FÜNFZEHN
(I)
»Fühlst du dich besser, Tante Annie?«
»Oh ja, Liebes, das Nickerchen hat gutgetan.« Sie sah ausgeruht und erholt aus, als sie auf dem Hackklotz in der Küche Frühlingszwiebeln in Würfel schnitt. »Aber ich hab’ fast den ganzen Tag verschlafen – meine Güte! Ich bin spät dran mit dem Abendessen!«
»Mach dir keine Sorgen«, sagte Charity. »Pater Alexander und Jerrica sind noch nicht aus Richmond zurück.«
»Ich hab’ nur grad’ dieses brennende Verlangen, den Priester mit richtig guter einheimischer Küche zu beeindrucken. Rote-Bete-Eier, Löffelbrot und meine berühmten Eichhörnchen-Pasties – wie klingt das?«
Eichhörnchen-Pasties. Charitys College-Park-Instinkte schreckten zuerst zurück, doch dann erinnerte sie sich aus ihrer Kindheit daran, wie gut Eichhörnchen schmeckte. Solange ich das Fell nicht sehen oder das Eichhörnchen schlachten muss, dachte sie. »Das klingt großartig, Tante Annie. Kann ich dir bei irgendwas helfen?«
»Nein, nein, Liebes. Überlass das nur mir.« Pasties waren eine traditionelle regionale Südstaatenspezialität, so etwas Ähnliches wie Burritos: Fleisch und Gemüse in Teig eingerollt und dann gebacken. Soweit Charity sich erinnerte, waren sie köstlich, ebenso wie Annies gesüßtes Löffelbrot, an das sie sich auch noch gut erinnern konnte. Rote-Bete-Eier waren einfach hart gekochte Hühnereier, die einige Tage in Rote-Bete-Saft mariniert wurden – ebenfalls köstlich. Beim Gedanken an diese Gerichte regte sich Charitys Appetit.
»Und was hast du heute gemacht?«, fragte Annie.
»Ich ... ich war auf dem Friedhof.«
Ein plötzliches Schweigen erfüllte die Küche. »Nun ... ich dachte, ’s wurde mal Zeit, dass du die letzte Ruhestätte deiner Mutter siehst.«
»Ja«, antwortete Charity unbeholfen. »Ich habe auf einmal so viele Fragen.«
»Das is’ jetzt kein günstiger Zeitpunkt, Liebes; ich muss sehen, dass ich das Abendessen fertig kriege. Diese Pasties müssen anderthalb Stunden backen. Bei schwacher Hitze, sonst wird der Teig schneller gar als die Füllung. Aber ich versprech’ dir, heute Abend erzähl’ ich dir von deiner wundervollen Ma ...«
Sissy, dachte Charity. Annies Schwester. Meine Mutter. Wie war sie gewesen? Diese Fragen hatte sie sich vorher kaum gestellt, doch jetzt ...
Jetzt brannten sie ihr unter den Nägeln.
Es musste an der Nähe liegen. Charity war nach langer Zeit nach Hause zurückgekehrt, also war es ganz natürlich, dass die Fragen auftauchten. Aber ...
»Charity!«, rief Annie und ihr Messer hielt über den Rüben und Zwiebeln inne. »Deine Hand!«
Charity schreckte aus ihren Gedanken auf; sie hatte an dem Verband an ihrer Hand gekratzt. Sie wagte es nicht, ihrer Tante davon zu erzählen, was sie heute getan hatte – sie würde etwas mehr Zeit brauchen, um sie über das anonyme Grab auszufragen. Und sie konnte doch nicht einfach sagen: Nun, Tante Annie, als ich heute zum Friedhof ging, habe ich nicht nur das Grab meiner Mutter besucht; ich habe mir auch das zweite Grab angesehen, auf das du gestern Blumen gelegt hast. Das Grab, von dem du nicht wolltest, dass ich es sehe. Oh, und ich habe diesen unbeschrifteten Grabstein aus der Erde gezogen.
Das hatte sie tatsächlich getan und sie hatte gesehen, dass auf der Unterseite des Steines etwas eingeritzt war. R.I.P. stand da in plumpen Buchstaben, als wären sie von einer ungeübten Hand mit einem Steinmeißel eingeritzt worden. Und: Geraldine, vergib mir.
