KAPITEL 25
Es wäre bestimmt nicht einfach geworden, mit einem Totschläger, einem Messer und einem großen Revolver durch die Sicherheitsschleusen am Flughafen zu kommen, also ließ ich meine Tarnjacke in Finlays Wagen und bat ihn, sie für mich in den Bentley zu legen. Er kam mit mir in die Abflughalle und zahlte mit seiner Kreditkarte die siebenhundert Dollar für mein Hin-und-Rückflug-Ticket mit Delta Airlines nach New York. Dann fuhr er zum Motel nach Alabama, und ich ging durch den Flugsteig zur Maschine nach La Guardia.
Ich war ein bißchen länger als zwei Stunden in der Luft und fünfunddreißig Minuten in einem Taxi. Kam kurz nach halb fünf in Manhattan an. Ich war im Mai schon mal dagewesen, und jetzt, im September, sah es dort ziemlich ähnlich aus. Die Sommerhitze war vorüber und die Stadt wieder bei der Arbeit. Das Taxi brachte mich über die Triborough Bridge und steuerte auf der 116ten westwärts. Glitt um den Morningside Park herum und ließ mich am Haupteingang der Columbia University raus. Ich ging hinein und fand den Weg zum Sicherheitsdienst des Campus. Klopfte an die Glastür.
Ein Sicherheitsmann des Campus sah auf ein Klemmbrett und ließ mich hinein. Führte mich zu einem Raum im hinteren Gebäudeteil und zeigte mir Professor Kelvin Kelstein. Ich sah einen sehr alten Mann, der winzig und runzelig war und mit einem gewissen Stolz einen riesigen weißen Haarschopf trug. Er sah genauso aus wie der alte Reinigungsmann, den ich im dritten Stock in Warburton gesehen hatte, nur daß er ein Weißer war.
»Sind die beiden Latinos zurückgekommen?« fragte ich den College-Cop.
Er schüttelte den Kopf.
»Habe sie nicht gesehen. Die Sekretärin des alten Mannes hat ihnen mitgeteilt, daß das Essen abgesagt werden müsse. Vielleicht sind sie schon verschwunden.«
»Ich hoffe es. Inzwischen werden Sie diesen Mann eine Weile bewachen müssen. Bis Sonntag.«
»Warum?« fragte er. »Was ist los?«
»Ich weiß es nicht genau. Aber ich hoffe, der alte Mann kann es mir sagen.«
Der Wachmann brachte uns beide zurück in Kelsteins eigenes Büro und ließ uns dort allein. Es war ein kleiner, unordentlicher Raum, der bis zur Decke mit Büchern und dicken Zeitschriften vollgestopft war. Kelstein setzte sich in einen alten Sessel und wies mich an, mich in einen anderen gegenüber von ihm zu setzen.
»Was genau ist mit Bartholomew passiert?« fragte er.
»Ich kann es nicht genau sagen. Die Polizei in Jersey behauptet, daß er bei einem Straßenraub vor seinem Haus erstochen wurde.«
»Aber Sie sind skeptisch?«
»Mein Bruder hatte eine Liste mit Kontaktpersonen aufgestellt. Sie sind der einzige auf dieser Liste, der noch am Leben ist.«
»Ihr Bruder war Mr. Joe Reacher?«
Ich nickte.
»Er wurde letzten Donnerstag ermordet. Ich versuche herauszufinden, warum.«
Kelstein neigte seinen Kopf und starrte aus dem schmutzigen Fenster.
»Ich bin sicher, Sie wissen den Grund«, sagte er. »Er war ein Ermittler. Offensichtlich wurde er im Zuge seiner Ermittlung ermordet. Was Sie wissen müssen, ist, was er herausfinden wollte.«
»Können Sie es mir sagen?« fragte ich.
Der alte Professor schüttelte den Kopf.
»Nur in höchst allgemeiner Form. Ich kann Ihnen nicht mit Einzelheiten dienen.«
»Hat er denn keine Einzelheiten mit Ihnen besprochen?« fragte ich.
»Er benutzte mich als eine Art Resonanzboden. Wir stellten zusammen Spekulationen an. Ich genoß das wahnsinnig. Ihr Bruder war ein inspirierender Gesprächspartner. Er hatte einen scharfen Verstand und eine sehr bestechende Präzision in der Art und Weise, sich auszudrücken. Es war ein Vergnügen, mit ihm zu arbeiten.«
»Aber Sie sprachen nicht über Einzelheiten?« fragte ich noch einmal.
Kelstein formte seine Hände wie zu einer Art leerem Gefäß.
»Wir sprachen über alles mögliche. Aber wir kamen zu keiner Schlußfolgerung.«
»Okay. Können wir von vom beginnen? Die Gespräche hatten mit Falschgeld zu tun, richtig?«
Kelstein legte seinen großen Kopf zur Seite. Wirkte amüsiert. »Natürlich. Worüber hätten Mr. Joe Reacher und ich sonst wohl sprechen sollen?«
»Warum sprach er gerade mit Ihnen darüber?«
Der alte Professor lächelte ein bescheidenes Lächeln, das einem Stirnrunzeln wich. Dann grinste er ironisch.
»Weil ich der größte Fälscher der Geschichte bin. Ich wollte sagen, daß ich einer der beiden größten Fälscher der Geschichte sei, aber nach den Geschehnissen der letzten Nacht in Princeton bin ich ja nun leider der einzige.«
»Sie und Bartholomew?« fragte ich. »Sie waren Fälscher?«
Der alte Mann lächelte wieder.
