Der Junge starrte ihn an. „Du hast diesen Kerl umgebracht, und er ist in ein schwarzes Loch gesaugt worden.“
„So in etwa“, bestätigte Bishop.
„Und du sollst mir helfen?“ Er warf einen Blick zu mir herüber. „Was ist mit dir? Wie kannst du so ruhig bleiben bei dem, was gerade passiert ist?“
„Sehe ich ruhig aus?“ Ich verschränkte meine Hände ineinander, um das Zittern zu stoppen. „Ich schreie gerade wohl eher innerlich.“
„Was ist hier los?“
Bishop fixierte den Jungen. „Zeig mir deinen Rücken.“
„Was?“
„Tu es!“ Er fuhr ihn an wie ein genervter Drill-Sergeant. Jedes bisschen Gelassenheit, das Bishop vorher gehabt hatte, war jetzt verschwunden.
Der Junge betrachtete misstrauisch den Dolch, den Bishop nach wie vor umklammerte. „Ist ja schon gut. Wie du willst. Wenn du meinen Rücken unbedingt sehen willst – hier, bitte schön.“ Er drehte sich zur Seite und hob das T-Shirt weit genug an, dass ich das Zeichen auf seiner dunklen Haut erkennen konnte. Es sah genauso aus wie das von Bishop und Zach.
Ein dritter Engel.
„Schräges Tattoo, oder?“ Er zog sein Shirt wieder runter. „Ich kann mich in der letzten Zeit nicht mehr an viel erinnern, und ich habe keine Ahnung, was mich dazu bewegt hat, mir so etwas …“ Er röchelte, als Bishop den Dolch in seiner Brust versenkte. Wieder schockierte es mich, denn ich hatte nicht so schnell damit gerechnet, und ich rang nach Luft.
Der Junge fiel auf die Knie und schaute mich mit schmerzverzerrtem Gesicht an. „Ich dachte, du wolltest mir helfen.“
„Es tut mir leid“, presste ich hervor. Das war alles, was mir einfiel. Mehr konnte ich nicht sagen. Der Junge stürzte zu Boden und tat seinen letzten Atemzug. Für einen Moment hielt ich die Luft an, weil ich befürchtete, dass der Strudel wieder auftauchen würde. Ich schrak hoch, sowie Bishop meinen Arm berührte.
„Warum öffnet sich das Schwarz nicht wieder? Er … er ist tot.“ Ich konnte den Körper nicht ansehen.
„Es ist nicht das Gleiche wie der wirkliche Tod. Das Ritual ist präzise, und der Dolch erkennt den Unterschied. Sieh es wie einen unsichtbaren Schutzschild, der jedes Teammitglied umgibt, wenn sie die Stadt betreten – ausreichend, um die Barriere um die Stadt zu umgehen. Dieser Schutz nimmt ihnen auch die Erinnerung an ihre Fähigkeiten. Das Messer schneidet durch sie hindurch, damit ihr wahres Selbst zurückkehren kann.“
Der goldene Dolch kannte den Unterschied? Er konnte dieses Schutzschild durchdringen. Natalie glaubte, dass er in meinen Händen auch die magische Barriere um die Stadt herum außer Kraft setzten konnte.
„Okay.“ Ich nickte beeindruckt. „Talentierter Dolch. Kann er auch sprechen?“
„Nicht in letzter Zeit.“ Bishop grinste mich zaghaft an und wischte das Messer an seiner Jeans ab, bevor er es wieder in sein Futteral zurückschob. Er kniete noch einmal neben dem Jungen nieder und untersuchte ein weiteres Mal seinen Rücken. „Vielleicht war der Himmel der Meinung, dass Verstärkung angebracht ist, weil ich schon seit einer Woche hier bin. So viel Zeit hatte ich, um die anderen zu finden.“
Ich starrte auf den Fleck, an dem sich das Schwarz geöffnet hatte. Ich wollte so etwas nie wieder sehen. Natalie war von dort zurückgekehrt – von einem Ort, der eigentlich als Endstation gedacht war. „Dieser Mann war die Art Gray, von der du mir erzählt hast, oder?“, sagte ich mit unsicherer Stimme.
