Allmählich legte sich das Zittern vollständig. Prudence wandte das Gesicht zum Feuer. Die orangeblau flackernden Flammen vertrieben die Kälte aus ihrem Körper. Stattdessen überkam sie eine gewisse Mattigkeit.

Der Earl rührte den Topf um. Der verführerische Duft nach Zitrone, Nelken und Zimt erfüllte die Luft, mit etwas Schärferem gewürzt.

Er legte den Deckel wieder auf, griff nach seinem Stock und hinkte zum Tisch, um von dort zwei Gläser zu holen.

Prudence blieb am Feuer zurück. Genießerisch streckte sie die Hände über die Flammen, nahm die Hitze in sich auf und seufzte wohlig.

„Ist Ihnen jetzt wieder warm?“

Die Stimme war so nah, dass sie zusammenfuhr.

Mit einem leisen Lachen ging er an ihr vorbei und stellte die Gläser auf den Tisch. Dann hob er den Deckel des Messingtopfes.

„Das duftet ja herrlich.“

„Schmeckt auch herrlich. Und es wird Sie aufwärmen.“ Sie sah ihn von der Seite an, doch seine Aufmerksamkeit galt dem Messingtopf. Mithilfe einer Schöpfkelle füllte er einen Glasbecher zur Hälfte, drehte sich um und drückte ihr den Becher in die Hand. „Hier, trinken Sie.“

Die bernsteinfarbene Flüssigkeit schimmerte im Glas. In den Tiefen spiegelte sich der Feuerschein wider, und der köstliche Duft umhüllte sie. „Ich glaube nicht, dass ich ..."

„Also, ich glaube schon, dass Sie das trinken sollten. Ich bin auf diesem Schiff Herrscher und Kommandant, und außerdem bin ich ein Earl, also trinken Sie schon.“ Er stellte sich dicht zu ihr, stützte sich mit dem Arm am Kaminsims ab und sah sie amüsiert an. In einer Hand hatte er ebenfalls ein Glas, wobei seines allerdings randvoll war.

Er war so nah. Und so ... groß. Die Hitze, die vom Feuer aufstieg, wärmte ihr die Glieder, und sie hob das Glas und nahm einen Schluck. Warm floss der Punsch durch ihre Kehle, weckte das Feuer in ihrem Magen ... und erfüllte sie mit alkoholseligem Vergnügen. Sie keuchte auf und sah das Glas überrascht an.

Er grinste und trank ebenfalls. „Gut, nicht wahr?“

Sie presste die Hand an ihre Kehle.

„Nehmen Sie noch einen Schluck.“

Voll böser Vorahnungen beäugte sie das Glas. Der Punsch war ebenso stark wie der Mann, der ihn gebraut hatte, und vermutlich genauso gefährlich. „Nein, danke.“

Er lachte, und seine grünen Augen funkelten. Herausfordernd trank er einen weiteren Schluck. „Vermutlich haben Sie nie zuvor richtigen Alkohol getrunken.“

„Natürlich habe ich schon Wein getrunken. Und Sherry.“ „Ach was, nichts als Spülwasser. Das hier ist erstklassiger Rumpunsch.“

Sie sah auf das Glas. „Ganz schön stark.“

„Ja, allerdings. Deswegen sollen Sie ja auch davon trinken. Versuchen Sie es noch einmal, nur etwas langsamer diesmal. Danach können wir mit dem Unterricht anfangen.“ In seinen Augen lag ein belustigtes Glitzern. „Ich verspreche, dass ich ein sehr gelehriger Schüler sein werde.“ Vermutlich konnte es nicht schaden, wenn sie noch einmal daran nippte. Außerdem war es ihr nach dem ersten Schluck angenehm warm in der Brust geworden. Sie hob das Glas und trank erneut. Diesmal glitt ihr die Flüssigkeit langsam die Kehle hinab, kitzelte sie am Gaumen und liebkoste ihre kalten Glieder.

