KAPITEL 2
Wir hielten direkt vor dem Eingang des langgestreckten, niedrigen Gebäudes. Baker stieg aus dem Wagen und sah nach rechts und links. Die beiden von der Verstärkung kamen hinzu. Stevenson lief um das Heck unseres Wagens. Stellte sich gegenüber von Baker auf. Zielte mit der Flinte auf mich. Es war ein gutes Team. Baker öffnete meine Tür.
»Okay, los geht's, los«, sagte er. Flüsterte fast.
Er tänzelte auf seinen Fußballen und suchte die Umgebung ab. Ich drehte mich langsam zur Tür und wand mich aus dem Wagen. Die Handschellen machten das nicht gerade leichter. Es war jetzt noch heißer geworden. Ich trat vor und wartete. Die Verstärkung schloß hinter mir auf. Vor mir befand sich der Eingang zum Revier. Eine frische Inschrift auf einem breiten Marmorsturz verkündete: Town of Margrave Police Headquarters. Darunter befanden sich Glastüren. Baker zog eine auf. Die Gummiabdichtungen machten ein saugendes Geräusch. Die Verstärkung schob mich durch die Tür. Die Tür schloß sich mit demselben Geräusch hinter mir.
Drinnen war es wieder kühl. Alles war weiß oder Chromfarben. Das Licht kam aus Neonlampen. Es sah aus wie in einer Bank oder Versicherung. Auf dem Boden Teppich. Ein Sergeant im Innendienst stand hinter einer langen Empfangstheke. Fast erwartete man, daß er fragte: »Kann ich Ihnen helfen?« Aber er sagte nichts. Er sah mich einfach nur an. Hinter ihm befand sich ein riesiger Büroraum. Eine dunkelhaarige Frau in Uniform saß an einem breiten, niedrigen Schreibtisch. Sie erledigte irgendwelchen Schreibkram an der Maschine. Nun blickte sie zu mir herüber. Ich stand da mit einem Officer an jeder Seite. Stevenson lehnte an der Empfangstheke. Seine Flinte wies in meine Richtung. Baker stand nur da und sah mich an. Der Sergeant hinter der Theke und die Frau in Uniform blickten mich ebenfalls an. Ich blickte zurück. Dann wurde ich nach links geführt. Sie ließen mich vor einer Tür anhalten. Baker stieß sie auf, und ich wurde in einen Raum geschoben. Es war ein Verhörraum: keine Fenster. Ein weißer Tisch und drei Stühle. Teppichboden. In der oberen Ecke des Zimmers eine Kamera. Die Temperatur in diesem Raum war sehr niedrig eingestellt. Ich war noch naß vom Regen.
Ich stand da, und Baker durchsuchte meine Taschen. Meine Habseligkeiten bildeten einen kleinen Haufen auf dem Tisch. Eine Rolle Geldscheine. Ein paar Münzen. Quittungen, Fahrscheine, Papierfetzen. Baker überprüfte die Zeitung und ließ sie in meiner Tasche. Blickte auf meine Uhr und ließ sie an meinem Handgelenk. An so was war er nicht interessiert. Alles andere wurde in einen großen Beutel mit Reißverschluß geräumt. Der Beutel war für Leute, die mehr als ich in ihren Taschen haben. Ein weißes Feld war auf den Beutel gedruckt. Stevenson schrieb eine Nummer darauf.
Baker sagte zu mir, ich könne mich hinsetzen. Dann verließen sie den Raum. Stevenson hatte den Beutel mit meinen Sachen. Sie gingen hinaus und schlossen die Tür, und ich hörte, wie sich der Schlüssel im Schloß drehte. Es hörte sich satt und gut geölt an. Nach Präzisionsarbeit. Nach einem großen Stahlschloß. Es hörte sich an wie ein Schloß, das mir standhalten würde.
