KAPITEL 30


Picard und ich gingen durch das Mannschaftsbüro nach draußen. Es war leer. Ruhig. Der Innendienstler war gegangen. Teale mußte ihn weggeschickt haben. Die Kaffeemaschine war eingeschaltet. Ich konnte es riechen. Ich sah Roscoes Schreibtisch. Ich sah das große schwarze Brett. Die Untersuchung im Morrison-Fall. Es war immer noch leer. Keinerlei Fortschritte. Ich ging um die Empfangstheke herum. Stieß die schwere Glastür mit der steifen Gummiabdichtung auf. Trat hinaus in den hellen Nachmittag.

Picard bedeutete mir mit seinem kurzen Lauf, daß ich in den Bentley steigen und fahren sollte. Ich widersprach nicht. Ging nur über den Parkplatz zum Wagen. Ich war der Panik näher als je in meinem ganzen Leben. Mein Herz hämmerte, und ich konnte nur flach atmen. Ich setzte einen Fuß vor den anderen und nahm alle Kraft zusammen, die ich noch hatte, um nicht die Kontrolle zu verlieren. Ich sagte zu mir, bis ich an der Fahrertür angekommen war, mußte ich besser eine verdammt gute Idee haben, was zum Teufel ich als nächstes tun könnte.

Ich stieg in den Bentley und fuhr zu Eno's Diner. Langte nach dem Fach im Sitz und fand die Landkarte. Ging durch die strahlende Nachmittagssonne und trat durch Enos Tür. Glitt in eine leere Nische. Bestellte Kaffee und Rühreier.

Ich schrie mich innerlich an, dem zu folgen, was ich in dreizehn harten Jahren gelernt hatte. Je kürzer die Zeit, desto besonnener muß man sein. Wenn man nur einen einzigen Schuß hat, muß man dafür sorgen, daß er trifft. Man kann sich nicht leisten, danebenzuschießen, nur weil man die Planung vermasselt hat. Oder weil man einen Unterzucker bekommt und einem in den frühen Morgenstunden schwindlig und übel wird. Also zwang ich mir die Eier runter und trank den Kaffee. Dann schob ich den leeren Becher und den Teller beiseite und breitete die Karte auf dem Tisch aus. Fing an, nach Hubble zu suchen. Er konnte überall sein. Aber ich mußte ihn finden. Ich hatte nur einen Versuch. Ich konnte nicht von einem Ort zum anderen rasen. Ich mußte ihn in meinem Kopf finden. Es mußte ein gedanklicher Prozeß sein. Ich mußte ihn zuerst in meinem Kopf finden und dann zu ihm fahren. Also beugte ich mich über Enos Tisch. Starrte auf die Karte. Starrte lange Zeit darauf.

Ich verbrachte fast eine Stunde mit der Karte. Dann faltete ich sie auf dem Tisch zu einem Quadrat. Nahm Messer und Gabel von dem Teller. Ließ sie in meiner Hosentasche verschwinden. Blickte mich um. Die Kellnerin kam herüber. Die mit der Brille.

»Planst du eine Reise, Honey?« fragte sie mich.

Ich blickte zu ihr hoch. Ich konnte mich in ihren Brillengläsern sehen. Und konnte Picards riesige Gestalt sehen, die in der Nische hinter mir hockte. Ich konnte geradezu spüren, wie sich seine Hand um den Schaft der 38er spannte. Ich nickte der Frau zu.

»So ist es«, sagte ich. »Eine höllische Reise. Die Reise meines Lebens.«

Sie wußte nicht, was sie dazu sagen sollte.

»Na, dann paß auf dich auf, okay?«

Ich stand auf und ließ einen von Charlies Hundertern für sie auf dem Tisch. Vielleicht war er echt, vielleicht auch nicht. Er würde in jedem Fall ausgegeben werden. Und ich wollte ihr ein großes Trinkgeld geben. Eno bekam pro Woche einen schmutzigen Riesen, aber ich wußte nicht, ob er davon viel weitergab. Wahrscheinlich nicht, wie ich den Typen einschätzte.

»Bis bald, Mister«, sagte die Frau mit der Brille.

