6. KAPITEL

Ich hatte es kaum erwarten können, Stephen im Crave zur Rede zu stellen, aber jetzt, wo ich einmal da war, bekam ich Zweifel. Dennoch hielt ich an meinem schwachen Plan fest, wenn auch nur, um nicht darüber nachdenken zu müssen, was da in der Schule mit Bishop und Kraven abgegangen war.

Ich war noch immer nicht davon überzeugt, dass ich mich wirklich in ein seelenfressendes Monster verwandelt hatte. Nein, völlig unmöglich. Ich war weiterhin ich selbst, und daran hatte sich nichts geändert. Doch irgendetwas lief falsch. So richtig falsch. Und ich musste das unbedingt wieder alles auf die Reihe bringen.

„Bist du überhaupt sicher, dass der Versager hier ist?“ Carly hielt auf der Tanzfläche nach ihm Ausschau.

„Er meinte, dass er im Moment jeden Tag hier ist – auch in der Woche. Er hat ein Freisemester und ist darum momentan in der Stadt.“

„Wohnt er nicht in deiner Nähe?“ „Zwei Häuser weiter.“

„Dann hätten wir es doch dort versuchen können.“

„Das habe ich schon. Seine Eltern wissen nicht mal, dass er wieder hier ist.“ Ich hatte nach der Schule bei ihm zu Hause angerufen, obwohl ich mir schon gedacht hatte, dass er nicht dort war. Seine Mutter bestätigte mir, dass er auf dem College sei. Wenn ich ihn nicht im Crave aufspürte, erwischte ich ihn wahrscheinlich nie mehr. Außerdem wollte ich es vermeiden, mit ihm allein zu sein. Ein Treffen in der Öffentlichkeit mit vielen Leuten war mir deutlich lieber.

„Okay, wo ist er?“, fragte Carly. „Lass uns loslegen.“

Sie glaubte natürlich, ich wollte mich nur rächen, und beabsichtigte, mir als meine beste Freundin großzügig Schützenhilfe zu leisten.

Nicht einmal Carly hatte ich verraten, was hier tatsächlich vor sich ging. Falls ich mit jemandem offen darüber geredet hätte, dann mit Carly. Sie hätte mir noch am ehesten geglaubt, dass sich in der Stadt Engel und Dämonen herumtrieben.

Trotzdem schwieg ich. Carly hatte mich immer in Schutz genommen, wenn mich jemand blöd anmachte. Und ich wollte sie auf keinen Fall in ernsthafte Gefahr bringen. Blöde Bemerkungen von Klassenkameraden taten weh, doch goldene Dolche konnten töten.

Oh Gott, wenn ich nur nicht mehr an Bishop denken müsste, was ich leider permanent tat. Ich bekam ihn überhaupt nicht mehr aus meinem Kopf. Wenn er in der Schule nicht aufgetaucht wäre, hätte Kraven mich mit Sicherheit getötet. Ein ziemlich beklemmender Gedanke, um es mal harmlos auszudrücken. Ich verdankte Bishop also mein Leben, ganz gleich, was in der dunklen Gasse geschehen war.

„Ich muss allein mit Stephen reden“, erklärte ich. „Warte bitte hier auf mich.“

Carly musterte mich schräg von der Seite. „Ah, verstehe. Ich bin heute Abend also nur dein Chauffeur, ja? Darf ich ihm etwa nicht auch noch die Meinung sagen?“

„Glaub mir, so habe ich das nicht gemeint. Trotzdem will ich nicht abstreiten, dass dein Auto ziemlich praktisch ist.“

Ich grinste über ihre gespielte Entrüstung. „Das ist einfach was, das ich alleine klären muss. Wird dann nicht ganz so peinlich.“

Sie dachte darüber nach. „Und was ist, wenn er ziemlich überzeugend ist? Oh Sam, lass mich noch einmal deine köstlichen Lippen kosten … in dem Stil? Bleibst du dann auch brav standhaft?“

„Keine Sorge, das wird nicht passieren.“ Auch falls Stephen vollkommen unschuldig war, seine Reaktion nach dem Kuss sprach für sich selbst. Er hatte mich „Kleine“ genannt. Nein, ich hatte im Moment wirklich andere Sorgen, als mich in einen egozentrischen Collegeboy zu verlieben, egal wie süß ich ihn einmal gefunden hatte. Meine Verliebtheit war jedenfalls wie weggeblasen, was nach den jüngsten Ereignissen ja wohl auch kein Wunder war.

