KAPITEL 28


Picard traf uns in der düsteren Lobby und führte uns in einen Seitenraum. Wir gingen unsere Ergebnisse durch. Er nickte, und seine Augen leuchteten hell. Vor ihm lag ein großer Fall ausgebreitet.

»Ausgezeichnete Arbeit, meine Freunde«, sagte er. »Aber mit wem haben wir es jetzt zu tun? Ich denke, wir können sagen, daß all diese kleinen Latinos nicht dazugehören. Das sind nur angemietete Handlanger. Sie wurden einfach geopfert. Aber in Margrave selbst sind uns immer noch fünf der angeblichen zehn Täter unbekannt. Wir haben noch nicht herausgefunden, wer sie sind. Das könnte die Dinge sehr kompliziert für uns machen. Wir wissen Bescheid über Morrison, Teale, Baker und die beiden Kliners, richtig? Aber wer sind die anderen fünf? Es könnte jeder dort sein, richtig?«

Ich schüttelte den Kopf.

»Wir müssen nur noch einen identifizieren«, widersprach ich. »Ich habe letzte Nacht vier weitere aufgespürt. Wir kennen nur den zehnten Mann noch nicht.«

Picard und Finlay sahen mich an.

»Wer sind sie?« fragte Picard.

»Die beiden Wachmänner vom Lagerhaus«, sagte ich. »Und zwei weitere Cops. Das Verstärkungsteam vom Freitag.«

»Noch mehr Cops?« sagte Finlay. »Scheiße.«

Picard nickte. Legte seine riesigen Hände auf den Tisch.

»Okay«, sagte er. »Ihr Jungs fahrt jetzt direkt zurück nach Margrave. Versucht euch aus allen Schwierigkeiten herauszuhalten, aber wenn das nicht geht, dann nehmt die Verhaftungen vor. Seid äußerst vorsichtig wegen dieses zehnten Mannes. Es könnte jeder von ihnen sein. Ich werde nachkommen. Gebt mir zwanzig Minuten, damit ich Roscoe holen kann, und dann sehen wir uns in Margrave.«

Wir standen auf. Schüttelten uns die Hände. Picard ging nach oben, und Finlay und ich liefen hinaus zum Bentley.

»Wie ist das gelaufen?« fragte er.

»Baker«, sagte ich. »Er ist mir gestern abend über den Weg gelaufen. Ich erzählte ihm eine Geschichte, daß ich in Hubbles Haus nach einem Beweisstück suchen würde, dann fuhr ich dorthin und wartete ab, was geschehen würde. Es kamen der Kliner-Sohn und vier seiner Freunde. Sie wollten mich an Hubbles Schlafzimmerwand nageln.«

»Herrgott«, sagte er. »Und was passierte dann?«

»Ich habe sie ausgeschaltet.«

Er machte wieder diese Sache mit dem Anstarren bei neunzig Meilen die Stunde.

»Sie haben sie ausgeschaltet?« fragte er. »Sie haben den Kliner-Sohn ausgeschaltet?«

Ich nickte. Er schwieg eine Zeitlang. Verlangsamte auf fünfundachtzig.

»Wie haben Sie das gemacht?«

»Ich lockte sie in einen Hinterhalt«, sagte ich. »Drei von ihnen erledigte ich mit einem Schlag auf den Kopf. Einem schnitt ich die Kehle durch. Und den Kliner-Sohn habe ich im Swimmingpool ertränkt. Dabei wurde Joes Liste naß. Hat die ganze Schrift aufgelöst.«

»Herrgott«, sagte er noch einmal. »Sie haben fünf Männer umgebracht. Das ist ein dickes Ding, Reacher. Wie fühlen Sie sich?«

Ich zuckte die Achseln. Dachte an meinen Bruder Joe. Wie er als hochgewachsener, linkischer Achtzehnjähriger nach West Point gegangen war. Dachte an Molly Beth Gordon, wie sie ihre schwere, burgunderfarbene Ledertasche hochgehalten und mich angelächelt hatte. Ich blickte zu Finlay hinüber, schwieg eine Zeitlang, beantwortete aber die Frage nicht.

Er schüttelte seinen Kopf so, wie ein Hund kaltes Wasser von seinem Fell abschüttelt.

»Jetzt bleiben nur noch vier«, sagte er.

Er fing an, das Lenkrad des alten Wagens zu kneten, als wäre er ein Bäcker bei der Teigzubereitung. Er starrte durch die Windschutzscheibe und stieß einen tiefen Seufzer aus.

»Irgendeine Ahnung, wer der zehnte Mann sein könnte?« fragte er.

»Es ist im Grunde egal, wer das ist«, erklärte ich. »Im Moment ist er mit den anderen drei Männern im Lagerhaus. Sie haben jetzt wenig Personal, richtig? Sie werden heute nacht alle Wachdienst leisten. Und morgen müssen sie aufladen. Alle vier.«

Ich schaltete das Radio des Bentleys ein. Ein großes Ding aus Chrom. Irgendeine zwanzig Jahre alte englische Marke. Aber es funktionierte. Es stellte sich selbst auf einen anständigen Sender ein. Ich hörte der Musik zu und versuchte, nicht einzuschlafen.

