Amandas Geschenk
(Amanda’s Gift)
Im Haus roch es nach Tod und Verwesung. Zumindest nahm Julia das so wahr, während sie neben Claire in der Küche stand.
»Jemand sollte das Ganze hier verbrennen«, sagte Claire. »Es ist widerlich. Es steht seit Jahren leer, und nach dem, was passiert ist … Gott, es überrascht mich sowieso, dass es nicht schon längst jemand getan hat.«
»Hast du denn an den Benzinkanister und die Streichhölzer gedacht?«
»Haha, sehr witzig!« Claire trat gegen eine zerknüllte Bierdose. Diese kullerte über die dicke Staubschicht, bevor sie klappernd von dem mit Graffiti beschmierten Kühlschrank ausgebremst wurde. »Verfluchte College-Kids und ihre Partys. Die glauben wahrscheinlich, das hier sei auch irgendeiner dieser coolen Szenetreffs, in denen sie sonst so abhängen.«
Julia drehte sich um und schaute ihre Schwester an. Selbst durch die trübe Dunkelheit konnte sie ihre finstere Miene noch erkennen. »Das hier ist ja auch ein cooler Szenetreff – jedenfalls für sie.«
»Und außerdem vögeln die hier. Große, muskulöse, sportliche Typen, die ihr Abschlussball-Date zum Rummachen mit hierher bringen und ihr Mädchen dann schwängern. Und die kleinen Prinzessinnen finden das wahrscheinlich auch noch romantisch.«
»Wohl kaum.«
Claire hielt Julias durchdringendem Blick stand. »Für eine Schriftstellerin hast du keine besonders gute Auffassungsgabe. Schau dich doch nur mal um. Man kann ja sogar die Abdrücke ihrer Hintern im Staub erkennen.«
Julia hatte sich bereits umgesehen – nun, zumindest in der Küche und im Wohnzimmer. Die restlichen Zimmer im oberen Stockwerk sowie die untere Etage hatte sie noch nicht inspiziert. Bisher hatte sie herausgefunden, dass das Haus außer von Jugendlichen, die sich regelmäßig hier aufhielten – und mit ganzen LKW-Ladungen leerer Bierdosen und vollgesprayten Wänden deutliche Spuren hinterlassen hatten –, auch von Landstreichern genutzt wurde.
Beim Betreten des Hauses war sie auf einer Matratze gelandet. Sie hatte direkt unter dem Wohnzimmerfenster gelegen, durch das man sich am leichtesten Einlass verschaffen konnte. Die Bretter, die man davor genagelt hatte, um Eindringlinge abzuhalten, waren schon so oft abgerissen und wieder befestigt worden, dass es inzwischen ein Leichtes war, sich mit einem leichten Ruck Zutritt zu verschaffen. Die feuchtkalte Matratze hatte nach Pisse und Erbrochenem gestunken und neben dem widerlichen Bettenersatz hatte ein zerschlissener Schlafsack gelegen. Julia war extrem erleichtert gewesen, dass gerade niemand auf der Matratze gelegen hatte, als sie daraufgefallen war.
»Würdest du dich bitte einfach beeilen und zu Ende bringen, was immer du zu erledigen hast?«, nörgelte Claire und rieb ihre Arme gegeneinander.
»Kalt?«
»Ja, das ist wie in der verfluchten Arktis hier drin.«
Tatsächlich herrschten draußen über 30 Grad und im Inneren des Hauses war es extrem stickig. Julia spürte, wie ihr Schweißperlen über den Rücken rannen und in ihre Arschritze tropften, die sofort zu jucken begann. Sie benutzte ihren Bleistift, um das unangenehme Gefühl wieder loszuwerden. »Ich habe die Atmosphäre hier noch nicht richtig eingefangen. Ich brauche noch mehr Zeit. Ich muss ganz tief in dieses Haus, in seine verstaubten Bodendielen und seine rissigen Wände eindringen und …«
»In die Geister, die darin wohnen.«
»Hier gibt’s keine Geister. Du weißt genau, dass ich keine trashigen Schauergeschichten über alte Spukhäuser schreibe.«
»Ich hab ja auch nicht von Kerlen wie Casper, dem freundlichen Gespenst gesprochen, Jules.«
Julia kehrte den durchdringenden Blicken ihrer Schwester den Rücken zu und starrte auf ihren leeren Notizblock. »Du kannst ja draußen warten, wenn du willst. Ich komm schon zurecht.«
»Scheiße, ich hab schon gedacht, du sagst das nie.«
»Steh einfach Schmiere, okay? Dafür hab ich dich schließlich mitgenommen. Es hatte weiß Gott nichts mit deinem sonnigen Gemüt zu tun.«
»Vielen Dank, Schwesterherz. Ehrlich.«
»Es dauert nicht lange. Versprochen. Ich muss mir nur noch ein paar Notizen machen, dann können wir wieder abhauen.«
»Je früher, desto besser. Ich mag diesen Ort nicht, Jules. Echt nicht. Er ist böse.«
»Nur, weil hier mal was Schlimmes passiert ist, heißt das noch lange nicht, dass es hier spukt. Es ist nur ein Haus.«
»Warum bist du denn dann hier?«
Julia bemerkte das leichte Grinsen auf Claires Gesicht. »Ja, ja, okay. Warte einfach draußen. Ich komm gleich nach.«
Julia wartete, bis Claire verschwunden war, bevor sie auf den dunklen Flur vor sich trat.
Jetzt kann ich mich endlich konzentrieren. Wenn mich keiner stört, kann ich die Atmosphäre dieses Ortes richtig aufsaugen.
Sie wusste, was vor einigen Jahren in diesem Haus geschehen war. Sie hatte ein paar Zeitungsartikel darüber gelesen und war entsprechend entsetzt und traurig gewesen. Es war schrecklich, das ließ sich nicht leugnen, und sie fühlte sich durchaus schuldig, weil sie hierhergekommen war. Aber sie brauchte einen Ort mit einer starken Vergangenheit – einen Ort, an dem es zwar keine Menschen mehr gab, aber eine Geschichte der Gewalt. Einen Ort mit Persönlichkeit. Dank seiner Vergangenheit bot ihr dieses Haus all das und mehr.