»Nicht freiwillig. Während des Zweiten Weltkriegs landeten Männer wie Walter und ich in seltsamen Berufen. Von ihm und mir dachte man, wir seien beim Militärgeheimdienst besser aufgehoben als auf dem Schlachtfeld. Wir wurden zum SIS abkommandiert, der, wie Sie wissen, die früheste Form des CIA war. Andere waren dafür verantwortlich, den Feind mit Bomben und Gewehren anzugreifen. Wir bekamen die Aufgabe, den Feind wirtschaftlich anzugreifen. Wir entwickelten ein Projekt, die Wirtschaft der Nazis mit einem Anschlag auf den Wert ihres Papiergeldes zu ruinieren. Im Zuge unseres Projekts wurden Hunderte von Milliarden gefälschter Reichsmark hergestellt. Bomber übersäten Deutschland damit. Das Geld fiel wie Konfetti vom Himmel.«
»Funktionierte das?« fragte ich ihn.
»Ja und nein. Natürlich war ihre Wirtschaft ruiniert. Sehr schnell war ihr Geld wertlos. Aber natürlich wurde ein Großteil ihrer Produktion mit Hilfe von Sklavenarbeit aufrechterhalten. Sklaven interessieren sich nicht dafür, ob der Inhalt anderer Leute Lohntüten etwas wert ist. Und natürlich wurden alternative Zahlungsmittel gefunden. Schokolade, Zigaretten und sonstwas. Insgesamt war es nur ein Teilerfolg. Aber er machte Walter und mich zu den größten Fälschern der Geschichte. Zumindest wenn Sie die Menge als Maßstab nehmen. Ich kann kein besonderes Talent für den farbenverschmierten Teil des Projekts für mich in Anspruch nehmen.«
»Aber hat Joe Sie darüber ausgefragt?«
»Walter und ich wurden besessen davon. Wir studierten die Geschichte der Geldfälscherei. Sie fing an, sobald das Papiergeld eingeführt worden war. Und hat nie aufgehört. Wir wurden Experten in diesem Bereich. Unser Interesse daran erlosch auch nach dem Krieg nicht. Wir stellten eine lose Beziehung zur Regierung her. Schließlich gab ein Unterausschuß des Senats ein Gutachten bei uns in Auftrag. Mit aller gebotenen Bescheidenheit kann ich sagen, daß es die Bibel des Finanzministeriums im Kampf gegen das Falschgeld wurde. Ihr Bruder war natürlich damit vertraut. Deshalb sprach er mit Walter und mir.«
»Aber worüber genau sprach er mit Ihnen?« fragte ich.
»Joe war ein neuer Besen. Er war engagiert worden, um Probleme zu lösen. Er war in der Tat ein sehr begabter Mann. Seine Aufgabe war es, die Geldfälscherei vollkommen auszurotten. Das ist heutzutage unmöglich. Walter und ich sagten ihm das auch. Aber er schaffte es dennoch fast. Er dachte scharf nach und entwickelte eine Strategie von bestechender Einfachheit. Er beendete schließlich jegliche illegale Gelddruckerei in den Vereinigten Staaten.«
Ich saß in diesem vollgestopften Büro und hörte dem alten Mann zu. Kelstein hatte Joe besser gekannt als ich. Er hatte Joes Hoffnungen und Pläne geteilt. Seine Erfolge gefeiert. Ihn bei seinen Rückschlägen bedauert. Sie hatten ausführlich und lebhaft miteinander gesprochen und einander inspiriert. Ich hatte das letzte Mal kurz nach der Beerdigung unserer Mutter persönlich mit Joe gesprochen. Ich hatte ihn nicht gefragt, was er so machte. Ich hatte nur meinen älteren Bruder in ihm gesehen. Nur Joe in ihm gesehen. Ich hatte ihn nicht als leitenden Agenten der Regierung mit Hunderten ihm unterstellten Leuten gesehen, der vom Weißen Haus mit der Aufgabe betraut worden war, große Probleme zu lösen, der in der Lage war, einen schlauen, alten Fuchs wie Kelstein zu beeindrucken. Ich saß dort im Sessel und fühlte mich schlecht. Ich hatte etwas verloren, von dem ich nie gewußt hatte, daß ich es besaß.
»Sein System war genial«, sagte Kelstein. »Seine Analyse war scharfsinnig. Er konzentrierte sich auf die Druckfarbe und das Papier. Im Endeffekt läuft doch alles auf Farbe und Papier hinaus, nicht wahr? Wenn jemand die Sorten Druckfarbe oder Papier kaufte, die zum Fälschen von Banknoten benutzt werden konnten, wußten es Joes Leute innerhalb von wenigen Stunden. Er nahm solche Leute in wenigen Tagen hoch. Innerhalb der Staaten reduzierte er die Produktion von Falschgeld um neunzig Prozent. Und er verfolgte die verbleibenden zehn Prozent so energisch, daß er sie fast alle erwischte, bevor sie noch die Fälschungen in Umlauf gebracht hatten. Er beeindruckte mich wirklich sehr.«
»Und wo lag das Problem?«
Kelstein machte ein paar präzise, knappe Bewegungen mit seinen kleinen, weißen Händen, als würde er ein Szenario beiseite schieben und ein neues einführen.
»Das Problem liegt im Ausland«, sagte er. »Außerhalb der Vereinigten Staaten. Die Lage ist dort eine völlig andere. Wußten Sie, daß es außerhalb der Staaten zweimal soviel Dollars gibt wie innerhalb?«
Ich nickte. Ich faßte zusammen, was Molly mir über die Besitzlage im Ausland gesagt hatte. Über Glauben und Vertrauen. Die Furcht, daß der Dollar plötzlich nicht mehr begehrt sein könnte. Kelstein nickte in einer Tour, als wäre ich sein Student und als gefielen ihm meine Thesen.