Doch als sie den Stein wieder an seinen Platz zurückgesetzt hatte, hatte sie sich an der Hand etwas Haut abgeschürft, was stark geblutet hatte.
»Es ist nichts, Tante Annie«, sagte sie. »Ich habe mir heute die Hand aufgeschürft ... hinten am Zaun«, log sie. »Aber ich habe es gut verbunden.«
»Bist du sicher, Liebes? Vielleicht solltest du etwas Jod drauf tun.«
»Nein, wirklich. Es ist schon okay.«
Doch Charitys Gedanken schweiften wieder ab. R.I.P., dachte sie. Warum ritzte jemand so etwas unter einen Grabstein? Auf dem Land machen sie manchmal komische Sachen, überlegte sie. Und wer war Geraldine?
»O-oh, hi, Miss Charity!«
Charity drehte sich um und sah Goop in der Küchentür stehen. Der Junge war wirklich attraktiv, musste sie zugeben: groß, muskulös, ein Gesicht wie aus einer Sportzeitschrift, obendrein nach offensichtlich harter Arbeit schweißüberströmt. Aber trotzdem – nicht mein Typ. Immerhin konnte sie verstehen, weshalb Jerrica ihn begehrenswert fand, wenn auch auf eine derbe Art und Weise. »Hallo Goop«, sagte sie. »Wie geht es dir heute?«
»Oh, fein, Miss Charity«, antwortete er voller Schwung und Begeisterung. »War grad’ draußen und hab’ die Kunschtoffleisten angenagelt, wegen die mich Miss Annie gestern nach Roanoke geschickt hat. Sagen Sie, ham Sie Miss Jerrica gesehn?«
»Goop!«, unterbrach ihn Annie. »Bist du fertig mit den Leisten?«
Goop Gooder zögerte. »Ah, oh, nee, nich’ ganz, Miss Annie.«
»Dann mach weiter! Und hör auf, Charitys Freundin zu belästigen. Lass sie in Ruhe und kümmer’ dich um deinen Kram.«
»J-j-ja, Miss Annie.«
Goop verschwand mit hängendem Kopf durch die Hintertür.
»Musst du so grob zu ihm sein?«, fragte Charity vorsichtig.
Annie zerkleinerte weiter das Gemüse. »Du musst wissen, Liebes, dass ich ganz genau weiß, dass Goop ’n feiner, guter Junge is’. Aber wenn’s um weibliche Gäste geht, kann er ’ne echte Nervensäge sein. Ich mag ihn wirklich, aber manchmal muss ich ihm den Kopf zurechtrücken. Ich kann nich’ zulassen, dass Goop deiner Freundin Jerrica auf die Nerven geht.«
»Es ist nur die Schwärmerei eines jungen Mannes«, sagte Charity, aber in Gedanken fügte sie hinzu: Ja, Tante Annie, es ist nur eine Schwärmerei. Die so weit geht, dass Jerrica vorletzte Nacht in deinem Garten Sex mit ihm hatte! »Ich bin sicher, er wird sie nicht belästigen«, sagte sie stattdessen.
»Ich hoffe, du hast recht, Charity, denn ich will nich’, dass deine Freundin zurück in die Stadt fährt und denkt, wir wär’n hier alle ’n Haufen Landeier.«
»Oh, Tante Annie, du bist unmöglich!«
Trotzdem machte Charity sich Gedanken; an ihr war Goop offensichtlich nicht im Geringsten interessiert. Warum sie und nicht ich?, wollte ihre Unsicherheit wissen.
(II)
Das Abendessen war fantastisch, die Gerichte ausgezeichnet. Doch Charity entging nicht, dass Jerrica und Pater Alexander kaum redeten und dass Jerrica niedergeschlagen schien, während der Priester einen abwesenden, nachdenklichen Eindruck machte. Ganz und gar untypisch. Und sie zogen sich auch beide relativ früh in ihre Zimmer zurück.
»Ich frage mich, was sie haben«, sagte Annie. »Meine Güte. Hoffentlich haben ihnen die Eichhörnchen-Pasties geschmeckt!«
»So.« Annie lehnte sich am großen Tisch im Salon zurück. Sie zündete ihre lange Meerschaumpfeife an und Charity dachte sofort: Wenn du dir Sorgen machst, dass die Leute dich für ein Landei halten, Annie – dann schmeiß diese Pfeife weg!