Während sie den Flur hinunterging und ihre Taschenlampe Schatten über die Wände tanzen ließ, spürte sie, wie sich ein Kribbeln in ihrem Magen ausbreitete – eine Mischung aus nervöser Aufregung und, ja, Angst.
Claire hatte recht gehabt: Dieser Ort strahlte eine gewisse Energie aus. Nur dass es nichts Böses war. Nein, es war etwas anderes, etwas Greifbares.
Julia blieb stehen, leuchtete mit der Taschenlampe auf ihren Block und jonglierte Lampe, Bleistift und Notizblock so geschickt, dass sie ihre Eindrücke blitzschnell niederschreiben konnte – wie das Haus aussah, wie es sich anfühlte und wie es roch, was sie selbst fühlte, warum sie es fühlte und mögliche Ideen für Figuren oder Geschichten, eben alles, was ihr gerade durch den Kopf ging.
Wenn ich das alles in meinem Buch einfangen kann. Wenn ich es schaffe, dass der Leser dasselbe empfindet wie ich in dieser Sekunde, dann wird es todsicher ein Bestseller …
Julia hörte auf zu schreiben. Einen Augenblick lang war ihr Körper wie festgefroren.
Sie glaubte, das Weinen eines Mädchen gehört zu haben.
Der Moment war jedoch so flüchtig gewesen, dass es durchaus auch nur Einbildung gewesen sein konnte.
»Hallo?«, sagte sie, und dabei klang ihre Stimme stärker, als sie sich selbst gerade fühlte. »Ist da jemand?«
Sie wartete auf eine Antwort.
Nichts.
Wahrscheinlich spielte ihr Verstand ihr nur einen Streich. Aber was, wenn nicht?
Das ist genau das, worüber du schreibst. Du musst diese Gefühle am eigenen Leib spüren, Angst in all ihren Formen erfahren.
Sie ging weiter den Flur hinunter und näherte sich dem Zimmer, aus dem das Weinen ihrer Ansicht nach gekommen war. Sie hielt ihren Notizblock und Bleistift fest mit der rechten Hand umklammert, während sich die Taschenlampe in ihrer rutschigen Linken befand. Die Tür stand einen Spaltbreit offen. Julia blieb stehen, wartete und horchte. Ihr Mund fühlte sich trocken und irgendwie sandig an, als habe sie einen ganzen Becher Sägemehl in sich hineingeschüttet.
Am liebsten hätte sie die Tür mit einem Tritt vollständig geöffnet und mit der Taschenlampe in den Raum geleuchtet, wie sie es schon so oft in schlechten Krimis oder Hollywood-Streifen gelesen und gesehen hatte. Aber stattdessen tippte sie die Tür nur ganz vorsichtig an und wartete, bis sie leise gegen die Wand stieß, bevor sie ihre Taschenlampe schwenkte und das Zimmer aufmerksam absuchte. So hatten potenzielle Psychopathen wenigstens genügend Zeit, sich in Position zu bringen und sie anzugreifen. Das tat jedoch niemand. Die einzige Bewegung, die sie im Raum wahrnehmen konnte, stammte von einer vorbeihuschenden schwarzen Spinne. Sie floh vor dem grellen Schein der Taschenlampe in ihr riesiges, aufwendig gespanntes Netz – fest entschlossen, dort zu bleiben, bis entweder Julia den Raum verließ oder sich irgendein unglückliches Insekt in ihrer Falle verfing.
Julia betrat das Zimmer, ließ den Lichtkegel ihrer Maglite über die Decke, den Boden und die Ecken gleiten und kam zu dem Ergebnis, dass es sich dabei früher um ein Schlafzimmer gehandelt haben musste, höchstwahrscheinlich das eines Kindes. Nun war es bis auf einige leere Bierdosen und Chipstüten vollkommen leer.
Kein Mädchen.
Julia watete durch den Müll, der den Boden bedeckte, wobei jeder Schritt eine neue Staubwolke aufwirbelte, und hielt die Taschenlampe auf die Wand gerichtet. Die Tapete faszinierte sie ungemein. Sie blätterte überall ab, und dort, wo sie nicht mit den üblichen aufgesprayten Tags und Obszönitäten bedeckt war, erkannte Julia diverse Flecken, bei denen es sich um Scheiße, Erbrochenes, Essen oder Blut handeln konnte. Darunter zeichneten sich die ursprünglichen Motive wie Feen, Elfen und Zauberstäbe ab.
Das Zimmer eines kleinen Mädchens?
Plötzlich überkam Julia ein überwältigendes Gefühl des Verlustes und der Traurigkeit.
Lag es daran, dass etwas so Schönes und Unschuldiges auf so schamlose Weise besudelt worden war? Oder war da noch etwas anderes, Tiefgreifenderes, das mit dem zu tun hatte, was in diesem Haus geschehen war?
Mit verschwommenem Blick drehte sich Julia mit dem Rücken zur Wand. Sie streifte mit der Hand über die Augen und atmete zitternd aus. »Reiß dich zusammen, Jules.«
Solche emotionalen Ausbrüche waren untypisch für sie. Sie war froh, dass Claire nicht in der Nähe war und gesehen hatte, wie sie wegen einer albernen Tapete zu flennen anfing.
Während sie sich die restlichen Tränen aus den Augen wischte und einen Schritt nach vorne machte, um den Raum wieder zu verlassen, schimmerte irgendetwas auf dem Boden im Licht ihrer Lampe auf. Es war nicht besonders hell, aber das Glänzen weckte sofort Julias Aufmerksamkeit. Sie durchquerte das Zimmer und ging in die Hocke, um es aus der Nähe zu betrachten. Unter einer Schicht aus braunem Staub erkannte sie eine Fotografie. Sie nahm sie an einer Ecke hoch, schüttelte den Staub ab und musste husten, als einige Partikel in ihre Lunge wirbelten.
Brillant, Jules. Wirklich brillant.
