KAPITEL 15


Ich fuhr entschieden schneller nach Warburton als der Gefängnisfahrer und war in weniger als fünfzig Minuten dort. Es war ein bedrohlicher Anblick. Ein Unwetter zog rasch von Westen auf, und ein paar Strahlen der tiefstehenden Nachmittagssonne durchdrangen die Wolken und beleuchteten die Anlage. Die glänzenden Metalltürme fingen die orangefarbenen Strahlen ein. Ich fuhr langsamer und bog in die Zufahrtsstraße zum Gefängnis. Hielt vor dem ersten Fahrzeugkäfig. Hineinfahren würde ich nicht. Davon hatte ich genug. Spivey würde zu mir herauskommen müssen. Ich stieg aus dem Bentley und ging zu dem Wachmann hinüber.

»Hat Spivey Dienst?« fragte ich ihn.

»Sie wollen ihn sprechen?«

»Sagen Sie ihm, Mr. Reacher sei hier.«

Der Mann ging in einen Unterstand aus Plexiglas, machte einen Anruf und kam zurück.

»Er kennt keinen Mr. Reacher.«

»Sagen Sie ihm, daß Chief Morrison mich geschickt hat. Aus Margrave.«

Der Mann ging wieder in das Ding aus Plexiglas. Nach einer Minute war er wieder da.

»Okay, fahren Sie durch. Spivey wird Sie an der Aufnahme treffen.«

»Sagen Sie ihm, daß er rauskommen soll«, sagte ich. »Hier auf die Straße.«

Ich ging weg und blieb auf dem staubigen Randstreifen der Asphaltstraße stehen. Es war ein Nervenkrieg. Ich wettete, Spivey würde rauskommen. In fünf Minuten würde ich es wissen. Ich wartete. Ich konnte riechen, wie von Westen der Regen heranzog. In einer Stunde würde er über uns sein. Ich stand da und wartete.

Spivey kam heraus. Ich hörte, wie die Gitter des Fahrzeugkäfigs quietschten. Drehte mich um und sah einen dreckigen Ford hindurchfahren. Er kam heraus und hielt neben dem Bentley. Spivey wuchtete sich heraus. Er kam zu mir. Ein großer Kerl, schwitzend, rotes Gesicht und rote Hände. Seine Uniform war speckig.

»Erinnern Sie sich jetzt?« fragte ich ihn.

Seine kleinen Schlangenaugen musterten mich. Er wirkte beunruhigt.

»Sie sind also Reacher«, sagte er. »Und was nun?«

»Richtig, ich bin Reacher. Der vom Freitag. Was war der Deal?«

Er verlagerte sein Gewicht von einem Fuß auf den anderen. Tat so, als sei ihm das Ganze gleichgültig. Aber er hatte seine Karten bereits auf den Tisch gelegt. Er war herausgekommen, um mich zu treffen. Er hatte das Spiel schon verloren. Aber er sagte nichts.

»Was war am Freitag der Deal?« fragte ich noch einmal.

»Morrison ist tot«, sagte er. Dann zuckte er die Schultern und preßte seine dünnen Lippen aufeinander. Er würde kein Wort mehr sagen.

Ich ging beiläufig nach links. Nur ein, zwei Schritte, um Spiveys Gestalt zwischen mich und den Wachmann am Tor zu bringen. Damit der Wachmann nichts sehen konnte. Morrisons Springmesser erschien in meiner Hand. Ich hielt es eine Sekunde lang in Spiveys Augenhöhe. Gerade lang genug, daß er die goldene Gravur auf dem Ebenholz lesen konnte. Dann sprang die Klinge mit einem lauten Klicken heraus. Spiveys kleine Augen klebten daran.

»Meinst du, das habe ich bei Morrison benutzt?« fragte ich.

Er starrte auf die Klinge. Sie schimmerte bläulich im verdüsterten Sonnenlicht.

