10. KAPITEL
Bei der Beurteilung seiner Mitmenschen sollte man unbedingt die Schwächen der menschlichen Natur berücksichtigen. Wie die Umstände auch beschaffen sein mögen, die Auswirkungen von Leidenschaft, Gier und Unersättlichkeit lassen sich nicht verleugnen.
Leitfaden für den vollkommenen Butler und Kammerherrn von Richard Robert Reeves
Sie begehrte ihn. Der Gedanke zitterte auf ihren Lippen, entschlüpfte ihr aber nicht. Sie empfand eine Sehnsucht, dass ihr das Blut in den Ohren rauschte und ihr Atem schneller ging.
Der Augenblick zog sich in die Länge, lockte und quälte sie. Die Augen des Captains wurden noch dunkler. „Prudence ... “ Er ergriff ihr Handgelenk und zog ihre Finger an den Mund.
Ein Schauer überlief Prudence, sobald seine Lippen ihre nackte Haut berührten. Etwas an diesem Augenblick war schmerzlich intim: Er kniete vor ihr, sie hatte die Hand in seinem Haar, seine Lippen berührten ihre andere Hand. Zwischen ihnen züngelten die Flammen, zogen sie immer näher zu ihm.
Sie kämpfte an gegen dieses Auflodern der Gefühle. Gegen die schmerzliche innere Leere, die gelindert werden wollte. Sie hatte Phillip geliebt. Doch es war schon so lange her. Merkwürdigerweise schien gerade die Erinnerung an die Wärme in ihrer Beziehung, die geteilte Leidenschaft sie anzustacheln. Ihre Hand glitt von seinem Haar zu seinem Kragen. Und dann zog sie ihn nach oben, auf die Füße ... und in ihre Arme.
Er war so groß, dass sie den Kopf in den Nacken legen musste, um ihm nahe zu sein. Der Größenunterschied war ziemlich ungewohnt, aber es gefiel ihr, vor allem als er sie sanft in seinen mächtigen Armen hielt und an seine Brust zog und sie von seinem Duft nach Seife und Sandelholz umhüllt wurde.
Prudence sehnte sich danach, ihn zu küssen. Offensichtlich hatte der letzte Kuss Begehren nach mehr geweckt. Und es war so lange her, dass ein Mann sie richtig in seinen Armen gehalten hatte. Dass ein Mann sie auf diese Weise berührt hatte. Bei Phillip hatte sie stille Leidenschaft erfahren, doch dies hier war anders ... heißer, verzweifelter.
Die Lippen des Captains senkten sich auf die ihren. Prudence gab sich ganz und gar dem Augenblick hin, war wie betäubt von Verlangen und auch dem Rumpunsch. Sie krallte sich in sein gestärktes Hemd, zog ihn näher zu sich. Das Leinen war warm - anscheinend brannte er genauso lichterloh wie sie. Mit einem leisen Gefühl der Verzweiflung ergab sie sich schließlich der namenlosen Kraft, die sie magnetisch anzog, und verabschiedete sich von jeder Vernunft. Im nächsten Augenblick schlugen die Wasser des Begehrens über ihr zusammen, und sie ließ sich in seine Umarmung sinken.
Der Kuss wurde länger, leidenschaftlicher. Tristan vertiefte den Kuss, strich mit den Händen an ihren Seiten entlang, die Daumen über ihre Brüsten gespreizt. Stöhnend drängte sie sich gegen ihn.
Die Haustür schlug zu. Im nächsten Moment kamen sie zu sich. Das Türenklappen traf sie wie ein eiskalter Guss nach warmem, tiefem Schlummer. Prudence riss sich von Tristan los und lief hinter das Sofa. Sie hatte nicht etwa Angst, dass er ihr folgen könnte, das Möbel sollte verhindern, dass sie erneut die Arme nach ihm ausstreckte.
„Also“, sagte der Earl und fuhr sich durchs Haar. „Das war ... interessant.“
Trotz des ironischen Lächelns, das er diesen Worten folgen ließ, ging sein Atem ebenso schwer wie der von Prudence.
Er nahm seinen Stock und stellte sich neben das Sofa, eine Hand in den Rücken gestützt. „Ich fürchte, ich habe zu viel Punsch getrunken, als dass ich Sie nur küssen könnte, ohne mehr zu wollen. Ich hätte gar nicht erst damit anfangen sollen. “
Sie nickte und berührte mit zitternden Fingern ihre Lippen, wo sein Kuss immer noch brannte wie ein heißes Siegel. „Ich auch nicht. Ich weiß nicht, was ich mir dabei gedacht habe ...“
„Sie waren es nicht. Und ich auch nicht. Es war der Rumpunsch.“ Er atmete tief durch und schüttelte den Kopf, wie um ihn freizubekommen. „Sie wollten heute den Unterricht mit mir besprechen, glaube ich.“
„Ja. Natürlich.“ Prudence biss sich verlegen auf die Lippen. „Nun!“ Sie strich ihr Kleid glatt und bemühte sich, ihre Gedanken zu sammeln. „Ich habe schon eine gewisse Vorstellung, aber wir brauchen einen durchdachten Plan, wenn wir die Erwartungen der Treuhänder innerhalb eines kurzen Monats erfüllen wollen.“
Seine Lippen verzogen sich zu einem selbstironischen Lächeln. „Bin ich denn so ungehobelt?“
Ihre Wangen röteten sich. „Nein! So habe ich das nicht gemeint ...“
„Doch, natürlich. Und ich stimme zu. Wir müssen uns wirklich anstrengen, wenn wir dieses verdammte Vermögen erlangen wollen.“
„Da bin ich anderer Ansicht. Im Großen und Ganzen sind Ihre Manieren vollkommen akzeptabel. Sie brauchen sich nur noch ein paar Benimmregeln anzueignen ... das ist alles.“
Er lächelte. „Zum Beispiel, dass man seine Lehrerin nicht küssen darf?“
„Genau.“ Sie ignorierte die Hitze, die in ihr auf stieg und sich in ihre Wangen ergoss. Eigentlich neigte sie nicht dazu, zu erröten, aber jetzt passierte es ihr laufend - immer dann, wenn der Earl den Blick auf sie richtete. Sie fragte sich, ob sie an einem Fieber litt. Ja. Genau da lag das Problem: Sie hatte eine Krankheit aufgeschnappt, und sie würde genau in dem Moment genesen, da sie dem Mann entronnen war, der sie immer noch beobachtete.
