Vierundzwanzig

Als Laurel die Hügelkuppe erreichte und das Gewächshaus betrat, war der Garten nur spärlich beleuchtet. Die überlebenden Elfen saßen unter ihren bewusstlosen Gefährten, die allmählich wieder erwachten. Überall husteten und keuchten die Opfer, die von ihren Freunden mit tröstlichen Worten empfangen und beruhigt wurden.

Laurel fiel auf, dass sie die Steinplatte zwischen dem Gewächshaus und dem Speisesaal erneut entfernt hatten, doch nur wenige Mixer wagten es, die Akademie bereits wieder zu betreten.

Während sie weiterging und Ausschau nach Yeardley hielt, achtete sie peinlich genau darauf, niemanden auch nur zu streifen. Zwar wusste sie nicht, ob das Virengift sich schon so weit in ihrem Körper ausgebreitet hatte, dass sie die anderen anstecken könnte, aber sie ging lieber auf Nummer sicher. Endlich entdeckte sie ihren Lehrer in der Mitte des Gewächshauses und war wenig überrascht, doch sehr erleichtert, Chelsea bei ihm zu finden.

»Laurel!«, rief Chelsea, und Yeardley machte Anstalten, sie zu umarmen.

»Ihr dürft mich nicht berühren!«, rief Laurel und hob warnend die Hände. »Ich habe mich mit Kleas Gift angesteckt.«

»Aber wieso du?«, fragte Chelsea.

»Das ist eine lange Geschichte«, erwiderte Laurel. »Aber du musst keine Angst haben, dir kann nichts passieren, es wirkt nur bei Elfen.« Die ganze Zeit, während sie mit Chelsea und Yeardley redete, wurde sie mit Informationen über das Gift geradezu bombardiert. Die Gefühle, wie es versuchte, sie zu töten, waren überwältigend. Und immer hatte es etwas mit dem Chlorophyll zu tun. Chelsea und David konnte es demnach nicht gefährlich werden.

Laurel wandte sich an den Professor. »Ich brauche deine Hilfe, und zwar schnell.«

»Selbstverständlich«, sagte Yeardley.

»Im vorletzten Sommer hat eine Elfe, die vielleicht etwas jünger war als ich und braune Haare hatte, an dem Viridefaeco-Trank gearbeitet. Weißt du noch, wer das war?«

Yeardley seufzte. »Fiona. Sie ist so beharrlich, aber sie ist bisher nicht weit gekommen. Anhand alter Aufzeichnungen konnte sie einen vielversprechenden Grundstoff herstellen. Ich gebe zu, wir hatten große Hoffnungen in sie gesetzt, doch seitdem steckt sie fest.«

»Ist sie hier?«, fragte Laurel in der inständigen Hoffnung, dass sie nicht auch Kleas Angriff zum Opfer gefallen war. Es mochte sein, dass sie Avalon retten konnte, indem sie wie Klea dachte. Doch wenn das Viridefaeco langwierige Gärungsprozesse erforderte oder nur auf sehr komplizierte Weise haltbar gemacht werden konnte, wäre es für Tamani zu spät.

Als Yeardley sie niedergeschlagen ansah, bekam sie kaum noch Luft. »Sie hat überlebt«, sagte er leise. »Aber da sie sehr viel Rauch eingeatmet hat, geht es ihr sehr schlecht. Ich habe mich persönlich um sie gekümmert, deshalb weiß ich, dass sie noch bei Bewusstsein ist. Komm mit.«

Vor Erleichterung wäre Laurel beinahe zusammengebrochen. Sie folgte Yeardley ans andere Ende des Gewächshauses, bis sie die kleine Elfe mit den dunkelbraunen Locken erkannte, die mit geschlossenen Augen an einem Blumenkasten lehnte.

»Fiona«, sagte Yeardley leise und kauerte neben ihr.

