FÜNF
(I)
»Das war ein fantastisches Essen, das deine Tante uns da serviert hat«, sagte Jerrica und klimperte mit ihren Autoschlüsseln. »Mein Gott, ich hatte keine Hausmannskost mehr seit – ich weiß es nicht. Seit ich bei der Post arbeite, lebe ich von Kaffee und Chili-Hotdogs aus der Bude an der Ecke.«
Charitys Tante hatte das Abendessen zubereitet und Jerrica hatte recht, es war wirklich gut gewesen. Steaks von freilaufenden Rindern, Bohnen aus dem eigenen Garten, selbst gemachte Sauerteigbrötchen. Doch Charity hatte selbst nicht viel gegessen, ihr war der Appetit vergangen. Irgendwie machte die Präsenz von Jerricas schlankem, vitalem Körper Charity befangen. Chili-Hotdogs, hm? Ich wünschte, ich könnte Chili-Hotdogs essen und deine Figur haben. Und angesichts Jerricas knapper Garderobe – abgeschnittene Jeans und ein papageiengrünes Top – fühlte Charity sich in ihrer schlichten Bluse und dem bauschigen blauen Rock wie eine alte Jungfer. Es war ein ungewöhnliches Zusammentreffen von Gefühlen: dass sie Jerrica so mögen konnte und doch insgeheim so eifersüchtig war.
Nach dem Essen hatten sie beschlossen, eine kleine Spritztour zu unternehmen; Jerrica wollte die Stadt sehen, um schon einmal ein paar Notizen für ihren Artikel zu machen. »Bist du sicher, dass es dir nichts ausmacht, mich herumzuführen?«, fragte Jerrica. »Ich meine ... wenn du zu müde bist, ist das kein Problem; wir können auch morgen losziehen.«
»Nein, alles okay.« Charity öffnete die Beifahrertür. »Es ist komisch – wir sind seit sechs Uhr heute Morgen unterwegs, aber ich bin nicht im Geringsten müde.«
»Ich auch nicht. Ich bin ziemlich aufgeregt, weil ich jetzt hier bin.« Aber gerade, als Jerrica den Wagen anlassen wollte, hörten sie eine Stimme hinter sich.
»Oh, Mädels!«
Sie blickten beide über die Schulter. Es war Tante Annie, die hinter der Fliegengittertür der Veranda stand. »Es wird dunkel, also passt auf die Straße auf. Und hütet euch vor den Shiners.«
»Keine Sorge, Tante Annie«, rief Charity zurück und verkniff sich ein Lächeln. »Wir sind vorsichtig.«
Jerrica lenkte das kleine rote Auto durch die runde Einfahrt. Sie schien verwirrt, als sie sich eine Strähne ihres blonden Haares aus dem Gesicht strich. »Shiners?«, fragte sie.
»Moonshiner«, ergänzte Charity das fehlende Präfix. »Schwarzbrenner.«
Jerrica glotzte sie an. »Du willst mich wohl auf den Arm nehmen! Reden wir hier von illegalen Destillen, schwarz gebranntem Whiskey und so was?«
»Klar«, antwortete Charity. »Hier nennt man das Zeug meistens nur Shine. Du hast doch die ganzen Maisfelder auf dem Weg hierher gesehen – das wird nicht alles an die Lebensmittelindustrie verkauft, das kann ich dir sagen. Schwarzbrennerei ist hier in der Gegend ein großes Geschäft, für einen Teil der Bevölkerung ist sie sogar die einzige regelmäßige Arbeit. Vergiss nicht, dass in Russell County die Arbeitslosenquote bei über 50 Prozent liegt. Fast jeder hier ist arm, deshalb gibt es einen stabilen Markt für 75-prozentigen Schnaps, der nur zehn Dollar pro Gallone kostet. Aber die Shiner machen noch mehr Geld damit, dass sie das Zeug auf der anderen Seite der Staatsgrenze verhökern. In Kentucky gibt es viele Countys, die trocken sind.«
»Was meinst du mit ›trocken‹?«
Charity zuckte die Schultern. »Alkoholische Getränke sind dort illegal, deshalb besteht eine große Nachfrage.«
»Wow«, sagte Jerrica und lenkte den Wagen auf die Hauptstraße. Kies spritzte hinter ihnen auf. »Ich wusste nicht, dass es so etwas noch gibt. Ich dachte, das wäre nur eine Südstaatenlegende.«
»Hier bei uns«, sagte Charity, »sind Legenden eine Lebensart. Die Shiner benutzen die Nebenstraßen, um sich die Polizei vom Hals zu halten; das ist das, was meine Tante meinte. Sie fahren wie die Irren. Genau genommen sind einige von ihnen Irre. Ich denke, dass alles, wenn man es in Maßen zu sich nimmt, okay ist, aber diese Leute trinken andauernd dieses Zeug. Nach einer Weile wird man davon verrückt.«
Jerrica schwieg einen Moment, sie schien über etwas nachzudenken. »Diese Moonshine-Geschichte ist großartiger Stoff für meinen Artikel, aber ... Glaubst du, ich könnte ein paar Schnappschüsse von einer Destille bekommen oder vielleicht sogar von ein paar Schwarzbrennern?«
Charitys Stirnrunzeln machte kein Geheimnis aus ihrer Missbilligung. »Jerrica, hier in der Gegend solltest du es nicht einmal erwähnen. Frag niemanden nach Destillen oder Shine. Und komm bloß nicht auf die Idee, in den Wäldern herumzuschnüffeln, um nach einer Destille zu suchen. Wegen so was werden hier immer wieder Leute erschossen.«
»Botschaft verstanden«, antwortete Jerrica, deren Augen etwas größer geworden waren.
