KAPITEL 10
Ich habe einmal einen Film der Navy über Expeditionen in die Arktis gesehen. Man konnte dort über einen festen Gletscher laufen. Plötzlich jedoch schwankte das Eis und zerbarst. Irgendwelche unvorstellbaren Spannungen in den Eisschollen. Eine ganz neue Landschaft wurde an die Oberfläche getrieben. Gewaltige Steilhänge, wo vorher flaches Eis gewesen war. Riesige Schluchten, ein neuer See. Die ganze Welt in einer Sekunde verändert. So fühlte ich mich. Ich lehnte dort, vom Schock erstarrt, an dem Aktenschrank zwischen dem Faxgerät und dem Computer, und fühlte mich wie ein Mann in der Arktis, dessen Welt sich durch einen einzigen Schritt verändert hatte.
Sie brachten mich zu den Kühlkammern im hinteren Teil, damit ich seine Leiche offiziell identifizierte. Sein Gesicht war durch die Schüsse weggerissen worden, und alle seine Knochen waren zertrümmert, aber ich erkannte die sternförmige Narbe an seinem Hals. Er hatte sie von einem Unfall vor neunundzwanzig Jahren, als wir mit einer zerbrochenen Flasche herumgespielt hatten. Dann brachten sie mich zurück nach Margrave. Finlay fuhr. Roscoe saß mit mir auf dem Rücksitz und hielt den ganzen Weg meine Hand. Die Fahrt dauerte nur zwanzig Minuten, aber in dieser Zeit durchlebte ich zwei Leben, Seins und meins.
Mein Bruder Joe. Zwei Jahre älter als ich. Er war am Ende der Eisenhower-Ära auf einem Stützpunkt im Femen Osten geboren worden. Dann kam ich auf einem Stützpunkt in Europa zur Welt, direkt zu Beginn der Kennedy-Ära. Wir wuchsen zusammen in dem engen, isolierten Provisorium auf, das Militärfamilien sich erschaffen, wenn die ganze Welt ihr Zuhause sein muß. Unser Leben verlief willkürlich und in unvorhersehbaren Etappen. So daß es sich seltsam anfühlte, länger als ein halbes Jahr an einem Ort zu bleiben. Manchmal erlebten wir jahrelang keinen Winter. Wir zogen zu Beginn des Herbstes aus Europa ab und wurden irgendwo am Pazifik stationiert, wo der Sommer gerade anfing.
Unsere Freunde verschwanden unaufhörlich. Eine Einheit wurde irgendwohin verschifft, und ein Haufen Kinder ging mit. Manchmal trafen wir sie Monate später an einem anderen Ort. Aber sehr viele sahen wir niemals wieder. Niemand sagte hallo oder auf Wiedersehen. Man war eben entweder da oder nicht da.
Als Joe und ich dann älter wurden, schickte man uns noch mehr herum. Vietnam brachte es mit sich, daß das Militär die Leute auf der ganzen Welt schneller und schneller umbesetzte. Das Leben war nur noch eine schwindelerregende Aufeinanderfolge von Stützpunkten. Wir besaßen niemals irgend etwas. Jeder durfte nur eine Tasche in die Transportflugzeuge mitnehmen.
Sechzehn Jahre waren wir in diesem Provisorium zusammen. Joe war die einzige Konstante in meinem Leben. Und ich liebte ihn, wie man einen Bruder liebt. Doch dieser Satz muß wörtlich genommen werden. Viele dieser Redensarten müssen wörtlich genommen werden. Zum Beispiel wenn es heißt, man habe geschlafen wie ein Baby. Bedeutet das, man habe gut geschlafen? Oder bedeutet das, daß man alle zehn Minuten weinend aufgewacht ist? Ich liebte Joe, wie man einen Bruder liebt, und das bedeutete in unserer Familie vielerlei.
Die Wahrheit ist, ich wußte nie genau, ob ich ihn liebte oder nicht. Und er wußte auch nie genau, ob er mich liebte oder nicht. Wir waren nur zwei Jahre auseinander, aber er war in den Fünfzigern geboren und ich in den Sechzigern. Wir hatten den Eindruck, daß dies eine größere Entfernung ausmachte als nur zwei Jahre. Und wie alle Brüder, die zwei Jahre auseinanderliegen, gingen wir uns ziemlich auf die Nerven. Wir kämpften und stritten und warteten mürrisch darauf, älter zu werden und endlich wegzukommen. Die meiste Zeit in den sechzehn Jahren wußten wir nicht, ob wir einander liebten oder haßten.
Aber wir hatten das, was alle Familien in der Armee hatten. Die Familie war die eigene Einheit. Den Männern auf den Stützpunkten wurde absolute Loyalität gegenüber ihren Einheiten beigebracht. Das war die wichtigste Sache in ihrem Leben. Die Kinder kopierten das. Sie übertrugen dieselbe ausgeprägte Loyalität auf ihre Familien. Also haßte man vielleicht seinen Bruder ab und an, doch ließ man es nicht zu, daß sich irgend jemand mit ihm anlegte. Das verband uns, Joe und mich. Wir hatten diese bedingungslose Loyalität. Wir standen Rücken an Rücken auf jedem neuen Schulhof und boxten uns zusammen einen Weg aus allen Schwierigkeiten. Ich paßte auf ihn auf, und er paßte auf mich auf, wie es Brüder eben tun. Sechzehn Jahre lang. Das war nicht gerade eine normale Kindheit, aber die einzige Kindheit, die ich je hatte. Und Joe war deren Anfang und Ende. Und jetzt hatte ihn jemand umgebracht. Ich saß dort auf dem Rücksitz des Polizei-Chevrolets und hörte, wie eine winzige Stimme in meinem Kopf fragte, was zum Teufel ich jetzt machen sollte.
Finlay fuhr durch Margrave hindurch und parkte vor dem Revier. Direkt am Bordstein vor den großen gläsernen Eingangstüren. Er und Roscoe stiegen aus dem Wagen und warteten auf mich, genau wie Baker und Stevenson es achtundvierzig Stunden vorher getan hatten. Ich stieg aus und schloß mich ihnen in der Mittagshitze an. Wir blieben einen Moment lang stehen, dann zog Finlay die schwere Tür auf, und wir gingen hinein. Liefen durch den leeren Mannschaftsraum in das große Rosenholzbüro.
