12. KAPITEL

Viele Mitglieder des ton glauben, dass ein lobendes Wort für einen Dienstboten der größte und schönste Lohn sei, den jener in unserem ehrwürdigen Metier erhalten kann. Das ist eine überaus edle Vorstellung, doch leider völlig verfehlt. Ob Diener oder Dienstherr, Heiliger oder Bittsteller: Nichts ist motivierender als der Anblick einer frisch geprägten Goldmünze.

Leitfaden für den vollkommenen Butler und Kammerherrn von Richard Robert Reeves

Etwa zehn Meilen ostwärts, an einem besonders felsigen Küstenabschnitt, lag das „New Inn“. Es handelte sich um ein festes Steingebäude, das auf einem schmalen Felsenband am Meer thronte und dessen Fensterscheiben so dick waren, dass man kaum hindurchsehen konnte.

Bei jeder Flut waren der Gasthof und die dazugehörigen Stallungen zwei Stunden vom Festland abgeschnitten. Das und die Reize der beiden drallen Schankmädchen sorgten dafür, dass die Taverne bei den Männern im Dorf unglaublich beliebt war. Vorausgesetzt, ihre zankenden, zürnenden Gattinnen kamen nicht vor der Flut an, um sie nach Hause zu schleppen, bot ihnen das Gasthaus die perfekte Ausrede, ein paar Stunden länger zu bleiben.

Als die Flut an diesem Abend weit genug gesunken war, um den Wall passierbar zu machen, kam ein einsamer Reiter in den Hof des „New Inn“ gesprengt. Lukie, der Stallbursche, wusste gleich, dass das kein gewöhnlicher Knabe war, das merkte er nicht nur am edlen Reittier, sondern auch an dem glänzenden Shilling, der ihm in die Hand gedrückt wurde. Normalerweise kriegte er nur Kupfermünzen, außer wenn Gentleman Jack da war.

Dann strömte der Reichtum nur so, nicht nur für Lukie, sondern auch für seine Schwester, eines der Schankmädchen, und seine Tante, die Fleischpasteten und dicke Eintöpfe für die Gäste kochte. Eine derartige Großzügigkeit konnten sich in Lukies Welt nur Straßenräuber leisten. Wenn es diese Welt erlaubte, wollte Lukie eines Tages selbst in dieses Gewerbe einsteigen.

Er warf dem Herrn einen verstohlenen Blick zu. Merkwürdigerweise sah der gar nicht aus wie ein Straßenräuber, dazu war er viel zu nüchtern gekleidet. Lukie fragte sich, ob der Mann vielleicht ein Dienstbote oder ein Pfarrer war. Eines von beidem musste wohl zutreffen.

Grinsend steckte Lukie den Shilling ein und führte das Pferd zur Tränke.

Der Herr streifte die Handschuhe ab und steckte sie weg. „Verzeihung, aber ich suche nach einem gewissen Gentleman.“

Beinah wäre Lukie das Lächeln entglitten. „Ach? Wen suchen Sie denn?“

„Einen Mann. Er ist ziemlich groß, über sechs Fuß, schlank, aber muskulös, schwarze Haare und Augen von einem sehr ungewöhnlichen Grünton.“ Die blauen Augen des Herrn musterten Lukie durchdringend. „Kennst du ihn?“

Lukie klopfte das Herz bis zum Hals. Verstohlen blickte er zur Tür des Gasthauses und wieder zurück. „Nein, Meister. Von so einem Mann, den Sie beschreiben, hab ich noch nie gehört.“

„Hmm. “ Ein leises Lächeln huschte über das Gesicht des Mannes, als auch er zur Tür blickte. „Verstehe. Trotzdem vielen Dank.“ Damit wandte er sich um und ging zum Gasthof. Vor der Tür blieb er stehen und griff kurz in seinen Rock.

Im Licht der Laterne, die über der Tür hing, konnte Lukie gerade noch die Pistole ausmachen, die im Hosenbund des Mannes steckte.

