KAPITEL 24
Es waren über vierhundert Meilen zurück zum Polizeirevier in Margrave. Ich fuhr die gesamte Strecke so schnell, wie ich es wagen konnte. Ich mußte Finlay sehen. Mußte eine vollkommen neue Theorie aufstellen. Ich parkte den alten Cadillac in einer Lücke direkt neben Teales brandneuem Modell. Ging hinein und nickte zum Wachhabenden hinüber. Er nickte zurück.
»Finlay da?« fragte ich ihn.
»Hinten«, sagte er. »Der Bürgermeister ist bei ihm.«
Ich umrundete die Empfangstheke und lief durch den Mannschaftsraum zum Rosenholzbüro. Finlay war mit Teale dort. Finlay hatte schlechte Neuigkeiten für mich. Das konnte ich an der Neigung seiner Schultern sehen. Teale sah mich überrascht an.
»Zurück in der Army, Mr. Reacher?« fragte er.
Ich brauchte eine Sekunde, um zu begreifen. Er meinte meinen Tarnanzug. Ich musterte ihn von oben bis unten. Er trug einen glänzenden, grauen Anzug, der mit Stickereien übersät war. Schmale Krawatte mit Silberklammer.
»Wag es nicht, mit mir über Klamotten zu sprechen, du Arschloch«, sagte ich.
Er blickte überrascht an sich hinunter. Wischte einen Fleck weg, den es gar nicht gab. Starrte mit ungläubigen Augen zu mir hoch.
»Ich könnte Sie für eine derartige Äußerung einsperren lassen.«
»Und ich könnte dir den Kopf abreißen«, sagte ich zu ihm. »Und dann könnte ich ihn an deinen dreckigen, alten Arsch kleben.«
Wir standen da und starrten uns eine ganze Zeitlang an. Teale umklammerte seinen schweren Stock, als wollte er ihn heben und mich damit schlagen. Ich konnte sehen, wie sich seine Hand darum spannte und sein Blick meinen Kopf streifte. Aber schließlich stolzierte er nur aus dem Büro und schlug die Tür hinter sich zu. Ich öffnete sie einen Spalt und spähte hinter ihm her. Er griff nach einem Telefonhörer an einem der Schreibtische im Mannschaftsraum. Er würde Kliner anrufen. Er würde ihn fragen, wann zum Teufel er etwas wegen mir unternehmen würde. Ich schloß die Tür wieder und wandte mich Finlay zu.
»Was ist das Problem?« fragte ich ihn.
»Wir stecken ernsthaft in der Scheiße«, sagte er. »Aber haben Sie einen Blick in den Truck geworfen?«
»Ich komme sofort darauf zurück«, sagte ich, »Also was gibt es hier für ein Problem?«
»Wollen Sie zuerst das kleine hören?« fragte er. »Oder das große?«
»Das kleine zuerst.«
»Picard braucht Roscoe noch einen Tag«, sagte er. »Hat keine andere Wahl.«
»Verdammt noch mal. Ich wollte sie sehen. Ist sie einverstanden?«
»Laut Picard, ja.«
»Das fängt ja gut an. Und was ist also das große Problem?«
»Jemand ist uns voraus«, flüsterte er.
»Uns voraus?« fragte ich nach. »Was meinen Sie damit?«
»Die Liste Ihres Bruders. Die Initialen und die Bemerkung über Sherman Stollers Garage. Zuerst kam heute morgen ein Telex vom Atlanta Police Department. Stollers Haus ist heute nacht abgebrannt. Drüben am Golfplatz, wo Sie mit Roscoe waren. Total niedergebrannt, mit Garage und allem. Abgefackelt. Jemand hat über das ganze Grundstück Benzin geschüttet.«
»Mein Gott«, sagte ich. »Was ist mit Judy?«
»Ein Nachbar hat ausgesagt, daß sie Dienstag nacht verschwunden ist. Direkt, nachdem Sie mit ihr gesprochen haben. Ist nicht zurückgekommen. Das Haus war leer.«
Ich nickte.