»Du warst es nicht. Aber vielleicht hättest du einen guten Grund dafür gehabt.«

Ich lächelte ihn an. Er wußte, daß nicht ich Morrison umgebracht hatte. Also wußte er auch, wer es gewesen war. Also wußte er auch, wer Morrisons Bosse waren. Ganz einfach. Vier kleine Wörter, und ich war einen Schritt weiter. Ich hielt die Klinge näher an sein großes, rotes Gesicht.

»Willst du, daß ich es bei dir benutze?«

Spivey schaute sich mit irrem Blick um. Sah, daß der Wachmann dreißig Meter entfernt war.

»Der wird dir nicht helfen«, sagte ich. »Der kann dich auf den Tod nicht ausstehen. Er ist nur ein Wachmann. Du hingegen bist ein Arschkriecher und deshalb befördert worden. Er würde dich noch nicht mal anpissen, wenn du brennen würdest. Warum sollte er auch?«

»Was willst du von mir?«

»Freitag«, sagte ich. »Was war der Deal?«

»Und wenn ich's dir sage?«

Ich sah ihn achselzuckend an.

»Das kommt darauf an. Wenn du die Wahrheit sagst, laß ich dich wieder rein. Es ist deine Entscheidung. Wirst du mir die Wahrheit sagen?«

Er antwortete nicht. Wir standen dort einfach nur an der Straße. Ein Nervenkrieg. Seine Nerven waren im Eimer. Also verlor er. Seine kleinen Augen irrten umher. Sie kehrten immer wieder zur Klinge zurück.

»Okay, ich werd's dir erzählen. Ab und zu habe ich Morrison einen Dienst erwiesen. Er hat mich am Freitag angerufen. Sagte, daß er zwei Typen rüberschicken würde. Die Namen sagten mir nichts. Hatte noch nie von dir oder dem anderen gehört. Ich sollte dafür sorgen, daß dieser Hubble stirbt. Das war alles. Dir sollte wirklich nichts passieren, das schwöre ich.«

»Und was ging schief?«

»Meine Männer haben es vermasselt«, sagte er. »Das ist alles, ich schwöre es. Wir waren hinter dem anderen her. Dir sollte nichts passieren. Jetzt bist du doch raus, oder? Ist doch gar nichts passiert, oder? Warum machst du mir also solchen Ärger?«

Ich ließ die Klinge nach oben schnellen und ritzte sein Kinn. Er erstarrte schockiert. Einen Moment später floß ein dicker Strahl dunkles Blut aus dem Schnitt.

»Was war der Grund?«

»Es gibt nie einen Grund«, antwortete er. »Ich tue nur, was man mir sagt.«

»Du tust, was man dir sagt?«

»Ich tue nur, was man mir sagt«, sagte er wieder. »Ich will keine Gründe wissen.«

»Wer hat dir also gesagt, was du tun sollst?«

»Morrison. Morrison hat's mir gesagt.«

»Und wer hat Morrison gesagt, was zu tun ist?« fragte ich ihn.

Ich hielt die Klinge einen Zentimeter von seiner Wange entfernt. Er war kurz davor, vor Angst zu winseln. Ich starrte in seine kleinen Schlangenaugen. Er wußte die Antwort. Ich konnte sie sehen, weit hinten in seinen Augen. Er wußte, wer Morrison gesagt hatte, was zu tun war.

»Wer sagte ihm, was zu tun war?« fragte ich noch einmal.

»Ich weiß nicht«, erwiderte er. »Ich schwöre es, beim Grab meiner Mutter.«

Ich starrte ihn eine Zeitlang an. Schüttelte den Kopf.

»Falsch, Spivey«, sagte ich. »Du weißt es. Du wirst es mir jetzt sagen.«

Jetzt schüttelte Spivey den Kopf. Sein großes, rotes Gesicht ruckte hin und her. Das Blut floß auf sein schwabbeliges Doppelkinn.

»Sie bringen mich um, wenn ich das tue.«

Ich schnellte mit dem Messer zu seinem Bauch. Schlitzte sein speckiges Hemd auf.