Mit weit aufgerissenen Augen sah er zu, wie der Mann seinen Rock richtete und dann den Gasthof betrat. Lukie hatte das dringende Gefühl, dass er die Leute lauthals warnen sollte, wusste aber irgendwie, dass es nicht besonders klug wäre, wenn er ein großes Geschrei veranstaltete. Nein, da war es besser, still abzuwarten und sich bereitzuhalten, für den Fall, dass er gebraucht wurde.

Außerdem würde Gentleman Jack mit dem Kerl nötigenfalls schon fertig werden. Niemand war größer, schneller oder waghalsiger als er. Niemand konnte so mit dem Degen umgehen wie Jack. Beruhigt führte Lukie das Pferd des Gentlemans in den Stall.

Reeves trat derweil durch die Tür in die Schenke. Wenn er gehofft hatte, sich still hereinschleichen zu können, so wurde er enttäuscht. Die krakeelenden Gäste stellten abrupt sämtliche Gespräche ein und betrachteten ihn mit unfreundlichen Blicken.

Unter dem Rock tastete Reeves nach der Pistole, und das kalte Metall schmiegte sich beruhigend in seine Hand. Gewalt lag ihm nicht, doch es war dumm, sich nicht zu wappnen. „Verzeihung“, sagte er ruhig. „Mein Name ist Reeves, und ich suche nach einem Gentleman.“

Eines der Barmädchen kicherte. „Da haben Sie sich den falschen Ort rausgesucht, Schätzchen, Gentlemen haben wir hier nicht.“

Das rief großes Gelächter hervor und ein oder zwei gutmütige Proteste. Reeves wartete ab, bis sich der Aufruhr legte, und nutzte das allgemeine Gewühl, um sich umzusehen.

Das „New Inn“ war keineswegs neu, wie es sein Name nahegelegt hätte, sondern bereits mehrere Jahrhunderte alt. Die niedrigen Holzdecken waren rußig von den vielen rauchigen Abenden. Steine von der Felsküste umrahmten den riesigen Kamin, in dem ein ganzer Stapel Holz loderte. Am Boden hatte der Zahn der Zeit besonders genagt: Vor dem Tresen war er schon ausgetreten von all den durstigen Gästen, die dort um eine Erfrischung angestanden hatten. Auf einer Seite verschwand eine schmale Treppe nach oben.

Die Gäste sahen aus wie Landarbeiter und Tagelöhner, hier und da saß eine zwielichtige Gestalt dazwischen. Reeves wartete, bis das Gelächter verklungen war, ehe er seine Frage ein wenig konkretisierte. „Ich suche nach einem bestimmten Herrn, nach einem gewissen Christian Llevanth.“

Darauf erhielt er keine Antwort, nur ausdruckslose Blicke und Schulterzucken. Zwei Männer an der Tür - ein kleiner, schlanker Bursche mit merkwürdig rundem Gesicht und schmalen Augen und ein rothaariger Riese mit grimmiger Miene - schienen ihm seine Anwesenheit besonders übel zu nehmen.

Reeves räusperte sich. „Wenn Christian Llevanth nicht da ist, könnte ich mich dann nach Gentleman Jack erkundigen?“ Wieder war der Schankraum von kaltem, angespanntem Schweigen erfüllt.

Ein Mann mit braunem Haar und dickem Hals starrte Reeves erbost an. „Sie sind nich’ zufällig ’n Konstabler, was?“

„Nein, ich will ihm nichts Böses.“

Der Mann lachte, doch seine Augen blickten kalt. „Das behaupten sie alle.“

Sein Gefährte, ein schwarzhaariger Kerl mit Augenklappe, grinste verbissen. „Ich wär vorsichtig, wen ich ausfrage. Manche nehmen es vielleicht übel, wenn man ihnen unterstellt, sie würden sich mit ’nem allseits bekannten Straßenkehrer rumtreiben.“

„Ich will niemanden hier beleidigen, aber ich habe Nachricht vom Vater des Gentlemans.“

Dies rief erneut Unruhe hervor. Der rothaarige Riese hievte sich auf die Füße, und sofort trat Stille ein. „Ich denke, Sie sollten jetzt lieber gehen. Wir wollen hier keine Fremden.“ „Ich muss Christian Llevanth finden. Wenn Sie ihm zufällig begegnen sollten, würden Sie ihm bitte ausrichten, dass ich für ihn eine Nachricht von seinem Vater habe?“

