14. KAPITEL
Gesellschaftliche Ereignisse sind der Prüfstein für die Effizienz des Kammerherrn. Ist sein Dienstherr gut gekleidet? Befinden sich auf dem Leder etwa Fingerabdrücke? Flecken auf dem Samt? Falten in der Weißwäsche? Dies sind die Fragen, nach denen ein Kammerherr beurteilt wird.
Leitfaden für den vollkommenen Butler und Kammerherrn von Richard Robert Reeves
Am Tag der Dinnergesellschaft kam Prudence um Punkt sieben Uhr im Cottage des Captains an. Es war schon dunkel, ein leiser Donner grollte, und in der Feme zuckten Blitze. Sie blieb auf der Türschwelle stehen und drehte sich noch einmal um, um das lebhafte Schauspiel zu betrachten, bewunderte die weißen Lichtblitze über der schwarzen See.
Sie liebte Gewitter. Als sie nach Devon gezogen war, erschöpft von all den gewichtigen Problemen, die Phillips Tod und Beerdigung begleitet hatten, hatte sie das Wetter zuerst als bedrückend empfunden. Der Himmel war ebenso dunkel und grau wie ihre Stimmung. Doch allmählich hatte sich ihre Einstellung geändert.
Nun hieß sie den reizbaren Wind willkommen, den stolzen Regen. Die Wildheit ließ sie spüren, dass sie am Leben war. Genau wie der Earl. Sie musste über ihren eigenen Unsinn lächeln. Entschlossen wickelte sie den Mantel enger um sich, reckte das Gesicht in den Wind und sog die eiskalte Luft in die Lungen.
Es war befreiend, berauschend, aber auch ziemlich kalt. Sie war froh, dass der Earl sie mit der Kutsche hatte abholen lassen, sonst hätte sie die Naturgewalten vielleicht nicht so genießen können. Mit leisem Seufzen wandte sie sich zur Tür und klopfte an.
Fast sofort machte Stevens ihr die Tür auf. „Da sind Sie ja, Madam. Ich hab auf Sie gewartet!“
Ohne zu fragen, half er ihr aus dem Mantel und trat dann einen Schritt zurück, als er ihr Kleid sah. „Kreuzwetter, Madam! Sie sehen heute Abend ja wirklich fesch wie ein Silberpenny aus!“
Prudence errötete und strich sich unbewusst die blaue Seide glatt. Das Kleid gehörte eigentlich ihrer Mutter und war deren beste Robe. Prudence war überrascht gewesen, als ihre Mutter es ihr aufs Zimmer gebracht hatte.
Es war aus glänzender blauer Seide unter weißem Tüll gearbeitet und mit blauen und rosa Röschen mit winzigen grünen Blättern besetzt. Der Rock war tief angesetzt. Das weiße Netzgewebe war in der Mitte geschlitzt, sodass die blaue Seide zur Geltung kam. Die Ärmel waren dreiviertellang und mit einem weißen Band geschmückt.
Es war ein wunderschönes Kleid. Allerdings hatte Prudence noch nie einen so tiefen Ausschnitt getragen, und auch wenn er mit weißer Spitze verziert war, diente das doch eher dazu, das Dekollete zu betonen, als es zu kaschieren.
Sie hatte ihrer Mutter vorgeschlagen, sie könnte doch noch etwas Spitze in den Ausschnitt nähen, doch ihre Mutter hatte die Idee abgeschmettert, indem sie erklärte, dass Prudence jetzt ja Witwe sei und längst nicht mehr in der ersten Jugendblüte stehe.
Prudence runzelte die Stirn, als sie sich in dem Spiegel in der Eingangshalle sah. Vielleicht hatte ihre Mutter recht, Prudence war schließlich einunddreißig - entschieden zu alt für mädchenhaft-zimperliche Anwandlungen und falsche Bescheidenheit. Sie sollte lieber das genießen, was ihr gegeben war.