»Judy ist eine kluge Frau«, sagte ich. »Aber das gibt ihnen noch keinen Vorsprung vor uns. Wir haben uns die Garage bereits angesehen. Wenn sie versuchen wollten, etwas zu verbergen, sind sie zu spät gekommen. Es gab sowieso nichts zu verbergen, richtig?«
»Und die Initialen«, sagte er. »Die Universitäten. Ich habe den Typen von Princeton heute morgen identifiziert. W.B. war Walter Bartholomew. Ein Professor. Er wurde letzte Nacht vor seinem Haus umgebracht.«
»Scheiße. Und wie?«
»Erstochen. Die Polizei von Jersey hält es für Straßenraub. Aber wir wissen es besser, oder?«
»Noch mehr gute Nachrichten?«
Er schüttelte den Kopf.
»Noch schlimmere«, sagte er. »Bartholomew wußte etwas. Sie erwischten ihn, bevor er mit uns sprechen konnte. Sie sind uns voraus, Reacher.«
»Er wußte etwas?« fragte ich. »Was?«
»Weiß ich nicht. Als ich unter der Nummer anrief, erreichte ich so einen wissenschaftlichen Angestellten, der für Bartholomew gearbeitet hat. Es scheint, daß Bartholomew über irgend etwas ziemlich aus dem Häuschen war, er blieb gestern bis spät in die Nacht in seinem Büro und arbeitete. Dieser Assistent brachte ihm alle möglichen alten Unterlagen. Bartholomew ging sie durch. Er machte spät Feierabend, sandte eine E-Mail an Joes Adresse und ging nach Hause. Er lief dem Straßenräuber in die Arme, und das war's dann.«
»Und was stand in der E-Mail?«
»Halten Sie sich für einen Anruf morgen früh bereit. Dieser Assistent sagt, anscheinend sei Bartholomew auf etwas Wichtiges gestoßen.«
»Scheiße«, sagte ich wieder. »Was ist mit den Initialen in New York? K. K.?«
»Weiß ich noch nicht«, erwiderte Finlay. »Ich schätze, dahinter verbirgt sich ein anderer Professor. Wenn sie ihn noch nicht haben.«
»Okay. Ich werde ihn in New York aufsuchen.«
»Warum der Aufwand?« fragte Finlay. »Gab es ein Problem mit dem Lkw?«
»Ein großes Problem. Der Lkw war leer.«
Eine ganze Weile herrschte Stille in dem Büro.
»Er fuhr leer zurück?« fragte Finlay.
»Ich warf einen Blick hinein, direkt nachdem ich Sie angerufen hatte. Er war leer. Es war überhaupt nichts drin. Nur frische Luft.«
»Herrgott noch mal.«
Er wirkte betroffen. Er konnte es nicht glauben. Er hatte Roscoe für ihre Vertriebstheorie bewundert. Er hatte ihr gratuliert. Ihr die Hand geschüttelt. Die Menora-Form. Es war eine gute Theorie. Sie war so gut, daß er nicht glauben wollte, daß sie falsch war.
»Wir können uns nicht geirrt haben«, sagte er. »Es ergibt so viel Sinn. Erinnern Sie sich, was Roscoe gesagt hat. Denken Sie an die Landkarte. An Grays Zahlen. Es paßt alles zusammen. Es ist so klar. Ich kann es fast fühlen, so greifbar ist es. Ich kann es fast vor mir sehen. Es ist ein Verkehrsfluß. Es kann nichts anderes sein. Ich bin es so oft durchgegangen.«
»Roscoe hatte recht«, stimmte ich ihm zu. »Und alles, was Sie gerade sagten, stimmt auch. Die Menora-Form stimmt. Margrave ist das Zentrum. Es ist ein Verkehrsfluß. Wir haben uns nur in einem kleinen Detail geirrt.«
»Und in welchem Detail?«
»Wir haben uns in der Richtung geirrt«, sagte ich. »Wir müssen es rückwärts betrachten. Der Fluß geht genau in die entgegengesetzte Richtung. Er hat dieselbe Form, aber er fließt hierhin und nicht von hier weg.«
Er nickte. Er begriff, was ich meinte.
