KAPITEL 22
Finlay nickte. Er war überzeugt. Dann lächelte er. Er stand von der Bank im Schaufenster des Friseurladens auf und nahm Roscoes Hand. Schüttelte sie sehr feierlich.
»Gute Arbeit«, sagte er zu ihr. »Eine perfekte Analyse. Ich habe immer schon gesagt, daß Sie klug sind, Roscoe. Richtig, Reacher? Habe ich Ihnen nicht gesagt, daß sie die Beste ist, die wir haben?«
Ich nickte und lächelte, und Roscoe wurde rot. Finlay hielt ihre Hand fest und hörte nicht auf zu grinsen. Aber ich konnte sehen, daß er ihre Theorie immer wieder durchging, auf der Suche nach ungeklärten Fragen. Er fand nur zwei.
»Was ist mit Hubble?« fragte er. »Wie paßt er da hinein? Sie würden doch keinen Bankmanager anheuern, damit er Lkws lädt, oder?«
Ich schüttelte den Kopf.
»Hubble war früher Manager für Zahlungsmittel«, sagte ich. »Seine Funktion war, das Falschgeld loszuwerden. Er ließ es ins System fließen. Er wußte, wo man es einschleusen konnte. Wo es gebraucht wurde. Wie in seinem alten Job, nur umgekehrt.«
Er nickte.
»Und was ist mit den Klimaanlagen?« fragte er dann. »Sherman Stoller transportierte sie nach Florida. Das hat diese Frau doch erzählt. Wir wissen, daß das stimmt, weil Sie beide zwei alte Kartons in der Garage gefunden haben. Und sein Lkw war voll davon, als das Police Department von Jacksonville ihn durchsuchte. Was hatte es damit auf sich?«
»Legales Geschäft, schätze ich«, sagte ich. »Wie eine Tarnung. Es verbarg den illegalen Teil. Camouflage. Es diente als Erklärung für die Touren des Lkws zwischen Margrave und Florida. Sonst hätte man mit leerem Wagen in den Süden fahren müssen.«
Finlay nickte.
»Kluger Schachzug, finde ich«, sagte er. »Keine Touren mit leerem Wagen. Das ergibt Sinn. Man verkauft ein paar Klimaanlagen und macht in beide Richtungen Geld, richtig?«
Er nickte wieder und ließ Roscoes Hand los.
»Wir brauchen ein Muster von dem Falschgeld.«
Ich lächelte ihn an. Mir war plötzlich etwas klargeworden.
»Ich habe ein Muster«, sagte ich. Steckte die Hand in meine Tasche und zog mein dickes Bündel Hunderter heraus. Nahm einen vom hinteren und einen vom vorderen Teil des Bündels. Gab Finlay die beiden Banknoten.
»Das sind ihre Fälschungen?« fragte er.
»Es müssen Fälschungen sein. Charlie Hubble gab mir ein Bündel Hunderter für meine Unkosten. Sie hatte sie wahrscheinlich von Hubble. Dann habe ich den Typen, die mich am Dienstag gesucht haben, noch ein weiteres Bündel abgenommen.«
»Und deshalb sollen es Fälschungen sein?« fragte Finlay. »Warum?«
»Denken Sie nach«, sagte ich. »Kliner braucht Geld für seine Unkosten, warum sollte er da echtes benutzen? Ich wette, er hat Hubble mit Falschgeld bezahlt. Und ich wette, er gab diesen Latinos aus Jacksonville ebenfalls Falschgeld für deren Spesen.«
Finlay hielt die beiden Hunderter direkt ins helle Licht am Fenster. Roscoe und ich stellten uns neben ihn, um einen Blick darauf zu werfen.
»Bist du sicher?« fragte Roscoe. »Sie sehen echt für mich aus.«
»Es sind Fälschungen«, sagte ich. »Es muß so sein. Das ist doch klar. Fälscher mögen Hunderter. Alles Größere ist schwierig in Umlauf zu bringen, alles Kleinere lohnt die Mühe nicht. Und warum sollten sie echte Dollars ausgeben, wenn sie Wagenladungen von Falschgeld haben?«
Wir sahen uns die Scheine genau an. Sahen sie uns an, befühlten sie, berochen sie, rieben sie zwischen unseren Fingern. Finlay öffnete seine Brieftasche und zog einen eigenen Hunderter heraus. Wir verglichen die drei Banknoten. Ließen sie zwischen uns herumgehen. Konnten nicht den geringsten Unterschied feststellen.