»Genauso ist es. Es geht hier mehr um Politik als um Verbrechen. Am Ende ist es die vornehmliche Pflicht einer Regierung, den Wert ihrer Zahlungsmittel zu verteidigen. Wir haben zweihundertsechzig Milliarden Dollar im Ausland. Der Dollar ist die inoffizielle Währung von einem Dutzend Nationen. Im neuen Rußland zum Beispiel gibt es mehr Dollars als Rubel. Washington hat praktisch ein riesiges Auslandsdarlehen aufgenommen. Wäre dies auf anderem Wege geschehen, müßten wir allein an Zinsen sechsundzwanzig Milliarden Dollar pro Jahr zahlen. Aber auf diese Weise kostet es uns nur das, was wir dafür ausgeben, die Bilder von toten Politikern auf kleine Stücke Papier zu drucken. Das ist das ganze Geheimnis, Mr. Reacher. Zahlungsmittel für Ausländer zu drucken ist das beste Geschäft, das eine Regierung machen kann. Also war Joes Arbeit für dieses Land in Wirklichkeit sechsundzwanzig Milliarden Dollar im Jahr wert. Und er verfolgte sie mit einer diesen Dimensionen angemessenen Energie.«
»Aber was war dann das Problem?« fragte ich. »War es ein geographisches? «
»Zum Teil schon. Es gibt hauptsächlich zwei Gegenden, in denen gefälscht wird. Erstens: der Nahe Osten. Joe glaubte, in einer Fabrik in der Senke von Al Bika würden falsche Hunderter gemacht, die praktisch perfekt waren. Waren Sie jemals da?«
Ich schüttelte den Kopf. Ich war eine Weile in Beirut stationiert gewesen. Ich hatte ein paar Leute gekannt, die aus dem einen oder anderen Grund nach Al Bika gegangen waren. Nicht sehr viele waren zurückgekommen.
»Der syrisch kontrollierte Libanon«, sagte Kelstein. »Joe nannte ihn die Badlands. Dort wird alles gemacht. Es gibt Trainingscamps für Terroristen aus aller Welt, Labore zur Drogenherstellung und so weiter. Was man auch will, sie haben es. Auch eine ziemlich gute Nachbildung unserer staatseigenen Druck- und Prägeanstalt.«
Ich dachte darüber nach. Dachte an meinen Aufenthalt dort.
»Und von wem wird die geschützt?« fragte ich ihn.
Kelstein lächelte mich wieder an. Nickte.
»Eine scharfsinnige Frage. Sie haben instinktiv erfaßt, daß eine Operation von diesem Ausmaß so sichtbar und so komplex ist, daß sie von irgend jemandem geschützt werden muß. Joe glaubte, daß sie sich unter dem Schutz oder vielleicht sogar im Besitz der syrischen Regierung befand. Daher waren seine Möglichkeiten gering. Seiner Auffassung nach konnte man die Angelegenheit nur auf diplomatischem Wege lösen. Sollte das fehlschlagen, hätte er für Luftangriffe auf diese Fabrik votiert. Vielleicht erleben wir das ja eines Tages noch.«
»Und die zweite Gegend?« fragte ich.
Er wies mit seinem Finger auf das schmutzige Bürofenster. Zeigte nach Süden, die Amsterdam Avenue hinunter.
»Südamerika«, sagte er. »Die zweite Quelle ist in Venezuela. Joe hat das herausgefunden. Daran arbeitete er. Absolut hervorragende falsche Hundert-Dollar-Noten kommen aus Venezuela. Aber das Unternehmen wird privat betrieben. Keine Spur einer Regierungsbeteiligung.«
Ich nickte.
»So weit sind wir auch schon gekommen«, sagte ich. »Von einem Kerl namens Kliner, mit Stützpunkt in Georgia, wo Joe umgebracht wurde.«
»Genauso ist es. Der einfallsreiche Mr. Kliner. Es ist sein Unternehmen. Er leitet das Ganze. Wir wissen das mit absoluter Sicherheit. Wie geht es ihm?«
»Er schiebt Panik. Er bringt Leute um.«
Kelstein nickte traurig.
»Wir dachten uns schon, daß er in Panik geraten könnte. Er besitzt eine hervorragende Organisation. Die beste, die wir je gesehen haben.«
»Die beste?« fragte ich.
Kelstein nickte begeistert.
»Hervorragend«, sagte er noch einmal. »Wieviel wissen Sie über Falschgeld?«
Ich sah ihn achselzuckend an.
»Mehr als letzte Woche«, antwortete ich. »Aber ich schätze, nicht genug.«
Kelstein nickte, verlagerte sein Gewicht und beugte sich im Sessel vor. Seine Augen leuchteten auf in seinem hageren Gesicht. Er war im Begriff, mit einem Vortrag über sein Lieblingsthema zu beginnen.
»Es gibt zwei Arten von Fälschern«, begann er. »Die schlechten und die guten. Die guten machen es ordentlich.
Kennen Sie den Unterschied zwischen Intaglio und Lithographie?«
Ich zuckte die Schultern und schüttelte den Kopf. Kelstein zog eine Zeitschrift von einem Stapel und gab sie mir. Es war ein vierteljährlich erscheinendes Bulletin einer historischen Gesellschaft.
»Schlagen Sie es auf«, sagte er. »Egal auf welcher Seite. Fahren Sie mit den Fingern über das Papier. Es ist glatt, nicht wahr? Das ist Litho-Druck. So wird fast alles gedruckt. Bücher, Zeitschriften, Zeitungen, alles. Eine eingefärbte Walze fährt über das leere Papier. Aber Intaglio funktioniert anders.«
Er schlug plötzlich seine Hände zusammen. Ich sprang auf. Das Geräusch war sehr laut in seinem stillen Büro.