Außerdem bewies Bishops überwältigende Anziehungskraft auf mich, wie wenig die Sache mit Stephen mir tatsächlich bedeutet hatte.

„Du warst echt schwer verknallt in ihn. Bist du jetzt in einen anderen verliebt oder was?“, wollte Carly wissen.

„Was meinst du damit?“

Sie räusperte sich. „Jordan hat gesehen, wie du heute Morgen im Treppenhaus mit Colin gesprochen hast. Sie meinte, ihr hättet ziemlich nah beieinandergestanden.“

Ich zuckte zusammen. Diese verdammte Jordan. Meine persönliche Nemesis und ein totales Lästermaul. „Da war nichts.“

Carly zog die Augenbrauen hoch. Ich merkte ihr die Erleichterung an. „Wirklich?“Wenn ich ihr jetzt erzählte, dass er mich um ein Date gebeten hatte und ich ihn hatte küssen wollen, würde ich dafür bestimmt nicht den Pokal für die beste Freundin des Jahres bekommen.

„Colin ist für mich keine Option“, versicherte ich ihr schnell. „Ich interessiere mich nicht auf diese Art für ihn. Mach dir deshalb bitte keine Sorgen.“

„Ich bin fertig mit ihm. Aber …“ Sie rieb sich die Schläfen. „Mein Kopf explodiert, sobald ich nur daran denke.“

„Dann lass es lieber.“

„Obwohl ich nicht mehr mit ihm zusammen sein will, stört es mich, dass er eine andere hat. Das ist natürlich ein bisschen psycho, doch du verstehst mich trotzdem, oder?“

„Tu ich.“

Sie lachte, dann begann sie zu schluchzen. „Das ist alles total verrückt, ist mir ja auch klar. Er ist nur der erste Typ gewesen, der mich wirklich mochte.“

Ich hatte vollstes Mitgefühl mit ihr. Von nun an musste ich in Colins Nähe wirklich besser aufpassen. Ich wollte ihm – oder Carly – keinen falschen Eindruck vermitteln. „Tut mir leid, dass dich das alles so mitnimmt. Schau dir doch mal die anderen Jungs etwas genauer an. Paul ist verrückt nach dir. Probier’s einfach mal und triff dich mit ihm.“

Carly runzelte die Stirn. „Paul? Paul McKee?“

„Ja, genau.“ Er war ein Kumpel von uns, mit dem wir in der Cafeteria oft zusammen Mittag aßen. Man musste schon ziemlich blind sein, um nicht zu bemerken, wie er Carly ansah. Ihr schien das aber dennoch entgangen zu sein, weil sie meistens irgendwo anders hinstarrte.

Ich schaute mich im Crave um. Es war nicht annähernd so voll wie am Freitag. An Schultagen wurde der Laden zu einem Restaurant, das mit etwas coolerem Licht und Musik nur nebenbei als Club genutzt wurde. Die Tanzfläche lag verlassen da, und geschlossen wurde schon um elf statt um eins. Der Duft von Chicken Wings, Pommes und Zwiebelringen erfüllte die Luft. Nicht gerade gesund, aber definitiv köstlich.

Und noch etwas anderes roch hier köstlich, doch ich konnte nicht genau sagen, was es war. Seelen, flüsterte meine innere Stimme. Du riechst die Seelen all der Menschen um dich herum.

Der Gedanke widerte mich an. Hoffentlich kam mir niemand so nahe wie Colin am Morgen. Das hatte mich anscheinend animiert.

„Da haben wir ja unseren Loverboy“, verkündete Carly und riss mich aus meiner Benommenheit. „Du hattest recht, er ist jeden Abend hier.“

Er sah wie immer großartig aus, als er sich in seiner schwarzen Jeans und in dem teils aufgeknöpften weißen Hemd am Rand der Tanzfläche entlang in Richtung der Wendeltreppe zur Lounge bewegte. „Okay, ich schaffe das“, sagte ich laut und versuchte meine inneren Kräfte zu mobilisieren.