Finlay setzte sich an den Schreibtisch. Ich setzte mich in denselben Stuhl wie am Freitag. Roscoe holte sich einen Stuhl heran und stellte ihn direkt neben meinen. Finlay zog ruckend die Schreibtischschublade auf. Nahm den Kassettenrecorder heraus. Testete seiner Routine gemäß das Mikrophon mit dem Fingernagel. Dann saß er ruhig da und sah mich an.
»Das mit Ihrem Bruder tut mir sehr leid«, begann er.
Ich nickte. Sagte nichts.
»Ich fürchte, ich muß Ihnen jetzt einige unvermeidliche Fragen stellen.«
Ich nickte nur. Ich verstand seine Lage. Ich war schon oft in der gleichen gewesen.
»Wer ist sein nächster Angehöriger?«
»Ich, außer er hätte inzwischen geheiratet, ohne mir das zu sagen.«
»Können Sie sich das vorstellen?« fragte mich Finlay.
»Wir standen uns nicht sehr nahe, aber ich würde es bezweifeln.«
»Ihre Eltern sind tot?«
Ich nickte. Finlay nickte. Trug mich als nächsten Angehörigen ein.
»Wie war sein vollständiger Name?«
»Joe Reacher«, sagte ich. »Kein zweiter Vorname.«
»Ist das die Kurzform von Joseph?«
»Nein, er hieß nur Joe. So wie ich nur Jack heiße. Unser Vater mochte einfache Namen.«
»Okay«, sagte Finlay. »Älter oder jünger?«
»Älter.« Ich nannte ihm sein Geburtsdatum. »Also zwei Jahre älter als ich.«
»Dann war er achtunddreißig?«
Ich nickte. Baker hatte gesagt, das Opfer sei etwa vierzig gewesen. Vielleicht hatte sich Joe nicht gut gehalten.
»Haben Sie seine aktuelle Adresse?«
Ich schüttelte den Kopf.
»Nein. Er lebte irgendwo in Washington, DC. Wie ich schon sagte, wir standen uns nicht sehr nahe.«
»Okay«, sagte Finlay wieder. »Wann haben Sie ihn das letzte Mal gesehen?«
»Vor ungefähr zwanzig Minuten«, erwiderte ich. »Im Leichenschauhaus .«
Finlay nickte behutsam. »Und davor?«
»Vor sieben Jahren«, antwortete ich. »Bei der Beerdigung unserer Mutter.«
»Haben Sie ein Foto von ihm?«
»Sie haben doch meine persönlichen Sachen gesehen. Ich habe überhaupt kein Foto.«
Er nickte wieder. Schwieg. Er fand das Ganze schwierig.
»Können Sie mir eine Beschreibung von ihm geben?«
»Wie er aussah, bevor sein Gesicht weggeschossen wurde?«
»Vielleicht hilft uns das, wissen Sie«, sagte Finlay. »Wir müssen herausfinden, wer ihn gesehen hat, und wann und wo.«
Ich nickte.
»Ich schätze, er sah aus wie ich. Vielleicht ein, zwei Zentimeter größer, vielleicht fünf Kilo leichter.«
»Wie groß wäre das dann, ungefähr 1,95 m?« fragte er.
»Genau, und ungefähr hundert Kilo.«
Finlay notierte sich das.
»Und er rasierte sich den Kopf?«
»Nicht, als ich ihn das letzte Mal gesehen habe. Da hatte er noch Haare auf dem Kopf wie jeder andere auch.«
»Vor sieben Jahren, richtig?«
Ich zuckte die Schultern.
»Vielleicht gingen ihm die Haare aus«, sagte ich. »Vielleicht war er zu eitel dazu.«
Finlay nickte.
»Was arbeitete er?«
»Das letzte, was ich hörte, war, daß er für das Finanzministerium arbeitete«, sagte ich. »Aber was genau, weiß ich nicht.«
»Was für eine Ausbildung hatte er? War er auch beim Militär?«
Ich nickte.
»Militärischer Geheimdienst. Er kündigte nach einer Weile, dann arbeitete er für die Regierung.«
»Er schrieb Ihnen, daß er mal hier war, richtig?«
»Er erwähnte die Sache mit Blind Blake. Sagte aber nicht, warum er hier war. Aber das läßt sich bestimmt leicht herausfinden.«
Finlay nickte.
»Wir werden morgen früh als erstes ein paar Anrufe machen«, sagte er. »Aber Sie sind auf jeden Fall sicher, daß Sie keine Ahnung haben, warum er hierhergekommen sein könnte?«
Ich schüttelte den Kopf. Ich hatte keine Ahnung, was er hier gewollt hatte. Aber ich wußte, daß Hubble es wußte. Joe war der große Ermittler mit dem kahlgeschorenen Kopf und dem Codenamen. Hubble hatte ihn hierhergeholt, und Hubble wußte genau, warum. Ich mußte also als erstes Hubble finden und ihn ausfragen.
»Haben Sie nicht gesagt, Sie könnten Hubble nicht finden?« fragte ich Finlay.
»Er ist nirgendwo aufzutreiben«, erwiderte er. »Er ist nicht in seinem Haus am Beckman Drive, und niemand hat ihn in der Stadt gesehen. Hubble weiß über all das Bescheid, nicht wahr?«
Ich zuckte nur die Achseln. Ich wollte nicht alle meine Karten offenlegen. Wenn ich Hubble über etwas ausquetschen mußte, das er nur sehr ungern zur Sprache brachte, dann wollte ich das unter vier Augen tun. Vor allem wollte ich nicht, daß mir Finlay dabei über die Schulter sah. Vielleicht glaubte er ja, ich würde Hubble zu sehr unter Druck setzen. Und ich wollte definitiv nicht dazu gezwungen sein, Finlay bei einem Verhör über die Schulter zu sehen. Ich wollte es nicht ihm überlassen. Möglicherweise würde ich der Meinung sein, daß er ihn nicht stark genug unter Druck setzte. Außerdem würde Hubble eher mit mir als mit einem Polizisten reden. Er hatte mir ja schon einiges erzählt. Also mußte das, was Hubble wußte, mein Geheimnis bleiben. Vorerst zumindest.
