KAPITEL 6


Ich wurde durch helles Licht geweckt. Das Gefängnis hatte keine Fenster. Tag und Nacht wurden durch Strom erzeugt. Um sieben Uhr wurde das Gebäude plötzlich mit Licht überflutet. Keine Dämmerung oder mildes Zwielicht. Nur ein Zeitschalter, der um sieben Uhr umsprang.

Im hellen Licht sah die Zelle nicht besser aus. Die Vorderseite bestand nur aus Gitter. Die eine Hälfte bildete die Tür und schwang beim öffnen nach außen. Das Etagenbett nahm fast die Hälfte der Breite und fast die ganze Länge ein. An der Rückwand waren ein Waschbecken aus Stahl und eine Toilettenschüssel aus Stahl. Die Wände bestanden aus Stein. Zum Teil Beton und zum Teil alte Backsteine. Alles dick mit Farbe überstrichen. Die Wände sahen ungeheuer dick aus. Wie in einem Kerker. Über meinem Kopf befand sich eine niedrige Betondecke. Die Zelle wirkte nicht wie ein Raum, der von Wänden, Boden und Decke eingefaßt wurde. Sie wirkte wie ein massiver Mauerblock mit einem mühsam darin eingegrabenen Raum zum Leben.

Draußen war das unruhige Gemurmel der Nacht durch das Gelärme des Tages ersetzt worden. Alles rund herum war aus Metall, Backstein und Beton. Die Geräusche wurden davon verstärkt und zurückgeworfen. Es war ein höllischer Geräuschpegel. Durch die Gitter konnte ich nichts sehen. Gegenüber unserer Zelle war eine nackte Wand. Wenn ich im Bett lag, war von den anderen Zellen nichts zu sehen. Ich warf die Decke ab und suchte meine Schuhe. Ich zog sie an und band sie zu. Legte mich wieder hin. Hubble saß auf dem unteren Bett. Seine Segelschuhe lagen auf dem Betonboden. Ich fragte mich, ob er die ganze Nacht so dagesessen oder ob er auch geschlafen hatte.

Als nächstes sah ich den Reinigungsmann. Er kam vor unserem Gitter in Sicht. Ein sehr alter Mann mit einem Besen. Ein alter Schwarzer mit einem Schopf aus schneeweißem Haar, Vom Alter gebeugt. Zerbrechlich wie ein alter, runzeliger Vogel, Seine orangefarbene Gefängnisuniform war so oft gewaschen worden, daß sie fast weiß war. Er mußte an die achtzig sein. Hier drinnen seit sechzig Jahren. Hatte vielleicht in den Zeiten der Depression ein Huhn gestohlen. Und bezahlte immer noch an seiner Schuld gegenüber der Gesellschaft.

Er fuhr ziellos mit dem Besen über den Flur. Seine Wirbelsäule zwang sein Gesicht in Parallelstellung zum Boden. Wie ein Schwimmer drehte er den Kopf hin und her, um etwas zu sehen. Dann erblickte er Hubble und mich und blieb stehen. Stützte sich auf seinen Besen und schüttelte den Kopf. Gab eine Art nachdenkliches Glucksen von sich. Schüttelte wieder den Kopf. Er lachte. Es war ein anerkennendes, dankbares Lachen. Als wäre ihm nach all den Jahren endlich der Anblick eines Fabelwesens gewährt worden. So etwas wie ein Einhorn oder eine Nixe. Er setzte immer wieder zum Sprechen an, hob die Hand, als erfordere seine Aussage besonderen Nachdruck. Aber jedesmal fing er wieder an zu glucksen, und das zwang ihn, den Besen zu umklammern. Ich trieb ihn nicht an. Ich konnte warten. Ich hatte das ganze Wochenende Zeit. Er den Rest seines Lebens.

»Tja, sieh mal an, ja«, grinste er. Er hatte keine Zahne. »Tja, sieh mal an, ja.«

Ich sah zu ihm hinüber.

»Tja, was, Opa?« grinste ich zurück.

Er gackerte los. Wir würden noch eine Weile brauchen.

»Tja, ja«, sagte er. Jetzt hatte er sein Glucksen unter Kontrolle. »Ich war schon hier, als Gottes Hund noch ein Welpe war, ja, Sir. Als Adam noch ein Halbwüchsiger war. Aber so etwas habe ich noch nie gesehen. Nein, Sir, in all den Jahren nicht.«

»Was hast du noch nie gesehen, alter Mann?« fragte ich ihn.