Ich dachte, sie würden mich für eine Weile allein lassen. Normalerweise geht man so vor. Isolation verursacht den Drang zu sprechen. Der Drang zu sprechen kann zum Drang werden, zu gestehen. Eine brutale Verhaftung und eine Stunde Isolation danach, das ist eine ziemlich gute Strategie.
Aber ich hatte mich geirrt. Sie hatten keine Stunde Isolation für mich vorgesehen. Vielleicht war dies ihr zweiter kleiner taktischer Fehler. Baker schloß die Tür auf und kam wieder herein. Er trug einen Plastikbecher mit Kaffee. Dann wies er die uniformierte Frau in den Raum. Die vom Schreibtisch im Großraumbüro. Das schwere Schloß schnappte hinter ihr zu. Sie trag einen Metallkoffer, den sie auf dem Tisch ablegte. Sie öffnete ihn und nahm einen langen, schwarzen Nummernhalter heraus. Darin befand sich eine Zahlenreihe aus weißem Plastik.
Sie reichte mir den Halter mit einer entschuldigenden Miene von schroffem Mitgefühl, die typisch ist für Zahnarzthelferinnen. Ich nahm ihn in meine gefesselten Hände. Schielte darauf, um sicherzugehen, daß er richtig herum war, und hielt ihn unter mein Kinn. Die Frau nahm einen häßlichen Photoapparat aus dem Koffer und setzte sich mir gegenüber. Sie stützte ihre Ellbogen auf den Tisch, um die Kamera zu stabilisieren. Lehnte sich vor. Ihre Brüste berührten den Rand des Tisches. Sie war eine gutaussehende Frau. Dunkles Haar, große Augen. Ich blickte sie an und lächelte. Die Kamera klickte und blitzte auf. Bevor sie mich darum bat, drehte ich mich schon auf dem Stuhl und zeigte ihr mein Profil. Hielt die lange Nummer an meine Schulter und starrte an die Wand. Der Photoapparat klickte und blitzte wieder. Ich drehte mich in die andere Richtung und hielt die Nummer hoch. Beidhändig, wegen der Handschellen. Sie nahm mir den Halter mit einem verkniffenen Lächeln ab, das besagte: Ja, es ist unangenehm, aber notwendig. Wie eine Zahnarzthelferin.
Dann holte sie die Ausrüstung für die Fingerabdrücke heraus. Eine neue Karte, die schon mit einer Nummer versehen war. Die Felder für die Daumen sind immer zu klein. Diese hier hatte auf der Rückseite zwei Felder für die Abdrücke der Handflächen. Die Handschellen machten das Ganze schwierig. Baker hatte mir nicht angeboten, sie abzunehmen. Die Frau versah meine Hände mit Tinte. Ihre Finger waren weich und kühl. Kein Ehering. Hinterher gab sie mir ein paar Papiertücher. Die Tinte ging damit leicht ab. So was hatte ich noch nicht gesehen, mußte neu sein.
Die Frau nahm den Film aus der Kamera und legte ihn zu den Karten auf den Tisch. Sie packte die Kamera zurück in den Koffer. Baker klopfte an die Tür. Das Schloß klickte wieder. Die Frau nahm ihre Sachen. Niemand sagte etwas. Die Frau verließ den Raum. Baker blieb bei mir. Er machte die Tür zu, und das Schloß gab das gleiche satte Geräusch von sich. Dann lehnte er sich gegen die Tür und sah mich an.
»Mein Chef kommt gleich«, sagte er. »Sie werden mit ihm sprechen müssen. Es gab hier einen Vorfall. Der muß geklärt werden.«
Ich antwortete nicht. Mit mir zu sprechen würde für niemanden irgendeinen Vorfall klären. Aber der Typ verhielt sich ganz zivilisiert. Respektvoll. Also testete ich ihn. Ich hielt ihm meine Hände entgegen. Eine unausgesprochene Aufforderung, mir die Handschellen abzunehmen. Er blieb einen Moment lang regungslos, dann nahm er den Schlüssel und schloß sie auf. Befestigte sie wieder an seinem Gürtel. Blickte mich an. Ich blickte zurück und ließ meine Arme herunterhängen. Kein dankbarer Seufzer. Kein reuevolles Reiben meiner Handgelenke. Ich wollte keine Beziehung zu diesem Typen aufbauen. Aber ich sagte etwas.