Als Fiona die Augen aufschlug und Laurel und Chelsea bemerkte, richtete sie sich ein wenig auf.

»Wie geht es dir?«, fragte Yeardley.

Laurel wartete ihre Antwort nicht ab. »Es geht um den Viridefaeco-Trank.« Alles andere war jetzt unwichtig. »Du hast einen Grundstoff herausgearbeitet?«

»J-ja, aber …«, stammelte die Kleine.

»Aber was?« Laurel hatte Angst.

»Ich war im Laboratorium, als … die Orks angriffen. Vielleicht haben die Grundstoffe … es nicht überstanden.«

Laurel riss sich zusammen und zwang sich zur Ruhe. Klea verlor unter Druck auch nicht gleich die Nerven. Im Gegenteil, sie betrachtete so etwas als Herausforderung. »Wir müssen ins Labor. Kannst du laufen?«

Yeardley half Fiona aufzustehen. Zunächst war sie etwas wackelig auf den Beinen, doch es ging ihr schnell besser. »Hilfst du ihr, bitte?«, bat Laurel Chelsea. »Ich kann nicht.«

»Natürlich«, murmelte Chelsea, legte den Arm der Elfe um ihre Schultern und stützte sie, während Yeardley ihnen den Weg bahnte.

Als sie an den Durchbruch gelangten, den David erst vor wenigen Stunden geschaffen hatte, zuckte Fiona zurück. »Keine Sorge, das Feuer ist gelöscht und das Gift wirkt nicht mehr«, versicherte Chelsea ihr. »Und ich bin hier und helfe dir.«

Die junge Elfe nickte und holte tief Luft, ehe sie weiter in die warme, verrußte Dunkelheit vordrang.

Es kam ihnen vor, als würden sie sich in einer riesigen Gruft befinden, als sie im Schein einer phosphoreszierenden Blume durch die trüben Gänge der Akademie liefen. Die Wände waren teilweise eingestürzt und schwarz von Ruß. Überall lagen Leichen. Einige waren unversehrt, andere teilweise verbrannt oder von der ersten Angriffswelle der Orks verstümmelt. Laurel geriet in Panik. Würde im Laboratorium überhaupt noch ein Stein auf dem anderen stehen? Sie war schon froh, als sie am Ende des letzten Gangs entdeckte, dass die Tür noch in den Angeln hing.

Yeardley zögerte nur kurz und drückte sie dann auf. Seine Hand hinterließ einen weißen Abdruck in der schwarzen Asche. Als sie den Raum betraten, schnappte Fiona hörbar nach Luft. Der Raum sah aus, als hätte jemand ihn hochgehoben und durchgeschüttelt. Der Boden war voller Scherben, Blumentöpfe lagen überall verstreut und statt der Möbel gab es nur noch haufenweise Bretter. Alles war mit einer feinen Rußschicht überzogen.

Laurel vermied es, die Elfenleichen anzusehen. Auch für den toten Ork am anderen Ende hatte sie nur einen kurzen Blick. Yeardley wirkte stoisch und biss die Zähne zusammen, Chelsea war blass, doch Fiona hielt sich gut und konzentrierte sich in der typischen Art der Herbstelfen auf ihre Aufgabe.

»Mein Arbeitsplatz ist … äh, war da hinten«, sagte sie und hob ihren langen Rock, als sie über die Glasscherben aus kaputten Geräten und zerbrochenen Phiolen stieg. Wahrscheinlich hatten sie auf den Arbeitstischen gestanden. Deshalb war Laurel erleichtert, als Fiona sich bückte und ein Schränkchen unter dem Tisch öffnete. Darin hatte sie mehrere große Messbecher verwahrt.

»Einer ist umgefallen und kaputtgegangen, aber zwei sind noch heil«, sagte Fiona und zeigte ihnen zwei Glasbecher mit einer klaren Lösung, die die Konsistenz frisch geernteten Honigs hatte.