Schade, dass er so unpassend war. Sie hätte beinah das Gesicht verzogen - „unpassend“ beschrieb den Earl nicht einmal annähernd. Er war attraktiv und auch zur Fürsorge fähig, was man daran erkannte, wie er sich um seine Männer sorgte. Doch er war gleichzeitig dominant und barsch und besaß einen ruhelosen Geist. Ein Mann wie er nahm sich sein Vergnügen, wann und wo er es fand, und verabschiedete sich dann. Sie wusste genau, dass er jetzt nicht neben ihr stünde, wäre er nicht in der Schlacht verwundet worden.
Der Gedanke war ernüchternd. Sie schob ihn beiseite und rang sich ein Lächeln ab. „Wollen wir anfangen?“
„Tun Sie Ihr Schlimmstes, Madam.“
Prudence dachte einen Augenblick nach. Aus dem Augenwinkel sah sie, wie er das Gewicht von einem Fuß auf den anderen verlagerte. „Bestimmt tut Ihnen das lange Stehen nicht gut. Nehmen Sie doch auf dem Sessel Platz, ich setze mich hierher.“ Sie ließ sich auf der Kante des Sofas nieder. Na also. Eine gute, sichere Distanz.
Er zögerte und ging dann zum Sessel. „Ich bin kein Invalide, wissen Sie.“
„Das habe ich auch nicht gesagt. Ich habe nur gesagt, dass Sie es im Sitzen vielleicht bequemer hätten. Ich setze mich jedenfalls lieber hin.“
Seine Miene verfinsterte sich kurzzeitig, dann jedoch setzte er sich. Er streckte das steife Bein aus und stellte den Stock an die Seite.
Prudence beobachtete ihn unter den Wimpern hervor. „Am besten fangen wir mit etwas Einfachem an. Titel sind sehr einfach, wenn man sich einmal die Reihenfolge eingeprägt hat. Bei Abendgesellschaften orientiert sich die Sitzordnung am Rang der Gäste ... “
„Warum haben Sie sich bereit erklärt, mir zu helfen?“
Sie hielt inne. „Spielt das eine Rolle?“
„Ja. Sie wissen, warum ich hier sitze, da ist es also nur gerecht, wenn Sie mir Ihre Beweggründe verraten.“
Er hatte recht, verflixt. „Die traurige Wahrheit ist die, dass das Leben Geld kostet.“
„Geld kann für viele Dinge ein hinreichendes Motiv sein.“
„Manchmal ja. Ich bin froh, dass wir in der Lage sind, uns gegenseitig zu helfen. Vielleicht erfüllen sich unsere Wünsche bald, und wir verdienen ein Vermögen.“
Er zog eine finstere Miene. „Ich wollte weder das Vermögen noch den Titel. Ich wollte gar nichts, nur in Ruhe gelassen werden.“
„Nun kommen Sie! Man hat Ihnen eine wunderbare Gelegenheit eröffnet - ein Vermögen, und alles, was Sie dafür tun müssen, ist, ein bisschen Benimm zu lernen. Und dennoch scheinen Sie sich über diese glückliche Fügung überhaupt nicht zu freuen.“
„Aye, ich bekomme ein Vermögen. Das Vermögen eines Mannes, der mir nie der Vater gewesen ist, der er hätte sein sollen. Ein Mann, der sich während meiner ganzen Kindheit kein einziges Mal die Mühe gemacht hat, mich oder meinen Bruder zu besuchen. Ein Mann, der alles unternahm, um legitime Erben in die Welt zu setzen, damit ich keinen Penny von seinem Vermögen sehe, von dem Titel und dem Grundbesitz ganz zu schweigen.“
Prudence biss sich auf die Lippen. „Das wusste ich nicht.“ Er zuckte mit den Schultern, obwohl seine Züge abweisend blieben. „Mein Vater hat mich und meinen Bruder schon bei unserer Geburt im Stich gelassen, und als meine Mutter verhaftet und fälschlich des Verrats angeklagt wurde, hat er sich auch nicht blicken lassen.“
Prudence wusste nicht, was sie sagen sollte.
„Meine Mutter starb in einer feuchten Zelle. Erst später wurde sie von jedem Vorwurf freigesprochen.“ Er lächelte freudlos. „Ein klassischer Fall von zu spät gekommen und zu wenig gegeben.“
Prudence bekam einen Kloß im Hals, als sie daran dachte, wie sehr sie ihre eigene Mutter liebte. „Das tut mir leid. Wie ... wie kam es, dass Sie zur See fuhren?“
„Ich wurde zum Dienst gepresst und habe die See für mich entdeckt.“
„Wie alt waren Sie damals?“
„Zehn.“
Lieber Gott. Noch ein Kind.