„Besser?“ Er beobachtete sie über den Rand seines Glases hinweg.

„Viel besser“, murmelte sie und trank noch ein Schlückchen. Eine merkwürdige Wärme breitete sich in ihr aus, die sie von den Fersen bis zur Schulter aufheizte. Plötzlich nahm sie ihre Umgebung sehr bewusst wahr - den Mann vor sich, die warmen Rottöne im Raum, das gemütlich knisternde Feuer, den Duft des Rumpunsches. „Was für ein hübsches Zimmer.“

Er verharrte, das Glas auf halbem Weg zum Mund, und betrachtete sie aufmerksam. „Ja, das finde ich auch. Es gefällt mir von allen am besten.“

„Ich weiß. Stevens hat es mir gesagt.“ Prudence lächelte und trank ihren Rumpunsch aus. „Er spricht gern von Ihnen.“

„Seltsam“, sagte der Earl und schenkte Prudence ein schiefes Grinsen, das ihr den Atem raubte. „Mir gegenüber spricht er gern von Ihnen.“

„Was sagt er denn?“

„Fragen Sie ihn doch selbst. Er ist in der Scheune. Sie brauchen nur die Tür aufzumachen und nach ihm zu schreien.“ Sie hob das Kinn. „Ich schreie doch nicht nach Dienstboten. Vielleicht wäre das ein guter Ansatzpunkt für unsere erste Stunde - wie man mit Dienstboten umgeht.“

Er nahm ihr das leere Glas aus der Hand. „Warum nicht?“ „Ein echter Gentleman erhebt niemals die Stimme.“

„Das ist eine harte Lektion für einen Seemann.“ Er füllte duftenden Punsch in ihr Glas und reichte es ihr.

Prudence schloss die Finger um das warme Gefäß. Sie wollte es nicht austrinken, sie wollte es nur in der Hand halten. Sie war schon vom ersten Glas ein wenig beschwipst. Ein zweites wäre zu gefährlich. „Es geht nicht um das, was Sie schon können, sondern um das, was Sie noch lernen müssen.“

„Von solchem Unsinn will ich mich nicht beeinträchtigen lassen, aber wie es scheint, habe ich keine andere Wahl.“ „Ich finde nicht, dass es einen beeinträchtigt, wenn man sich manierlich benimmt.“

„Das hängt davon ab, welche Ziele man im Auge hat, meine Liebe“, erklärte der Captain vielsagend.

Sie warf ihm einen scharfen Blick zu. „Was meinen Sie damit?“

Er grinste. „Ach, nichts, meine Schöne. Nehmen Sie doch noch ein wenig Punsch. Damit sehen Sie viel klarer.“

„Ich glaube, Sie versuchen mich betrunken zu machen.“ „Versuchen? Versucht man zu gehen? Versucht man zu atmen? Nein, entweder tut man es, oder man stirbt.“

„Aha! Also versuchen Sie es!“

Er lachte leise. „Sie sind zu schnell für mich.“

Sie lächelte triumphierend und hielt das zweite Glas hoch. „Ich habe noch gar nichts davon getrunken. Ich wusste, was Sie Vorhaben.“

„Ach ja, wirklich?“

„Ja. Und das ist schade, denn mir schmeckt der Punsch, und ich würde ihn gern trinken. “

„Dann trinken Sie ihn doch.“

„Das geht nicht. Sie würden die Situation ausnutzen.“

Er runzelte die Stirn. „So etwas tue ich nie, egal, ob die Frau nüchtern oder beschwipst ist.“

„Ah, aber eben gerade sagten Sie noch, Sie wollten sich von guten Manieren nicht beeinträchtigen lassen.“