»Tja«, sagte er. »Ich war all die Jahre hier, und ich habe noch nie jemanden in dieser Zelle gesehen, der solche Kleider wie du anhatte, Mann.«

»Gefallen dir meine Kleider nicht?« fragte ich. Überrascht.

»Das habe ich nicht gesagt, nein, Sir, ich habe nicht gesagt, daß mir deine Kleider nicht gefallen«, sagte er. »Ich finden deine Kleider fein. Sind sehr feine Kleider, ja, Sir, jawohl, sehr fein.«

»Was ist es dann?« fragte ich.

Der alte Mann gackerte vor sich hin.

»Die Qualität der Kleider ist nicht der Punkt«, sagte er. »Nein, Sir, das ist überhaupt nicht der Punkt. Sondern die Tatsache, daß du sie trägst, Mann, und nicht die orange Uniform. Das habe ich noch nie gesehen, und wie ich schon sagte, Mann, ich bin hier, seit die Erde abkühlte, seit die Dinosaurier sagten: Was zuviel ist, ist zuviel. Jetzt habe ich alles gesehen, das habe ich wirklich, ja, Sir.«

»Aber auf dem U-Haft-Flur braucht man keine Uniform zu tragen«, sagte ich.

»Jawohl, das ist mal sicher«, sagte der alte Mann. »Das ist eine Tatsache, sicher doch.«

»Das haben die Wärter gesagt«, bekräftigte ich.

»Das glaube ich gern«, bestätigte er. »Denn so sind die Regeln, und die Wärter, die kennen die Regeln, ja, Sir, sie kennen sie, weil sie sie machen.«

»Was ist also der Punkt, alter Mann?« fragte ich.

»Tja, wie ich sagte, ihr tragt keine orangefarbenen Sachen«, sagte er.

Wir drehten uns im Kreis.

»Aber ich brauche sie nicht zu tragen«, sagte ich.

Er war verblüfft. Seine scharfen Vogelaugen bohrten sich in meine.

»Nicht?« sagte er. »Warum nicht, Mann? Sag's mir.«

»Weil wir sie im U-Haft-Trakt nicht brauchen«, sagte ich. »Das hast du doch eben bestätigt, oder?«

Stille. Er und ich begriffen gleichzeitig.

»Du glaubst, das hier ist der U-Haft-Trakt?« fragte er mich.

»Ist das nicht der U-Haft-Trakt?« fragte ich ihn zur selben Zeit.

Der alte Mann zögerte einen Moment. Dann hob er seinen Besen und schob sich aus unserem Blickfeld. So schnell er konnte. Schrie ungläubig vor sich hin, als er ging.

»Das ist nicht der U-Haft-Trakt, Mann!« kreischte er aufgeregt. »Der U-Haft-Trakt ist im obersten Stock. Sechster Stock. Dies hier ist der dritte Stock. Ihr seid auf Flur drei, Mann. Hier sind die Lebenslänglichen, Mann. Hier sind die Leute, die man für gefährlich hält, Mann. Hier sind noch nicht mal die normalen Insassen. Dies ist der schlimmste Flur, Mann. Jawohl, Jungs, ihr seid am falschen Platz. Jungs, ihr bekommt Ärger, jawohl. Ihr werdet Besucher kriegen. Sie werden euch checken, Jungs. O Mann, ich verschwinde.«

Analysieren. Langjährige Erfahrung hatte mich gelehrt, zuerst zu analysieren und die Lage zu beurteilen. Wenn das Unerwartete über dich hereinbricht, verschwende keine Zeit. Überlege nicht, wie oder warum es passiert ist. Suche nicht den Schuldigen. Überlege nicht, wessen Fehler es war. Finde nicht heraus, wie man das nächste Mal denselben Fehler vermeiden kann. All das kannst du später tun. Wenn du überlebst. Zuerst mußt du analysieren. Die Situation kritisch untersuchen. Ermittle die Nachteile. Schätze die Vorteile ab. Plane dementsprechend. Wenn du das tust, hast du eine bessere Chance, das, was danach kommt, zu überstehen.