Er fasste den Stock und starrte blicklos auf sein ausgestrecktes Bein. „Ich habe das Meer lieben gelernt, aber erst nachdem uns die Piraten überfallen hatten. “
Prudence riss die Augen auf. „Piraten? Meine Güte! Das hat Ihnen sicher furchtbar Angst eingeflößt!“
„Die See ist fast immer Angst einflößend.“ Er musterte sie scharf, als wollte er die Wirkung prüfen, die seine Worte auf sie hatten. „Auch wenn es Piraten waren, sie waren gut zu uns. Besser als unser Kapitän davor. Als sie uns fragten, ob wir bei ihnen bleiben wollten, habe ich Ja gesagt.“ Prudence schluckte. „Wie bitte? Sie sind freiwillig bei den Piraten geblieben?“
„Ja. Wenn Sie diese Sache da für mich tun - diesen Unterricht -, dann sollen Sie auch alles erfahren. Ich habe Schiffe überfallen und die Ladung geraubt.“ Seine Miene verfinsterte sich. „Nun schauen Sie nicht so schockiert. Als wir später unter der Flagge des Königs segelten, haben wir nach französischen Fregatten Ausschau gehalten, um sie zu entern und auszuplündern, ohne Rücksicht auf Verluste - so anders als das Piratenleben war das auch nicht.“
„Ich ... ich verstehe.“
„Das möchte ich bezweifeln. Es macht keinen großen Unterschied, ob man zur königlichen Marine gehört oder zu einer Piratenbande. Bei dem einen geht es um Machtgier, beim anderen um Gier nach Gold.“
„Mussten Sie jemanden umbringen?“
„Als Pirat habe ich weitaus weniger Menschen getötet. Die Bezahlung war auch besser, und wir wurden besser behandelt - aber das alles hatte auch seinen Preis.“ Er rutschte auf dem Sessel umher, streckte die Beine anders aus. „Ich wurde steckbrieflich gesucht. Also konnte ich nicht nach Hause. Ich hatte nicht gedacht, dass mich das stören würde, aber das war ein Irrtum.“
Die Worte wurden leise geäußert, mit tiefer Stimme. Prudence musste ein paar Tränen fortblinzeln. „Das ist ja schrecklich.“
„War es. Acht Jahre lang setzte ich keinen Fuß auf englischen Boden. Dann begegnete ich Admiral Nelson. Während eines schrecklichen Sturms habe ich sein Schiff gekapert. Er war von meinen Fähigkeiten so beeindruckt, dass er mir anbot, eine Begnadigung für mich zu erwirken, wenn ich dafür mit ihm segeln würde. Ich stimmte zu. Er hielt sein Versprechen, und ich konnte wieder nach Hause.“ Der Earl hob den Stock und tippte sich damit an den Schaftstiefel. „Ich kann mich immer noch daran erinnern, wie herrlich der Augenblick war, als ich zum ersten Mal wieder englischen Boden betrat.“
„Kann ich mir vorstellen.“ Prudence blickte auf das Bein des Captains. „Wie ist das ...“
Er zuckte mit den Schultern. „Ich wurde bei Trafalgar angeschossen, als ich Seite an Seite mit Lord Nelson kämpfte.“ „Nelson fiel in dieser Schlacht.“
Der Earl biss die Zähne zusammen. „Ich war dabei. Ich habe ihn gehalten, als ... “
Prudence sah, wie seine Augen feucht wurden. Ihr tat das Herz weh, doch sie war so klug, nichts zu sagen.
Nach einem langen Augenblick des Schweigens atmete der Earl tief durch. Seine Augen hatten sich verdunkelt, und sein Mund verriet Anspannung. Ein unbestimmtes Gefühl von Traurigkeit umgab ihn, undurchdringlich wie die morgendlichen Nebel über dem Meer. „Ich kann nicht länger zur See fahren“, sagte er. „Mein Leben ist vorbei.“ „Unsinn“, erklärte Prudence energisch, obwohl sie am liebsten aufgestanden wäre und den Mann vor ihr in die Arme geschlossen hätte. Er schien in seinem Leben so wenig Fürsorge erfahren zu haben, so wenig Sanftheit. „Bisher waren Sie schließlich sehr erfolgreich, trotz aller Schwierigkeiten, mit denen Sie konfrontiert waren. “
Er warf ihr einen kurzen Blick zu. Seine grünen Augen waren verhangen und distanziert. „Ich vermisse das Meer, die Freiheit.“ Ihr Blick fiel auf sein Bein, und er verzog das Gesicht. „Und jetzt das. Lieber würde ich mich noch in mein gesundes Bein schießen lassen, als etwas anzurühren, was meinem Vater gehört hat, bloß habe ich keine andere Wahl.“ „Dann nehmen Sie das Geld eben nicht. Suchen Sie einen anderen Weg.“
Er sah sie an. „Es besteht kein Bedarf an verkrüppelten Kapitänen. Und einen anderen Beruf, meine liebe kleine naseweise, aber köstliche Nachbarin, habe ich nicht gelernt.“
„Wenn Sie Ihren Männern unbedingt helfen wollen, wird Ihnen schon ein Weg einfallen. Ohne das Geld Ihres Vaters anzunehmen.“
Er senkte die Augen. „Vielleicht.“
Prudence unterdrückte einen Seufzer. Offensichtlich wollte er sich keinen Trost spenden lassen. „Na dann, Captain -oder Lord Rochester, sollte ich wohl sagen beginnen wir mit den Grundlagen guten Benehmens.“
„Tun Sie Ihr Schlimmstes, meine Liebe.“ Er lümmelte auf dem Sessel, einen Arm über die Lehne geschlungen.