»Keine Ahnung, was Hubble weiß«, sagte ich. »Sie sind derjenige, der behauptet, daß er umgekippt ist.«
Finlay sah mich über den Schreibtisch hinweg an. Ich konnte sehen, wie seine Gedanken eine neue Richtung einschlugen. Ich konnte mir ziemlich genau vorstellen, worum es ging. Ich hatte schon darauf gewartet. Es gibt eine Faustregel bei Mord. Die hat sich aus einer Menge Statistik und einer Menge Erfahrung ergeben. Die Faustregel lautet: Wenn du einen Toten hast, dann sieh dir zuerst genau seine Familie an. Denn unheimlich viele Morde werden von Verwandten begangen. Von Ehemännern, Ehefrauen und Kindern. Und Geschwistern. So lautet die Theorie. Finlay mußte sie in seinen zwanzig Jahren in Boston Hunderte von Malen in die Realität umgesetzt haben. Jetzt konnte ich sehen, wie er sie sich hier in Margrave durch den Kopf gehen ließ. Da mußte ich eingreifen. Ich wollte nicht, daß er darüber nachdachte. Ich wollte nicht noch mehr von meiner Zeit in einer Zelle verschwenden. Ich konnte mir vorstellen, daß ich sie für etwas anderes brauchen würde.
»Sie sind doch zufrieden mit meinem Alibi, oder?« fragte ich.
Er sah, worauf ich hinauswollte. Als wären wir Kollegen in einem komplizierten Fall. Er warf mir ein Lächeln zu.
»Es hat sich als stichhaltig erwiesen«, sagte er. »Sie waren in Tampa, als die Sache hier passierte.«
»Okay«, hakte ich nach. »Und ist Chief Morrison auch damit zufrieden?«
»Er weiß noch nichts davon. Er hat noch nicht auf unsere Anrufe reagiert.«
»Ich will nicht noch mehr ähnliche Fehler«, sagte ich. »Der fette Schwachkopf hat behauptet, er hätte mich drüben gesehen. Ich möchte, daß er weiß, daß das nicht mehr zieht.«
Finlay nickte. Griff nach dem Telefon auf seinem Schreibtisch und wählte eine Nummer. Ich hörte das schwache Schnarren des Rufzeichens aus dem Hörer dringen. Es läutete eine lange Zeit und endete, als Finlay den Hörer wieder auflegte.
»Nicht zu Hause, es ist eben Sonntag.«
Dann zog er das Telefonbuch aus einer Schublade. Öffnete es bei H. Suchte Hubbles Nummer am Beckman Drive heraus. Wählte sie, mit dem gleichen Ergebnis. Ein langes Rufzeichen und niemand zu Hause. Dann versuchte er es mit der Nummer vom Mobiltelefon. Eine elektronische Stimme setzte an, um ihm mitzuteilen, daß das Telefon ausgeschaltet sei. Finlay legte auf, bevor die Ansage vorbei war.
»Ich werde Hubble hierherbringen, sobald ich ihn gefunden habe«, sagte Finlay. »Er weiß etwas, was er uns erzählen sollte. Bis dahin kann ich nicht viel tun, oder?«
Ich zuckte die Schultern. Er hatte recht. Es war eine ziemlich kalte Spur. Der einzige Funken, von dem Finlay wußte, war die Panik, die Hubble am Freitag gezeigt hatte.
»Was werden Sie jetzt tun, Reacher?« fragte er mich.
»Ich werde nachdenken.«
Finlay sah mir ins Gesicht. Nicht gerade unfreundlich, aber sehr ernst, als wolle er einen Befehl oder einen Appell an mich richten, mit einem einzigen, ernsten Blick von Angesicht zu Angesicht.
»Überlassen Sie das Ganze mir, okay? Sie werden sich ziemlich mies fühlen, und Sie werden wollen, daß der Gerechtigkeit Genüge getan wird, aber ich möchte hier keine Alleingänge sehen, klar? Dies ist Sache der Polizei. Sie sind Zivilist. Also überlassen Sie das mir, okay?«
Ich zuckte die Achseln und nickte. Stand auf und sah beide an.
»Ich mache mal einen kleinen Spaziergang.«
Ich verließ die beiden und schlenderte durch das Großraumbüro. Trat durch die Glastür in den heißen Nachmittag hinaus. Spazierte über den Parkplatz und die weitläufige Rasenfläche davor bis hinüber zur Bronzestatue. Ein weiterer Tribut an Caspar Teale, wer auch immer er gewesen sein mochte. Derselbe wie auf der Grünfläche am Südrand der Stadt. Ich lehnte mich an seine warme Seite aus Metall und dachte nach.
Die USA sind ein gigantisch großes Land. Millionen von Quadratmeter. Die Heimat von dreihundert Millionen Einwohnern. Ich hatte Joe seit sieben Jahren nicht mehr gesehen, und er hatte mich nicht gesehen, aber wir waren in genau demselben winzigen Ort gelandet, in einem Zeitabstand von acht Stunden. Ich war fünfzig Meter von der Stelle entfernt entlanggelaufen, wo seine Leiche lag. Das war ein ziemlich großer Zufall. Fast schon unglaublich. Also tat Finlay mir einen großen Gefallen, wenn er es wie einen Zufall behandelte. Er mußte eher versuchen, mein Alibi anzugreifen. Vielleicht tat er das auch schon. Vielleicht telefonierte er bereits mit Tampa und überprüfte alles noch einmal.
Aber er würde nichts finden, denn es war ein Zufall. Es hatte keinen Sinn, das immer und immer wieder durchzugehen. Ich war nur wegen einer verrückten, spontanen Eingebung in Margrave. Wenn ich nur eine Minute länger auf die Landkarte des Mannes geblickt hätte, wäre der Bus schon an der Ausfahrt vorbeigewesen, und ich hätte mich nicht an Margrave erinnert. Ich wäre nach Atlanta gefahren und hätte nie etwas über Joe gehört. Es hätte noch weitere sieben Jahre dauern können, bevor die Nachricht seines Todes mich erreicht hätte. Also war es sinnlos, sich über den Zufall aufzuregen. Es galt nur zu entscheiden, was ich damit anfangen sollte.