Sie fuhren die Landstraße entlang, während die ersten Andeutungen der Abenddämmerung den Horizont berührten. Und ja, Charitys frühere Feststellung bewahrheitete sich. Sie war heute Morgen um fünf Uhr aufgestanden, um D.C. um sechs zu verlassen, hatte über neun Stunden mit Jerrica in dem kleinen Wagen gesessen, und doch fühlte sie sich nicht im Geringsten müde. Vielmehr fühlte sie sich belebt, als hätte sie eine Injektion mit frischem Schwung erhalten. Sie vermutete, dass es mehrere Ursachen hatte: die frische Landluft statt des Smogs, die gewaltige Weite der Felder und Wälder, die nirgends von Wolkenkratzern unterbrochen wurde, und die immer wieder neu erwachenden Kindheitserinnerungen.
»Okay, du bist hier zu Hause, Charity«, sagte Jerrica. »In welcher Richtung kommen wir in die Stadt?«
»Luntville ist eigentlich keine Stadt, jedenfalls nicht das, was du darunter verstehst. Nur ein paar alte, kleine Häuser entlang der Durchgangsstraße und an den Nebenstraßen. Es gibt allerdings so etwas wie eine Hauptgeschäftsstraße – die Main Street, ob du’s glaubst oder nicht. Fahr einfach weiter und wenn du die weiße Kirche siehst, biegst du links ab.« Charity ließ ihre Gedanken wandern, versuchte, nicht an die Welt, die hinter ihr lag, zu denken. Verwitterte Vogelscheuchen schienen sie von den endlosen Maisfeldern aus anzustarren. Weitere Felder mit wilden Kermesbeeren schimmerten im Sonnenuntergang und dahinter erkannte man auf sanften Hügeln die Silhouetten von blühendem Hartriegel, von Hainbuchen und Judenkirschen. Der Fahrtwind liebkoste ihr Gesicht wie sanfte, kühle Hände.
Trotz der Tragik dieser Gegend, trotz der sozialen Härte, mit der die Realität die Appalachen getroffen hatte, fühlte Charity, wie der Kern ihrer eigenen Probleme sich in Nichts aufzulösen begann. Ihr Verwaltungsjob, bei dem sie mit Glück eine Gehaltserhöhung auf 15.000 Dollar bekommen würde, die erstickende Stadt mit all ihrer Unpersönlichkeit und – vor allem – ihr absoluter Misserfolg mit Männern ... das alles lief normalerweise in ihren Gedanken Amok, doch nicht jetzt, nicht hier. Ich bin zu Hause, dachte sie stumpf, denn es war wie eine Abstumpfung. Aus der Stadt hierherzukommen, war wie der Übergang in eine andere Welt.
»Hier?«, fragte Jerrica.
Charity konzentrierte sich. Die weiße Fassade der St. Stephen’s Church näherte sich vor dem orangefarbenen Hintergrund des Sonnenuntergangs. »Ja«, sagte sie. »Bieg nach links auf die Old Chapel Road ab. Wenn du nach rechts fährst, landest du im Nirgendwo.«
Jerricas schlanker, gebräunter Arm bewegte sich geschickt, als sie herunterschaltete. Der Wagen ruckte leicht, der Motor drehte hoch. Sie fuhren in einer sanften Kurve an der Kirche vorbei und Charity spürte plötzlich einen Stich der Enttäuschung. St. Stephen’s Church, einst prächtig und strahlend weiß, war jetzt fast eine Ruine. Zeit und Vernachlässigung hatten ihre einst so makellose Farbe abblättern lassen. Die schönen, glitzernden Buntglasfenster waren entweder mit Brettern vernagelt oder zerbrochen, sodass man nur noch die angelaufenen Bleieinfassungen sah. Eine der Türen des Portals hing schief in den Angeln.
Sie haben sie verrotten lassen, dachte Charity. Es war eine traurige Erkenntnis; in ihrer Kindheit war die Kirche immer ein stolzes Wahrzeichen gewesen. Jetzt jedoch war sie nur noch ein Symbol für alles andere um sie herum. Dem Verfall überlassen, von der anhaltenden Rezession und Apathie blutleer gesaugt.
