KAPITEL 26
Ich mußte sehr darauf achten, wo ich den Bentley parkte. Ich wollte, daß es so aussah, als hätte ich ihn einfach nur abgestellt. Aber er mußte so stehen, daß niemand daran vorbeikam. Ich fuhr eine ganze Weile zentimeterweise vor und zurück. Ließ ihn am Ende von Hubbles Einfahrt mit eingeschlagenen Rädern stehen. Es sah aus, als wäre ich rasch vorgefahren und hätte kurz vor dem Bremsen das Lenkrad herumgeworfen.
Ich wollte, daß das Haus aussah, als wäre ich drinnen. Nichts ist so leicht zu erkennen wie ein leeres Gebäude. Die ruhige, verlassene Aura ist sehr verräterisch. Es herrscht eine ganz bestimmte Stille. Also öffnete ich mit dem Schlüssel von dem großen Bund, den Charlie mir gegeben hatte, die Vordertür. Ging hinein und machte hier und da ein paar Lichter an. Im Wohnzimmer schaltete ich den Fernseher ein und dämpfte die Lautstärke zu einem leisen Murmeln. Dasselbe machte ich mit dem Radio in der Küche. Dann zog ich ein paar Vorhänge zu. Ging wieder hinaus. Es sah ziemlich gut aus. Als wäre jemand im Haus.
Als nächstes machte ich am Garderobenschrank am Anfang des Hauptflurs halt. Ich suchte Handschuhe. Nicht ganz leicht zu finden im Süden. Kein großer Bedarf. Aber Hubble hatte welche. Zwei Paar, die ordentlich auf einem Bord lagen. Das eine Paar waren Skihandschuhe. Hellgrün und fliederfarben. Für meine Zwecke nicht sehr geeignet. Ich brauchte etwas Dunkles. Das andere Paar war das, was ich gesucht hatte. Elegante Dinger aus dünnem, schwarzem Leder. Bankerhandschuhe. Sehr weich. Wie eine zweite Haut.
Die Skihandschuhe brachten mich auf die Idee, nach einer Kopfbedeckung zu suchen. Wenn die Hubbles Reisen nach Colorado unternommen hatten, dann besaßen sie die gesamte Ausrüstung. Ich fand eine Schachtel mit Hüten. Darunter eine Art Schiffermütze aus irgendeiner Kunstfaser. Der untere Teil konnte als Ohrenklappen heruntergerollt werden. Die Mütze war mit einem dunkelgrünen Muster bedruckt. Sie würde reichen.
Dann ging ich ins Elternschlafzimmer. Ich fand Charlies Schminktisch. Er war größer als ein paar Zimmer, in denen ich gewohnt hatte. Sie hatte eine Menge Kosmetik. Alles mögliche. Ich nahm ein Fläschchen mit wasserfestem Mascara mit ins Badezimmer. Schmierte es über mein ganzes Gesicht. Dann machte ich die Jacke zu, setzte die Mütze auf und zog die Handschuhe an. Ich ging zurück ins Schlafzimmer und betrachtete das Ergebnis in den mannshohen Spiegeln auf den Schranktüren. Nicht schlecht. Genau richtig für Nachtarbeit.
Ich ging wieder nach draußen. Verschloß die Vordertür. Ich konnte fühlen, wie die riesigen Sturmwolken sich über mir zusammenballten. Es war sehr dunkel. Ich stand an der Vordertür und überprüfte alles noch mal. Steckte die Pistole in die Innentasche meiner Jacke. Zog den Reißverschluß herunter und prüfte, wie gut ich ziehen konnte. Es ging ganz gut. Durchgeladen und gesichert. Den Sicherungshebel vorgelegt. Ersatzpatronen in der oberen, rechten Außentasche. Springmesser in der linken Seitentasche. Totschläger in der rechten Seitentasche. Die Schuhe fest zugebunden.