»So funktioniert Intaglio«, sagte er. »Eine Metallplatte wird mit beträchtlicher Wucht gegen das Papier geschlagen. Sie hinterläßt eine deutliche Prägung im Papier. Das gedruckte Bild sieht dreidimensional aus. Es fühlt sich dreidimensional an. Es ist unverwechselbar.«
Er hievte sich aus dem Sessel und zog seine Brieftasche aus der Gesäßtasche. Nahm eine Zehndollarnote heraus. Gab sie mir.
»Fühlen Sie das?« fragte er. »Die Metallplatten sind aus Nickel, mit Chrom umgeben. Feine Linien sind in das Chrom geritzt, und diese Linien werden mit Druckfarbe gefüllt. Die Platte trifft auf das Papier, und die Farbe wird auf die oberste Schicht gedruckt. Verstehen Sie? Die Tinte ist in den Vertiefungen der Platte, deshalb wird sie auf die Erhöhungen des Papiers übertragen. Intaglio-Druck ist die einzige Möglichkeit, zu diesem erhöhten Bild zu kommen. Die einzige Möglichkeit zu erreichen, daß sich Falschgeld wie echtes Geld anfühlt. Weil es wie echtes Geld gemacht wird.«
»Was ist mit der Druckfarbe?« fragte ich.
»Es gibt drei Farben«, sagte er. »Schwarz und zwei Grüntöne. Zuerst wird die Rückseite der Scheine bedruckt, mit dem dunkleren Grün. Dann wird das Papier getrocknet, und am nächsten Tag wird die Vorderseite mit der schwarzen Farbe bedruckt. Auch das trocknet, und dann wird die Vorderseite noch einmal bedruckt, diesmal mit dem helleren Grün. Das sind die anderen Elemente, die Sie hier vorn sehen, eingeschlossen die Seriennummer. Aber das hellere Grün wird mit einem anderen Druckvorgang aufgetragen, der sich Hochdruck nennt. Auch das ist eine Art Prägedruck, nur daß die Tinte in die Vertiefungen und nicht auf die Erhöhungen gedruckt wird.«
Ich nickte und sah mir die Zehndollarnote von vorn und hinten an. Ließ meine Finger vorsichtig darübergleiten. Ich hatte vorher nie wirklich eine Banknote untersucht.
»Also gibt es vier Probleme«, sagte Kelstein. »Die Presse, die Platten, die Druckfarbe und das Papier. Die Presse kann neu oder gebraucht überall auf der Welt gekauft werden. Es gibt Hunderte von Quellen. Die meisten Länder drucken Geld und Wertpapiere. Also sind Pressen im Ausland erhältlich. Sie können sogar selbst gebaut werden. Joe entdeckte einen Intaglio-Betrieb in Thailand, der eine umgebaute Verarbeitungsmaschine für Tintenfisch benutzte. Ihre Hunderter waren absolut makellos.«
»Was ist mit den Platten?« fragte ich ihn.
»Die Platten sind das Problem Nummer zwei. Aber das ist nur eine Frage des Talents. Es gibt Leute, die die Bilder alter Meister fälschen können, und es gibt Leute, die ein Klavierkonzert von Mozart nachspielen können, wenn sie es nur einmal gehört haben. Und sicher gibt es Graveure, die Banknoten reproduzieren können. Das ist doch ein perfekter logischer Satz, nicht wahr? Wenn ein menschliches Wesen in Washington das Original gravieren kann, dann gibt es sicherlich irgendwo auf der Welt ein zweites menschliches Wesen, das dies kopieren kann. Aber die sind selten. Wirklich gute Kopisten sind noch seltener. Es gibt ein paar in Armenien. Der Thai-Betrieb hatte einen Malaysier für die Platten.«
»Okay«, sagte ich. »Also hat Kliner eine Presse gekauft und einen Graveur gefunden. Was ist mit den Farben?«
»Die Farben sind Problem Nummer drei. Sie können keine in den USA kaufen, die den Originalfarben auch nur ansatzweise ähnlich sind. Joe hat dafür gesorgt. Aber im Ausland bekommt man sie. Wie ich schon sagte, hat praktisch jedes Land dieser Erde eine eigene Industrie zum Druck seiner Zahlungsmittel. Und natürlich konnte Joe sein System nicht jedem Land der Erde aufzwingen. Also bekommt man die Druckfarben ziemlich leicht. Die Grüntöne sind nur eine Frage der richtigen Farbmischung. Sie werden so lange gemischt und ausprobiert, bis sie echt wirken. Das Schwarz hingegen ist magnetisch, wußten Sie das?«
Ich schüttelte wieder den Kopf. Sah mir den Zehner aus der Nähe an. Kelstein lächelte.
»Sie können es nicht sehen. Eine flüssige, eisenhaltige Chemikalie wird mit der schwarzen Farbe vermischt. So funktionieren die Geldautomaten. Sie scannen die Prägung in der Mitte des Porträts, und die Maschine liest das Signal, das davon abgegeben wird, wie ein Tonkopf die Töne von einer Musikkassette abliest.«
»Und man kann diese Farbe bekommen?« fragte ich.
»Überall auf der Welt«, sagte er. »Alle benutzen sie. Wir sind hinter anderen Ländern im Rückstand. Wir möchten nicht zugeben, daß wir uns über Geldfälscherei Sorgen machen.«
Ich erinnerte mich an Mollys Worte. Über Glauben und Vertrauen. Ich nickte.