Wir waren nicht in einer U-Haft-Zelle im sechsten Stock. Dort, wo noch nicht verurteilte Gefangene sein sollten. Wir waren unter gefährlichen Lebenslänglichen. Es gab keine Vorteile. Die Nachteile hingegen waren beträchtlich. Wir waren Neue auf einem Flur für Strafgefangene. Ohne Status würden wir nicht überleben. Wir hatten keinen Status. Man würde uns herausfordern. Wir würden dazu gezwungen werden, unsere Position am alleruntersten Ende der Hackordnung einzunehmen. Wir hatten ein unangenehmes Wochenende vor uns. Vielleicht sogar ein tödliches.

Ich erinnerte mich an einen Mann in der Army, einen Deserteur. Ein junger Bursche, kein schlechter Soldat, entfernte sich unerlaubt von der Kompanie, weil er einer seltsamen Religion angehörte. Demonstrierte in Washington und bekam Ärger. Endete im Gefängnis, zwischen üblen Typen wie diesen auf unserem Flur. Starb noch in der ersten Nacht. War von hinten vergewaltigt worden. Etwa fünfzig Mal. Er war ein Neuer ohne Status. Am untersten Ende der Hackordnung. Verfügbar für alle, die über ihm standen.

Analysieren. Ich verfügte über eine harte Ausbildung. Und ausreichend Erfahrung. Nicht gedacht für das Leben im Gefängnis, aber helfen würde es schon. Ich hatte eine lange, unangenehme Ausbildung hinter mir. Nicht nur in der Army. Sondern schon in meiner Kindheit. Die Zeit in der Grundschule und High School verbringen Militärkinder wie ich in zwanzig oder sogar dreißig verschiedenen Schulen. Manche befinden sich auf den Stützpunkten, die meisten aber in benachbarten Ortschaften. An einigen strapaziösen Orten. Auf den Philippinen und Island, in Korea, Deutschland, Schottland, Japan und Vietnam. Überall auf der Welt. In jeder neuen Schule war ich am ersten Tag ein Neuer. Ohne Status. Es gab eine Menge erster Tage. Ich lernte schnell, wie man sich Status verschaffte. Auf sandigen, heißen Schulhöfen und auf kalten, nassen Schulhöfen trugen mein Bruder und ich es gemeinsam aus, Rücken an Rücken. Wir bekamen unseren Status.

Dann, beim Militär, war die Brutalität ausgeklügelter. Ich wurde von Experten ausgebildet. Von Männern, die ihre eigene Ausbildung im Zweiten Weltkrieg, in Korea oder Vietnam bekommen hatten. Männern, die Dinge überlebt hatten, von denen ich nur in Büchern gelesen hatte. Sie brachten mir die Methoden, die Techniken und Finessen zum Überleben bei. Aber am meisten brachten sie mir die richtige Einstellung bei. Sie brachten mir bei, daß Hemmungen mein sicherer Tod wären. Schlage zuerst zu, und schlage hart zu. Töte beim ersten Schlag. Nimm deinen Konterschlag vorweg. Täusche. Die Gentlemen, die sich anständig verhalten hatten, bildeten dort niemanden aus. Sie waren schon tot.

Um halb acht gab es ein dumpfes, metallisches Geräusch in der Zellenreihe. Der Zeitschalter hatte die Sperrvorrichtungen gelöst. Unser Gitter sprang einen Zentimeter weit auf. Hubble saß bewegungslos da. Er sagte immer noch nichts. Ich hatte keinen Plan. Das beste wäre gewesen, einen Wärter zu finden, ihm die Sache zu erklären und verlegt zu werden. Aber ich rechnete nicht damit, einen Wärter zu finden. Auf Fluren wie diesen würde niemand einzeln patrouillieren. Sie würden zu zweit gehen, möglicherweise in Gruppen zu dritt oder viert. Das Gefängnis war unterbesetzt. Das war uns gestern abend klargemacht worden. Unwahrscheinlich, daß es genügend Männer für größere Wachtrupps auf jedem Flur gab. Wahrscheinlicher war, daß ich den ganzen Tag nicht einen Wärter sehen würde. Sie würden in einem Mannschaftsraum warten. Nur als Notfallteam im gegebenen Fall agieren. Und wenn ich doch einen Wärter sah, was sollte ich ihm sagen? Ich gehöre eigentlich nicht hierhin? Das hörten sie doch den ganzen Tag. Sie würden fragen: Wer hat Sie hierhergebracht? Ich würde sagen: Spivey, der Topmann. Sie würden sagen: Ja, dann ist doch alles in Ordnung. Also war mein einziger Plan, keinen Plan zu haben. Einfach abzuwarten. Und entsprechend zu reagieren. Ziel: Überleben bis Montag.