»Vielleicht.«

Picard schob mich durch die Tür. Es war vier Uhr. Ich hastete über den Kies zum Bentley. Picard folgte mir mit der Hand in der Tasche. Ich stieg ein und startete den Motor. Fuhr langsam vom Parkplatz und raste über die alte Landstraße nach Norden. Brachte die vierzehn Meilen in zwölf Minuten hinter mich.

Picard hatte mich mit dem Bentley fahren lassen. Nicht mit seinem Wagen. Dafür mußte er einen Grund haben. Sicher nicht, weil er die zusätzliche Beinfreiheit haben wollte. Sondern weil der Bentley ein sehr auffälliger Wagen war. Was bedeutete, daß es noch eine zusätzliche Absicherung gab. Ich blickte in den Spiegel und entdeckte eine unauffällige Limousine. Ungefähr hundert Meter hinter uns. Mit zwei Männern darin. Ich zuckte die Achseln. Fuhr langsamer und blickte nach links zu den Lagerhäusern am Ende der Landstraße. Raste die Rampe hoch und über den Zubringer. Fuhr so schnell auf den Highway, wie ich konnte. Die Zeit war kostbar.

Die Straße führte uns um die Südostecke von Atlanta herum. Ich bahnte mir meinen Weg über das Autobahnkreuz. Steuerte auf der Interstate-20 genau nach Osten. Fuhr mit stetiger Geschwindigkeit Meile um Meile, immer mit den beiden Männern in der unauffälligen Limousine hundert Meter hinter mir.

»Also, wo ist er?« fragte Picard mich.

Es war das erste Mal, seit wir das Revier verlassen hatten, daß er sprach. Ich blickte zu ihm hinüber und zuckte die Achseln.

»Keine Ahnung«, sagte ich. »Am besten suche ich einen Freund von ihm in Augusta auf.«

»Wer ist dieser Freund?« fragte er.

»Ein Typ namens Lennon.«

»In Augusta?«

»In Augusta. Da fahren wir jetzt hin.«

Picard nickte. Wir fuhren weiter. Die beiden Männer blieben hinter uns.

»Und wer ist dieser Typ in Augusta?« fragte Picard. »Dieser Lennon?«

»Ein Freund von Hubble, wie ich schon sagte.«

»Er hat keinen Freund in Augusta«, sagte Picard. »Glaubst du nicht, wir hätten solche Dinge längst überprüft?«

Ich zuckte die Achseln. Antwortete nicht.

»Es wäre besser für dich, mich nicht zu verarschen, mein Freund«, sagte Picard. »Kliner würde das nicht gefallen. Das würde die Lage für die Frau verschlimmern. Er hat einen ziemlich ausgeprägten Hang zur Grausamkeit. Glaub mir, ich habe ihn in Aktion gesehen.«

»Wann zum Beispiel?«.

»Viele Male«, sagte er. »Zum Beispiel Mittwoch am Flughafen. Mit dieser Frau, Molly Beth. Er genießt es, wenn sie schreien. Oder am Sonntag. In Morrisons Haus.«

»Kliner war am Sonntag dabei?«

»Er hat es genossen«, sagte Picard. »Er und sein verdammter Sohn. Du hast der Welt einen Gefallen damit getan, ihn auszuschalten. Du hättest ihn Sonntag sehen sollen. Wir haben den beiden Cops den Tag freigegeben. Wäre nicht richtig gewesen, ihren eigenen Chef umzubringen. Die Kliners und ich sind für sie eingesprungen. Der alte Mann hat wirklich jede Minute davon genossen. Sehr ausgeprägter Hang zur Grausamkeit, wie ich schon sagte. Du sorgst besser dafür, daß ich rechtzeitig anrufen kann, sonst bekommt auch deine Freundin eine Menge Probleme.«

Ich schwieg einen Moment. Ich hatte den Kliner-Sohn am Sonntag gesehen. Er hatte seine Stiefmutter aus dem Drugstore abgeholt. Gegen halb elf. Er hatte mich angestarrt. Hatte kurz davor die Morrisons zerstückelt.

»Hat der alte Kliner meinen Bruder erschossen?« fragte ich Picard.