Jerrica kümmerte das nicht. »Diese Kirche – da fällt mir was ein. Deine Tante hat etwas von einem Priester gesagt, der bei ihr wohnen wird. Um Wroxeter Abbey wiederzueröffnen. Wirst du ...« Ihre Worte verloren sich, wurden sanfter. »Wirst du sie mir zeigen?«
»Was? Die Abtei?«
»Ja.« Jerricas blaue Augen verengten sich aufgeregt. »Ich würde sie so gerne sehen.«
»Ich bin mir sicher, dass es da nicht viel zu sehen gibt. Du hast Tante Annie gehört; sie ist schon vor Jahren geschlossen worden. Sie ist wahrscheinlich in einem noch schlechteren Zustand als die Kirche, an der wir gerade vorbeigekommen sind.«
Jerrica schaltete einen weiteren Gang herunter, während ihr Haar im Wind flatterte. »So? Ich möchte sie trotzdem gern sehen. Ich brauche sie für meinen Artikel. Komm schon. Lass uns hinfahren, jetzt gleich!«
»Ich weiß nicht einmal, wo sie liegt, Jerrica. Du vergisst, dass ich diese Gegend vor über 20 Jahren verlassen habe; ich weiß überhaupt nichts über diese Abtei, bis auf das, was Tante Annie erzählt hat. Wir werden sie morgen nach dem Weg fragen müssen.«
»Na gut. Aber ich muss sie sehen. Ich muss alles über sie herausfinden. Ich will alles über diese Gegend wissen.«
Charity bewunderte den Enthusiasmus ihrer Begleiterin, so übertrieben er auch sein mochte. Aber warum um alles in der Welt wollte sie eine alte Abtei besuchen oder gar eine Destille? Wahrscheinlich ist das alles für sie so neu, wie die Großstadt für mich war ... »Wir sind da«, sagte sie. Sie wurden langsamer, als die Straße abfiel, und plötzlich waren sie mitten in der »Innenstadt« von Luntville. Die Main Street sah ausgeblichen aus – ungleichmäßige, trostlose Gebäude standen auf beiden Seiten. Ein rotes Licht blinzelte in der Ferne. »Luntvilles einzige Ampel«, bemerkte Charity.
»Aber ... hier gibt es überhaupt keinen Verkehr.«
»Die meisten Geschäfte schließen um sechs.«
»Aber ...« Jerrica verlangsamte vor der Ampel und blickte sich staunend um. »Hier gibt es kaum Geschäfte. Sieh doch.«
Eine weitere traurige Erkenntnis und ein weiterer Beweis für die Krankheit dieser Stadt. Eine ganze Reihe Läden entlang der Geschäftsstraße waren geschlossen, Schilder mit der Aufschrift ZU VERMIETEN klebten an ihren Schaufenstern. Zumindest Hodge’s Farm Market war nicht untergegangen, ebenso wenig Chuck’s Diner, in dem sich sogar tatsächlich ein paar Kunden aufzuhalten schienen.
»Bieg hier ab«, sagte Charity und zeigte nach rechts. Der Wagen schnurrte um die Kurve und passierte einen weiteren Block aufgegebener Geschäfte. Dann starrte Charity zur Seite und murmelte: »Oh nein, ich glaube es nicht. Sogar die Schule ist geschlossen.«
Jerrica hielt an und beäugte das schäbige Backsteinhaus mit seinen eingeschlagenen Fenstern und zugeketteten Türen. »Bist du hier zur Schule gegangen?«
»Jepp. Die Clintwood-Grundschule. Ich fing gerade mit der dritten Klasse an, als der Staat mich wegholte.«
»Wo gehen die Kinder denn jetzt zur Schule?«
Charity zuckte leicht mit den Schultern. »Keine Ahnung. Vielleicht fahren sie mit dem Schulbus nach Filbert oder Tylersville.«
Jerrica rollte langsam weiter. »Bis jetzt muss unsere kleine Fahrt in die Stadt für dich ziemlich deprimierend sein. Die meisten Läden sind geschlossen, deine Schule auch. Die ganze Stadt sieht tot aus.« Doch dann blickte Jerrica über das offene Verdeck. »Warte mal – da ist etwas. Diese Gebäude da hinten.«
Am Ende der Straße standen sich einige dreistöckige Gebäude gegenüber, genauso trostlos und heruntergekommen wie alle anderen, aber ihre Fenster waren hell erleuchtet und drinnen konnte man gebeugte Gestalten erkennen.