Ich konnte das Quietschen hören, als die anderen Insassen ihre Türen zurückschwangen und gegen das Gitter schlugen. Ich konnte die Bewegung und die lautstarken Gespräche hören, als sie hinausspazierten, um einen weiteren sinnlosen Tag zu beginnen. Ich wartete.

Lange mußte ich das nicht tun. Aus meinem schmalen Winkel vom Bett aus, den Kopf weit von der Tür entfernt, sah ich unsere Nachbarn herausschlendern. Sie schlossen sich mit einer kleinen Gruppe von Männern zusammen. Alle waren gleich angezogen. Die orangefarbene Gefängnisuniform. Rote Halstücher eng um den rasierten Kopf geknotet. Riesige Schwarze. Offensichtlich Bodybuilder. Einige hatten sich die Ärmel von ihren Hemden abgerissen. Um zu zeigen, daß kein Kleidungsstück ihren massigen Körper halten konnte. Vielleicht hatten sie recht. Es war ein beeindruckender Anblick.

Der Typ, der uns am nächsten stand, trug eine helle Sonnenbrille. Die Art, die in der Sonne dunkler wird. Silberhalogenide. Der Mann hatte die Sonne wahrscheinlich in den Siebzigern zuletzt gesehen. Würde sie vielleicht nie wieder sehen. Also war die Sonnenbrille überflüssig, aber sie sah gut aus. Wie die Muskeln. Wie die Halstücher und die zerrissenen Hemden. Alles Image. Ich wartete.

Der Typ mit der Sonnenbrille entdeckte uns. Sein überraschter Gesichtsausdruck ging rasch in Aufregung über. Er alarmierte den größten Mann der Gruppe, indem er ihm gegen den Arm stieß. Der große Typ sah sich um. Er wirkte verblüfft. Dann grinste er. Ich wartete. Die Gruppe versammelte sich vor unserer Zelle. Alle starrten herein. Der große Typ zog unsere Tür auf. Die anderen reichten sie einander weiter. Bis sie gegen das Gitter schlug.

»Schaut mal, was man uns gebracht hat«, sagte der Große. »Wißt ihr, was man uns da gebracht hat?«

»Was hat man uns da gebracht?« fragte der Typ mit der Sonnenbrille.

»Frischfleisch hat man uns gebracht«, antwortete der große Typ.

»Das ist mal sicher, Mann«, sagte der Sonnenbrillentyp. »Frischfleisch.«

»Frischfleisch für alle«, sagte der große Typ.

Er grinste. Er sah sich in seiner Gang um, und alle grinsten zurück. Ließen ihre Handflächen gegeneinanderklatschen. Ich wartete. Der große Typ trat einen halben Schritt in unsere Zelle. Er war gewaltig. Vielleicht fünf bis zehn Zentimeter kleiner als ich, aber wahrscheinlich zweimal so schwer. Er füllte die Tür aus. Seine trüben Augen glitten erst über mich, dann über Hubble hinweg.

»Du da, Weißer, komm her«, sagte er. Zu Hubble.

Ich konnte Hubbles Panik spüren. Er bewegte sich nicht.

»Komm her, Weißer«, wiederholte der große Typ. Ganz ruhig.

Hubble stand auf. Machte einen halben Schritt auf den Mann in der Tür zu. Der große Typ starrte ihn mit einer Grimasse an, die einen durch ihre Wildheit erschrecken sollte.

»Hier ist das Territorium der Red Boys, Mann«, sagte der große Typ. Das erklärte die Halstücher. »Was macht ein mickriger Weißer im Territorium der Red Boys?«

Hubble antwortete nicht.

»Kurtaxe, Mann«, sagte der große Typ. »Wie in den Hotels in Florida, Mann. Du mußt die Taxe bezahlen. Gib mir deinen Pullover, Weißer.«

Hubble war starr vor Angst.

»Gib mir deinen Pullover, Weißer«, sagte er noch einmal. Ganz ruhig.

Hubble nahm seinen teuren Pullover und hielt ihn dem Schwarzen entgegen. Der große Typ ergriff ihn und warf ihn hinter sich, ohne überhaupt hinzusehen.

»Gib mir die Brille, Weißer«, sagte er.

