16. KAPITEL
Selbst der vorsichtigste Dienstbote wird feststellen, dass sich Überraschungen nicht vermeiden lassen. Die entscheidende Frage ist, ob man sich von ihnen überrumpeln lässt oder sie zum eigenen Vorteil einzusetzen weiß.
Leitfaden für den vollkommenen Butler und Kammerherrn von Richard Robert Reeves
Es war albern. Wirklich albern. Prudence wusste das auch. Aber sie war fasziniert. Fasziniert von der Vorstellung, sich in einer Kutsche zu lieben.
Und noch faszinierter von dem Mann, der nur eine Armeslänge von ihr entfernt saß, ohne Hemd. „Und wenn wir erwischt werden?“
„Meine Liebste, bevor sie die Tür öffnen, muss die Kutsche erst noch anhalten. Und es ist eine lange Fahrt.“
Das stimmte. Sie hatten fast eine Stunde bis zum Haus des Squires gebraucht. Prudence sah zu, wie Tristan das Hemd zu den übrigen Sachen auf die Bank legte.
Er hielt inne und musterte sie. „Und?“
Plötzlich wurde ihr bewusst, dass sie sich keinen Zoll bewegt hatte, sondern immer noch auf ihrer Sitzhälfte saß und Tristan beim Ausziehen zusah. Jede Bewegung von ihm heizte das Feuer in ihr nur noch an.
Wenn sie ihn zu sich locken wollte, musste sie etwas unternehmen. Aber was? Fast unwillkürlich bewegten sich ih-re Finger zu der Schleife am Ausschnitt ihres Kleides. Sie hatte gerade angefangen, sie aufzuziehen, als sie Tristans Blick auffing.
Er saß so still, dass er wie eine Statue wirkte, die Lippen fest zusammengepresst, die Augen hell und hart. Er wirkte so ... angespannt. Als hätte er sich kaum noch unter Kontrolle.
Ah! Er kämpfte darum, sich zu beherrschen. Das war wirklich interessant. Vielleicht könnte sie die Vorfreude für sich arbeiten lassen, wenn sie die Sache noch etwas langsamer anging ...
Sie legte die Hände wieder in den Schoß. „Ich glaube, ich warte noch ein wenig.“
Er runzelte die Stirn. „Worauf?“
„Dass du dich ausziehst.“ Sie lehnte sich zurück und beobachtete ihn unter den Wimpern hervor. „Bitte mach weiter. Ich genieße das wirklich sehr.“
Ungläubig betrachtete er sie einen Augenblick. „Das finde ich jetzt nicht gerecht! “
„Gerecht?“ Sie lächelte. „Wer hat denn gesagt, dass es gerecht zugehen muss? Ich dachte, es ginge darum, zu prüfen, wie lange wir der Versuchung widerstehen können?“
„Stimmt ja auch“, sagte er mit leicht grimmigem Unterton. Prudence lächelte noch breiter.
„Hm. Dann hast du vielleicht nur Angst“, wieder sah sie ihn unter den Wimpern hervor an, „du könntest verlieren.“
Das schien Ansporn genug, denn er klappte den Mund zu und begann an seinen Stiefeln zu zerren.
Prudence war vollkommen gebannt von dem Anblick seines breiten Rückens, von den Muskeln, seiner schmalen Taille und den sehnigen Armen. Gott, er war wirklich ein herrlicher Mann.
Und in diesem Moment gehörte er ihr allein.
Der Gedanke hielt sie etwas aufrecht, sodass sie die Contenance wahren konnte, als er die Stiefel beiseiteschleuderte und seine Hose aufzuknöpfen begann. Den nächsten Moment würde Prudence niemals im Leben vergessen. Eben noch hatte er vor ihr gestanden mit seinen eleganten schwarzen Kniehosen, im nächsten Augenblick war er nackt, und sie sah seine ganze geschmeidige, wie gemeißelte Gestalt vor sich.
Die Narbe an seinem Bein glänzte weiß. Sie erinnerte sich daran, dass sie ihn dort geküsst hatte, und ein köstlicher Schauer der Erregung überlief sie.
Ihr donnerte der Puls in den Ohren. Ein Prickeln überlief sie, und sie schauerte zusammen.
Tristan wandte sich um und sah sie an. Seine muskulösen Beine spreizten sich und gaben den Blick frei ...
Sie schloss die Augen und ballte die Hände zu Fäusten. Dann atmete sie tief durch. Vielleicht war das ja ein Traum, ein herrlicher Traum. Langsam machte sie die Augen wieder auf ... er war immer noch da. Und immer noch herrlich, jeder einzelne Zoll. Sehnsucht erfüllte sie, wenn sie ihn nur ansah.