»Wenn das Fälschungen sind, dann sind es verdammt gute«, sagte Finlay. »Aber was Sie sagen, ergibt Sinn. Wahrscheinlich ist die ganze Kliner-Stiftung mit Falschgeld finanziert. Millionen jedes Jahr.«
Er steckte seinen Hunderter zurück in die Brieftasche. Schob die Fälschungen in seine Tasche.
»Ich gehe zurück zum Revier«, sagte er. »Sie beide kommen morgen so gegen Mittag. Teale ist dann zum Essen. Dann machen wir weiter.«
Roscoe und ich fuhren fünfzig Meilen südwärts, nach Macon. Ich wollte in Bewegung bleiben. Das ist eine Grundregel in Fragen der Sicherheit. Immer in Bewegung bleiben. Wir wählten ein anonymes Motel am südöstlichen Stadtrand. In der größtmöglichen Entfernung, die man von Macon aus nach Margrave bekommen kann, mit der ganzen Stadt zwischen uns und unseren Gegnern. Der gute, alte Bürgermeister hatte gesagt, daß ein Motel in Macon sicher besser für mich wäre. Für heute nacht hatte er mit Sicherheit recht.
Wir duschten kalt und fielen ins Bett. Fielen in einen unruhigen Schlaf. Das Zimmer war warm. Den größten Teil der Nacht warfen wir uns ruhelos hin und her. Gaben es auf und standen im Morgengrauen wieder auf. Standen gähnend im Dämmerlicht. Donnerstag morgen. Ein Gefühl, als hätten wir überhaupt nicht geschlafen. Wir tasteten uns durchs Zimmer und zogen uns im Dunkeln an. Roscoe ihre Uniform. Ich nahm meine alten Sachen. Bald würde ich ein paar neue kaufen müssen. Ich würde das mit Kliners Falschgeld erledigen.
»Was machen wir jetzt?« fragte Roscoe.
Ich antwortete nicht. Ich dachte über etwas anderes nach.
»Reacher? Was machen wir jetzt?«
»Was hat Gray damit angefangen?« fragte ich.
»Er hat sich aufgehängt.«
Ich dachte weiter nach.
»Hat er das wirklich?« fragte ich sie.
Stille.
»O Gott«, sagte Roscoe. »Glaubst du, es gibt Grund, daran zu zweifeln?«
»Vielleicht. Denk mal nach. Angenommen, er hat einen von ihnen damit zur Rede gestellt? Angenommen, er wurde erwischt, wie er irgendwo herumschnüffelte, wo er nicht hätte sein sollen?«
»Du glaubst, sie haben ihn umgebracht?« fragte sie. In ihrer Stimme klang Panik durch.
»Vielleicht«, sagte ich wieder. »Ich glaube, daß sie Joe und Stoller und die Morrisons und Hubble und Molly Beth Gordon umgebracht haben. Ich glaube, daß sie versucht haben, dich und mich umzubringen. Wenn jemand eine Bedrohung für sie darstellt, bringen sie ihn um. Das ist Kliners Methode.«
Roscoe schwieg eine Zeitlang. Dachte an ihren alten Kollegen. An Gray, den düsteren, geduldigen Detective. Der fünfundzwanzig Jahre lang gewissenhaft gearbeitet hatte. Ein Mann wie er war eine Bedrohung. Ein Mann, der zweiunddreißig Tage geduldig zur Überprüfung eines Verdachts investierte, war eine Bedrohung. Roscoe blickte mich an und nickte.
»Er muß einen falschen Schachzug gemacht haben«, sagte sie.
Ich nickte behutsam.
»Sie haben ihn gelyncht. Und ließen es aussehen wie einen Selbstmord.«
»Ich kann's nicht fassen«, sagte sie.
»Gab es einen Autopsiebericht?«
»Ich schätze, ja«, sagte sie,
»Dann überprüfen wir den«, entschied ich. »Wir müssen noch mal mit diesem Pathologen sprechen. Drüben in Yellow Springs.«
»Aber er hätte es doch gesagt, oder?« fragte sie mich. »Wenn er Zweifel gehabt hätte, hätte er sie da nicht sofort geäußert?«
»Er hätte sie vor Morrison geäußert«, sagte ich. »Morrison hätte sie ignoriert. Weil dessen Leute die Ursache für diese Zweifel gewesen wären. Wir müssen es selbst überprüfen.«
Roscoe erschauerte.