„Die Sorte, mit der man nicht mehr verhandeln kann, die keine Selbstbeherrschung mehr hat, wenn sie zu viel aufgesogen hat.“
„Das stimmt.“ Er stand auf. „Von diesem Punkt an gibt es kein Zurück.“
„Er war wie ein Zombie.“ Ich hatte Zombie-Filme immer geliebt, auch die heftigen wie die Zombie-Queen-Fortsetzung, doch was ich eben gesehen hatte, war real.
„Darum machen wir jede Nacht in den Straßen unsere Rundgänge. Der da“, er deutete auf den im Moment toten Engel, „kann dabei helfen, während ich mich darauf konzentriere, die Quelle aufzuspüren.“
Ich biss mir auf die Lippe. „Bist du schon nahe dran? Irgendwelche Hinweise?“
Er blickte die Straße auf und ab, dann richtete er seine Aufmerksamkeit wieder auf mich. „Ich bin mir sicher, dass sie in deinem Club rumhängt. Stephen hat mich angelogen. Ich glaube, ich habe sie gestern Abend gesehen. Die Beschreibung der Dämonen vom letzten Mal passt auf sie. Dunkle Haare, braune Augen, schlank, um die zwanzig.“
Ich musste mich zusammenreißen, damit Bishop mir nichts anmerkte. „Du führst dich auf wie ein Detektiv.“
„Je eher ich das hier beenden kann, desto eher kann ich in den Himmel zurückkehren und einen Weg finden, dir zu helfen.“
Mein Gott, ich fühlte mich so hin und her gerissen. Ich wollte nicht, dass er Natalie etwas antat, auch wenn er behauptete, nur mit ihr „reden“ zu wollen. Ich machte mir Sorgen darum, wo das Gespräch hinführen würde, wenn er nicht die gewünschten Antworten erhielt. Ich lief auf dem Gehweg auf und ab. Seit wir hier waren, war noch kein Auto an uns vorbeigefahren, was zeigte, wie verlassen dieser Teil der Stadt war. Im Augenblick war das unser Glück. Das hier war keine Seitengasse , sondern eine Hauptstraße, und wir bewachten gerade einen vorübergehend toten Engel. Da wir hier eh festsaßen, nutzte ich die Gelegenheit zu weiteren Fragen. Bishop hatte keine Chance, mir auszuweichen.
„Wenn du den Engel noch einmal mit dem Dolch stechen würdest, würde er sterben, oder?“
„Ja.“
„Und würde sich dann das Schwarz öffnen, oder ist es nur für Dämonen und Grays gedacht?“
„Das Schwarz saugt alles Übernatürliche auf, das in der menschlichen Welt stirbt – sogar Engel. Das soll eigentlich um jeden Preis verhindert werden, dennoch passiert es.“
„Zur falschen Zeit am falschen Ort. Das ist nicht fair.“ „Manchmal ist es das nicht.“
Er glaubte, das Schwarz sei das Ende, doch Natalie war der Beweis dafür, dass das nicht stimmte.
„Geht es dir gut?“ Als er meinen Arm berührte, durchströmte mich seine Wärme, und sein Lächeln hellte meine Gedanken auf. Ich nickte. „Mir wird es besser gehen, wenn der Engel wieder aufsteht.“
„Das wird er.“
„Hast du Vertrauen?“
Sein umwerfendes Lächeln wurde breiter. „Das versuche ich.“ Der Wind frischte auf, und ich schnürte meinen Gürtel enger und vergrub meine Hände tief in den Taschen. „Ich habe das so gemeint, was ich dir vorhin gesagt habe“, unterbrach Bishop nach einer Weile das Schweigen. „Wenn ich wieder im Himmel bin, werde ich einen Weg finden, dir zu helfen.“
„Und Carly.“
Er nickte. „Und Carly.“
Ich schluckte den Kloß in meinem Hals herunter. Es war noch Zeit für weitere Fragen. „Warum hast du mir nichts von Kraven erzählt?“
Sein Lächeln verschwand. „Weil es nichts zu erzählen gibt.“
„Wie lange ist es her, dass du ein Mensch warst? Du hast gemeint, dass es schon sehr lange her ist.“
„Nicht lange genug.“ Trotz seiner vagen Antwort klang der bittere Unterton in seinen Worten durch.