„Willst du mit ihm reden?“, fragte Carly. „Oder brichst du ihm nur die Nase?“

Ausgezeichnete Frage. Irgendetwas hatte er mit mir angestellt. Vorher hatte er mich sogar gewarnt. Er hatte mir diesen Hunger verpasst, den ich nicht wieder loswurde, außerdem dieses Verlangen, das mich jede Sekunde quälte, und diese Kälte, die mich den ganzen Tag erfüllte.

Ich war bereit, Stephen gegenüberzutreten.

Etwas Böses nähert sich hier.

Diesmal meinte ich mich selbst.

„Warte hier“, bat ich Carly. „Bitte.“

„Sicher, dass du mich nicht zur Unterstützung dabeihaben willst?“

„Ja“, erwiderte ich. Stephen zu küssen hatte beinahe dazu geführt, dass ich getötet wurde. Ich wollte Carly nicht in so was verwickeln. Es war schlimm genug, dass sie mich heute Abend begleitet hatte.

Sie nickte. „Viel Glück. Mach ihm die Hölle heiß.“ Ich verzog das Gesicht.

Er wird dein Leben für immer verändern, also musst du ihn auch wollen.

Ich fragte mich, ob Stephen das zu allen Mädchen sagte. Doch jetzt wollte ich keinen Kuss – heute wollte ich Antworten.

Stephen saß in einem purpurfarbenen Sessel in einer Ecke der Lounge im ersten Stock. Er beobachtete, wie ich mich ihm langsam näherte, und schien nicht im Mindesten überrascht, mich zu sehen.

„Samantha Day“, begrüßte er mich. „Wie geht es dir heute Abend?“

Mein Mund war trocken. Sehr trocken. Ich versuchte, meine Nervosität zu ignorieren. „Ich muss mit dir reden.“

„Aber du hast meine Frage nicht beantwortet. Wie geht es dir?“

„Nicht gut“, gab ich zu.

„Tut mir leid, das zu hören.“ „Ach ja?“

„Natürlich.“ Er schenkte mir ein charmantes Lächeln. Ich konnte mich nicht davon abhalten, es zu erwidern. Stephen war niedlich, das hatte sich nicht geändert, seit er wahrscheinlich mein Leben zerstört hatte. Er deutete auf den Stuhl neben sich.

„Bitte setz dich.“ Ich schluckte schwer und wollte widerstehen, doch ich entschied mich, seiner Aufforderung zu folgen. Während ich Platz nahm, schaute ich mich in der Lounge um.

Es war ungefähr ein halbes Dutzend Teens in diesem Bereich verstreut. Einige lasen Bücher, als sei das hier eine Bibliothek, und andere unterhielten sich. Ich kannte keinen von ihnen.

Mich überfielen Zweifel, sowie ich Stephen wieder ansah. Plötzlich fühlte ich mich sehr, sehr jung und unsicher. „Du bist abgehauen, nachdem du mich geküsst hast“, sagte ich und kam mir gleich darauf albern vor. Wie ein sitzen gelassener Teenager, der den ganzen Tag Herzchen in die Bücher malte und Tagträumen über Jungs nachhing. Wo war mein Vorsatz geblieben, knallharte Fragen zu stellen?

„Es tut mir leid“, wiederholte er. „Wirklich.“

Seine Antwort überraschte mich. „Ist das so?“

„Ich musste mich“, er kniff die Augen zusammen, „um etwas Wichtiges kümmern. Und es konnte keinen Moment länger warten, sonst wäre es zu spät gewesen.“

Skeptisch betrachtete ich ihn. „Was hast du mit mir gemacht?“

„Bitte?“

„Als du mich geküsst hast. Du hast etwas Böses getan.“ „Das glaubst du?“

„Das weiß ich.“

Er lehnte sich in seinem Stuhl zurück und musterte mich, als wollte er selbst herausfinden, was los war. „Es war nur ein Kuss, sonst nichts. Sorry, wenn du da mehr reininterpretiert hast. Ich mag dich, Samantha, aber wie ich schon erklärt habe, du bist ein bisschen zu jung.“

Es war keine Zeit, um lange um den heißen Brei herumzureden, also platzte ich einfach damit heraus. „Hast du etwas mit meiner Seele angestellt?“

Er zog die Augenbrauen hoch. „Was bitte?“

„Beantworte einfach meine Frage.“ Jetzt klang ich beeindruckend selbstsicher, wenn man bedachte, dass ich innerlich zitterte.