Ich war ungefähr vier Jahre alt gewesen, als ich die Sache mit der Loyalität begriff. Plötzlich war ich davon überzeugt, daß ich auf Joe genauso aufpassen mußte, wie er auf mich aufpaßte. Nach einer Weile wurde das zu meiner zweiten Natur. Ich hatte nur im Kopf, nach ihm Ausschau zu halten und zu prüfen, ob alles in Ordnung war. Etliche Male kam ich auf einen neuen Schulhof und sah einen Haufen Kinder, die dem großen, mageren Neuling auf den Zahn fühlten. Ich trabte hinüber, zog sie weg und schlug ein paar Köpfe zusammen. Dann ging ich zurück zu meinen Kumpels und spielte Ball oder was wir sonst gerade taten. Pflicht vollbracht, wie eine Routine. Es war eine Routine, die zwölf Jahre dauerte, von meiner Erkenntnis mit vier Jahren bis zu dem Zeitpunkt, als Joe schließlich von zu Hause wegging. Zwölf Jahre Routine müssen schwache Spuren in meinem Kopf hinterlassen haben, denn seitdem hörte ich immer das leise Echo der Frage: Wo ist Joe? Als er dann erwachsen und fort war, war es nicht mehr wichtig, das zu wissen. Aber ich war mir immer des schwachen Echos bewußt. Tief in meinem Inneren war ich mir immer bewußt, daß ich mich für ihn einsetzen mußte, wenn er mich brauchte.
Aber jetzt war er tot. Er war nicht mehr irgendwo. Ich lehnte mich gegen die Statue vor dem Polizeirevier und hörte, wie die leise Stimme in meinem Kopf sagte: Du mußt etwas unternehmen.
Die Tür des Reviers ging auf. Ich blinzelte durch die Hitze und sah Roscoe herauskommen. Die Sonne stand hinter ihr und ließ ihr Haar wie einen Glorienschein leuchten. Sie blickte sich suchend um und entdeckte mich an der Statue in der Mitte der Rasenfläche. Kam zu mir herüber. Ich stieß mich von der warmen Bronze ab.
»Alles in Ordnung?« fragte sie mich.
»Mir geht's gut.«
»Sicher?«
»Ich breche bestimmt nicht zusammen. Vielleicht sollte ich das, aber ich tue es nicht. Um ehrlich zu sein, fühle ich mich nur benommen.«
Das stimmte. Ich empfand nicht viel. Vielleicht war das eine seltsame Reaktion, aber so fühlte ich mich eben. Sinnlos, das zu leugnen.
»Okay«, sagte Roscoe. »Kann ich Sie irgendwo hinbringen?«
Vielleicht hatte Finlay sie geschickt, um mich nicht aus den Augen zu verlieren, aber ich hatte nichts dagegen einzuwenden. Sie stand da in der Sonne und sah großartig aus. Ich merkte, daß ich sie jedesmal mehr mochte, wenn ich sie ansah.
»Haben Sie Lust, mir zu zeigen, wo Hubble wohnt?« fragte ich sie.
Ich konnte sehen, wie sie darüber nachdachte.
»Sollten wir das nicht Finlay überlassen?«
»Ich will nur nachsehen, ob er schon zu Hause ist. Ich werde ihn nicht auffressen. Wenn er da ist, rufen wir Finlay sofort an, okay?«
»Okay«, sagte sie. Sie zuckte die Schultern und lächelte. »Fahren wir.«
Wir gingen zusammen zurück über den Rasen und stiegen in ihren Chevy. Sie ließ ihn an und fuhr vom Parkplatz. Bog nach links ab und glitt südwärts durch die perfekte kleine Stadt. Es war ein prächtiger Septembertag. Die strahlende Sonne machte aus der Stadt ein Fantasiegebilde. Die Backsteinbürgersteige glühten, und die weiße Farbe blendete uns. Der ganze Ort sonnte sich in aller Ruhe in der Hitze des Sonntags. Er war menschenleer.
Roscoe bog an der Grünfläche rechts ein in den Beckman Drive. Fuhr um das Rasenquadrat mit der Kirche herum. Die Autos waren weg und der Platz ruhig. Der Gottesdienst war vorüber. Der Beckman Drive weitete sich zu einer breiten, baumgesäumten Wohnstraße, die über eine kleine Anhöhe führte. Ein Flair von Reichtum herrschte hier. Es wirkte kühl, schattig und wohlhabend. Das meinen die Immobilienmakler mit ›gehobener Lage‹. Die Häuser waren nicht zu sehen. Sie lagen zurückgesetzt hinter breiten Grasböschungen, hinter hohen Bäumen und dichten Hecken. Ihre gewundenen Auffahrten entzogen sich jedem Blick. Gelegentlich konnte ich einen weißen Säulenvorbau oder ein rotes Dach sehen. Je weiter wir fuhren, desto größer wurden die Grundstücke. Hunderte von Metern lagen zwischen den Briefkästen. Riesige, alte Bäume. Ein gediegener Ort. Aber ein Ort mit Geheimnissen hinter den belaubten Fassaden. In Hubbles Fall mit einem schrecklichen Geheimnis, das ihn veranlaßt hatte, sich an meinen Bruder zu wenden. Einem Geheimnis, das meinen Bruder getötet hatte.
Roscoe wurde an einem weißen Briefkasten langsamer und bog in die Zufahrt der Nummer fünfundzwanzig ein. Etwa eine Meile von der Innenstadt entfernt, auf der linken Seite, mit der Rückseite zur Nachmittagssonne. Es war das letzte Haus an der Straße. Weiter oben reckten sich ein paar Pfirsichbäume in die dunstige Luft. Wir fuhren langsam eine Auffahrt entlang, die sich um Grasböschungen wand. Das Haus war nicht ganz das, was ich mir vorgestellt hatte. Ich hatte an ein großes, weißes Gebäude gedacht, wie ein normales Haus, nur größer. Dieses hier war prächtiger. Ein Palast. Es war riesig. Jedes Detail wirkte teuer. Eine breite Kiesauffahrt, große, samtige Rasenflächen, riesige, erlesene Bäume, und alles besprenkelt von der glühenden Sonne. Aber keine Spur von dem dunklen Bentley, den ich am Gefängnis gesehen hatte. Es sah aus, als wäre niemand zu Hause.