»Und ich bring dich um, wenn du's nicht tust.«

Typen wie Spivey sind ziemlich kurzsichtig. Wenn er es mir sagte, würde er morgen sterben. Wenn er es mir nicht sagte, würde er heute sterben. So war seine Denkweise. Kurzsichtig. Also setzte er an, es mir zu sagen. Sein Kehlkopf ging hoch und runter, so als wäre seine Kehle zu trocken zum Sprechen. Ich starrte ihm in die Augen. Er konnte kein Wort herausbringen. Er glich dem Typen im Film, der einen Sandberg in der Wüste hochkriecht und versucht, nach Wasser zu rufen. Aber er würde es mir sagen.

Dann war es vorbei. Über seine Schulter hinweg sah ich in der Ferne eine Staubwolke. Dann hörte ich das schwache Brummen eines Dieselmotors. Dann erkannte ich den grauen Umriß des Gefängnisbusses. Spivey riß den Kopf herum, um seine Rettung zu sehen. Der Wachmann schlenderte heraus, um den Bus abzufangen. Spivey drehte den Kopf wieder herum, um mich anzusehen. In seinen Augen glomm tückischer Triumph. Der Bus kam näher.

»Wer war es, Spivey?« fragte ich. »Sag es mir jetzt, oder ich komme wieder.«

Aber er trat nur einen Schritt zurück, drehte sich um und hastete zu seinem dreckigen Ford. Der Bus fuhr dröhnend heran und überdeckte mich mit Staub. Ich ließ das Messer einschnappen und steckte es zurück in meine Tasche. Trabte hinüber zum Bentley und fuhr davon.


Das nahende Unwetter jagte mich den ganzen Weg nach Osten zurück. Ich fühlte, daß ich mehr als einen Sturm in meinem Nacken hatte. Mir war übel vor Enttäuschung. Am Morgen hätte ich nur durch ein Gespräch mit Hubble alles wissen können. Jetzt wußte ich gar nichts. Die Situation war plötzlich umgeschlagen.

Ich hatte keine Absicherung, keine Möglichkeiten, keine Hilfe. Ich konnte mich nicht bloß auf Roscoe und Finlay verlassen. Ich konnte nicht von ihnen erwarten, daß sie mit meinem Plan einverstanden waren. Und sie hatten selbst genug Schwierigkeiten im Polizeirevier. Was hatte Finlay gesagt? Unter den Augen des Gegners arbeiten? Und ich konnte nicht zuviel von Picard erwarten. Er hatte sich schon ziemlich weit vorgewagt. Ich konnte auf niemanden zählen, nur auf mich selbst.

Auf der anderen Seite mußte ich mir um Gesetze, um Hemmungen oder Störfaktoren keine Sorgen machen. Ich würde nicht die Regeln beachten müssen, triftige Gründe, verfassungsmäßige Rechte. Ich würde nicht begründete Zweifel oder die Regeln der Beweisaufnahme berücksichtigen müssen. Für diese Typen gab es keine Möglichkeit zum Einspruch an höherer Stelle. War das gerecht? Aber sicher doch! Das waren üble Typen. Sie waren schon vor langer Zeit über die Grenzlinie getreten. Üble Kerle. Was hatte Finlay gesagt? Von der übelsten Sorte. Und sie hatten Joe Reacher umgebracht.

Ich ließ den Bentley den sanften Hügel zu Roscoes Haus hinunterrollen. Hielt vor ihrem Haus auf der Straße. Sie war noch nicht zu Hause. Der Chevrolet war nicht da. Die große Chromuhr auf dem Armaturenbrett des Bentleys zeigte zehn vor sechs. Noch zehn Minuten. Ich verließ den Fahrersitz und ging zum Rücksitz. Streckte mich auf der Lederbank des großen, alten Wagens aus.