Sie wischte den restlichen Schmutz an ihrem Ärmel ab und richtete die Taschenlampe auf ihre Entdeckung. Das kleine Foto zeigte eine Familie: einen Mann und eine Frau, beide jung und attraktiv, einen Jungen von etwa zehn Jahren und einen schwarzen Spaniel, der neben dem Kleinen saß. Sie standen, von großen, üppig grünen Bäumen flankiert, vor einem weißen, verwitterten Haus. Eine typische moderne Vorstadtfamilie der Oberschicht. Julia drehte das Foto um, aber auf der Rückseite stand nichts, was die Familie hätte identifizieren können. Das Foto war jedoch in der Mitte geknickt worden – sowohl der Vater als auch der Hund wurden von einer deutlichen weißen Linie der Länge nach in ihrer Körpermitte geteilt. Wem dieses Foto auch immer gehört hatte, es sah ganz so aus, als habe er es lange Zeit gefaltet aufbewahrt.
Was macht so ein Foto denn hier drin?
Ein Bild von einem Teenager, das einer der unzähligen notgeilen Eindringlinge hier vergessen hatte, hätte sie ja nachvollziehbar gefunden, aber ein Foto wie dieses schien irgendwie nicht hierher zu passen.
Sie schrak hoch, als sie ein Geräusch hinter sich hörte, wirbelte herum und erkannte Claires Gesicht im Schein ihrer Taschenlampe. »Hast du mich erschreckt!«
»Tut mir leid«, erwiderte Claire und hielt ihre Hand zum Schutz vor dem grellen Licht über die Augen. »Ich bin nervös geworden, weil ich so lange allein da draußen warten musste. Kannst du die Taschenlampe bitte woanders hinhalten?«
Julia ließ die Lampe auf Höhe von Claires Bauch sinken. »Ich bin hier sowieso fertig. Wir können gehen.«
»Gott sei Dank. Dieses Haus …«
»Ich weiß, es ist ganz schön unheimlich. Ich gebe zu, dass es mir allmählich auch Angst macht.«
Claire schaute an Julia vorbei und sah sich im Zimmer um. Ihr Gesichtsausdruck wandelte sich innerhalb weniger Sekunden von Abscheu in Faszination. »Weißt du was? Ich glaube, hier wurde sie damals gefunden. Ich glaube, das hier ist das Zimmer, in dem es passiert ist.«
»In dem was passiert ist?«
Claire seufzte und ließ ihre Schultern hängen. »Was schon, das mit dem kleinen Mädchen. Amanda Waters.«
»Bist du sicher?«
»Ja, ich glaube, ich hab mal etwas von einem Zimmer mit Feen und so an den Wänden gelesen.«
Julia erinnerte sich nicht an ein Zimmer mit Feen, aber sie hatte auch nicht so viel über den Fall gelesen wie Claire. »Na ja, ein Grund mehr, von hier zu verschwinden.«
»Da stimme ich dir zu, Schwesterherz. Was hast du denn da?«
Als Julia Claires Blick folgte, wurde ihr klar, dass sie von der Fotografie sprach. »Das hab ich auf dem Boden gefunden.«
»Und …?«
»Was?«
»Hast du es letztes Mal verloren, als du hier warst und irgendeinen geilen Collegetypen gefickt hast?«
»Ich hab nur … Scheiße, lass uns einfach von hier verschwinden, okay? Wir können ja noch im Lucky’s vorbeigehen. Ich zahle.«
»Das ist das Beste, was ich den ganzen Abend gehört hab.«
Julia steckte das Foto in die rechte Tasche ihrer abgeschnittenen Jeans und verließ hinter Claire das Zimmer mit den Feen, Elfen und Zauberstäben.
Julia erwachte in einem grell erleuchteten Zimmer, in dem gefühlte 32 brennend heiße Grad herrschen mussten. Sie setzte sich mit halb geöffneten Augen auf und sah, dass sie vergessen hatte, die Vorhänge zu schließen. Die Fenster waren zwar offen, aber die Luft im Raum stand trotzdem.
»Brillant, Jules«, murmelte sie und spürte das dumpfe Dröhnen in ihrem Schädel, das sich nur einstellte, wenn sie sich in der vorangegangenen Nacht zu viele Wodkas zu Gemüte geführt hatte. Ihr Mund schmeckte nach Aschenbecher und sie hatte ein flaues Gefühl im Magen. Außerdem musste sie dringend pinkeln, also schwang sie ihre Beine über die Bettkante und sprang aus dem Bett. Sie streckte sich, furzte und sah, dass ihr Laken aussah, als habe jemand einen Eimer Wasser darüber ausgeschüttet.
Wundert mich ja, dass ich überhaupt noch Wasser in mir habe.
Julia runzelte die Stirn. Das Foto lag neben ihrem feuchten Kopfkissen.
Hab ich mir das etwa angeschaut, bevor ich eingeschlafen bin?
Sie konnte sich nicht daran erinnern – nachdem sie letzte Nacht nach Hause gekommen war, hatte sie nur noch kalt geduscht und war dann direkt ins Bett gegangen. Andererseits konnte sie sich an alles, was nach dem dritten Wodka passiert war, nur noch sehr vage erinnern. Julia zuckte mit den Schultern, griff nach dem Foto, legte es auf den Nachttisch und eilte dann ins Badezimmer.
Sie leerte ihre Blase, wusch sich die Hände und trat in die Dusche, wo sie den Kaltwasserhahn ganz weit und den Heißwasserhahn nur ein bisschen aufdrehte.
Sie duschte 20 Minuten lang und fühlte sich herrlich erfrischt, als sie aus der Kabine hüpfte.
Wahrscheinlich bin ich sowieso gleich wieder total verschwitzt, dachte sie, während sie ihren Körper sanft mit dem Handtuch abtupfte.
Warmes Wetter machte ihr nichts aus – aber diese Hitzewelle war einfach zu viel. Eigentlich hatte sie heute ein bisschen schreiben wollen, aber es fiel ihr immer schwer, sich zu konzentrieren, wenn das Thermometer so hoch kletterte.
