KAPITEL 4
Die Leute geben Tausende von Dollars für Stereoanlagen aus. Manchmal sogar Zehntausende. Es gibt in den Staaten eine darauf spezialisierte Industrie, die Stereoanlagen in einer unglaublichen Qualität herstellt. Verstärker, die mehr kosten als ein Haus. Lautsprecher, die größer sind als ich. Kabel, die dicker sind als ein Gartenschlauch. Ein paar Jungs in der Army hatten so etwas. Auf allen Stützpunkten dieser Erde konnte ich sie hören. Wunderbar. Aber sie verschwendeten ihr Geld. Denn die beste Stereoanlage der Welt kostet nichts. Die im eigenen Kopf. Die klingt so gut, wie man sie haben will. Und ist so laut, wie man es möchte.
Ich lehnte in meiner Ecke und ließ eine Nummer von Bobby Bland durch meinen Kopf ziehen. Ein altes Lieblingslied von mir. Ich hatte es richtig laut aufgedreht. ›Further on up the Road‹ - weiter oben auf der Straße. Bobby Bland singt es in G-Dur. Diese Tonart verleiht ihm einen ungewöhnlichen, einen heiteren, fröhlichen Touch. Nimmt das Boshafte aus dem Text. Macht daraus eine Klage, eine Vorhersage, etwas Tröstliches. Dadurch bekommt das Ganze die typische Blueswirkung. Das entspannte G-Dur verleiht ihm fast etwas Süßes. Nichts Boshaftes.
Aber dann sah ich den fetten Polizeichef Vorbeigehen. Morrison, an den Zellen vorbei auf seinem Weg zum großen Büro im hinteren Teil. Gerade richtig zum Beginn der dritten Strophe. Ich zwang den Song hinunter in Es-Moll. Eine dunkle, bedrohliche Tonart. Die echte Blues-Tonart. Ich löschte den freundlichen Bobby Bland. Brauchte eine härtere Stimme. Eine, die boshafter war. Melodisch, aber mit dem rauchigen Timbre von Zigaretten und Whisky. Vielleicht Wild Child Butler. Jemand, mit dem man sich nicht anlegen will. Ich stellte die Lautstärke in meinem Kopf höher, für die Stelle über das Ernten dessen, was man gesät hat, weiter die Straße hinauf.
Morrison log, was die letzte Nacht anging. Ich war um Mitternacht nicht dort gewesen. Eine Zeitlang war ich bereit gewesen, die Möglichkeit eines Irrtums in Betracht zu ziehen. Vielleicht hatte er jemanden bemerkt, der so aussah wie ich. Aber das hätte geheißen, den Zweifel zu seinen Gunsten auszulegen. Im Augenblick wollte ich ihm einen harten Schlag ins Gesicht verpassen. Seine fette Nase über das ganze Büro verteilen. Ich schloß die Augen. Wild Child Butler und ich versprachen uns, daß es dazu kommen würde. Weiter die Straße hinauf.
Ich öffnete die Augen und schaltete die Musik in meinem Kopf ab. Vor mir, auf der anderen Seite der Gitterstäbe, stand die Polizistin mit den Fingerabdrücken. Sie kam gerade von der Kaffeemaschine.
»Soll ich Ihnen einen Becher Kaffee bringen?« fragte sie mich.
»Ja, sicher«, sagte ich. »Großartig. Ohne Milch und Zucker.«
Sie stellte ihren eigenen Becher auf den nächsten Schreibtisch und ging wieder zurück zu der Maschine. Schüttete mir einen Becher ein und kam zu mir zurück. Sie war eine gutaussehende Frau. Um die dreißig, dunkelhaarig, mittelgroß. Aber keinesfalls ›mittelmäßig‹. Sie strahlte eine ganz bestimmte Energie aus. In dem Verhörraum war das als forsches Mitleid rübergekommen. Als professionelle Betriebsamkeit. Jetzt wirkte sie inoffiziell. War es wahrscheinlich auch. Mit Sicherheit verstieß es gegen die Regeln des fetten Chefs, dem Verurteilten Kaffee zu bringen. Ich mochte sie deshalb.
