Samstag, 9. Februar
Noch immer, wenn sie tief in der Nacht den stillen Platz vor dem The Elephant überquerte, sich nach rechts wandte und durch die enge, vollkommen ausgestorbene Gasse ging, an deren Ende ihre Wohnung lag, fühlte sie sich unbehaglich.
Nein, dachte sie, während sie mit gesenktem Kopf vorwärtshastete, unbehaglich ist gar nicht das richtige Wort. Ich habe Angst. Ich habe immer noch Angst.
Den Freitagabend und die ersten Stunden des Samstags hasste sie besonders. Am Freitag wurden, wenn der letzte Gast gegangen war, die Wocheneinnahmen berechnet und akribisch jeder einzelne Cent in einem dicken Ordner notiert. Justin McDrummond, der Besitzer des Pubs, nahm es sehr genau mit dem Geld, aber natürlich ging es dabei auch um seine Existenz. Seine beiden Angestellten durften nicht verschwinden, ehe nicht alles kontrolliert war und auf den Cent genau stimmte. Dadurch wurde es weit nach Mitternacht, ehe man sich auf den Heimweg machen konnte. Die Aushilfskräfte waren zu diesem Zeitpunkt längst auf und davon; nur Bert, der Koch, und sie, das Serviermädchen, hatten auszuharren.
Unglücklicherweise wohnte Bert in der entgegengesetzten Richtung, so dass es keine Chance gab, wenigstens ein Stück des Weges mit ihm gemeinsam zu gehen. Zudem hatte er es immer schrecklich eilig, zu seiner Frau und seinen kleinen Kindern nach Hause zu kommen.
Aber ohnehin, dachte sie, wäre er gar nicht auf die Idee gekommen, mir seine Begleitung anzubieten. Niemand geht davon aus, dass hier etwas geschieht. Nicht in Langbury. Wo sich Fuchs und Hase gute Nacht sagen.
Sie sah auf ihre Uhr. Kurz nach halb zwei. Natürlich war kein Mensch mehr auf der Straße. Nicht, dass es hier überhaupt je von Menschen gewimmelt hätte, aber in hellen Sommernächten stieß man wenigstens gelegentlich auf ein Liebespaar oder auf irgendeinen späten Spaziergänger mit Hund. Aber natürlich nicht im Februar. Es war eine eisig kalte Nacht, der Wind jagte durch die Straßen und wirbelte ein paar Schneeflocken herum. Hinter allen Fenstern herrschte völlige Dunkelheit.
Sie hatte den Platz vor dem Pub überquert und tauchte in die kopfsteingepflasterte Gasse, die leicht bergan stieg und die so schmal war, dass man den Eindruck hatte, die Menschen könnten sich aus den Häusern rechts und links herauslehnen und einander ohne große Schwierigkeiten die Hände schütteln. Tatsächlich waren die Häuser sehr alt und neigten sich fast alle mit den oberen Stockwerken ein Stück nach vorn. Touristen, die nach Langbury kamen, begeisterten sich an den Häusern, gerade weil sie so schmalbrüstig und schief waren. So alt, so englisch!
Sie dachte, dass man die zugigen, engen Kästen mit den schlecht schließenden, viel zu kleinen Fenstern, den winzigen Räumen und halsbrecherisch steilen Treppen im Innern nur bejubeln konnte, wenn man selbst nicht darin leben musste. Hatten sich die Leute mal überlegt, wie wenig Licht in die Zimmer dringen konnte? Wie dunkel es darin sein musste, selbst im Sommer? Wie beengt man hauste? Aber natürlich machte sich niemand darüber Gedanken. Man nannte das Bild, das das kleine Dorf in Northumberland bot, romantisch und kehrte dann nach Hause zurück, wo man es heller, komfortabler und großzügiger hatte.