Wenn nicht diese Linie über die Sitzpolster verlaufen wäre, hätte sie sich vielleicht längst entkleidet, wäre auf seine Seite herübergerutscht und hätte ihn an sich gezogen. Doch jetzt ging es nicht ums Teilen, sondern ums Gewinnen.
Und etwas anderes war für sie undenkbar.
Sie zwang sich zur Ruhe und lächelte leicht; sie konnte nur hoffen, dass ihre Lippen nicht ebenso zitterten wie ihre Beine. „Nun ...“ Langsam ließ sie den Atem entweichen, sodass das Wort in der weichen Dunkelheit der schaukelnden Kutsche nachklang.
Sie fuhr am Ausschnitt ihres Kleides entlang. Sein Blick hing wie gebannt an ihren Händen. Dann ließ sie eine Hand über ihre Brüste gleiten, ihren Bauch und weiter nach unten.
Seine Miene spannte sich an. „Was machst du da?“
Sie lächelte. „Ich ziehe mich aus.“ Das war Macht, erkannte sie. Wahre Macht. Er beobachtete jede ihrer Bewegungen, konnte den Blick nicht abwenden.
Prudence stützte den Fuß auf dem Polster gegenüber ab. Sie zog ihren Abendschuh aus und ließ ihn zu Boden fallen. Dann griff sie nach dem Saum ihres Kleides.
Sie ließ Tristan keinen Moment aus den Augen, sah, wie die Erregung seine Augen verdunkelte, als sie den Saum über ihre Knie zog und Waden und Füße entblößte. „Meine
Strümpfe müssen weg.“
Sie schob das Kleid noch ein wenig höher und gab ihre Schenkel seinen Blicken preis. Ihr Hemd verdeckte die Strumpfbänder, doch sie schob es beiseite und begann die Satinbänder aufzubinden.
Tristan konnte den Blick nicht von ihren Beinen lösen. Er schien wie gebannt, gefangen von den Bewegungen ihrer Hände. Er atmete schwer in der Stille.
Sie löste die Strumpfbänder und begann den ersten Strumpf herunterzurollen. Dabei ließ sie ihre Hände immer wieder auf ihrer nackten Haut verharren, liebkoste sich hier, berührte sich da.
Sein Atem füllte den engen Raum. Prudence beobachtete Tristan verstohlen. Auch ihr Körper erhitzte sich, als sie seine offenkundige Erregung sah, die Anspannung in seiner Miene, das Begehren, das in seinem Blick brannte.
Sie zog sich den Strumpf aus und dann den anderen Schuh, wobei sie sorgfältig darauf achtete, dass der Saum ihres Kleides den Oberschenkel enthüllte, aber nicht zu viel davon. Noch nicht zumindest.
Mit dem anderen Strumpf ließ sie sich Zeit, hielt an ihren Kurven inne, wobei sie sich von Tristans Miene leiten ließ. Anscheinend fand er es besonders erregend, wenn sie sich selbst berührte, und so strich sie mit den Fingern an ihrem Unterschenkel entlang bis hinauf in die Kniekehle.
Tristan beugte sich vor, berührte dabei den zusammengerollten Mantel, verschob ihn aber nicht. Seine Augen brannten, sein Körper war angespannt. „Wenn du über die Linie kommst, küsse ich dich da, wo du dich jetzt berührst.“ Prudences eigener Atem ging nun ungleichmäßig, und ihr Körper brannte unter ihren Fingern. „Überall?“
„Überall.“
Sie warf den Strumpf zu Boden und zog das Kleid wieder herunter zu den Knöcheln. Er war völlig gefesselt. „Tristan, wenn du die Linie überschreitest, darfst du mehr tun, als mich nur zu küssen.“
Neben seinem Mund bildete sich eine feine Linie. Lächelnd löste Prudence das Band an ihrem Hals, das daraufhin ihr Kleid freigab. Über die Schultern und die Arme
schob sie sich das Oberteil bis zur Taille herunter. Dann hob sie die Hüften von der Sitzbank und schob das Kleid zu Boden, wo es als kleines Häufchen aus Spitze und Satin liegen blieb.
Tristan hatte noch nie etwas so Schönes gesehen. Sie war schamlos und gleichzeitig auf wundersame Weise entrückt. Eine ehrbare Frau und dabei voll der Leidenschaft und Sehnsucht, sodass er sie nur noch mehr begehrte.