Roscoe hielt in der Nähe der vorderen Haustür, und wir stiegen aus. Es war still. Ich hörte nur das schwere Raunen der Nachmittagshitze. Wir läuteten und klopften an die Tür. Keine Reaktion. Wir sahen uns an und gingen über eine Wiese um das Haus herum. Mehrere Morgen Rasenfläche und leuchtende Blumen umgaben einen Wintergarten. Davor eine breite Terrasse und eine langgezogene Rasenfläche, die zu einem riesigen Swimmingpool abfiel. Das Wasser leuchtete strahlendblau in der Sonne. Ich konnte das Chlor in der heißen Luft riechen.
»Nicht schlecht«, sagte Roscoe.
Ich nickte und überlegte, ob mein Bruder hiergewesen war.
»Ich höre ein Auto«, sagte sie.
Wir erreichten gerade rechtzeitig wieder die Vorderseite des Hauses, um zu sehen, wie der große Bentley zum Stehen kam. Die blonde Frau, die ich am Gefängnis gesehen hatte, stieg aus. Sie hatte zwei Kinder bei sich. Einen Jungen und ein Mädchen. Das war Hubbles Familie. Er liebte sie wahnsinnig. Aber er war nicht bei ihnen.
Die blonde Frau schien Roscoe zu kennen. Sie grüßten einander, und Roscoe stellte mich vor. Die Frau schüttelte mir die Hand und sagte, sie heiße Charlene, aber ich könne sie Charlie nennen. Sie war eine teuer aussehende Frau, groß, schlank, mit gutem Knochenbau, sorgfältig angezogen, sorgfältig gepflegt. Aber ein Funken Entschlossenheit zeichnete wie ein Makel ihr Gesicht. Genug Entschlossenheit, daß ich sie mochte. Sie hielt meine Hand fest und lächelte, aber es war ein Lächeln, hinter dem sich eine Menge Anspannung verbarg.
»Ich fürchte, das war nicht das beste Wochenende in meinem Leben«, sagte sie. »Aber es scheint, daß ich Ihnen großen Dank schulde, Mr. Reacher. Mein Mann sagt, Sie hätten ihm im Gefängnis das Leben gerettet.«
Sie sagte es mit einer ziemlich eisigen Stimme. Aber das galt nicht mir. Das galt dem Umstand, der sie zwang, die Wörter ›mein Mann‹ und ›Gefängnis‹ im selben Satz zu sagen.
»Schon in Ordnung. Wo ist er?«
»Kümmert sich um irgendein Geschäft. Ich erwarte ihn etwas später zurück.«
Ich nickte. Das war Hubbles Plan gewesen. Er hatte gesagt, er würde irgendeine Geschichte erzählen und dann versuchen, die Lage zu beruhigen. Ich fragte mich, ob Charlie darüber sprechen wollte, aber die Kinder standen schweigend neben ihr, und ich konnte sehen, daß sie in ihrer Gegenwart nicht reden würde. Also grinste ich die beiden an. Ich hoffte, sie würden sich langweilen und irgendwohin rennen, wie Kinder das normalerweise bei mir tun, aber sie grinsten nur zurück.
»Das ist Ben«, sagte Charlie. »Und das ist Lucy.«
Die Kinder sahen nett aus. Das Mädchen hatte noch den typischen Babyspeck, Feine, rotblonde Haare, zu Rattenschwänzen zusammengebunden. Der Junge war nicht viel größer als seine kleine Schwester. Er war schmächtig, hatte ein ernstes Gesicht und schien kein kleiner Rabauke wie manch anderer Junge zu sein. Es waren nette Kinder. Höflich und ruhig. Beide schüttelten mir die Hand und gingen dann zurück zu ihrer Mutter. Ich betrachtete die drei und konnte plötzlich die düstere Wolke über ihnen sehen. Wenn Hubble nicht aufpaßte, würde er schuld sein an ihrem Tod - wie an dem meines Bruders.
»Möchten Sie auf einen Eistee hereinkommen?« fragte Charlie uns.
Sie stand da mit schräggelegtem Kopf, als warte sie auf eine Antwort. Sie war vielleicht dreißig, im gleichen Alter wie Roscoe. Aber sie hatte die Aura einer reichen Frau. Vor hundertfünfzig Jahren wäre sie die Herrin über eine große Plantage gewesen.
»Okay«, sagte ich. »Danke.«
Die Kinder rannten davon, um irgendwo zu spielen, und Charlie führte uns durch die Eingangstür. Ich wollte nicht wirklich Eistee trinken, sondern dableiben, falls Hubble zurückkam. Ich wollte ihn für fünf Minuten allein sprechen. Ich wollte ihm ein paar ziemlich dringende Fragen stellen, bevor Finlay ihm einen Vortrag über seine Rechte halten konnte.
Es war ein fabelhaftes Haus. Wunderschön eingerichtet. Hell und frisch. Kühles Weiß und sonniges Gelb. Blumen. Charlie führte uns durch den Wintergarten, den wir von außen gesehen hatten. Er sah aus, als stamme er direkt aus einem Architekturmagazin. Roscoe ging mit ihr, um ihr beim Tee zu helfen. Ließ mich allein in dem Raum zurück. Ich fühlte mich unbehaglich. Ich war nicht an Häuser gewöhnt. Ich war sechsunddreißig Jahre alt und hatte noch nie in einem Haus gewohnt. Viele Quartiere beim Militär und ein schrecklich kahler Schlafsaal mit Blick auf den Hudson, als ich in West Point gewesen war. Dort hatte ich gewohnt. Ich setzte mich wie ein häßlicher Außerirdischer auf ein geblümtes Kissen auf einem Rattansofa und wartete. Unbehaglich, benommen, in diesem toten Bereich zwischen Aktion und Reaktion.
Die zwei Frauen kamen mit dem Tee zurück. Charlie trug ein Silbertablett. Sie war eine schöne Frau, aber nichts gegen Roscoe. Roscoe hatte einen derart zündenden Funken in ihren Augen, daß Charlie neben ihr wie unsichtbar wirkte.
Dann geschah etwas. Roscoe setzte sich neben mich auf das Rattansofa. Als sie sich hinsetzte, drückte sie mein Bein zur Seite. Es war eine beiläufige Geste, aber sie war sehr vertraut und intim. Ein betäubtes Nervenende lebte plötzlich auf und signalisierte mir lautstark: Sie mag dich auch, sie mag dich auch. Es war die Art, wie sie mein Bein berührte.