»Ich war bei seinem Begräbnis. Wir alle waren da. Chief Morrison hielt eine Rede auf der Wiese vor der Kirche. Und Bürgermeister Teale. Sie sagten, daß er ein guter Officer gewesen sei. Sie sagten, daß er Margraves bester Officer war. Aber sie haben ihn umgebracht.«
Sie sagte das mit einer Menge Gefühl in der Stimme. Sie hatte Margrave gemocht. Ihre Familie hatte sich seit Generationen hier abgemüht. Sie war hier verwurzelt. Sie hatte ihren Job gemocht. Ihn als sinnvollen Beitrag für die Gemeinschaft angesehen. Aber die Gemeinschaft, der sie gedient hatte, war verdorben. Sie war verrottet und korrupt. Es war keine Gemeinschaft. Es war ein Sumpf aus dreckigem Geld und Blut. Ich saß da und sah zu, wie ihre Welt zusammenbrach.
Wir fuhren auf der Straße zwischen Macon und Margrave nach Norden. Nach der halben Strecke bog Roscoe nach rechts ab, und wir fuhren auf einer Seitenstraße nach Yellow Springs hinüber. Zum Krankenhaus. Ich hatte Hunger. Wir hatten nicht gefrühstückt. Nicht die besten Voraussetzungen für einen erneuten Besuch im Leichenschauhaus. Wir bogen auf den Krankenhausparkplatz ein. Fuhren langsam über die Bodenschwellen und fädelten uns nach hinten durch. Parkten in kurzer Distanz von der großen Metallrolltür.
Wir stiegen aus dem Wagen. Streckten uns auf dem Wendekreis vor dem Eingang. Die Sonne wärmte den Tag. Es wäre angenehm gewesen, draußen zu bleiben. Aber wir gingen hinein und suchten nach dem Mediziner. Fanden ihn in seinem schäbigen Büro. Er saß an seinem abgenutzten Schreibtisch. Sah immer noch müde aus. Steckte immer noch in einem weißen Kittel. Er blickte auf und nickte uns zu.
»Morgen, Leute. Was kann ich für euch tun?«
Wir setzten uns auf dieselben Stühle wie am Dienstag. Ich hielt mich vom Faxgerät fern. Überließ Roscoe das Reden. Es war besser so. Ich hatte keine offizielle Funktion.
»Februar diesen Jahres«, sagte sie. »Als sich der Chief Detective vom Police Department in Margrave umgebracht hat. Erinnern Sie sich?«
»War das ein Mann namens Gray?«
Roscoe nickte, und der Pathologe stand auf und ging zu einem Aktenschrank. Zog eine Schublade auf. Sie klemmte und machte ein quietschendes Geräusch. Er ließ seine Finger über die Akten gleiten.
»Februar«, wiederholte er. »Gray.«
Er zog eine Akte heraus und brachte sie zu seinem Schreibtisch. Warf sie auf die Schreibunterlage. Ließ sich schwer auf seinen Stuhl fallen und öffnete sie. Es war eine dünne Akte.
»Gray«, sagte er wieder. »Ja, ich erinnere mich an diesen Mann. Hat sich aufgehängt, richtig? Das erste Mal seit dreißig Jahren, daß wir so einen Fall in Margrave hatten. Ich wurde zu seinem Haus gerufen. Es war in der Garage, nicht wahr? An einem Dachsparren?«
»Das ist richtig«, bestätigte Roscoe. Sie wurde still.
»Und wie kann ich Ihnen helfen?«
»Stimmte irgend etwas nicht?« fragte sie.
Der Mann blickte auf die Akte. Blätterte eine Seite um.
»Wenn sich jemand aufhängt, stimmt immer irgendwas nicht«, sagte er.
»Gab's was Besonderes?« fragte ich.
Der Pathologe wandte seinen müden Blick von Roscoe zu mir herüber.
»Etwas Verdächtiges?« fragte er.
Fast lächelte er so wie am Dienstag.
»Ja, war irgendwas verdächtig an dem Fall?« fragte ich ihn.
Er schüttelte den Kopf.
