KAPITEL 20
Roscoe und ich tanzten in der Lieferantenzufahrt herum wie Baseball-Spieler im Unterstand, die sehen, wie der siegreiche Homerun steil in den Himmel schießt. Dann hasteten wir zurück zum Chevy und rasten die Meile zurück zu unserem Hotel. Liefen in die Lobby, in den Aufzug. Schlossen unser Zimmer auf und stürzten hinein. Das Telefon klingelte. Es war wieder Finlay. Er klang nicht weniger aufgeregt als wir.
»Molly Beth Gordon hat gerade angerufen«, begann er. »Es hat geklappt. Sie hat die Akten, die wir brauchen. Sie fliegt direkt hierher. Sie erzählte, daß es erstaunliche Unterlagen seien. Klang euphorisch. Ankunft zwei Uhr in Atlanta. Ich treffe Sie da. Delta Airlines, aus Washington. Hat Picard Ihnen alles gesagt?«
»Sicher«, sagte ich. »Ein guter Mann. Ich glaube, ich habe den Rest des Computerausdrucks gefunden.«
»Sie glauben?« fragte Finlay. »Sie wissen es nicht?«
»Wir sind gerade erst zurückgekommen. Haben ihn uns noch nicht angesehen.«
»Dann sehen Sie drauf, Herrgott noch mal! Schließlich ist es wichtig.«
»Bis später, Harvard-Mann«, sagte ich.
Wir setzten uns an den Tisch am Fenster. Öffneten den kleinen Plastikbeutel und zogen das Papier heraus. Falteten es sorgfältig auseinander. Es war ein Blatt Computerpapier. Die oberen zwei Zentimeter waren aus der rechten Ecke herausgerissen worden. Die Hälfte der Überschrift stand noch darauf. Sie lautete: Operation E Unum.
»Operation E Unum Pluribus«, sagte Roscoe.
Darunter standen drei Blöcke mit Initialen und Telefonnummern auf der gegenüberliegenden Seite. Die ersten Initialen lauteten: P. H. Die Telefonnummer war herausgerissen.
»Paul Hubble«, sagte Roscoe. »Seine Nummer und die zweite Hälfte der Überschrift hat Finlay gefunden.«
Ich nickte. Es gab noch vier weitere Initialen. Die ersten beiden lauteten W. B. und K. K. Auch neben ihnen standen Telefonnummern. Ich erkannte bei K. K. die Vorwahl von New York. Die Vorwahl von W. B. mußte ich nachschlagen. Die dritten Initialen lauteten J. S. Die Vorwahl war 504 für New Orleans. Ich war dort vor noch weniger als einem Monat gewesen. Die vierten Initialen lauteten M. B. G. Daneben stand eine Telefonnummer mit der Vorwahl 202. Ich zeigte darauf, so daß Roscoe es sah.
»Molly Beth Gordon«, sagte sie. »Washington, D. C.«
Ich nickte wieder. Es war nicht die Nummer, die ich vom Rosenholzbüro aus angewählt hatte. Vielleicht ihre Privatnummer. Die letzten beiden Eintragungen auf dem angerissenen Papier waren keine Initialen. Die vorletzte Zeile bestand nur aus zwei Wörtern: Stollers' Garage. Und die letzte aus drei Wörtern: Grays Kliner-Akte. Ich sah auf die sorgfältig angeordneten Blöcke und konnte plötzlich fühlen, wie die ordentliche, ja geradezu pedantische Persönlichkeit meines Bruders aus der Seite hervorströmte.
Über Paul Hubble wußten wir Bescheid. Er war tot. Was mit Molly Beth Gordon war, wußten wir auch. Sie würde um zwei Uhr hier sein. Wir hatten die Garage in Sherman Stollers Haus am Golfplatz gesehen. Und nur zwei leere Kartons gefunden. Also blieben uns die unterstrichene Überschrift, drei Initialen mit drei Telefonnummern und drei Wörter: Grays Kliner-Akte. Ich sah auf die Uhr. Gerade Mittag vorbei. Zu früh, um sich zurückzulehnen und auf die Ankunft von Molly Beth Gordon zu warten. Ich hielt es für das beste, einfach anzufangen.
»Zuerst denken wir über die Überschrift nach«, sagte ich. »E Unum Pluribus.«
Roscoe zuckte die Schultern.