„Sie sehen aus wie eine Fregatte auf spiegelglatter See, wenn der Vollmond scheint“, erklärte Stevens poetisch und betrachtete sie voll Bewunderung. „Der Käpt’n wird sich freuen, wenn er sieht, wie fein Sie sich gemacht haben.“ Der Butler hängte ihren Umhang am Haken an der Tür auf. „Danke, Stevens. Wo ist der Earl denn?“
„In seinem Zimmer. Reeves hilft ihm beim Anziehen. Der Käpt’n - ich meine, der Earl - sieht auch aus wie aus dem Ei gepellt.“ Er führte sie den Flur hinunter. „Der Käpt’n -ich meine, der Earl - hat sich ein bisschen gegrault vor dem heutigen Abend, und ich dachte, vielleicht geht es Ihnen ja ähnlich, und so hab ich den Sherry rausgestellt, für den Fall, dass Sie ein Schlückchen trinken wollen, um sich aufzumuntern.“
„Danke, Stevens. Ein Gläschen Sherry ist jetzt genau das Richtige.“
Stevens legte den Finger an die Nase und nickte weise. „Ich weiß so was immer im Voraus, müssen Sie wissen. Das ist eine Gabe. Meine Mum konnte das auch.“
„Nun, was für Geister es auch waren, die Ihnen etwas ins Ohr geflüstert haben, ich bin froh, dass sie es taten.“
Mit stolzgeschwellter Brust öffnete Stevens ihr die Tür zur Bibliothek, trat zur Seite und ließ sie ein.
Prudence fielen all die positiven Veränderungen auf, die Stevens’ Manieren seit ihrer ersten Begegnung erfahren hatten, als sie gekommen war, um sich wegen des Schafes zu beschweren. Komisch, bisher war es ihr gar nicht aufgefallen, aber seit sie den Earl unterrichtete, war kein Schaf mehr über das Gartentörchen gesprungen. Wirklich seltsam ...
„Hier ist der Sherry. Ich hab auch ’nen Schluck probiert, aber mir ist er ein bisschen zu süß.“ Stevens goss ihr ein Glas ein. „Der Käpt’n - ich meine, der Earl - wird unten sein, sobald Master Reeves ihn überredet hat, die rosa Weste anzuziehen.“
Prudence nahm das Glas vom frischgebackenen Butler entgegen. „Rosa?“
„Für mich und den Käpt’n - ich meine, den Earl - hat es ausgesehen wie Rosa, aber Reeves meinte, nein, das wär kein Rosa. Er hat es ,Flohfarben genannt, aber das kann ich mir gar nicht vorstellen, erst wird man von den Biestern gebissen, und dann nennt man eine Weste nach ihnen! “
Sie hätte sich beinah an ihrem Sherry verschluckt. „Das tut mir leid. Aber ich glaube, Flohfarben ist eine sehr modische Farbe und wird in den höchsten Kreisen getragen.“ „Aye, schon möglich. Aber ob mit oder ohne Floh, die Weste ist rosa, und Rosa ist keine Farbe für einen Mann, vor allem nicht für einen Mann wie den Captain. Ist fast so, als würde man aus einem herrlichen Hengst einen Wallach machen.“ Stevens straffte die Schultern. „Und apropos, ich glaube, ich schau besser mal nach, ob Reeves Hilfe braucht. Benötigen Sie noch etwas, bevor ich Sie hier sitzen lass?“
Lächelnd schüttelte Prudence den Kopf. „Stevens, Sie sind ja wirklich schon ganz der Butler geworden. Sie klingen genau wie Reeves.“
Stevens strahlte über beide Wangen. „Finden Sie wirklich? Er hat mir schon ’ne Menge beigebracht, obwohl das eine ganz schöne Last ist, wenn man immer alles falsch macht.“ „Das glaube ich gern“, murmelte Prudence. Sie sah auf die Uhr auf dem Kaminsims. „Hoffentlich braucht der Earl nicht mehr allzu lange, sonst kommen wir zu spät.“
Stevens hob die Hand. „Keine Angst! Ich mache ihm schon Feuer unter dem Hintern! Warten Sie nur, bis Sie den Captain in seinen neuen Kleidern sehen, damit werden ihm alle Damen nachlaufen! “ Stevens schien dieser Gedanke sehr zu faszinieren. „Vielleicht findet er beim Squire ja sogar eine Frau, die er heiraten kann.“
Prudence verspürte einen Anflug von Ärger, der ihr die gute Laune gründlich verdarb. „Wir gehen nicht deswegen zu der Dinnergesellschaft, damit Seine Lordschaft eine Frau findet.“
„Warum nicht? Jetzt hat er doch einen Titel, oder? Und Geld, wenn er diese Treuhänder hinters Licht führen kann. Warum sollte er sich da keine Frau holen? Er wird jemanden brauchen, mit dem er all das Geld ausgeben kann.“ Prudence wusste tausend verschwommene Gründe, die gegen diesen Plan sprachen, konnte aber keinen davon aussprechen. Zum Glück fiel Stevens ein, dass er ja eigentlich zu Reeves’ Unterstützung eilen wollte. Er verbeugte sich, schlitterte aus dem Raum und überließ sie ihren Gedanken.