Ich ging die Auffahrt hinunter, weg vom Haus, am geparkten Bentley vorbei, etwa zwölf bis fünfzehn Meter. Arbeitete mich durch die Grünpflanzen und ließ mich an einer Stelle nieder, wo ich so gerade die Auffahrt nach oben und unten überblicken konnte. Ich setzte mich auf die kalte Erde und machte mich zum Warten bereit. Bei einem Hinterhalt ist Warten für den Sieg entscheidend. Wenn der Gegner vorsichtig ist, kommt er sehr früh oder sehr spät. Dann, wenn man ihn seiner Meinung nach nicht erwartet. So früh er also auch kommen mag, man muß noch früher bereit sein. So spät er auch kommen mag, man muß es abwarten. Man wartet in einer Art Trance. Man braucht unendliche Geduld. Es hilft nicht, unruhig oder besorgt zu sein. Man wartet einfach. Tut nichts, denkt an nichts, verbraucht keine Energie. Dann plötzlich setzt man sich in Bewegung. Nach einer Stunde, nach fünf Stunden, einem Tag, einer Woche. Warten ist eine Fähigkeit wie alles andere auch.
Ich hatte mich um Viertel vor zwölf zum Warten niedergelassen. Ich konnte spüren, wie sich das Unwetter über mir zusammenzog. Die Luft war wie Suppe. Es war stockdunkel. Gegen Mitternacht brach der Sturm los. Schwere Tropfen, so groß wie Vierteldollarmünzen, bespritzten die Blätter um mich herum. Sie entwickelten sich innerhalb von Sekunden zu einem sintflutartigen Regen. Es war, als säße ich in einer Duschkabine. Furchterregende Donnerschläge hallten um mich herum. Sie dröhnten und knallten, und es blitzte in einem fort. Der Garten um mich herum wurde jedes Mal für Sekunden taghell. Ich saß im peitschenden Regen und wartete. Zehn Minuten. Fünfzehn.
Der Besuch kam um zwanzig Minuten nach Mitternacht. Der Regen war immer noch fürchterlich, und der Donner krachte und rollte ununterbrochen. Ich hörte ihren Wagen erst, als er schon ziemlich weit die Auffahrt heraufgefahren war. Ich hörte ihn etwa in einer Entfernung von fünfzehn Metern über den Kies knirschen. Es war ein dunkelgrüner Lieferwagen. Mit Goldbeschriftung. Kliner-Stiftung. Wie der, den ich Dienstag morgen bei Roscoes Haus gesehen hatte. Er fuhr knirschend an mir vorbei, nur zwei Meter entfernt. Breite Reifen auf dem Kies. Genau das hatte Finlay bei Morrisons Haus gesehen. Spuren von Breitreifen im Kies.
Der Wagen hielt ein paar Meter von mir entfernt. Dicht hinter dem Bentley. Konnte nicht an ihm vorbeifahren. Ich hatte sie genau da, wo ich sie haben wollte. Ich hörte, wie der Motor erstarb und die Handbremse gezogen wurde.
Als erster stieg der Fahrer aus. Er trug einen weißen Nylonoverall. Die Kapuze hatte er eng um sein Gesicht zusammengezogen. Über seinem Gesicht trug er einen Mundschutz. Die Hände in dünnen Gummihandschuhen. An den Füßen Gummiüberschuhe. Er schwang sich vom Fahrersitz und ging zur hinteren Tür. Ich kannte diesen Gang. Ich kannte diese große, schwere Gestalt. Ich kannte diese langen, kräftigen Arme. Es war der Kliner-Sohn. Kid Kliner war höchstpersönlich gekommen, um mich umzubringen.
Er schlug mit der Hand auf die Tür zum Laderaum. Das verursachte ein hohles Geräusch. Dann drückte er den Griff und öffnete sie. Vier Männer sprangen heraus. Alle gleich angezogen. Weiße Nylonoveralls, die Kapuzen eng übers Gesicht gezogen, Mundschutz, Handschuhe, Gummiüberschuhe. Zwei trugen Taschen. Zwei hatten große, schwere Flinten. Insgesamt fünf Männer. Ich hatte vier erwartet. Mit fünf Männern konnte es schwieriger werden. Aber ertragreicher.