Ich wollte für diesen Abend raus aus Margrave. Ich wollte aus Georgia raus. Ich fand in dem Fach in der Rücklehne des Fahrersitzes eine Landkarte. Schaute sie mir genau an und dachte, wenn wir eine Stunde oder anderthalb nach Westen fuhren, an Warburton vorbei, dann würden wir die Staatsgrenze nach Alabama überqueren. Das hatte ich vor. Mit Roscoe westwärts nach Alabama brausen und an der ersten Bar mit Live-Musik halten, die wir sähen. Meine Probleme bis zum nächsten Tag auf Eis legen. Etwas Einfaches essen, kühles Bier trinken, bluesigen Sound hören. Mit Roscoe. Meine Vorstellung von einem verteufelt guten Abend. Ich lehnte mich zurück, um auf sie zu warten. Die Dunkelheit brach herein. Ich spürte, wie die Abendluft leicht abkühlte. Gegen sechs Uhr schlugen erste riesige Tropfen auf das Dach des Bentleys. Ich hatte den Eindruck, daß ein heftiges Abendgewitter heranzog, aber nie wirklich ankam. Es brach nicht wirklich los. Nur die großen ersten Tropfen, die herabspritzten, als würde sich der Himmel anstrengen, sich zu entladen, als könne er aber nicht loslassen. Es wurde sehr dunkel, und der schwere Wagen schaukelte sanft im feuchten Wind.

Roscoe kam spät. Das Unwetter drohte schon zwanzig Minuten über mir, bevor ich sah, wie sich ihr Chevy die Steigung herunterwand. Ihre Scheinwerfer huschten nach rechts und links. Sie glitten über mich, als sie in die Einfahrt einbog. Dann strahlten sie gegen ihr Garagentor und erstarben, als sie den Motor abstellte. Ich stieg aus dem Bentley und ging zu ihr hinüber. Wir umarmten und küßten uns. Dann gingen wir ins Haus.

»Alles klar?« fragte ich sie.

»Schätze ja«, sagte sie. »Höllischer Tag heute.«

Ich nickte. Konnte man sagen.

»Fertig?« fragte ich sie.

Sie ging umher und knipste die Lampen an. Zog Vorhänge zu.

»Heute morgen, das war das Schlimmste, was ich je gesehen habe. Bei weitem das Schlimmste. Aber ich sag dir was, was ich niemandem sonst sagen würde. Fertig war ich nicht. Nicht wegen Morrison. Du kannst nicht wegen eines solchen Typen fertig sein. Aber ich bin wegen seiner Frau fertig. Es ist schon schlimm genug, mit einem Typen wie Morrison zu leben. Aber mit ihm zu sterben?«

»Was ist mit den anderen?« fragte ich sie. »Teale?«

»Das überrascht mich nicht«, erwiderte sie. »Die ganze Familie ist schon seit zweihundert Jahren Abschaum. Ich weiß alles über sie. Seine Familie und meine kennen sich schon lange. Warum sollte er anders sein? Aber, mein Gott, ich bin so froh, daß sich die anderen im Department als sauber herausgestellt haben. Ich hatte Angst davor herauszufinden, daß einer der anderen auch zu denen gehört. Ich weiß nicht, ob ich das hätte verkraften können.«

Sie ging in die Küche, und ich folgte ihr. Sie wurde ruhig. Sie brach nicht zusammen, aber es ging ihr auch nicht gut. Sie zog die Tür des Kühlschranks auf. Diese Geste hieß: Der Schrank ist leer. Sie lächelte mich müde an.

»Hast du Lust, mir was zum Essen zu besorgen?« fragte sie.

»Sicher«, sagte ich. »Aber nicht hier. In Alabama.«

Ich erzählte ihr, was ich vorhatte. Ihr gefiel der Plan. Sie wurde fröhlicher und ging, um sich zu duschen. Ich dachte, daß ich ebenfalls eine Dusche gebrauchen konnte, und ging mit ihr. Aber es kam zu einer Verzögerung, denn als sie anfing, ihr steifes Uniformhemd aufzuknöpfen, verlagerten sich meine Prioritäten. Der Lockruf einer Bar in Alabama wurde schwächer. Und die Dusche konnte auch warten. Sie trug schwarze Unterwäsche unter der Uniform. Nicht gerade solide Sachen. Wir endeten in einer Art Raserei auf dem Boden des Badezimmers. Das Gewitter brach draußen endlich los. Der Regen schlug gegen das kleine Haus. Blitze zuckten, und Donner rollten um uns herum.