Prudence ignorierte es. „Captain ... ich meine, Lord Rochester ..."
„Tristan.“
„Lord Rochester“, fuhr sie fort. „Von jetzt an müssen Sie auf Ihre Sprache achten, damit Ihnen keine Kraftausdrücke entschlüpfen ..."
Seine Augen funkelten humorvoll. „Was für Kraftausdrücke denn?“
„Ich werde sie bestimmt nicht aufzählen, falls Sie es darauf angelegt haben. Stattdessen werde ich jedes Mal husten, wenn Sie einen Kraftausdruck verwenden.“ Sie legte die Hand vor den Mund und hüstelte dezent hinein. „Dann wissen Sie, dass Sie gerade einen unpassenden Ausdruck verwenden.“
Er verschränkte die Arme vor der Brust. Dies und die lässig ausgestreckten Beine ließen ihn gefährlich und viel zu männlich aussehen. „Sonst noch was, meine schöne Lehrerin?“
„Wir werden auch an Ihrer Ausstrahlung arbeiten müssen. Hin und wieder wirken Sie ein wenig mürrisch.“
Er riss die Augen auf. „Ich?“
„Ja, Sie“, erwiderte sie, wobei sie nur mit Mühe ein Lächeln unterdrücken konnte.
Der Earl grinste. „Reden Sie nicht um den heißen Brei herum. Sagen Sie nur, was Sie wirklich meinen.“
„Manchmal benehmen Sie sich wie ein schrecklicher Flegel.“
Er lachte, lang und laut. Prudence fand die Lachfältchen um seine Augen unglaublich liebenswert. „Da sehe ich kein Problem. Ich kenne jede Menge angebliche Gentlemen, die sich ebenfalls recht flegelhaft benehmen.“
„Ich auch. Aber keiner von ihnen musste sich vor einem Treuhänderausschuss rechtfertigen.“ Nachdenklich hielt sie inne. „Wissen Sie zufällig, wer diese Herren sind? Vielleicht kenne ich ja einen oder habe zumindest schon von ihm gehört, das könnte uns einen kleinen Vorteil verschaffen.“
Er stand auf, hinkte zum Schreibtisch und holte von dort ein paar Papiere. Er blätterte die eng beschriebenen Seiten durch, ehe er sich wieder im Sessel niederließ. „Hier haben wir es ja. ,In den Treuhandausschuss berufe ich Viscount Southland, den Duke of Eddington, Mr. Poole-Biddly und den Earl of Ware“.“
Prudence presste die Hand an die Stirn, als die Namen in ihren Gedanken widerhallten. Southland war außer sich gewesen über den Betrug, den Phillip in seinen Augen an ihm verübt hatte. Und Ware ... sie schloss die Augen.
Ware war derjenige gewesen, der behauptet hatte, sie habe mit Phillip gemeinsame Sache gemacht. Dass sie ihre „Reize“ eingesetzt habe, um neue Investoren für eine zum Scheitern verurteilte Unternehmung zu finden. Ihre letzte Unterredung war einfach furchtbar gewesen: Viel hätte nicht gefehlt, und er hätte sie als gemeine Dime beschimpft. Es war einer der demütigendsten und schrecklichsten Augenblicke ihres Lebens gewesen.
„Prudence?“
Die Stimme des Earls riss sie aus ihren Gedanken. Sie atmete tief durch, um sich zu beruhigen. „Tut mir leid. Ich habe nur nachgedacht. Ich kenne ein paar dieser Männer. Sie sind gesellschaftlich wichtig und ziemlich hochnäsig.“ „Dann werde ich eben genauso hochnäsig sein.“
Wenn es nur so einfach wäre. Die Erinnerung an ihre Demütigung stieg in ihr auf, und sie erhob sich hastig. „Wir sollten einen genauen Plan machen. Wir dürfen keine Zeit verlieren.“
Sie ging an ihm vorbei zu seinem Schreibtisch. Dort setzte sie sich, zog ein Blatt Papier heraus und entkorkte das Tintenfass.
Er drehte sich um, sodass er ihr wieder gegenübersaß. „Ich habe das dumpfe Gefühl, dass mir das nicht gefallen wird.“
Sie wählte einen Gänsekiel und begutachtete ihn. Zufrieden stellte sie fest, dass er scharf genug zugeschnitten war, um ohne Kleckse zu schreiben, und tauchte ihn in die Tinte. „Ich mache uns einen Plan. Dadurch stellen wir sicher, keine Zeit zu verschwenden.“
Keine Liste, so gut ausgedacht oder ausgeführt sie auch war, würde die Anziehungskraft verringern, die dieser Mann auf sie ausübte. Doch sie hegte die vage Hoffnung, dass ein derartiger Plan ihr stets vor Augen halten würde, warum sie sich in die Höhle des Earls gewagt hatte, und sie daraus die nötige Kraft schöpfen könnte, dem Mann zu widerstehen. Das Einzige, worauf sie noch zählen konnte, war ihr Stolz. Und sie beabsichtigte, mit beiden Händen daran festzuhalten, egal, welch wilde Wellen oder Stürme der Leidenschaften er in ihre Richtung ausschickte.
„Sagen Sie mir die Wahrheit, meine liebreizende Prudence ..."
Sie hüstelte.