Ich ging die vergangenen Tage noch einmal durch und betrachtete die Dinge in diesem neuen Licht. Ihre Art, wie sie die Fingerabdrücke und Fotos gemacht hatte. Wie sie mir den Kaffee gebracht hatte. Ihr Lächeln und Zwinkern. Ihr Lachen. Daß sie Freitag nacht und Samstag gearbeitet hatte, um mich aus Warburton rauszuholen. Daß sie den ganzen Weg gefahren war, um mich abzuholen. Daß sie meine Hand hielt, nachdem ich den zertrümmerten Körper meines Bruders gesehen hatte. Daß sie mich hierhergefahren hatte. Sie mochte mich auch.
Auf einmal war ich froh, daß ich aus diesem verdammten Bus gesprungen war. Froh, daß ich diese verrückte Entscheidung in letzter Minute getroffen hatte. Plötzlich entspannte ich mich. Fühlte mich besser. Die leise Stimme in meinem Kopf beruhigte sich. Im Augenblick gab es für mich nichts zu tun. Ich würde mit Hubble sprechen, wenn ich ihn sah. Bis dahin würde ich mit einer gutaussehenden, dunkelhaarigen, freundlichen Frau in einem weichen Baumwollhemd auf einem Sofa sitzen. Der Ärger würde früh genug beginnen. Das tut er immer.
Charlie Hubble setzte sich uns gegenüber und begann, Eistee einzuschenken. Der Geruch nach Zitrone und Gewürzen wehte zu mir herüber. Sie bemerkte meinen Blick und lächelte dasselbe angespannte Lächeln wie schon kurz zuvor.
»Normalerweise würde ich Sie jetzt fragen, ob Sie Ihren Besuch in Margrave genießen«, sagte sie und blickte angespannt lächelnd zu mir herüber.
Mir fiel keine Antwort darauf ein. Ich zuckte nur die Schultern. Es war klar, daß Charlie nichts wußte. Sie glaubte, ihr Mann sei wegen eines Irrtums verhaftet worden. Nicht, weil er in ein Problem verwickelt war, das schon zwei Menschen das Leben gekostet hatte. Der eine davon war der Bruder des Fremden, den sie so eifrig anlächelte. Roscoe rettete das Gespräch, und die zwei fingen an, über alles mögliche zu reden. Ich saß einfach nur da, trank meinen Tee und wartete auf Hubble. Er tauchte nicht auf. Dann erstarb das Gespräch, und wir mußten gehen. Charlie zappelte herum, als hätte sie noch etwas zu tun. Roscoe legte ihre Hand auf meinen Arm. Ihre Berührung elektrisierte mich.
»Fahren wir«, sagte sie. »Ich nehme Sie mit zurück.«
Ich fühlte mich nicht wohl dabei, daß ich nicht länger auf Hubble wartete. Ich empfand das als Verrat an Joe. Aber ich wollte auch mit Roscoe allein sein. Ich brannte darauf. Vielleicht wurde das durch eine Art unterdrückter Trauer verstärkt. Ich wollte Joes Probleme bis morgen ruhen lassen. Ich sagte mir, daß ich sowieso keine Wahl hätte. Hubble war nicht aufgetaucht. Also stiegen wir zusammen in den Chevy und fuhren die gewundene Auffahrt hinunter. Glitten den Beckman Drive entlang. Die Gebäude wurden nach einer Meile zahlreicher. Wir fuhren um die Kirche herum. Der kleine Anger mit der Statue des guten, alten Caspar Teale war vor uns.
»Reacher?« sagte Roscoe. »Sie werden doch noch eine Weile hierbleiben, oder? Bis wir die Sache mit Ihrem Bruder geklärt haben?«
»Schätze, ja«, sagte ich.
»Wo werden Sie wohnen?«
»Ich weiß nicht«, antwortete ich.
Sie stoppte an dem Bordstein neben der Rasenfläche. Stieß den Automatikhebel auf Parken. Sie hatte einen zärtlichen Ausdruck auf ihrem Gesicht.
»Ich möchte, daß Sie mit zu mir kommen.«
Ich fühlte mich, als wäre ich verrückt, aber ich verzehrte mich nach ihr, also zog ich sie zu mir herüber, und wir küßten uns. Der berühmte erste Kuß. Der neue, unvertraute Mund und Geruch und Geschmack. Sie küßte mich heftig und lang und umklammerte mich fest. Wir unterbrachen ein paarmal zum Luftholen, bevor sie wieder auf ihren Platz rückte.
Sie schoß eine Viertelmeile die Straße hinunter, die sich gegenüber vom Beckman Drive öffnete. Verschwommen sah ich eine Grünfläche in der Sonne, als sie in ihre Einfahrt einbog. Die Räder quietschten, als sie hielt. Wir taumelten hinaus und liefen zur Tür. Sie benutzte ihren Schlüssel, und wir gingen hinein. Die Tür schwang zu, und bevor das Schloß noch einrastete, war Roscoe schon wieder in meinen Armen. Wir küßten uns und stolperten durch ihr Wohnzimmer. Sie war einen Kopf kleiner als ich, und ihre Füße berührten den Boden nicht mehr.
Wir rissen uns die Kleider vom Leib, als stünden sie in Flammen. Sie war wundervoll. Fest und kräftig und eine Traumfigur. Haut wie Seide. Sie zog mich auf den Teppich, auf den die Sonne breite Streifen durch das Fenster warf. Alles geriet außer Kontrolle. Wir rollten umher, und nichts hätte uns aufhalten können. Es war wie das Ende der Welt. Wir kamen zitternd zur Ruhe und lagen keuchend da. Beide in Schweiß gebadet. Total erschöpft.
Wir lagen engumschlungen und streichelten uns. Dann löste sie sich von mir und zog mich hoch. Wir küßten uns wieder, als wir in ihr Schlafzimmer wankten. Sie zog die Decken von ihrem Bett zurück, und wir ließen uns hineinfallen. Hielten einander fest, und eine tiefe Benommenheit überkam uns. Ich war erledigt. Ich fühlte mich, als wären all meine Knochen und Sehnen aus Gummi. Ich lag in diesem fremden Bett und trieb in einen Zustand weit jenseits aller Entspannung. Ich driftete dahin. Roscoes schwere Wärme schmiegte sich an mich. Ich atmete durch ihr Haar. Unsere Hände strichen träge über unvertraute Konturen.