»Nur noch wir beide, alle andern sind im Bett, und es is’ spät und langsam auch ’n bisschen kühl.«
Charity wartete und hörte zu.
»’ne gute Gelegenheit, Liebes, dir was über deine Ma zu erzählen.«
»Ich will alles über sie wissen«, sagte Charity leise.
»Ich hab’ sie Sissy genannt, sie war meine jüngere Schwester und sie war ’ne gute Frau. Und sie hat ’nen feinen Kerl namens Jere geheiratet, kam aus Filbert, so ’nen feinen Kerl hat man selten gesehen. Fing als Hauer im Bergwerk an und hat sich dann zum Schichtleiter hochgearbeitet. Ein feiner, feiner Kerl.«
Ja, ich habe es verstanden. Ein feiner Kerl, lamentierte Charity in Gedanken. Aber sie wusste, dass sie die alte Frau gewähren lassen musste. Sie hatte nun einmal ihre eigene Art, eine Geschichte zu erzählen – eine etwas umständliche Art –, aber wahrscheinlich war es so am besten.
»Dein Daddy, Liebes, war nich’ nur ’n feiner, liebender Ehemann, er war auch vielleicht der bestaussehende Mann in der Gegend. ’ne Menge Herzen wurden gebrochen, als er deine Ma heiratete, aber das war schon in Ordnung so, denn Sissy war ’ne gesegnete Frau. Alles war gut. Deine Ma war schwanger mit dir, dein Daddy machte im Bergwerk Karriere – alles war, wie’s sein sollte. Bis eines Tages ...«
Mein Vater starb, wusste Charity.
»Dein Daddy starb, Liebes. Es ging schnell, haben die Inspektoren gesagt, musst dir also keine Gedanken machen. War sofort tot, haben sie gesagt. Weißt du, ’n Stützbalken im Hauptschacht brach, und die ganze Kohle im Berg stürzte auf deinen Daddy und ’n paar andere feine Kerle runter.« Annie goss zwei Gläser dunklen Himbeerwein ein und wiederholte: »Er war sofort tot.«
»Aber meine Mutter«, begann Charity.
»Deine Ma, Liebes, war ’ne feine Frau, wie gesagt, aber auch ziemlich labil. Das Einzige, was sie am Leben hielt, schätz’ ich, war, dass sie mit dir schwanger war. Also wartete sie, wurde jeden Tag dicker, bis sie dich auf die Welt brachte. Und ich kann dir sagen, Charity, du warst das schönste kleine Baby, das ich je gesehen hab’. Damals, weißt du, war ich die Hebamme für die Gegend hier, und ich hab’ alle Babys gesehen. Aber du?« Annie nippte an ihrem dunklen Wein, erschauderte und schloss die Augen. »Du warst wirklich das süßeste kleine Ding. Deswegen haben sie dich ja auch Charity genannt, weil du ’ne Barmherzigkeit Gottes warst ...«
Charity war nicht sonderlich beeindruckt. Sie wollte den Rest erfahren, jedes kleinste Detail. Sie hatte ein Recht, es zu erfahren, nicht wahr?
»Doch ’s dauerte nich’ lange«, fuhr Tante Annie fort, »bis deine Ma ’s nich’ mehr aushalten konnte.« Annie schluckte und trank noch etwas Wein. »Es tut weh, es zu erzählen, Liebes, aber eines Nachts nahm deine Ma eine von Jeres Schrotflinten und ...«
»Erzähl es mir«, beharrte Charity. Es war ein Teil von ihr, sie musste alles erfahren. »Was passierte? Was genau?«
»Deine Ma, Liebes – sie schoss sich mit der Schrotflinte den Kopf weg.«
Die Vorstellung stürmte auf sie ein. Charity konnte sich das Ausmaß der Verzweiflung, das jemanden zu solch einer Tat trieb, nicht vorstellen. Mit einer Schrotflinte, dachte sie. In den Kopf. Hatte sie etwas gespürt? Was war ihr letzter Gedanke?
Hat sie an mich gedacht?