Sie reichte mir den Becher durch das Gitter. Aus der Nähe sah sie wirklich gut aus. Roch gut. Ich hatte das vorhin nicht bemerkt. Ich erinnerte mich, daß sie wie eine Zahnarzthelferin auf mich gewirkt hatte. Wenn alle Zahnarzthelferinnen so gut aussähen, wäre ich öfter hingegangen. Ich nahm den Becher. Freute mich darüber. Ich war durstig, und ich liebe Kaffee. Wenn ich kann, trinke ich Kaffee, wie ein Alkoholiker Wodka trinkt. Ich nahm ein Schlückchen. Guter Kaffee. Ich erhob den Styropor-Becher wie zu einem Toast.
»Danke«, sagte ich.
»Nichts zu danken«, erwiderte sie, und sie lächelte, auch mit den Augen. Ich lächelte zurück. Ihre Augen waren wie ein willkommener Sonnenstrahl an einem verdorbenen Nachmittag.
»Also meinen Sie nicht, ich hätte es getan?« fragte ich sie.
Sie nahm ihren Kaffee von dort, wo sie ihn abgestellt hatte.
»Also meinen Sie, ich brächte den Schuldigen keinen Kaffee?« fragte sie zurück.
»Vielleicht würden Sie mit den Schuldigen noch nicht mal sprechen«, sagte ich.
»Ich weiß, daß Sie sich keiner großen Sache schuldig gemacht haben.«
»Wie können Sie da so sicher sein?« fragte ich. »Weil meine Augen nicht eng genug beieinanderstehen?«
»Nein, Sie Dummkopf«, lachte sie. »Weil wir noch nichts aus Washington gehört haben.«
Ihr Lachen war großartig. Ich wollte auf ihr Namensschild über der Brusttasche sehen. Aber ich wollte nicht, daß sie meinte, ich würde ihre Brüste anstarren. Ich erinnerte mich, wie sie auf dem Rand des Tisches ruhten, als sie die Aufnahmen von mir machte. Ich sah hin. Hübsche Brüste. Ihr Name war Roscoe. Sie blickte sich rasch um und kam näher ans Gitter. Ich nippte an dem Kaffee.
»Ich habe Ihre Abdrücke über den Computer nach Washington geschickt«, sagte sie. »Das war um 12 Uhr 36. Dort ist eine große Datenbank, Sie wissen schon, FBI. In deren Computer sind Millionen von Fingerabdrücken gespeichert. Alle eingesandten Abdrücke werden überprüft. Es gibt eine strikte Reihenfolge. Zuerst werden sie mit denen der zehn am dringendsten Gesuchten verglichen, dann mit den ersten hundert, dann mit den ersten tausend. Wenn Sie unter denen gewesen wären, Sie wissen schon, den aktiven, bisher nicht gefaßten Straftätern, dann hätten wir fast sofort eine Meldung bekommen, Das geht ganz automatisch. Sie wollen nicht, daß einer der Meistgesuchten entkommt. Aber Sie sind jetzt fast drei Stunden im Computer, und wir haben noch nichts gehört. Also kann ich Ihnen mitteilen, daß Sie nicht wegen etwas wirklich Schlimmem aktenkundig sind.«
Der Wachhabende sah zu uns herüber. Mißbilligend. Sie mußte gehen. Ich leerte meinen Becher und gab ihn ihr durch das Gitter zurück.
»Ich bin wegen gar nichts aktenkundig«, sagte ich.
»Nein«, sagte sie. »Sie entsprechen auch nicht dem üblichen Delinquentenprofil.«
»Nicht?« sagte ich.
»Das hätte ich Ihnen gleich sagen können«, lächelte sie. »Sie haben freundliche Augen.«
Sie zwinkerte und ging weg. Warf die Becher in den Mülleimer und ging zurück zu ihrem Arbeitsplatz. Setzte sich hin. Jetzt konnte ich nur noch ihren Hinterkopf sehen. Ich ging hinüber in meine Ecke und lehnte mich gegen die harten Gitterstäbe. Seit sechs Monaten war ich ein einsamer Streuner. Etwas hatte ich dabei gelernt. Wie Blanche in diesem alten Film ist ein Streuner von der Freundlichkeit Fremder abhängig. Nicht in bezug auf etwas Besonderes oder Materielles. Sondern in bezug auf Moral. Ich blickte auf Miss Roscoes Hinterkopf und lächelte. Ich mochte sie.