»Donnerstag nacht? Sicher. Es war seine Waffe, die 22er mit dem Schalldämpfer.«

»Und dann hat Kid ihn zusammengetreten?«

Picard zuckte die Schultern.

»Der Sohn ist durchgedreht«, sagte er. »Ist nicht ganz richtig im Kopf.«

»Und dann sollte Morrison aufräumen?«

»Sollte er«, grunzte Picard. »Das Arschloch sollte die Leichen im Wagen verbrennen. Aber er konnte Stollers Leiche nicht finden. Also hat er sie beide einfach liegenlassen.«

»Und Kliner hat acht Männer in Louisiana getötet, richtig?«

Picard lachte.

»Acht hat man gefunden«, sagte er. »Das Arschloch Spirenza hat sich ein Jahr lang an seine Fersen geheftet. Suchte nach Zahlungen für den Killer. Aber es hat nie einen Killer gegeben. Kliner hat alles allein gemacht. War für ihn wie ein Hobby, klar?«

»Damals kanntest du Kliner schon?«

»Ich kenne Kliner schon seit Ewigkeiten. Habe mich selbst als Verbindungsmann zwischen Spirenza und dem FBI eingeschaltet. So blieb alles sauber unter Verschluß.«

Wir fuhren eine oder zwei Meilen schweigend weiter. Die beiden Männer in der Limousine blieben in ihrer Position hundert Meter hinter dem Bentley. Dann blickte Picard mich wieder an.

»Dieser Lennon?« fragte er. »Ist doch nicht noch ein verdammter Schnüffler vom Finanzministerium, der für deinen Bruder arbeitet, oder?«

»Es ist ein Freund von Hubble.«

»Quatsch«, sagte er. »Wir haben das überprüft, er hat keine Freunde in Augusta. Verdammt noch mal, er hat nirgendwo Freunde. Er dachte, Kliner sei sein verdammter Freund, weil er ihm einen Job gab.«

Picard lachte auf dem Beifahrersitz in sich hinein. Seine riesige Gestalt schüttelte sich vor Erheiterung.

»So wie Finlay dachte, daß du sein Freund bist, oder?« fragte ich.

Er zuckte die Schultern.

»Ich wollte ihn da raushalten«, sagte er. »Ich habe versucht, ihn zu warnen. Was sollte ich denn machen? Mich für ihn umbringen lassen?«

Ich antwortete nicht darauf. Wir fuhren schweigend weiter. Die Limousine blieb hundert Meter hinter uns.

»Wir müssen tanken«, sagte ich.

Picard reckte seinen Hals und starrte auf die Nadel. Sie stieß an den Reservebereich.

»Bieg an der nächsten Tankstelle ab.«

Ich sah ein Schild in der Nähe eines Ortes namens Madison. Ich bog ab und lenkte den Bentley zu den Tanksäulen. Wählte die am weitesten entfernte und hielt an.

»Erledigst du das für mich?« fragte ich Picard.

Er sah mich überrascht an.

»Nein«, sagte er. »Was glaubst du, wer ich bin? Ein verdammter Tankwart? Mach es selber.«

Diese Antwort hatte ich hören wollen. Ich stieg aus dem Wagen. Picard stieg auf der anderen Seite aus. Die Limousine hielt in unserer Nähe, und die beiden Männer stiegen aus. Ich sah zu ihnen hinüber. Es waren dieselben, mit denen ich mich auf dem überfüllten Bürgersteig in New York, vor Kelsteins Uni, angelegt hatte. Der kleinere hatte seinen Trenchcoat an. Ich nickte ihnen freundlich zu. Schließlich hatten sie nicht mal mehr eine Stunde zu leben. Sie schlenderten herüber und bildeten mit Picard ein Grüppchen. Ich nahm den Zapfhahn vom Haken und schob ihn in den Tank des Bentleys.

Es war ein großer Tank. Faßte weit mehr als zwanzig Gallonen. Ich klemmte meinen Finger unter den Abzug des Zapfhahns, so daß er nicht mit voller Geschwindigkeit pumpen konnte. Ich hielt ihn lässig in einer Hand und lehnte mich gegen den Wagen, während das Benzin hineinfloß. Ich fragte mich, ob ich nicht auch noch anfangen sollte zu pfeifen. Picard und die beiden Latinos verloren schnell das Interesse. Es kam ein leichter Wind auf, und sie traten in der Abendkühle von einem Fuß auf den anderen.