Der Regen prasselte auf sie nieder. Ich konnte das schwache Trommeln hören, als er auf ihre steifen Nylonanzüge fiel. Ich konnte den metallischen Klang hören, als die schweren Tropfen auf das Dach ihres Wagens schlugen. Ich sah, wie sie von einem Blitz erhellt wurden. Sie sahen aus wie Boten des Todes. Wie Wesen, die direkt aus der Hölle kamen. Ein furchterregender Anblick. Zum ersten Mal beschlichen mich Zweifel, ob ich sie Montag nacht geschlagen hätte. Aber heute nacht würde ich sie schlagen. Heute nacht würde ich den Vorteil des Überraschungsangriffs auf meiner Seite haben. Ich würde wie eine unsichtbare Chimäre aus einem Alptraum sein, die auf sie losgelassen worden war.
Der Kliner-Sohn führte sie an. Er langte in den Laderaum des Lieferwagens und zog eine Brechstange heraus. Wies auf drei seiner Soldaten und ging mit ihnen durch den Regen aufs Haus zu. Der fünfte Mann sollte am Wagen warten. Wegen des Regens wollte er in die Fahrerkabine. Ich sah, wie er zum schwarzen Himmel blickte und dann auf den Fahrersitz. Ich zog den Totschläger heraus. Zwängte mich durch die Büsche. Der Typ konnte mich nicht hören. Der Regen dröhnte in seinen Ohren.
Er wandte mir den Rücken zu und machte einen Schritt in Richtung Fahrertür. Ich schloß für eine Sekunde meine Augen und stellte mir Joe vor, wie er ohne Gesicht auf der Bahre im Leichenschauhaus gelegen hatte. Stellte mir vor, wie Roscoe vor Entsetzen gezittert hatte, als sie auf die Fußabdrücke auf dem Boden ihres Flurs starrte. Dann brach ich aus den Büschen hervor. Sprang hinter den Mann. Schmetterte den Totschläger auf seinen Hinterkopf. Es war ein großer Totschläger, und ich legte all meine Kraft in den Schlag. Ich fühlte, wie der Schädel darunter zerbarst. Der Typ fiel wie ein gefällter Baum auf den Kies. Er lag mit dem Gesicht nach unten, und der Regen hämmerte auf seinen Nylonanzug. Ich brach ihm mit einem einzigen kräftigen Tritt das Genick. Einer ausgeschaltet.
Ich zog den Körper über den Kies und ließ ihn hinter dem Lieferwagen liegen. Ging um den Wagen herum und zog den Schlüssel aus dem Zündschloß. Schlich hinauf zum Haus. Ich schob den Totschläger zurück in meine Tasche. Ließ das Schnappmesser aufspringen und hielt es in meiner rechten Hand. Ich wollte die Pistole nicht im Haus benutzen. Machte zuviel Lärm, selbst bei dem Donnerkrachen draußen. An der Haustür blieb ich stehen. Das Schloß war aufgebrochen und das Holz zersplittert. Ich sah die Brechstange auf dem Flurboden.
Es war ein großes Haus. Die Durchsuchung würde einige Zeit in Anspruch nehmen. Ich schätzte, daß sie zuerst zusammenbleiben würden. Es zusammen durchsuchen würden. Dann würden sie sich aufteilen. Ich konnte hören, wie sie durch das obere Stockwerk trampelten. Ich ging wieder nach draußen, um darauf zu warten, daß einer von ihnen herunter in den Flur kam. Ich wartete und preßte mich an die Wand neben der aufgebrochenen Tür. Ich wurde durch das überhängende Dach geschützt. Es regnete immer noch in Strömen. Es war so schlimm wie ein Sturm in den Tropen.
Ich wartete etwa fünf Minuten, bis der erste die Treppe herunterkam. Ich hörte das Knacken seines Schritts im Flur. Hörte, wie er die Schranktür öffnete. Ich trat ins Haus. Sein Rücken war mir zugewandt. Es war einer der Gewehrträger, groß, leichter als ich. Ich stürzte mich von hinten auf ihn. Langte mit meiner linken Hand über seinen Kopf. Steckte ihm meine Finger in die Augen. Er ließ das Gewehr fallen. Es schlug dumpf auf dem Teppich auf. Ich zog ihn rückwärts, drehte mich mit ihm um und brachte ihn zur Tür hinaus. Hinaus in den Regen. Grub meine Finger tiefer in seine Augen.