Baker war vielleicht seit zwanzig Minuten weg. Lang genug, um allmählich von Hubbles Wohnsitz zurückzukommen, wo auch immer der war. Ich glaubte, daß man in zwanzig Minuten die Strecke hin und zurück schaffen konnte. Das war schließlich eine Kleinstadt. Ein Punkt auf der Landkarte. Ich glaubte, daß man in zwanzig Minuten überall hingehen und wieder zurückkommen konnte. Auf Händen sogar. Obwohl die Stadtgrenzen ziemlich seltsam waren. Es kam darauf an, ob Hubble mitten in der Stadt lebte oder irgendwo innerhalb der Bezirksgrenzen. Nach meiner Erfahrung war man ja auch in der Stadt, wenn man vierzehn Meilen davon entfernt war. Wenn sich diese vierzehn Meilen in alle Richtungen erstreckten, dann war Margrave ungefähr so groß wie New York City.
Baker hatte gesagt, Hubble sei Familienvater. Ein Banker, der in Atlanta arbeitete. Das bedeutete, er hatte ein Einfamilienhaus in Stadtnähe. Schulen und Freunde für die Kinder ringsum. Geschäfte und den Country Club für die Frau in der Nähe. Und für ihn war es eine kurze Fahrt über die Landstraße zum Highway. Praktisches Pendeln über den Highway zu seinem Büro in der großen Stadt. Die Adresse klang wie eine Stadtadresse. Beckman Drive fünfundzwanzig. Nicht zu nahe an der Hauptstraße. Wahrscheinlich lief der Beckman Drive vom Zentrum der Stadt in die Außenbezirke. Hubble war ein Finanzmann. Wahrscheinlich reich. Wahrscheinlich hatte er ein weißes Haus auf einem großen Grundstück. Mit schattigen Bäumen. Vielleicht einen Pool. Vielleicht vier Morgen Land. Ein quadratisches Grundstück über vier Morgen ist auf einer Seite ungefähr 140 Meter lang. Wenn die Straße auf der rechten und linken Seite Häuser hat, dann ist die Nummer fünfundzwanzig wohl zwölf Grundstücke von der Innenstadt entfernt. Eine Meile etwa.
Jenseits der großen Glastüren dämmerte die Sonne in den Nachmittag. Das Licht wurde rötlicher. Die Schatten wurden länger. Ich sah, wie Bakers Streifenwagen holpernd in die Auffahrt einschwenkte. Kein Lichtsignal. Gemächlich fuhr er die Einfahrt entlang und blieb langsam stehen. Federte einmal nach. Die gesamte Länge der Glastüren war durch den Wagen ausgefüllt. Baker stieg auf der Fahrerseite aus und geriet außer Sichtweite, als er den Wagen umrundete. Er kam wieder ins Blickfeld, als er sich der Beifahrertür näherte. Wie ein Chauffeur öffnete er die Tür. Wegen seiner widersprüchlichen Körpersprache sah er ganz verkrampft aus. Zum Teil respektvoll, weil er es mit einem Banker aus Atlanta zu tun hatte. Zum Teil freundlich, weil es der Bowlingkumpel seines Partners war. Zum Teil offiziell, weil dies der Mann war, dessen Telefonnummer auf einem Stück Papier im Schuh einer Leiche entdeckt worden war.
Paul Hubble stieg aus dem Wagen. Baker schloß die Tür. Hubble wartete. Baker hüpfte um ihn herum und zog die große Glastür des Reviers auf. Die Gummiabdichtung machte ein saugendes Geräusch. Hubble trat ein.
Er war ein großer Weißer. Sah aus, als käme er direkt aus einer Zeitschrift. Aus einer Werbeanzeige. Die Art Werbeanzeige, in der man ein grobkörniges Foto von Geldscheinen sieht. Er war Anfang dreißig. Fit, aber nicht kräftig. Rotblondes Haar, das zerzaust war und gerade so weit zurückwich, um eine intelligente Stirn zu zeigen. Gerade genug, um zu sagen: Ja, ich war ein verwöhntes Kind, aber seht her, jetzt bin ich ein Mann, Er trug eine runde Brille mit Goldrand. Hatte ein eckiges Kinn. Dezente Sonnenbräune. Sehr weiße Zähne. Als er den Wachhabenden anlächelte, waren viele davon zu sehen.