„Und als du mir erzählt hast, dass du einer von den Bösen warst …“
„Das hätte ich dir nicht verraten sollen.“
„Ich möchte mehr erfahren. Ich meine, du bist ein Engel, also … “ Mein Mund war wie ausgetrocknet. „Also wurde dir alles, was passiert ist, vergeben oder so …“
Seine Miene verfinsterte sich. „Das frage ich mich manchmal.“
„Erzähl mir mehr. Erzähl mir …“ Ich wollte noch etwas wissen, als ich ein Stöhnen hörte. Endlich war der Engel aufgewacht. Erleichterung durchströmte mich, denn jede Minute, die er dort gelegen hatte, ließ in mir die Angst wachsen, dass er in Sachen Dolch vielleicht die große Ausnahme war. Seine Augenlider flatterten, und er stützte sich auf die Ellenbogen.
„Ich würde das nicht gerade als Spaß bezeichnen, aber es ist sehr effektiv“, sagte er. Ohne darüber nachzudenken oder zu fürchten, dass er genauso reagieren würde wie Roth, ging ich zu ihm und half ihm auf die Beine. Ich suchte auf seiner Brust nach Blut und einem Riss in seinem Shirt, doch die Verletzung war komplett verheilt. „Wie fühlst du dich?“, fragte ich ihn.
„Durchlöchert, aber heil.“
Bishop kam näher, um selbst noch einmal einen Blick auf den neuen Engel zu werfen. „Ich bin Bishop.“
„Ja, sie haben mir alles über dich erzählt, bevor ich aufbrach. Außerdem alles über den Dolch hier, was allerdings nichts gebracht hat, weil ich alles inklusive meines Namens vergessen habe. „Ich bin Connor.“ Er sah zu mir herüber. „Und du bist?“
„Samantha.“
Connor blickte Bishop an. „Dir ist schon klar, dass sie eine Gray ist, oder?“
„Ja, aber sie ist anders als die anderen, also bleib ruhig. Ohne sie hätten wir dich nicht finden können. Sie kann die Lichtsäulen sehen und wir nicht.“
„Cool.“ Er wirkte immer noch ein bisschen skeptisch, nachdem er erkannt hatte, dass ich eins der Monster war. „Du hast also Superkräfte?“
Ich versuchte zu lächeln. „Ich kann auch deine Gedanken lesen, wenn ich will. Und dir einen Stromschlag versetzen, wenn du nicht nett zu mir bist.“
Connor neigte den Kopf zur Seite, während er mich musterte. „Hm. Klingt ein bisschen nach einem Nexus.“ Mir stockte der Atem, und ich versuchte, meine Mimik zu kontrollieren. Das war ein Geheimnis, das ich niemandem offenbaren wollte.