»Das ist das Motto der USA, richtig?« fragte sie. »Das lateinische?«
»Nein«, erwiderte ich. »Er hat das Motto umgedreht. Dies hier bedeutet mehr oder weniger: Aus einem werden viele. Nicht: Aus vielen wird eins.«
»Könnte Joe es falsch geschrieben haben?«
Ich schüttelte den Kopf,
»Das bezweifle ich«, sagte ich. »Ich glaube nicht, daß Joe einen solchen Fehler machen würde. Es muß etwas bedeuten.«
Roscoe zuckte wieder die Schultern.
»Mir sagt das nichts. Was noch?«
»Grays Kliner-Akte«, sagte ich. »Hatte Gray eine Akte über Kliner?«
»Wahrscheinlich. Er hat über alles und jeden eine Akte angelegt. Wenn jemand nur auf den Bürgersteig spuckte, kam das in eine persönliche Akte.«
Ich nickte. Ging zurück zum Bett und nahm das Telefon. Rief Finlay in Margrave an. Baker teilte mir mit, daß er schon weg sei. Also wählte ich die anderen Nummern auf Joes Ausdruck. Die Nummer von W. B. war in New Jersey. Princeton University. Fakultät für Zeitgeschichte. Ich legte wieder auf. Konnte keine Verbindung sehen. Die Nummer von K. K. war in New York City. Columbia University. Fakultät für Zeitgeschichte. Ich legte wieder auf. Dann wählte ich J.S. in New Orleans an. Ich hörte ein Rufzeichen und dann eine geschäftige Stimme.
»Fünfzehntes Revier, Ermittlungen«, sagte die Stimme.
»Ermittlungen?« fragte ich. »Ist da das Police Department von New Orleans?«
»Fünfzehntes Revier«, wiederholte die Stimme. »Kann ich Ihnen helfen?«
»Gibt es bei Ihnen jemanden mit den Initialen J. S.?«
»J.S.?« fragte die Stimme. »Davon gibt es hier drei. Wen möchten Sie denn sprechen?«
»Das weiß ich nicht«, erklärte ich. »Sagt Ihnen der Name Joe Reacher etwas?«
»Was zum Teufel soll das sein?« fragte die Stimme. »Ein Quiz oder so?«
»Fragen Sie nach, ja? Fragen Sie jeden J. S., ob er Joe Reacher kennt. Wollen Sie das für mich tun? Ich rufe dann später noch mal an, okay?«
Unten in New Orleans stöhnte der Wachhabende vom fünfzehnten Revier nur leise und legte auf. Ich blickte Roscoe achselzuckend an und stellte das Telefon zurück auf den Nachttisch.
»Warten wir auf Molly?« fragte sie.
Ich nickte. Ich war nervös, weil ich Molly kennenlernen würde. Es war, als würde man einen Geist treffen, der mit einem anderen Geist verbunden war.
Wir warteten an dem in die Fensternische gepferchten Tisch. Sahen, wie die Sonne aus ihrem Zenit niedersank. Verbrachten die Zeit damit, Joes Ausdruck zwischen uns hin und her zu schieben. Ich starrte auf die Überschrift. E Unum Pluribus. Aus einem werden viele. Das war Joe Reacher, in drei Wörtern. Etwas Wichtiges in einem kleinen, ironischen Wortspiel verdichtet.
»Gehen wir«, sagte Roscoe.
Es war noch zu früh, aber wir waren ungeduldig. Wir sammelten unsere Sachen zusammen. Fuhren mit dem Aufzug zur Lobby und ließen die toten Latinos unsere Telefonrechnung bezahlen. Dann gingen wir hinüber zu Roscoes Chevy. Bahnten uns langsam unseren Weg zu den Ankunftsterminals. Leicht war das nicht. Die Flughafenhotels waren für Leute geplant, die aus den Ankunftsterminals kamen oder zu den Abflugterminals wollten. Niemand hatte an die Leute gedacht, die in entgegengesetzter Richtung fahren mußten.
»Wir wissen nicht, wie Molly aussieht«, sagte Roscoe.