Hubble trug ein ausgeblichenes Polohemd mit einem kleinen Markenzeichen und eine verwaschene Drillichhose. Die Art Kleider, die getragen aussehen, wenn man sie für fünfhundert Dollar kauft. Ein dicker weißer Pullover lag über seinen Schultern. Die Ärmel hatte er vom lose verknotet. Ich konnte seine Füße nicht sehen, weil die Empfangstheke im Weg war. Aber ich war sicher, er trug dunkelbraune Segelschuhe. Ich schloß eine hohe Wette mit mir selbst ab, daß er keine Socken anhatte. Es war ein Mann, der sich in seinem Yuppie-Traum wälzte wie ein Schwein in seinem Dreck.
Er war irgendwie aufgeregt. Er legte seine Handflächen auf die Empfangstheke, und dann drehte er sich um und ließ seine Hände herunterhängen. Ich sah Unterarme mit rotblonden Härchen und das Aufblitzen einer schweren Uhr aus Gold. Mir war klar, daß er sich normalerweise wie ein jovialer, reicher Mann verhalten würde. Daß er das Revier besuchen würde, wie unser Präsident im Wahlkampf eine Fabrik besucht. Aber er war nervös. Beunruhigt. Ich wußte nicht, was Baker zu ihm gesagt hatte. Wieviel er preisgegeben hatte. Wahrscheinlich gar nichts. Ein guter Polizist wie Baker würde Finlay die Sensationsmeldungen überlassen. Also wußte Hubble nicht, warum er hier war. Aber er wußte etwas. Ich hatte mich dreizehn Jahre lang als Polizist bezeichnet, und ich kann einen Mann, der besorgt ist, aus einer Meile Entfernung riechen. Hubble war ein Mann mit Sorgen.
Ich lehnte immer noch bewegungslos am Gitter. Baker bedeutete Hubble, ihm durch den hinteren Teil des Mannschaftsbüros zu folgen. Zum Rosenholzbüro an der Rückseite des Gebäudes. Als Hubble um die Empfangstheke herumging, sah ich seine Füße. Dunkelbraune Segelschuhe. Keine Socken. Die beiden Männer gingen zum Büro und damit außer Sichtweite, Die Tür schloß sich. Der Wachhabende verließ seinen Posten und ging nach draußen, um Bakers Straßenkreuzer zu parken.
Er kam mit Finlay zurück. Finlay ging direkt zum Rosenholzbüro, wo Hubble auf ihn wartete. Ignorierte mich, als er den Mannschaftsraum durchquerte. Öffnete die Bürotür und ging hinein. Ich wartete in meiner Ecke darauf, daß Baker herauskam. Baker konnte nicht drinnenbleiben. Nicht, während der Bowlingkumpel seines Partners in die Untersuchung eines Tötungsdeliktes einbezogen wurde. Das wäre moralisch nicht haltbar gewesen. Nicht im geringsten. Finlay erschien mir wie ein Mann, der großen Wert auf Moral legte. Ein Mann mit einem solchen Tweedanzug und einer Leinenweste und einer Ausbildung in Harvard würde großen Wert auf Moral legen. Einen Augenblick später öffnete sich die Tür, und Baker kam heraus. Er trat in das große Büro und ging auf seinen Schreibtisch zu.
»Hey, Baker!« rief ich. Er wechselte die Richtung und kam zu den Zellen. Blieb vor dem Gitter stehen. Dort, wo Miss Roscoe gestanden hatte.
»Ich muß mal zur Toilette«, sagte ich. »Oder soll ich damit auch warten, bis ich im Staatsknast bin?«
Er grinste. Widerwillig, aber er grinste. Er hatte einen goldenen Backenzahn. Das verlieh ihm ein schneidiges Aussehen. Machte ihn ein bißchen menschlicher. Er rief dem Typen an der Empfangstheke etwas zu - wahrscheinlich ein Codewort für den Vorgang nahm seine Schlüssel und betätigte das elektrische Schloß. Die Bolzen sprangen zurück. Ich fragte mich flüchtig, was sie bei einem Stromausfall machten. Konnten sie die Türen auch ohne Strom öffnen? Ich hoffte es. Wahrscheinlich gab es eine Menge Unwetter hier. Eine Menge umkippender Strommasten.