„Nein“, erklärte der Riese und reckte störrisch das Kinn. „Ich richt ihm gar nix von Ihnen aus, Sie aufgeblasener ...“ „Willie!“, ertönte eine männliche Stimme von der Treppe. „Halt die Klappe.“

Reeves wandte sich um, während der Gentleman die Treppe herunterkam. Auch wenn er so groß wie sein Bruder war, war Christian nicht so raumgreifend, da er schlanker und eleganter gebaut war. Seine Kleidung war von guter Qualität. Der Umhang glänzte, wie es nur feinste Wolle vermochte. Seine Breeches saßen hervorragend, und das Hemd kündete von feinstem spanischen Leinen. Der eng anliegende Schnitt seines Gehrocks verriet den französischen Ursprung. Doch alles, was er trug, selbst sein Krawattentuch, war ebenso kompromisslos schwarz wie sein Haar. Das einzig Farbige an ihm waren der funkelnde Rubin in seinem Halstuch und das blitzende Silber des reich geschmückten Degens.

Er sah genau wie das aus, was er war - ein Dieb, wenn auch ein eleganter. Mit anmutigen Bewegungen durchquerte Christian den Raum.

Der rothaarige Riese betrachtete Reeves von oben bis unten. „Also ich finde, der sieht aus wie ein Schucker.“

„Ein Schucker?“, fragte Reeves.

Der Riese schnaubte verächtlich. „Na, ein Sbirre. Ein Spitz.“

„Mein Freund Willie meint, Sie sehen aus wie ein Konstabler.“ Christian lächelte. Seine hellen grünen Augen brannten vor Neugier, als er zu Reeves herübergeschlendert kam. „Ich glaube, Willie hat’s erfasst.“

„Ich bin keineswegs ein Konstabler.“

Willie betrachtete ihn noch einmal und grinste dann selbstgefällig. „Aye. Dazu hat er vielleicht doch nicht genug Mumm.“

„Willie will damit sagen“, erklärte Christian und setzte sich an einen leeren Tisch am Feuer, „dass er glaubt, Sie hätten nicht ... “

„Ich habe schon verstanden, was Mr. William meint, Mylord.“

„Mylord?“ Christians Lächeln wurde noch breiter, sodass seine Zähne in der dunklen Taverne weiß aufblitzten. „Da liegen Sie aber ganz daneben, mein Freund, wer Sie auch sein mögen.“

„Ich liege keineswegs daneben“, erwiderte Reeves sanft. „Ich bringe Neuigkeiten. Erschreckende Neuigkeiten, fürchte ich.“

Christian erstarrte. Der Riese öffnete den Mund, doch der andere hob die Hand.

Der Riese trat unruhig von einem Bein auf das andere. „Jack?“, fragte er. „Was ist denn?“

Christian wandte seinem Gefährten das Gesicht zu. Es war vollkommen reglos. „Mein Vater.“

„Der Herr da ist dein Vater?“

„Nein. Mein Vater war ein Earl. Und jetzt ist er anscheinend tot.“ Er sah Reeves um Bestätigung heischend an. Sein Gesicht war bleich.

Reeves nickte. „Leider ja, Mylord.“

Christian schüttelte den Kopf, wie um Klarheit in seine Gedanken zu bekommen. „Das ist seltsam. Irgendwie hatte ich immer gedacht, er würde ewig leben. Wie komme ich nur auf so eine Idee?“ Er schwieg eine Weile, starrte ins Feuer, als suchte er dort etwas.

Plötzlich kam er mit einem Ruck wieder zu sich und warf Reeves einen raschen Blick zu. „Tut mir leid. Ich war in Gedanken. Wollen Sie sich nicht setzen?“ Er zwinkerte dem Schankmädchen zu, das ihnen daraufhin kichernd zwei Krüge Bier brachte. Christian gab ihr eine Münze und sah geistesabwesend zu, wie sie das Geldstück provozierend im Ausschnitt verschwinden ließ.