»Also laden sie hier nicht auf«, sagte er. »Sie laden hier ab. Der Vorrat wird nicht verteilt. Der Vorrat wird aufgebaut. Direkt hier in Margrave. Aber was für ein Vorrat? Sind Sie sicher, daß sie nicht irgendwo Geld drucken und es hierherbringen?«
Ich schüttelte den Kopf.
»Das ergäbe keinen Sinn«, sagte ich. »Molly sagte, daß innerhalb der Staaten kein Falschgeld mehr gedruckt wird. Joe hat dafür gesorgt.«
»Und was bringen sie dann hierher?«
»Das müssen wir herausbekommen«, erwiderte ich. »Aber immerhin wissen wir, daß es sich auf ungefähr eine Tonne pro Woche summiert. Und wir wissen, daß es in Kartons für Klimaanlagen paßt.«
»Wissen wir das?« fragte Finlay.
»Bis zum letzten September haben sie es außer Landes geschmuggelt. Das war Sherman Stollers Aufgabe. Die Fahrten mit den Klimaanlagen waren keine Tarnoperationen. Sie waren die eigentliche Operation. Sie exportierten etwas, das in Kartons für Klimaanlagen verpackt war, Sherman Stoller hat sie jeden Tag nach Florida gebracht, um sie an einem Schiff abzuliefern. Deshalb war er auch so nervös, als er wegen der Geschwindigkeitsübertretung herausgewinkt wurde. Deshalb kam der Anwalt auch sofort angelaufen. Nicht, weil er auf dem Weg zum Aufladen war. Sondern weil er auf dem Weg zum Abladen war. Er hatte die Polizei von Jacksonville am Hals, die fünfundfünfzig Minuten in seiner Ladung herumschnüffeln konnte.«
»Aber was für eine Ladung war das?«
»Ich weiß es nicht. Die Cops sind nicht auf die Idee gekommen, mal nachzusehen. Sie sahen nur eine Ladung versiegelter Verpackungen für Klimaanlagen, nagelneu, mit Seriennummern und allem Drum und Dran, und nahmen einfach an, daß die Ladung in Ordnung sei. Die Verpackungen waren eine verdammt gute Tarnung. Schließlich wirkt es sehr plausibel, brandneue Klimaanlagen in den Süden zu transportieren. Niemand würde da Verdacht schöpfen, oder?«
»Aber damit hörten sie vor einem Jahr auf.«
»Genau. Sie wußten, daß die Sache mit der Küstenwache kommen würde, also schafften sie soviel im voraus außer Landes, wie sie nur konnten. Erinnern Sie sich an die zwei täglichen Fahrten nach Süden, die bei Gray verzeichnet waren? Dann hörten sie vor einem Jahr ganz damit auf. Denn ihrer Meinung nach war es zu gefährlich, das Ganze an der Küstenwache vorbei außer Landes zu bringen, und wir dachten, daß es ihrer Meinung nach zu gefährlich gewesen sei, es ins Land hineinzuschmuggeln.«
Finlay nickte. Sah aus, als würde er sich über sich selbst ärgern.