Ich holte Enos Besteck aus meiner Tasche und drückte die Messerspitze in das Profil des Reifens an meinem rechten Knie. Aus Picards Blickwinkel sah es aus, als würde ich mir vielleicht das Bein reiben. Dann nahm ich die Gabel und bog eine der Zinken nach außen. Drückte sie in den Schnitt, den ich gerade gemacht hatte, und brach die Zinke ab. Ließ sie einen Zentimeter tief im Reifen stecken. Dann beendete ich den Tankvorgang und ließ den Zapfhahn wieder in der Tanksäule einschnappen.

»Zahlst du?« rief ich Picard zu.

Er blickte sich um und zuckte die Schultern. Streifte einen Schein von seinem Bündel und schickte den Mann im Trenchcoat zur Kasse. Dann stiegen wir wieder in den Wagen.

»Warte«, sagte Picard.

Ich wartete, bis sich die Limousine hinter mich gesetzt hatte und ihre Scheinwerfer zweimal aufblitzten. Dann fuhr ich los, beschleunigte allmählich bis zum Highway und pendelte mich dann wieder auf die alte Dauergeschwindigkeit ein. Fuhr und fuhr, während die Hinweisschilder an uns vorbeiflogen. Augusta 70 Meilen. Augusta 60 Meilen. Augusta 40 Meilen. Der alte Bentley summte vorwärts. Ganz ruhig. Die beiden Männer folgten. Die untergehende Sonne hinter mir leuchtete rot im Rückspiegel. Der Horizont vor uns war schwarz. Weit vor uns über dem Atlantischen Ozean war es bereits Nacht. Wir kamen unserem Ziel immer näher.

Der Hinterreifen war ungefähr zwanzig Meilen vor Augusta platt. Es war nach halb acht, und es wurde dunkel. Wir beide spürten, wie der Reifen zu rumpeln begann und der Wagen die Spur nicht mehr hielt.

»Scheiße«, sagte ich. »Der Reifen ist platt.«

»Fahr rechts ran«, befahl Picard.

Ich schwenkte weit auf den Randstreifen ein, um zu halten. Die Limousine folgte und hielt hinter uns. Wir stiegen aus. Die Brise hatte sich zu einem kalten Ostwind entwickelt. Ich zitterte und ließ den Kofferraum aufspringen. Nahm meine Jacke heraus und zog sie an, als sei ich dankbar für etwas Warmes.

»Der Ersatzreifen ist unter der Abdeckung des Kofferraums«, sagte ich zu Picard. »Hilfst du mir, diesen Karton rauszuholen?«

Picard kam herüber und blickte auf den Karton mit den Dollarnoten.

»Wir haben das falsche Haus niedergebrannt«, sagte er und lachte.

Wir hoben den Karton heraus und setzten ihn vorsichtig, als enthielte er Glas, auf dem Randstreifen ab. Dann zog Picard seine Waffe heraus und fuchtelte damit herum. Seine riesige Jacke flatterte im Wind.

»Wir lassen die Kleinen den Reifen wechseln«, sagte er. »Du bleibst hier, genau hier, neben dem Karton.«

Er winkte die beiden Latinos herüber und sagte ihnen, was sie zu tun hatten. Sie holten den Wagenheber und den Schraubenschlüssel. Bockten den Wagen auf und nahmen den Reifen ab. Dann rollten sie den Ersatzreifen heran und hoben ihn auf die Achse. Schraubten ihn sorgfältig an. Ich stand neben dem Geldkarton, zitterte im Wind und zog die Jacke eng um meine Schultern. Schob die Hände tief in die Taschen und trat von einem Fuß auf den anderen, um zu wirken wie jemand, dem beim Herumstehen und Nichtstun kalt wurde.