„Sie sind hier in der Gegend gut bekannt“, sagte Reeves höflich und setzte sich Christian gegenüber hin.

Christian drehte einen leeren Stuhl zu sich herum und stützte sich mit den Stiefeln auf der Sitzfläche ab. „Es zahlt sich aus, sich mit den Einheimischen gut zu stellen.“

Willie warf Reeves einen warnenden Blick zu. „Sam und ich sind ganz in der Nähe, direkt an der Tür.“

Christian nickte abwesend. Er wartete, bis sein Diener außer Hörweite war, dann fragte er: „Wer sind Sie?“

„Der Butler Ihres Vaters.“

„Wie haben Sie mich gefunden?“

„Das war nicht einfach. Wie alle anderen habe ich angenommen, dass Sie nach Ihrer Flucht vor dem Schiffsdienst nach London gingen, um in der Nähe Ihrer Mutter zu sein. “ „Sie starb vor meiner Ankunft. Ich wusste, dass sie krank war, hatte aber keine Ahnung, wie ernst es um sie stand.“ „Das muss ein ziemlicher Schock gewesen sein.“

Christian nahm einen Schluck aus seinem Krug. „Sie haben ja keine Ahnung.“

„Nein, Mylord. Am Anfang der Suche haben wir in jedem Waisenhaus, jeder Hafenfabrik und jeder Hafenkneipe nach Ihnen gesucht. Dann wurde uns klar, dass wir unsere Suche vielleicht zu weit unten angesetzt hatten.“

Christians Lippen zitterten leicht. „Ich war der Sohn eines Earls. Und nicht irgendeines Earls.“

„Natürlich, Mylord. Genau die Haltung Ihres Vaters. Sobald mir das klar geworden war, dauerte es nicht lange, ehe ich die erste Spur hatte. Hier eine Spur, da eine Information.“ Reeves begegnete Christians Blick. „Sie haben den Namen und den Titel Ihres Vaters in diversen Variationen benutzt. In Bainbridge haben Sie sich Viscount Westerville genannt. In Bath Lord Rochester Stuart.“

„Ein ganz gewöhnlicher Trick. Wenn man eine andere Identität annimmt, sollte man immer einen Namen wählen, an den man sich im Ernstfall auch erinnert.“

„Ein sehr guter Ratschlag, Mylord. Ich werde versuchen, ihn mir einzuprägen. Mr. Dunstead, der Anwalt des alten Earls, hatte in London eine Beschreibung von Ihnen aufgetrieben.“

„In London?“

„Ja, Mylord. Von der Tochter des französischen Botschafters. Er sagt, Sie hätten das Herz seiner Tochter gestohlen, obwohl er sich mehr über den Verlust ihrer Juwelen aufzuregen schien.“

Ein träumerisches Lächeln huschte über Christians Gesicht. „Michelle war ...“, er küsste seine Fingerspitzen, „... einfach magnifique. “

Reeves gestattete sich ein schmales Lächeln. „Freut mich, das zu hören. Gentleman Jack scheint recht erfolgreich.“ „Die Vorteile wiegen weitaus schwerer als die Gefahren.“ Christian nahm noch einen Schluck. „Dann ist mein Vater also tot. Hmm. Ich kann keine Trauer empfinden.“

„Er hat Ihnen den Titel eines Viscount Westerville hinterlassen, während Ihr Bruder Tristan nun neuer Earl ist.“ Christian erstarrte. „Tristan?“

„Ja. Er lebt, und es geht ihm gut. Obwohl ich annehme, dass Sie das wissen.“

Ein verschlossener Ausdruck trat in Christians Gesicht. „Vielleicht. Das Schicksal eines Kriegshelden ist ziemlich einfach zu verfolgen. “

„Sie haben ihn doch schon viel länger beobachtet. Als der Anwalt Ihres Vaters sich nach Ihrem Bruder auf den Schiffswerften umhörte, war vor ihm schon jemand anders da gewesen.“