Hubble warf mir einen verzweifelten Blick zu. Nahm seine Goldrandbrille ab. Hielt sie ihm entgegen. Der große Typ nahm sie und ließ sie auf den Boden fallen. Zertrat sie unter seinem Schuh. Drehte seinen Fuß darauf. Die Brille zerbrach in kleine Splitter. Der große Typ zog schleifend den Fuß zurück und kickte die Trümmer rückwärts in den Flur. Die anderen Männer stampften abwechselnd darauf herum.

»Braver Junge«, sagte der große Typ. »Du hast die Kurtaxe bezahlt.«

Hubble zitterte.

»Jetzt komm her, Weißer«, sagte sein Peiniger.

Hubble schlurfte näher.

»Näher, Weißer«, forderte der große Typ.

Hubble schlurfte näher. Bis er etwa noch dreißig Zentimeter entfernt war. Er bebte heftig.

»Auf die Knie, Weißer«, sagte der große Typ.

Hubble kniete sich hin.

»Zieh mir den Reißverschluß auf, Schätzchen«, sagte er.

Hubble tat nichts. Geriet in Panik.

»Zieh mir den Reißverschluß auf, Weißer«, sagte der große Typ wieder. »Mit deinen Zähnen.«

Hubble keuchte vor Angst und Abscheu und sprang zurück. Er rannte rückwärts zur hinteren Zellenwand. Versuchte, sich hinter dem Lokus zu verstecken. Er umklammerte die Schüssel.

Zeit einzugreifen. Nicht wegen Hubble. Der war mir egal. Ich mußte meinetwegen eingreifen. Hubbles erbärmliche Vorstellung würde ein schlechtes Licht auf mich werfen. Wir wurden als Paar angesehen. Hubbles Kapitulation würde uns beide disqualifizieren. Im Statusspiel.

»Komm zurück, Weißer! Magst du mich denn nicht?« rief der große Typ Hubble zu.

Ich holte leise tief Luft. Schwang meine Beine über die Bettseite und landete leichtfüßig vor dem großen Typ. Er starrte mich an. Ich starrte zurück, ganz ruhig.

»Du bist in meinem Haus, Fettsack«, sagte ich. »Aber ich lasse dir die Wahl.«

»Welche Wahl?« fragte der große Typ. Überrascht. Verblüfft.

»Die Wahl der Rückzugsstrategie, Fettsack«, sagte ich.

»Was sagst du?« fragte er.

»Ich meine folgendes«, erklärte ich ihm. »Du verschwindest hier. Das ist schon klar. Du hast aber die Wahl, wie du verschwindest. Entweder du gehst von selbst, oder die anderen Fettsäcke hinter dir werden dich in einem Eimer raustragen.«

»Ach ja?«

»Mit Sicherheit«, sagte ich. »Ich zähle jetzt bis drei, okay, also wählst du besser gleich, ja?«

Er starrte mich an.

»Eins«, begann ich. Keine Reaktion.

»Zwei«, zählte ich. Keine Reaktion.

Dann täuschte ich ihn. Statt bis drei zu zählen, versetzte ich ihm mit meinem Kopf einen Stoß direkt ins Gesicht. Legte mein Gewicht auf den hinteren Fuß, stieß mich ab, schnellte mit meinem Kopf vor und schmetterte meine Stirn auf seine Nase. Ein wunderschöner Stoß. Die Stirn bildet einen perfekten Bogen und ist dazu sehr stark. Die Schädeldecke ist an dieser Stelle äußerst dick. Ich habe an dieser Stelle ein Stirnbein wie Beton. Der menschliche Kopf ist sehr schwer. Alle möglichen Hals- und Rückenmuskeln halten ihn in Balance. Es ist, als bekäme man eine Bowlingkugel ins Gesicht. Überraschend ist es allemal. Die Leute erwarten, geboxt oder getreten zu werden. Ein Stoß mit dem Kopf kommt immer unerwartet. Aus heiterem Himmel.

Der Stoß mußte sein ganzes Gesicht plattgedrückt haben. Ich schätze, ich zerquetschte seine Nase und zerschmetterte beide Wangenknochen. Brachte sein kleines Hirn gehörig ins Wackeln. Seine Beine knickten ein, und er schlug auf dem Boden auf wie eine Marionette mit durchgeschnittenen Schnüren. Wie ein Ochse im Schlachthof. Sein Schädel krachte auf den Betonboden.

Ich starrte die Gruppe Männer an. Die waren gerade fleißig dabei, meinen Status neu einzuschätzen.