Dann muss ich eben nackt schreiben und immer genügend …
Sie stutzte. Direkt über ihrer linken Brust befand sich ein kleiner, blasser Fleck. Es sah aus wie Schmutz. Sie rubbelte mit dem Handtuch darüber, aber er ließ sich nicht wegwischen.
Verdammtes Dreckshaus, dachte sie, als sie sich an den vergangenen Abend zurückerinnerte. Sie tropfte ein wenig Flüssigseife auf das Handtuch und rubbelte noch fester über ihre Haut, aber der Fleck verschwand trotzdem nicht.
»Na toll«, sagte sie, als sie sah, dass er jetzt von einem geröteten Hof umgeben war.
Es sah ganz so aus, als habe ihr Körper beschlossen, sie mit einem neuen Makel zu beglücken. Er wirkte völlig deplatziert. Ihr Köper war braun gebrannt, glatt und straff, wo er straff sein sollte – nicht schlecht für eine Frau, die unaufhaltsam auf die 40 zuging.
Wahrscheinlich ein blauer Fleck, sagte sie sich, während sie das feuchte Handtuch über den Ständer hängte.
Sie verließ das Badzimmer und ging in die Küche, wo sie eine Schüssel mit Obstsalat zubereitete und sich einen Kaffee aufbrühte – auch wenn sie in den feurigen Untiefen der Hölle weilte, brauchte sie trotzdem noch ihre allmorgendliche Dröhnung.
Verdammte Hitze, dachte sie und widmete sich ihrem Frühstück.
Es war unmöglich. Sie konnte sich nicht konzentrieren. Seltsamerweise waren jedoch weder die Hitze noch ihr Kater das Problem.
Jedes Mal, wenn sie zu schreiben versuchte, schweiften ihre Gedanken wieder zu dem Foto ab. Wer waren die Menschen, die darauf zu sehen waren, und wie war sie in das Haus gelangt?
Sie leerte ihre sechste Tasse Kaffee, schaltete den Computer aus und ging ins Nebenzimmer, wo das Foto auf sie wartete.
Sie hob es auf, legte es auf ihr Bett und seufzte. »Du hältst mich vom Schreiben ab, weißt du das?« Bei Tageslicht sah das Papier noch verdreckter und abgenutzter aus. An den Rändern war es bereits verblasst, was sie am Abend zuvor gar nicht bemerkt hatte. Alles andere sah hingegen genauso aus, wie sie es in Erinnerung hatte – dieselben lächelnden Gesichter, dasselbe verwitterte Haus, derselbe senkrechte Knick durch die Mitte. Warum also war sie so ungeheuer fasziniert von dieser erstaunlich banalen Aufnahme? So sehr, dass es sie sogar vom Arbeiten abhielt?
War es ein Rätsel, das sie lösen musste? War es das? Als sie noch klein gewesen war, hatte sie Geheimnisse und Kriminalgeschichten immer geliebt – das war auch der Hauptgrund, weshalb sie heute selbst entsprechende Texte schrieb – deshalb erschien es ihr ganz natürlich, dass etwas wie diese Fotografie ihr Interesse weckte. Ein verlorenes Foto in einem verlassenen Haus. Einem Haus, das einst Schauplatz eines abscheulichen Verbrechens gewesen war.
Hat es etwas damit zu tun?, fragte Julia sich.
Ziemlich unwahrscheinlich, entschied sie. Trotzdem sah das Foto aus, als sei es vor nicht allzu langer Zeit aufgenommen worden – die Kleidung und die Frisuren wirkten modern, das Haus und das Grün drum herum ähnelten den Gärten in ihrer Nachbarschaft. War es vielleicht möglich, dass die Familie ganz in der Nähe wohnte?
Ich hab’s! Der attraktive junge Vater ist Immobilienmakler und hat neulich einem Kunden das verlassene Haus gezeigt. Als er dem Interessenten seine Karte geben wollte, ist das Foto von seiner Familie, das er in seiner Brieftasche immer bei sich trägt, herausgefallen, ohne dass er es bemerkt hat. Das wäre doch möglich. Langweilig, aber durchaus wahrscheinlich. Oder wie ist das? Der Junge ist mit dem Spaniel spazieren gegangen und hat spontan beschlossen, einen Blick in das sagenumwobene Haus zu werfen, und während er sich drinnen umgesehen hat, hat ihm irgendetwas Angst eingejagt. Dann ist er weggerannt und hat dabei das Foto verloren.
Beides erschien ihr plausibel. Julia lächelte, und obwohl sie sich albern dabei vorkam, schloss sie die Augen und stellte sich vor, wie der Ehemann ihre Wohnung betrat, nur mit einer Jeans bekleidet, sein gestählter Oberkörper von der Sonne gebräunt und muskulös, während die Wölbung in seiner Hose mit aller Macht versuchte, sich aus ihrem zu eng gewordenen Gefängnis zu befreien …
Das Mädchen schreit und Tränen rinnen über ihre Wangen, als sich der Mann auf sie stürzt, seine Augen erfüllt von wilder Lust …
Julia schrie auf und knallte mit dem Kopf gegen das Bettgestell. Ihr Körper war schweißüberströmt und sie atmete schwer.
Mein Gott, was zur Hölle war das?
Im einen Moment hatte sie sich noch einem Tagtraum hingegeben, in dem der Kerl auf dem Bild die Hauptrolle spielte, und im nächsten …
Julia setzte sich auf und tastete ihren Hinterkopf ab. Die Berührung schmerzte, aber als sie auf ihre Finger sah, klebte kein Blut daran.
»Ich muss hier mal raus«, sagte sie entschlossen und sprang vom Bett auf.
Erst, als sie den Telefonhörer abnahm und Claires Nummer wählte, wurde ihr bewusst, dass sie das Foto noch immer krampfhaft umklammert hielt. Sie legte es auf den Couchtisch und rief ihre Schwester an.
Während sie sich fertig machte, warf sie einen Blick auf den Schrankspiegel und sah, dass der blaue Fleck – oder was zur Hölle es auch sein mochte – größer geworden war.