Zog seinen Kopf zurück. Schnitt ihm die Kehle durch. Das erledigt man nicht mit einem einzigen, eleganten Schwung. Nicht wie im Film. Kein Messer ist dazu scharf genug. Es gibt alle möglichen zähen Knorpel in der menschlichen Kehle. Man muß mit erheblicher Kraft arbeiten. Das braucht eine ganze Weile. Aber es funktioniert. Funktioniert ziemlich gut. Wenn man bis zum Knochen kommt, ist der Mann tot. Dieser hier war keine Ausnahme. Sein Blut spritzte heraus und vermischte sich mit dem Regen. Er sackte in meiner Umklammerung zusammen. Zwei ausgeschaltet.
Ich zog die Leiche an der Kapuzenspitze über den Rasen. Es wäre nicht sehr sinnvoll gewesen, ihn an Knien und Schultern zu nehmen. Dann hätte sein Kopf nach hinten heruntergehangen und wäre möglicherweise abgerissen. Ich ließ ihn auf dem Gras liegen. Lief wieder ins Haus. Hob das Gewehr auf und verzog das Gesicht. Das war eine ernstzunehmende Schußwaffe. Eine Ithaca Mag-10. Ich hatte solche in der Army gesehen. Sie feuern riesige Patronen. Die Leute nennen sie Straßensperrer. Sie haben genug Wucht, um jemanden durch ein Fahrzeug mit dünnem Blech hindurch zu töten. In direktem Kontakt sind sie verheerend. Sie fassen nur drei Patronen, aber wir pflegten zu sagen: Wenn man die drei abgeschossen hat, ist die Schlacht endgültig vorbei.
Ich entschied mich trotzdem, weiterhin vorzugsweise das Messer zu benutzen. Es war leise. Aber das Gewehr würde besser als die Desert Eagle als Reserve dienen. Bei einem Schrotgewehr ist Zielen Luxus. Es hat einen weiten Streuwinkel. Mit einer Mag-10 trifft man, auch wenn man nur ansatzweise in die richtige Richtung zielt.
Ich ging zurück zu der aufgebrochenen Tür und preßte mich außer Reichweite des Regens gegen die Wand. Ich wartete. Ich schätzte, daß sie jetzt bald aus dem Haus kommen würden. Sie hatten mich drinnen nicht gefunden und würden den Mann vermissen, den ich gerade niedergestreckt hatte. Also würden sie herauskommen. Das war unvermeidlich. Sie konnten nicht für immer dort drinnen bleiben. Ich wartete. Zehn Minuten. Ich konnte es vom Flur her knacken hören. Ignorierte es. Früher oder später mußten sie herauskommen.
Sie kamen. Zwei Männer auf einmal. Sie kamen als Paar. Das ließ mich einen Augenblick zögern. Sie traten hinaus in den Regen, und ich hörte, wie der Regen gegen ihre Nylonkapuzen trommelte. Ich zog wieder den Totschläger heraus. Tauschte ihn gegen das Messer in meiner rechten Hand. Der erste Typ ging ziemlich leicht zu Boden. Ich erwischte ihn mit dem schweren Schläger genau im Nacken, das riß ihm fast den Kopf ab. Aber der zweite Typ reagierte blitzartig und drehte sich weg, so daß ich ihn mit dem zweiten Schlag verfehlte. Der Totschläger zerschmetterte nur sein Schlüsselbein und zwang ihn in die Knie. Ich stach ihm linkshändig mit dem Messer ins Gesicht. Baute mich für einen weiteren Schlag mit dem Totschläger auf. Ich brauchte noch zwei Hiebe, um ihm das Genick zu brechen. Er war ein zäher Bursche. Aber nicht zäh genug. Vier ausgeschaltet.
Ich zog die beiden Leichen durch den peitschenden Regen zum Rasen am Rand der Kiesauffahrt. Stapelte sie mit dem anderen Mann zu einem Haufen. Ich hatte vier erledigt und ein Gewehr ergattert. Die Wagenschlüssel waren in meiner Tasche. Der Kliner-Sohn lief noch mit einem Gewehr frei herum.
Ich konnte ihn nicht finden. Ich wußte nicht, wo er war. Ich ging ins Haus, aus dem Regen hinaus, und lauschte. Konnte nichts hören. Das Dröhnen des Regens auf dem Dach und auf dem Kies draußen war zu laut. Es legte ein weißes Rauschen über alles andere. Wenn Kid auf der Hut war und herumschlich, dann würde ich ihn nicht hören. Das konnte ein Problem werden.