Er stieß die schwere Tür in die Zelle herein. Wir gingen zum hinteren Teil des Mannschaftsraums. Zur gegenüberliegenden Seite des Rosenholzbüros. Dort war ein Gang, und davon gingen zwei Waschräume ab. Er langte an mir vorbei und stieß die Tür zur Herrentoilette auf.
Sie wußten, daß ich nicht ihr Mann war. Sie paßten nicht mehr auf. Überhaupt nicht. Hier draußen im Gang hätte ich Baker niederschlagen und seinen Revolver abnehmen können. Überhaupt kein Problem. Ich hätte ihm die Waffe aus dem Halfter gezogen, bevor er auf dem Boden aufschlug. Mit Hilfe der Waffe hätte ich mir den Weg nach draußen und zu einem Streifenwagen freischießen können. Sie parkten alle direkt vor mir. Die Schlüssel steckten bestimmt. Ich hätte in Richtung Atlanta unterwegs sein können, bevor sie wirksame Maßnahmen ergriffen. Dann hätte ich verschwinden können. Überhaupt kein Problem. Aber ich ging nur in ihre Toilette.
»Schließen Sie nicht ab«, sagte Baker.
Ich schloß nicht ab. Sie unterschätzten mich gewaltig. Ich hatte ihnen erzählt, daß ich bei der Militärpolizei gewesen war. Vielleicht glaubten sie mir, vielleicht auch nicht. Vielleicht sagte ihnen das auch nicht viel. Aber das sollte es. Ein Militärpolizist hat mit Gesetzesbrechern aus dem Militär zu tun. Diese Gesetzesbrecher sind Soldaten. Gut ausgebildet in bezug auf Waffen, Sabotage und Kampf ohne Waffen. Ranger, Green Berets, Marines. Nicht nur Mörder. Ausgebildete Mörder. Extrem gut ausgebildete Mörder, mit hohen Kosten für die Öffentlichkeit. Also ist ein Militärpolizist noch besser ausgebildet. Für den Kampf mit und ohne Waffen. Baker hatte keine Ahnung. Hatte noch nicht darüber nachgedacht. Sonst hätte er für den Trip zur Toilette ein paar Gewehre auf mich richten lassen. Wenn er geglaubt hätte, ich sei ihr Mann.
Ich zog den Reißverschluß zu und trat zurück in den Gang. Baker wartete. Wir gingen zurück zum Zellentrakt. In meiner Zelle lehnte ich mich in meine Ecke. Baker zog die schwere Tür zu. Betätigte mit seinem Schlüssel das elektrische Schloß. Die Bolzen rasteten ein. Er ging zurück in den Mannschaftsraum.
In den nächsten zwanzig Minuten herrschte Ruhe. Baker arbeitete an seinem Schreibtisch. Roscoe ebenso. Der Wachhabende saß auf seinem Hocker. Finlay war mit Hubble im großen Büro. Über den Eingangstüren befand sich eine moderne Uhr. Zwar war sie nicht so elegant wie die im Büro, doch tickte sie genauso langsam. Stille. Halb fünf. Ich lehnte mich gegen die Gitterstäbe aus Titan und wartete. Stille. Viertel vor fünf.
Die Zeit setzte kurz vor fünf wieder ein. Ich hörte im großen Rosenholzbüro den Lärm eines Tumults. Wie gebrüllt, wie geschrien wurde und wie Gegenstände aufschlugen. Jemand regte sich richtig auf. Ein Summer ertönte auf Bakers Schreibtisch, und die Gegensprechanlage knackte. Finlays Stimme. Angespannt. Sie bat Baker, ins Büro zu kommen. Baker stand auf und ging hinüber. Klopfte und trat ein.