Stephen stand auf und blickte durch die Glaswand hinunter auf den Rest des Clubs. Er antwortete nicht.

Nach einem endlos scheinenden Moment, in dem nur das Hämmern der Musik in meinen Ohren dröhnte, erhob ich mich ebenfalls und näherte mich ihm.

„Dieser Kuss hat etwas ausgelöst. Er hat mich verwandelt, oder nicht?“

„Ich habe dich gewarnt“, antwortete er.

Ich wollte, dass er verwirrt oder verärgert über meine Worte war. Er sollte nicht die geringste Ahnung haben, worüber zum Teufel ich eigentlich sprach. Allerdings war es sehr deutlich, dass er genau wusste, worüber ich redete. Das hier war kein Missverständnis oder ein Scherz. Das war real.

Mein Instinkt sagte mir, dass ich bei ihm vorsichtig sein musste. Ich schaute mich um und stellte fest, dass unserer Diskussion von den anderen keine Beachtung geschenkt wurde. „Du hast mit meiner Seele etwas gemacht, das ist mir klar. Sie haben mich eine Gray genannt. Warum solltest du mir so etwas antun und dann gehen, ohne ein Wort darüber zu verlieren, was genau passieren könnte?“

„Eine Gray?“ Finster betrachtete er mich. „Mit wem hast du darüber gesprochen?“

Ich presste die Lippen aufeinander. Ich war diejenige, die hier Fragen stellte, und hatte nicht vor, seine zu beantworten.

Stephen setzte sich wieder in seinen Sessel und nahm einen Schluck von dem Bier, das auf dem schwarz lackierten Tisch neben ihm stand. Plötzlich verspürte ich den Drang, einen schlechten Witz zu reißen – irgendetwas über einen gefälschten Ausweis oder so. Üblicherweise war der Versuch, witzig zu sein, meine Art, mit unangenehmen Dingen umzugehen. Es war ein Schutzmechanismus, den ich während der sehr unerfreulichen Trennung meiner Eltern entwickelt hatte. So hatte es mir jedenfalls mein Vertrauenslehrer erklärt, als ich Ärger bekam, weil ich mich über einen Lehrer lustig gemacht hatte.

Was mich betraf, fand ich es wesentlich besser, zu lachen als zu weinen. Im Augenblick war mir jedoch nach keinem von beiden zumute.

„Stephen“, zischte ich. Es machte mich rasend, dass er sich weigerte, mir zu erzählen, was ich wissen musste.

Er lehnte sich in seinem Sessel zurück und erinnerte mich dabei an einen hübschen Prinzen auf einem Samtthron. „Ich habe getan, was mir aufgetragen wurde, und dann musste ich verschwinden. Es ist nicht meine Aufgabe, etwas zu erklären. Sie wird dir davon erzählen, wenn sie dazu bereit ist.“

Verständnislos starrte ich ihn an. „Wer?“

Seine Gesichtszüge spannten sich an. „Du sollst etwas Besonderes sein. Das hat sie gesagt, sonst hätte ich dich wenigstens wegen des Hungers gewarnt …“ Er hielt inne, dann runzelte er die Stirn und sah mich an. „Aber du schaffst es, dagegen anzukämpfen, oder? Auch ohne dass ich dir schon etwas davon erzählt hatte. Ich denke, dass dich genau das zu etwas Besonderem macht. Du wirkst nicht anders als vorher.“

In meinem Kopf drehte sich alles. Ich verstand es nicht. „Ich habe die ganze Zeit Hunger.“

„Doch du stillst ihn nicht. Sie hat auch nicht geglaubt, dass du das tun würdest.“

Mein Zittern verstärkte sich. Mir war klar, dass er nicht über Kartoffelchips oder Cheeseburger sprach. „Wer zum Teufel ist sie?“

„Das kann ich dir nicht verraten. Noch nicht.“ Er fluchte leise vor sich hin. „Ich wusste, dass du zu jung bist.“

