, dass die Orks erneut im Vorteil waren.

Nach einer raschen, um Hilfe bittenden Geste zu Chelsea drehte Tamani Jamison auf den Rücken. Dann zogen sie ihn zu den Holztoren am Garteneingang. Je näher sie der Mauer kamen, umso mehr lichtete sich der Nebel, und als sie das schwere Holztor hinter sich ließen, konnte sie wieder klare Luft atmen.

»Zielen!« Es war ein leiser Ruf – die Elfen hatten die Orks entdeckt und hofften, sie zu überrumpeln.

»Keine Pfeile!«, rief Tamani mit dem ersten Atemzug.

Die Wächterin, der die Bogenschützen oben auf der Gartenmauer unterstanden, sah zu ihm hinunter. »Im Garten können wir nicht gegen sie kämpfen! Wir sehen sie nicht einmal richtig! Diesmal werden sie die Mauern einrennen. Uns bleibt nichts anderes übrig, als möglichst viele Pfeile in möglichst kurzer Zeit auf sie abzuschießen.«

»Das ist Schlafgas«, entgegnete Tamani. »Alle, die es eingeatmet haben, sind außer Gefecht, aber sie leben noch. Wenn ihr jetzt das Feuer eröffnet – noch dazu blind – tötet ihr genauso viele Elfen wie Orks. Wir müssen uns zurückziehen und eine bessere Verteidigungsposition einnehmen.«

Die Kommandeurin der Wachposten schloss kurz die Augen und presste die Lippen aufeinander. »Wir werden unseren Posten nicht verlassen«, beharrte sie. »Ich muss mir etwas überlegen.« Kurz darauf eilte sie zu dem nächsten Bogenschützen und erklärte ihm ihren neuen Abwehrplan.

Laurel konnte nur hoffen, dass er gut war.

»David?«

Chelsea klang sehr besorgt. David starrte auf seine freie Hand, die blutrot war, und drehte sie hin und her. Auch seine Kleidung war blutig, und er befühlte vorsichtig sein Gesicht, das mit braunrotem, geronnenem Blut befleckt war.

»David?«, sagte Chelsea noch einmal, als sein Blick ins Leere ging und er eine Hand auf die Stirn legte.

Er reagierte überhaupt nicht.

»David!«, rief Laurel scharf.

Diesmal hob er den Kopf und Laurel erschrak über seinen entsetzten Blick. »Laurel, ich … ich …«

Sie nahm sein Gesicht in beide Hände und zwang ihn, sie anzusehen. »Alles in Ordnung. Bald geht es dir wieder gut«, sagte sie. Offenbar hatte er jetzt erst begriffen, was er getan hatte. Es dauerte noch ein wenig, doch dann wurde sein Blick ruhiger. Laurel wusste, dass er seinen Schrecken verdrängte – damit musste er sich später auseinandersetzen –, weil es im Moment nicht anders ging. Nach einem tiefen Atemzug hob er das Schwert wieder hoch und bezog am Eingang des Gartens seinen Posten.

Laurel wandte sich wieder Tamani zu, der Jamison auf dem Boden ausgestreckt hatte und an seinen Lippen lauschte. »Er ist wirklich ohnmächtig. Womit könnten wir ihn bloß wecken?«

»Wir müssen uns zur Akademie durchschlagen«, sagte Laurel. Dort konnte sicher jemand Jamison aufwecken. Ich hätte meine Ausrüstung mitnehmen sollen, dachte sie kläglich. Dann fiel ihr noch etwas anderes ein. »Sie wissen noch nicht, dass die Orks immun sind! Falls diese Ungeheuer sich zu ihnen durchschlagen, sind sie in der Akademie ganz und gar hilflos!« Als sie daran dachte, welchen Schaden auch nur ein gegen alle Elixiere immuner Ork in der Akademie anrichten konnte, erschrak sie fürchterlich. Geschweige denn ein ganzer Trupp …