»Wir haben das übersehen.«
»Wir haben eine Menge Dinge übersehen«, sagte ich. »Sie feuerten Sherman Stoller, weil sie ihn nicht mehr brauchten. Sie beschlossen, einfach das Zeug zu behalten, bis die Sache mit der Küstenwache erledigt war. Deshalb sind sie im Moment so gefährdet. Deshalb haben sie solche Panik, Finlay. Sie haben bis Sonntag nicht die letzten Reste ihres Vorrats am Hals. Es ist der ganze verdammte Vorrat.«
Finlay hielt an der Bürotür Wache. Ich saß am Rosenholzschreibtisch und rief die Columbia University in New York an. Die Nummer war die des Instituts für Zeitgeschichte. Der erste Teil des Anrufs gestaltete sich problemlos. Ich geriet an eine sehr hilfsbereite Frau vom Verwaltungsbüro. Fragte, ob sie einen Professor mit den Initialen K. K. hätten. Sie ordnete sie sofort einem Mann namens Kelvin Kelstein zu, der dort schon viele Jahre lehrte. Es hörte sich an, als sei er ein sehr bedeutender Mann. Dann wurde es schwieriger. Ich fragte, ob er wohl ans Telefon kommen könne. Die Frau verneinte dies. Er sei sehr beschäftigt und dürfe nicht schon wieder gestört werden.
»Schon wieder?« fragte ich. »Wer hat ihn denn schon gestört?«
»Zwei Detectives aus Atlanta, Georgia.«
»Wann war das?«
»Heute morgen. Sie kamen hierher, fragten nach ihm und ließen sich nicht abweisen.«
»Können Sie mir diese beiden Männer beschreiben?« fragte ich sie.
Es gab eine Pause, als sie versuchte, sich zu erinnern.
»Es waren Hispano-Amerikaner. Ich erinnere mich nicht an besondere Merkmale. Der Mann, der das Reden übernommen hatte, war sehr gepflegt, sehr höflich. Nicht weiter bemerkenswert, fürchte ich, wirklich.«
»Haben die sich schon mit ihm getroffen?«
»Sie machten eine Verabredung für ein Uhr aus. Ich glaube, sie essen mit ihm irgendwo zu Mittag.«
Ich preßte den Hörer an mein Ohr.
»Okay. Ich muß Sie jetzt etwas sehr Wichtiges fragen. Haben die beiden seinen Namen genannt? Oder fragten sie nach seinen Initialen K. K.? So wie ich?«
»Sie stellten genau dieselbe Frage wie Sie. Sie fragten, ob ein Mitglied des Lehrkörpers diese Initialen hätte.«
»Hören Sie«, sagte ich. »Hören Sie mir jetzt genau zu. Ich möchte, daß Sie zu Professor Kelstein gehen. Und zwar sofort. Unterbrechen Sie ihn - bei was auch immer. Sagen Sie ihm, es ginge um Leben und Tod. Sagen Sie ihm, daß diese Detectives aus Atlanta Betrüger sind. Sie waren letzte Nacht in Princeton und haben Professor Walter Bartholomew umgebracht.«
»Soll das ein Scherz sein?« fragte die Frau. Schrie es fast.
»Das ist mein voller Ernst. Mein Name ist Jack Reacher. Ich glaube, daß Kelstein mit meinem Bruder zu tun hatte, Joe Reacher, vom Finanzministerium. Sagen Sie ihm, daß mein Bruder ebenfalls umgebracht wurde.«
Die Frau schwieg erneut. Schluckte. Dann redete sie weiter, ruhig, »Was soll Professor Kelstein tun?« fragte sie.
»Zwei Dinge. Als erstes darf er nicht, ich wiederhole, absolut nicht mit diesen beiden Latinos aus Atlanta Zusammentreffen. Unter gar keinen Umständen. Haben Sie das verstanden?«
»Ja«, sagte sie.