Prudence nahm noch einen Schluck Sherry. Stevens hatte recht, vielleicht sollte Tristan wirklich daran denken, sich eine Frau zu suchen. Sobald sie seine rauen Kanten geglättet hatte ... Sie hielt inne und stellte sich vor, wie der Earl eine andere Frau anlächelte. Wie er eine andere Frau festhielt. Wie er sie küsste, genauso wie er sie geküsst hatte ...
„Ach, zum Kuckuck“, schimpfte sie, drehte sich um und blickte zur Tür. Plötzlich dröhnte ihr der Kopf. Welche Frau hier am Ort würde wohl etwas mit dem Earl zu tun haben wollen? Der Gedanke ließ sie innehalten. Lieber Gott, alle natürlich.
„Mit dem Earl“, erinnerte sie sich. Tristan war in der Tat ein Earl, und bald würde er auch noch ein Vermögen erlangen. Ein bald sehr vermögender Earl mit aufsehenerregenden grünen Augen und einem schiefen Lächeln, bei dem einem das Herz bis zum Hals schlagen konnte. Es ging nicht darum, wer vielleicht Interesse am Earl haben könnte, sondern eher darum, wer nicht.
Rasch ließ sie die Damen, die an der Dinnergesellschaft teilnehmen würden, vor ihrem inneren Auge vorüberziehen. Natürlich Mrs. Reed. Bisher hatte die junge Witwe eifrig Pfarrer Oglethorpe nachgestellt, obwohl der sich standhaft geweigert hatte, ihr Interesse zur Kenntnis zu nehmen.
Prudence war sich sicher, dass die widerwärtige Witwe nun, ohne zu zögern, Tristan ins Visier nehmen würde. Prudence rümpfte die Nase. Bedauerlich, dass die Gute so eingebildet war, sonst hätte sie gewusst, dass ihre Nase einige Nummern zu groß war.
Dann war da Miss Simpson, deren Vater der örtliche Friedensrichter war. Sie war zwar ein wirklich hübsches Mädchen, aber Prudence fand sie unerträglich anmaßend. Für so eine Frau konnte Tristan sich doch nicht interessieren, selbst wenn ihr Vater der reichste Mann weit und breit war.
Andere Namen von passenden Damen geisterten durch Prudences Gedanken. O verdammt. Verdammt. Verdammt. Mit mächtigem Stirnrunzeln goss sie sich noch ein Glas Sherry ein.
Reeves trat einen Schritt zurück und betrachtete sein Werk von Kopf bis Fuß. „Mylord, Sie sehen wie ein Gentleman aus.“
Mit zusammengebissenen Zähnen ließ Tristan die Inspektion über sich ergehen. Er fühlte sich wie ein Schiff mit gebrochenem Ruder, das ziellos auf glatter See trieb, unbeständigen Winden und den Launen des Schicksals ausgeliefert.
Reeves nickte. „Sie sehen gut aus, Mylord. Sehr gut.“
„Ich will die rosa Weste nicht tragen.“
„Sie tragen sie doch schon“, erklärte Reeves ihm sanft. „Außerdem ist sie nicht rosa, sondern flohfarben.“
„Das macht es auch nicht besser.“ Tristan wandte sich um, um seinen Uhranhänger vom Tisch zu nehmen, als sein Blick zufällig auf sein Spiegelbild fiel. Groß und breitschultrig stand er da, das Haar sauber zurückgebunden, die Schultern vom schwarzen Frack noch betont. Die einzige Farbe in seinem Aufzug stammte von der flohfarbenen Weste und dem Rubin, der in seinem Krawattentuch funkelte.