Die Glastüren am Eingang gingen mit saugendem Geräusch auf, und der fette Mann kam herein. Chief Morrison. Er ging direkt nach hinten zum Rosenholzbüro. Baker kam heraus, als Morrison hineinging. Er eilte hinüber zur Empfangstheke. Flüsterte aufgeregt einen langen Satz zum Wachhabenden. Roscoe trat hinzu. Sie steckten die Köpfe zusammen. Große Neuigkeiten. Ich konnte nicht hören, worum es ging. Sie waren zu weit weg.
Die Gegensprechanlage auf Bakers Schreibtisch knackte wieder. Er steuerte erneut das Büro an. Die große Eingangstür öffnete sich noch mal. Die glühende Nachmittagssonne stand tief am Himmel. Stevenson betrat das Revier. Seit meiner Verhaftung hatte ich ihn nicht mehr gesehen. Es war, als würde die Aufregung die Leute hereinsaugen.
Stevenson sprach mit dem Wachhabenden. Er wurde unruhig. Der Wachhabende legte Stevenson eine Hand auf den Arm. Stevenson schüttelte sie ab und rannte zum Rosenholzbüro. Er wich den Schreibtischen wie ein Footballspieler aus. Als er das Büro erreicht hatte, öffnete sich die Tür. Eine kleine Gruppe kam heraus. Chief Morrison. Finlay. Und Baker, der Hubble am Ellbogen hielt. Mit leichtem, aber wirksamem Griff, genau wie bei mir. Stevenson starrte verblüfft auf Hubble und packte dann Finlay am Arm. Zog ihn zurück ins Büro. Morrison drehte seine schwitzende, massige Gestalt herum und folgte ihnen. Die Tür schlug zu. Baker brachte Hubble zu mir herüber.
Hubble sah völlig verändert aus. Er war grau im Gesicht und schwitzte. Die Sonnenbräune war verschwunden. Er sah kleiner aus. Er sah aus wie jemand, dem man die Luft herausgelassen hatte und der nun völlig zusammengeschrumpft ist. Er ging gekrümmt, als hätte er Schmerzen. Seine Augen hinter der Goldrandbrille waren vor Panik ausdruckslos. Bebend stand er da, als Baker die Zelle neben mir aufschloß. Er bewegte sich nicht. Er zitterte nur. Baker nahm ihn am Arm und schob ihn hinein. Er zog die Tür zu und verschloß sie. Die elektrischen Bolzen rasteten ein. Baker ging zurück zum Rosenholzbüro.
Hubble blieb dort, wo Baker ihn stehengelassen hatte. Starrte ausdruckslos ins Leere. Dann ging er langsam rückwärts, bis er die hintere Wand der Zelle erreicht hatte. Er drückte seinen Rücken dagegen und glitt zu Boden. Ließ seinen Kopf zwischen die Knie hängen. Ließ seine Hände zu Boden fallen. Ich konnte hören, wie sie auf dem steifen Nylonteppich aufschlugen. Roscoe starrte ihn von ihrem Schreibtisch her an. Auch der Sergeant an der Empfangstheke blickte zu ihm herüber. Sie beobachteten, wie ein Mann zusammenbrach.
Ich hörte im Rosenholzbüro laute Stimmen. Den Tonfall einer Auseinandersetzung. Das Aufschlagen einer Handfläche auf dem Schreibtisch. Die Tür öffnete sich, und Stevenson kam mit Chief Morrison heraus. Stevenson sah aus, als wäre er außer sich. Er ging mit großen Schritten durch das Mannschaftsbüro. Sein Hals war vor Wut ganz steif. Seine Augen waren auf die Eingangstüren geheftet. Er ignorierte den fetten Polizeichef. Er ging direkt an der Empfangstheke vorbei und durch die schwere Tür hinaus in den noch immer strahlenden Nachmittag. Morrison folgte ihm.
Baker kam aus dem Büro und zu meiner Zelle. Sagte nichts. Schloß nur den Käfig auf und winkte mich heraus. Ich zog meinen Mantel enger um mich und ließ die Zeitung mit den großen Photos vom Präsidenten in Pensacola auf dem Zellenboden liegen. Trat hinaus und folgte Baker zurück zum Rosenholzbüro.