»Okay«, sagte ich. »Gehen wir zu Ihrem Chef.«
Es war das erste Mal, seit ich das Frühstück bestellt hatte, daß ich sprach. Jetzt blickte Baker dankbar. Er klopfte zweimal an die Tür, und von außen wurde aufgeschlossen. Er öffnete sie und wies mich durch. Stevenson wartete mit dem Rücken zum Großraumbüro. Die Flinte war verschwunden. Die Verstärkung war nicht mehr da. Die Dinge beruhigten sich. Beide Officer nahmen neben mir Aufstellung. Baker faßte leicht an meinen Ellbogen. Wir gingen durch das Großraumbüro und kamen an eine Tür auf der anderen Seite. Stevenson drückte sie auf, und wir betraten ein großes Büro. Alles aus Rosenholz.
Ein fetter Typ saß an einem breiten Schreibtisch. Hinter ihm befanden sich ein paar große Fahnen. Die Stars and Stripes mit Goldfransenrand auf der linken Seite und das, was ich für die Fahne von Georgia hielt, auf der rechten. Zwischen den Fahnen hing eine Uhr. Es war ein großes, altes, rundes Ding mit Mahagonirahmen. Sah aus, als wäre es Jahrzehnte lang poliert worden. Ich dachte, daß es die Uhr aus dem alten Polizeirevier sein mußte, das mit der Planierraupe abgeräumt worden war, um Platz für dieses neue Gebäude zu machen. Ich dachte, daß der Architekt sie genommen hatte, um dem neuen Gebäude eine Aura von Geschichte zu geben. Die Uhr zeigte fast halb eins.
Der fette Typ hinter dem großen Schreibtisch blickte auf, als ich zu ihm geschoben wurde. Ich sah, daß er verwirrt dreinblickte, als versuche er, mich irgendwo einzuordnen. Er sah mich noch mal an, diesmal genauer. Dann lächelte er spöttisch und sprach mit einem Keuchen, das zu einem heiseren Schreien geworden wäre, wenn seine schwachen Lungen das nicht verhindert hätten.
»Beweg deinen Arsch auf den Stuhl, und halt dein dreckiges Maul«, sagte er.
Der Fettwanst war wirklich eine Überraschung. Er sah aus wie ein echtes Arschloch. Genau das Gegenteil von dem, was ich bis jetzt gesehen hatte. Baker und sein Verhaftungsteam hielten den Betrieb aufrecht. Professionell und effizient. Die Frau mit den Fingerabdrücken war anständig gewesen. Aber dieser fette Polizeichef war eine reine Platzverschwendung. Dünnes, fettiges Haar. Schwitzend, trotz der kühlen Luft. Der fleckige, rot-graue Teint eines untrainierten, übergewichtigen Idioten. Himmelhoher Blutdruck. Versteinerte Arterien. Er sah noch nicht mal halbwegs kompetent aus.
»Mein Name ist Morrison«, keuchte er. Als würde mich das interessieren. »Ich bin der Chef des Police Departments hier in Margrave. Und du bist ein Bastard und Mörder von irgendwoher. Du bist in meine Stadt gekommen und hast auf Mr. Kliners Privatbesitz alles durcheinandergebracht. Also legst du jetzt vor meinem Chief Detective ein volles Geständnis ab.«
Er hielt inne und starrte mich an. Als versuche er immer noch, mich einzuordnen. Oder als warte er auf eine Antwort. Er bekam keine. Also stieß er mit seinem fetten Finger in meine Richtung.