Reeves stellte sich hinter ihn. „Sie sehen genauso aus wie er.“
Tristan ballte die Hände zu Fäusten. „Eine Ähnlichkeit, die mir beileibe nicht angenehm ist. “
„Vielleicht sollte es das aber. Ich finde es oft beklagenswert, dass wir uns nicht an dem Guten freuen, das manchmal aus dem Schlechten erwächst.“
Tristan fing Reeves’ Blick im Spiegel auf. „Noch beklagenswerter finde ich, wenn gar nichts Gutes zu finden ist.“ Reeves schürzte die Lippen. „Ich fürchte, hier muss ich Ihnen leider widersprechen, Mylord. Der alte Earl hat Ihnen den Titel und das Vermögen hinterlassen, obwohl ihm auch andere Möglichkeiten offen gestanden hätten. Er hätte einen anderen bedauerlichen Verwandten für legitim erklären und sein Erbe einem anderen vermachen können.“
„Sie haben recht, dafür sollte ich dankbar sein. Und das bin ich auch. Nur nicht ... ihm.“ Tristan sah wieder in den Spiegel, diesmal in seine eigenen grünen Augen. „Hat Christian immer noch nicht von sich hören lassen?“
„Nein, Mylord. Wir können nur hoffen, dass er seine Angelegenheiten regelt, damit er seine Position einnehmen kann, ohne ... “ Reeves biss sich auf die Lippen.
Tristan drehte sich zu dem Butler um. „Ohne was?“
„Es gibt Zeiten, da sollte man die Vergangenheit hinter sich lassen.“
„Was, zum Teufel, soll das heißen?“
„Das zu erklären, überlasse ich Master Christian.“ Tristan betrachtete den Butler frustriert. „Manchmal sprechen Sie wirklich in Rätseln.“
„Das hat man mir schon öfter mitgeteilt.“
„Ich habe es nicht als Kompliment gemeint.“
„So habe ich es auch nicht aufgefasst, Mylord.“ Der Butler seufzte. „Ich frage mich ... wie alt war Master Christian, als Sie ihn zum letzten Mal gesehen haben?“
„Wir waren beide zehn.“
„Das ist nun über zwanzig Jahre her. Möglicherweise hat er sich sehr verändert.“
„Ich würde ihn überall erkennen.“
„Bei gutem Licht und unter korrekten Umständen würde ich Ihnen zustimmen.“
„Was, zum Teufel, soll das bedeuten?“
„Nichts weiter. Nur ... es wäre ganz gut, wenn Sie sich darüber klar würden, dass es den Bruder, den Sie einmal kannten, vielleicht nicht mehr gibt.“
Dieser Gedanke brachte ihn aus der Fassung, gelinde gesprochen. Tristan nahm seinen Stock. „Was auch geschehen ist, ich will ihn in meinem Leben zurückhaben.“
Reeves verneigte sich. „Ich lasse es Sie wissen, sowie ich von ihm höre, Mylord.“
An der Tür klopfte es, und Reeves öffnete sie. Draußen stand Stevens. Er strahlte, als er Reeves sah. „Na so was! Jemand macht mir die Tür auf, wenn ich klopfe! “ „Erstaunlich, nicht wahr?“, meinte Reeves und schloss die Tür.
„Donnerlüttchen, Käpt’n!“ Stevens schüttelte den Kopf. „Als Nächstes ziehen Sie sich noch Weiberröcke an und binden sich eine Schleife ins Haar!“
Tristan hob die Brauen.
Der Erste Offizier errötete. „Ich hab es nicht so gemeint, Mylord! Ist mir nur so rausgerutscht, ich weiß doch, dass Sie nie Weiberröcke und Schleifen anziehen würden! Ich hab doch nur gemeint ... “
„Ich weiß, was Sie gemeint haben“, knurrte Tristan. Stevens seufzte. „Ich war einfach noch ganz atemlos von Mrs. Thistlewaite in der Bibliothek. Wunderschön sieht sie aus, wunderschön!“
„Mrs. Thistlewaite ist immer wunderschön.“ Das entsprach nur der Wahrheit. Selbst wenn ihre Nase rot war vor Kälte, ihr Haar windzerzaust und ihre Kleidung etwas zerknittert von ihrem Marsch zu seinem Cottage, sah sie einfach zum Anbeißen aus.