„Klar doch“, erwiderte Bishop mit einem amüsierten Grinsen. „Die Tochter eines Engels und eines Dämons steht direkt vor uns. Ich denke, so etwas hätte ich schon bemerkt.“
„Es war nur eine Vermutung.“ Connor zuckte die Achseln. „Ich weiß es nicht.“ Langsam wich das Grinsen aus Bishops Gesicht, und er schauderte, als würde er die Möglichkeit noch einmal überdenken. Als er wieder sprach, war ich sehr erleichtert darüber, dass er sich an Connor wandte. „Ich hörte, wir wären nur zu viert. Du bist der Fünfte.“
„Ich komme immer zu spät zur Party. Sorry. Du kannst mich mit einem Dolch in der Brust dafür bestrafen.“ Er rieb die Stelle über seinem Herzen. „Oh, warte: Das hast du ja schon.“
„Wie lange bist du schon hier?“
Connor kratzte sich am Kopf. „Ein paar Tage. Ist das eine Stadt, in der man Spaß haben kann? Ich bin schon seit einer Weile urlaubsreif.“
„Das hier ist kein Urlaub.“
Connor klopfte ihm auf die Schulter. „Sarkasmus, mein Freund. Das ist mein Ding. Gewöhn dich dran. Also, stellt ihr mich den anderen vor oder was?“
Bishop warf ihm einen Seitenblick zu. „Oh, sie werden dich lieben.“
Zu dritt gingen wir schweigend zurück zur St.-Andrews-Kirche, abgesehen von ein paar belanglosen Kommentaren von Connor. Mir war klar, wer ab jetzt der Gruppenclown sein würde, und ich hatte nichts dagegen einzuwenden. Allein die Tatsache, dass er kein Dämon war, gefiel mir schon. Er hatte ins Blaue geraten und gleich auf den Punkt gebracht, was ich war. Das machte mir Angst. Ich fühlte mich so zerbrechlich wie ein Glas an der Tischkante, das jeden Augenblick herunterfallen und zerbrechen konnte. Meine Gefühle waren nur schwer zu kontrollieren, allerdings musste ich genau das tun. Ich konnte mich jetzt nicht gehen lassen. Diesen Gray zu sehen – den Beweis, von dem ich hoffte, dass er nicht existierte –, hatte mich zutiefst verängstigt. Ich hatte glauben wollen, dass alle Grays wie ich waren. Dass sie wie ich dachten, ihrem Hunger nicht nachgeben und niemanden verletzen wollten. Aber das Bild von Carly vorhin im Crave mit Paul verfolgte mich. Sie schien nicht zu bemerken, wie schlimm es war und was es mit ihr anstellen konnte. Doch sie hatte auch nicht miterlebt, was ich nun wusste. Natalie hatte mir erzählt, dass es einem Menschen nicht schaden würde, seine Seele zu verlieren, sondern ihn befreien würde. War auch das eine Lüge gewesen? Sagte mir irgendjemand in dieser verdammten Stadt die Wahrheit? Bei dem Gedanken schnürte es mir die Kehle zu. Am besten würde ich im Moment gar nichts dazu sagen, sondern nach Hause gehen und in Ruhe darüber nachdenken.
„Ich sollte gehen“, meinte ich, als wir bei der Kirche ankamen. „Ich will nicht wieder da reingehen und Kraven und Roth begegnen.“
Bishop drehte sich zu mir um. „Ich verstehe. Aber warte hier. Ich bringe Connor hinein, und dann begleite ich dich nach Hause.“
Ich verschränkte die Arme und lehnte mich an die Kirchenmauer. „Okay.“
Er sah überrascht aus, weil ich ohne Protest zustimmte, und ein Lächeln huschte über sein Gesicht. „Zwei Minuten.“ Ich nickte nur, woraufhin er und Connor ins Innere des Gebäudes verschwanden. Diese zwei Minuten kamen mir wie eine Ewigkeit vor, allein im Dunkeln. Und der Hunger wütete immer noch in mir. Er war schlimmer geworden, seit ich den Club verlassen hatte, und fühlte sich jetzt an wie ein gewaltiges Grollen. Vielleicht hätte ich ein paar von diesen Chicken Wings essen sollen, als ich die Gelegenheit dazu hatte.
Bishop trat aus der Kirche, und der Ausdruck in meinem Gesicht musste ihn beunruhigt haben. Sofort war er an meiner Seite. „Samantha, was ist los?“
Und das war es. Das zerbrechliche Glas wurde vom Tisch geworfen und zerschellte am Boden. Ich fing an zu weinen. Zu schluchzen. Zeitweise wimmerte ich sogar unkontrolliert. Ich konnte es nicht mehr zurückhalten – der Damm war schließlich gebrochen.