»Die Währung muß Stabilität ausstrahlen. Deshalb zögern wir, sie zu verändern. Sie muß zuverlässig, stark und beständig wirken. Drehen Sie den Zehner um und sehen Sie ihn sich an.«
Ich blickte auf das grüne Bild auf der Rückseite des Zehners. Das Finanzministerium stand in einer menschenleeren Straße. Nur ein Wagen fuhr vorbei. Er sah aus wie ein Ford, Model-T.
»Hat sich seit 1929 kaum verändert«, sagte Kelstein. »Psychologisch gesehen ist das sehr wichtig. Wir ziehen den Anschein der Zuverlässigkeit der Sicherheit vor. Das machte Joes Arbeit ziemlich schwierig.«
Ich nickte wieder.
»Stimmt«, sagte ich. »Also haben wir jetzt die Presse, die Platten und die Farben. Was ist mit dem Papier?«
Kelstein strahlte und legte seine schmalen Hände zusammen, als wären wir endlich zum interessanten Teil gekommen.
»Das Papier ist Problem Nummer vier«, sagte er. »Eigentlich sollten wir sagen, daß es das Problem Nummer eins ist. Denn es ist bei weitem das größte. Es ist die Sache, die Joe und ich bei Kliners Unternehmen nicht begreifen konnten.«
»Warum nicht?« fragte ich ihn.
»Weil sein Papier perfekt ist. Es ist hundertprozentig perfekt. Sein Papier ist besser als sein Druck. Und das ist absolut beispiellos.«
Er schüttelte verwundert seinen großen, weißen Schopf. Als sei er voller Bewunderung für Kliners Leistung. Wir saßen dort, Knie an Knie, schweigend in den alten Sesseln.
»Perfekt?« hakte ich nach.
Er nickte und kehrte zu seinem Vortrag zurück.
»Es ist beispiellos, denn das Papier ist der heikelste Teil des gesamten Fälschungsvorgangs. Vergessen Sie nicht, wir sprechen hier nicht über irgendein Amateurunternehmen. Wir sprechen über einen Betrieb mit industriellen Ausmaßen. In einem Jahr drucken sie vier Milliarden in Hundertdollarnoten.«
»So viel?« fragte ich überrascht.
»Vier Milliarden«, wiederholte er. »Ungefähr genausoviel wie der Betrieb im Libanon. So lauteten Joes Zahlen. Und er mußte es schließlich wissen. Und das macht die Sache unerklärlich. Vier Milliarden in Hundertern sind vierzig Millionen Banknoten. Das ist eine Menge Papier. Es ist eine Menge Papier, die sich einfach nicht erklären läßt, Mr. Reacher. Und ihr Papier ist perfekt.«
»Was für ein Papier braucht man denn?« fragte ich ihn.
Er langte herüber und nahm mir die Zehndollarnote ab. Zerknüllte sie, zog sie auseinander und zerriß sie mit einem Ratsch.
»Es ist eine Mischung verschiedener Fasern«, sagte er. »Eine sehr geschickte und vollkommen einzigartige Mischung. Ungefähr achtzig Prozent Baumwolle, ungefähr zwanzig Prozent Leinen. Keinerlei Holzfaser. Es hat mehr mit dem T-Shirt an Ihrem Körper als zum Beispiel mit einer Zeitung gemein. Ein sehr raffiniertes chemisches Färbemittel ist darin, damit es diese einzigartig cremefarbene Tönung bekommt. Und es sind willkürlich rote und blaue Polymerfäden darin eingestampft, die so fein sind wie Seide. Währungspapier ist wunderbares Papier. Strapazierfähig, für Jahre haltbar, weder in kaltem noch in heißem Wasser auflösbar. Besitzt eine absolut präzise Saugkraft und ist in der Lage, auch die allerfeinsten Gravuren aufzunehmen.«
»Also könnte man das Papier nur schwer nachmachen?« fragte ich.
»Das ist praktisch unmöglich«, erwiderte er. »Auf eine Art ist es so schwierig nachzumachen, daß selbst der offizielle Lieferant der Regierung es nicht kopieren könnte. Der hat schon wahnsinnige Schwierigkeiten, es Lage für Lage gleichbleibend zu produzieren, und er ist bei weitem der fähigste Papierhersteller auf der ganzen Welt.«
Ich ließ mir das alles durch den Kopf gehen. Presse, Platten, Druckfarbe und Papier.
»Also ist der Papierlieferant der Schlüssel zu allem?« fragte ich.
Kelstein nickte bedauernd.
»So lautete unsere Schlußfolgerung«, sagte er. »Wir waren beide der Meinung, daß das Papier das Entscheidende war, und wir hatten beide keine Ahnung, woher sie es bekamen. Deshalb kann ich Ihnen wirklich nicht helfen. Ich konnte Joe nicht helfen, und ich kann Ihnen nicht helfen. Es tut mir schrecklich leid.«
Ich sah ihn an.
»Sie haben ein ganzes Lagerhaus voll mit irgendwas«, sagte ich. »Könnte es das Papier sein?«
Er schnaubte spöttisch. Ließ seinen Kopf zu mir herumschnellen.
»Haben Sie nicht zugehört?« sagte er. »Währungspapier ist nicht zu kaufen. Einfach nicht erhältlich. Sie könnten noch nicht mal vierzig Einzelstücke davon bekommen, geschweige denn vierzig Millionen Einzelstücke. Das Ganze ist ein völliges Rätsel. Joe, Walter und ich zerbrachen uns ein Jahr den Kopf darüber und kamen zu keinem Ergebnis.«
»Ich glaube, Bartholomew ist zu einem Ergebnis gekommen«, sagte ich.
Kelstein nickte traurig. Er hievte sich langsam aus seinem Sessel und trat an seinen Schreibtisch. Drückte auf den Wiedergabeknopf auf seinem Anrufbeantworter. Der Raum war erfüllt von einem elektronischen Piepsen, danach vom Klang einer Männerstimme.