»Aber sie weiß, wie ich aussehe«, erwiderte ich. »Ich sehe wie Joe aus.«
Der Flughafen war riesig. Wir sahen das meiste davon, als wir hinüber in den Ankunftsbereich fuhren. Er war größer als manche Städte, die ich gesehen hatte. Wir fuhren meilenweit. Fanden den richtigen Terminal. Verpaßten einen Spurwechsel und fuhren am Kurzzeitparkplatz vorbei. Fuhren noch einmal die Runde und reihten uns an der Schranke ein. Roscoe schnappte sich ein Ticket und fuhr langsam auf den Parkplatz.
»Nach links«, sagte ich.
Der Parkplatz war voll. Ich reckte den Hals und suchte nach einem freien Platz. Dann sah ich verschwommen einen schwarzen Umriß in der Reihe rechts von mir. Ich sah ihn aus dem Augenwinkel.
»Nach rechts, nach rechts.«
Ich dachte, es sei das Heck eines schwarzen Pick-ups. Nagelneu. Der rechts von mir vorbeifuhr. Roscoe riß das Steuer herum, und wir bogen in den nächsten Gang. Sahen ein Aufblitzen roter Bremslichter auf schwarzem Blech. Ein Pick-up fuhr aus unserem Blickfeld. Roscoe schoß den Gang hinunter und nahm hart die Kurve.
Der nächste Gang war leer. Nichts bewegte sich. Nichts als Kolonnen von Wagen, die ruhig in der Sonne standen. Dasselbe im folgenden. Nichts bewegte sich. Kein schwarzer Pick-up. Wir fuhren über den gesamten Parkplatz. Das kostete uns viel Zeit. Wir wurden durch ein- und ausfahrende Wagen aufgehalten. Aber wir suchten den gesamten Bereich ab. Konnten nirgendwo einen schwarzen Pick-up finden.
Doch wir fanden Finlay. Wir parkten auf einem freien Platz und machten uns auf den langen Weg zum Terminal. Finlay hatte in einem anderen Bereich geparkt und kam aus der Diagonalen auf uns zu. Den Rest des Wegs legten wir gemeinsam zurück.
Im Terminal herrschte Hochbetrieb. Und er war riesig. Nicht sehr hoch, aber meilenweit in die Breite gebaut. Das ganze Gebäude war überfüllt. Oben zeigten klickende Anzeigetafeln die Ankunftszeiten an. Die Zwei-Uhr-Maschine aus Washington war gelandet und rollte zum Flugsteig. Wir gingen dorthin. Es war eine Strecke von fast einer halben Meile. Wir befanden uns in einem langen Gang mit geripptem Gummiboden. Zwei Laufbänder in der Mitte fuhren den Gang hinunter. Auf der rechten Seite hing eine endlose Reihe glänzender, greller Werbeplakate mit den Attraktionen des Südens. Geschäft und Vergnügen, hier gab es alles, soviel war sicher. Auf der linken Seite ging von der Decke bis zum Boden eine Trennwand aus Glas mit einem weißen Streifen in Augenhöhe, damit die Leute nicht gegen die Scheibe prallten.
Hinter dem Glas waren die Flugsteige. Eine endlose Reihe. Die Passagiere kamen aus den Flugzeugen und gingen auf ihrer Seite der Glaswand den Gang entlang. Die Hälfte von ihnen verschwand in Richtung Gepäckausgabe. Dann kamen sie wieder heraus und suchten nach Ausgängen in der Glaswand, die sie in den Hauptgang hinausließen. Die andere Hälfte waren Kurzstreckenflieger ohne großes Gepäck. Sie gingen direkt zu den Ausgängen. Jeder Ausgang war umlagert von einem Haufen von Angekommenen und Abholenden. Wir bahnten uns unseren Weg hindurch, als wir den Gang hinuntergingen.
Passagiere quollen alle dreißig Meter aus den Ausgängen. Freunde und Verwandte kamen näher, und die beiden Menschenströme trafen aufeinander. Wir kämpften uns durch acht verschiedene Menschenansammlungen, bevor wir zum richtigen Flugsteig gelangten. Ich drängte mich einfach hindurch. Ich war beunruhigt. Der Anblick des schwarzen Pick-ups auf dem Parkplatz hatte mich aus dem Gleichgewicht gebracht.