Christian trank von seinem Krug. Seine langen Wimpern verbargen seine Augen. „Vielleicht. Sagen Sie, Reeves, wie ist es meinem Vater gelungen, uns die Titel zu hinterlassen? Unsere Mutter hat Rochester doch nie geheiratet.“

„Ihr Vater hat kurz vor seinem Tod alles in Ordnung gebracht. “

„Wie?“

Auf Reeves’ Gesicht erschien ein schwaches Lächeln. „Ist das denn wichtig?“

„Vermutlich nicht.“ Christian schüttelte den Kopf. „Ich kann es immer noch nicht glauben. Wo ist Tristan jetzt? Ich weiß, dass er verletzt wurde. Ich habe in London nach ihm gesucht, aber als ich ankam, war er schon wieder weg. “ „Wie es der Zufall will, wohnt er nicht weit von hier.“ Christian lachte ungläubig. „Hier? Das kann doch nicht stimmen!“

Reeves lächelte. „Es war Ihnen vorherbestimmt, sich wiederzusehen, auch ohne meine Ankunft - nur dass es dann unter weniger glücklichen Umständen hätte geschehen können.“ Er legte den Kopf schief. „Auch wenn Sie Ihrer Mutter ähneln - Ihr modisches Flair haben Sie ganz bestimmt von Ihrem Vater.“

Christian lächelte bitter und hob den Krug. „Auf das Flair meines Vaters. Möge es mir zugutekommen.“

Reeves hob ebenfalls den Krug und prostete Christian zu, ehe er vorsichtig einen Schluck nahm.

„Willkommen in meiner Welt, Reeves. Üppige, willige Weiber und bitteres Bier, dazu die Aufregungen der Straße.“ „Aufregungen ... und Gefahren. Master Christian, ich sage es nur zögernd, aber ich glaube, nun ist es an der Zeit, sich einen anderen Beruf zu suchen.“

Christian grinste schief. „Ein Kriegsheld und Earl kann keinen Straßenräuber als Bruder brauchen.“

„Ich glaube nicht, dass der Earl Ihnen da zustimmen würde.“

„Er war schon immer störrisch wie ein Maulesel.“ Christian warf Reeves einen ernsten Blick zu. „Sonst geht es ihm gut?“

„Ich glaube, ja. Er hinkt immer noch, von der Verletzung, wissen Sie. Ich glaube nicht, dass sich das je verlieren wird. Aber seine Männer sind noch bei ihm; sie treiben ihn in den Wahnsinn.“

„Seine Männer? Dann segelt er also noch?“

„Nein“, sagte Reeves. „Sie sind zu ihm gekommen. Er besitzt in Devon ein Haus oberhalb der Felsenküste.“

„Dort lebt er mit seiner Mannschaft?“

„Mit denjenigen, die nicht länger zur See fahren können. Sie verehren ihn.“

Ein leises Lächeln spielte um Christians Lippen. „Sie sind seine Familie. Wenn man selbst keine Familie hat, nimmt man die verlorenen Seelen auf, die einem ins Leben stolpern.“

Der Butler blickte zu Willie, der an der Tür stand und das Treiben im Raum finster betrachtete.

Christian folgte Reeves’Blick. „Ja, er ist einer.“

Das Feuer flackerte, als ein Windstoß in den Kamin fuhr. Rauch quoll in den Raum.

„Ich glaube, Ihr Vater bedauerte es, dass er sich nicht mehr um Sie kümmerte.“

„Und ich bedauere, dass ich ihm nicht mit dem Degen die Kehle aufgeschlitzt habe. “

„Es überrascht mich, dass Sie es nicht getan haben.“

„Ich hatte nicht das Recht, Tristan den Vater zu nehmen.“ Christian zuckte mit den Schultern. „Außerdem hatte ich anderweitig zu tun.“

„Ja, Mylord. Das Amt des Straßenräubers scheint mir ein enorm zeitraubendes zu sein. “

In Christians grünen Augen glomm Belustigung auf. „Ich bin nicht nur ein Straßenräuber. Ich bin auch ein Gentleman, der sich gelegentlich dem Landleben widmet. Mein Grundbesitz ist sogar recht groß.“