„Darf ich ,liebreizend“ denn nicht sagen?“
„Nein, und meinen Vornamen dürfen Sie auch nicht benutzen. “
„Nicht einmal hier, in meiner eigenen Bibliothek?“
„Sie wären klug beraten, wenn Sie immer und überall gutes Benehmen praktizierten. “
„Prudence ...“, begann er und ignorierte ihr Hüsteln, „glauben Sie wirklich, dass Sie einen raubeinigen Kapitän innerhalb von vier kurzen Wochen in einen Gentleman verwandeln können?“
„Warum denn nicht?“, fragte sie mit einem leisen Lächeln. „Ich bin nur froh, dass die Aufgabe nicht umgekehrt ist.“ Das amüsierte ihn. „Vielleicht könnte man das Segeln in so kurzer Zeit lernen. Nicht gut natürlich. Aber es wäre wohl möglich. “
„Ein Kapitän muss seine Männer allerdings auch anführen. Er muss kommandieren können. Und die See verstehen. Dazu bräuchte man weitaus mehr Übung. “
Leise lachend erhob er sich, nahm seinen Stock und ging zum Schreibtisch hinüber. Sie versuchte nicht hinzusehen. Aber es gelang ihr nicht. Er trug glatte, beinah hautenge Kniehosen, und unter seinem weißen Hemd zeichnete sich die breite Brust deutlich ab. Seine Kleidung saß so gut, dass sich die Fantasie nicht mit Spekulationen aufzuhalten brauchte, sondern anderweitig betätigen konnte. Die ihre lief bei diesem Anblick völlig aus dem Ruder.
Er stellte sich neben sie und lehnte sich mit der Seite gegen den Schreibtisch. Nun konnte er ihr über die Schulter sehen und mitlesen. Seine Hüfte streifte sie am Arm.
Wenn sie sich ein wenig nach rechts beugte ... Sie blickte in diese Richtung und sah sich fast auf Augenhöhe einem muskulösen Oberschenkel gegenüber. Bei der Vorstellung, sie könnte ihn dort berühren, fuhr ihr ein Hitzestrahl durch den Körper, der so intensiv war, dass es ihr den Atem raubte.
Ihr Magen zog sich zusammen, und ihr wurde heiß. Mit zitternden Fingern strich sie das Papier glatt und versuchte sich zu konzentrieren. „Zuerst müssen wir feststellen, was Sie bereits wissen. Und was Sie nicht wissen.“
„Worüber? Über das Idealbild eines Gentleman?“
„Über Benimmregeln im Allgemeinen. Gentlemen haben die Kunst der Höflichkeit vervollkommnet, doch alle Menschen orientieren sich an irgendwelchen Benimmregeln. Wahrscheinlich wissen Sie weitaus mehr, als Ihnen bewusst ist.“
Seine Lippen kräuselten sich, nicht ganz zu einem Lächeln, aber beinah. „Ach, über Benimmregeln weiß ich eine ganze Menge, meine Liebste.“
Meine Liebste. Sie hüstelte in die Finger und warf ihm einen warnenden Blick zu, der ihr aber nur ein selbstzufriedenes Lächeln eintrug. Rasch blickte sie wieder auf ihr Blatt Papier und fasste den Gänsekiel fester. „Welche Benimmregeln kennen Sie denn?“
Er beugte sich vor, und ihr wurde plötzlich bewusst, dass nicht nur er in ihrer Reichweite war, sondern sie umgekehrt auch in seiner.
Der Earl legte die Hände flach auf den Tisch, ragte aber immer noch hoch über ihr auf. „Meine liebste Prudence Sie hustete noch einmal und maß ihn mit strengem Blick. Er grinste. „Meine liebste ...“
Sie hustete lauter.
„Prudence ...“
Mittlerweile klang es fast, als hustete sie sich die Lunge aus dem Leib.
Der Earl lachte und warf eine Hand in die Luft. „Bitte tun Sie sich meinetwegen nicht weh!“
Prudence schrieb: Richtige Anredeform. „Wissen Sie, wie man einen Earl begrüßt?“
„Wenn es sich dabei um meinen Vater handelte, würde ich ..."
„Nicht!“
Er zuckte mit den Schultern. „Ich werde Ihre empfindsamen Ohren nicht beleidigen.“
Sie schrieb: Adelstitel. „Wie steht es mit Tischgesprächen?“
„Hier? Jetzt?“
„Welche Themen fänden Sie denn passend, wenn Sie mit Ihren Treuhändern zu Abend äßen?“ Als der Earl nur eine Augenbraue hob, fragte sie: „Worüber reden Sie und Ihre Männer denn bei den Mahlzeiten?“
„Ach, über vielerlei. Die Flut und Fische, die wir gesichtet haben. Letzte Woche hat Little Petey uns von seiner ersten Frau berichtet und dass sie Babys warf wie eine Hündin ihre Welpen ... “
Tischgespräche.
Er runzelte die Stirn, als er das Wort las. Anscheinend war ihm das Lachen vergangen. „Ich weiß, wie man Tischgespräche führt.“
„Nicht wenn Sie über Welpen werfende Hündinnen reden.“ Sie strich sich mit der Feder übers Kinn. „Wir haben keinen Grund, uns wegen des Tanzens Sorgen zu machen. Aber wie steht es damit, eine Dame in einen Raum zu geleiten? Oder ihr in die Kutsche zu helfen? Wie machen Sie das?“
Der Earl blickte auf sie herunter. Er stellte den Stock ab, beugte sich vor, nahm sie in die Arme und hob sie einfach hoch.