Finlay saß am Schreibtisch. Der Kassettenrecorder war auch da. Die steifen Kabel hingen herunter. Es war stickig und kühl. Finlay sah entnervt aus. Seine Krawatte war gelockert. Mit einem bedauernden Zischen atmete er tief aus. Ich setzte mich auf den Stuhl, und Finlay winkte Baker aus dem Raum. Die Tür schloß sich leise hinter ihm.
»Wir haben hier ein Problem, Mr. Reacher«, sagte Finlay. »Ein echtes Problem.«
Er verfiel in abwesendes Schweigen. Ich hatte weniger als eine halbe Stunde, bis der Gefängnisbus kam, und wollte rasch ein paar Lösungen. Finlay sah auf und konzentrierte sich wieder. Fing an zu reden, schnell, die elegante Harvard-Sprechweise unter Druck.
»Wir holten diesen Hubble her, okay?« sagte er. »Sie haben ihn vielleicht gesehen. Ein Banker, aus Atlanta, okay? Calvin-Klein-Outfit für tausend Dollar. Goldene Rolex. Ein sehr nervöser Typ. Zuerst dachte ich, er sei nur verärgert. Als ich anfing zu sprechen, erkannte er meine Stimme. Von meinem Anruf. Er beschuldigte mich der Hinterlist. Sagte, ich dürfte mich nicht für jemanden von seiner Telefongesellschaft ausgeben. Natürlich hat er recht.«
Wieder verfiel er in Schweigen. Er kämpfte mit seinem moralischen Problem.
»Kommen Sie schon, Finlay, machen Sie weiter«, sagte ich. Ich hatte weniger als eine halbe Stunde.
»Okay, er ist also nervös und verärgert«, sagte Finlay. »Ich frage ihn, ob er Sie kennt. Jack Reacher, Ex-Soldat. Er sagt nein. Hat noch nie von Ihnen gehört. Ich glaube ihm. Er fängt an, sich zu entspannen. Als ginge es nur um jemanden namens Jack Reacher. Er hat noch nie von jemandem namens Jack Reacher gehört, also ist er ohne Grund hier. Er ist cool, Sie verstehen?«
»Weiter«, sagte ich.
»Dann frage ich ihn, ob er einen großen Mann mit kahlgeschorenem Kopf kennt. Ich frage ihn nach Pluribus. Tja, mein Gott! Es ist, als hätte ich ein Schüreisen in seinen Hintern geschoben. Er wird ganz starr. Wie unter Schock. Total starr. Will nicht antworten. Also sage ich ihm, daß wir wissen, daß der große Mann tot ist. Erschossen. Tja, das wirkt wie ein zweites Schüreisen in seinem Hintern. Er fällt fast vom Stuhl.«
»Weiter«, sagte ich. Noch fünfundzwanzig Minuten, bis der Bus fällig war.
»Er zittert nur so hemm«, erklärt Finlay. »Dann sage ich ihm, daß wir seine Telefonnummer in dem Schuh gefunden haben. Seine Telefonnummer auf einem Stück Papier, mit dem Wort ›Pluribus‹ darüber. Das ist noch ein Schüreisen in seinem Hintern.«
Er hielt wieder inne, klopfte seine Taschen ab, eine nach der anderen.
»Er wollte nichts sagen«, fuhr er fort. »Kein einziges Wort. Er war starr vor Schock. Ganz grau im Gesicht. Ich dachte, er hätte einen Herzanfall. Sein Mund öffnete und schloß sich wie bei einem Fisch. Aber er redete nicht. Also erzählte ich ihm, wir wüßten, daß die Leiche zusammengetreten worden sei. Ich fragte ihn, wer dabei war. Ich erzählte ihm, wir wüßten, daß die Leiche unter einer Pappabdeckung versteckt worden war. Er wollte kein einziges verdammtes Wort sagen. Er blickte immer nur um sich. Nach einer Weile merkte ich, daß er wie verrückt nachdachte. Versuchte sich zu entscheiden, was er mir sagen sollte. Doch er sagte einfach nichts und dachte wie wahnsinnig nach, etwa vierzig Minuten lang. Die Kassette lief die ganze Zeit. Nahm vierzig Minuten Schweigen auf.«
Finlay schwieg wieder. Dieses Mal um der Wirkung willen. Er sah mich an.