Unmöglich, dachte sie und trat näher an den Spiegel heran.
Aber der dunkle Fleck war inzwischen tatsächlich doppelt so groß wie nach dem Duschen. »Toll, wirklich ganz toll! Warum bitte konnte mir das nicht wenigstens im Winter passieren?«
Mit einem lauten Seufzen zog sie ihr weißes Trägertop wieder aus und tauchte auf der Suche nach einem Oberteil, das den Fleck erfolgreich kaschieren konnte, erneut in ihren Kleiderschrank ab.
»Sie haben den Typ nie geschnappt.«
»Was?«
»Den Typen, der Amanda Waters umgebracht hat, meine ich.«
»Oh, klar. Ja, das wusste ich. Na und?«
»Ich hab noch mal alles über ihre Entführung und ihre Ermordung nachgelesen. Ich wollte meine Erinnerung auffrischen, weil, na, weil wir doch in dem Haus waren, in dem es passiert ist.«
»Hast du nicht gesagt, jemand sollte das ganze Haus niederbrennen?«
Claire nickte und schob sich eine Gabel mit Salat in den Mund. »Das sollte man auch«, murmelte sie. Sie schluckte. »Aber das heißt ja nicht, dass ich mich nicht ausgiebig über den Fall informieren kann.«
Julia suchte das gut besuchte Café mit Blicken ab. Obwohl sie sich entschlossen hatten, draußen im Qualm und der heißen Luft zu sitzen – Julia hasste Klimaanlagen noch mehr als Zigarettenrauch –, fühlte sie sich eingesperrt und unbehaglich. Sie hatte ihr Sandwich kaum angerührt. »Hast du etwa die ganzen Artikel aufbewahrt?«
Claires runde, käsige Schultern wackelten, als sie die Achseln zuckte. »Ja. Ist das seltsam?«
Julia nickte. »Klar. Aber guck dir doch mal an, womit ich meinen Lebensunterhalt verdiene.«
Claire grinste und widmete sich wieder ihrem griechischen Salat. »Jedenfalls hatte ich recht. Sie haben das kleine Mädchen wirklich dort gefunden. In dem Zimmer mit den ganzen Feen und so an den Wänden. Ich sag mir dauernd, dass ich solche Sachen lieber nicht lesen sollte. Die jagen mir ’ne Scheißangst ein. Ich kann nicht glauben, dass ich gestern Abend wirklich dort war. Wozu du mich aber auch immer überredest. Julia?«
Als sie ihren Namen hörte, sah Julia hoch. »Hä?«
»Hast du gehört, was ich gesagt habe?«
»Ja, sicher.« Aber das hatte sie nicht.
»Was ist denn mit dir los? Du hast dich schon am Telefon gar nicht gut angehört. Du sagst mir, dass du mal aus deiner Wohnung raus musst und dich mit mir zum Mittagessen treffen möchtest, aber seit wir hier sind, kommt’s mir so vor, als wärst du auf einem anderen Planeten unterwegs. Und was hast du da bitte an? Es ist heißer als in der Hölle und du sitzt da in einer Bluse? Normalerweise muss ich dich doch eher ermahnen, dir ein bisschen mehr anzuziehen.«
»Es ist nur … das Schreiben. Ich hab bei dieser Hitze Schwierigkeiten damit. Es ist nichts.«
»Von wegen. Es ist dieses Haus, stimmt’s? Es ist dir nahegegangen.«
Manchmal hasste Julia es, dass ihre beste Freundin zugleich ihre Schwester war. Vor ihr konnte sie nichts verbergen. »Du bist ja wohl diejenige, der es nahegegangen ist. Du hast doch alles über den Mord gelesen.«
»Da hast du recht, Süße. Aber wenigstens gebe ich zu, dass es mich mitnimmt.«
Julia erhob sich ganz plötzlich. Claire wich ein Stück vor ihr zurück. »Was ist los?«
»Lass uns gehen. Hier sind mir zu viele Leute.«
»Okay«, erwiderte Claire und schaute auf Julias halb gegessenes Sandwich hinunter.
»Ich lass es einpacken, okay?«, sagte Julia und holte ihren Geldbeutel aus der Handtasche.
»Nein, lass mich das machen. Du hast gestern Abend schon die Drinks bezahlt.«
»Ist schon okay, ehrlich …« Das Foto fiel vor ihr auf den Tisch.
»Verdammt, Jules. Hast du das etwa immer noch?« Claire streckte eine Hand aus und griff danach. Sie sah sich das kleine, zerknitterte Bild genau an. »Hey, der Vater ist ziemlich süß«, sagte sie. Sie runzelte die Stirn. »Weißt du, die kommen mir irgendwie bekannt vor.«
Julia schnappte sich die Aufnahme und beförderte sie wieder in ihre Handtasche.
»Du trägst das also mit dir rum?« Claire kicherte. »Warum?«
»Keine Ahnung«, blaffte Julia ihre Schwester an. »Nur so. Mein Gott, muss ich dir denn immer alles sagen? Es gefällt mir eben. Es …« Sie versuchte, eine möglichst plausible Erklärung aus dem Hut zu zaubern. »Es hilft mir beim Schreiben. Wie eine Muse, ein Andenken an das Haus.«
Claire stand auf und hob die Hände. »Okay, wie du meinst. Peace, Schwester, okay?«
Julia warf zwei Zehn-Dollar-Scheine auf den Tisch, steckte ihr Portemonnaie wieder ein und trat aus dem Schatten des Cafés in die blendende Sonne.
»Hey, was ist mit dem Sandwich?«, rief Claire ihr nach.
»Nimm’s doch einfach mit und iss es unterwegs«, rief Julia zurück, während sie mit ihrer Hand in die Tasche griff, um sich zu vergewissern, dass das Foto auch wirklich wieder darin gelandet war.
Das war der Fall und sie fühlte sich deshalb sofort viel besser.
Julia lauschte, wie das Telefon zum fünften Mal an diesem Abend klingelte. Sie wusste, dass es entweder Belinda oder Cindy war. Samstags ging sie abends normalerweise mit ihren alten Freundinnen vom College aus.