Ihm war noch nie jemand begegnet, der ihn so reizte, so herausforderte. Ihr beim Auskleiden zuzusehen war Qual und Vergnügen zugleich.
Nur mit ihrem Hemd bekleidet, setzte sie sich wieder hin. Der dünne Stoff schmiegte sich an ihre Brüste und warf merkwürdige Schatten. Über den Brüsten saßen freche Schleifen, die danach riefen, aufgebunden zu werden.
Tristan war so erregt, dass es schmerzte. Doch er bewegte sich immer noch nicht. Er klammerte sich am Sitz fest, ganz darauf konzentriert, die Frau vor ihm zu beobachten. Jetzt bedauerte er es, sie mit dem Mantelspiel herausgefordert zu haben.
Sie löste eines der Bänder ihres Hemdes. Es rutschte auf einer Seite herab und bettete sich über die köstliche Rundung. Langsam griff sie nach dem anderen Band, ließ aber die Finger erst einmal darüber schweben.
Ihre samtbraunen Augen blickten ihn an. „Wie wäre es, wenn du mich bittest, die Linie zu überqueren?“
Er biss die Zähne zusammen. „Dann würde ich verlieren.“
„Verstehe.“
Tristan hörte das Begehren in ihrer Stimme und wie gebannt sie von ihrem eigenen Verlangen war. Ihm ging es genauso. Doch er konnte nicht zulassen, dass sie den Sieg davontrug. Das ging einfach nicht.
Sie löste das andere Band, und das Hemd rutschte herab und gab die cremeweißen Brüste seinen hungrigen Blicken preis. Sie waren wunderschön, voll, mit rosaroten Spitzen, die seine Aufmerksamkeit auf sich zogen und sein schmerzliches Vergnügen noch steigerten. Nichts auf der Welt hätte ihn in diesem Augenblick von Prudence ablenken können.
Mit einem anmutigen Anheben der Hüften folgte das Hemd dem Kleid, und dann war sie vollständig nackt. Ihre Augen glänzten, ihre Lippen verzogen sich zu einem verstohlenen Lächeln, als wüsste sie ganz genau, was sie da mit ihm machte.
Es war der erregendste, sinnlichste Moment seines Lebens. Sie hob die Arme und drehte sich das Haar zusammen. „Wie wäre es, wenn wir die Regeln änderten?“
Tristan konnte den Blick nicht von ihren Brüsten wenden. „Ja?“
„Solange sich unsere Hüften nicht berühren, gilt es nicht als Übertretung. Aber mit den Händen und anderem Ihre Augen glitzerten. „Mit den Händen und anderem dürfen wir uns frei bewegen.“
Tristans Blut geriet in neue Wallungen. „Mit den Händen und anderem?“
„Nur die Hüften nicht.“
„Ich nehme die neuen Spielregeln an.“
Ihre Lippen verzogen sich zu einem kleinen Lächeln. „Das dachte ich mir.“ Sie ließ ihr Haar wieder fallen. In seidigen Locken strömte es ihr über die Schultern.
Tristan hielt den Atem an. Sie war herrlich.
Sie lehnte sich zurück, wobei sich ihre Beine leicht spreizten, und in dem gedämpften Licht spielten über ihren Körper lebhafte Schatten. Das Haar fiel ihr über die Schultern und bedeckte eine Brust, die andere war seinem hungrigen Blick freigegeben. „Und jetzt?“
Er streckte den Arm über die Grenze und legte die Finger auf ihre Knie. Seine Hand liebkoste ihre zarte Haut. „Tja, was jetzt?“
Ihre bloße Haut schien seine Fingerspitzen zu verbrennen. Sein Körper reagierte unmittelbar.
Seine Vorstellung, seine Fantasie brannten bereits lichterloh, angefacht von ihrer verführerischen Vorstellung. Jetzt überlief ihn ein Prickeln, und er sehnte sich nach mehr. „Darf ich dich küssen?“
Ihre Augen wurden dunkel, und ihre Brust hob und senkte sich auf eine Art, die ihm verriet, dass sie genauso empfand wie er. „Wir könnten uns wohl an der Linie treffen.“
„Das könnten wir.“
Prudence beugte sich vor. Tristan beobachtete verlangend ihre vollen Brüste. Ihr Anblick faszinierte ihn.
Und dann ... war sie da. Und er küsste sie, bedeckte ihren Mund mit dem seinen, seine Zunge glitt sanft zwischen ihre Lippen.
Der Kuss wurde heißer, tiefer, überwältigend. Plötzlich reichte ein Kuss nicht mehr aus. Seine Hände waren überall, ebenso wie ihre.