„Was machen Sie denn da?“, rief sie und baumelte mit den Beinen. Sie hatte den Gänsekiel noch in der Hand, das Papier allerdings hatte sie auf dem Tisch liegen lassen. Durch das Hemd hindurch konnte sie seine Körperwärme spüren. „Lassen Sie mich runter! “
„Ich trage Sie auf Händen. Handelt so nicht der wahre Gentleman?“
„Nein! Und jetzt lassen Sie mich runter!“
Er setzte sie auf ihrem Stuhl ab und lächelte sie dabei an.
„Ach je, ach je, ach je!“ Umgangsformen. Hoffentlich bemerkte er nicht, dass ihre Hand beim Schreiben zitterte.
Er legte ihr den Handrücken an die Wange und wärmte sie. Bei der einfachen Berührung überlief sie ein wohliger Schauder. Prudence schloss die Augen und lehnte sich gegen die große, warme Hand. Die Luft um sie schien förmlich zu vibrieren.
„Prudence.“
Seine Stimme klang heiser. Prudence blickte Tristan an, seinen Mund. Er hatte herrliche Lippen, fest und männlich. Hitze wallte in ihr auf, und gleichzeitig erschauerte sie am ganzen Körper.
Tristan erkannte jede Empfindung und jeden Gedanken, der sich in ihrem ausdrucksstarken Gesicht malte. Er sah, wie das Begehren in ihren großen braunen Augen wuchs, konnte die steigende Leidenschaft erkennen, unter der ihre Lippen weich und bereit wurden. Gott, war sie schön, seine feurige Nachbarin.
Auch ihm wurde immer heißer, und er ertappte sich dabei, wie er sich zu ihr hinunterbeugte, zu ihrem Mund, wie eine Kompassnadel, die sich nach Norden richtete.
Tristan wusste, dass er diesen Wahnsinn beenden musste. Prudence gehörte nicht zu den Frauen, die sich für leere Tändeleien hergaben. Er wusste es, wusste auch, wie gefährlich es wäre, seinen stürmischen Kurs weiterzuverfolgen. Doch all die ursprünglichen Gefühle, die er seit seiner Verwundung tief in sich verschlossen hatte, drängten ihn nun vorwärts. Prudence war für ihn unbekanntes Fahrwasser, ein unwägbares Abenteuer. Und seine abenteuerhungrige Seele sehnte sich danach, sie zu berühren, seinen Durst nach Aufregung an ihren verheißungsvollen Gestaden zu löschen. Doch mehr noch, die Frau vor ihm hatte etwas Schamloses an sich, etwas Ungezähmtes und Freies, das direkt zu seiner eigenen rastlosen Seele sprach.
Ihren Lippen entschlüpfte ein leises Seufzen, und mit halb geschlossenen Augen hob sie ihr Gesicht zu ihm empor. Er ließ eine Hand in ihr Haar gleiten und bedeckte ihre Lippen mit den seinen ...
„Da sind Sie ja, Mylord. “ Reeves’ Stimme zerriss die Stille wie eine Windbö ein zu straff gespanntes Segel.
Prudence fuhr herum. Tristan richtete sich auf, kurz davor, den Butler aus dem Raum zu schicken, doch ein Blick in Prudences gerötetes Gesicht ließ ihn davon absehen. Vielleicht war es ja ganz gut, dass Reeves den Raum in diesem Augenblick betreten hatte. Um ihr Zeit zu geben, die Fassung wiederzuerlangen, trat er einen Schritt zur Seite, damit der Butler sie nicht mehr im Blickfeld hatte. „Reeves. Wünschen Sie etwas?“
Es war schwer zu beurteilen, was der Butler gesehen hatte, denn seine Miene war vollkommen ausdruckslos. „Mylord, möchten Sie und die junge Dame den Lunch hier in der Bibliothek einnehmen?“
Es raschelte, als Prudence vom Schreibtisch aufstand, Gänsekiel und Papier in der Hand. „Danke, Mr. Reeves, aber ich muss nach Hause. Mir ... mir ist gerade etwas eingefallen, um das ich mich umgehend kümmern muss. Ich werde einen Stundenplan ausarbeiten, und dann können der Earl und ich morgen früh in aller Frische beginnen.“ „Sehr wohl, Madam.“
Prudence wedelte mit dem Papier herum. Zu Tristans Belustigung klang sie immer noch ein bisschen atemlos, und sie sprach so schnell, dass man sie kaum verstehen konnte. „Ich habe gerade eine Liste mit den Fähigkeiten des Earls aufgestellt. Da kommt einiges auf uns zu.“
Reeves hob die Brauen. „Fähigkeiten, Madam?“
Grinsend verschränkte Tristan die Arme vor der Brust. „Genau, Reeves, Fähigkeiten. Mrs. Thistlewaite dachte, dass ich vielleicht schon ein paar Dinge wissen könnte, die sich beim Treffen mit den Treuhändern als wertvoll erweisen würden, doch nachdem sie mich befragt hatte, wurde sie anderen Sinnes.“
„Unsinn“, erklärte Prudence. „Obwohl Sie wirklich an Ihrem Benehmen im Allgemeinen arbeiten müssen. Vielleicht sollten wir morgen mit etwas Einfachem beginnen. Zum Beispiel mit Frühstück.“
Tristan beugte sich vor, bis sein Gesicht dem ihren ganz nah war. „Mrs. Thistlewaite, ich bin kein Kind, das man daran erinnern muss, dass es sich den Mund abwischen soll.“
Ihr Blick senkte sich zu seinem Mund, und wie vorhin öffnete sie die Lippen. Diesmal jedoch fuhr sie sich auch noch mit der Zunge über die rosige Unterlippe.