»Das war die Geschichte, Liebes. Ich hab’ dir das alles nie erzählt, weil sie dich so jung von mir weggenommen haben. Ich dachte, ’s wär’ nich’ gut, dir alles zu erzählen, als du gerade mal acht warst. Ich hab ’n ziemlich schlechtes Gewissen deswegen.«
»Annie, hör auf. Du hast das Richtige getan. Eine Achtjährige ist zu jung, um solche grausigen Einzelheiten zu erfahren.«
Tante Annie trank noch mehr Wein, offensichtlich fühlte sie sich unbehaglich. »Aber jetz’ geht’s mir schon viel besser, jetz’ wo ich’s dir endlich erzählt hab’. Bitte, Liebes, vergib mir ...«
(III)
Joyclyn, dachte er. Die Äbtissin. Und Grace, die Schwester Oberin ...
Er betrachtete ihre alten Fotos in der Akte, die Halford ihm gegeben hatte. Attraktive Frauen, alle beide. Die Äbtissin, schlank und lächelnd, mit kurzem schwarzem Haar. Und die Schwester Oberin: faszinierende, klare grüne Augen, ein engelhaftes Lächeln, leuchtend rotes Haar ...
Beide tot. Seit über 20 Jahren. Vergewaltigt und abgeschlachtet von einem Wahnsinnigen.
Oder, wie Halford vermutete, einem wahnsinnigen Kind.
Gemeinschaftliche Wahnvorstellungen. Massenhalluzinationen. Alexander dachte darüber nach. Folie à deux? Aber Downing, der Psychologe der Diözese, hätte das sofort erkannt. Verrückte Nonnen? Das hätte sogar ein Novize oder Anfänger bemerkt.
Was also störte ihn daran?
In der Akte fanden sich die Aussagen der Sterbenden. Ein Monsterkind, hatte Joyclyn gesagt. Die Brut des Teufels. Und Schwester Grace, etwas ausführlicher: Vielleicht zehn Jahre alt. Entsetzlich. Ein riesiger Kopf, Pater Downing, groß wie eine Wassermelone, und Augen – Gott steh mir bei! Ein Auge groß wie ein Apfel und eins ... kleiner als mein Daumennagel, Pater! Es war das Kind des Teufels, das in dieser Nacht zu uns kam!
Dann fiel sie ins Koma und starb kurz darauf.
Alexander schloss die Akte. Unruhig zündete er sich eine Zigarette an. Gestern Abend hatten sie über die Geschichte von Bighead, dem »Monsterkind«, geredet. Eine lokale Legende.
Und diesen streng vertraulichen Akten zufolge hatten Äbtissin Joyclyn und Schwester Oberin Grace den Verantwortlichen für das Massaker in Wroxeter Abbey genau so beschrieben:
Ein Monsterkind.
Der Priester schielte zum Fenster. Wetterleuchten blitzte auf, gefolgt von gespenstischer Stille. Er zog sein schwarzes Hemd und die Hose aus, um unter die Dusche zu gehen.
Ein Monsterkind?
Nein.
Lediglich, dachte er und rang mit dem Gedanken, lediglich ein Zufall.
(IV)
Goop ging schweißgebadet in sein Zimmer, nachdem er das Werkzeug weggeräumt hatte. Kunststoffleisten, neue Dichtungen? Das Haus brauchte nix davon und Annie musste Goop ganz bestimmt nicht nach Roanoke schicken, um’s zu kaufen. Sah fast so aus, als hätte seine Chefin diese Besorgung nur ausgeheckt, um ihn vom Haus wegzukriegen. Er hatte Jerrica einen ganzen Tag nicht mal gesehen!
Ich weiß, murmelte er zu sich selbst. Er wusste, was los war; das war ’ne Faschwörung!
Miss Annie versucht mich von Jerrica wegzuhalten ...
Kunststoffleisten. Neue Dichtungen. Das Gästehaus war topp in Schuss, und das lag vor allem daran, dass Goop so hart arbeitete; Annie hatte ’ne Menge Geld reingesteckt, das sie von dieser Samtklage hatte oder wie das hieß. Er versuchte, sich zu beruhigen, und schaffte ’s dann auch.
Aber er konnte nicht anders, er musste ’s tun.