»Da sind sie nicht die Einzigen«, sagte Tamani grimmig. »Wir müssen sofort los!« Laurel klammerte sich an Tamanis Hemdsärmel. »Wir müssen zur Akademie und sie warnen! Dort finden wir sicherlich auch jemanden, der Jamison wecken kann.«

»Dafür haben wir keine Zeit!«, stöhnte Tamani. »Und überhaupt keine Deckung. Wenn wir Jamison den Hügel hinaufschleppen, kann uns jeder Ork, der durchkommt, mühelos erwischen. Selbst wenn wir es bis zur Akademie schaffen – du hast vollkommen recht, sie sind hilflos. Wir können es nicht riskieren, Jamison zu verlieren. Für ihn wäre es am sichersten, wenn wir ihn ins Frühlingsviertel bringen. Dort sind Wachposten und jede Menge Ingredienzien, mit denen du probieren könntest, ihn …«

»Danke für dein Vertrauen«, erwiderte Laurel ruhig und fragte sich gleichzeitig, ob Tamani nicht verzweifelt versuchte, mit dieser Maßnahme vor allem sie zu beschützen. »Wenn jemand Jamison wecken kann, dann Yeardley. Und auch wenn er es nicht schafft, muss sie doch jemand warnen!«

»Alle meine Männer sind da vorne!«, zischte Tamani und zeigte in den grünen Dunst, der über dem ummauerten Garten hing. »Und die Wachposten, die noch hier sind, weigern sich, zurückzuweichen. Wir können niemanden schicken. Es sei denn …« Er brach ab und sah Chelsea an. »Du bist schnell«, sagte er.

»Nein«, sagte Laurel leise.

»Chelsea«, sagte Tamani und sah ihr in die Augen. »Ich möchte, dass du ganz schnell rennst.«

Chelsea nickte. »Darin bin ich gut.«

»Den Weg da hoch zu dem großen grauen Gebäude rechts, das mit blühenden Ranken bedeckt ist. Direkt durch das erste Tor zum Vordereingang. Wenn du schnell bist – schneller als du je im Leben gelaufen bist –, kannst du sie retten.«

»Nein«, sagte Laurel lauter.

»Sag ihnen das mit der Immunität und hilf ihnen, alle Eingänge zu verbarrikadieren, möglichst hoch und stabil. Ach, und die Fenster, die müssen auch verriegelt werden. Sie sind schlau – so wie du –, ihr schafft das schon.«

»Ich mach’s!«, sagte Chelsea und richtete sich aus der Hocke auf.

»Nein!«, sagte Laurel und spürte David dicht hinter sich.

»Sie kann nicht allein gehen«, sagte David und schwang das Schwert.

»Es geht nicht anders«, widersprach Tamani. »Ich brauche dich hier zu Jamisons Schutz und ich brauche Laurel, um ihn aufzuwecken. Die Königin wird uns erst helfen, wenn es zu spät ist. Wir können nur mit Jamison gewinnen. Er darf nicht sterben.«

»Ich ziehe das durch«, sagte Chelsea und sah Laurel und David entschlossen an. »Fällt euch noch etwas Hilfreiches ein? In zehn Sekunden bin ich weg.«

»Frag dich zu Yeardley durch«, sagte Laurel, die kaum glauben konnte, dass diese Worte wirklich aus ihrem Mund kamen. »Und zu Katya. Sag ihnen, ich hätte dich geschickt, dann hören sie zu.« Sie zögerte. »Verrate niemandem, dass du ein Mensch bist.« Wie schrecklich, dass ihr die Wahrheit schaden könnte! Hoffentlich merkten sie es in dem Tumult nicht von selbst.

Chelsea nickte und warf einen Blick auf den Hügel. »Achtung. Fertig«, flüsterte sie. »Los.«

Laurels Kinn zitterte, als sie zusah, wie ihre beste Freundin einsam und allein den breiten Hügel hinauflief. »Ich bin mir nicht sicher, ob ich dir ihren Tod je verzeihen könnte«, sagte Laurel.

Tamani schwieg lange. »Ich weiß.«