„Sag mir, was du mit mir angestellt hast“, verlangte ich. „Was ist das für ein Hunger? Ich esse und esse und werde nicht satt.“

Er schüttelte den Kopf und fixierte mich immer noch mit seinem Blick. Als würde es ihn überraschen, dass ich den Hunger zugab. „Nahrung wird dich nicht mehr sättigen.“

Meine Oberlippe zitterte, ich war kurz davor, die Beherrschung zu verlieren. „Was bin ich?“

Er stand auf und strich eine Strähne meines langen braunen Haars hinter mein Ohr. Er hatte seine Selbstsicherheit wiedergefunden und lächelte. „Das ist eine gute Sache, Samantha. Du bist jetzt noch besonderer. Etwas Unglaubliches.“

Bishop hatte mich auch besonders genannt, bevor er diesen Dolch an meine Kehle gehalten hatte. Vielleicht war ich verrückt, aber dieses Wort machte mich wütend. „Ich … bin eine Gray“, presste ich atemlos hervor.

Sein Lächeln erlosch, und er sah verwirrt aus. Offenbar sagte ihm dieser Name nichts. Doch so hatten Bishop und Kraven es genannt.

„Was du bist, ist nicht schlimm, wirklich nicht. Aber du musst vorsichtig sein. Es gibt Möglichkeiten, den Hunger durch einen Kuss unter Kontrolle zu halten.“ Er beugte sich zu mir herüber und flüsterte in mein Ohr: „Du und ich, wir könnten jetzt ein bisschen üben, wenn du magst. Ohne Schaden anzurichten. Wann auch immer wir wollen.“

Kusstraining mit Stephen Keyes. Vor einer Woche hätte das noch nach einem Wunschtraum geklungen, doch jetzt … Es fühlte sich nicht traumhaft an. Eher wie ein Albtraum. Ich erwartete fast schon, dass er sich die Haut vom Gesicht riss, um das Monster darunter freizulegen und mich dann anzugreifen. Allerdings zog er sich weder die Gesichtshaut ab, noch attackierte er mich.

Als Stephen meine Hand nahm, zuckte ich zurück. Seine Haut war kühl und ließ mich zittern.

Er blinzelte. „Unsere Körpertemperatur ist jetzt sehr niedrig. Du gewöhnst dich daran. Das ist eine der Nebenwirkungen, wenn man keine Seele hat.“ Endlich gab er es zu. Es war ihm irgendwie gelungen, mir mit diesem Kuss meine Seele zu stehlen.

„Wie bekomme ich sie zurück?“ Meine Stimme klang rau.

Er neigte den Kopf zur Seite. „Warum solltest du sie zurückwollen? Dir geht es jetzt viel besser.“

Er machte mich wütend. Wie konnte er in dieser Sache so ruhig sein? „Weil es meine Seele ist. Du hast sie mir weggenommen, und ich will, dass du sie mir zurückgibst. Jetzt sofort.“

Sein Gesichtsausdruck veränderte sich nicht, während er sich wieder hinsetzte.

„Ich kann sie dir nicht zurückgeben. Ich habe dem Hunger nachgegeben, so wie sie es mir gesagt hat. Und jetzt ist sie fort.“

Panik stieg in mir auf. Meine Seele war fort. Etwas, das ich nicht wirklich als einen Teil von mir wahrgenommen hatte, war von mir fortgerissen und ohne meine Erlaubnis zerstört worden. Meine Hände ballten sich zu Fäusten. „Du kannst mir nicht etwas so Wichtiges stehlen und dann erwarten, dass ich damit einverstanden bin. Wer hat dir gesagt, dass du mir das antun sollst?“

Seine Augen verengten sich zu schmalen Schlitzen. „Die Seele ist eine Last für den Menschen, ein Klotz. Vertrau mir – du bist ohne besser dran. Mir war niemals klar, wie sehr mich meine Seele eingeschränkt hat, doch genauso war es. Ich fühlte mich elend – voller Selbstzweifel, Sorgen und Ängste. Ich lebte ein Leben, das andere für mich geplant hatten. Ich hatte keine Kontrolle über mich. Die habe ich jetzt. Die Welt bietet mir jetzt ganz neue Möglichkeiten. Es war meine Seele, die mich gebremst hat. Du wirst erkennen, dass ich die Wahrheit sage. Der Hunger kann kontrolliert werden. Das ist es wert!“