Wir schafften es schließlich bis zur Dusche. Aber dann brauchten wir sie auch wirklich. Nachher lag ich auf dem Bett, während Roscoe sich anzog. Sie entschied sich für verblichene Jeans und ein Seidenhemd. Wir schalteten die Lampen wieder aus, schlossen ab und fuhren im Bentley davon. Es war halb acht, und das Unwetter trieb nach Osten, Richtung Charleston, bevor es sich über dem Atlantik auflöste. Würde morgen vielleicht bei den Bermudas ankommen. Wir fuhren in einen tiefrosa Himmel nach Westen. Ich fand die Straße nach Warburton. Fuhr die Landstraße zwischen den endlosen dunklen Feldern entlang und am Gefängnis vorbei. Es brütete in seinem gespenstisch gelben Licht vor sich hin.

Eine halbe Stunde hinter Warburton hielten wir, um den Riesentank des alten Wagens aufzufüllen. Schlängelten uns durch Tabakfelder und überquerten den Chattahoochee auf einer alten Brücke in Franklin. Dann ein kurzer Endspurt zur Staatsgrenze. Wir waren noch vor neun Uhr in Alabama. Wir einigten uns, es auf einen Versuch ankommen zu lassen und bei der ersten Bar zu halten.

Vielleicht eine Meile später sahen wir ein altes Gasthaus. Bogen auf den Parkplatz ein und stiegen aus. Es sah okay aus. Ziemlich groß, breit und niedrig, aus geteerten Brettern. Viel Neon, viele Autos auf dem Parkplatz, und ich konnte Musik hören. Auf dem Schild an der Tür stand The Pond, sieben Tage die Woche Live-Musik ab halb zehn. Roscoe und ich nahmen uns bei der Hand und gingen hinein.

Bargeräusche, Musik aus der Jukebox und der Geruch von Bier schlug uns entgegen. Wir drängten uns nach hinten durch und entdeckten einen weiten Kreis von Nischen um eine Tanzfläche herum, hinter der sich eine Bühne befand. Die Bühne war eigentlich nur eine niedrige Plattform aus Beton. Früher war sie wahrscheinlich eine Art Ladeplatz gewesen. Die Decke war niedrig und das Licht dämmrig. Wir fanden eine leere Nische und glitten hinein. Beobachteten, wie die Band ihre Instrumente aufbaute, während wir auf die Bedienung warteten. Die Kellnerinnen flitzten herum wie Mittelfeldspieler beim Basketball. Eine sprang herüber, und wir bestellten Bier, Cheeseburger, Pommes frites und Zwiebelringe. Ziemlich rasch kam sie mit einem dünnen Tablett zurück, auf dem unsere Sachen standen. Wir aßen und tranken und bestellten dann nach.

»Was wirst du jetzt wegen Joe unternehmen?« fragte Roscoe mich.

Ich würde seinen Job zu Ende bringen. Wie auch immer der aussah. Was auch immer das kostete. So lautete die Entscheidung, die ich am Morgen in ihrem warmen Bett getroffen hatte. Aber sie war Polizistin. Sie hatte geschworen, alle möglichen Gesetze zu beachten. Gesetze, die dazu da waren, mir in die Quere zu kommen. Ich wußte nicht, was ich ihr sagen sollte. Aber sie wartete auch nicht, bis ich etwas sagte.

»Ich meine, du solltest herausfinden, wer ihn umgebracht hat«, sagte sie.