»Und dann kommst du in den Knast«, sagte er. »Und dann kommst du auf den elektrischen Stuhl. Und dann werde ich auf dein mickriges Scheißarmengrab einen dicken Haufen setzen.«
Er hievte seine Körpermassen aus dem Stuhl und löste den Blick von mir.
»Ich würde es ja selber machen«, sagte er. »Aber ich habe zuviel zu tun.«
Er watschelte hinter seinem Schreibtisch hervor. Ich stand zwischen seinem Schreibtisch und der Tür. Als er an mir vorbeikam, blieb er stehen. Seine fette Nase befand sich in der Höhe meines mittleren Mantelknopfs. Er sah wieder zu mir auf, als würde er über irgend etwas nachdenken.
»Ich hab' dich doch schon mal gesehen«, sagte er. »Wo war das?«
Er blickte zu Baker und dann zu Stevenson. Als erwarte er von ihnen, daß sie zur Kenntnis nahmen, was er sagte und wann er das sagte.
»Ich habe diesen Typen schon mal gesehen«, teilte er ihnen mit.
Er knallte die Tür hinter sich zu, und ich blieb mit den beiden Cops zurück, bis der Chief Detective hereinkam. Ein großer Schwarzer, nicht alt, aber seine Haare wurden schon grau und lichteten sich. Gerade genug, um ihm ein aristokratisches Aussehen zu verleihen. Forsch und zuversichtlich. Gut gekleidet, in einem altmodischen Tweedanzug. Leinenweste. Auf Hochglanz polierte Schuhe. Der Typ sah aus, wie ein Chef aussehen sollte. Er wies Baker und Stevenson aus dem Büro. Schloß die Tür hinter ihnen. Setzte sich an den Schreibtisch und winkte mich zum Stuhl gegenüber.
Ruckend zog er eine Schublade auf und nahm einen Kassettenrecorder heraus. Hob ihn hoch, bis seine Arme gestreckt waren, um das Kabelgewirr herauszubekommen. Stöpselte das Stromkabel und das Mikrophon ein. Legte eine Kassette ein. Drückte auf Aufnahme und schnippte mit dem Fingernagel gegen das Mikrophon. Hielt die Kassette an und spulte sie zurück. Drückte auf Start. Hörte das Geräusch seines Fingernagels. Spulte wieder zurück und drückte auf Aufnahme. Ich saß einfach nur da und beobachtete ihn.
Einen Moment lang herrschte Stille. Nur ein schwaches Summen, die Klimaanlage, die Lampen oder der Computer. Oder der Recorder, der langsam vorwärtssurrte. Ich konnte das gemächliche Ticken der alten Uhr hören. Ein beharrliches Geräusch, das niemals aufhören würde, egal was ich täte. Dann richtete sich der Typ in seinem Stuhl auf und blickte mich durchdringend an. Machte diese Art Spitze mit seinen Fingern, wie es hochgewachsene, kultivierte Leute gerne tun.
»So«, sagte er. »Da gibt es ein paar Fragen, nicht wahr?«
Seine Stimme war tief. Wie ein Grollen. Kein Südstaatenakzent. Er sah aus und hörte sich an wie ein Banker aus Boston, nur daß er schwarz war.
»Mein Name ist Finlay«, sagte er. »Mein Dienstgrad ist der eines Captains. Ich bin der Chef des Ermittlungsbüros dieses Departments. Ich höre, daß Sie über Ihre Rechte informiert wurden. Sie haben noch nicht bestätigt, daß Sie sie verstanden haben. Bevor wir zu etwas anderem übergehen, müssen wir diesen Punkt klären.«
Kein Banker aus Boston. Eher ein Typ aus Harvard.
»Ich kenne meine Rechte«, sagte ich.
Er nickte.
»Gut«, sagte er. »Das freut mich. Wo ist Ihr Anwalt?«
»Ich brauche keinen Anwalt«, sagte ich.