Heute war ihr aber nicht danach. Sie hatte keine Lust, jemanden zu sehen oder mit jemandem zu reden, und das galt auch für denjenigen, der sie gerade anrief – wer immer das auch sein mochte. Sie spielte mit dem Gedanken, den Stecker des Telefons aus der Wand zu ziehen, aber es war ihr zu mühsam, deswegen extra aufzustehen.
Sie lag nackt auf dem Bett, hatte sich auf die Seite gedreht und hielt das Foto in ihrer Hand. Das Fenster war geöffnet und die Vorhänge, die sich mit jeder Windböe ein wenig aufblähten, hatte sie zugezogen. Der Fernseher lief, aber sie hatte den Ton leise gedreht.
Sie starrte nun schon seit Stunden auf das Foto. Claire hatte recht gehabt – das Haus machte ihr stärker zu schaffen, als sie sich zunächst eingestehen wollte.
Der Fleck auf ihrem Körper war seit dem Nachmittag erneut gewachsen. Nun reichte er von kurz oberhalb ihres linken Busens bis zur Mitte ihres Brustkorbs – ein länglich-eckiger Flatschen, der ungefähr die Größe einer Streichholzschachtel besaß. Sie hatte nicht die leiseste Ahnung, worum es sich dabei handeln könnte: Krebsgeschwüre wuchsen nicht so schnell. Er war auch nicht druckempfindlich, wie es bei einem blauen Fleck der Fall gewesen wäre.
Hatte sie sich im Haus irgendeine Krankheit eingefangen?
Sie wollte nicht zum Arzt gehen – Ärzte jagten ihr furchtbare Angst ein. Sie wollte Claire davon erzählen, aber nicht heute Abend. Jetzt wollte sie einfach nur mit dem Foto im Bett liegen. Es war das Einzige, was ihr Trost spendete, das Einzige, was sie von der Hitze ablenkte, vom Schreiben und von dem hässlichen Mal auf ihrer Brust.
Julia lächelte die Familie auf dem Foto an und stellte sich vor, dass sie zurücklächelten. Sie hatte ihnen allen Namen gegeben – der Mann hieß Sebastian, die Frau Heather, der Junge Craig und der Hund Sammy. Es war albern, das wusste sie, aber es war ihr egal. Das Foto hatte irgendetwas an sich, etwas Besonderes. Sie fühlte sich davon stark angezogen.
Sie fragte sich noch immer, wer diese Leute wohl waren, wo sie wohnten und wie das Foto seinen Weg in das Haus gefunden hatte. Diese Fragen schienen ihr inzwischen jedoch weniger wichtig als das Foto selbst, dem eine eigentümliche Energie innezuwohnen schien und das ihr Trost spendete.
Sie drehte sich auf den Rücken und blinzelte heißen Schweiß aus ihren Augen. Der Einfluss der Hitze machte auch vor der Aufnahme nicht halt. Ein kleiner Teil des Motivs war bereits komplett verschwunden, so als hätte das, was dort zu sehen gewesen war, niemals existiert.
Wo bist du hergekommen?, fragte sie sich und legte das Foto auf ihre Brust. Es fühlte sich heiß an, heißer als ihre Haut, aber trotzdem nahm Julia es nicht wieder weg. Irgendetwas rief nach ihr, irgendetwas oder irgendjemand, da war sie sich sicher, und als sie gerade ihre Augen öffnen und nachsehen wollte, ob es von draußen kam …
Überall Feen und Elfen und Zauberstäbe, nur dass sie nun von etwas Bösem besudelt worden sind. Das Zimmer ist dunkel, abgesehen vom Schein einer einsamen Kerze, die nicht nur die dreckige alte Matratze mit dem furchtbaren Gestank in flackerndes Licht taucht, sondern auch noch etwas anderes – etwas Kleines, Zitterndes. Eine menschliche Gestalt mit langem, goldenem Haar und schmutziger Kleidung. Der Kopf der Gestalt ist in die Matratze vergraben – sie scheint zu schlafen. Ein plötzliches Geräusch, ein Donnern, ertönt, und die Kerze zittert, so als gehe jemand ganz dicht an ihr vorbei und lasse ihr Licht über die Feen, Elfen und Zauberstäbe tanzen. Ein Mann. Groß, kräftig, behaart. Er betritt das Zimmer mit einer Tasche in der Hand, lächelnd. Dann wacht die kleine Gestalt mit dem langen, goldenen Haar auf, sieht zu dem Mann hinüber und beginnt zu schreien. Es ist ein Mädchen. Sie schreit und Tränen rinnen über ihre Wangen, als der Mann sich auf sie stürzt und seine Augen sie erfüllt von wilder Lust böse anfunkeln …
»Julia!«
Als Julia mit schweißgebadetem Körper erwachte, ihre Atmung schnell und keuchend, war sie sich nicht sicher, ob die Person, die ihren Namen gerufen hatte, noch zu dem Traum gehörte oder nicht.
Traum? Scheiße, das war kein Traum, das war ein Albtraum.
»Julia! Hey, bist du da oben?«
Julia setzte sich auf, dabei fiel das Foto von ihrer Brust.
Es war Cindy.
Julia sprang aus dem Bett, ging zum Fenster hinüber und zog die Vorhänge zur Seite. Zwei Stockwerke tiefer standen Cindy und Belinda auf dem Bürgersteig.
»Wir haben den ganzen Abend versucht, dich zu erreichen«, rief Belinda zu ihr herauf. »Was ist denn los?«
»Ich fühl mich nicht so prall, Mädels. Ich glaube, ich muss euch heute Abend mal alleine um die Häuser ziehen lassen.«
»Okay, wie du meinst«, brüllte Cindy.
»Das ist hier übrigens keine Peepshow, Süße«, sagte Belinda. »Wir wissen alle, dass du ’nen tollen Körper hast, aber den musst du uns ja nicht so direkt unter die Nase reiben.«
»Und seit wann hast du ein Tattoo? Wann hast du das denn stechen lassen?«
Julia schaute an sich hinunter und sah sofort, dass der Fleck erneut gewachsen war. Er war nun doppelt so groß wie eine Streichholzschachtel.