»Gut. Zweitens muß er auf der Stelle zum Sicherheitsdienst des Campus gehen. Auf der Stelle, okay? Er muß dort auf mich warten. Ich werde in etwa drei Stunden dort sein, Kelstein muß im Sicherheitsbüro bleiben und mit einem Wachmann an seiner Seite auf mich warten, bis ich da bin. Können Sie dafür sorgen, daß er das tut? Garantiert?«
»Ja.«
»Bitten Sie ihn, vom Sicherheitsbüro aus in Princeton anzurufen. Er soll dort nach Bartholomew fragen. Das wird ihn überzeugen.«
»Ja«, sagte die Frau wieder. »Ich sorge dafür, daß er tut, was Sie wollen.«
»Und geben Sie dem Wachmann meinen Namen. Ich möchte dort keine Probleme kriegen, wenn ich ankomme. Professor Kelstein kann mich identifizieren. Sagen Sie ihm, ich sehe aus wie mein Bruder.«
Ich legte auf. Rief quer durch den Raum nach Finlay.
»Sie haben Joes Liste«, sagte ich. »Sie haben zwei Männer oben in New York. Einer der beiden ist der Mann, der Joes Aktentasche hat. Gepflegter, höflicher Typ. Sie haben die Liste.«
»Aber wieso?« fragte er. »Die Liste war doch gar nicht in der Aktentasche.«
Angst beschlich mich. Ich wußte, wie. Die Antwort starrte mir direkt ins Gesicht.
»Baker«, sagte ich. »Baker steckt mit drin. Er hat eine Extrakopie gemacht. Sie haben ihm doch Joes Liste zum Kopieren gegeben. Er hat zwei Kopien gemacht und eine davon Teale gegeben.«
»Sind Sie sicher?«
Ich nickte.
»Es gibt noch andere Hinweise. Teale hat geblufft. Wir dachten, daß alle hier im Department sauber sind. Aber er hat uns nur hereingelegt. Also wissen wir nicht, wer verdammt noch mal dabei ist und wer nicht. Wir müssen hier raus, auf der Stelle. Los.«
Wir liefen aus dem Büro. Durch den Mannschaftsraum. Durch die große Glastür zu Finlays Wagen.
»Wohin?« fragte er.
»Nach Atlanta«, sagte ich. »Zum Flughafen. Ich muß nach New York.«
Er ließ den Motor an und fuhr in Richtung Norden auf die Landstraße.
»Baker war von Anfang an dabei. Die Tatsache hat mir die ganze Zeit ins Gesicht gestarrt.«
Ich ging es während der Fahrt mit ihm durch. Schritt für Schritt. Letzten Freitag war ich in dem kleinen, weißgestrichenen Verhörraum im Revier mit Baker allein gewesen. Ich hatte ihm meine Hände entgegengehalten. Er hatte die Handschellen entfernt. Er hatte einem Mann die Handschellen abgenommen, der unter Mordverdacht stand. Der die Leiche seines Opfers zu Brei getreten haben sollte. Er war bereit, mit einem solchen Mann allein in einem Raum zu bleiben. Später hatte ich ihn gerufen und ihn dazu gebracht, mich zur Toilette zu begleiten. Er war schludrig und leichtsinnig gewesen. Ich hätte die Gelegenheit gehabt, ihn zu entwaffnen und zu fliehen. Ich hatte das als ein Zeichen genommen, daß er meine Antworten auf Finlays Fragen gehört hatte und langsam zu der Überzeugung kam, daß ich unschuldig war.
Aber er hatte immer gewußt, daß ich unschuldig war. Er wußte genau, wer unschuldig war und wer nicht. Deshalb war er so nachlässig gewesen. Er wußte, daß ich nur der Sündenbock war. Er wußte, daß ich nur ein unschuldiger Durchreisender war. Wer hat schon Angst, einem unschuldigen Durchreisenden die Handschellen abzunehmen? Wer trifft schon Vorsichtsmaßnahmen, um einen unschuldigen Durchreisenden zur Toilette zu begleiten?