»Nähereien«, erkannte Charity sofort. »Wenn man nicht Moonshine schmuggeln will, ist das so ziemlich die einzige regelmäßige Arbeit, die man hier finden kann.«
»Nähereien?«, fragte Jerrica mit einer leichten Schrillheit in der Stimme. »Im Ernst?«
Charity erklärte: »Das läuft schon so, seit die Bergwerke dichtgemacht haben. Textilhersteller aus anderen Bundesstaaten warten, bis ein Laden den Bach runtergeht, dann mieten sie ihn für ein Butterbrot. Und dann stellen sie Leute aus dem Ort ein, die für sie nähen.«
»Warum eröffnen sie nicht einfach in ihrem eigenen Staat eine Fabrik und stellen ihre eigenen Leute ein?«
»Weil sie denen viel mehr bezahlen müssten. Warum soll man im eigenen Staat Leute einstellen, die für sieben oder acht Dollar die Stunde nähen, wenn man genauso gut seine Fabrik hierher verlegen und Frauen finden kann, die es für viel weniger machen? Wenn jemand seit fünf Jahren keine Arbeit hat, akzeptiert er jeden Lohn. Ich schätze, das würde jeder.«
»Also richtige Ausbeuterbetriebe?«
»Jepp. Die Schichten laufen rund um die Uhr. Und niemand darf mehr als 31 Stunden pro Woche arbeiten.«
Jerrica sah sie an. »Warum?«
»Weil alles über 31 Stunden als Vollzeitbeschäftigung gilt. Dann müsste der Arbeitgeber Arbeitslosenversicherung und höhere Unfallversicherungsbeiträge zahlen.«
»Mein Gott. Das Land der unbegrenzten Ausbeutung. Was für Arschlöcher.«
»Sie halten nach jedem Schlupfloch Ausschau, mit dem sie Geld sparen und Arbeiter ausbeuten können.«
Die Abenddämmerung senkte sich jetzt immer dunkler über den ausgemergelten Verfall von Luntville. Jerrica schaltete die Scheinwerfer an, bog ein paarmal links ab und fuhr zum nächsten Block, wo es weitere Nähereien gab, unterbrochen von verfallenen Gebäuden. Doch dann durchstach ein beleuchtetes Schild die Düsternis: DONNAS ANTIQUITÄTEN, und selbst zu dieser späten Stunde war der Laden offensichtlich noch geöffnet, denn gerade in diesem Moment ging ein Mann durch die Vordertür hinein. Auf der Straße näherten sich einige weitere Schatten.
»Das ist ja wohl das Dämlichste, was ich je gesehen habe«, sagte Jerrica. »Es ist fast neun. Wer geht um diese Zeit noch Antiquitäten kaufen? Und überhaupt, wie kommt man auf die Idee, hier einen Antiquitätenladen aufzumachen?«
Charity zog eine Augenbraue hoch. »Na ja, weil es nicht wirklich ein Antiquitätenladen ist; das ist nur Tarnung.«
»Tarnung? Wofür?«
»Donnas Antiquitäten ist in Wirklichkeit das hiesige Bordell.«
»Machst du Witze? Ein richtiges, altmodisches Bordell? Ein Freudenhaus?«
»Ich fürchte, so ist es. Es gibt keine Polizeiwache in Luntville und da Russell County ein weißer Fleck auf der Landkarte ist, gibt es auch keine County-Polizei. Das Einzige, was wir hier an Gesetz und Ordnung haben, kommt vom Staat und einem kleinen Sheriffsdezernat und die haben genug anderes zu tun. Deshalb drücken sie beide Augen zu, solange die Sache nicht aus dem Ruder läuft.«
»Unglaublich.« Jerrica klang wirklich erstaunt.
»Es gibt hier auch eine Bar, zumindest gab es mal eine«, erinnerte sich Charity. »Crossroads hieß sie, glaube ich, gleich um die Ecke.«
»Oh, gut«, sagte Jerrica und wendete. »Ich hoffe, es gibt sie noch, denn ich könnte definitiv einen Drink gebrauchen.«
»Das ist nicht dein Ernst!«, schreckte Charity auf. »Wir können nicht ins Crossroads gehen!«
»Warum nicht?«
»Weil ... na ja, weil ... das nur was für Männer ist.«
Jerrica grinste. »Was, Bars sind nur etwas für Männer?«
»Nein, aber ... na ja, sie ist nicht gerade, wie soll ich sagen ... kultiviert. Da geht es eher ungehobelt zu, fürchte ich.«
»Also mit anderen Worten: eine echte Dorfkneipe?«
»Ja. Sie haben Dartscheiben und Billardtische.«
»Oooh, das klingt ja richtig übel.«
»Wenn wir da reingehen, dann werden sie uns anglotzen. Sie werden versuchen uns anzubaggern! Wirklich, Jerrica, wir sollten da nicht hingehen.«
Jerrica hörte nicht zu. »Auf geht’s!«, freute sie sich.
Vor ihnen leuchtete eine blaue Neonreklame auf: CROSSROADS. Eine lange, niedrige Kneipe mit kitschigen blinkenden Lichtern. »Es gibt sie noch«, jubelte Jerrica. Der rote Miata rollte auf den Parkplatz. Musik rumpelte in der Luft, wurde lauter und leiser, wenn sich die Tür der Bar öffnete und schloss. Von drinnen erklangen Gejohle und Geschrei. Der Schotterparkplatz war etwa halb belegt, hauptsächlich von Pick-ups und frisierten Rostlauben, daneben ein paar vernachlässigte Motorräder.
Jerrica parkte ihren Wagen. Charity gab sich Mühe, nicht zu murren.