»Sie werden des Mordes verdächtigt«, sagte er. »Sie brauchen einen Anwalt. Wir können Ihnen einen besorgen. Kostenlos. Möchten Sie, daß wir Ihnen kostenlos einen Anwalt besorgen?«
»Nein, ich brauche keinen Anwalt«, sagte ich.
Der Typ namens Finlay blickte mich eine ganze Weile über seine Fingerspitzen hinweg an.
»Okay«, sagte er. »Aber Sie werden uns das schriftlich geben müssen. Sie wissen schon: daß wir Ihnen mitgeteilt haben, daß Sie einen Anwalt haben können, daß wir Ihnen einen besorgen können, ohne Kosten für Sie, aber daß Sie absolut keinen wollten.«
»Okay«, sagte ich.
Er zog ein Formular aus einer anderen Schublade und sah auf seine Uhr, um Datum und Zeit einzutragen. Dann schob er das Formular zu mir herüber. Ein großes gedrucktes Kreuz markierte die Linie, auf der ich unterschreiben sollte. Er schob mir einen Stift herüber. Ich unterschrieb und schob das Formular zurück. Er sah es sich an. Legte es in eine ockerfarbene Mappe.
»Ich kann Ihre Unterschrift nicht lesen«, sagte er. »Also beginnen wir für das Protokoll mit Ihrem Namen, Ihrer Adresse und Ihrem Geburtsdatum.«
Wieder herrschte Stille. Ich blickte ihn an. Der Typ war hartnäckig. Vielleicht fünfundvierzig. Man wird nicht Chief Detective in Georgia, wenn man fünfundvierzig und schwarz ist, außer man ist hartnäckig. Keine Chance, mit ihm Spielchen zu spielen. Ich holte tief Luft.
»Mein Name ist Jack Reacher«, sagte ich. »Kein zweiter Vorname. Keine Adresse.«
Er schrieb es auf. Viel zu schreiben gab es nicht. Ich teilte ihm mein Geburtsdatum mit.
»Okay, Mr. Reacher«, sagte Finlay. »Wie ich schon sagte, haben wir eine Menge Fragen. Ich habe mir Ihre persönlichen Sachen angesehen. Sie tragen keinerlei Ausweis bei sich. Keinen Führerschein, keine Kreditkarten, nichts. Und Sie haben keine Adresse, sagen Sie. Also frage ich mich: Wer ist dieser Mann?«
Er erwartete keinerlei Kommentar von mir.
»Wer war der Mann mit dem kahlgeschorenen Kopf?« fragte er mich.
Ich antwortete nicht. Ich starrte auf die große Uhr, wartete, daß sich der Minutenzeiger bewegte.
»Erzählen Sie mir, was passiert ist«, sagte er.
Ich hatte keine Ahnung, was passiert war. Nicht die leiseste Ahnung. Irgendwas war irgend jemandem passiert, aber nicht mir. Ich saß einfach nur da. Antwortete nicht.
»Was ist Pluribus?« fragte Finlay.
Ich blickte ihn an und zuckte mit den Schultern. »Das Motto der Vereinigten Staaten?« fragte ich dann. »E Pluribus Unum? Übernommen 1776 beim zweiten Kontinentalkongreß, richtig?«
Er grunzte nur. Ich blickte ihn weiterhin direkt an. Ich dachte mir, daß dies der Typ Mann war, der vielleicht eine Frage beantworten würde.
»Worum geht es?« fragte ich ihn.
Wieder Stille. Jetzt blickte er mich an. Ich konnte sehen, wie er darüber nachdachte, ob er antworten sollte und wie.
»Worum geht es?« fragte ich ihn wieder.
Er lehnte sich zurück und legte erneut seine Fingerspitzen aneinander.