»Wer ist der nächste?« fragte ich. »Aber jetzt geht es zu wie in Vegas: doppelt oder nichts. Dieser Mann hier wird vielleicht für sechs Wochen mit einer Metallmaske ins Krankenhaus kommen. Also kriegt der nächste zwölf Wochen, verstanden? Ein paar zertrümmerte Ellbogen, klar? Also, wer ist der nächste?«

Keine Antwort. Ich zeigte auf den Typen mit der Sonnenbrille.

»Gib mir den Pullover, Fettsack«, sagte ich.

Er bückte sich und hob den Pullover auf. Gab ihn mir. Lehnte sich herüber und hielt ihn mir hin. Er wollte mir nicht zu nahe kommen. Ich nahm den Pullover und warf ihn auf Hubbles Bett.

»Gib mir die Brille«, sagte ich.

Er bückte sich und fegte zusammen, was von der kaputten Goldbrille übriggeblieben war. Gab es mir. Ich warf es zurück.

»Die ist zerbrochen, Fettsack«, sagte ich. »Gib mir deine.«

Lange geschah nichts. Er sah mich an. Ich sah ihn an. Ohne zu blinzeln. Er nahm seine Sonnenbrille ab und gab sie mir. Ich steckte sie mir in die Tasche.

»Jetzt bringt diesen Kadaver hier raus«, sagte ich.

Die Männer in ihren orangefarbenen Uniformen und roten Halstüchern zogen seine schlaffen Glieder in die Länge und aus der Zelle hinaus. Ich kletterte zurück in mein Bett. Der Adrenalinstoß ließ mich zittern. Mein Magen drehte sich um, und ich keuchte. Mein Kreislauf war fast im Keller. Ich fühlte mich schrecklich. Aber nicht so, wie ich mich gefühlt hätte, wenn ich es nicht getan hätte. Sie hätten es mit Hubble zu Ende gebracht, und dann hätten sie mit mir angefangen.


Zum Frühstück aß ich nichts. Kein Appetit. Ich lag so lange in meinem Bett, bis ich mich besser fühlte. Hubble saß auf seinem Bett. Er wiegte sich vor und zurück. Und hatte noch immer nichts gesagt. Nach einer Weile ließ ich mich nach unten sinken. Wusch mich am Waschbecken. Leute kamen zur Tür und starrten herein. Verschwanden wieder. Die Nachricht hatte sich schnell herumgesprochen. Der Neue in der hintersten Zelle hatte einen Red Boy ins Krankenhaus geschickt. Das mußte man sehen. Ich war eine Berühmtheit.

Hubble hörte auf, sich vor und zurück zu wiegen, und sah mich an. Öffnete seinen Mund und schloß ihn wieder. Öffnete ihn ein zweites Mal.

»Ich halte das nicht aus«, sagte er.

Das waren die ersten Worte, die ich seit seinem selbstsicheren Geplänkel über Finlays Lautsprecher von ihm zu hören bekam. Seine Stimme war leise, aber seine Feststellung klang bestimmt. Kein Gejammer, keine Beschwerde, sondern die Feststellung einer Tatsache. Er hielt das nicht aus. Ich sah zu ihm rüber. Überdachte eine Weile seine Feststellung.

»Warum sind Sie dann hier?« fragte ich ihn. »Warum haben Sie das gemacht?«

»Ich mache gar nichts«, sagte er. Erstaunt.

»Sie haben etwas gestanden, was Sie nicht getan haben«, sagte ich. »Sie wollten es so.«

»Nein«, erklärte Hubble. »Ich habe getan, was ich sagte. Ich tat es und erzählte es dem Detective.«

»Blödsinn, Hubble«, sagte ich. »Sie waren ja noch nicht mal dort. Sie waren auf einer Party. Der Typ, der Sie nach Hause fuhr, ist Polizist, Herrgott noch mal! Sie haben es nicht getan, das wissen Sie auch, jeder weiß das. Erzählen Sie mir nicht so eine Scheiße.«

Hubble sah zu Boden. Dachte einen Moment lang nach.

»Ich kann es nicht erklären«, sagte er. »Ich kann nichts darüber sagen. Ich muß nur wissen, was als nächstes passiert.«

Ich blickte ihn wieder an.

»Was als nächstes passiert?« fragte ich. »Sie bleiben hier bis Montag morgen, und dann gehen Sie zurück nach Margrave. Und dann, schätze ich, läßt man Sie gehen.«

»Sie lassen mich gehen?« fragte er. Als würde er mit sich selber diskutieren.