Er hockte sich in seinen Schrank, nahm die Platte weg und kletterte durch. Scheiße, Mann, wenn Annie jemals davon erfuhr, würde sie ihm das Fell über die Ohren ziehen! Er ging den engen Gang lang, tastete sich hauptsächlich seinen Weg, weil da nicht viel Licht war. Aber er hatte ’s schon so oft gemacht ... er kannte den Weg ganz gut. Zuerst kam er an Miss Charitys Zimmer vorbei. Das Loch leuchtete und Goop Gooder legte sein Auge dran. Miss Charity saß auf dem Bett und hatte so ’nen scharfen Boddi an – jedenfalls glaubte Goop, dass es so hieß. Hatte ein paar feine, schöne, weiße Beine und so dickes dunkles Haar, das ihr auf die Schultern hing. Hübsches Gesicht. Aber was Goops Augen am meisten interessierte, waren ihre Dinger, die ihren Boddi wie ’n paar große Sommermelonen ausfüllten. Junge, nee!, dachte Goop. Aber Miss Charitys Gesicht, so hübsch wie es war, hatte so einen Blick ...
Irgendwie durchnander. Vielleicht ’n bisschen traurig. Als würde sie an Sachen denken, die sie nicht nur traurig machten, sondern auch an Sachen, die sie nicht verstand.
Hier gab’s nix Nacktes zu sehen, das war klar. Sie hatte anscheinend schon geduscht und wollte ins Bett gehen. Goop ging weiter.
Das nächste Loch – Goop hielt an und sah durch.
Und da war sie.
Nackt, wie beim ersten Mal, wo er sie gesehen hatte, und sie fasste sich an. Goop musste sich selbst anfassen, als er sie so schön da sah. Ich lieb’ sie so sehr, dachte er und drückte mit der Hand seinen Prügel in der Hose. Ich würd’ sie sofort heiraten, und ich wär ’n guter Mann ...
Sein Auge konnte natürlich nicht so viel nach allen Seiten sehen, durch das Loch in der Wand, aber er sah genug. Da stand so ’n kleines Computerding aufgeklappt auf dem Tisch, aber Miss Jerrica selbst ...
Sie lag auf ihrem großen Bett und stöhnte und wand sich, als ihre Hand zwischen ihren Beinen rumspielte. Ich lieb’ sie, dachte er wieder und drückte seine Hose, wie er zukuckte. Alles an ihr war schön. Die schönen Titten, die langen braunen Beine, der flache Bauch. Ihr Busch – ungelogen! – hatte die gleiche feine hellblonde Farbe wie ihre Haare. Glänzend wie Seide!
Goop dachte: Was sie wohl denkt, wenn sie’s tut. Ob sie wohl an mich denkt ...
Nach ’ner Minute oder so war sie fertig, laut genug, dass Goop sie durch die Wand hören konnte. Ihr Gesicht wurde ’n bisschen rosa und ihr angespannter Körper wurde weich. Dann lag sie ’n bisschen da, ihre Brust ging rauf und runter. Und dann ...
Sie setzte sich auf, drehte sich auf die Seite. Und was er da sah – Jerrica halb umgedreht – brachte Goop fast dazu, ’nen Schuss direkt in seine Hose abzuspritzen. Denn er konnte dabei ihren kleinen Pelz zwischen ihren Backen durchgequetscht sehen, wie ’n kleines blondes Backenhörnchen, so wie die, die hinten im Hof immer zwischen Miss Annies Blumen rumrannten. So ’n niedliches kleines Ding ...
Aber ...
Was macht sie ’n jetz’?, dachte er.
Sie beugte sich über den Nachttisch und fischte irgendwas da raus. Hatte so einen kleinen Frauenspiegel aufgeklappt und kippte was drauf und dann fing sie an, drauf rumzuhacken mit was, das wie ’ne Rasierklinge aussah.
Was zur ...
Dann wusste er es.
Und Miss Jerrica hob den kleinen Spiegel an ihre Nase und fing an zu schnupfen ...
Drogen, dachte Goop. Er hatte davon gehört. Teufelswerk, hatte Miss Annie mal dazu gesagt. Das war dieses Stadtzeug, das weiße Pulver, das die Leute sich in die Nase schnupften, und dann machte es sie ganz kirre. Pfuschte in ihren Köpfen rum, hatte Annie gesagt, brachte sie in die Gewalt des Teufels. Sie nimmt Drogen, erkannte Goop und presste sein Auge noch fester ans Loch. Der Teufel hat sie gepackt!