»Sie wissen, worum es geht«, sagte er. »Ein Tötungsdelikt. Mit ein paar sehr beunruhigenden Einzelheiten. Das Opfer wurde heute morgen drüben bei Kliners Lagerhaus gefunden. Am nördlichen Ende der Landstraße, oben, am Zubringer zum Highway. Ein Zeuge berichtete, er hätte gesehen, wie ein Mann diesen Ort verließ. Kurz nach acht Uhr heute morgen. Die Beschreibung lautete auf einen Weißen, sehr groß, mit langem, schwarzem Mantel, hellem Haar, ohne Kopfbedeckung und Gepäck.«
Wieder Stille. Ich bin weiß. Ich bin sehr groß. Mein Haar ist hell. Ich saß hier in einem langen, schwarzen Mantel. Ich hatte keine Kopfbedeckung, Auch keinen Koffer. Ich war fast vier Stunden lang an diesem Morgen auf der Landstraße gewandert. Von acht bis etwa Viertel vor zwölf.
»Wie lang ist die Landstraße?« fragte ich. »Vom Highway bis hierher?«
Finlay dachte nach.
»Etwa vierzehn Meilen, schätze ich«, antwortete er.
»Okay«, sagte ich. »Ich bin den ganzen Weg vom Highway bis in die Stadt gelaufen. Etwa vierzehn Meilen. Viele Leute müssen mich gesehen haben. Das will nichts heißen.«
Er antwortete nicht. Ich gewann Interesse an der Situation.
»Ist das Ihr Distrikt?« fragte ich ihn. »Die ganze Strecke bis zum Highway?«
»Ja, so ist es«, sagte er. »Die Zuständigkeit ist eindeutig. So kommen Sie hier nicht raus, Mr. Reacher. Die Stadt dehnt sich vierzehn Meilen weit aus, genau bis zum Highway. Das Gewerbegebiet da draußen ist mein Bereich, darüber gibt es nichts zu diskutieren.«
Er wartete. Ich nickte. Er fuhr fort:
»Kliner hat die Anlage gebaut, vor fünf Jahren«, sagte er. »Haben Sie schon von ihm gehört?«
Ich schüttelte den Kopf.
»Wie sollte ich von ihm gehört haben?« sagte ich. »Ich war ja noch nie hier.«
»Er ist ein großes Tier in der Gegend«, sagte Finlay. »Sein Betrieb da draußen bringt uns eine Menge Steuern, ist sehr gut für uns. Viel Geld und viele Vorteile für die Stadt ohne große Nachteile, weil das Ganze so weit draußen ist, klar? Also versuchen wir, für ihn darauf aufzupassen. Aber jetzt ist das Gelände der Tatort für ein Tötungsdelikt geworden, und Sie haben uns eine Menge zu erklären.«
Der Mann machte nur seinen Job, aber er verschwendete meine Zeit.
»Okay, Finlay«, sagte ich. »Ich werde eine Erklärung abgeben und jede kleinste Einzelheit beschreiben, die ich gemacht habe, und zwar von dem Zeitpunkt an, da ich Ihre lausige Stadtgrenze überschritten habe, bis ich mitten in meinem verdammten Frühstück hierhergeschleppt wurde. Wenn Sie damit etwas anfangen können, dann kriegen Sie von mir einen verdammten Orden. Denn ich habe nichts anderes getan, als fast vier Stunden im strömenden Regen einen Fuß vor den anderen zu setzen, und zwar Ihre ganzen, so verdammt kostbaren vierzehn Meilen weit.«
Das war die längste Ansprache, die ich die letzten sechs Monate gehalten hatte. Finlay saß nur da und starrte mich an. Ich beobachtete, wie er mit dem Grundproblem eines jeden Detectives kämpfte. Sein Bauch sagte ihm, daß ich vielleicht doch nicht sein Mann war. Aber ich saß ja vor ihm. Was sollte ein Detective da machen? Ich ließ ihn überlegen. Versuchte, den richtigen Zeitpunkt für einen Schubs in die richtige Richtung abzupassen. Ich wollte ihm etwas über den wahren Täter sagen, der noch herumlief, während er hier seine Zeit mit mir verschwendete. Das würde seine Unsicherheit vergrößern. Aber er machte den ersten Schritt. In die falsche Richtung.