»Komm schon«, beharrte Jerrica. »Lass uns reingehen.«
Staub wirbelte aus den Ritzen des Holzfußbodens auf, als sie durch den Eingang marschierten, der mit noch mehr grellen, blinkenden Lichtern geschmückt war. Charity folgte zögernd, doch Jerrica war wie elektrisiert. Ja, das war eine Bar wie aus dem »richtigen Leben«: eine echte Spelunke. Jerrica waren Bars natürlich nicht fremd, aber dieser Schuppen hier? Die Schäbigkeit schien so authentisch zu sein – die billigen Tische und geschmacklos gepolsterten Bänke, die Dartscheiben und Flipperautomaten –, und das begeisterte sie. Sie wollte Authentizität für ihren Artikel. Und hier hatte sie sie. Eine Arbeiterkneipe tief in den Appalachen.
Ihr Artikel sollte mehr enthalten als nur schöne Worte; sie wollte die Menschen beschreiben, die in dieser Umgebung zu Hause waren, und wo gab es eine bessere Gelegenheit, sie zu finden, als hier? Von hier aus, vom Crossroads aus, konnte Jerrica ihre journalistische Reise ins pulsierende Herz dieses ländlichen Niemandslandes starten.
»Oh, Gott«, flüsterte Charity gequält und packte Jerricas nackten Arm. »Sie ... sie sehen uns an!«
»Beruhige dich«, tröstete Jerrica sie. Aber es stimmte. In dem Moment, als sie eintraten, richtete sich jedes Auge in der Bar auf sie. Große Männer in Overalls und Arbeitsschuhen. Bierkrüge hielten auf dem Weg zum Mund inne, Gespräche wurden unterbrochen. Alte Männer, von den Jahren gebeugt und gepeinigt, junge Männer, breitschultrig und kraftstrotzend – sie waren alle verschieden, aber alle aus dem gleichen urwüchsigen Ton geformt. Die Jukebox gab blechern eine abgeschmackte Mischung aus Hardrock und Country & Western von sich. Charity drängte Jerrica, sich an einen Tisch an der Wand zu setzen, doch Jerrica bestand darauf, dass sie zwei Plätze an der Theke nahmen.
Ein hagerer Barkeeper mit Hosenträgern und einem kurzärmeligen Hemd schlenderte auf sie zu.
»Wirklich, Jerrica!«, flüsterte Charity eindringlich. »Wir sollten ...«
»Was darf’s ’n sein, Ladys?«, fragte der Barkeeper mit einer hohen, schrillen Stimme.
»Zwei Heineken, bitte«, bestellte Jerrica.
Der Barkeeper riss die Augen auf. »Heineken? Heineken!«, rief er aus, wobei er das Wort wie Hahneken aussprach. »Das’s ’ne amerikanische Bar, Ladys. Wir ham hier nich’ so ’n ausländisches Bier.«
»Oh, dann zwei ... Buds?«
Der Barkeeper grinste mit rissigen Zähnen. »Kommen sofort.«
Charity saß nervös auf ihrem Hocker und rang die Hände im Schoß. »Ich fühle mich idiotisch.«
Jerrica zündete sich eine Zigarette an. »Warum?«
»Ich meine, sieh dir doch mal an, wie ich angezogen bin, im Vergleich mit den anderen. Alle hier tragen Jeans.«
»Im Ernst, Charity. Du machst dir um die unwichtigsten Sachen Sorgen. Was spielt es schon für eine Rolle, was du in einer Bar anhast?«
»Ich fühle mich einfach unwohl.« Charity senkte die Stimme. »Und was ist mit all diesen glotzenden Männern?«
Jerrica sah sich um. »Was für glotzende Männer? Du bist paranoid. Niemand beachtet uns. Niemand glotzt uns an. Klar, als wir reinkamen, haben uns alle angesehen, weil sie uns vorher noch nie gesehen haben. Jetzt kümmern sie sich wieder um ihren eigenen Kram. Sieh doch.«
Charity schielte verlegen die Bar entlang, dann hinter sich. Die anderen Gäste hatten ihre Unterhaltungen wieder aufgenommen. Zwei Männer spielten Billard und beachteten sie nicht. »Gott sei Dank«, flüsterte sie zu sich selbst.