Und er hatte Hubble zur Befragung zum Revier gebracht. Mir war seine Körpersprache aufgefallen. Er war durch einen Konflikt ganz verkrampft gewesen. Ich dachte, er fühlte sich unbehaglich, weil Hubble Stevensons Kumpel und außerdem irgendwie mit ihm verwandt war. Aber das war nicht der Grund. Er war so verkrampft gewesen, weil er in der Zwickmühle saß. Er wußte, daß es eine Katastrophe war, Hubble herzubringen. Aber er konnte sich Finlays Anordnung nicht widersetzen, ohne ihn zu alarmieren. Es war eine Zwickmühle. Was er auch machte, es war falsch.
Und er hatte bewußt versucht, Joes Identität zu verschleiern. Baker hatte die Sache mit den Fingerabdrücken extra vermasselt, damit Joe nicht identifiziert werden konnte. Er wußte, daß Joe ein Ermittler von der Regierung war. Er wußte, daß Joes Fingerabdrücke in der Datei in Washington waren. Also versuchte er sicherzustellen, daß sie keine Entsprechung in der Datei fanden. Aber er hatte sich verraten, indem er das negative Ergebnis viel zu früh bekanntgab. Das war ihm aus Mangel an Erfahrung passiert. Er hatte die technischen Arbeiten immer Roscoe überlassen. Also wußte er nicht, wie das System funktionierte. Aber ich hatte nicht zwei und zwei zusammengezählt. Ich war zu aufgewühlt gewesen, als beim zweiten Versuch mit den Fingerabdrücken der Name meines Bruder durchgegeben worden war.
Seitdem hatte er geschnüffelt und herumgestochert und sich im Dunstkreis unserer heimlichen Spurensuche herumgedrückt. Er hatte dabeisein wollen und war ein williger Helfer gewesen. Finlay hatte ihn als Wachtposten benutzt. Und die ganze Zeit über war er mit dem, was er bei uns aufschnappen konnte, zu Teale gelaufen.
Finlay schoß mit höllischer Geschwindigkeit Richtung Norden. Er jagte den Chevy über den Zubringer und drückte das Pedal nieder. Der große Wagen raste auf den Highway.
»Könnten wir nicht die Küstenwache verständigen?« fragte er. »Sie dazu bringen, sich für Sonntag zur Verfügung zu halten, wenn sie mit der Verschiffung wieder anfangen? Als eine Art Extra-Patrouille?«
»Sie machen wohl Witze. Der Präsident wird seinen Bann, den er verhängt hat, nicht am ersten Tag zurücknehmen, nur weil Sie ihn darum bitten.«
»Und was machen wir jetzt?«
»Rufen Sie noch mal in Princeton an«, sagte ich zu ihm. »Sprechen Sie noch mal mit diesem wissenschaftlichen Assistenten. Er kann sich vielleicht zusammenreimen, was Bartholomew letzte Nacht herausgefunden hat. Verkriechen Sie sich an einem sicheren Ort, und gehen Sie an die Arbeit.«
Er lachte.
»Wo zum Teufel ist es denn jetzt noch sicher?«
Ich riet ihm, in das Motel in Alabama zu gehen, wo wir am Montag gewesen waren. Es lag mitten im Nirgendwo und war sicher genug. Ich sagte ihm, daß ich ihn aufsuchen würde, sobald ich zurück sei. Bat ihn, den Bentley abzuholen und zum Flughafen zu bringen und Schlüssel und Parkschein am Informationsschalter in der Ankunftshalle zu lassen. Er wiederholte alles, um sicherzustellen, daß er es behalten würde. Er fuhr mehr als neunzig Meilen die Stunde, wandte mir aber jedesmal, wenn er sprach, den Kopf zu.
»Achten Sie auf die Straße, Finlay«, sagte ich. »Es würde niemandem nützen, wenn Sie uns jetzt mit Ihrem Wagen umbrächten.«
Er grinste und blickte nach vom. Drückte seinen Fuß noch weiter nach unten. Der große Polizeiwagen beschleunigte auf über hundert. Dann wandte er sich wieder um und sah mir ungefähr dreihundert Meter lang in die Augen.
»Feigling.«