Wir erreichten den Flugsteig. Wir gingen auf unserer Seite der Glaswand an den Ausgängen vorbei. Bis wir die Maschine sehen konnten. Immer noch kamen Leute aus dem Flugzeug. Ich sah, wie sie aus dem Flugsteig quollen und sich in Richtung Gepäckausgabe und Ausgang bewegten. Auf unserer Seite der Glaswand gingen die Leute zu den Flugsteigen weiter hinten. Sie stießen uns an, als sie sich an uns vorbeischoben. Wir wurden den Gang hinuntergezogen. Als würde man in einer starken Strömung schwimmen. Wir mußten ständig zurückgehen, nur um an derselben Stelle zu bleiben.
Hinter der Glaswand strömten die Leute heran. Ich sah eine Frau näher kommen, die Molly hätte sein können. Sie war an die fünfunddreißig, hatte ein geschäftsmäßiges Kostüm an sowie eine Aktentasche und eine Reisetasche dabei. Ich stand da und versuchte, erkannt zu werden, aber die Frau sah plötzlich jemand anders, zeigte auf ihn, gab hinter dem Glas einen stummen Schrei von sich und warf einem Mann zehn Meter entfernt einen Kuß zu. Er drängte rückwärts zur Tür, um dort auf sie zu warten.
Dann hatte ich den Eindruck, daß jede der Frauen Molly sein könnte. Es müssen ein paar Dutzend Kandidatinnen gewesen sein. Sie waren blond und brünett, groß und klein, hübsch und nicht so hübsch. Alle geschäftsmäßig gekleidet, alle mit kleinem Gepäck, alle mit diesem erschöpften, zielstrebigen Gang müder leitender Angestellter in der Mitte eines Arbeitstages. Ich beobachtete sie. Sie trieben hinter der Scheibe mit dem Strom, einige von ihnen spähten nach Ehemännern, Freunden, Fahrern oder Geschäftsfreunden, andere blickten starr geradeaus. Alle wurden durch die treibende Menge mitgerissen.
Eine von ihnen hatte aufeinander abgestimmtes burgunderfarbenes Ledergepäck, eine schwere Aktentasche in der einen Hand und einen Rollkoffer in der anderen, den sie an einem langen Griff hinter sich herzog. Sie war klein, blond und aufgeregt. Sie ging langsamer, als sie aus dem Flugsteig heraustrat, und suchte die Menge hinter der Glasscheibe ab. Ihre Augen flogen über mich hinweg. Dann schnellten sie zurück. Sie sah mir ins Gesucht. Blieb stehen. Hinter ihr stauten sich die Leute. Sie wurde vorwärtsgedrängt. Sie kämpfte sich bis zur Scheibe durch. Ich trat von meiner Seite aus nahe an sie heran. Sie starrte mich an. Lächelte.
»Molly?« fragte ich sie lautlos durch die Glasscheibe.
Sie hielt die schwere Aktentasche wie eine Trophäe hoch. Wies nickend darauf. Lächelte breit in aufgeregtem Triumph. Sie wurde zurückgedrängt. Von der Menge in Richtung Ausgang gerissen. Sie blickte zurück, um zu sehen, ob ich folgte. Roscoe, Finlay und ich kämpften uns hinterher.
Auf Mollys Seite arbeitete der Strom für sie. Auf unserer Seite gegen uns. Wir wurden in doppelter Geschwindigkeit auseinandergerissen. Eine undurchdringliche Gruppe von Collegestudenten trieb auf uns zu. Wollte zu einem Flugsteig weiter hinten. Es waren große, wohlgenährte Kinder, die rücksichtslos mit ihrem sperrigen Gepäck vordrängten. Wir drei wurden fünf Meter nach hinten geschoben. Hinter dem Glas ging Molly vorwärts. Ich sah, wie ihr blonder Schopf verschwand. Ich kämpfte mich zur Seite und sprang auf das Laufband. Das lief in die falsche Richtung. Ich wurde weitere fünf Meter davongetragen, bevor ich es schaffte, über den Handlauf auf die andere Seite zu springen.
Jetzt fuhr ich in die richtige Richtung, doch das Laufband war durch eine undurchdringliche Masse von Leuten versperrt, die einfach stehenblieben. Zufrieden mit dem Schneckentempo, in dem der Gummiboden sie vorwärtstransportierte. Sie standen immer zu dritt nebeneinander. Da war kein Durchkommen. Ich kletterte auf den schmalen Handlauf und versuchte, mich darauf vorwärtszubalancieren. Ich mußte mich bücken, weil ich die Balance nicht halten konnte. Ich fiel heftig auf die linke Seite. Wurde fünf Meter in die falsche Richtung getragen, bevor ich wieder auf die Füße kam. Panisch sah ich mich um. Durch das Glas hindurch konnte ich sehen, daß Molly zur Gepäckausgabe getrieben wurde. Ich konnte sehen, daß Roscoe und Finlay noch hinter mir waren. Ich bewegte mich langsam in die falsche Richtung.