»Nein, Selbstmord durch Erhängen. Ein ganz klarer Fall. Er stand auf einem Küchenhocker in seiner Garage. Legte sich eine Schlinge um den Hals und sprang vom Hocker. Alles war stimmig. Wir bekamen die Hintergrundinformationen von ein paar Leuten aus Margrave. Ich konnte nichts Problematisches sehen.«
»Und wie lauteten diese Hintergrundinformationen?« fragte Roscoe ihn.
Er wandte seinen Blick wieder ihr zu. Sah die Akte durch.
»Er war depressiv«, sagte er. »Schon eine ganze Weile. In der Nacht, als es geschah, war er einen trinken. Mit seinem Chef, diesem Morrison, den wir gerade hier hatten, und mit dem Bürgermeister, einem Mann namens Teale. Die drei spülten ihren Kummer über einen Fall runter, den Gray vermasselt hatte. Er fiel betrunken hin, und die beiden mußten ihn nach Hause bringen. Sie halfen ihm also und ließen ihn dann allein. Er muß sich schlecht gefühlt haben. Er schaffte es bis zur Garage und hängte sich auf.«
»So lautete die Geschichte?« fragte Roscoe.
»Morrison hat seine Aussage unterzeichnet«, sagte der Mann. »Er war wirklich betroffen. Hatte das Gefühl, er hätte mehr tun können. Sie wissen schon, bei ihm bleiben oder so.«
»Hörte sich das stimmig für Sie an?« fragte sie ihn.
»Ich kannte Gray ja nicht«, antwortete er. »Dieses Institut hat mit einem Dutzend Police Departments zu tun. Ich habe vor diesem Fall nie jemanden aus Margrave gesehen. Ein ziemlich ruhiger Ort, nicht wahr? Zumindest war er das. Aber was mit diesem Mann geschah, entspricht dem Üblichen. Solche Dinge werden häufig durchs Trinken ausgelöst.«
»Irgendwelche körperlichen Spuren?« fragte ich ihn.
Der Doktor blickte wieder in die Akte. Sah mich dann an.
»Die Leiche stank nach Whisky. Ein paar frische Druckstellen an den Ober- und Unterarmen. Das paßt zu der Angabe, daß er von zwei Männern nach Hause gebracht werden mußte, weil er betrunken war. Ich konnte daran nichts Verdächtiges sehen.«
»Haben Sie eine Autopsie vorgenommen?« fragte Roscoe ihn.
Der Pathologe schüttelte den Kopf.
»Gab es keinen Grund für«, sagte er. »Es war ein glasklarer Fall, und wir hatten sehr viel zu tun. Wie ich schon sagte, wir haben uns noch um andere Dinge zu kümmern als um Selbstmorde drüben in Margrave. Im Februar hatten wir viele Fälle. Steckten bis zum Hals in Arbeit. Ihr Chief Morrison bat uns darum, sowenig Aufhebens wie möglich zu machen. Ich glaube, er schickte uns eine Notiz. Sagte, es sei ein bißchen heikel. Er wollte nicht, daß Grays Familie erfuhr, daß der alte Mann so betrunken war. Wollte ihm etwas Würde lassen. Das war für mich in Ordnung. Ich konnte nichts Verdächtiges sehen, und wir hatten sehr viel zu tun, also gab ich die Leiche sofort für die Einäscherung frei.«
Roscoe und ich saßen da und sahen uns an. Der Mann ging zurück zum Schrank und ordnete die Akte wieder ein. Schloß die Schublade, daß es quietschte.
»Alles klar, Leute?« fragte er. »Wenn Sie jetzt entschuldigen wollen, ich habe noch etwas zu tun.«
Wir nickten und dankten ihm für seine Mühe. Dann gingen wir langsam aus dem engen Büro. Zurück in die warme Herbstsonne. Standen blinzelnd herum. Wir sagten nichts. Roscoe war zu aufgebracht. Sie hatte gerade gehört, daß ihr alter Freund umgebracht worden war.
»Es tut mir leid«, sagte ich.
»Eine Scheißgeschichte von vorn bis hinten«, sagte sie. »Er hat keinen Fall vermasselt. Er hat nie irgendeinen Fall vermasselt. Er war auch nicht besonders depressiv. Und er trank nicht. Hat nie einen Tropfen angerührt. Also ist er mit Sicherheit nicht betrunken hingefallen. Und er wäre nie mit Morrison ausgegangen. Oder mit dem verdammten Bürgermeister. Das hätte er einfach nicht getan. Er mochte sie nicht. Nicht in einer Million Jahre hätte er einen geselligen Abend mit ihnen verbracht. Und er hatte keine Familie. Also ist das ganze Zeug über seine Familie und das Heikle und seine Würde totaler Quatsch. Sie brachten ihn um, und verarschten den Gerichtsmediziner, damit er nicht zu genau hinsah.«
Ich saß einfach nur im Wagen und ließ sie ihre Wut ausleben. Dann wurde sie ruhig und still. Sie überlegte sich, wie sie es gemacht hatten.