»Sie waren noch nicht mal am Tatort«, sagte ich. »Das wissen sie. Man möchte vielleicht wissen, warum Sie gestanden haben, wenn Sie gar nichts getan haben. Und man wird wissen wollen, warum der Mann Ihre Telefonnummer bei sich hatte.«

»Und wenn ich es ihnen nicht sagen kann?« sagte er.

»Nicht sagen kann oder will?« fragte ich ihn.

»Ich kann es ihnen nicht sagen. Ich kann niemandem etwas sagen.«

Er sah weg und erschauerte. Er hatte große Angst.

»Aber ich kann hier nicht bleiben«, sagte er. »Das halte ich nicht aus.«

Hubble war ein Finanzmann. Die verteilen ihre Visitenkarten wie Konfetti unters Volk. Sprechen mit jedem, den sie treffen, über finanzielle Absicherung und Steuerparadiese. Alles, um an die hart verdienten Dollars einiger Männer zu kommen. Aber diese Telefonnummer war aus einem Computerausdruck gerissen. Nicht auf eine Visitenkarte gedruckt. Und in einem Schuh versteckt, nicht in eine Brieftasche gestopft. Und man spürte die Furcht des Typen wie eine Rhythmusgruppe im Hintergrund.

»Warum können Sie es niemandem erzählen«, fragte ich ihn.

»Weil ich nicht kann«, sagte er. Mehr würde er nicht sagen.

Ich war plötzlich todmüde. Vor vierundzwanzig Standen war ich an einer Highway-Ausfahrt aus einem Greyhound gesprungen und eine neue Straße entlanggelaufen. War glücklich und mit großen Schritten durch den warmen Morgenregen gegangen. Hatte Leute gemieden, Einmischung vermieden. Kein Gepäck, kein Ärger. Freiheit. Ich wollte sie nicht von Hubble gefährden lassen, oder von Finlay, oder von irgendeinem großen Mann, dem in den kahlgeschorenen Kopf geschossen worden war. Ich wollte nichts damit zu tun haben. Ich wollte nur etwas Ruhe und Frieden und dann nach Blind Blake suchen. Ich wollte einen Achtzigjährigen finden, der sich erinnerte, ihn in einer Bar gesehen zu haben. Ich sollte mit dem alten Mann sprechen, der die Gefängnisgänge fegte, nicht mit Hubble. Diesem Yuppie-Arschloch.

Er dachte scharf nach. Ich konnte sehen, was Finlay gemeint hatte. Ich hatte noch nie jemanden so deutlich sichtbar nachdenken sehen. Sein Mund bewegte sich geräuschlos, und er spielte mit seinen Fingern. Als würde er Positives und Negatives durchgehen. Die Dinge gegeneinander abwägen. Ich beobachtete ihn. Sah ihn eine Entscheidung treffen. Er drehte sich um und sah zu mir herüber.

»Ich brauche einen Rat«, sagte er. »Ich habe ein Problem.«

Ich lachte.

»Na, das ist eine Überraschung«, sagte ich. »Das hätte ich nie erraten. Ich dachte, Sie seien hier, weil Golfspielen am Wochenende für Sie zu langweilig wäre.«

»Ich brauche Hilfe.«

»Mehr Hilfe als eben werden Sie nicht bekommen«, sagte ich. »Ohne mich würden Sie sich jetzt über Ihr Bett beugen und hätten eine Reihe großer, aufgegeilter Typen bis zur Tür hinter sich. Und bis jetzt haben Sie mich nicht gerade mit Dankbarkeit für meine Hilfe überschüttet.«

Er blickte einen Moment zu Boden. Nickte.

»Es tut mir leid«, sagte er. »Ich bin Ihnen sehr dankbar. Glauben Sie mir, das bin ich. Sie haben mir das Leben gerettet. Sie haben sich um mich gekümmert. Deshalb müssen Sie mir auch sagen, was ich tun soll. Ich werde bedroht.«

Ich ließ diese Enthüllung einen Moment lang im Raum stehen.

»Ich weiß«, sagte ich. »Das ist ziemlich offensichtlich.«

»Ja, und nicht nur ich«, sagte er. »Meine Familie auch.«

Er zog mich hinein. Ich sah ihn an. Er fing wieder an nachzudenken. Sein Mund bewegte sich. Er zog an seinen Fingern. Seine Augen flogen nach rechts und links. Als wäre auf der einen Seite ein großer Haufen mit Gründen und auf der anderen ein zweiter großer Haufen mit Gründen. Welcher Haufen war größer?