Ich schlich in den Wintergarten. Der Regen hämmerte aufs Dach. Ich blieb stehen und lauschte. Hörte Kid im Flur. Er war auf dem Weg nach draußen. Er würde die Vordertür benutzen. Wenn er nach rechts ging, würde er über den Haufen mit seinen drei toten Handlangem auf dem Rasen stolpern. Aber er ging nach links. Er lief an den Fenstern des Wintergartens vorbei. Er steuerte über den patschnassen Rasen den Terrassenbereich an. Sah aus wie ein Geist der Unterwelt. Ich sah, wie er etwa zweieinhalb Meter von mir entfernt durch den strömenden Regen ging. Ein Geist der Unterwelt, der ein großes, schwarzes Gewehr vor sich hielt.
Ich hatte den Schlüssel für den Wintergarten in meiner Tasche, am Schlüsselbund des Bentleys, Ich schloß die Tür auf und ging hinaus. Der Regen traf mich wie der Strahl eines Feuerwehrschlauchs. Ich schlich zur Terrasse. Dort stand der Kliner-Sohn und blickte hinunter zum großen Swimmingpool. Ich hockte mich im Regen nieder und beobachtete ihn aufmerksam. Aus einer Entfernung von sechs Metern konnte ich hören, wie der Regen gegen seinen weißen Nylonoverall schlug. Blitze versengten den Himmel sekundenschnell, und der Donner war nur noch ein einziges Krachen.
Ich wollte ihn nicht mit meiner Mag-10 erschießen. Ich mußte die Leichen noch beseitigen. Ich mußte den alten Kliner in Ungewißheit lassen. Ich mußte ihn dazu bringen, daß er ständig darüber nachdachte, was wohl passiert war. Warum sein Junge verschwunden war. Das würde ihn aus dem Gleichgewicht bringen. Und es war wichtig für meine eigene Sicherheit. Ich konnte es mir nicht leisten, auch nur den kleinsten Beweis zurückzulassen. Wenn ich die große Ithaca gegen Kid einsetzte, würde das höllischen Dreck machen. Es würde ein ernstes Problem werden, seine Leiche zu beseitigen. Ich wartete.
Kid ging das lange, abschüssige Rasenstück bis zum Pool hinunter. Ich schlug einen Bogen und hielt mich auf dem feuchten Gras. Kid ging langsam. Er war beunruhigt. Er war allein. Er konnte nicht gut sehen. Die enge Kapuze vor seinem Gesicht begrenzte sein Sichtfeld. Er drehte ständig seinen Kopf von einer Seite zur anderen, mit steifem Hals, wie eine mechanische Puppe. Am Rand des Pools blieb er stehen. Ich war einen Meter hinter ihm. Ich wich nach rechts und links aus, rechts und links, blieb immer außerhalb seines Sichtfelds, während er mit seinem Blick von einer Seite zur anderen wanderte. Sein riesiges Gewehr schwenkte nach rechts und links über dem aufgewühlten Pool.
Nach den Büchern, die ich früher gelesen hatte, nach den Filmen, die man so sieht, hätte ich ehrenhaft mit ihm kämpfen müssen. Ich war hier, um für meinen Bruder einzustehen. Und direkt vor mir war der Typ, der seine Leiche wie ein Lumpenbündel durch die Gegend getreten hatte. Wir hätten es von Angesicht zu Angesicht austragen sollen. Ich hätte ihm sagen sollen, wer sein Gegner war. Ich hätte ihm sagen sollen, warum er sterben mußte. Das ganze Zeugs von Ehre und Mann gegen Mann. Aber das wirkliche Leben ist eben nicht so. Joe hätte über all das gelacht.
Ich ließ den Totschläger mit aller Kraft, die ich hatte, auf seinen Kopf niederfahren. Genau in dem Moment, als er sich umdrehte, um zum Haus zurückzugehen. Der Totschläger prallte am glatten Nylon ab, und der Schwung des schweren, bleigefüllten Rohrs brachte mich rettungslos aus dem Gleichgewicht. Ich fiel hin wie ein Mann auf Glatteis. Kid wirbelte herum und hob das Gewehr. Eine Patrone wurde in die Kammer gepumpt. Ich warf meinen Arm nach oben und schlug den Lauf zur Seite. Rollte aus der Schußlinie. Er drückte den Abzug, und es gab eine ungeheure Explosion, lauter als der schlimmste Donner. Ich hörte, wie die Blätter abrissen und fielen, als der Schuß in die Bäume hinter mir ging.