Obwohl sie froh sein musste, die Wohnung gefunden zu haben, keine Frage. Und die Arbeit bei Mr. McDrummond. Als sie ihren letzten Job verloren hatte – sie hatte im Lager eines Schuhgeschäfts die Ware sortiert und etikettiert –, war sie völlig verzweifelt gewesen. Nicht, dass diese Tätigkeit ihr besonders viel Spaß gemacht hätte, aber sie hatte sich in dem abgeschiedenen Raum so fern der Welt und damit sicher gefühlt. Außer ihren Kollegen traf sie kaum je einen Menschen. Es war nicht das Leben, von dem sie geträumt hatte, aber es hatte ihr allmählich eine innere Ruhe vermittelt, die schwerer wog als Anflüge von Einsamkeit und das Bewusstsein, dass das eigentliche Leben an ihr vorüberging. Die Angst war das Schlimmste. Jedes Bollwerk gegen die Angst, und wenn es sie gleichzeitig gegen Menschen, Freundschaften und Liebe blockierte, war willkommen.
In einem Pub hatte sie eigentlich zuallerletzt arbeiten wollen. Die meisten Gäste dort waren Menschen aus dem Dorf, aber gerade im Sommer kamen auch viele Touristen. Fremde. Jeder konnte kommen, jeden Augenblick. Auch …
Sie arbeitete seit dem vergangenen Juni im Elephant. Aber noch immer schrak sie zusammen, wenn sich die Tür von draußen öffnete. Noch immer brach ihr der Schweiß in den Handflächen aus. Noch immer dauerte es Minuten, ehe sich Herzschlag und Puls halbwegs normalisiert hatten.
Sie hatte einfach keinen anderen Job gefunden. Zwei Mieten war sie schon im Rückstand gewesen. Mr. Cadwick, der Hausbesitzer, der in der Wohnung unter ihr wohnte, hatte ihr ständig im Treppenhaus aufgelauert. »So geht das nicht weiter. Sie können hier nicht umsonst wohnen. Ich bin kein Wohltätigkeitsverein. Wenn ich nicht nächste Woche das Geld habe, rufe ich die Polizei!«
In ihrer Not hatte sie die Stelle im Elephant angenommen. Justin zahlte nicht schlecht, und zusammen mit dem Trinkgeld verdiente sie nun besser als vorher. Dafür schlief sie schlechter und hatte wieder an Gewicht verloren. Sie hielt Ausschau nach einer anderen Tätigkeit, hatte aber bislang nichts gefunden.
Sie hatte die Hälfte des Weges zurückgelegt und hielt für einen Moment inne. Eigentlich besaß sie eine gute Kondition, aber sie hatte in ihrer Verspannung und Furcht wieder einmal falsch geatmet und wurde nun von heftigem Seitenstechen geplagt. Die Hand an die Taille gepresst, versuchte sie tief Luft zu holen. Rechts und links von ihr lagen schwarz und stumm die tiefen Hauseingänge. Als sie daran dachte, was und wer sich alles ganz leicht dort verbergen konnte, atmete sie sofort wieder verkrampft und spürte, wie die Schmerzen schlimmer wurden. Es hatte keinen Sinn, hier stehen zu bleiben, es machte sie nur verrückt.
Du bist neurotisch, schimpfte sie mit sich, während sie weiterlief, total neurotisch. Irgendwann drehst du noch komplett durch!
Aber wer gesehen hatte, was sie gesehen hatte. Wer erlebt hatte …
Nicht weiterdenken. Sie hatte noch etwa zweihundert Meter zu laufen. Wenn sie erst in der Wohnung war, wenn sie festgestellt hatte, dass sich niemand dort verborgen hielt, wenn sie die Fensterläden verriegelt und verrammelt hatte und unter ihrer warmen Bettdecke lag, eine Wärmflasche auf dem Bauch und ein Glas heiße Milch mit Honig neben sich, dann würde es ihr besser gehen. Dann würde sie sich sicherer fühlen. Und wissen, dass sie wieder einen Tag geschafft hatte.
Kurz vor der Haustür hielt sie inne, um ihren Schlüssel aus der Tasche zu kramen. Es war völlig dunkel, sie konnte nichts sehen, aber urplötzlich blitzte eine Taschenlampe auf und leuchtete ihr ins Gesicht.
Sie hob den Kopf, wollte schreien. Und brachte keinen Laut hervor.