Oh, mein Gott.
»Was ist das denn?«, wollte Cindy wissen. »Ein Matrosenherz?«
»Ein Einhorn?«
»Ich weiß – Stars and Stripes?«
»Mir wird kalt. Tut mir leid, Mädels. Euch viel Spaß!« Sie schloss das Fenster, zog die Vorhänge zu und rannte ins Badezimmer. Sie schaltete das Licht an und starrte auf den Fleck, der inzwischen ihre halbe Brust bedeckte. »Oh Gott!«, wimmerte sie. »Was passiert nur mit mir?«
Sie trat näher an den Badezimmerspiegel und untersuchte die Stelle genauer.
Plötzlich fühlte sie sich schwindelig.
»Das ist unmöglich.«
Aus dem Spiegel blickte ihr das Foto entgegen – es war nur ein verblasstes, verschwommenes Bild, aber es bestand kein Zweifel daran, dass es sich um dasselbe Haus, die gleichen Bäume, die gleichen Personen und den gleichen Hund handelte. Sie waren alle da, lächelten sie an, der Mann und der Köter von dem Knick durchbrochen.
Sie stürzte aus dem Badezimmer auf ihr Bett zu und griff nach dem Foto, das auf den durchgeschwitzten Laken lag. Sie hob es auf. Das Bild war fast vollkommen verblasst. »Was passiert hier?«, rief sie aus und ließ sich auf den Boden fallen, das Foto fest gegen ihre Brust gepresst und in der Mitte gefaltet, genauso, wie es sein sollte.
Das Telefon klingelte.
Diesmal waren es nicht Belinda oder Cindy.
Julia erhob sich und taumelte zum Telefon. Mit zitternder Hand hob sie den Hörer ab. »Hallo?«
»Jules, ich bin’s. Ist alles okay? Du klingst aber gar nicht gut.«
So sehr sie sich auch wünschte, ihrer Schwester alles zu erzählen, schluckte sie nur die Tränen hinunter und antwortete: »Mir geht’s bestens.«
»Okay. Hör zu, ich muss dir was wirklich Unglaubliches erzählen.«
»Ich will’s nicht hören«, erwiderte Julia. Das Foto fühlte sich ganz heiß in ihrer Hand an. Alles, was sie wollte, war, seine Energie in sich aufzunehmen, sonst nichts. Sie konnte keine Ablenkung gebrauchen.
»Aber Jules …«
»Lass mich einfach in Ruhe!« Sie ließ das Telefon fallen und der Hörer baumelte neben dem Couchtisch. »Hör auf«, schluchzte sie und sank auf die Knie.
Fange ich an durchzudrehen?
Sie wollte Antworten. Brauchte sie.
Das Bild auf ihrer Brust hatte eine Bedeutung. Es war nicht einfach ein Krebsgeschwür oder ein mutierter blauer Fleck – es war ein Zeichen, es musste ein Zeichen sein.
»Bitte, sag’s mir doch. Was willst du?«
Während sie das Foto an ihr Herz drückte, so als sei es ihr einziges Lebenselixier, sah sie, wie …
Das kleine Mädchen schreit. Tränen rinnen über seine Wangen, als der Mann sich mit wilder Lust im Blick auf sie stürzt. »Ich hab was für dich«, krächzt er. Er versenkt seinen Arm tief in die Tasche und zieht ein altes Tuch und ein Messer heraus. Das kleine Mädchen schreit erneut und fleht den Mann an, sie in Ruhe zu lassen. Sie versucht wegzurennen, aber der Mann packt sie an ihrem goldenen Haar und schlägt sie ins Gesicht. Schluchzend liegt sie auf der Matratze, während ihr der Mann das Tuch in den Mund stopft. Er hält das Messer fest umklammert, öffnet mit seiner freien Hand die Hose und befreit seinen erigierten Penis. »Ich hab noch was anderes für dich. Etwas, das dir sehr gefallen wird.« Er grinst und lacht, kniet sich hin und schiebt das Nachthemd des kleinen Mädchens bis zu ihrer Hüfte hoch.
»Keine Angst, es wird nicht wehtun. Halt einfach still, dann ist alles ganz schnell vorbei …« Sie ist das Mädchen. Er tut ihr weh und sie hat schreckliche Angst. Sie kennt den bösen Mann, der ihr das angetan und sie angefasst hat. Aber daran will sie jetzt nicht denken. Während sich der böse Mann auf sie legt, kneift sie ihre Augen ganz fest zusammen und denkt an ihre Mummy und ihren Daddy und Sammy und, ja, sogar an ihren gemeinen Bruder Craig. An den letzten Sommer, als sie alle zusammen am Strand waren, gebadet und Volleyball gespielt haben und als Mummy den Ball immer wieder ins Wasser geschlagen hat. Sie hat Daddy überredet, ins Wasser zu gehen und ihn zurückzuholen. Sammy ist herumgetollt und hat den Möwen nachgejagt, der dumme Hund.
Während der Schmerz den Körper der kleinen Amanda zu zerreißen droht, hält sie ihre Fotografie ganz fest umklammert und versucht, alles auszublenden. Alles außer ihre schönen Erinnerungen. Zum Beispiel den Tag, an dem sie das Foto gemacht hat. Sie konnte es noch mitnehmen, bevor der böse Mann sie gepackt hat. Er hat es noch nicht gefunden, weil sie es vor ihm versteckt, zusammenfaltet und versteckt, damit der böse Mann es nicht finden und zerreißen kann. Sie krallt sich an dem Foto fest und versucht, sich an den Tag zu erinnern, an das allererste Mal, als Daddy sie die Kamera hat benutzen lassen. An den Tag, als Daddy, Mummy und Craig zusammen vor ihrem Haus gestanden haben und sie darauf gewartet hat, dass sie nicht länger herumalbern, damit sie endlich das Foto schießen kann. Sogar Sammy hat es geschafft, für das Foto lange genug stillzuhalten. Sie hat »cheese« gesagt und auf den kleinen Auslöser gedrückt.