„Das überrascht mich nicht, Mylord. Sie sind sehr findig. Wie Ihr Vater.“ Der Butler legte eine Pause ein. „Er war ein guter Verwalter und ein guter Dienstherr. Leider war er mit seinen Liebschaften auch sehr freizügig. Ein großes Wasser, aber nicht sehr tief.“

Christian lächelte widerstrebend. „Der alte Earl war in jeder Hinsicht ein Schurke.“

„Ja, Mylord. Obwohl er bei seinen Krawattentüchern einiges Geschick bewies.“

„Da ist Gott sicher sehr beeindruckt. Erzählen Sie mir von Tristan. Genießt er es, jetzt Earl zu sein? Hat er mit dem Vermögen halb London aufgekauft?“

„Er hat das Geld noch nicht. In vier Wochen kommen die Treuhänder, um zu prüfen, ob er des Earlstitels überhaupt würdig ist. Wenn er ihre Zustimmung erringt, erhält er eine sehr große Summe Geld. Wenn nicht, wird das Vermögen der ohnehin schon sehr großzügigen Summe aufgeschlagen, die der alte Earl Ihnen vermacht hat. Vorausgesetzt natürlich, dass Sie den Beifall der Treuhänder erlangen können.“

„Ein Earl ohne Geld. Mein Vater hat sich also auch noch auf dem Totenbett den exquisiten Sinn für Humor bewahren können.“ Christian merkte, dass er den Bierkrug krampfhaft umklammerte. Er lockerte den Griff und sagte ausdruckslos: „Dann bin ich jetzt also tatsächlich Viscount Westerville.“

„Ihr Vater hat Ihnen den Titel und zehn Pfund Jahreseinkommen hinterlassen.“

Christian pfiff.

„Werden Sie es annehmen?“

„Sind Sie verrückt? Natürlich nehme ich es an, mit Freuden!“

Reeves seufzte. „Endlich jemand Vernünftiges.“

Christian lachte. „Dann hat Tristan es nicht annehmen wollen?“

„Er sagte, lieber würde er ... wie hat er es formuliert? Es hatte etwas mit tieferen Regionen zu tun, die er abbrennen wollte.“

„Typisch Tristan. Er sieht alles nur in Schwarz und Weiß. Nichts als Stolz, der Junge. Ich jedoch werde es genießen, das Geld des Earls auszugeben, während er im Höllenfeuer schmort. “

„Wie schön zu sehen, dass Sie nicht verbittert sind“, erklärte Reeves trocken.

Christians Miene verfinsterte sich so rasch, wie sie sich vorhin aufgehellt hatte. „Wissen Sie, was er meiner Mutter angetan hat? Dass er sie im Gefängnis verrotten ließ? Eines Verrats angeklagt, den sie nicht begangen hatte?“

„Mylord, vielleicht hatte er einen Grund ...“

Christian knallte den Bierkrug auf den Tisch, ohne auf die erschrockenen Blicke ringsum zu achten. „Meine Mutter ist in einer feuchten Gefängniszelle gestorben, wegen eines Verbrechens, das sie nicht begangen hatte, allein und voller Angst. Er wusste es und tat nichts, um ihr zu helfen.“ „Mylord ..."

„Nein. Kein Wort mehr. Ich habe es mir zur Aufgabe gemacht, so viel wie möglich über die Geschichte in Erfahrung zu bringen. An ihrem Schicksal kann ich jetzt nichts mehr ändern, aber eines Tages werde ich herausfinden, wer für diesen Schmerz verantwortlich war. “

Reeves sah in Christians brennende grüne Augen. „Es tut mir leid.“ Mehr konnte er nicht sagen.