Der heftige Rückstoß warf Kid nach hinten, aber schon wurde die zweite Patrone in den Lauf gepumpt. Ich hörte das bedrohliche Ritsch-Ratsch des Mechanismus. Ich lag am gefliesten Schwimmbeckenrand auf dem Rücken, doch ich warf mich nach oben und ergriff seine halbautomatische Waffe mit beiden Händen. Zwang den Lauf nach oben und den Schaft nach unten, und er feuerte ein zweites Mal, diesmal in die Luft. Wieder eine furchteinflößende Explosion. Jetzt schob ich in Rückstoßrichtung und riß ihm die Waffe aus den Händen. Stieß nach oben und rammte ihm den Schaft ins Gesicht. Es war ein schwacher Schlag. Die Ithaca hat ein großes Gummipolster am Schaft. Es soll die Schulter vor dem Rückstoß schützen. Jetzt schützte es Kids Kopf vor meinem Hieb. Er wurde nur zurückgeschleudert. Ich tauchte nach seinen Beinen und warf ihn nach hinten. Riß ihm die Füße weg und stieß ihn in den Pool. Er klatschte auf seinem Rücken hinein. Ich sprang auf ihn.
Wir waren am tiefen Ende des Pools und zappelten herum, um den todbringenden Griff anzusetzen. Der Regen peitschte. Chlor brannte mir in Augen und Nase. Ich kämpfte, bis ich seine Kehle zu fassen bekam. Riß die Nylonkapuze zurück und konnte meine Hände direkt um seinen Hals legen. Spannte meine Arme und stieß Kids Kopf tief unter Wasser. Ich zerquetschte seinen Kehlkopf mit all meiner Kraft. Dieser Biker in Warburton hatte gedacht, daß er mir schön zugesetzt hätte, aber im Vergleich zu dem, was ich dem Kliner-Sohn antat, war das eine zärtliche Umarmung gewesen. Ich riß an seinem Kopf und drückte ihn noch tiefer. Hielt ihn einen Meter unter Wasser, bis er starb. Lange dauerte das nicht. In einer solchen Situation tut es das nie. Der erste, der unten ist, bleibt auch unten. Ich hätte es ebenso sein können.
Ich versuchte zu schwimmen und schnappte durch den Chlorgestank nach Luft. Der Regen wühlte die Wasseroberfläche auf. Man konnte unmöglich sagen, wo das Wasser aufhörte und die Luft begann. Ich ließ seinen Körper los und schwamm zum Rand. Klammerte mich daran und wartete, bis ich wieder genügend Luft bekam. Das Wetter war ein Alptraum. Der Donner war jetzt ein kontinuierliches Grollen, und das grelle Zucken hatte sich zu Flächenblitzen entwickelt. Der Regen ging unerbittlich nieder. Trockener war es im Pool. Aber ich hatte noch einiges zu tun.
Ich schwamm zurück, um Kids Leiche zu holen. Sie trieb einen Meter unter Wasser. Ich zog sie zurück zum Rand. Hievte mich selbst aus dem Wasser. Packte mit jeder Hand eine Handvoll Nylon und zog die Leiche hinter mir heraus. Sie wog eine Tonne, lag am Schwimmbeckenrand, und das Wasser schoß an den Hand- und Fußgelenken aus dem Overall. Ich ließ ihn dort liegen und stolperte zurück zur Garage.
Das Gehen fiel mir nicht leicht. Meine Kleider waren klatschnaß und kalt. Mir war, als müßte ich in einem Kettenpanzer laufen. Aber ich schaffte es bis zur Garage und fand den Schlüssel. Schloß das Tor auf und machte Licht. Es war eine Garage für drei Wagen. Nur der andere Bentley stand darin. Hubbles eigener Wagen, derselbe Jahrgang wie Charlies. In einem prächtigen Dunkelgrün, liebevoll auf Hochglanz poliert. Ich konnte mein Spiegelbild in dem Lack sehen, als ich daran vorbeiging. Ich suchte nach einer Schubkarre oder einem Gerätewagen. Was Gärtner eben so benutzen. Die Garage war voll mit Gartengeräten. Ein großer Rasenmäher, auf dem man sitzen konnte, Gartenschläuche, Werkzeuge. In der hinteren Ecke eine Art Karren mit großen Speichenrädern wie bei einem Fahrrad.