»Perfekt«, sagte Laurel, die erschöpft an der Kante des Arbeitstisches lehnte und darauf achtete, dass nur ihr Rock und keine Haut damit in Berührung kam. Es war spät, sie war müde und das Gift belastete sie zusätzlich. Sie sah sich in dem halb zerstörten Klassenraum um. »Glaubt ihr, wir finden hier alles, was wir brauchen?«, fragte sie zweifelnd.

»Kommt hierher!« Laurel zuckte bei Yeardleys Ruf zusammen. Er wischte mit seinem Taschentuch eine Arbeitsfläche ab. »Ihr zwei könnt über den Grundstoff reden«, meinte Yeardley, »und ich bringe euch, was ihr braucht. Die Proben auf den Regalen müssten noch intakt sein.« Laurel nickte und ihr Lehrer untersuchte die Bestände.

Fiona stellte die beiden Becher auf die freie Fläche und erklärte Laurel, wie sie auf die Mixtur gekommen war. Im Großen und Ganzen sagte sie das Gleiche wie damals, als Laurel zum ersten Mal in Avalon war, doch nachdem sie zwei Sommer lang hier studiert hatte, verstand sie nun das meiste. Fiona ratterte die Ingredienzien herunter, die sie in einer alten Schrift gefunden hatte: geräucherte Nesseln vom Josuabaum, verschnittene Birkenfeigen- und Gurkensamen und Passionsfruchtextrakt. Dazu kamen noch zahllose weitere Bestandteile, sodass Laurel sie nach einigen Minuten unterbrach. »Ich muss das alles fühlen. Würdest du bitte einige Tropfen in ein Schüsselchen tun? Ich fürchte, wenn ich den Grundstoff im Becher berühre, zerstört das Gift alles.« Sie warf Chelsea einen Blick zu. »Ihr beide müsst übernehmen, was meine Hände nicht können.«

Chelsea sah sich um und holte eine kleine flache Schale, während Fiona vorsichtig den Deckel eines der beiden Becher öffnete. Nachdem sie mehrere Tropfen abgemessen hatte, reichte Chelsea Laurel das Schälchen.

»Ich weiß genau, dass der Grundstoff bis zu diesem Punkt richtig gemischt ist«, sagte Fiona kopfschüttelnd. »Die Schrift war gut verständlich und alles passte perfekt zusammen. Aber der Rest der Anweisungen fehlte und alle meine Versuche waren vergebens. Ich bekomme es nicht hin, weil ich an irgendeinem Punkt ein Brett vor dem Kopf habe. Ich weiß nur nicht, wo!« Sie seufzte. »Du kannst dir nicht vorstellen, was ich alles probiert habe. Peinlich.«

Während Fiona von ihren gescheiterten Experimenten berichtete, steckte Laurel den Finger in die Lösung, die in der kleinen Schale vor ihr stand. Ihre Fingerkuppen waren schwarz und leicht geschwollen, doch sie konzentrierte sich darauf, wie Fionas Mixtur auf das Gift in ihrem Körper reagierte beziehungsweise wie das Gift auf den Grundstoff des Viridefaeco reagierte. Sie spürte das Potenzial der weniger bedeutenden Ingredienzien, die von den mächtigeren unterdrückt wurden. Die Lösung enthielt mehrere Bestandteile, die sie selbst so nicht gemischt hätte, und baute auf diese Weise eine ähnliche Spannung auf wie Kleas Tarnpulver. Es brauchte dringend ein Ventil. In Laurels Hinterkopf meldete sich eine Ahnung, dass sie das fehlende Element schon einmal in der Hand gehabt hatte.