»Glaubst du, es waren Morrison und Teale?« fragte sie mich.
»Und noch jemand«, sagte ich. »Es waren drei Männer. Ich denke, die drei gingen zu seinem Haus und klopften an seine Tür. Gray öffnete, und Teale zog eine Waffe. Morrison und der dritte Mann packten ihn und hielten ihn an den Armen fest. Daher die Druckstellen. Es war vielleicht Teale, der ihm dann eine Flasche Whisky in den Hals geschüttet oder zumindest über seine Kleider gegossen hat. Sie brachten ihn schnell zur Garage und knüpften ihn auf.«
Roscoe ließ den Wagen an und lenkte ihn vom Krankenhausgelände. Sie fuhr langsam über die Bodenschwellen. Dann warf sie das Steuer herum und schoß die Straße durch die Felder in Richtung Margrave.
»Sie haben ihn umgebracht«, sagte sie. Das war eine einfache Feststellung. »Wie sie Joe umgebracht haben. Ich glaube, ich weiß jetzt, wie du dich fühlst.«
Ich nickte.
»Sie werden dafür bezahlen«, sagte ich. »Für beide.«
»Darauf kannst du deinen Arsch verwetten«, sagte sie.
Wir wurden still. Rasten eine Weile Richtung Norden und fuhren dann auf die Landstraße. Und brachten die zwölf Meilen nach Margrave hinter uns.
»Der arme, alte Gray«, sagte sie. »Ich kann es nicht fassen. Er war so schlau, so vorsichtig.«
»Nicht schlau genug. Oder vorsichtig genug. Wir müssen immer daran denken. Du kennst doch die Regeln, oder? Nie allein bleiben. Wenn du jemanden auf dich zukommen siehst, renn um dein Leben. Oder knall den Bastard ab. Halte dich, wenn möglich, an Finlay, okay?«
Sie konzentrierte sich aufs Fahren. Sie fuhr ein höllisches Tempo auf der geraden Straße. Dachte über Finlay nach.
»Finlay«, wiederholte sie. »Weißt du, was ich nicht begreife?«
»Was?«
»Da sind die beiden, richtig?« sagte sie. »Teale und Morrison. Sie lenken für Kliner die Stadt. Sie leiten das Police Department. Die beiden teilen die Leitung unter sich auf. Ihr Chief Detective ist Gray. Ein alter Mann, ein kluger Kopf, gerissen und hartnäckig. Er ist dort seit fünfundzwanzig Jahren, lange bevor diese Scheiße angefangen hat. Sie haben ihn geerbt und können ihn nicht loswerden. Also kommt ihnen eines Tages der hartnäckige Detective auf die Schliche. Er findet heraus, daß etwas vor sich geht. Und sie finden heraus, daß er es herausgefunden hat. Also räumen sie ihn aus dem Weg. Sie bringen ihn um, damit alles beim alten bleibt. Und was tun sie als Nächstes?«
»Sprich weiter«, sagte ich.
»Sie engagieren einen Ersatz«, sagte sie. »Finlay, aus Boston. Einen Mann, der noch gerissener und noch hartnäckiger als Gray ist. Warum zum Teufel tun sie das? Wenn Gray schon eine Gefahr für sie dargestellt hat, dann wird Finlay zweimal so gefährlich sein. Warum also haben sie das gemacht? Warum haben sie jemanden engagiert, der noch schlauer ist als der Vorgänger?«
»Das ist leicht zu erklären. Sie hielten Finlay für einen echten Dummkopf.«
»Einen Dummkopf?« sagte sie. »Wie zum Teufel sind sie denn darauf gekommen?«
Also erzählte ich ihr die Geschichte, die Finlay mir am Montag bei Kaffee und Doughnuts an der Theke des Drugstores erzählt hatte. Über seine Scheidung. Seine Geistesverfassung zu der Zeit. Was hatte er gesagt? Er sei ein Wrack gewesen. Ein Idiot. Konnte nicht zwei Wörter vernünftig aneinanderreihen.