Sie schnupfte das böse Zeug ein paarmal rein, dann legte sie sich mit einem leichten Grinsen auf dem Gesicht hin. Und dann ...
Sie stand auf, zog sich das Nachthemd an und ging aus dem Zimmer.
Goop hatte keine Ahnung, wo sie wohl jetzt um die Zeit hin wollte, aber es war ihm egal. Er wusste nur eins: Ich lieb’ sie und ich muss ihr helfen, gegen dieses böse Teufelszeug zu kämpfen ...
Goop ging, ein bisschen hektisch jetzt, den dunklen Gang zurück, bis er in seinem Zimmer war.
Dann rannte er nach draußen.
(V)
Charity konnte nicht schlafen. Sie wälzte sich in ihren Laken und wimmerte leise. Jedes Mal, wenn sie einnickte, quälte sie ein Albtraum, meistens Träume von ihren verflossenen Bekanntschaften, von den Männern, die sie abgewiesen hatten und nie gesagt hatten, warum. Was stimmt mit mir nicht? Warum fühlen sich die Männer jedes Mal von mir abgestoßen, wenn ich mit ihnen zusammen bin?
Vertraute Fragen, die – ebenso vertraut – unbeantwortet blieben. Eine geistige Blockade, sagte sie sich immer wieder. Vielleicht blockierte irgendetwas in ihrem Unterbewusstsein ihre Fähigkeit zur Gefühlsempfindung.
Und dann wachte sie jedes Mal auf.
Aber war es das, was ihr wirklich zu schaffen machte?
Nein ...
Sie wusste, was es war. Das Grab. Der kleine Grabstein.
R.I.P. war darauf eingeritzt worden, auf der Unterseite.
Geraldine, vergib mir.
Wessen Grab war das? Und weshalb ging ihre Tante dort hin?
Meine Tante ...
Vielleicht hatte sie bis jetzt die eigentliche Frage verdrängt.
Es gab ein Geheimnis.
Warum hatte Annie dieses zweite Grab nicht erwähnt – das anonyme Grab?
Und vielleicht bildete sie es sich nur ein, aber ...
Charity hatte ihre Tante nach 20 Jahren zum ersten Mal wiedergesehen, aber in all den Jahren hatte sie viele Briefe von ihr erhalten. Hunderte von Briefen ...
Und jetzt musste sie wieder daran denken.
Die eingeritzte Schrift auf der Unterseite des Grabsteins ...
Wahrscheinlich bilde ich es mir nur ein, dachte sie.
Aber das eingeritzte Gekritzel auf dem Grabstein erinnerte sie an Tante Annies Handschrift.
(VI)
»Miss Jerrica?«
Goop löste sich vorsichtig aus den Schatten. Er wollte sie nicht erschrecken, so wie vorletzte Nacht. Sie schlenderte im Mondlicht rum, hinten beim Paveljong im Garten.
Aber sie schien nicht überrascht zu sein, als sie sich umdrehte. »Goop? Hi!«, grüßte sie ihn, als würde sie sich wirklich freuen, ihn zu sehen. »Wir haben uns seit gestern nicht gesehen!«
»Weiß ich«, sagte er. »Musste nach Roanoke, musste in ’nem Hotel übernachten und ’n paar Leisten und so für Miss Annie holen. Aber ...«
Sie war nicht sie selbst, das konnte er sehen. Die Drogen, dachte er. Das sin’ die Drogen, die sie in die Nase geschnupft hat.
Aber ihr Anblick schien sich in seinen Kopf einzubrennen: wie sie in der Dunkelheit stand, mit ihrem strahlenden Lächeln und ihrem lebendigen und atmenden Körper da unterm Nachthemd.
»Ich bin froh, dass du hier bist«, sagte sie, ihre Stimme war so sanft wie die Farbe von ihrem Haar. »Ich habe dich vermisst.«
Mich vermisst. Jeeeeesus! Goop wusste nicht, ob ihn überhaupt schon mal ’n Mädchen, das er kannte, vermisst hatte, was auch sowieso nicht so viele waren. Aber da war Jerrica und sagte das und sah so schön aus wie immer.