Ich rollte ihn hinaus in den Sturm und hinunter zum Pool. Suchte herum und fand die beiden Gewehre und den nassen Totschläger. Ließ die Schußwaffen in den Karren fallen und steckte den Totschläger zurück in meine Tasche. Überprüfte, ob Kids Leiche noch Schuhe anhatte, und zog sie auf den Karren. Fuhr ihn zum Haus zurück und die Auffahrt hinunter. Drückte mich am Bentley vorbei und rollte den Karren um den Lieferwagen herum. Ich öffnete die Hintertür und hob die Leiche hoch. Kletterte hinterher und zog sie ganz hinein. Der Regen prasselte aufs Wagendach. Dann hob ich die Leiche des ersten Typen herein und zog sie neben den Kliner-Sohn. Warf die Gewehre auf sie. Zwei verstaut.
Dann brachte ich den Karren dorthin, wo ich die anderen drei liegengelassen hatte. Sie lagen ausgebreitet auf dem nassen Rasen, und der Regen trommelte auf ihre scheußlichen Anzüge. Ich rollte sie zu dem Lieferwagen zurück, mit dem sie gekommen waren. Schob alle fünf in den Laderaum des Wagens.
Dann brachte ich den Karren durch die Sintflut zurück zur Garage. Stellte ihn in die Ecke, wo ich ihn gefunden hatte. Nahm eine Taschenlampe von der Werkbank. Ich wollte einen Blick auf die vier Typen werfen, die Kliner junior mitgebracht hatte. Ich lief durch den Regen zurück zum Lieferwagen und kletterte hinein. Schaltete die Taschenlampe ein und kauerte mich über der erbärmlichen Leichenreihe nieder.
Den Kliner-Sohn kannte ich. Den vier anderen zog ich die Kapuze zurück und riß ihren Mundschutz ab. Ließ den Lichtstrahl der Taschenlampe über ihre Gesichter huschen. Zwei von ihnen waren die Wachmänner vom Lagerhaus. Ich hatte sie am Donnerstag durch das Fernglas beobachtet, und ich war mir ziemlich sicher. Vielleicht hätte ich es nicht vor einem Kriegsgericht beschworen, aber heute nacht war ich an solchen juristischen Mätzchen nicht interessiert.
Die anderen beiden kannte ich mit Sicherheit. Kein Zweifel. Es waren Polizisten. Die Verstärkung vom Freitag. Sie waren mit Baker und Stevenson ins Diner gekommen, um mich zu verhaften. Ich hatte sie seitdem ein paarmal im Revier gesehen. Sie steckten in der Sache mit drin. Gehörten auch zu Bürgermeister Teales Geheimtruppe.
Ich kletterte wieder aus dem Lieferwagen und brachte die Taschenlampe zurück zur Garage. Verschloß das Tor und rannte durch den Regen zurück zur Vorderseite des Hauses. Hob die zwei Taschen auf, die sie mitgebracht hatten. Stellte sie in Hubbles Flur und machte Licht. Sah mir den Inhalt an. Ersatzhandschuhe und Mundschutz. Eine Schachtel mit Gewehrpatronen Kaliber 10. Ein Hammer. Ein Beutel mit fünfzehn Zentimeter langen Nägeln. Und vier Messer. Medizinische Instrumente. An denen konnte man sich schneiden, wenn man sie nur ansah.
Ich hob die Brechstange auf, wo sie sie nach Aufbrechen der Tür hatten fallen lassen. Steckte sie in eine der Taschen. Brachte die Taschen zum Lieferwagen und schleuderte sie auf die fünf Leichen. Dann schlug ich die Hintertür zu, verschloß sie und lief durch den peitschenden Regen zurück ins Haus.