„Mein Vater war ein Dreckskerl, durch und durch. Ein Gentleman von Geburt, aber nicht im Herzen.“ Christian trank seinen Krug leer, stellte ihn auf den Tisch und bedeutete dem Serviermädchen, dass er noch einen wollte. „Ich bin ein Viscount.“ Er lächelte bitter. „Wie amüsant.“ „Gewiss wird Ihr Bruder sich gern mit Ihnen über die Besonderheiten eines Adelstitels austauschen.“

Christian nahm den neuen Krug entgegen und zwinkerte dem Schankmädchen zu. Dann wandte er sich wieder an Reeves. „Verraten Sie meinem Bruder nicht, dass Sie mich gefunden haben.“

„Aber Mylord! Warum denn nicht?“

„Ich muss noch ein paar Sachen erledigen, wenn ich in sein Leben zurückkehren will. Wie es klingt, braucht er nicht noch mehr Probleme, als er ohnehin schon hat.“ Christian schob seinen Krug zur Seite. „Geben Sie mir eine Woche. Vielleicht etwas länger. Ich werde mich dann mit Ihnen in Verbindung setzen.“

Reeves seufzte. „Wie Sie wünschen, Mylord.“

„Wenn Sie oder mein Bruder mich bis dahin brauchen sollten, schicken Sie mir eine Nachricht.“

„Sehr wohl. Eines Tages müssen wir etwas ausführlicher über Ihren Vater sprechen, aber jetzt ist offensichtlich nicht der geeignete Zeitpunkt.“ Reeves stand auf und verbeugte sich. „Ich bin froh, dass ich Sie endlich gefunden habe. Ich habe es dem alten Earl versprochen.“

„Sie sind sehr loyal gegenüber einem Mann, der diese Treue gar nicht verdient hat.“

Reeves lächelte. „Sein Benehmen Ihnen gegenüber war gewiss nicht dazu angetan, Zuneigung zu wecken, zu mir war er hingegen ganz anders. Ich stehe in seiner Schuld. Und ich bin ein Mensch, der seine Schulden zu zahlen pflegt.“ Reeves legte Schal und Handschuhe an. „Ich werde Sie nun verlassen, Mylord. Aber hoffentlich nicht für lange.“

„Das ziehe ich nicht an.“

Reeves sah auf die Weste. „Dürfte ich fragen, warum nicht?“

Tristan verzog das Gesicht. „Ich mag Westen nicht, und vor allem mag ich die hier nicht.“

„Mylord, es wird uns leichter fallen, die Treuhänder davon zu überzeugen, dass Sie des Vermögens würdig sind, wenn Sie Ihre Rolle auch rein äußerlich verkörpern. Mrs. Thistlewaite schien der Ansicht, dass Sie letzte Woche große Fortschritte gemacht haben, daher sind ein paar neue Kleidungsstücke an diesem Punkt unbedingt erforderlich.“

„Ich habe nichts dagegen, wie ein Gentleman auszusehen. Aber ich hab was dagegen, dieses verdammte rosa Ding anzuziehen!“

„Die Weste ist nicht rosa. Sie ist flohfarben.“

Tristan trug die Weste ans Fenster und zog den Vorhang zurück. Er musterte den Stoff. „Nein. Sie ist rosa.“

„Sie ist flohfarben“, erklärte Reeves mit äußerster Geduld. „Ich könnte mir allerdings vorstellen, dass Sie diese Farbe noch nicht oft zu Gesicht bekommen haben. Vermutlich werden Segel nicht in dieser Farbe hergestellt.“

„Darauf können Sie Gift nehmen!“

Reeves räusperte sich.

Tristan seufzte. „Tut mir leid. Ich wollte sagen: allerdings nicht. Es ist mir nur so herausgerutscht.“

„Es ist schon viel besser geworden, Mylord. So etwas braucht eben Zeit. “

Zeit war allerdings etwas, was Tristan nicht im Überfluss zur Verfügung stand. Obwohl er letzte Woche einen Großteil des Tages mit der wunderbaren Prudence verbracht und weitaus mehr über die Sitten des ton gelernt hatte, als er je hatte wissen wollen, lag es ihm schwer auf der Seele, wie rasch die Tage vergingen. Schlimmer noch, seine finanzielle Lage wurde anscheinend immer schwieriger. Erst diesen Morgen hatte er den Arzt gerufen, damit er sich Old John Marleys schlimmes Bein ansah. Das Ergebnis verhieß nichts Gutes: Die Heilung würde Wochen, vielleicht sogar Monate dauern und jede Menge Arznei erfordern.