„Allerdings, sie ist eine prima Frau“, stimmte Stevens zu. „Aber heute Abend sieht sie wie eine richtige Dame aus. Sie werden alle Hände voll zu tun haben, um die ganzen Beaus davon abzuhalten, sich beim Tanzen auf sie zu stürzen, da gehe ich jede Wette ein.“
Tristan runzelte die Stirn. „Beaus?“ Fragend blickte er zu Reeves.
Der Butler nickte. „Das ist doch schließlich Sinn und Zweck einer Abendeinladung. Ein gesellschaftlicher Anlass, um Ausschau nach einer Ehefrau zu halten ... oder einem Ehemann.“
Das hörte Tristan gar nicht gern. Er fragte sich, ob der Arzt wohl auch da wäre, um Prudence anzuschmachten und ihn in den Wahnsinn zu treiben. „Wer auch da ist, sie sollen mir bloß Prudence in Ruhe lassen.“
Reeves ließ sich das durch den Kopf gehen. „Außer natürlich, sie möchte es. Dann dürfen Sie sich wirklich nicht einmischen.“
„Einmischen? Ich werde da sein, um sie zu beschützen!“ „Mrs. Thistlewaite ist kein Kind mehr, Mylord. Wenn sie Sie nicht um Unterstützung bittet, können Sie gar nichts tun. Ich hoffe nur, dass sie jemanden findet, der sie glücklich macht. Sie ist so eine wunderbare Frau.“
Zu Tristans Verärgerung nickte Stevens eifrig. „Sie ist ein prima Frauenzimmer und hübsch für zehn. Wahrscheinlich gibt es jede Menge Herren, die gern mit ihr ... “
„Es reicht!“ Tristan bedachte Stevens und Reeves mit zornigen Blicken. „Ich will kein Wort mehr hören.“
Reeves verbeugte sich. „Wie Sie wünschen, Mylord.“
Mit finsterer Miene ging Tristan zur Tür hinaus und nach unten.
Verdammt, was fiel Stevens ein, Prudence zu unterstellen, dass sie mit irgendwelchen Gästen flirten würde? Zu der Sorte Frau gehörte sie nicht. Er dachte daran, wie sie in seiner Bibliothek vor ihm gestanden hatte, mit offenem Haar, die Lippen von seinen Küssen geschwollen - nun ja, vielleicht gehörte sie ja doch zu dieser Sorte Frau, aber nur mit ihm, verdammt!
Sie gehörte ihm. So lange, bis er mit ihr fertig war oder sie mit ihm. Und er würde keinem anderen erlauben, bei ihr vor Anker zu gehen. Wenn irgendein betrunkener Steuermann damit liebäugelte, bei Prudence an Deck zu springen, würde er den Kerl schon eines Besseren belehren, nötigenfalls auch mit der Pistole.
Mit gewittriger Miene erreichte er den Fuß der Treppe. Zum Glück hatte Stevens erwähnt, dass sich dergleichen Kaperversuche zutragen könnten, andernfalls wäre Tristan vielleicht überrumpelt worden.
Er ging durch den schmalen Flur, der nur beleuchtet wurde von dem Licht, das aus der Bibliothek in die Düsterkeit vordrang, ein Leuchtfeuer an finsterem Gestade. Vor weniger als einem Monat war es hier vollkommen friedlich gewesen, er hatte zugesehen, wie sein Leben an ihm vorüberzog, und nur die Sorge um seine Männer veranlasste ihn jeden Morgen, aus dem Bett zu steigen. Nun waren die Dinge irgendwie klarer ... und hoffnungsvoller.
Tristan blieb vor der Bibliothek stehen und sah an sich herab. Seine Kleidung war weicher, als er es gewohnt war, aber auch enger. Er rückte zum x-ten Mal sein Krawattentuch zurecht, fuhr mit dem Finger hinein, um es etwas zu lockern, wobei er sich sicher war, dass dadurch Knitterfalten entstanden, die Reeves entsetzen würden.
Es war, als machte sich sein Vater noch aus dem Grab heraus bemerkbar, um ihn zu ärgern, um ihn für den Frevel seiner bloßen Existenz zu bestrafen. Aber Tristan war aus härterem Holz geschnitzt.
Von ein bisschen Unbequemlichkeit würde er sich nicht von seinen Plänen abhalten lassen. Er würde seinen Männern helfen, er würde ein richtiges Seemannsheim einrichten, und den Rest würde er einfach vergessen.