»Haben Sie Familie?« fragte er mich.

»Nein«, sagte ich. Was hätte ich sonst sagen sollen? Meine Eltern waren tot. Ich hatte irgendwo einen Bruder, den ich nie sah. Also hatte ich auch keine Familie. Und keine Ahnung, ob ich mir eine wünschte. Vielleicht, vielleicht auch nicht.

»Ich bin seit zehn Jahren verheiratet«, sagte Hubble. »Letzten Monat zehn Jahre. Gab eine große Party. Ich habe zwei Kinder. Einen Jungen, neun Jahre, und ein Mädchen, sieben Jahre. Eine großartige Frau und großartige Kinder. Ich liebe sie wahnsinnig.«

Das meinte er ernst. Ich konnte das sehen. Er verfiel in Schweigen. Sein Blick verschleierte sich, als er an seine Familie dachte. Sich fragte, wie zum Teufel er hierher gekommen war, weit weg von ihnen. Er war nicht der erste, der in dieser Zelle saß und sich das fragte. Und er würde nicht der letzte sein.

»Wir haben ein hübsches Haus«, sagte er. »Draußen, am Beckman Drive. Haben es vor fünf Jahren gekauft. Kostete eine Menge Geld, aber das war es wert. Kennen Sie den Beckman Drive?«

»Nein«, sagte ich wieder. Er hatte Angst, auf den Punkt zu kommen. Schon bald würde er mir etwas über die Tapete im Gästeklo erzählen. Und wie er die kieferorthopädische Behandlung seiner Tochter bezahlen wollte. Ich ließ ihn reden. Gefängniskonversation.

»Wie auch immer«, sagte er schließlich. »Jetzt bricht alles zusammen.«

Er saß da in seiner Drillichhose und seinem Polohemd. Seinen weißen Pullover hatte er sich wieder genommen und um die Schultern gelegt. Ohne seine Brille sah er älter aus, leerer. Brillenträger sehen ohne Brille immer unkonzentriert und verletzlich aus. Der Außenwelt ausgeliefert. Als wäre eine Schicht entfernt. Er sah aus wie ein müder, alter Mann. Ein Bein hatte er ausgestreckt. Ich konnte das Profil auf seiner Schuhsohle sehen.

Was nannte er eine Bedrohung? Eine Enthüllung oder Entlarvung? Etwas, das sein perfektes Leben am Beckman Drive, wie er es beschrieben hatte, hinwegfegen würde? Möglicherweise war seine Frau in etwas verwickelt. Möglicherweise deckte er sie. Möglicherweise hatte sie eine Affäre mit dem großen, toten Mann gehabt. Möglich war vieles. Möglich war alles. Vielleicht war seine Familie durch Schande, Bankrott, durch ein Stigma oder die Kündigung der Mitgliedschaft im Country Club bedroht. Ich drehte mich im Kreis. Ich lebte nicht in Hubbles Welt. Ich teilte nicht seinen Bezugsrahmen. Ich hatte gesehen, wie er vor Angst zitterte und bebte. Aber ich hatte keine Ahnung, wieviel nötig war, um einem Mann wie ihm Angst einzujagen. Oder wie wenig. Als ich ihn gestern das erste Mal auf dem Revier gesehen hatte, schien er mir aufgebracht und beunruhigt zu sein. Seitdem hatte er von Zeit zu Zeit gezittert, war wie gelähmt gewesen oder hatte angstvoll vor sich hingestarrt. Er war manchmal resigniert und apathisch gewesen. Ganz offensichtlich hatte er große Angst. Ich lehnte mich gegen die Zellenwand und wartete, daß er es mir erzählte.

»Sie bedrohen uns«, sagte er wieder. »Wenn ich irgend jemandem erzähle, was vor sich geht, dann brechen sie in unser Haus ein, haben sie gesagt. Sie treiben uns zusammen. In mein Schlafzimmer. Sie haben gesagt, sie nageln mich an die Wand und schneiden mir die Hoden ab. Dann zwingen sie meine Frau, sie zu schlucken. Dann schneiden sie uns die Kehlen durch. Sie haben gesagt, sie werden unsere Kinder zusehen lassen, und wenn wir tot sind, mit ihnen Dinge anstellen, von denen wir niemals etwas wissen werden.«