„Und?“

„Ein wahrer Gentleman würde eine solche Situation nicht ausnutzen. Und ich glaube, dass Sie deswegen keine Manieren beigebracht bekommen wollen.“ Sie wedelte großartig mit der Hand. „Mir kommt das alles völlig einsichtig vor.“ Er lachte. „Jetzt bin ich froh, dass Sie das zweite Glas nicht mehr trinken wollen. Madam, seien Sie versichert, dass ich die Situation bei Ihnen nicht ausnützen würde.“ Aus irgendeinem Grund machte sich in ihrem Herzen eine Spur Enttäuschung bemerkbar. „Gar nicht?“

„Nein.“

„Oh.“ Sie starrte ins Feuer und ließ sich das durch den Kopf gehen. „Moment mal! Wie wäre es mit einer Verführung? Das ist etwas ganz anderes, als die Situation auszunutzen, und Gentlemen tun dergleichen ziemlich oft.“

Sein Lachen hüllte sie ein. „Wie wahr. Eine Verführung muss nichts Schlechtes sein. Eigentlich könnte es sogar recht angenehm sein.“

Prudence fand den Gedanken faszinierend. Wie es wohl wäre, von einem Mann wie ihm verführt zu werden? Er war so überaus männlich und folgte nicht dem Diktat der Gesellschaft. Was er auch tun würde, es wäre sicher aufregend. Maßlos aufregend. Sie räusperte sich. „Das ist kein passendes Gesprächsthema für uns.“

Seine Augen lachten sie an. „Nein?“

„Nein.“ Wie schade das alles doch war. Es war ihnen nicht nur unmöglich, interessante Gesprächsthemen zu verfolgen, es war auch verboten, die anstößigen Dinge anzusprechen, die zwischen ihnen vorgefallen waren. Sie seufzte, und um den Druck in ihrer Kehle zu verringern, den die Erinnerung an ihren leidenschaftlichen Kuss hervorrief, nahm sie einen Schluck Punsch.

Er erfüllte sie mit wohliger Wärme. „Ach, wer schert sich schon um Anstand und Sitte. Mylord, ich muss mich bei Ihnen entschuldigen.“

„Weswegen?“

„Weil ich Sie geküsst habe. Sie müssen verstehen, mein Ehemann ist schon so lange tot, und ich vermisse ..." Vor Verlegenheit röteten sich ihre Wangen. Das hatte sie eigentlich nicht einräumen wollen. Lieber Gott, was tat sie da eigentlich? Erbost starrte sie auf ihr Glas und setzte es mit lautem Knall ab. „Vergessen Sie es. Ich weiß gar nicht, was ich da rede.“

„Ich schon. Sie vermissen die Küsse.“ Er zuckte mit den Schultern, obwohl sein Blick mit einer Intensität auf ihr ruhte, die seine lässige Geste Lügen strafte. „Ich könnte mir vorstellen, dass das ganz normal ist. “

So ausgedrückt, klang es nicht ganz so schlimm.

Er winkte mit seinem Glas. „Manchmal vermisse ich die Küsse auch.“

Ihr Blick wanderte zu seinem Bein. „Ah“, sagte sie leise und staunte selbst, wie groß die Enttäuschung war, die sie ob dieser Enthüllung empfand. „Ihre Verwundung hält Sie von ... Beziehungen ab.“

Der Captain zog die Brauen zusammen. „Was? Beziehungen ... nein! Nein, wirklich nicht! Ich kann Ihnen versichern, dass ich sehr wohl ... also, dass dies überhaupt kein Thema ist!“

Sie blinzelte, ziemlich erstaunt über seinen harschen Ton. „Tut mir leid, wenn ich Sie beleidigt habe, ich dachte nur, dass Sie verletzt wurden, deswegen ... “

„Mir ist durchaus bewusst, was Sie dachten, Madam. Ich versichere Ihnen, dass Ihre Befürchtungen unbegründet sind. Mein Bein ist erst vom Knie an abwärts verletzt. Wie ich gestern erwähnte, bin ich voll funktionstüchtig.“ „Warum vermissen Sie dann die Küsse?“