Ich wollte nicht, daß Molly zur Gepäckausgabe ging. Sie war überstürzt hierher geflogen. Sie hatte wichtige Neuigkeiten bei sich. Mit Sicherheit hatte sie keinen großen Koffer gepackt. Mit Sicherheit mußte ihr Gepäck nicht überprüft werden. Es gab keinen Grund dafür, daß sie zur Gepäckausgabe ging. Ich senkte den Kopf und rannte los. Rempelte mir den Weg frei. Arbeitete gegen das gegenläufige Band an. Der Gummiboden hemmte meine Schritte. Jeder Zusammenprall kostete mich Zeit. Leute schrien empört auf. Ich kümmerte mich nicht darum und stieß sie einfach zur Seite. Sprang vom Laufband und boxte mich durch die Menge an den Ausgängen.
Die Gepäckausgabe war eine niedrige, breite Halle mit trübem Licht. Ich kämpfte mich durch den Ausgang. Sah mich überall nach Molly um. Konnte sie nicht finden. Die Halle war voll von Leuten. Es mußten an die hundert Passagiere sein, die in Dreierreihen am Gepäckband standen. Das Band knirschte unter der Last der Taschen und Koffer. An der Seitenwand standen in lockerer Reihe Gepäckwagen. Leute warteten dort, um einen Vierteldollar in einen Schlitz zu stecken und sie aus der Reihe zu lösen. Sie rollten sie durch die Menge. Wagen stießen gegeneinander und verkeilten sich. Leute schoben und drückten.
Ich watete durch die Massen. Bahnte mir meinen Weg und drehte immer wieder einfach eine Frau um, um zu sehen, ob es Molly war. Ich hatte sie hier hineingehen sehen. Ich hatte sie nicht herauskommen sehen. Ich überprüfte jedes Gesicht. Ich durchforstete die ganze Halle. Ich ließ mich von der unerbittlichen Strömung nach draußen treiben. Kämpfte mich zum Ausgang durch. Roscoe hielt sich dort am Türrahmen fest und kämpfte gegen die Strömung.
»Ist sie herausgekommen?« fragte ich.
»Nein. Finlay ist bis zum Ende des Gangs gelaufen. Er wartet dort. Ich warte hier.«
Wir warteten, während die Leute an uns vorbeiströmten. Dann wurde der Strom, der vom Flugsteig her auf uns zukam, unvermittelt dünner. Fast alle Passagiere des Flugzeugs waren jetzt durch. Die letzten Nachzügler schlenderten hinaus. Eine alte Frau in einem Rollstuhl war die letzte. Sie wurde von einem Angestellten der Fluggesellschaft geschoben. Der Mann mußte stehenbleiben und um ein Hindernis herumfahren, das im Eingang zur Gepäckausgabe lag. Es war ein burgunderfarbener Lederkoffer. Er lag auf der Seite. Sein Griff war noch immer herausgezogen. Aus fünf Metern Entfernung konnte ich das Goldmonogramm auf der Vorderseite lesen. Es lautete: M. B. G.
Roscoe und ich liefen zurück in die Gepäckausgabe. Die Halle hatte sich in den paar Minuten, seit ich dort herausgekommen war, fast geleert. Nur noch ein Dutzend Leute befand sich darin. Die meisten hoben schon ihr Gepäck vom Band und kamen heraus, als wir hineingingen. Innerhalb einer Minute war die Halle menschenleer. Das Gepäckband lief knirschend weiter. Dann blieb es stehen. In der Halle wurde es still. Roscoe und ich standen in der plötzlichen Stille und sahen einander an.
Die Halle hatte vier Wände, einen Boden und eine Decke. Es gab einen Eingang und einen Ausgang. Das Band schlängelte sich durch ein Loch von einem Quadratmeter herein und durch ein ebenso großes Loch wieder hinaus. Beide Löcher waren von schwarzen Lamellenvorhängen aus Gummi verdeckt. Neben dem Band war eine Personaltür. Von unserer Seite aus hatte sie keine Klinke.