Bishop legte seine Arme um mich und zog mich an sich. Er strich die langen Haare aus meinem Gesicht. Verschwommen konnte ich nur noch ihn sehen. Alles um ihn herum war dunkel und kalt, außer seiner Berührung. „Was?“, wiederholte er fast eindringlich. „Was ist passiert? Was stimmt nicht?“
„Alles stimmt nicht. Ich … fürchte mich so sehr.“
Noch eindringlicher schaute er mich an. „Ich weiß, dass ich dir nicht die ganze Wahrheit gesagt habe. Ich habe dir immer wieder Angst gemacht und dich so oft in Gefahr gebracht.“ Er sah mich noch düsterer an. „Nicht gerade die beste Verteidigungsstrategie, oder?“
Trotz der Tränen gelang mir ein kleines Lachen. „Jetzt spiel mal nicht den Anwalt.“
„Was ich damit sagen will, ist, dass ich, obwohl wir keinen guten Start hatten, für dich da bin. Ich bin für dich da, genauso wie du es für mich warst.“
Bei diesen Worten zog sich mein Herz zusammen. „Das bist du?“
Er nickte. „Du hast mir vorhin vorgeworfen, dass ich lernen müsse, von anderen Hilfe anzunehmen. Das fällt mir schwer. Ich habe immer mein eigenes Ding durchgezogen und dachte, ich sei unverwundbar. Glaub mir, für einen Engel bin ich verdammt stolz. Das war einer der Gründe dafür, dass ich bei den Freiwilligen für diese Mission in der ersten Reihe stand, als es darum ging, das hier ohne weiteren Schutz, wie ihn die anderen erhalten haben, zu machen. Ich war überzeugt, das sei für mich kein Problem.“
„Du hast dich sehr gut geschlagen“, meinte ich.
„Nein, das habe ich nicht. Ich war vom ersten Tag an ein komplettes Wrack. Es war überheblich, anzunehmen, das sei keine große Sache. Das ist es. Ich habe versucht, das zu verdrängen und zu leugnen, doch das kann ich nicht. Ich schaffe das nicht alleine. Nicht ohne deine Hilfe. Und jetzt brauchst auch du Hilfe.“
Während der ganzen Rede hatte er die Haare aus meinem Gesicht gestrichen, und seine Berührung brachte mir die dringend benötigte Wärme in dieser kalten Nacht.
„Ich brauche Hilfe“, gestand ich schließlich. „Und es ist nicht wegen dem, was zwischen uns passiert ist. Es geht um etwas anderes.“
„Was ist es?“
Ich fürchtete mich noch immer davor, es laut auszusprechen. Ich wusste noch nicht einmal, wie ich anfangen und halbwegs zusammenhängende Sätze bilden sollte.
„Was Connor vorhin über mich gesagt hat, dass ich ein Nexus sei …“
Er sah mich fragend an. „Es stimmt, oder?“
Ich nickte nur. Ein Teil von mir erwartete, dass er mich wegstoßen und die anderen von drinnen holen würde, aber er blieb, wo er war.
„Warum hast du mir das nicht vorher gesagt?“
Ich bemühte mich erfolglos, ruhig zu atmen. „Bis heute Nacht hatte ich selbst nicht die geringste Ahnung.“
„Wie hast du es herausgefunden?“
Ich zögerte einen Moment, bevor ich weitersprach. „Ich wusste bis zum frühen Abend nicht mit Sicherheit, dass ich adoptiert bin. Mein ganzes Leben … Ich hatte nicht den blassesten Schimmer.“ Ich verstummte allmählich und sah ihn unsicher an.
Aufmerksam erwiderte er meinen Blick. „Wer hat es dir erzählt? Wie hast du die Wahrheit erfahren?“
„Die Quelle“, ich sagte es so leise, dass es nur noch ein Flüstern war. „Sie ist meine Tante. Die Schwester meines leiblichen Vaters – sie ist ein Dämon.“ Jeder andere hätte schockiert oder ungläubig reagiert, doch nicht Bishop. Er nahm es gelassen.