»Keine Erklärungen«, sagte er. »Ich stelle die Fragen, und Sie werden sie beantworten. Sie sind Jack Niemand Reacher. Keine Adresse. Kein Ausweis. Was sind Sie? Ein Landstreicher?«
Ich seufzte. Es war Freitag. Die große Uhr zeigte an, daß der Tag schon mehr als halb vorüber war. Dieser Typ namens Finlay wollte mich sorgfältig in die Mangel nehmen. Ich würde das Wochenende in einer Zelle verbringen. Wahrscheinlich erst Montag rauskommen.
»Ich bin kein Landstreicher, Finlay«, sagte ich, »Ich bin ein Vagabund. Das ist ein großer Unterschied.«
Er schüttelte langsam den Kopf.
»Kommen Sie mir nicht so, Reacher«, sagte er. »Sie stecken tief in der Scheiße. Üble Dinge sind hier passiert. Unser Zeuge hat gesehen, wie Sie den Tatort verließen. Sie sind ein Fremder ohne Ausweis und ohne Hintergrund. Also kommen Sie mir nicht so.«
Er machte immer noch seinen Job, aber er verschwendete auch immer noch meine Zeit.
»Ich habe keinen Tatort verlassen«, sagte ich. »Ich bin eine verdammte Straße entlanggelaufen. Das ist ein Unterschied, nicht wahr? Wenn Leute einen Tatort verlassen, rennen sie und verstecken sich. Sie gehen nicht mitten auf der Straße. Was ist dabei, auf einer Straße zu gehen? Ständig gehen irgendwelche Leute auf irgendwelchen verdammten Straßen, oder etwa nicht?«
Finlay lehnte sich vor und schüttelte den Kopf.
»Nein«, sagte er. »Seit der Erfindung des Automobils läuft niemand mehr eine solche Strecke. Also, warum haben Sie keine Adresse? Woher kommen Sie? Beantworten Sie meine Fragen. Bringen wir es hinter uns.«
»Okay, Finlay, bringen wir es hinter uns«, sagte ich. »Ich habe keine Adresse, weil ich nirgendwo wohne. Vielleicht werde ich eines Tages irgendwo wohnen, und dann habe ich eine Adresse und sende Ihnen eine Postkarte, die Sie sich in Ihr verdammtes Adreßbuch stecken können, wenn Sie darüber so verdammt beunruhigt sind.«
Finlay starrte mich an und wog seine Möglichkeiten ab. Entschied sich für die geduldige Tour. Geduldig, aber hartnäckig. Als könne ihn nichts ablenken,
»Woher kommen Sie?« fragte er. »Wie lautet Ihre letzte Adresse?«
»Was meinen Sie genau mit: Woher kommen Sie?« fragte ich.
Er preßte die Lippen zusammen. Bald hatte ich ihn soweit, und auch er würde sauer. Aber er blieb ruhig. Würzte seine Geduld mit eisigem Sarkasmus.
»Okay«, sagte er. »Sie verstehen meine Frage nicht, also will ich sie erklären. Was ich meine, ist folgendes: Wo sind Sie geboren, oder wo haben Sie den größten Teil Ihres Lebens verbracht, den Sie in Ihrem sozialen oder kulturellen Kontext instinktiv als besonders wichtig betrachten?«
Ich sah ihn einfach nur an.
»Ich gebe Ihnen ein Beispiel«, sagte er. »Ich für meinen Teil bin in Boston geboren, in Boston aufgewachsen und habe dann zwanzig Jahre in Boston gearbeitet, so daß ich sagen würde - und ich denke, da stimmen Sie mir zu -, daß ich aus Boston komme.«
Ich hatte recht gehabt. Ein Harvard-Typ. Ein Harvard-Typ, der die Geduld verlor.