Sie fragte mich, ob ich mir ein Motel suchen wollte. Oder ob ich bei ihr bliebe. Ich lachte und sagte, der einzige Weg, mich loszuwerden, wäre, ein Gewehr vom Polizeirevier zu holen und mich davonzujagen. Ich sagte, daß vielleicht noch nicht mal das funktionieren würde. Sie lachte und preßte sich noch enger an mich.
»Ich würde kein Gewehr holen«, flüsterte sie. »Ich würde ein Paar Handschellen holen. Dann würde ich dich ans Bett ketten und für immer hierbehalten.«
Wir dösten durch den Nachmittag. Ich rief um sieben Uhr abends bei Hubble an. Er war noch immer nicht zurück. Ich hinterließ Roscoes Nummer bei Charlie, damit er mich erreichen konnte, sobald er zurück war. Dann ließen wir uns durch den Rest des Abends treiben. Schliefen gegen Mitternacht rasch ein. Hubble rief nicht zurück.
Am Montag morgen nahm ich verschwommen wahr, daß Roscoe sich für die Arbeit fertigmachte. Ich hörte die Dusche und spürte, wie sie mich zärtlich küßte, und dann war das Haus wieder heiß, still und friedlich. Ich schlief bis nach neun. Das Telefon läutete nicht. Das war okay. Ich brauchte etwas Ruhe, um nachzudenken. Ich mußte Entscheidungen treffen. Ich räkelte mich in Roscoes warmem Bett und fing an, die Frage zu beantworten, die mir die leise Stimme in meinem Kopf wieder stellte.
Was würde ich wegen Joe unternehmen? Meine Antwort kam ziemlich schnell. Sie stand schon lange fest. Die Stimme hatte darauf gewartet, seit ich neben Joes zerschmettertem Körper im Leichenschauhaus gestanden hatte. Es war eine sehr einfache Antwort. Ich würde mich für ihn einsetzen. Ich würde seinen Job zu Ende bringen. Was auch immer das war.
Ich rechnete nicht mit größeren Schwierigkeiten. Hubble war das einzige Bindeglied, das ich hatte, aber Hubble war auch das einzige Bindeglied, das ich brauchte. Er würde kooperieren. Er war von Joes Hilfe abhängig gewesen. Jetzt würde er von mir abhängig sein. Er würde mir geben, was ich brauchte. Seine Bosse waren für eine Woche angreifbar? Was hatte er gesagt? Ein Fenster für mögliche Angreifer, das bis Sonntag weit offenstand? Ich würde es nutzen, um sie in Stücke zu reißen. Ich hatte mich entschieden. Ich konnte nichts anderes tun. Ich konnte es nicht Finlay überlassen. Finlay würde die Routine meiner Kindheit nicht verstehen. Finlay konnte die Art Bestrafung, die unumgänglich werden würde, nicht billigen. Finlay konnte die einfache Wahrheit nicht verstehen, die ich mit vier Jahren gelernt hatte: Niemand legt sich mit meinem Bruder an. Also war es mein Job. Es war eine Sache zwischen mir und Joe. Es war meine Pflicht.
Ich lag da in Roscoes warmem Bett und ging die Sache durch. Ich wollte es mir einfach machen. So einfach wie nur möglich. Hubble zu finden würde nicht schwierig werden. Ich wußte, wo er wohnte. Ich kannte seine Telefonnummer. Ich räkelte mich, lächelte und wurde von unruhiger Energie erfüllt. Stand auf und fand fertig zubereiteten Kaffee. Eine Notiz lehnte an der Kanne: Frühes Mittagessen bei Eno's? Elf Uhr? Überlaß Hubble Finlay, okay? Die Notiz war mit vielen Küssen versehen und einer kleinen Zeichnung von einem Paar Handschellen. Ich las sie und lächelte über die Zeichnung, aber ich würde Hubble nicht Finlay überlassen. Keine Chance. Hubble gehörte mir. Also nahm ich wieder die Nummer und rief am Beckman Drive an. Niemand zu Hause.
Ich goß mir einen großen Becher Kaffee ein und schlenderte durch das Wohnzimmer. Die Sonne draußen war gleißend hell. Ein neuer heißer Tag. Ich lief durch das Haus. Es war klein. Ein Wohnzimmer, eine Wohnküche, zwei Schlafzimmer, ein Bad, eine Gästetoilette. Sehr neu, sehr sauber. Einfach und kühl eingerichtet. Wie ich es von Roscoe erwartet hatte. Ein einfacher, kühler Stil. Etwas Navajokunst, ein paar Teppiche in kräftigen Farben, weiße Wände. Sie mußte in New Mexico gewesen sein, und offensichtlich hatte es ihr gefallen.
Es war still und friedlich. Sie hatte eine Stereoanlage, ein paar Platten und Kassetten, süßer und melodischer als das Heulen und Summen, das ich Musik nenne. Ich holte mir mehr Kaffee aus der Küche. Ging hinaus. Vor dem Haus lag eine ordentliche Wiese mit ein paar frisch gepflanzten immergrünen Pflanzen. Rindenmulch, um das Unkraut zu ersticken, und rohe Holzbalken, die die bepflanzten Bereiche begrenzten. Ich stand in der Sonne und nippte an meinem Kaffee.
Dann duckte ich mich unter der Tür hindurch, ging wieder hinein und wählte noch einmal Hubbles Nummer. Niemand nahm ab. Ich duschte und zog mich an. Roscoe hatte eine kleine Duschkabine, der Duschkopf war nicht sehr hoch angebracht, feminine Seifen lagen in der Schale. Ich fand ein Handtuch in einem Schrank und einen Kamm auf der Frisierkommode. Keinen Rasierer. Ich zog meine Kleider an und spülte den Kaffeebecher aus. Versuchte noch einmal Hubbles Nummer vom Küchentelefon aus. Ich ließ es lange klingeln. Niemand zu Hause. Ich mußte Roscoe fragen, ob sie mich nach dem Mittagessen noch einmal hinfahren konnte. Ich verschloß die Hintertür und ging vorn hinaus.