„Mitunter ist es schwer, sich auf die Freuden des Lebens zu konzentrieren, wenn so viele Menschen gestorben sind.“ Er senkte den Blick. „Ich kann Ihnen nicht erklären, wie sich das anfühlt.“

Die Düsterkeit in seiner Stimme berührte sie. „Das tut mir leid. Sie ... Reeves hatte recht.“

„Reeves?“

„Er sagte, Sie hätten harte Zeiten hinter sich.“

Der Captain trank seinen Punsch aus und goss sich nach. „Wir alle müssen den einen oder anderen Sturm überstehen, ehe wir unser Ziel erreichen.“

Sie ließ sich das kurz durch den Kopf gehen. „Also, ich für meinen Teil kann auf Stürme gut verzichten. Ich werde das schlechte Wetter in meinem Leben einfach umschiffen, vielen Dank auch.“

Er lachte. Sein wunderbares schiefes Grinsen brachte ihr Herz zum Flattern.

Bevor er sein Glas abstellte, trank er einen letzten Schluck.

„Mrs.Thistlewaite, Sie sind wie ein weicher Nachtwind, die Sorte, die von Osten weht und einen sanft am gewünschten Hafen absetzt. Ich bin froh, dass Sie hier sind und mir helfen wollen, meinem verdammten Vater glühende Kohlen aufs Haupt zu häufen.“

Na, wenn das nicht poetisch war! Und es offenbarte eine ganz andere Seite des barschen, unangenehmen Mannes, für den sie den Earl gehalten hatte. Sie wollte einen Schritt tun, doch dann merkte sie, dass sie wie festgenagelt stand. Ungeduldig blickte sie zu Boden und entdeckte, dass ihr Rock sich im Gestell des kleinen Tischchens verfangen hatte, auf dem ihr Glas stand. „Ach, verflixt, ich hänge wieder fest.“

Mit leisem Lachen nahm er den Stock auf, um zu ihr herüberzuhinken. Dann lehnte er den Stock ans Sofa und kniete vor ihr nieder, das verletzte Bein zur Seite gestreckt. Sie konnte nicht anders, sie musste die Muskeln an seinen Oberschenkeln bewundern. Mit seinen großen, warmen Händen entwirrte er ihre Röcke. Als er sie befreit hatte, lehnte er sich zurück und sah grinsend zu ihr auf.

In diesem Moment passierte etwas ... später fragte sie sich, ob es eine Erinnerung war an ihren Kuss davor oder ob es auf den Rumpunsch zurückzuführen war, jedenfalls sah der Earl auf einmal so ... liebenswert aus, wie er da mit blitzenden grünen Augen vor ihr saß. Irgendwie fanden ihre Finger den Weg in sein dichtes blondes Haar. Es fühlte sich erstaunlich weich an, elastisch, so als hätte es ein Eigenleben.

Sein Lächeln erlosch, und sein Blick verdunkelte sich.

Tief im Innersten war Prudence klar, dass sie damit aufhören sollte. Sie wusste, dass sie alle Grenzen von Anstand und Sitte überschritt - und dabei war sie doch gekommen, um ihn genau das zu lehren.

Doch dieser Mann hatte etwas an sich, eine gewisse ungezähmte Wildheit, die sie die Linie überschreiten ließ.

Sie wusste, dass sie das, was sie nun tun wollte, hinterher bedauern würde. Aber irgendwie spielte das keine Rolle. Wichtig war jetzt nur, dass sie hier war, hier bei ihm. Dass sie sein wundervolles Haar berührte, dass er zu ihr aufsah, als wäre sie die einzige Frau auf dieser Welt.

Es war ein verrückter, völlig unmöglicher Augenblick. Prudence spürte, wie sie sich ihrem Begehren ergab, in einem gänzlich unwahrscheinlichen Meer der Leidenschaft versank. In diesem Augenblick wusste sie, dass sie verloren war.