Tristan seufzte. Er brauchte ein Vermögen. Sofort.

Daher hatte er sich bemüht, sich als williger und gelehriger Schüler zu erweisen, wenn Prudence zu ihm kam. Selbst das war schwierig. Anscheinend war er nicht in der Lage, sich an die eng gesteckten Grenzen des Anstands zu halten, wenn sie bei ihm war. Er lernte eine ganze Menge, er wusste, was er tun durfte und was nicht. Aber in ihrer Nähe schienen ihm die Regeln so ... bedeutungslos. Eine Verschwendung.

Der Unterricht war für ihn zu einer Art süßen Qual geworden. Die Atmosphäre zwischen ihnen lud sich mit jedem Tag mehr auf. Doch was noch wichtiger war: Er dachte inzwischen die ganze Zeit an sie und hegte allmählich den Verdacht, dass er sie vermissen würde, wenn der Unterricht vorüber war.

Vielleicht würde er sie bitten, ihn auch weiterhin zu unterrichten, nur würde er diesmal darauf bestehen, dass sie nicht so viele Kleider trug. Er stellte sich ihr Gesicht vor, wenn er ihr diese Forderung vortrug. Der Gedanke entlockte ihm ein Lächeln.

Reeves’ Stimme unterbrach Tristans Überlegungen. „Worüber lächeln Sie, Mylord?“

„Ach, nichts weiter. Ich musste nur an etwas denken, was Prudence gesagt hat.“

Reeves schürzte die Lippen. „Sie meinen wohl Mrs. Thistlewaite?“

„Ich meine Prudence.“

„Korrekter wäre es ... “

„Ich mag vielleicht Ihre verflixte Weste anziehen, aber der Teufel soll mich holen, wenn ich Prudence anders nenne als mit ihrem Vornamen!“

Reeves verbeugte sich. „Wie Sie wünschen, Mylord.“ „Gut“, erwiderte Tristan. Er fühlte sich wie ein Schurke, weil er den Butler so angeschrien hatte, dabei hatte Reeves in seinem Leben wirklich sehr viel Gutes bewirkt. Nicht nur, dass er besseres Essen bekam - er durfte es jeden Tag mit der reizendsten Gefährtin teilen, die man sich nur vorstellen konnte.

Tristan befühlte die Weste. „Wenn ich die an Bord getragen hätte, wäre ich dort gnadenlos ausgelacht worden.“ „Zweifellos von Seeleuten, die über dasselbe Modebewusstsein verfügen wie Sie.“ Herausfordernd hob Reeves eine Augenbraue. „Nachdem Sie von Flohfarben ...“ „Rosa.“

„... von Flohfarben nichts halten, werde ich nach einer anderen Weste suchen, die Ihnen hoffentlich mehr zusagt.“ Bedächtig legte Reeves die Weste über seinen Arm und kehrte zu dem Kasten am Fußende des Bettes zurück. Er faltete das Kleidungsstück, schlug es in Seidenpapier und legte es behutsam in die Kiste zurück. Dann begann er, zwischen den anderen Kleidungsstücken zu suchen, die noch im Kasten waren, hielt aber noch einmal inne und warf Tristan einen ziemlich ironischen Blick zu. „Bevor ich anfange, gibt es irgendwelche anderen Farben, die Sie nicht tragen wollen? Blau? Violett?“

„Gelb.“

„Was haben Sie denn gegen Gelb?“

Tristan grinste. „Mit Gelb wirke ich so blass.“

Einen Augenblick spielte ein Lächeln um Reeves’ Lippen, doch er unterdrückte es rasch. „Ich werde versuchen, dies zu berücksichtigen, Mylord. “ Er beugte sich wieder über die Kiste und tauchte einen Augenblick später mit einer neuen Weste auf.

Tristan trat einen Schritt zurück. „Herr im Himmel!“ Reeves begutachtete die Weste. „Was denn?“

„Die glänzt ja!“

„Oh. Nun ja. Es ist eine silberdurchwirkte Weste mit blauem Litzenbesatz. Das ist derzeit sehr aktuell. Sie kommt direkt aus Frankreich, und ...“