»Kelstein?« fragte die Stimme. »Hier ist Bartholomew. Es ist Donnerstag nacht. Ich rufe Sie morgen früh an und verrate Ihnen die Antwort. Ich wußte, daß ich Sie schlagen würde. Gute Nacht, alter Mann.«
Die Stimme klang aufgeregt. Kelstein stand da und starrte ins Leere, als würde Bartholomews Geist irgendwo in der Luft schweben. Er wirkte betroffen. Ich hätte nicht sagen können, ob es daran lag, daß sein alter Kollege tot war oder daß sein alter Kollege ihn mit der Antwort geschlagen hatte.
»Armer Walter«, sagte er. »Ich kannte ihn seit sechsundfünfzig Jahren.«
Ich blieb eine Weile still sitzen. Dann stand auch ich auf.
»Ich werde es herausfinden«, sagte ich.
Kelstein legte den Kopf zur Seite und sah mich scharf an.
»Glauben Sie das wirklich?« fragte er. »Wenn Joe dazu nicht in der Lage war?«
Ich blickte den alten Mann achselzuckend an.
»Vielleicht hatte Joe es herausgefunden. Wir wissen nicht, was er schon wußte, als sie ihn erwischten. Jedenfalls werde ich jetzt sofort nach Georgia zurückfliegen. Mich auf die Suche machen.«
Kelstein nickte und seufzte. Er sah angespannt aus.
»Viel Glück, Mr. Reacher«, sagte er. »Ich hoffe, daß Sie die Arbeit Ihres Bruders beenden können. Vielleicht schaffen Sie es. Er hat oft von Ihnen gesprochen. Er mochte Sie, wissen Sie?«
»Er hat von mir gesprochen?«
»Oft«, sagte der alte Mann noch einmal. »Er hatte Sie sehr gern. Es tat ihm leid, daß Sie beide durch Ihre Arbeit sich fast aus den Augen verloren hatten.«
Einen Moment lang fehlten mir die Worte. Ich fühlte mich unerträglich schuldig. Jahre waren vergangen, ohne daß ich an ihn gedacht hatte. Und er sollte an mich gedacht haben?
»Er war der Ältere, aber Sie haben auf ihn aufgepaßt«, sagte er. »So hat Joe es mir erzählt. Er sagte, daß Sie ziemlich wild seien. Ein harter Bursche. Ich schätze, wenn Joe einen Aufpasser für die Kliners gebraucht hätte, hätte er Sie vorgeschlagen.«
Ich nickte.
»Ich muß los«, sagte ich.
Ich schüttelte seine zerbrechliche Hand und lieferte ihn bei den Cops im Sicherheitsbüro ab.
Ich versuchte, mir klar darüber zu werden, woher Kliner sein perfektes Papier bekam, und ich versuchte, mir auszurechnen, ob ich den Sechs-Uhr-Flug zurück nach Atlanta noch bekam, wenn ich mich beeilte, und ich versuchte zu ignorieren, was Kelstein über Joes liebevolle Worte über mich gesagt hatte. Die Straßen waren verstopft, und ich dachte hartnäckig über all dies nach und suchte nach einem freien Taxi, daher bemerkte ich nicht, daß zwei Latinos langsam auf mich zugeschlendert kamen. Aber ich bemerkte die Waffe, die der vordere Mann auf mich richtete. Es war eine kleine Automatik in einer schmalen Hand, welche unter einem dieser khakifarbenen Trenchcoats verborgen war. Ein ganz gewöhnlicher Mantel, wie ihn die Stadtbewohner im September über dem Arm tragen.
Er zeigte mir die Waffe, und sein Partner wies auf einen Wagen, der in zwanzig Meter Entfernung am Straßenrand wartete. Der Wagen glitt vorwärts, und der Partner hielt sich bereit, die Tür wie einer dieser Zylinderträger zu öffnen, die hier vor teuren Apartmenthäusern herumstehen. Ich blickte auf die Waffe, blickte auf den Wagen und versuchte, eine Entscheidung zu treffen.
»Steig in den Wagen«, sagte der Mann mit der Waffe leise. »Oder ich knall dich ab.«
Ich stand da, und das einzige, was ich denken konnte, war, daß ich wahrscheinlich meinen Flug verpaßte. Ich versuchte, mich zu erinnern, wann der nächste Non-Stop-Flug ging. Um sieben Uhr, schätzte ich.
»ln den Wagen«, sagte der Typ noch einmal.
Ich war ziemlich sicher, daß er auf offener Straße nicht schießen würde. Es war eine kleine Waffe, aber sie hatte keinen Schalldämpfer. Sie würde einen Heidenkrach machen, und die Straße war voller Leute. Die Hände des anderen Typen waren leer. Vielleicht hatte er eine Waffe in seiner Tasche. Im Wagen war nur der Fahrer. Wahrscheinlich mit einer Waffe auf dem Sitz neben sich. Ich war nicht bewaffnet. Die Jacke mit dem Totschläger, dem Messer und der Desert Eagle war achthundert Meilen entfernt in Atlanta. Entscheidungen.
Ich entschied mich, nicht in den Wagen zu steigen. Ich stand einfach da auf der Straße und setzte mein Leben aufs Spiel in der Annahme, daß der Typ nicht in der Öffentlichkeit schießen würde. Er stand da und hatte seinen Regenmantel geöffnet. Der Wagen hielt neben uns. Sein Partner stand auf meiner anderen Seite. Es waren kleine Männer. Selbst beide zusammen würden nicht gegen einen wie mich ankommen können. Der Wagen wartete im Leerlauf am Straßenrand. Niemand bewegte sich. Erstarrt standen wir dort, als stellten wir eine Art Szene in einem Schaufenster dar. Für die neuen Herbstmoden, alte Armeekleidung in Kombination mit Burberry-Regenmänteln.