Ihm wurde heiß. Verdammt, bei dieser Frau fühlte er sich genau wie damals, als er sein erstes Kommando übernommen hatte - unsicher und ... erregt.
Da sie sich dieser Wirkung auf ihn ganz und gar nicht bewusst war, sagte sie unbefangen zu Reeves: „Ich werde sein Wissen testen, wenn ich morgen komme. Ein paar mögliche Szenen mit ihm durchspielen.“
Der Butler verneigte sich. „Eine hervorragende Idee, Madam.“
„Mir gefällt das nicht“, erklärte Tristan, der das Gefühl hatte, dass ihm die Kontrolle über seine Welt entglitt. „Das ist doch alles albern. Zur Hölle mit den verdammten Treuhändern, jedem einzelnen von ihnen.“
„Madam“, meinte Reeves mit sanfter Stimme, „vielleicht sollten wir der Liste noch ein Schimpfwörtertraining hinzufügen.“
Sie wedelte mit der Liste. „Steht schon drauf.“
Tristan sah sie erbost an. „Auf diesem Gebiet brauche ich kein Training, vielen Dank. Mit meinen Schimpfwörtern kenne ich mich aus.“
Sie reckte die Nase in die Luft. „Zu gut, würde ich sagen.“ Reeves nickte. „Vielleicht finden wir einen annehmbaren Ersatz, den Sie anstelle des Schimpfwortes verwenden könnten?“
„Zum Beispiel?“, erkundigte er sich.
„Zum Beispiel,Meine Güte oder ,Bei Zeus!“, schlug Prudence vor. „Ich glaube, beides wäre ganz annehmbar.“ „Nicht für mich.“
Der Butler hob die Brauen. „Vielleicht etwas Farbigeres, zum Beispiel,Grüne Krawatten!“ oder ,Gesegnete Löffel!“ Prudences entzücktes Gelächter war der einzige Grund, warum Tristan im Raum blieb. „Das“, erklärte er streng, „ist das Dümmste, was ich je gehört habe.“
Sie schenkte ihm ein Lächeln, bei dem ihm schwindelte. „Es liegt bei Ihnen - das Vermögen oder Ihre schlimmen Wörter. Suchen Sie es sich aus.“
„Ich weigere mich, jedes einzelne meiner Laster aufzugeben, weil ein Haufen spitzengeschmückter Dummköpfe das von mir verlangt.“
„Nein, gewiss nicht, Mylord“, sagte Reeves beruhigend. „Wenn Sie sämtliche Laster aufgäben, wäre von Ihnen ja nichts mehr übrig.“
Prudence versuchte das Lachen zu unterdrücken, doch es gelang ihr nicht. „Sie sollten mal Ihr Gesicht sehen! “ Tristan musterte sie nur erbost.
„Lord Rochester“, sagte Reeves, „dürfte ich darauf hin-weisen, dass jede Veränderung rein temporärer Natur wäre? Wenn Ihnen das Vermögen erst einmal zugesprochen wurde, können Sie zu dem Benehmen zurückkehren, das Ihnen zusagt.“
„Denken Sie nur“, ergänzte Prudence freundlich, „Sie können so ungehobelt sein, wie Sie wollen, wenn Sie erst einmal reich sind. Die Leute werden Sie höchstens für exzentrisch halten.“
Reeves nickte. „Madam, während Sie an der Liste arbeiten, werde ich mich um die Kleidung kümmern.“
Tristan sah an sich herunter. „Was ist falsch an meinen Sachen?“
„Nichts“, erwiderte Prudence, die immer noch schrieb, „solange Sie sie nur in Ihrem Arbeitszimmer tragen, wenn niemand da ist.“
Sie legte den Gänsekiel weg und las sich die Liste noch einmal durch. Dann sah sie Reeves an. „Benehmen bei Tisch?“
„Seine Tischmanieren sind überraschend gut.“ „Überraschend?“, knurrte Tristan. „Es passt mir nicht, wenn man über mich spricht, als wäre ich ein Kind. “ Prudence faltete die Liste zusammen und ging zur Tür. „Mylord, Mr. Reeves und ich sprechen von Ihnen nicht, als wären Sie noch ein Kind. Wir betrachten Sie als Projekt.“ Sie blieb neben Reeves stehen und sah noch einmal vielsagend zurück zu Tristan. „Genau das sind Sie: unser Projekt.“
Das gefiel Tristan überhaupt nicht. Doch in Reeves'Anwesenheit konnte er kaum protestieren. Stattdessen verbeugte er sich spöttisch vor ihr und sagte großartig: „Möglicherweise habe ich ja ein eigenes Projekt, Madam. Bis morgen.“
Sie musterte ihn. Von oben. Nach unten. Dann wandte sie sich an Reeves. „Sie zeigen ihm, wie das mit der Verbeugung richtig geht, ja? Die ist ja fast so schlimm wie sein Wortschatz.“
„Moment mal" begann Tristan.
Doch sie war schon fort, mit wehendem rosa Rock durch die Tür geeilt.
Reeves verneigte sich vor Tristan. „Ich werde Mrs. Thistlewaite hinausbegleiten. “
„Eine reizende Idee. Bitte passen Sie auf, dass sie nicht den Türknauf abreißt. “
„Ich werde mir Mühe geben, es zu verhindern.“ Mit einer letzten Verbeugung verließ Reeves das Zimmer. Tristan blieb mit einer halb leeren Schale Rumpunsch zurück, einem Sofa, das plötzlich leer wirkte, und dem dumpfen Gefühl, dass sein Leben nie wieder dasselbe sein würde.