»Ich – ich hab’ Sie auch vermisst, Miss Jerrica«, sagte er und versuchte, nicht zu zittern. »Ich hab’ viel an Sie gedacht.«
Ihr Nachthemd rutschte runter auf den Boden, und da – da war er, ihr wundervoller gebräunter Stadtkörper, ihre schönen Titten, ganz weiß zwischen dem ganzen Braun, mit wunderbar harten Nippeln von der Farbe von Radieschen ... Dann streckte sie die Hand aus und drückte die Beule in seiner Hose.
»Ohhhhh, Miss Jerrica«, stotterte er fast. »Da is’ was, wo ich mit Ihnen ... mit Ihnen ... drüber reden muss ...«
»Wir reden später.« Ihre Stimme war wie eine warme Brise, ihr Lächeln ließ den dunklen Blumengarten heller werden. Über ihnen flackerten die Hitzeblitze und beleuchteten sie immer wieder. Noch mehr für ihn zu sehen. Noch mehr für ihn zu lieben.
»Ich brauche dich dringend«, flüsterte sie und drückte fester.
Aber es war nicht richtig, oder? Die Drogen, dachte er und dachte wieder dran, wie böse die waren. Ich muss mit ihr über die Drogen reden ...
Sie küsste ihn, steckte ihre Zunge tief in seinen Mund und schob ihre Hand in seine Hose. »Gott«, flüsterte sie noch leiser. »Wie sehr ich mich danach sehne, diesen großen Farmerschwanz in mir zu spüren ...«
Jeeeeeeesuuuuuus ...
Sie nahm seine Hand und legte sie mitten auf ihre weiche, blonde Pussy. Sie drückte seinen Finger in ihre Feuchtigkeit, dann zog sie ihn wieder raus. Dann lutschte sie an seinem Finger ...
»Ich werde deinen ganzen Samen in meinen Mund saugen«, keuchte sie. »Würde dir das gefallen, Goop? Hmmm? Würde dir das gefallen?«
Was konnte er sagen? Was hätte irgendein Kerl sagen können?
»Das ... das würd’ es, Miss Jerrica. Das wär’ wirklich ...«
Sie ließ ihn nicht ausreden. Sie rieb jetzt ihren Körper an ihm, umarmte ihn. Ihr Bein kam hoch und rieb die Beule in seiner Hose. Oh, oh, dachte er. Er wäre fast schon gekommen.
»Ich werde auf deinem Gesicht sitzen und gleichzeitig deinen Schwanz lutschen ...«
Sie versuchte ihn auf den Boden zu ziehen, so wie vorletzte Nacht, ihre Titten drückten an ihn, ihre Pussy machte ’nen warmen feuchten Fleck an seinem Hosenbein. Goop schaffte es kaum, stark zu bleiben. Da war was nicht richtig, das war klar. Sie war nicht sie selbst.
Die Drogen, dachte er. Die Drogen ...
»Miss Jerrica, ich muss Ihnen was sagen.«
»Sag’s mir später.« Ihre Finger umkreisten sanft seine Eier, drückten sie leicht. »Ich will erst deinen Saft in mir, danach kannst du mir sagen, was du willst.« Dann drückte sie seinen Schwanz und wieder wäre er fast gekommen. »Ich will, dass du mich fickst, Goop, und deinen ganzen heißen Saft in meine Pussy spritzt. Ich will es spüren ...«
»Ich hab’ gesehn, was Sie gemacht ham«, schaffte er endlich zu sagen. »Aber ich will Ihnen sagen, dass es okay is’. Ich werd’ Ihnen helfen.«
»Wovon redest du da, Goop?«
»Ich hab’ gesehn ...« Er kniff die Augen zu und schluckte. »Ich hab’ gesehn, wie Sie diese Drogen genommen haben.«
Ihre Küsse zogen sich zurück. Ihre Hand rutschte aus seiner Hose. »Wie ... meinst du das?«
Er biss die Zähne zusammen. Er musste es ihr sagen! »Ich hab’ Sie gesehn, Miss Jerrica. Fragen Sie nich’, wie – das is’ egal. Aber ich hab’ gesehn, wie Sie diese Teufelsdrogen genomm’ haben, und das is’ nich’ gut für Sie. Ich will Ihnen helfen.«