Ich stellte die beiden Typen vor ein großes Problem. In einer Lage wie dieser hat man nur eine Sekunde Zeit, seine Drohung in die Tat umzusetzen. Wenn man sagt, man schießt, dann muß man auch schießen. Schießt man nicht, hat man keine Macht mehr. Es wird offenbar, daß man geblufft hat. Schießt man nicht, zählt man auch nichts mehr. Und der Typ schoß nicht. Er stand einfach nur da, ganz verkrampft vor lauter Unentschlossenheit. Die Passanten liefen auf dem belebten Bürgersteig um uns herum. Der am Bordstein wartende Wagen erntete lautes Hupen.
Es waren schlaue Typen. Schlau genug, mich nicht auf einer geschäftigen New Yorker Straße zu erschießen. Schlau genug auch, um zu wissen, daß ihr Bluff offenbar geworden war. Schlau genug, nie wieder eine Drohung auszusprechen, die sie nicht einhalten würden. Aber nicht schlau genug, um einfach zu gehen. Sie blieben stehen.
Also wandte ich mich um, als würde ich einen Schritt von ihnen weg machen. Die Waffe unter dem Regenmantel stieß in meine Richtung. Ich kam der Bewegung entgegen und umfaßte das Handgelenk des kleinen Typen mit meiner linken Hand. Zog die Waffe hinter mich und umklammerte mit meinem rechten Arm fest die Schultern des Typen. Wir sahen aus, als würden wir zusammen Walzer tanzen oder als wären wir Liebende auf einem Bahnhof. Dann ließ ich mich vorwärtsfallen und drückte ihn gegen den Wagen. Die ganze Zeit quetschte ich sein Handgelenk, so fest ich nur konnte, grub meine Nägel in seine Haut. Es war die linke Hand, aber ich tat ihm weh. Mein Gewicht auf ihm erschwerte ihm das Atmen.
Sein Partner hatte die Hand immer noch an der Wagentür. Sein Blick flog hin und her. Dann griff seine andere Hand zu seiner Tasche. Also riß ich mein Gewicht zurück, schleuderte die Waffenhand seines Partners herum und warf ihn gegen den Wagen. Und dann lief ich wie verrückt. Mit fünf Schritten war ich in der Menge verschwunden. Ich stieß und drängelte mich durch die Fußgänger. Sprang immer wieder in Toreingänge und wieder heraus und rannte durch den Verkehr über die Straße, daß Bremsen kreischten und Hupen ertönten. Die beiden Typen konnten eine Zeitlang mithalten, aber der Verkehr hielt sie schließlich auf. Sie riskierten nicht soviel wie ich.
Ich bekam acht Blocks weiter ein Taxi und schaffte noch die Sechs-Uhr-Maschine von La Guardia nach Atlanta. Aus irgendeinem Grund dauerte der Rückflug länger. Wir brauchten zweieinhalb Stunden. Ich dachte die ganze Strecke über Jersey, Maryland und Virginia an Joe. Über North und South Carolina und über Georgia dachte ich an Roscoe. Ich wollte sie zurück. Ich vermißte sie wahnsinnig.
Wir mußten durch zehn Meilen dicke Sturmwolken landen. Die Abenddämmerung in Atlanta war durch die Wolken zur tiefsten Nacht geworden. Es sah aus, als würde eine riesige Schlechtwetterfront von irgendwoher auf uns zurollen. Als wir die Maschine verließen, war die Luft in dem kleinen Gang dick und stickig und roch nicht weniger nach Unwetter wie nach Kerosin.
Ich holte den Schlüssel des Bentley am Informationsschalter in der Ankunftshalle ab. Er steckte zusammen mit dem Parkschein in einem Umschlag. Ich ging hinaus, um den Wagen zu suchen. Spürte, daß warmer Wind von Norden her wehte. Der Sturm würde gewaltig werden. Ich konnte fühlen, wie sich die blitzgeladene Spannung aufbaute. Ich fand den Wagen auf dem Kurzzeitparkplatz. Die hinteren Fenster waren alle dunkel getönt. Der Typ hatte es noch nicht bis zur Vorderseite und zur Windschutzscheibe geschafft. Dadurch sah der Wagen aus wie einer, den Mitglieder eines Königshauses benutzen, mit Chauffeur. Meine Jacke lag ausgebreitet im Kofferraum. Ich zog sie an und fühlte wieder das beruhigende Gewicht meiner Waffen in den Taschen. Ich stieg auf den Fahrersitz, fuhr aus dem Parkplatz und steuerte Richtung Süden den Highway hinunter in die Dunkelheit. Es war neun Uhr, Freitag abend. Vielleicht noch sechsunddreißig Stunden, bevor sie wieder anfangen konnten, den Vorrat zu exportieren.
Es war zehn Uhr, als ich Margrave erreichte. Noch fünfunddreißig Stunden. Ich hatte die Zeit damit verbracht, über etwas nachzudenken, was wir an der Stabsakademie gelernt hatten. Wir hatten dort Militärphilosophie studiert, zum größten Teil von diesen alten Krauts geschrieben, die auf so etwas standen. Ich hatte dem nicht besonders viel Aufmerksamkeit geschenkt, aber an eine Sache erinnerte ich mich. Sie besagte, daß man früher oder später die Hauptstreitmacht des Feindes angreifen mußte. Sonst konnte man keinen Krieg gewinnen. Früher oder später spürte man die Hauptstreitmacht auf, nahm den Kampf mit ihr auf und zerstörte sie.