„Du hast sie getroffen“, meinte er.
Ich nickte wieder und brauchte einen Moment, bis ich fortfahren konnte: „Natalie ist die, nach der du suchst, und du hast recht – sie ist regelmäßig im Crave. Da habe ich sie heute getroffen. Und am Dienstag auch.“
„Ist sie der gleiche Dämon wie beim letzten Mal? Die Anomalie, von der ich dir erzählt habe?“
Mir war übel. „Ja. Sie wurde vom Schwarz verschlungen.“
Seine Miene verdunkelte sich. „Und sie ist zurück? Wie?“
„Ich weiß nicht, wie, doch sie ist es. Und jetzt kann sie mit jedem Kuss mehr Wesen erschaffen, die wie sie sind. Vorher hatte nur sie diesen Hunger.“ Ich konnte kaum noch klar denken und versuchte die Situation nicht noch schlimmer zu machen, als sie schon war. „Sie hat mir erzählt, dass meine Mutter – ein Engel namens Anna – getötet wurde und mein Vater hinter ihr her in das Schwarz gesprungen ist. Auch er scheint zurückgekehrt zu sein. Natalie und mein Vater sind dem Schwarz beide entkommen. Es ist also anders, als alle denken. Wenn sie es geschafft haben, müssen auch andere, die versehentlich hineingesogen wurden, während sie noch lebten, von dort fliehen können. Es geht nicht nur in eine Richtung – jedenfalls nicht mehr.“
Wenn meine Worte Bishop schockiert hatten, dann ließ er es sich nicht anmerken. Er legte eine Hand auf die Mauer hinter mir und sah mich eindringlich an. Jedes Wort, das ich sagte, sog er auf. „Ich bin froh, dass du mir das erzählt hast.“
„Ich wollte es geheim halten, aber das konnte ich nicht. Du musst es wissen.“
Er warf einen Blick zurück zur Kirchentür. „Erzähl den anderen nicht, was der Grund für deine Fähigkeiten ist. Ich will nicht, dass sie es wissen. Connor hat eben nur geraten. Wie ich schon sagte, es ist unglaublich selten. Himmel und Hölle … na ja, schätzen alles, was außerhalb der von ihnen aufgestellten Regeln geschieht, nicht besonders. Und ein Nexus ist genau so etwas, vor allem einer, von dessen Existenz sie noch nicht einmal eine Ahnung hatten. Sie betrachten dich als etwas sehr Gefährliches.“
Das musste ich erst mal verdauen. „Und was bin ich für dich?“
„Sehr gefährlich.“ Sein Blick schien mit meinem zu verschmelzen, aber dann spannten sich seine Gesichtszüge wieder an. „Ich möchte, dass du mich deiner Tante vorstellst.“
Ich erstarrte. „Bishop, ich weiß nicht …“
„Ich muss verstehen, was ihr Plan ist und was sie will. Und ob sie das hier stoppen kann, bevor es noch schlimmer wird.“
„Sie hat mir erzählt, dass sie glaubt, der Hunger der übrigen Grays würde allmählich nachlassen. Dass mein Hunger das auch tun würde. Dann würden die Grays keine Gefahr mehr darstellen. Ist das möglich?“
Er zog die Brauen zusammen. „Ich weiß es nicht, aber ich hoffe es. Darum brauche ich mehr Informationen.“
Mir stockte der Atem. „Roth scheint nur zum Vergnügen zu jagen. Interessiert es ihn überhaupt, was für eine Gray er tötet?“
„Roth ist … anders. Die Dämonen betrachten diese Mission mehr als Wettbewerb. Doch ich habe ihm die Regeln klargemacht. Und wenn ich mit Natalie reden kann und wir vielleicht eine andere Lösung finden, können wir das hier möglicherweise hinter uns bringen, ohne dass jemand verletzt werden muss.“
„Glaubst du, dass du ihr vielleicht helfen kannst?“ Er nickte. „Wenn sie sich helfen lässt.“ „Meinst du das ehrlich?“
„Das tue ich.“ Er strich meine Haare hinter meine Ohren zurück und umfasste mein Gesicht mit seinen warmen Händen. Seine Wärme floss in mich hinein. „Als wir uns zum ersten Mal trafen, hatte ich das Gefühl, dass an dir etwas besonders ist.“
„Und was denkst du jetzt?“ Je näher er mir kam, desto schwieriger fiel es mir, klar zu denken. Oder rational zu sein. Er roch so gut, und das war alles, was ich wahrnehmen konnte.