Ihr Gesicht schien sich im Mondlicht zu verzerren. »Du hast was? Was ... du ... Du hast in mein Fenster geglotzt?«
»Nee, Miss Jerrica, aber is’ auch egal ...«
»Du bescheuerter hinterwäldlerischer Bauernarsch!« Plötzlich war in ihrem Gesicht nur noch Hass. »Du bist ein gottverdammter Spanner! Du dämliches, schwachsinniges, verficktes Stück Scheiße!«
»Ah, nee, Miss Jerrica! Verstehn Sie doch!«
Aber sie zog ihr Nachthemd wieder an. »Ja, ich verstehe, du bist ein verkackter provinzieller Perverser, der Leute ausspioniert! Was gibt dir das Recht, so was zu tun! Mein Gott, da habe ich ja sogar mit diesem verdammten Priester noch mehr Glück! Du bist ein Stück Scheiße, Goop! Ein idiotisches, nichtsnutziges, zurückgebliebenes, gehirnamputiertes Stück Scheiße!«
Goop starrte die Worte an, als könnte er sie wirklich sehen. Oh, nee, was hab’ ich getan? »Bitte, Miss Jerrica! Wir müssen nur drüber reden!«
»Fick dich selbst!«, schrie sie. Einen Moment später knallte die Hintertür zu. Sie war weg, wieder im Haus, weit weg von ihm.
Nee, nee, nee, dachte er. Sie meint die gemeinen Sachen, die sie gesagt hat, nich’ so. Das sin’ die bösen Stadtdrogen, die sie dazu gebracht haben, das zu sagen. Er wusste, es gab nur eins, was er jetzt machen konnte. Hochgehen, in ihr Zimmer, und reden. Über die ganze Sache reden. Und Goop Gooder wollte grade losgehen, um das zu tun, als ...
»He, Arschloch.«
Goop hielt an und drehte sich um. Er konnte nicht erkennen, wer das gesagt hatte, aber es war auch egal. Er ließ sich nicht gerne ’n Arschloch nennen. Der Mond blendete ihn, als er sich umdrehte. Er ballte die Fäuste, um gleich zuzuhauen, blinzelte ...
Zack!
Goop fiel um. Irgendwas traf ihn so hart am Kopf, dass er erstmal nix mehr sehen konnte. Er konnte nur schnaufen und den harten Boden unter seinem Rücken fühlen.
»Kuck dir dieses große Arschloch an! He, Dumpfbacke!«
»Leg’n wir ihn gleich hier um?«
»Nee, Mann. Wir wolln uns erst noch ’n bisschen amüsiern!«
Goop kämpfte mächtig darum, was zu sehen. Zwei Gesichter kuckten zu ihm runter, zwei Kerle, aber mehr konnte er nicht erkennen.
Und Goop konnte sich nicht bewegen ...
»Ich sag dir ma’ was, du großes Arschloch«, sagte der eine und packte ihn am Kragen. »Diese affige pfaffengeile Stadtblonde, auf die du so scharf bist – wir wer’n sie so hart in ’n Arsch ficken, dass sie Blut scheißt. Dann wichs’ ich ihr in die Nase und schneid’ ihr ganz langsam die Haut ab, klar? Ich leg’ die Stadtfotze um, kern’ ihr’n Arsch aus wie ’n Apfel und dann lass ich sie ihre eigene Scheiße fressen und dann verbuddel ich sie.« Ein Kichern im Dunkeln. »Und weißte was, Arschloch? Da kannst du nix gegen machen.«
Goop versuchte sich zu drehen und jede Unze Kraft in seinem großen Körper zu moberlisiern. Aber dieser Schlag auf ’n Kopf ...
Er konnte kaum einen Muskel bewegen.
»Schlepp ihn in ’n ’Mino, Dicky«, sagte die Stimme. »Scheiße, Mann, wir wer’n ihn ’n bisschen bearbeiten, ’vor wir sein’ Arsch in ’n Wald schmeißen.« Daumen und Zeigefinger drückten sein Gesicht zusammen. »Hörst du, Arschloch? Wir wer’n dich bearbeiten, dass der Teufel dabei ’s Kotzen kriegt!«