Ich wußte, daß ihre Hauptstreitmacht zehn Personen gezählt hatte. Hubble hatte mir das verraten. Nachdem sie Morrison hatten sausenlassen, waren sie nur noch neun. Ich wußte über die beiden Kliners Bescheid, über Teale und über Baker. Also mußte ich noch fünf Namen herausfinden. Ich lächelte vor mich hin. Bog von der Landstraße auf Enos Kiesparkplatz ein. Parkte am hinteren Ende der Reihe und stieg aus. Streckte mich und gähnte in die Nachtluft. Das Unwetter hielt sich noch zurück, aber es würde irgendwann losbrechen. Die Luft war immer noch dick und schwer. Ich konnte immer noch die Spannung in den Wolken spüren. Ich konnte immer noch den warmen Wind auf meinem Rücken spüren. Ich ging zum Rücksitz des Wagens. Streckte mich auf der Lederbank aus. Ich wollte eine Stunde oder anderthalb schlafen.
Ich träumte von John Lee Hooker. Von den alten Zeiten, als er noch nicht berühmt war. Er hatte eine alte Gitarre mit Stahlsaiten und spielte sie auf einem kleinen Hocker sitzend. Der Hocker stand auf einem quadratischen Holzbrett. Hooker drückte sich für gewöhnlich alte Verschlüsse von Bierflaschen in die Sohlen seiner Schuhe, damit sie Geräusche machten. Selbstgemachte Stepschuhe. Er saß auf seinem Hocker und spielte in seinem ausdrucksvollen, lebhaften Stil die Gitarre. Dabei klackte er die ganze Zeit mit seinen umfunktionierten Schuhen auf das Holzbrett. Ich träumte, wie er den Rhythmus mit seinen Schuhen auf das Holzbrett klackte.
Aber nicht John Lees Schuhe machten dieses Geräusch. Es war jemand, der an die Windschutzscheibe des Bentleys klopfte. Ich wachte plötzlich auf und rappelte mich hoch. Sergeant Baker blickte mich an. Die große Chromuhr auf dem Armaturenbrett zeigte halb elf. Ich hatte eine halbe Stunde geschlafen.
Zuallererst änderte ich meinen Plan. Mir war ein viel besserer direkt in den Schoß gefallen. Den alten Krauts hätte das gefallen. Sie mochten taktische Flexibilität. Als zweites steckte ich meine Hand in die Tasche und schob den Sicherungshebel der Desert Eagle zur Seite. Dann stieg ich durch die gegenüberliegende Tür aus und blickte über das Dach hinweg zu Baker. Er setzte sein freundliches Grinsen auf, mit Goldzahn und allem Drum und Dran.
»Was machen Sie da?« sagte er. »Wenn Sie hier auf einem öffentlichen Platz schlafen, können Sie wegen Landstreicherei eingesperrt werden.«
Ich gab ihm sein freundliches Grinsen zurück.
»Ich trage zur Sicherheit auf den Straßen bei«, sagte ich. »Es heißt doch immer, man soll nicht fahren, wenn man müde ist. Man soll rausfahren und ein Nickerchen machen, nicht wahr?«
»Kommen Sie mit rein, ich spendier Ihnen einen Kaffee«, sagte er. »Wenn Sie wach werden wollen, ist Enos Kaffee das Richtige für Sie.«
Ich verschloß den Wagen. Hielt meine Hand in der Tasche. Wir gingen über den knirschenden Kies in das Diner. Glitten in die hintere Nische. Die Frau mit der Brille brachte uns Kaffee. Wir hatten noch gar nicht bestellt. Sie wußte es anscheinend auch so.
»Also wie geht's?« fragte Baker. »Geht es Ihnen schlecht wegen Ihres Bruders?«
Ich sah ihn achselzuckend an. Trank mit der linken Hand meinen Kaffee. Meine rechte umklammerte die Desert Eagle in meiner Tasche.
»Wir standen uns nicht sehr nahe«, sagte ich.
Baker nickte.
»Roscoe hilft immer noch dem FBI aus?« fragte er.
»Scheint so.«
»Und wo ist der alte Finlay heute abend?«
»In Jacksonville«, sagte ich. »Er mußte etwas in Florida überprüfen.«
»Jacksonville?« fragte er. »Was muß er denn da unten in Jacksonville überprüfen?«
Ich zuckte wieder die Schultern. Schlürfte meinen Kaffee.
»Keine Ahnung. Er sagt mir ja nichts. Ich stehe nicht auf seiner Gehaltsliste. Bin nur ein Botenjunge. Jetzt soll ich ihm etwas aus Hubbles Haus holen.«
»Aus Hubbles Haus?« fragte Baker. »Was sollen Sie denn holen?«
»Irgendwelche alten Papiere. Alles, was ich finden kann, schätze ich.«
»Und dann?« fragte er. »Fahren Sie dann auch nach Florida?«
Ich schüttelte den Kopf. Schlürfte noch mehr Kaffee.
»Finlay wies mich an, es in die Post zu stecken. Mit einer Washingtoner Adresse. Ich werde heute in Hubbles Haus schlafen und es morgen früh in die Post geben.«
Baker nickte langsam. Dann ließ er wieder sein freundliches Lächeln aufblitzen. Aber es wirkte gezwungen. Wir tranken unseren Kaffee aus. Baker ließ ein paar Dollar auf den Tisch fallen, und wir glitten aus der Nische und verschwanden. Er stieg in seinen Streifenwagen. Winkte mir zu, als er losfuhr. Ich ließ ihn ziehen und ging über den Kies zu dem Bentley. Ich fuhr nach Süden zum Rand der dunklen, kleinen Stadt und bog rechts in den Beckman Drive ein.