Er hob eine Augenbraue. „Willst du es wirklich wissen?“ Ich nickte.
„Was denke ich jetzt?“, flüsterte er. „Ich denke, dass ich in deiner Nähe immer in Gefahr bin, auch wenn du mich immer wieder rettest.“
Ich konnte kaum noch atmen. „Gefahr? Welche?“
„Immer wenn ich in deiner Nähe bin, möchte ich das hier tun.“ Als ich seine Lippen auf meinen spürte, war ich endgültig zu keinem vernünftigen Gedanken mehr fähig.
Meine Hände glitten an seinem T-Shirt entlang hinauf zu seinen Schultern. „Na, das ist ja ein Zufall“, flüsterte ich. „Mir geht es nämlich ganz genauso.“
Er küsste mich wieder, zuerst nur sanft, doch dann wurde es intensiver und leidenschaftlicher. Bis zu diesem Zeitpunkt hätte ich gesagt, dass mein Kuss mit Stephen der beste war, den ich jemals bekommen hatte, auch wenn er böse geendet hatte. Aber das hier war bei Weitem besser. Kein Wunder, dass ich mich nie heftig in einen Jungen aus der Schule verliebt hatte. Ich hatte darauf gewartet, dass mir der Himmel einen Jungen schickte. Ich zog ihn noch näher an mich heran und dann zur Seite, sodass er jetzt an der Mauer lehnte. Während ich ihn küsste, musste ich auf den Zehenspitzen stehen, und meine Finger fuhren durch sein Haar.
„Du schmeckst so gut“, murmelte ich dicht an seinem Mund.
Das tat er. Er schmeckte gut – himmlisch. Köstlich. Mein Hunger schäumte förmlich über und stieg weiter an, doch je länger wir uns küssten, desto schwächer wurde er. Noch nie in meinem Leben hatte ich etwas so Befriedigendes erlebt, etwas, das so gut und reizvoll war. Ich wollte nie wieder aufhören, ihn zu küssen. Es gab keine Sorgen und keine Probleme mehr – nur noch ihn. Ich wollte jedes köstliche Bisschen seines Kusses auskosten, bis nichts mehr übrig war …
Plötzlich spürte ich einen schmerzvollen Griff an meinem Arm. Ich ließ Bishop mit einem kurzen Aufschrei los und sah in Kravens Gesicht. Roth stand neben ihm. Ich hätte sie beide umbringen können.
„Was?“, schrie ich sie an.
Ich erwartete irgendeine neunmalkluge Antwort, aber beide Dämonen starrten mich einfach nur schockiert an, dann schauten sie zu Bishop hinüber. Mein Blick wanderte zu ihm.
Bishop sank an der Mauer hinunter zu Boden. Seine Augen glänzten, seine Haut war bleich, und dunkle Linien verliefen um seinen Mund herum. Durch meinen vernebelten Verstand hindurch versuchte ich zu begreifen, was davor passiert war, aber es ergab keinen Sinn. Er sah genauso aus wie Paul, nachdem Carly ihn geküsst hatte. Sie hatte einen Teil seiner Seele ausgesaugt, und obwohl das eigentlich unmöglich sein sollte, hatte ich eben genau das Gleiche mit Bishop getan.