»Chief Morrison und Bürgermeister Teale führten mit ihm das Vorstellungsgespräch«, erzählte ich ihr. »Er dachte, es sei die schlechteste Bewerbung aller Zeiten gewesen. Er dachte, er hätte wie ein Idiot gewirkt. Er war völlig überrascht, als sie ihm den Job gaben. Jetzt verstehe ich, warum sie das taten. Sie suchten nach einem echten Idioten.«
Roscoe lachte. Mir wurde leichter ums Herz.
»Mein Gott«, sagte sie. »Das ist Ironie des Schicksals. Sie müssen sich zusammengesetzt und es ausgeheckt haben. Gray ist ein Problem, sagten sie. Besser, wir ersetzen ihn durch einen Idioten. Besser, wir nehmen den schlechtesten aller Bewerber.«
»Richtig. Und das taten sie ja auch. Sie nahmen einen traumatisierten Idioten aus Boston. Aber als er hier seine Stelle antrat, hatte er sich beruhigt und war wieder zu dem coolen und intelligenten Mann geworden, der er immer schon war.«
Sie lächelte die nächsten zwei Meilen darüber. Dann überquerten wir eine leichte Steigung und fuhren den langen Bogen nach Margrave hinunter. Wir waren angespannt. Es war, als würden wir die Kriegszone betreten. Wir hatten uns eine Weile aus ihr entfernt. Es fühlte sich nicht gut an zurückzukehren. Ich hatte erwartet, mich besser zu fühlen, wenn die Gegner identifiziert waren. Aber es war anders gekommen, als ich erwartet hatte. Der Kampf wurde nicht nur zwischen mir auf der einen Seite und ihnen auf der anderen ausgetragen, vor einem neutralen Hintergrund. Der Hintergrund war nicht neutral. Der Hintergrund war ebenfalls der Gegner. Die ganze Stadt gehörte dazu. Der ganze Ort war gekauft. Niemand würde neutral sein. Wir fuhren mit fünfzig Stundenkilometern den Hügel hinab, auf Chaos und Gefahr zu. Eine größere Gefahr, als ich erwartet hatte.
Roscoe verlangsamte auf die zugelassene Geschwindigkeit. Der große Chevy glitt über Margraves glatten Asphalt. Die Magnolien und die Strauchpflanzen rechts und links wurden durch samtige Rasenflächen und Zierkirschen abgelöst. Bäume mit glatten, glänzenden Stämmen. Die wirken, als hätte sie jemand mit der Hand poliert. In Margrave war das auch nicht unwahrscheinlich. Die Kliner-Stiftung zahlte wahrscheinlich jemandem ein ansehnliches Gehalt für den Job.
Wir fuhren an den gepflegten Geschäftshäusern vorbei, die leer und selbstzufrieden mit tausend verdienten Dollar pro Woche vor sich hin träumten. Wir fuhren um den Anger mit der Statue von Caspar Teale herum. Glitten an der Abfahrt zu Roscoes Haus und der demolierten Vordertür vorbei. Am Drugstore vorbei. An den Bänken unter den schicken Markisen vorbei. An den Parkanlagen vorbei, wo sich früher Bars und Pensionen befunden hatten, damals als Margrave noch redlich war. Dann zum Polizeirevier. Wir bogen in den Parkplatz ein und hielten. Charlie Hubbles Bentley stand immer noch dort, wo ich ihn abgestellt hatte.
Roscoe stellte den Motor ab, und wir blieben eine Minute lang sitzen. Wollten nicht aussteigen. Wir gaben uns die Hand, ihre rechte in meiner linken. Ein kurzes: Viel Glück. Wir verließen den Wagen. Auf in den Kampf.
Das Revier war kühl und leer bis auf Baker, der an seinem Schreibtisch saß, und Finlay, der gerade aus dem Rosenholzbüro im hinteren Teil kam. Er sah uns und eilte herbei.
»Teale ist in zehn Minuten zurück«, sagte er. »Und wir haben ein kleines Problem.«
Er brachte uns eilends zum Büro zurück. Wir gingen hinein, und er schloß die Tür.
»Picard hat angerufen.«
»Und was ist das Problem?« fragte ich.