Genau das gleiche Gefühl hatte sie gehabt, als sie erstmals das Pulver analysiert hatte, das Klea aus ihrer eigenen abgeschnittenen Blüte hergestellt hatte. Das bedeutete allerdings nicht, dass auch dieses Serum etwas Elfenhaftes beinhaltete. Laurel dachte an den Tag mit Tamani, als sie gespürt hatte, was sie alles aus ihm machen könnte: Gifte, Fotosyntheseblocker, Toxine. Auch das Serum, mit dem Klea die Orks gegen Elfenmagie geschützt hatte, war mit Elfenblüten vermischt gewesen. Zaubertränke, die mit Bestandteilen von Elfen versetzt waren, konnten den Elfen selbst nicht helfen. Sie verletzten sie nur, sodass daraus kein Gegengift zu gewinnen war.

Als sie an der Akademie angefangen hatte, war sie von Yeardley belehrt worden, dass ihr Wissen die Essenz ihrer Magie war, weil nur auf dieser Grundlage ihre Intuition einsetzen konnte. Der fehlende Bestandteil war ihr bekannt, war ihr schon häufig untergekommen und war ihr doch nicht wichtig genug gewesen, als dass sie ihn als nützlich erkannt hätte. Vielleicht war Fiona ebenfalls nicht darauf gekommen, was dafür sprach, dass es etwas war, das in Avalon nicht so verbreitet war.

»Gut«, sagte Laurel. »Ich glaube, mit dem getrockneten Weizengras liegst du richtig. Gibt es Arten, die du nicht so häufig verwendest? Zum Beispiel solche, die vom Herrenhaus stammen? Denken wir doch mal in diese Richtung!«

Laurel staunte, als sie die Kräuter und Ingredenzien sah, die Yeardley gebracht hatte – dass so vieles das Feuer überstanden hatte. Doch sie fragte nicht nach, sondern machte sich an die Arbeit und ließ Fiona und Chelsea die Zusatzstoffe holen und zubereiten. Die beiden Mädchen leisteten die eigentliche Arbeit, während Laurel probierte, sobald die Lösung Fortschritte machte.

»Wir sind nah dran. Es ist alles drin«, sagte Laurel, nachdem sie einen feinen Nebel Rosenwasser dazu gesprüht hatte. Mehr war ihrer Meinung nach nicht nötig. »Die Lösung ist fertig, aber etwas fehlt noch. Das Gift behält nach wie vor die Oberhand. Es ist, als wären die Ingredienzien untätig und müssten nur noch aktiviert werden.« Sie sog scharf die Luft ein. »Wir brauchen einen Katalysator«, sagte sie leise. »Etwas, dass das Potenzial zum Leben erweckt.« Aber was nur?

Fiona schüttelte den Kopf. »Deshalb musste ich mir andere Arbeiten suchen. Ich hatte sogar dieselbe Idee wie du und habe die Reise zum Landgut unternommen. Dort wurde mir gesagt, wegen der Menschen seien in den vergangenen Jahrhunderten viele Pflanzen ausgestorben. Der letzte Bestandteil gehört wahrscheinlich dazu.«

»Nein.« Laurel weigerte sich, das zu glauben. »Nein, ich kenne das, was noch fehlt. Ich habe es sozusagen auf der Zunge. Was wächst in Kalifornien, das hier nicht vorkommt?«

»Laurel?« Chelsea meldete sich zögerlich. »Du bekommst schwarze Punkte im Gesicht.«

Als Laurel die Hände ans Gesicht hob, fiel ihr wieder ein, wie Tamani dasselbe getan hatte. Wie lange war das her? Egal – daran durfte sie jetzt nicht denken.

Wenn du so denken kannst wie die Jägerin, kannst du auch tun, was sie vollbracht hat.