»Dann gestand er«, sagte er. »›Ich habe es getan‹, erklärte er. ›Ich habe ihn erschossen‹. Der Typ hat gestanden, hören Sie? Aufs Band.«
»Weiter«, sagte ich.
»Ich frage ihn: Wollen Sie einen Anwalt? Er sagt nein, wiederholt immer nur, er hätte den Mann ermordet. Also trage ich ihm seine Rechte vor, laut und deutlich, aufs Band. Dann kommt mir die Idee, daß er vielleicht verrückt ist oder so, Sie verstehen schon. Also frage ich ihn; Wen haben Sie umgebracht? Er sagt: Den großen Mann mit dem kahlgeschorenen Kopf. Ich frage ihn: Wie? Er sagt: Mit einem Kopfschuß. Ich frage ihn: Wann? Er sagt: Letzte Nacht, gegen vierundzwanzig Uhr. Ich frage ihn: Wer hat den Körper durch die Gegend gekickt? Wer war der Mann? Was bedeutet Pluribus? Er antwortet nicht. Wird nur starr vor Angst. Weigert sich, noch ein verdammtes Wort zu sagen. Ich sage zu ihm: Ich bin nicht sicher, ob Sie überhaupt irgendwas getan haben. Er springt auf und packt mich. Er schreit: Ich gestehe, ich gestehe, ich habe ihn erschossen, ich habe ihn erschossen. Ich dränge ihn zurück. Er wird ruhig.«
Finlay lehnte sich zurück. Faltete die Hände hinter seinem Kopf. Starrte mich fragend an. Hubble als der Mörder? Ich glaubte nicht daran. Wegen seiner Aufregung. Typen, die jemanden mit einer alten Pistole erschießen, im Kampf oder im Affekt, mit einem ungezielten Schuß in die Brust, die sind nachher aufgeregt. Typen, die zwei Schüsse in einen Kopf jagen, mit einem Schalldämpfer, dann die Patronenhülsen aufsammeln, gehören zu einer ganz anderen Kategorie. Die sind nachher nicht aufgeregt. Sie verschwinden einfach und vergessen alles. Hubble war nicht der Mörder. Die Art, wie er vor der Empfangstheke herumgetänzelt war, sprach dagegen. Aber ich zuckte nur die Schultern und lächelte.
»Okay«, sagte ich. »Dann können Sie mich endlich rauslassen, oder?«
Finlay blickte mich an und schüttelte den Kopf.
»Nein«, sagte er. »Ich glaube ihm nicht. Es waren drei Männer beteiligt. Davon haben Sie selbst mich überzeugt. Also, wer von den dreien soll Hubble sein? Ich glaube nicht, daß er der Irre ist. Dazu hat er nicht genug Kraft, denke ich. Ich glaube auch nicht, daß er der Handlanger war. Und er ist mit Sicherheit nicht der Mörder, mit Sicherheit nicht. Typen wie er treffen beim Pool-Billard noch nicht mal die Löcher.«
Ich nickte. Als wäre ich Finlays Partner. Brütete mit ihm über einem Problem.
»Ich muß ihn aber vorläufig in den Knast stecken«, sagte er. »Ich habe keine andere Wahl. Er hat gestanden, mit ein paar plausiblen Details. Aber sein Geständnis ist mit Sicherheit nicht stichhaltig.«
Ich nickte wieder. Spürte, daß das noch nicht alles war.
»Weiter«, sagte ich. Resigniert.
Finlay sah mich an. Ausdruckslos.
»Er war um Mitternacht nicht dort«, sagte er. »Er war auf einer Party, dem Hochzeitstag eines alten Ehepaars. Ein Familienfest. Nicht weit von seinem Haus entfernt. Kam dort gestern abend gegen acht Uhr an. Ging mit seiner Frau dorthin. Blieb bis zwei Uhr morgens. Zwei Dutzend Menschen sahen ihn ankommen, zwei Dutzend Menschen haben ihn gehen sehen. Er wurde vom Schwager seiner Schwägerin mitgenommen. In dessen Wagen, weil es da schon schüttete.«
»Weiter, Finlay«, sagte ich. »Raus damit.«
»Der Schwager seiner Schwägerin«, wiederholte er. »Der ihn nach Hause fuhr, im Regen, um zwei Uhr morgens, das war Officer Stevenson.«