Wenn das hier die Verkaufsveranstaltung für „Die Seele verschlingen lassen? Sprechen Sie mich an!“ sein sollte, dann hatte er mich nicht im Geringsten beeindruckt. Genau genommen war ich stinkwütend. Doch wütend oder nicht, es war zu spät. Er hatte es getan. Meine Seele war fort. Und jetzt hatte ich das Verlangen, anderen das Gleiche anzutun wie Stephen mir. Dies würde nicht besser werden, sondern eher immer schlimmer. Das war es, was heute Morgen im Treppenhaus mit Colin geschehen war. Ich war nahe dran gewesen, zu nahe …

Ich drehte mich um und ging weg. In meinem Kopf überschlugen sich die neuen Erkenntnisse, und ich hatte keine Ahnung, wie ich das alles verarbeiten sollte.

„Wo gehst du hin?“ Stephen griff nach meinem Arm und hielt mich auf, bevor ich den Treppenabsatz erreicht hatte, und wirbelte mich zu sich herum. Die Zeit der Nettigkeiten war wohl vorbei.

„Lass mich los!“, fuhr ich ihn an und kämpfte gegen die Tränen. Leider gab es keine elektrische Entladung, die ihn zurückwarf wie Kraven am Morgen.

Ich war darauf vorbereitet, dass seine Augen ebenfalls rot leuchten würden, aber sie behielten ihren gewohnten Karamellton. „Ich habe ein paar Fragen an dich, Samantha. Du kannst mich jetzt nicht hier stehen lassen.“

Hilfe suchend schaute ich mich nach den anderen um, allerdings beachteten sie uns immer noch nicht. In Anbetracht unserer hitzigen Diskussion und der Tatsache, dass er mich mit physischer Gewalt am Gehen hinderte, überraschte mich das.

„Hilfe!“, rief ich laut genug, um trotz der Musik gehört zu werden. „Er lässt mich nicht gehen!“

„Spar dir die Mühe“, erwiderte Stephen. „Die gehören alle zu mir – meine Brüder und Schwestern. Deine neuen Brüder und Schwestern.“

Ich schnappte nach Luft. „Aber sie wirken so normal.“ „Sie sind mehr als das.“

Ein zweiter Blick offenbarte, dass sie alle sehr attraktiv und gut angezogen waren und selbstbewusst auftraten. Stephen hatte gesagt, der Verlust der Seele sei eine befreiende Erfahrung. Es sah so aus, als seien die Grays hier seiner Meinung.

Aber wenn es so war, warum fühlte ich mich dann nicht so?

„Jetzt meine Frage …“ Er zog mich näher zu sich heran. „Mit wem hast du seit Freitagabend darüber gesprochen? Ich muss es wissen.“

„Warum interessiert dich das?“

„Wenn irgendjemand da draußen von uns weiß, versteht er es sicher nicht. Dann kommt uns vielleicht jemand in die Quere, und das wird ihr nicht gefallen.“ Sein Griff wurde fester. Ich versuchte mich loszureißen, doch es gelang mir nicht. „Antworte mir, Samantha. Mit wem hast du geredet?“

„Sie hat mit mir gesprochen.“

Ich drehte ruckartig den Kopf zur Seite. Bishop stand am Kopf der Treppe. Unsere Blicke trafen sich, und wir hielten für einen intensiven Moment inne, bevor er sich ganz auf Stephen konzentrierte.

„Wer zum Teufel bist du?“, fragte Stephen ihn aufgebracht.

„Lass Samantha gehen, und wir reden vielleicht darüber.“

Stephen nahm seine Hand weg. Sein Griff hinterließ einen roten Abdruck auf meinem Arm. Der zornige Ausdruck von seinem Gesicht verschwand, als er Bishop misstrauisch beäugte.

„Da“, sagte er scheinbar freundlich. „Ich lasse sie los.“

„Du krallst dir hier so einige Mädchen, oder?“ Bishop sah sich in dem Loungebereich um.