Seit Jahrhunderten wusste niemand mehr, wie der Viridefaeco-Trank zubereitet wurde. Und doch hatte Klea das Rezept herausgefunden. Was war so besonders an ihr? Sie war stets bereit, Grenzen zu überschreiten. Wahrscheinlich hatte sie sowohl das Gift als auch das Gegengift an sich selbst getestet und alles für ihre Arbeit riskiert. Aber hatte Laurel das nicht auch getan? Hatte sie das Gift nicht in sich selbst aufgenommen, um es zu untersuchen? Doch je mehr sie von dem Gift verstand, das sich in ihrem Körper breitmachte, umso größer wurde ihre Angst, ihm zu unterliegen. Laurel steckte noch mal den Finger in den Grundstoff und wiederholte das Mantra, das wie ein Ohrwurm in ihrem Kopf kreiste: Denk wie Klea, denk wie Klea.

Avalon hat vergessen, was die Menschen zu bieten haben.

Laurel riss die Augen auf, als Kleas Worte in ihren Gedanken widerhallten. »Chelsea«, murmelte sie. »Ich brauche Chelsea!«

»Was?«, fragte Chelsea. »Was brauchst du?«

»Dich! Ein Haar, ein bisschen Spucke … nein, nehmen wir lieber gleich Blut. Menschliche DNA.« Sie wühlte in den Vorräten, die Yeardley zusammengetragen hatte. »Das Viridefaeco-Serum war in Vergessenheit geraten, nachdem die Tore geschlossen worden waren – nachdem sämtliche Begegnungen mit den Menschen unterbunden wurden, nicht wahr?« Laurel wandte sich an Fiona, die eifrig nickte. »Das ist kein Zufall, sondern das ist der Grund, warum es vergessen wurde. Darum wurde auch die zweite Hälfte der Anweisungen vernichtet. Weil der Katalysator für diesen Zaubertrank menschliche DNA ist. Darf ich, Chelsea?«, fragte sie und zeigte ihr ein kleines Messer, mit dem normalerweise Pflanzen zugeschnitten wurden.

Ohne zu zögern, hielt Chelsea ihr die Hand hin und nickte.

Laurel setzte das Messer an Chelseas Fingerkuppe. Nur ein kleiner Stich, sagte sie zu sich selbst. Trotzdem fiel es ihr sehr schwer, das Messerchen so anzusetzen, dass es einschnitt.

»Soll ich das machen?«, fragte Fiona ruhig.

Laurel schüttelte den Kopf. »Nein, das kann nur ich tun«, sagte sie mit einem sonderbaren Gefühl der Sicherheit. Sie schob das große Becherglas vor sich und berührte es dabei zum ersten Mal. Aus Chelseas Finger quoll ein Blutstropfen. Sie sah noch erschöpfter aus als Laurel, doch gleichzeitig war sie so gespannt, dass es gar nicht richtig wehtat.

»Avalons letzte Chance«, murmelte Laurel atemlos. Und Tamanis, dachte sie. Dann neigte sie Chelseas Finger ein wenig und ließ vorsichtig einen Blutstropfen in die Lösung fallen, die sie mit einem langen Bambuslöffel umrührte.

Das Blut hatte die Lösung kaum berührt, als sie sich verwandelte. Laurel rührte weiter und hatte wahre Glücksgefühle, als die durchsichtige Mischung sich violett färbte. Die Schattierung passte zu dem Fläschchen, das sie nur kurz in Kleas Hand gesehen hatte. Es hatte funktioniert! Alle Bestandteile schienen gleichzeitig zu erwachen, bis sich die Kraft des Grundstoffs verzehnfachte – ja vertausendfachte! Als Laurel kichern musste, packte Chelsea ihren Arm.

»Hat es geklappt?«

Laurel war sich ihrer Sache so sicher, dass sie einen Finger in die Mixtur tunkte.

Das Gift hatte nicht den Hauch einer Chance.

»Es wirkt! Es wirkt! Oh, Chelsea, es hat geklappt!« Laurel war schwindelig vor Erleichterung. »Bitte«, rief sie Fiona zu, »ich brauche Phiolen. Schnell!«

Sie musste sofort zu Tamani.

Als Laurel aus dem Wald stürmte, war es auf der matt beleuchteten Lichtung so still, dass sie Angst hatte, niemand wäre mehr am Leben.