Mein Gott, dachte Jerrica. Kein Wunder, dass sie Probleme hat, einen Mann zu finden. Kein Wunder, dass sie sie nie wieder anrufen. War Charity immer so verklemmt? Jerrica dagegen hätte sich nicht wohler fühlen können. Durch die Musik hindurch konnte sie Unterhaltungsfetzen aufschnappen. »Der Scheißpflug is’ an ’n Felsbrocken so groß wie ’n Wasserfass gerumst, das sach’ ich dir ...« »Jory sagt, dass ich blöd bin, weil ich ’n D3 mit ’m Motorblock aus Gusseisen gekauft hab’, er sagt, ich hätt’ lieber Alu kaufen soll’n. Scheiße, Mann ...« »Und wie wir dann das Scheißsilo aufgemacht ham – meine Fresse! Drei komplette Morgen Korn komplett vergammelt, weil Roy nich’ wusste, dass er ’n Scheißloch in sei’m Scheißdach hatte!« Zwei junge Frauen, so ähnlich gekleidet wie Jerrica, saßen an einem Tisch am Rand des Schankraumes und rauchten. »Ich sag dir, Joycie«, erzählte die eine. »Ich hab’ echt versucht, meine Zulassung zu kriegen, aber als’s losging, war ich so fertig, weil Druck Watter mich betrogen hat, dass ich nich’ mal die Anmeldung geschafft hab’.« »He, nehm’s nich’ schwer, Süße, die Scheißer vom Staat wollten mir nich’ mal Essensmarken geben. Die sagen, dass ich in der Näherei zu viel verdient hab’! Kannst’ dir das vorstelln?«
Ja, das war eine andere Welt. So einfach in ihrer Wahrheit und so real und ohne falsche Fassade. Echte Menschen mit echten schnörkellosen Problemen. Eine typische Bar in D.C. wäre voll mit unaufrichtigen Pseudo-Post-Yuppies, die The Lemonheads hörten und mit ihrem neuen Lexus mit Nakamichi-CD-Player und Dolby-Surround-System angeben oder sich darüber beschweren würden, dass die Miete ihres Lofts in Capitol Hill schon wieder gestiegen war.
Billardkugeln klackten. Dartpfeile tickten in die Korkscheiben. Die Jukebox wechselte zu einem anderen Lied: »Tarwater« von Charlie Pickett.
Jerrica nippte nachdenklich an ihrem Bier. Sie konnte es kaum abwarten, mit ihrem Artikel anzufangen. Es gab so viel zu sehen, so viel, über das sie schreiben wollte ...
»Ich habe schon ewig kein Bier mehr getrunken«, brach Charity ihr nervöses Schweigen. »Es schmeckt gut.«
Wenigstens wurde sie jetzt endlich etwas lockerer. »Siehst du? Ich habe doch gesagt, dass es hier gar nicht so schlimm ist.« Doch jetzt begannen Jerricas Gedanken zu wandern. Vielleicht lag es am Alkohol. Sie würde zwei Wochen hierbleiben. Zwei Wochen, dachte sie. Das war genug Zeit, um ihren Artikel zu schreiben, aber ...
Verdammt. Halte ich es aus?
Es war eine beängstigende Frage und eine, die sie sich schon früher gestellt hatte.
»Ist alles okay?«, fragte Charity.
Jerrica riss sich aus der plötzlichen geistigen Starre. »Oh, ja. Ich ... war nur gerade mit meinen Gedanken woanders.«
»Wo denn?«
Wow. Was sollte sie sagen? Oh, ich hab’ mich gerade gefragt, ob ich es aushalte, zwei Wochen lang nicht zu vögeln? Nein, das konnte sie natürlich nicht sagen! Stattdessen griff sie zu einer Halblüge. »Ich dachte gerade über meinen Artikel nach.«
»Es muss aufregend sein, für so eine große Zeitung zu schreiben und zu wissen, dass Hunderttausende deine Worte lesen.«
Tatsächlich, es war aufregend, aber das gab sich schnell. »Man gewöhnt sich dran. Glaub mir, das vergisst man schnell, wenn man sich jeden Tag mit Textprogrammen und Chefredakteuren und Korrektoren herumschlagen muss. Ganz zu schweigen von einem Boss, der so liebenswürdig ist wie ein tollwütiger Hund. Aber ich kann mich nicht beklagen. Es ist ein guter Beruf.«
Charity nahm noch einen Schluck Bier und entspannte sich immer mehr, nachdem sie erkannt hatte, dass die großen, bösen Rednecks sie nicht in die Wälder verschleppen würden. »Aber was sind deine Ziele, deine langfristigen Ziele? Was willst du in zehn oder 20 Jahren machen?«
Eine verzwickte Frage. »Nun, ich will nicht immer die kleine Journalistin bleiben und ganz sicher will ich nicht in die Verwaltung.« Sie dachte darüber nach und zündete sich eine neue Zigarette an. »Ich will die beste Feuilletonistin der Washington Post werden. Wie klingt das als bescheidenes Karriereziel?« Sie lachte leise. »Und eines Tages werde ich es erreichen, da bin ich mir sicher ... Was ist mit dir?«
»Ich weiß nicht«, antwortete Charity. »Ich bin nicht sehr ehrgeizig, glaube ich. Mein Job ist okay und solange ich genug verdiene, um meine Rechnungen bezahlen zu können, brauche ich auch nicht unbedingt mehr. Ich wäre gerne Buchhalterin, aber ... ich schätze, im Endeffekt wünsche ich mir eher einige traditionellere Dinge.«
»Wie zum Beispiel?«
»Du weißt schon, Heirat, Kinder.«
Jerrica zuckte die Schultern. Das stand ganz sicher nicht auf ihrer eigenen Liste, aber sie respektierte es. »Irgendwann wirst du deinen Prinzen finden, da bin ich mir ganz sicher.«
Charity stützte ihr Kinn auf die Hand. »Das ist es, was mir Sorgen macht. Wahrscheinlich hast du recht – aber dann bin ich wahrscheinlich schon zu alt, um Kinder zu kriegen.«
»Red keinen Blödsinn«, sagte Jerrica. »Warum die Eile?«
»Ich bin 30, Jerrica. Nicht gerade ein junges Küken.«
Jerrica lächelte und schüttelte den Kopf. »Du hörst die biologische Uhr ticken, Charity. Verdammt, Frauen können bis Anfang 40 problemlos Kinder bekommen. Du hast noch über zehn Jahre Zeit.«
»Und auch das macht mir Sorgen«, fuhr Charity bedrückt fort. »Ich habe noch zehn Jahre, aber in den letzten zehn Jahren bin ich nicht mal in die Nähe einer Beziehung gekommen. Wir haben ja auf der Fahrt darüber geredet. Um ehrlich zu sein, ich bin noch nie vom selben Mann zweimal eingeladen worden.«
Jerricas Augenbraue hob sich unwillkürlich. Das war wirklich ein bisschen merkwürdig und Charity war nicht der Typ für Übertreibungen. Sie war sympathisch, intelligent und nachdenklich. Ein bisschen schüchtern, gut, und ein bisschen unsicher, aber solche Eigenschaften machten eine Frau ja wohl kaum abstoßend. Und ...