»Unglaublich«, sagte Finlay. »Wie zum Teufel konnte in Margrave eine solche Sache überhaupt anfangen?«

»Wie es anfing?« sagte ich. »Es fing mit Eisenhower an. Es ist seine Schuld.«

»Eisenhower?« fragte er. »Was hat der damit zu tun?«

»Er hat die Fernstraßen gebaut«, erklärte ich ihm. »Er hat Margrave sterben lassen. Früher ist die alte Landstraße die einzige Straße gewesen. Alles und jeder mußte durch Margrave durch. Der Ort war voller Pensionen und Bars, die Leute reisten aus allen Richtungen herbei und gaben ihr Geld aus. Dann wurden die Highways gebaut und die Flugreisen billig, und plötzlich starb die Stadt. Sie verkam zu einem Punkt auf der Landstraße, weil der Highway vierzehn Meilen daran vorbeilief.«

»Also ist der Highway schuld?« fragte er.

»Bürgermeister Teale ist schuld. Die Stadt hat das Land für die Lagerhäuser verkauft, um Geld zu verdienen, richtig? Der alte Teale hat das Geschäft vermittelt. Aber er hatte nicht den Mut, nein zu sagen, als das Geld sich als schmutziges Geld entpuppte. Kliner beabsichtigte, das Gelände für das Geschäft zu nutzen, das er aufzog, und der alte Teale sprang sofort unter seine Decke.«

»Er ist Politiker«, sagte Finlay. »Die sagen zu Geld niemals nein. Und es war höllisch viel Geld. Teale hat die ganze Stadt damit neu aufgebaut.«

»Er hat die ganze Stadt darin ertränkt«, sagte ich. »Der ganze Ort ist ein einziger Sumpf. Und alle suhlen sich darin. Vom Bürgermeister bis hinunter zu dem Mann, der die Kirschbäume poliert.«

Wir schwiegen wieder. Ich fummelte am Radio herum und hörte, wie Albert King mir erzählte, daß das einzige für ihn erreichbare Glück Unglück sei.

»Aber warum ausgerechnet Margrave?« fragte Finlay noch einmal.

Der alte Albert teilte mir mit, daß Unglück und Ärger seine einzigen Vertrauten gewesen seien.

»Lage und Gelegenheit«, sagte ich. »Es liegt am richtigen Ort. Alle möglichen Highways treffen hier aufeinander, und es gibt eine direkte Strecke runter zu den Häfen in Florida. Es ist ein ruhiger Ort, und die Leute, die die Stadt lenken, waren gierige Drecksäcke, die tun würden, was man ihnen sagte.«

Er schwieg. Dachte an den Strom von Dollarnoten, der nach Süden und Osten floß. Wie die Kanalisierung des Wassers nach einer Überschwemmung. Eine kleine Flutwelle. Eine kleine, stark beanspruchte Belegschaft in Margrave hielt sie im Fluß. Die kleinste Schwierigkeit, und Zehntausende von Dollars würden sich stauen und alles verstopfen. Wie in einem Abwasserkanal. Genug Geld, um eine ganze Stadt darin zu ertränken. Er trommelte mit seinen Fingern auf das Lenkrad. Legte den Rest der Strecke schweigend zurück.

Wir parkten vor dem Eingang des Polizeireviers. Der Wagen spiegelte sich in den Glasplatten. Ein schwarzer Bentley, ein Oldtimer, der für sich genommen schon hundert Riesen wert war. Und weitere hundert Riesen lagen in seinem Kofferraum. Das wertvollste Fahrzeug im Staate Georgia. Ich ließ den Kofferraumdeckel aufspringen. Legte meine Jacke auf den schweren Karton. Wartete auf Finlay und ging zur Tür.

Das Gebäude war bis auf den Innendienstler menschenleer. Er nickte uns zu. Wir umrundeten die Empfangstheke. Gingen durch den großen, ruhigen Raum für die Mannschaft zum Rosenholzbüro im hinteren Teil. Traten ein und schlossen die Tür.

Finlay blickte unbehaglich um sich.

»Ich möchte wissen, wer der zehnte ist«, sagte er. »Es könnte jeder sein. Könnte der Innendienstler sein. Es waren schließlich schon vier Cops beteiligt.«

»Der nicht«, sagte ich. »Der macht doch nie irgendwas. Der parkt nur seinen fetten Arsch auf dem Hocker. Aber es könnte Stevenson sein. Er stand mit Hubble in Verbindung.«

Finlay schüttelte den Kopf.

»Nein«, sagte er. »Teale hat ihn bei seiner Amtsübernahme von der Straße abgezogen. Er wollte ihn dort haben, wo er ihn im Auge hatte. Also ist es nicht Stevenson. Ich schätze, es könnte jeder x-beliebige sein. Eno zum Beispiel. Oben im Diner. Das ist ein übellauniger Bursche.«

Ich blickte ihn an.

»Sie sind auch ein griesgrämiger Bursche, Finlay«, sagte ich. »Schlechte Laune hat noch niemanden zum Verbrecher werden lassen.«

Er zuckte die Schultern. Ignorierte meine Stichelei.

»Was unternehmen wir also?« fragte er.

»Wir warten auf Roscoe und Picard«, sagte ich. »Erst dann fangen wir an.«


Ich saß auf dem Rand des großen Rosenholzschreibtisches und ließ die Beine baumeln. Finlay tigerte über den teuren Teppich. Wir warteten etwa zwanzig Minuten, dann öffnete sich die Tür. Picard stand dort. Er war so groß, daß er den gesamten Türrahmen ausfüllte. Ich sah, wie Finlay ihn anstarrte, als stimme etwas nicht mit ihm. Ich folgte seinem Blick.

Zwei Dinge stimmten nicht mit Picard. Erstens hatte er Roscoe nicht bei sich. Und zweitens hielt er eine 38er Dienstwaffe in seiner riesigen Hand. Er hielt sie ganz ruhig und zielte auf Finlay.