Tamanis Kopf lag auf Davids Bein. »Ich glaube, er atmet noch«, sagte David, sobald sie über den Graben gesprungen und neben Tamani auf die Knie gefallen war. »Aber er hat seit fünf Minuten nicht mehr die Augen aufgemacht.«

Tamani hatte das Hemd nicht wieder angezogen. Seine Brust und seine Schultern waren in Schwarz gebadet. Laurel nahm sein Gesicht in beide Hände und spürte, wie das Gift auf sie übergehen wollte, doch das Viridefaeco, das sie noch in der Akademie eingenommen hatte, wehrte den Versuch problemlos ab.

»Na, wolltest du … dich … verabschieden?«, fragte Klea mit schütterem Gelächter. Obwohl sie von dem Gift aufgequollen war und im Sterben lag, spielte sie noch immer die böse Hexe.

»Bitte bleib am Leben«, flehte Laurel, als sie Tamani das Gegengift verabreichte und danach seinen Mund schloss.

Die Sekunden schleppten sich dahin. Sie wartete. Laurel kamen die Tränen, als sie ihn am Arm zog, damit er endlich ein Lebenszeichen von sich gab. Das Serum hatte sie fast augenblicklich geheilt – warum war es bei ihm nicht genauso? Eine Minute verging.

Nach zwei Minuten fasste David sie am Arm. »Laurel, ich …«

»Nein!«, schrie sie und schüttelte ihn ab. »Es wird helfen, gleich wirkt es, anders kann es gar nicht sein! Tamani, bitte!« Sie beugte sich über ihn und drückte ihr Gesicht an seine Brust, um ihre Tränen zu verbergen. Sie wünschte, auch Elfen hätten einen Herzschlag, an dem sie erkennen könnte, ob er noch lebte. Er durfte nicht sterben. Sie wusste wirklich nicht, wie sie auch nur den nächsten Augenblick überstehen sollte, falls er nicht mehr bei ihr wäre. Wozu sollte das alles gut sein, wenn sie letzten Endes zu spät gekommen wäre, um Tamani zu retten? Laurel richtete sich auf und untersuchte sein Gesicht auf ein Lebenszeichen. Eine Locke hing ihm halb im Auge. Sie strich sie müde und mit schwerer Hand in die Stirn zurück.

Doch noch in der Bewegung hielt sie inne. Die winzigen schwarzen Ranken, die sich fast schon über sein Gesicht winden wollten, zogen sich zurück. Sie musterte sie mit schmalen Augen: Hatte sie sich das nur eingebildet? Spielte die Dunkelheit ihr üble Streiche? Nein, dieser Strich hatte sich über seine Augenbrauen gezogen und war jetzt nur noch halb so lang. Sie hielt den Atem an und wagte nicht, sich zu rühren, als er heller wurde und dann endgültig verschwand. Seine Brust hob sich – wenn auch kaum wahrnehmbar – und senkte sich wieder.

»Weiter atmen«, befahl Laurel ganz leise.

Nichts geschah.

»Weiter!«

Seine Brust hob sich von Neuem. Diesmal würgte er und verschluckte sich fast an dem Viridefaeco. Doch dann bekam er es runter.

Laurel schrie vor Freude und schlang die Arme um seinen Hals. Glücklich zog sie ihn an sich. Sein Atem war noch flach, aber gleichmäßig, und wenige Sekunden später schlug er die Augen auf – diese schönen grünen Augen! Und sie hatte solche Angst gehabt, sie nie wiederzusehen …

»Laurel«, sagte er stockend.

Tränen liefen ihr über die Wangen, doch diesmal waren es Freudentränen, und als sie lachte, schallte es durch den Wald, als freuten sich die Bäume mit ihr.