Alles, was er brauchte, war das Vermögen, dann könnte er diese ganze alberne Scharade hinter sich lassen. Dann konnte er wieder der sein, der er wirklich war. Und Prudence könnte er dann auch bekommen.
Mit diesem Gedanken betrat er die Bibliothek - und blieb wie angewurzelt stehen. Vor dem Kaminfeuer stand Prudence. Sie trug irgendeine blau-weiße Robe, aber das war es gar nicht, was ihm so auffiel.
Er hatte nur Augen dafür, wie der helle Feuerschein Prudence von hinten beleuchtete und unter dem dünnen Stoff ihre Silhouette offenbarte. Er sah ihre verlockend geschwungenen Hüften und ihre langen, geschmeidigen Beine. Jede Rundung saß genau am richtigen Fleck. Sie war atemberaubend vollkommen, und sie entflammte ihn, ohne dass sie es überhaupt merkte.
„Ah,Tristan! Da bist du ja!“
Ihre weiche Stimme weckte ihn aus der Versunkenheit. Er trat vor, wobei er gegen die Versuchung ankämpfen musste, sie einfach zu packen und in sein Zimmer zu schleppen. Genau das hätte er getan, wenn er er selbst hätte sein dürfen und nicht diese leere Hülle von Earl.
Plötzlich erschütterte ihn ein Gedanke. Was, wenn Prudence sich auf der Dinnergesellschaft unwissentlich vor den Kamin stellte? Alle Männer wären dann doch wie gebannt. Sie würden sie genauso sehen, wie er sie jetzt sehen konnte. In seinen Ohren begann es zu rauschen.
„Gut siehst du aus“, sagte sie. In ihrer Stimme lag ein schüchterner Unterton.
Tristan riss sich mühsam zusammen. „Du auch.“ Er zwang sich, den Blick von ihren Umrissen zu wenden. Dabei fiel sein Blick auf ihr freizügiges Dekollete. Verdammt noch mal, wer hatte ihr erlaubt, ein so gewagtes Kleid anzuziehen? Er konnte sie vielleicht davon abhalten, sich vor den Kamin zu stellen, aber wie sollte er ihre Schultern und ihre Brust bedecken?
Sie lächelte in seliger Unkenntnis seiner wachsenden Bestürzung und ging zur Anrichte, um das leere Glas abzustellen, das sie in der Hand hielt. Er bemerkte, dass sie dabei ganz leicht schwankte.
Er sah auf die beinah leere Karaffe und hätte am liebsten aufgestöhnt. Du großer Gott, er begleitete die schönste Frau der Welt auf ein Fest, und sie war nicht nur zu spärlich bekleidet, sondern auch angeheitert. „Ich will nicht zu dieser Gesellschaft gehen.“
„Du musst aber. Das ist unsere letzte Gelegenheit zum Üben.“ Sie trat an seine Seite, lehnte sich gegen ihn, bis ihre Brüste gegen seine Arme drängten. Ihr Lächeln war warm und einladend. „Hab keine Angst. Ich werde den ganzen Abend bei dir sein.“
Er sah auf sie herab, auf ihre Hand, die auf seinem Ärmel ruhte, direkt daneben der schwellende Busen. Er bedeckte ihre Hand mit seiner. Wenn sie hierblieben, würden sie nur im Bett landen. Das war ihm so klar, als stünde es irgendwo schwarz auf strahlend weiß geschrieben. Vielleicht wäre es besser, in Gesellschaft zu sein. Zumindest bis einer von ihnen sich wieder etwas gefasst hatte.
Tristan hauchte einen Kuss auf ihre Finger. „Ich werde dich nicht aus den Augen lassen.“
„Dann lass uns gehen.“ Damit wollte sie ihn zur Tür ziehen. Sie sah bezaubernd, erregend und sehr sinnlich aus. „Was für ein Abenteuer! “
Tristan folgte ihr und versuchte seine überaus grimmige Stimmung zu ignorieren. Er würde zu dieser verflixten Gesellschaft gehen und sich bei der ersten sich bietenden Gelegenheit wieder verabschieden. Und er würde dafür sorgen, dass Prudence mitkam.
Gott, hoffentlich würde es ein kurzer Abend werden. Einen langen Abend würde er wohl nicht überstehen.