Ich verschloß die Tür des Wintergartens. Ging zurück zur Küche. Öffnete die Ofentür und leerte meine Taschen. Breitete alles auf dem Boden aus. Fand ein paar Backbleche im nächsten Schrank. Ich nahm die Desert Eagle auseinander und legte die Einzelteile sorgfältig auf eines der Bleche. Stapelte die Ersatzpatronen daneben. Legte das Messer, den Totschläger, die Autoschlüssel, mein Geld und meine Papiere auf das andere Blech. Schob die Bleche in den Ofen und stellte ihn auf kleinste Hitze.
Ich ging zur Vordertür und zog die gesplitterte Tür so weit wie möglich zu. Rannte am Bentley vorbei und stieg in den Wagen der Kliner-Stiftung. Fummelte mit dem fremden Schlüssel herum und ließ den Motor an. Fuhr vorsichtig rückwärts die Auffahrt hinunter und schwang in den Beckman Drive ein. Fuhr langsam den Hügel zur Stadt hinunter. Die Scheibenwischer kämpften erbittert gegen den Regen. Ich fuhr das große Viereck mit der Kirche entlang. Bog an dessen Ende nach rechts und steuerte Richtung Süden. Der Ort war menschenleer. Niemand auf der Straße.
Dreihundert Meter südlich von der Grünfläche bog ich in Morrisons Auffahrt ein. Fuhr den Wagen bis zum Haus und stellte ihn neben dem stehengelassenen Lincoln ab. Verschloß die Tür. Lief hinüber zu Morrisons Grenzzaun und schleuderte die Schlüssel weit auf das Feld dahinter. Zog die Jacke fester um meine Schultern und machte mich auf den Weg zurück durch den Regen. Begann, scharf nachzudenken.
Der Samstag war nun schon älter als eine Stunde. Also war Sonntag weniger als einen Tag entfernt. Der grobe Umriß der Sache war klar. Ich wußte drei Dinge ganz sicher. Erstens: Kliner brauchte Spezialpapier. Zweitens: Er bekam es nicht in den Staaten. Aber drittens: Das Lagerhaus war mit irgendwas vollgepackt.
Und die Beschriftung dieser Klimaanlagenverpackung beschäftigte mich. Nicht das Island Air-conditioning, Inc. Nicht das Aufgedruckte. Die andere Beschriftung. Die Seriennummern. Die Schachteln, die ich gesehen hatte, wiesen handgeschriebene Seriennummern in aufgedruckten Rechtecken auf. Ich hatte sie ziemlich deutlich gesehen. Die Cops in Jacksonville hatten dasselbe über die Schachteln in Stollers zu schnellem Truck gesagt. Lange, handgeschriebene Seriennummern. Doch wozu? Die Schachteln waren an sich schon eine gute Tarnung. Es war ein kluger Schachzug, etwas Geheimes in Schachteln für Klimaanlagen nach Florida und weiter zu transportieren. Kein Produkt war plausibler für den Markt da unten. Die Kartons hatten die Cops in Jacksonville getäuscht. Sie hatten nicht weiter darüber nachgedacht. Aber die Seriennummern beschäftigten mich. Wenn keine elektrischen Geräte in den Kartons waren, warum sollte man dann Seriennummern darauf schreiben? Damit wurde die Tarnung unsinnig auf die Spitze getrieben. Was zum Teufel hatten die Seriennummern also zu bedeuten? Was zum Teufel war in den verdammten Kartons gewesen?
Das war die Frage, die ich mir stellte. Am Ende beantwortete Joe sie für mich. Ich ging durch den Regen und dachte daran, was Kelstein über Präzision gesagt hatte. Er hatte gesagt, daß Joe eine sehr bestechende Präzision in der Art und Weise hatte, sich auszudrücken. Ich wußte das. Ich dachte an die ordentliche kleine Liste, die er für sich selbst ausgedruckt hatte. An die ordentlichen Blöcke. Die Reihe mit den Initialen. Die Spalte mit den Telefonnummern. Die beiden Notizen am unteren Rand. Stollers' Garage. Grays Kliner-Akte. Ich mußte die Liste noch einmal überprüfen. Aber plötzlich war ich mir sicher, daß Joe mir sagte, wenn ich wissen wollte, was Kliner in die Kartons getan hatte, sollte ich vielleicht einfach zur Garage der Stollers gehen und einen Blick hineinwerfen.