»Und dann?«

Aber weiter kamen wir nicht. Die Band fing an zu spielen. Wir konnten nicht mehr reden. Roscoe lächelte mich entschuldigend an und schüttelte den Kopf. Die Band war laut. Sie zuckte die Schultern, um sich zu entschuldigen, daß ich sie nicht mehr hören konnte. Sie bedeutete mir, daß wir später weiterreden würden, und dann wandten wir unsere Gesichter der Bühne zu. Ich wünschte, ich hätte ihre Antwort auf meine Frage gehört.

Die Bar hieß The Pond und die Band Pond Life. Sie gingen es ziemlich gut an. Das klassische Trio. Gitarre, Baß, Schlagzeug. Entschieden in Richtung Stevie Ray Vaughan. Seit Stevie Ray in seinem Hubschrauber bei Chicago ums Leben gekommen war, schien es, daß man alle weißen Männer unter vierzig in den Südstaaten zusammennehmen und die Summe durch drei teilen konnte, und das Ergebnis war dann die Anzahl der Bands, die Stevie Ray Vaughan ihren Tribut zollten. Alle machten es. Weil man nicht viel dazu brauchte. Es war egal, wie man aussah, egal, welche Ausrüstung man hatte. Man brauchte nur den Kopf zu senken und zu spielen. Die besten von ihnen konnten Stevie Rays sekundenschnelle Wechsel vom lässigen Bar Rock zum alten Texas Blues nachvollziehen.

Dieser Haufen hier war ziemlich gut. Pond Life - Leben im Tümpel. Sie wurden ihrem ironischen Namen gerecht. Der Baß und das Schlagzeug waren große, unordentliche Burschen mit vielen Haaren überall, fett und schmutzig. Der Gitarrenspieler war ein kleiner, dunkler Typ, ähnlich wie Stevie Ray selbst. Dasselbe zahnlose Grinsen. Und spielen konnte er auch. Er hatte eine schwarze Les-Paul-Kopie und einen großen Marshall-Verstärker. Guter, altmodischer Sound. Die dicken Saiten und die großen Tonabnehmer, die die alten Marshall-Röhren überlasteten, ergaben dieses glorreiche, fette, surrende Heulen, das man anders nicht kriegte.

Wir hatten viel Spaß. Wir tranken eine Menge Bier und saßen eng beieinander in unserer Nische. Dann tanzten wir eine Zeitlang. Konnten nicht widerstehen. Die Band spielte und spielte. Das Lokal wurde voll und heiß. Die Musik lauter und schneller. Die Kellnerinnen rannten mit langhalsigen Flaschen hin und her.

Roscoe sah großartig aus. Ihr Seidenhemd war feucht. Darunter trug sie nichts. Ich konnte es sehen, weil ihr die feuchte Seide auf der Haut klebte. Ich schwebte im siebten Himmel. Ich befand mich mit einer hinreißenden Frau und einer anständigen Band in einer einfachen, alten Bar. Joe lag bis morgen auf Eis. Margrave war eine Million Meilen weit weg. Ich hatte keine Probleme. Ich wollte nicht, daß der Abend je endete.

Die Band spielte noch ziemlich lange. Bis irgendwann nach Mitternacht, schätzte ich. Wir waren aufgeputscht und sentimental. Wollten nicht an die Rückfahrt denken. Es hatte wieder angefangen, leicht zu regnen. Wir wollten nicht anderthalb Stunden im Regen zurückfahren. Nicht mit soviel Bier im Blut. Hätte in einem Graben enden können. Oder im Gefängnis. Ein Schild versprach in einer Meile Entfernung ein Motel. Roscoe sagte, wir sollten dorthin. Sie fand das sehr komisch. Als würden wir durchbrennen oder so. Als hätte ich sie zu genau diesem Zweck über die Staatsgrenze gebracht. Das stimmte eigentlich nicht ganz. Aber ich hatte nicht viel dagegen einzuwenden.

Also stolperten wir mit klingelnden Ohren aus der Bar und stiegen in den Bentley. Wir fuhren den alten Wagen langsam und vorsichtig ein Meile weit über die nasse Straße. Sahen das Motel vor uns. Ein langgestrecktes, altes Gebäude, wie aus einem Film. Ich bog auf den Parkplatz ein und ging ins Büro.