Tamani brachte ein schwaches Lächeln zustande. »Du hast es geschafft.«

»Ich hatte Hilfe.«

»Trotzdem.«

Laurel nickte und fuhr mit den Fingern durch sein Haar, während er die Augen noch einmal mit einem zufriedenen Seufzer schloss.

Doch Laurel war noch lange nicht fertig.

Sie löste sich von Tamani und ging zu Klea. Ihr Gesicht war schwarz geschwollen, doch ihre hellgrünen Augen funkelten vor Bosheit. Sie hatte bestimmt alles mitgehört und wusste, dass ihr Vorhaben gescheitert war.

»Viridefaeco«, flüsterte Klea. Sie atmete abgerissen und lag immer noch auf dem Rücken – so wie vor einer Stunde. Konnte sie sich überhaupt noch bewegen? »Na, das hast du … ja gut hinbekommen. … Jetzt hältst du … dich sicher … für superschlau …«

»Du bist superschlau, würde ich sagen«, entgegnete Laurel ruhig. Wie absonderlich, und dennoch stimmte es. »Mach den Mund auf«, sagte sie und hob die Hand mit dem zweiten Fläschchen.

»Nein!«, fauchte Klea mit mehr Wut, als Laurel der sterbenden Elfe zugetraut hätte.

»Was soll das heißen, nein?«, fragte sie. »Das Gift braucht nicht mehr lange, um dich zu töten.«

Klea verdrehte die Augen und sah Laurel an. »Lieber sterbe ich … als in deiner … perfekten Welt zu leben!«

Laurel knirschte mit den Zähnen. »Hier geht es nicht um dich und mich – jetzt nimm schon!« Als Klea den Kopf zur Seite drehte und die Lippen aufeinander presste, beschloss Laurel, ihr den Zaubertrank einfach ins Gesicht zu schütten. Wahrscheinlich würde das reichen.

Doch Klea packte blitzschnell ihr Handgelenk. Mit eisernem Griff zog sie sich in eine sitzende Position hoch, während Laurel versuchte, sich loszureißen. Woher nahm Klea die Kraft?

»Laurel!« David machte einen Schritt auf sie zu, doch dann blieb er mit einem verzweifelten Blick auf sein magisches Schwert wieder stehen.

»Diesen … Sieg … lasse ich … mir nicht nehmen!« Klea zischte jedes Wort durch ihre zusammengebissenen Zähne. In einem Gewaltakt rammte sie Laurels Faust in den Boden, wo das Fläschchen aus Zuckerglas zerbrach. Das klebrige Serum troff ins Gras. Verächtlich ließ Klea Laurels Arm los und fiel auf den Boden zurück. »Mögest du …«

Laurel war starr vor Schreck.

»… in der …«

Immer noch könnte das Viridefaeco-Serum ausreichen, das ihr aus der Hand tropfte. Könnte sie nur …

»… Hölle verfaulen!«

Kleas geschwärztes, geschwollenes Gesicht erstarrte nicht in Wut oder Verachtung. Ihre Miene spiegelte unverhohlenen Abscheu.

Wie betäubt taumelte Laurel zurück zu Tamani und brach neben ihm zusammen. David kam zu ihnen, rammte Excalibur in den Boden und setzte sich im Schneidersitz an Laurels andere Seite. Mit flatternden Lidern öffnete Tamani erneut die Augen und griff schwach nach Davids Hand. »Danke, dass du bei mir geblieben bist, Mann.«

»Wo hätte ich auch hingehen sollen?« David lächelte.

Laurel legte den Kopf auf Davids Schulter und verschränkte ihre Finger mit Tamanis. Es gab noch viel zu tun. Sie mussten gesund werden, Viridefaeco-Serum in Mengen herstellen, ihre Freunde betrauern und die Akademie wieder aufbauen. Doch für heute war es vorbei. Avalon war gerettet, David ein Held und Tamani noch immer lebendig.

Und Klea konnte ihr nie wieder etwas antun.