Sie sieht auf jeden Fall gut aus, vergewisserte sich Jerrica schnell. Attraktiv wäre vielleicht das passendere Wort. Ihr Gesicht war auf einfache, unspektakuläre Weise hübsch, und auch wenn sie kräftig gebaut war, konnte man sie ganz sicher nicht als übergewichtig bezeichnen. Nette Kurven, nette Beine. Und – wie Jerrica jetzt zum ersten Mal bewusst feststellte – ein recht üppiger Busen, der stramm in ihrer Bluse saß. So üppig, dass Jerrica sogar ein bisschen neidisch wurde. Sie konnte sich keinen Grund vorstellen, warum ein Mann sie nicht wollen sollte.
»Es ist wie bei allem«, versuchte sie es mit einem einfachen Aphorismus. »Geduld ist eine Tugend. Um im Leben das zu bekommen, was man will, muss man geduldig sein.«
»Ja, wahrscheinlich hast du recht.«
Jerrica wünschte, sie könnte etwas Ermutigenderes sagen.
Doch die Unterhaltung war ihr mittlerweile viel zu trübsinnig geworden, also brach sie das Thema ab. »Entschuldigung?«, rief sie den Barkeeper. »Können wir bitte noch zwei Bier bekommen?«
»Na klar!«, antwortete der Barkeeper fröhlich.
»Bin gleich wieder da«, sagte Jerrica. »Muss mal kurz die sanitären Einrichtungen benutzen.«
Charity lächelte vage und nickte, als Jerrica von ihrem Barhocker hüpfte, um die Damentoilette zu suchen. Doch plötzlich waren Jerricas vorherige Gedanken wieder da. Ich bin chronisch sexsüchtig, brachte sie sich in Erinnerung, und sie wusste, dass sie es seit ihrem ersten Orgasmus mit 15 war. Der Junge, der dem Poolmann auf dem Anwesen ihrer Eltern in Potomac beim Filterwechsel half; sie hatte den ganzen Tag in ihrem Bikini mit ihm geflirtet, bis er sie schließlich hinter dem Pumpenschuppen befummelt hatte. Sie könnte schwören, dass sie in dem Moment kam, als seine rauen Finger ihr Geschlecht berührten. Kurz darauf sprengte er ihr Jungfernhäutchen. Der Schmerz war intensiv, aber kurz, und wurde schnell von noch intensiveren Wellen der Lust überlagert. Der Pooljunge war die Einstiegsdroge gewesen, die ihr Leben veränderte. Seit dem Tag waren Sex und Orgasmus für sie zu einem dringenden, unverzichtbaren Bedürfnis geworden. Sie wusste, dass es nicht normal war, so besessen zu sein, doch so sehr sie es auch versuchte, sie konnte sich nicht dagegen wehren. Das Verlangen wurde im Laufe der Jahre nur noch intensiver, so stark, dass es echte Beziehungen zerstörte, so wie die mit Darren. Ein Mann war ihr nie genug, bei Weitem nicht genug. Wie ein Alkoholiker nach einem Drink gierte Jerrica Perry nach Sex. Masturbation erwies sich nur als schwacher Ersatz; dreimal am Tag in den letzten zehn Jahren, und das Verlangen ließ dadurch so gut wie gar nicht nach. Wie oft war sie nach einem sexuellen Intermezzo nach Hause geeilt – oft nach mehrfachen Orgasmen –, nur um sofort verzweifelt ihren Vibrator hervorzuholen. Sich selbst zu beruhigen, sich einzureden, dass sie einfach nur »oversexed« war, funktionierte schon lange nicht mehr. Nach Hunderten von Männern und Tausenden von Geschlechtsakten war Jerrica immer noch nicht besser in der Lage, ihr Verlangen zu kontrollieren, als damals, als der schwitzende Pooljunge hinter dem Pumpenschuppen ihre schmerzende Jungfräulichkeit wegvögelte ...