Es war gegen halb elf. Eineinviertel Meilen bis zu Eno's Restaurant. Eine halbe Stunde gemächliches Schlendern in der Sonne. Es war schon sehr heiß. Gut dreißig Grad. Herrliches Herbstwetter im Süden. Ich lief die Viertelmeile zur Main Street, eine sanfte, gewundene Steigung, hinauf. Alles war wunderbar gepflegt. Überall standen hohe Magnolien, und die Sträucher zeigten späte Blüten.
Ich bog am Drugstore ab und schlenderte die Main Street hoch. Die Bürgersteige waren gefegt worden. Ich konnte mehrere Gärtnertrupps in den kleinen Parks sehen. Sie stellten Sprinkleranlagen auf und karrten alles mögliche aus schicken grünen Lieferwagen heran, auf denen in Goldbuchstaben Kliner-Stiftung stand. Ein paar Männer strichen den Palisadenzaun. Ich winkte den zwei alten Friseuren in ihrem Laden zu. Sie lehnten am Eingang, als würden sie auf Kunden warten. Sie winkten zurück, und ich ging gutgelaunt weiter.
Eno's kam in Sicht. Die polierte Metallverkleidung glänzte in der Sonne. Roscoes Chevrolet stand auf dem Parkplatz. Direkt daneben stand auf dem Kies der schwarze Pick-up, den ich einen Tag vorher vor dem Drugstore gesehen hatte. Ich kam beim Diner an und trat ein. Am Freitag war ich durch die Tür geschoben worden, während Stevensons Flinte auf meinen Bauch zielte. Ich hatte Handschellen getragen. Ich fragte mich, ob mich die Leute vom Diner wohl wiedererkannten. Wahrscheinlich. Margrave war ein sehr ruhiger Ort. Nicht viele Durchreisende.
Roscoe saß in derselben Nische, die ich am Freitag gewählt hatte. Sie war wieder in Uniform und sah so sexy aus wie sonst nichts auf der Welt, Ich ging zu ihr hinüber. Sie lächelte zärtlich zu mir hoch, und ich beugte mich vor, um sie auf den Mund zu küssen. Sie glitt über den Plastiksitz näher ans Fenster. Zwei Becher mit Kaffee standen auf dem Tisch, Ich schob einen zu ihr.
Der Fahrer des schwarzen Pick-up saß an der Theke. Der Kliner-Junge, der Stiefsohn der bleichen Frau. Er hatte den Hocker umgedreht und lehnte mit seinem Rücken an der Theke. Er saß breitbeinig da, hatte die Ellbogen aufgestützt, den Kopf hoch erhoben und starrte mich mit brennendem Blick an. Ich drehte ihm meinen Rücken zu und küßte Roscoe noch einmal.
»Wird das deine Autorität untergraben? Wenn man dich sieht, wie du einen Landstreicher küßt, der hier am Freitag verhaftet wurde?«
»Wahrscheinlich«, sagte sie. »Aber wen kümmert das?«
Also küßte ich sie noch einmal. Der Kliner-Sohn beobachtete uns. Ich konnte seinen Blick auf meinem Nacken spüren und drehte mich um, um zurückzublicken. Er hielt meinem Blick eine Sekunde lang stand, dann glitt er vom Hocker und verschwand. Blieb an der Tür stehen und sah mich ein letztes Mal an. Dann hastete er zu seinem Pick-up und fuhr los. Ich hörte das Aufheulen des Motors, und dann war das Diner ruhig. Es war mehr oder weniger leer, genau wie am Freitag. Ein paar alte Männer und ein paar Kellnerinnen. Es waren dieselben wie am Freitag. Beide blond, die eine größer und schwerer als die andere. In Berufskleidung. Die kleinere trug eine Brille. Sie sahen nicht wirklich gleich aus, aber ähnlich. Wie Schwestern oder Kusinen. Mit denselben Genen irgendwie. Es war eine kleine Stadt, meilenweit weg vom Schuß.
»Ich habe eine Entscheidung getroffen«, sagte ich. »Ich muß herausfinden, was mit Joe passiert ist. Also entschuldige ich mich schon jetzt mal, falls ich euch in die Quere kommen sollte, okay?«
Roscoe zuckte die Schultern und lächelte zärtlich. Sah aus, als wäre sie in Sorge um mich.
»Du wirst uns nicht in die Quere kommen«, sagte sie. »Warum solltest du?«
Ich nippte an meinem Kaffee. Es war guter Kaffee. Das hatte ich schon am Freitag gedacht.
»Wir haben den zweiten Toten identifiziert. Seine Fingerabdrücke passen zu jemandem, der vor zwei Jahren in Florida festgenommen wurde. Sein Name war Sherman Stoller. Sagt dir der Name irgendwas?«
Ich schüttelte den Kopf.
»Noch nie gehört.«
Dann ging ihr Piepser los. Es war ein kleines, schwarzes Ding, das an ihrem Gürtel befestigt war. Es war mir vorher noch nicht aufgefallen. Vielleicht mußte sie ihn nur während der Arbeitszeit tragen. Er piepste ohne Unterbrechung, bis sie ihn endlich abstellte.
»Verdammt«, sagte sie. »Ich muß mal anrufen. Tut mir leid. Ich werde das Telefon im Wagen benutzen.«
Ich glitt aus der Nische und trat zurück, um sie vorbeizulassen.
»Bestell mir irgendwas zu essen, okay? Ich nehme, was du nimmst.«
»Okay, welche Kellnerin ist unsere?«
»Die mit der Brille.«
Sie ging aus dem Diner. Ich sah, wie sie sich ins Auto beugte und nach dem Telefon griff. Dann winkte sie mir vom Parkplatz aus zu. Bedeutete mir, daß es dringend sei. Daß sie zurückkommen werde. Daß ich warten solle. Sie sprang in den Wagen und fuhr los, Richtung Süden. Ich winkte zerstreut hinter ihr her, sah gar nicht richtig hin, weil ich die Kellnerinnen anstarrte. Ich hatte fast aufgehört zu atmen. Ich brauchte Hubble. Und Roscoe hatte mir gerade klargemacht, daß Hubble tot war.