Roscoe lief zurück und nahm sich Molly Beths Koffer. Öffnete ihn. Er enthielt Kleider zum Wechseln und einen Kulturbeutel. Und ein Foto. Mit Messingrahmen im Format acht mal zehn. Es zeigte Joe. Er sah aus wie ich, nur ein bißchen dünner. Mit rasiertem, sonnengebräuntem Schädel. Einem ironischen, amüsierten Lächeln.
Die Halle wurde vom Gellen eines Warnsignals durchdrungen. Es hielt einen kurzen Moment an, dann setzte sich das Gepäckband wieder in Bewegung. Wir starrten darauf. Starrten auf das verhüllte Loch, aus dem es kam. Der Gummivorhang blähte sich. Eine Aktentasche kam heraus. Burgunderfarbenes Leder. Die Riemen waren durchgeschnitten. Die Tasche war offen. Und leer.
Sie zuckelte mechanisch vorwärtsgetrieben zu uns herüber. Wir starrten darauf. Starrten auf die durchgeschnittenen Riemen. Sie waren mit einem scharfen Messer durchtrennt worden. Durchtrennt von jemandem, der keine Zeit gehabt hatte, die Verschlüsse zu öffnen.
Ich sprang auf das laufende Band. Stürzte in Gegenrichtung auf das einen Quadratmeter große Loch zu und hechtete wie ein Schwimmer mit dem Kopf voran durch die Gummilamellen. Ich landete hart, und das Band zog mich langsam wieder hinaus. Ich kroch und kletterte wie ein Kind auf Händen und Füßen vorwärts. Rollte vom Band herunter und sprang auf. Ich war in der Ladezone. Sie war menschenleer. Draußen strahlte die Nachmittagssonne. Es stank nach Kerosin und Diesel von den Wagen, die das Gepäck von den Flugzeugen auf der Rollbahn hierher transportieren.
Um mich herum stapelten sich vergessene Koffer und verlassene Fracht, Alles war in offenen Lagernischen untergebracht. Der Gummiboden war übersät mit alten Kofferanhängern und langen Strichcode-Etiketten. Der ganze Raum war wie ein schmutziges Labyrinth. Ich schlängelte mich überall hindurch und suchte ohne Hoffnung nach Molly. Ich eilte von einem Gepäckstapel zum anderen. Von einer Lagernische zur nächsten. Ich hielt mich an den Metallregalen fest und hievte mich um die Ecken. Sah verzweifelt umher. Niemand da. Nirgendwo irgend jemand. Ich rannte weiter, schlitterte und rutschte auf den Papierschnitzeln aus.
Ich fand ihren linken Schuh, Er lag umgekippt am Eingang zu einer dunklen Nische. Ich tauchte hinein. Nichts. Ich versuchte es mit der nächsten Nische. Wieder nichts. Ich hielt mich an einem Regal fest und atmete schwer. Ich mußte systematischer vorgehen. Ich lief zum hinteren Ende des Gangs. Fing an, abwechselnd in jede Nische auf beiden Seiten zu sehen. Links und rechts, links und rechts verfolgte ich meinen Weg zurück, so schnell es ging, in einem verzweifelten, atemlosen Zickzack.
Ich fand ihren rechten Schuh drei Nischen vor dem anderen Ende. Dann sah ich ihre Blutspur. Am Eingang zur nächsten Nische breitete sich eine klebrige Lache aus. Molly selbst war im Hintergrund der Nische zusammengesunken, lag auf dem Rücken zwischen zwei Türmen aus Kisten in der Dunkelheit. Einfach auf dem Boden ausgestreckt. Blut strömte aus ihr heraus. Ihr Bauch war aufgeschlitzt. Jemand hatte ein Messer hineingerammt und es brutal bis unter die Rippen hochgerissen.
Aber sie lebte noch. Eine ihrer bleichen Hände flatterte. Ihre Lippen waren mit Blasen aus hellem Blut gesprenkelt. Ihr Kopf bewegte sich nicht, aber ihre Augen fuhren hin und her. Ich stürzte zu ihr. Nahm ihren Kopf in meine Hände. Sie sah mich an. Zwang sich zu sprechen.
»Bis Sonntag müssen Sie drinnen sein«, flüsterte sie.
Dann starb sie in meinen Armen.