Und jetzt, als sie sich durch die Bar schlängelte, ertappte sie sich dabei, wie sie die männlichen Gäste beäugte, so wie ein Mann die Fotos im Penthouse beäugen mochte. Die jüngeren protzten mit harten, aufregenden Körpern, die durch das ungepflegte Haar, die schwieligen Hände und den Geruch nach einem Tag harter Arbeit noch aufregender erschienen. »Hi, Jungs«, sagte sie und trat zwischen die Billardtische. Alle Augen ruckten sofort von den Tischen zu Jerrica herum, auf ihre gebräunten Beine und ihren Bauch, ihre frechen Brüste in dem engen Top. »Wo ist denn die Damentoilette?«
Eine sprachlose Pause, dann ergriff einer der Billardspieler das Wort. »Da lang, Süße«, sagte er und zeigte auf einen dunklen Gang neben den Münztelefonen.
»Danke.« Sie spürte die Augen auf ihrem Rücken, als sie weiterging, Augen wie flehende Hände. Der Vergleich gefiel ihr. Die beiden Mädchen in der Nische starrten sie mürrisch an, mit Gift in den Augen, und dann war sie in dem schmalen Flur, der von einem neonroten Miller-Werbeschild geteilt wurde. An der Jukebox starrten weitere junge muskulöse Männer auf ihren Körper; einige lächelten. Sie lächelte zurück, registrierte die Betrachter nicht als vollständige Männer, sondern als Teile: v-förmige Rücken, breite Oberkörper und Schultern, durchtrainierte Bizepse an sonnengebräunten Armen. Die heißen Visionen machten sie fast benommen. Würde ich wirklich mit einem dieser Burschen ins Bett gehen?, fragte sie sich. Die Antwort war klar.
Natürlich würde ich ...
»Verdammt, Jerrica, was stimmt bloß nicht mit dir?«, murmelte sie unhörbar. KERLE stand auf dem Brett an einer der Türen in diesem dämmrigen Flur. WEIBER auf einem anderen.
Die Toilette war leer und sauberer, als sie in einem Laden wie diesem erwartet hatte. Die Fliesen an den Betonwänden schimmerten blassgrün. Nein, nein!, dachte sie, als sie in der Kabine auf dem Toilettensitz saß. Der Anblick dieser Männer hatte sie ganz kribblig gemacht; sie sehnte sich danach, sich zu berühren. Ich werde nicht auf der Toilette einer Dorfkneipe masturbieren! Reiß dich zusammen, Jerrica!
Gedankenlos kratze sie an ihrem Ringfinger, dann fiel ihr Blick auf den blassen Streifen. Darrens Verlobungsring – sie hatte ihn abgenommen und ihn genauso entschlossen in ihre kleine Reisetasche gepackt, wie sie mit Darren Schluss gemacht hatte. Es erinnerte sie daran, was Charity gesagt hatte, über die »traditionellen« Dinge. Scheiße. Das, was Charity sich am meisten wünschte, war genau das, was Jerrica immer wieder wegwarf. Aber als sie den Ring eingepackt hatte, hatte sie die kleine Tüte mit dem alten Kokain entdeckt, die sie auch dort verstaut hatte: eine quälende Erinnerung. Sie hatte diese schlechte Angewohnheit aus dem College mitgebracht, aber sie hatte es sich abgewöhnt und das bewies ja, dass sie durchaus in der Lage war, sich etwas abzugewöhnen. Aber sie behielt das Kokain, um sich ihre Entschlossenheit zu demonstrieren, so wie ein trockener Alkoholiker eine ungeöffnete Flasche Scotch behielt, die er nie aufmachen würde.
Sie versuchte sich abzulenken, während sie urinierte. Graffiti waren in die Wände der Toilettenkabine geritzt. CHAD AMBURGY SOLL ZUR HÖLLE FAHREN!, hatte eine Frau gekritzelt. Eine andere: LS & MT 4EVER mit einem Herz darum und einem frischeren X, das es durchstrich. Und noch ein typischerer Satz: MÄNNER SIND SCHWEINE!
Doch sie schaffte es nicht, sich abzulenken. Jerrica fühlte sich erhitzt, von ihren heißen Gedanken ausgelaugt. Sie hätte darüber nachdenken sollen, bevor sie zu dieser Reise aufgebrochen war. Was soll ich nur machen? Das Fieber ihrer Lust pulsierte. Schweiß lief über ihr Gesicht. Wie soll ich es nur zwei Wochen ohne Sex aushalten!
Frustriert bis zum Wahnsinn biss sie die Zähne zusammen und beendete ihr Geschäft. Doch als sie ihr Höschen und ihre Jeans hochzog, fiel ihr ein weiteres Graffito auf, das mitten in die Kabinentür direkt vor ihr geritzt war. Wie hatte sie es übersehen können?
Die kaum verständliche Inschrift lautete:
BIGHED KRICHT DICH
WENNDE NICH
AUFPAST