Weckte den Typen an der Rezeption. Gab ihm das Geld und verabredete einen Weckruf. Bekam den Schlüssel und ging zurück zum Wagen. Ich fuhr bis zu unserem Zimmer, und wir gingen hinein. Es war ein anständiges, anonymes Zimmer. Hätte überall in Amerika sein können. Aber es war warm und behaglich mit dem Regen, der aufs Dach prasselte. Und es hatte ein großes Bett.

Ich wollte nicht, daß Roscoe sich erkältete. Sie mußte das feuchte Hemd ausziehen. Das sagte ich ihr auch. Sie kicherte. Sagte, sie hätte noch gar nicht bemerkt, daß ich auch medizinische Kenntnisse hätte. Ich sagte ihr, wir hätten genug für die wichtigsten Notfälle beigebracht bekommen.

»Ist dies ein wichtiger Notfall?« kicherte sie.

»Das wird es bald sein«, lachte ich. »Wenn du nicht dieses Hemd ausziehst.« Also zog sie es aus. Dann bedeckte ich ihren Körper. Sie war so wunderschön, so aufreizend. Sie war zu allem bereit.

Nachher lagen wir erschöpft ineinander verschlungen und redeten. Über das, was wir waren, und das, was wir gemacht hatten. Über das, was wir sein wollten, und das, was wir machen wollten. Sie erzählte über ihre Familie. Es war eine traurige Geschichte, in der Menschen über Generationen hinweg vom Pech verfolgt wurden. Es hörte sich an, als wären es anständige Leute gewesen, Farmer, Menschen, die es immer nur fast schafften. Leute, die sich durch die harten Zeiten ohne Kunstdünger und Maschinen gekämpft hatten und den Mächten der Natur ausgeliefert waren. Einer ihrer Vorfahren hätte fast sein Glück gemacht, aber er verlor sein bestes Land, als der Urgroßvater von Bürgermeister Teale die Eisenbahn baute. Dann wurden ein paar Hypotheken eingefordert. Der Haß hatte die Jahre überdauert, so daß Roscoe jetzt Margrave zwar liebte, aber es haßte zu sehen, wie Teale herumstolzierte, als würde alles ihm und seiner Familie gehören. Was leider den Tatsachen entsprach, und zwar seit ewigen Zeiten.

Ich sprach mit ihr über Joe. Erzählte ihr Dinge, die ich noch niemandem erzählt hatte. Die ganzen Sachen, die ich für mich behalten hatte. Alles über meine Gefühle für ihn und die Gründe, warum ich meinte, wegen seines Todes etwas tun zu müssen. Und wie gut es mir damit ging. Wir redeten über eine Menge persönlicher Dinge. Redeten eine lange Zeit und schliefen engumschlungen ein.


Es war, als hätte der Typ direkt danach zum Wecken an die Tür geklopft. Dienstag. Wir standen auf und stolperten herum. Die Morgensonne kämpfte gegen die diesige Dämmerung. Innerhalb von fünf Minuten waren wir im Bentley und fuhren ostwärts. Auf der taufeuchten Windschutzscheibe blendete die aufgehende Sonne.

Langsam wurden wir wach. Wir fuhren über die Staatsgrenze zurück nach Georgia. Überquerten in Franklin den Fluß. Fuhren mit gleichmäßig hoher Geschwindigkeit durch das leere Farmland. Die Felder waren unter einer Decke fließenden Morgennebels versteckt. Sie hing wie Dampf über der roten Erde. Die Sonne stieg und schickte sich an, ihn aufzulösen.

Keiner von uns sprach. Wir wollten uns unseren Kokon der stillen Vertrautheit so lange wie möglich erhalten. Unsere Rückkehr nach Margrave würde die Blase früh genug zum Platzen bringen. Ich lenkte den großen, majestätischen Wagen über die Landstraßen und gab mich meinen Hoffnungen hin. Hoffte, es würde noch etliche Nächte wie die vergangene geben. Und stille Morgenstunden wie diese. Roscoe hatte sich auf dem großen Ledersitz neben mir zusammengerollt. In Gedanken verloren. Sie sah sehr zufrieden aus. Ich hoffte, daß sie es war.