Stephen grinste. „Normalerweise ist es umgekehrt.“

„Wie schön für dich. Du bist also derjenige, der ihr das angetan hat, oder?“

„Ich habe keine Ahnung, wovon du sprichst.“ Bishop schaute zu mir herüber, während ich meinen Arm rieb. „Alles okay?“

Obwohl ich froh darüber war, dass er Stephen dazu gebracht hatte, mich freizulassen, war ich nicht gerade dankbar dafür, ihm in die Hände zu fallen.

„Bist du mir hierher gefolgt?“ „So in etwa.“

Ich stöhnte genervt. „Kann nicht mal irgendjemand klar und deutlich mit mir reden? Warum weicht heute Abend jeder meinen Fragen aus?“

Bishop zog die Augenbrauen hoch. „Okay, okay. Ja, ich bin dir hierher gefolgt. Besser?“

„Ja. Stalkermäßig, doch besser.“ „Ich stalke dich nicht.“

„So spricht der wahre Stalker.“

„Also, lass mich noch einmal anfangen.“ Stephen betrachtete Bishop mit Abscheu. „Wer bist du, und was willst du?“

Die Art, wie Bishop ihn ebenfalls anstarrte, war nicht weniger unangenehm und hatte etwas Raubtierhaftes.

„Du bist es, der Samantha geküsst hat?“

Es schien, als würde Stephen diese Frage nicht beantworten, also tat ich es für ihn. „Er war es“, sagte ich. „Hier, am Freitagabend.“

Bishops Blick verfinsterte sich. „Warum hast du ihr nicht gesagt, was es bedeuten würde? Was sie erwarten würde? Wenigstens das hättest du machen können.“

„Glücklicherweise hast du sie ja über die Details aufgeklärt, nicht wahr?“ Stephen umkreiste Bishop mit abschätzigem Blick. „Ich kenne dich nicht. Du bist keiner von uns, also was gehen dich meine Angelegenheiten an?“

„Vertrau mir, sie gehen mich etwas an.“

Stephen zuckte mit den Schultern. „Es hat ihr gefallen. Sie hat ja förmlich darum gebettelt, dass ich sie küsse.“

Er war so ein Arsch. Betteln? Wohl kaum.

Auf Bishops Wange zuckte ein Muskel. „Sie wusste nicht, was es für Folgen hätte.“

„Sie gehört jetzt zu mir.“ Stephen trat näher an Bishop heran, als wollte er ihn dazu provozieren, ihn zurückzustoßen. „Hast du damit ein Problem?“

„Entschuldigung?“, fuhr ich ihn an. „Ich gehöre zu dir? Das wüsste ich aber!“

Er sah mich amüsiert an. „Du wirst dich an den Gedanken gewöhnen. Sogar froh darüber sein.“

„Darauf würde ich mich nicht verlassen.“

„Wo ist die Quelle?“, fragte Bishop monoton. „Bist du es?“

Stephen schwieg einen Augenblick, aber dann lachte er. „Ich habe keine Ahnung, wovon du redest.“

„Oh doch, die hast du. Die eine, die dich erschaffen hat. Die euch alle erschaffen hat. Ich muss mit ihr – oder ihm – reden. Bald. Wir haben Wichtiges zu besprechen.“

Stephen packte Bishop an seinem Shirt. „Nein, was du tun musst, ist, hier zu verschwinden. Und Samantha wird hier bei mir bleiben, wo sie hingehört. Gib ihr ein paar Minuten, und es wird ihr gefallen. Vielleicht ist sie nur siebzehn, doch das ist alt genug für den Spaß, den ich für sie geplant habe.“

Im nächsten Augenblick keuchte Stephen, weil die Spitze des goldenen Dolchs von unten gegen seinen Kiefer gepresst wurde. Er atmete schneller. „Nimm das Ding weg von mir.“

„Warum sollte ich? Nach dem, was du bisher erzählt hast, bist du nur ein Lakai. Du bist bedeutungslos. Du hast ein minderjähriges Mädchen gegen ihren Willen verwandelt und ihren Hunger geweckt. Es ist mir egal, ob sie dich küssen wollte oder nicht. Sie wusste nicht, was es bedeutet. Du hast es nicht erklärt. Dass sie jetzt nicht in der ganzen Stadt Seelen vertilgt, ist meiner Meinung nach ihre Rettung. Sie ist anders als ihr anderen. Sie ist etwas Besonderes.“ Da war das Wort wieder, in Verbindung mit meiner Wenigkeit.