Das Cottage lag in völliger Dunkelheit da. Steter Regen trommelte gegen die Fenster und das Dach. Ein einsamer Reiter auf einem mächtigen Wallach umrundete die letzte Kurve der gefährlichen Küstenstraße und zügelte das Pferd am Tor. Das Wasser lief in Sturzbächen über Hut und Umhang des Mannes und über die Flanken des Pferdes.
Der Reiter, der längst bis auf die Knochen durchnässt war, ignorierte den Wolkenbruch, sprang vom Pferd und band es am Tor fest. Mit tief in die Stirn gezogenem Hut trat der Mann vor die Eingangstür.
Obwohl es schon sehr spät war, wurde die Tür beim ersten Klopfen von einem distinguierten Gentleman in schwarzem Anzug geöffnet.
Der Reiter schüttelte das Wasser von seinem Umhang, nahm den nassen Hut ab und trat ein. „Ich heiße ...“
„Bitte reden Sie leise“, warnte ihn der Gentleman. In seinen tiefblauen Augen lag Missbilligung. „Die anderen schlafen alle schon.“
„Oh. Natürlich. Tut mir leid, Meister.“ Tommy Becket war nicht dumm. Er hatte sich bereit erklärt, für eine Goldmünze eine Nachricht zu überbringen. Ursprünglich hatte er gedacht, dass sein Auftraggeber derjenige mit der dicken Geldbörse war. Doch jetzt, wo Tommy Gelegenheit erhalten hatte, den Empfänger der Botschaft ordentlich zu beäugen, war er sich nicht mehr so sicher. Der Mann vor ihm hatte einen Glanz an sich, den man nur bei den ganz Reichen fand. „Ich komme von Witlow. Ich habe eine Botschaft von Mr. Dunstead für einen Mr. Reeves. Sind das Sie?“
„In der Tat. Hat Mr. Dunstead gesagt, wann er zurückkehren will?“
Tommy schüttelte den Kopf, dass das Wasser nur so spritzte. „Nein, hat er nicht. Er hat bloß gesagt, Tommy Becket, ich hab eine Mission für dich. Eine sehr, sehr wichtige Mission.“ „Mr. Dunstead ist ja sehr melodramatisch geworden. Erstaunlich, wie das Reisen manche Leute verändert.“
Tommy war sich nicht ganz sicher, ob ihm der Ton des Mannes behagte. „Er ist ja ein wichtiger Mann. Er hat zu mir gesagt:,Hier,Tommy, schaffe diese geheime Botschaft zu Master Reeves. Es ist eine gefährliche Aufgabe, aber keine Sorge. Er wird es dir schon vergelten.““
„Er hat Sie nicht gebeten, sich das Geld später bei ihm abzuholen?“
Tommy blinzelte. „Oh. Nun, er hat tatsächlich erwähnt, dass er mich bezahlen würde, wenn ich ihm Ihre Antwort brächte. Aber ich dachte, wo es doch so regnet, bekomme ich von Ihnen vielleicht auch ein bisschen Gold?“
„Wir werden sehen. Wo ist der Brief?“
Tommy sah sich nach rechts und nach links um, griff in die Tasche und förderte einen feuchten, zerknüllten Brief zutage. Er reichte ihn Reeves, der ihn nahm und sofort zu der Lampe trug, die auf einem kleinen Tisch an der Tür stand. Rasch las Reeves die Nachricht durch. Er runzelte die Stirn und las sie noch einmal, nur dass er diesmal langsam die Brauen hob.
Er faltete den Brief wieder zusammen und steckte ihn in die Tasche. Dann wandte er sich seinem Besucher zu. Dieser betrachtete gerade die Mäntel, die auf einem Gestell in der Eingangshalle hingen, als wollte er ihren Wert schätzen. „Gute Nachrichten, Meister?“, fragte Tommy.
„Ziemlich gute.“ Reeves zog seinen eigenen Brief aus der Innentasche, dazu ein Goldstück, und reichte beides dem Mann. „Bitte sorgen Sie dafür, dass Mr. Dunstead diese Botschaft erhält. Er erwartet sie.“ Der Butler öffnete die Tür. „Vielen Dank für Ihre Mühe. Ich denke, das ist dann alles.“ „Aye, Meister.“ Tommy blickte nach draußen in den herabrauschenden Regen. „Glauben Sie, ich könnt noch ein Weilchen bleiben, zumindest so lange, bis der Regen ein wenig nachgelassen hat?“
Die Tür blieb offen. „Nein. Das halte ich nicht für klug. Sie haben Ihre Aufgabe vorbildlich erfüllt. Ich werde Mr. Dunstead sagen, wie gut Sie Ihre Sache gemacht haben.“ Damit führte Reeves den Boten höflich, aber bestimmt aus dem Haus und schloss die Tür.
Lange nachdem das Hufgeklapper verklungen war, stand Reeves noch in der Eingangshalle an die Tür gelehnt, einen nachdenklichen Ausdruck im Gesicht. Zweimal zog er den Brief hervor und las ihn, ehe er ihn endlich wegsteckte.
Schließlich stieß er sich von der Tür ab, holte die Lampe und ging zu dem kleinen Raum, den er für sich nutzte.
Gott sei Dank war der alte Earl schon tot. Wenn er noch am Leben gewesen wäre, hätte dieser Brief durchaus sein Ende bedeuten können, da war er sich sicher.