Wir fuhren wieder an Warburton vorbei. Das Gefängnis wirkte unter dem Teppich tiefhängenden Nebels wie eine Stadt von Außerirdischen. Wir passierten das kleine Wäldchen, das ich vom Gefängnisbus aus gesehen hatte. Vorbei an den Reihen von Büschen, die jetzt auf den Feldern nicht zu sehen waren. Erreichten die Abzweigung und bogen nach Süden auf die Landstraße ein. An Eno's Diner vorbei, und vorbei am Polizeirevier und der Feuerwehr. Die Main Street hinunter. Wir bogen an der Statue des Mannes, der gutes Land für die Eisenbahn verschwendet hatte, nach links ein. Den Hügel zu Roscoes Haus hinunter. Ich parkte am Bordstein, und wir stiegen aus, gähnten und streckten uns. Wir grinsten uns kurz an. Uns ging es gut. Hand in Hand gingen wir die Einfahrt hinauf.

Ihre Tür stand offen. Nicht weit, nur einen winzigen Spalt. Sie stand offen, weil das Schloß aufgebrochen worden war. Jemand hatte ein Stemmeisen benutzt. Durch das aufgebrochene Schloß und das gesplitterte Holz ließ sich die Tür nicht mehr schließen. Roscoe schlug sich eine Hand vor den Mund und zog lautlos Luft ein. Ihre Augen waren aufgerissen. Sie glitten von der Tür zu mir.

Ich nahm sie am Arm und zog sie weg. Wir preßten uns flach gegen das Garagentor. Bückten uns. Blieben eng an die Mauern gedrückt und umrundeten das Haus. Lauschten aufmerksam an jedem Fenster und riskierten es, für einen raschen Blick in jedes Zimmer nach oben zu kommen. Wir kamen zur aufgebrochenen Vordertür zurück. Wir waren ganz naß, weil wir auf dem nassen Boden gekniet und die tropfenden Gartenpflanzen gestreift hatten. Wir standen auf. Sahen einander an und zuckten die Schultern. Drückten die Tür auf und gingen hinein.

Wir überprüften alles. Es war niemand im Haus. Kein Schaden. Keine Unordnung. Nichts war gestohlen worden. Die Stereoanlage war noch da, der Fernseher war noch da. Roscoe überprüfte ihren Schrank. Der Polizeirevolver steckte noch im Halfter. Sie überprüfte die Schubladen und ihren Schreibtisch. Nichts war angerührt worden. Nichts war durchsucht worden. Nichts fehlte. Wir gingen zurück in den Flur und sahen einander an. Dann bemerkte ich, daß etwas zurückgelassen worden war.

Die aufgehende Morgensonne drang durch die offene Tür und zog einen flachen Strahl über den Boden. Ich konnte eine Spur von Fußabdrücken auf dem Parkett sehen. Viele Fußabdrücke. Mehrere Leute hatten von der Vordertür bis zum Wohnzimmer ihre Spuren hinterlassen. Sie verschwanden auf dem farbenfrohen Teppich im Wohnzimmer. Erschienen wieder auf dem Holzboden, der ins Schlafzimmer führte. Führten zurück durch das Wohnzimmer bis zur Vordertür. Vier Personen waren aus der regnerischen Nacht gekommen. Ein dünner Film trüben Regenwassers war auf dem Holz getrocknet und hatte schwache Abdrücke hinterlassen. Schwach, aber deutlich Umrissen. Ich konnte mindestens vier Personen ausmachen. Die herein- und wieder hinausgegangen waren. Ich konnte den Verlauf ihrer Schritte sehen. Sie hatten Gummiüberschuhe getragen. Wie man sie im Norden für den Winter kauft.