Besonders.

Bishop hatte jetzt die Aufmerksamkeit der anderen Gäste auf uns gelenkt, die in der Lounge rumhingen, allerdings machte keiner Anstalten, Bishop zu helfen. Ich konnte es ihnen nicht verdenken. Das Messer war sehr scharf. Und, wow, es sah so aus, als würde es leuchten. So wie Bishops Augen letzte Nacht. Das war kein normales Messer. Und Bishop definitiv kein normaler Typ. Doch das wusste ich ja schon.

Stephens Mundwinkel zuckten, und er grinste verkrampft. „Wirst du mich gleich hier töten? Mitten in einem Club voller Leute? Du würdest hier nicht heil rauskommen.“

„Nett von dir, dich um meine Gesundheit zu sorgen. Danke dafür. Also, warum machst du uns beiden die Sache nicht ein wenig leichter? Wo ist die Quelle?“

„Keine Ahnung.“

„Dann bist du für mich nicht von Nutzen, oder?“ Bishop stach mit dem Dolch gerade so weit zu, dass eine schmale Blutspur an Stephens Hals herunterlief.

Stephens Stimme klang gequält. „Sie kommt hier nicht einfach so hereinspaziert und schüttelt Hände und küsst Babys. Ich finde nicht sie, sondern sie mich.“

„Jetzt weiß ich wenigstens schon einmal, dass es eine Sie ist.“

Eine Spur von Niederlage lag in Stephens Blick. „Wirst du mich töten?“

„Und riskieren, hier drinnen das Schwarz zu öffnen? Nicht heute“, antwortete Bishop.

Stephen runzelte die Stirn. „Das Schwarz?“

Ironisch grinste Bishop ihn an. „Offenbar hat deine Chefin dir doch nicht alles verraten, was? Dumm gelaufen. Wann hast du dich das letzte Mal genährt?“

„Am Freitag, mit Samantha. Die anderen hier geben dem Hunger nicht nach.“

„Und warum?“ Bishop schien diese Tatsache zu amüsieren. „Weißt du, was passiert, wenn man zu viele zu sich nimmt? Hast du es mit eigenen Augen gesehen?“

Stephens Blick verdunkelte sich, und ich hatte den Eindruck, dass er sogar ein wenig grün im Gesicht wurde. „Die eine, die du Quelle nennst, sagt uns, was zu tun ist. Sie hat uns davor gewarnt, was passieren könnte, wenn wir zu gierig werden, und die meisten von uns haben ihr geglaubt.“

„Kommt sie hierher?“

„Nein, hier hänge nur ich rum. Sie war noch nie hier.“

Bishops Augen wurden schmal. „Komm nie wieder in die Nähe von Samantha.“

„Ich habe mich ihr nicht genähert, sie ist hierhergekommen.“

„Das ist mir egal. Von diesem Moment an steht sie unter meinem Schutz.“

„Dein Schutz? Wer zum Teufel bist du?“

„Sag deinem Boss, dass die ganze Stadt jetzt von mir und anderen wie mir geschützt wird. Außerdem werde ich sie finden, um mit ihr dieses Gespräch zu führen, von dem ich sprach. Ich bin sicher, dass sie schon weiß, dass sie die Stadt nicht verlassen kann – keiner von euch kann das. Ihr seid gefangen. Es gibt eine unsichtbare Barriere, von der die ganze Stadt umgeben ist und die solche Wesen wie ihr nicht durchbrechen könnt.“

Stephen sah ihn finster an. „Ich verstehe nicht.“

„Das ist nur zu offensichtlich.“ Bishop ließ ihn endlich los, und Stephen stolperte einige Schritte rückwärts. Sein Blick fiel auf den goldenen Dolch, als Bishop ihn in das Futteral zurücksteckte. „Und noch etwas, wenn ich dich je wieder sehe, werde ich dich töten, egal ob du regelmäßig deinen Hunger stillst oder nicht. Schönen Abend noch.“

Dann drehte er sich um, fasste mich am Arm und führte mich die Stufen hinunter.

Niemand folgte uns.