Ich wartete, bis Picard wegging, um zu überprüfen, ob die Schrauben auch fest genug angezogen waren. Er legte sein Gewicht auf den Hebel, und ich konnte hören, wie das Metall knirschte. Ich zog Morrisons Springmesser heraus, ließ es aufspringen und schlitzte eine Seite des Kartons auf. Dann fuhr ich mit dem Messer über den Deckel. Dann die andere Seite hinunter. Bevor Picard seine Waffe in Anschlag bringen konnte, öffnete sich der Karton wie ein Schrankkoffer, und der Wind erfaßte die Hunderttausend in Dollarnoten und ließ sie wie einen Schneesturm über den Highway wirbeln.

Dann sprang ich über die Betonwand am Ende des Randstreifens und rollte die flache Böschung hinunter. Zog die Desert Eagle heraus. Schoß auf den Mann mit dem Trenchcoat, als er hinter mir über die Wand sprang, verfehlte jedoch mein Ziel und pustete ihm nur das Bein weg. Ich sah, daß hinter ihm ein Truck, dessen Windschutzscheibe über und über mit Dollarnoten bedeckt war, von der Straße abkam und in die Limousine hinter dem Bentley krachte. Picard schlug sich durch den Schneesturm aus Bargeld und tänzelte zur Wand herüber. Ich konnte hören, wie Reifen quietschten, als verschiedene Wagen auf dem Highway bremsten und Ausweichmanöver machten, um den Trümmern des Trucks auszuweichen. Ich rollte mich herum, zielte die Böschung hinauf und erschoß den zweiten Latino. Erwischte ihn an der Brust, und er rollte zu mir herunter. Der Typ mit dem Trenchcoat warf sich an der Spitze des Hangs herum, schrie, umklammerte sein zerschossenes Bein und versuchte, seine kleine Automatik freizubekommen. Ich feuerte ein drittes Mal und schoß ihm in den Kopf. Ich konnte sehen, daß Picard seine 38er auf mich richtete. Die ganze Zeit heulte der Wind, und auf dem Highway kamen Wagen schlitternd zum Stehen. Ich konnte sehen, daß die Fahrer ausstiegen, herumsprangen und versuchten, sich das in der Luft umherwirbelnde Geld zu schnappen. Es war ein Chaos.

»Erschieß mich nicht, Picard«, brüllte ich. »Sonst kriegst du Hubble nie.«

Er wußte das. Und er wußte, daß er ein toter Mann war, wenn er Hubble nicht bekam. Kliner würde sein Versagen nicht dulden. Er stand da und zielte mit seiner 38er auf meinen Kopf. Aber er schoß nicht. Ich rannte die Böschung hinauf und umrundete den Wagen, zwang ihn mit der Desert Eagle hinaus in den Verkehr.

»Aber du erschießt mich auch nicht!« schrie Picard. »Mein Anruf ist für dich die einzige Möglichkeit, die Frau zu retten. Glaub mir das.«

»Ich weiß, Picard!« brüllte ich zurück. »Ich glaube dir. Ich werde dich nicht erschießen. Wirst du mich erschießen?«

Er schüttelte den Kopf.

»Ich werde dich nicht erschießen, Reacher!«

Es sah aus, als wären wir in einer Pattsituation. Wir umrundeten den Bentley, unsere Finger schon ganz weiß auf dem Abzug, und versicherten einander, daß wir nicht schießen würden.

Er sagte die Wahrheit. Aber ich log. Ich wartete, bis er sich in einer Linie mit dem zertrümmerten Lkw befand und ich neben dem Bentley stand. Dann zog ich den Abzug durch. Das 44er-Geschoß erwischte ihn und warf seine riesige Gestalt rückwärts in den Blechhaufen. Ich wartete nicht, um ein zweites Mal zu schießen. Ich knallte den Kofferraum zu und sprang auf den Fahrersitz. Startete den Wagen und ließ die Reifen qualmen. Ich löste mich vom Randstreifen und umfuhr die Leute, die hinter den Dollars herrannten. Rammte meinen Fuß aufs Gas und raste ostwärts.

Noch zwanzig Meilen. Ich brauchte dafür zwanzig Minuten. Das Adrenalin ließ mich zittern und nach Luft schnappen. Ich zwang meinen Herzschlag zu einem ruhigeren Rhythmus und holte immer wieder tief Luft. Dann jubelte ich mir triumphierend zu. Schrie und brüllte laut herum. Picard war ausgeschaltet.