»Es betrifft den Unterschlupf«, sagte er. »Wo Charlie und die Kinder versteckt sind. Das Ganze muß inoffiziell bleiben, klar?«
»Das hat er mir schon erklärt«, sagte ich. »Er wagt sich damit gefährlich weit vor.«
»Genau«, sagte er. »Das ist das Problem. Er kann keine Leute dafür abstellen. Er braucht jemanden, der dort bei Charlie bleibt. Er hat sich bis jetzt selbst darum gekümmert. Aber jetzt geht das nicht mehr. Er kann sich nicht länger frei nehmen. Und er fühlt sich nicht ganz wohl, Sie wissen schon, Charlie ist eine Frau, und dann das kleine Mädchen und so. Das Kind hat Angst vor ihm.«
Er blickte zu Roscoe hinüber. Sie ahnte, worauf er hinauswollte.
»Er will mich dort haben?« fragte sie.
»Nur für vierundzwanzig Stunden«, sagte Finlay. »So lautet seine Bitte. Werden Sie das für ihn tun?«
Roscoe zuckte die Schultern. Lächelte.
»Natürlich«, sagte sie. »Kein Problem. Ich kann einen Tag opfern. Solange Sie versprechen, mich zurückzuholen, wenn der Spaß beginnt, okay?«
»Das geht ganz automatisch«, sagte Finlay. »Der Spaß kann erst beginnen, wenn wir alle Einzelheiten haben, und sobald wir die haben, kann Picard offiziell eingreifen und seine eigenen Leute zum Versteck schicken. Dann kommen Sie zurück.«
»Okay«, sagte Roscoe. »Wann muß ich los?«
»Sofort«, erwiderte Finlay. »Er wird in einer Minute dasein.«
Sie grinste ihn an.
»Also waren Sie überzeugt, daß ich einverstanden sein würde?«
Er grinste zurück.
»Wie ich Reacher schon gesagt habe, Sie sind die beste, die wir haben.«
Sie und ich gingen zurück durch das Mannschaftsbüro und durch die Glastüren ins Freie. Roscoe nahm ihre Tasche aus dem Chevy und setzte sie am Bordstein ab.
»Ich schätze, ich seh dich dann morgen.«
»Ist alles in Ordnung mit dir?« fragte ich sie.
»Sicher. Mir wird es gutgehen. Sicherer als in einem Unterschlupf des FBI kann ich kaum sein, oder? Aber ich werde dich vermissen, Reacher. Ich hatte nicht gedacht, so schnell von dir getrennt zu werden.«
Ich drückte ihre Hand. Sie küßte mich auf die Wange. Reckte sich zu einem flüchtigen Kuß zu mir hoch. Finlay stieß die Tür zum Revier auf. Ich hörte das saugende Geräusch der Gummiabdichtung. Er steckte seinen Kopf heraus und rief Roscoe.
»Sie bringen Picard am besten auf den neuesten Stand, okay?«
Roscoe nickte ihm zu. Dann warteten wir zusammen in der Sonne. Lange mußten wir das nicht tun. Picards blaue Limousine fuhr innerhalb von wenigen Minuten quietschend auf den Parkplatz. Kam federnd neben uns zum Stehen. Der große Mann streckte sich aus seinem Sitz und stand vor uns. Verdeckte die Sonne.
»Ich weiß das zu schätzen, Roscoe«, sagte er zu ihr. »Sie sind mir wirklich eine große Hilfe.«
»Kein Problem. Sie sind uns eine Hilfe, nicht wahr? Wo ist dieses Haus, wo ich hinmuß?«
Picard grinste gequält. Nickte zu mir herüber.
»Das darf ich nicht sagen«, erklärte er ihr. »Nicht vor Außenstehenden, klar? Ich verstoße ohnehin schon gegen die Regeln. Und ich muß Sie bitten, es ihm hinterher nicht zu erzählen. Und, Reacher, quetschen Sie sie oder Charlie deswegen nicht aus, okay?«
»Okay. Ich muß Roscoe nicht ausquetschen. Sie wird es mir auch so sagen.«
Picard lachte.
Er nickte mir zum Abschied flüchtig zu und nahm Roscoes Tasche. Warf sie auf seinen Rücksitz. Dann stiegen die beiden in die blaue Limousine und fuhren los. Steuerten aus dem Parkplatz hinaus in Richtung Norden. Ich winkte hinter ihnen her. Dann geriet der Wagen außer Sichtweite.