Als sie die Abzüge abgeholt haben, hat Daddy gesagt, ihr Foto sei das Beste von allen, und er hat ihr erlaubt, es in ihrem Zimmer aufzubewahren, neben dem Bett, wo es gestanden hat, bis der böse Mann gekommen ist. Aber sie hat es noch. Und wenn sie es ganz fest an ihr Herz drückt, hat sie das Gefühl, dass Mummy und Daddy ganz nah bei ihr sind und alles gut werden wird. Sie werden kommen und sie von hier fortbringen, denn die Matratze stinkt und sie möchte nach Hause – weg von all den Feen und Elfen und Zauberstäben …
Julia erwachte, als jemand sanft an ihrer Schulter rüttelte und ihren Namen sagte. Als sie die Augen öffnete, nahm sie zunächst nur Dunkelheit wahr. Dann ein Licht, das auf sie hinabschien.
»Jules, hey, Jules.«
Es war Claire, die neben ihr hockte.
Dann nahm sie den beißenden Geruch wahr – eine widerlich stinkende, aber vertraute Mischung aus Bier, Pisse und Staub. Aber vor allem war es der Gestank des Todes und der Verwesung.
Sie setzte sich auf und sah, dass sie sich in dem verlassenen Haus befand, umgeben von Feen und Elfen und Zauberstäben. Sie saß auf der Matratze, ihr Körper war mit einer Jacke bedeckt, aber darunter war sie vollkommen nackt.
»Was ist passiert? Warum sind Sie hierhergekommen?«
Julia erschrak, als sie die unvertraute Stimme hörte. »Wer ist da?«
Zwei Personen traten in den Schein der Taschenlampe. Zwei sehr vertraute Personen.
»Jules, das sind die Eltern von Amanda Waters – Heather und Sebastian.«
Julia blickte zu den beiden hinauf. Sie sahen anders aus als auf dem Foto – älter und nicht mehr so attraktiv.
»Das wollte ich dir am Telefon erzählen. Die Leute auf dem Foto, das du gefunden hast, das war Amandas Familie. Als ich nach unserem gemeinsamen Mittagessen nach Hause gekommen bin, habe ich noch mal ein paar alte Artikel durchgeblättert und bin über den mit ihrem Bild gestolpert. Ich wusste, dass ich sie vorher schon mal irgendwo gesehen hatte. Sie wohnen ganz in der Nähe, also habe ich sie angerufen und ihnen erzählt, was du entdeckt hast. Sie wollten dich treffen und das Foto sehen, aber als wir bei dir vorbeigekommen sind, warst du nicht zu Hause, und, na ja, da hab ich gedacht, du bist vielleicht hierher zurückgekommen. Jedenfalls habe ich es gehofft. Du hast mir ’ne ganz schöne Angst eingejagt, Süße.«
»Haben Sie das Foto?«, fragte Heather mit Tränen in den Augen.
Julia sah auf ihre rechte Hand hinunter. Sie nickte. Sie faltete das Foto zusammen und reichte es Heather, die sich die Tränen aus ihren Augen wischte, bevor sie es entgegennahm und gegen das Licht hielt.
»Was soll das?«, wollte Sebastian wissen, aber seine Stimme klang eher verblüfft als verärgert.
»Was meinen Sie?«, fragte Julia zurück.
»Ist das das Foto, das Sie hier gefunden haben?«
Julia nickte.
»Ich dachte, Sie hätten gesagt, es sei das Bild gewesen, das Amanda von uns gemacht hat, ein paar Wochen, bevor sie …« Heather senkte den Kopf und begann zu weinen.
Claire und Julia sahen sich stirnrunzelnd an. »Ich verstehe nicht«, sagte Julia.
Sebastian reichte ihr das Foto.
Statt einer Familie, die lächelnd vor einem verwitterten Haus stand, war ein junger Mann darauf zu sehen. Ein behaarter Mann mit bösen, lüsternen Augen.
»Das ist Geoff Campbell.«
Julia blickte in das erschöpfte Gesicht von Sebastian Waters. »Wer?«
»Geoff Campbell. Er ist der Hausmeister an Amandas Grundschule. Warum haben Sie ein Foto von ihm?«
Julia öffnete die Jacke und schaute auf ihre Brust hinunter. Der Fleck war verschwunden. Komplett und restlos verschwunden – nicht einmal das winzigste Anzeichen des Fotos war noch zu erkennen. Ihr Körper war wieder makellos.
Julia gab Sebastian das Foto zurück. »Das ist ein Geschenk für Sie. Von Amanda.«
NOTIZEN ZUR ENTSTEHUNG:
Ob Sie es glauben oder nicht, aber diese Geschichte ist durch den Film 8 Mile inspiriert worden. Ich habe mir die DVD eines Abends angeschaut. Eine Szene darin spielt in einem verlassenen Haus; vielleicht ist es auch ein Haus, das nach einem Brand vollkommen leer und ausgebrannt ist – es ist schon eine Weile her, seit ich ihn gesehen habe.
Und wie das mit Ideen eben oft so ist, sie tauchen plötzlich in deinem Kopf auf, scheinbar aus dem Nirgendwo. Manchmal passiert es beim Autofahren, manchmal unter der Dusche … oder eben, während man sich einen Film ansieht. Diese eine Szene zu sehen, muss irgendeinen kreativen Funken in meiner Vorstellung entfacht haben, und in jenem Moment kam mir die Idee vom Geist eines ermordeten Mädchens.
Auch wenn ich gerne glauben möchte, dass diese Idee sowieso in mir steckte und ohnehin eines Tages herausgekommen wäre, stelle ich mir trotzdem die Frage: Wenn ich diesen Film zu diesem Zeitpunkt nicht angeschaut hätte, hätte ich diese Geschichte dann jemals geschrieben? Und während Sie alle noch über diese mysteriöse Frage nachgrübeln, danke ich in der Zwischenzeit einfach schon mal Scott Silver, Curtis Hanson und Eminem, dass sie mich zu dieser Geschichte inspiriert haben.