»Okay«, sagte ich. »Sie haben mir diese Fragen gestellt. Ich werde sie beantworten. Aber lassen Sie mich eins versichern: Ich bin nicht Ihr Mann. Bis Montag werden Sie wissen, daß ich nicht Ihr Mann bin. Also tun Sie sich selbst einen Gefallen. Hören Sie nicht auf zu suchen.«
Finlay unterdrückte ein Lächeln. Er nickte ernst.
»Ich bedanke mich für Ihren Rat«, sagte er. »Und Ihre Sorge um meine Karriere.«
»Nichts zu danken«, sagte ich.
»Fahren Sie fort«, sagte er.
»Okay«, sagte ich. »Wenn ich Ihrer kunstvollen Definition folge, komme ich von nirgendwoher. Ich komme von einem Ort, der sich Militär nennt. Ich wurde auf der amerikanischen Militärbasis in West-Berlin geboren. Mein alter Herr gehörte zu den Marines, und meine Mutter war eine französische Zivilistin, die er in Holland kennengelernt hatte. Sie heirateten in Korea.«
Finlay nickte. Machte sich eine Notiz.
»Ich war ein Kind der Army«, sagte ich. »Geben Sie mir eine Liste aller amerikanischen Militärstützpunkte auf der Welt, und Sie haben eine Liste der Orte, wo ich gelebt habe. Ich ging in zwei Dutzend verschiedenen Ländern zur High School und war vier Jahre lang in West Point.«
»Fahren Sie fort«, sagte Finlay,
»Ich blieb in der Army«, sagte ich. »Militärpolizei. Ich diente und lebte wieder an all den Orten, wo ich vorher gewesen war. Dann, Finlay, nach sechsunddreißig Jahren Militär, zunächst als Kind eines Offiziers, dann selbst als Offizier, gab es für die Army keinen Bedarf mehr, weil die Sowjets den Geist aufgaben. Hurra also, jetzt bekommen wir den Lohn für den Frieden. Was für Sie bedeutet, daß Ihre Steuern für etwas anderes ausgegeben werden, für mich aber, daß ich ein sechsunddreißigjähriger arbeitsloser Ex-Militärpolizist bin, der als Landstreicher bezeichnet wird, und zwar von eingebildeten Zivilistenbastards, die keine fünf Minuten in der Welt bestehen könnten, in der ich jahrelang überlebt habe.«
Er dachte einen Moment lang nach. War nicht beeindruckt.
»Weiter«, sagte er.
Ich zuckte mit den Schultern.
»Also genieße ich im Augenblick mein Leben«, sagte ich. »Vielleicht finde ich irgendwann mal einen Job, vielleicht auch nicht. Vielleicht lasse ich mich irgendwo nieder, vielleicht auch nicht. Aber im Augenblick bin ich nicht daran interessiert.«
Er nickte. Machte sich noch ein paar Notizen.
»Wann haben Sie die Army verlassen?« fragte er.
»Vor sechs Monaten«, sagte ich. »Im April.«
»Haben Sie seitdem eine Arbeit gehabt?« fragte er.
»Sie scherzen wohl«, sagte ich. »Wann haben Sie das letzte Mal Arbeit gesucht?«
»Im April«, äffte er mich nach. »Vor sechs Monaten. Ich bekam diesen Job.«
»Na, das ist schön für Sie, Finlay«, sagte ich.
Mir fiel nichts anderes ein. Finlay starrte mich einen Moment lang an.
»Wovon haben Sie gelebt«, fragte er. »Welchen Dienstgrad hatten Sie?«
»Major«, sagte ich. »Sie gaben mir eine Abfindung, als sie mich rauswarfen. Das meiste davon habe ich noch. Ich versuche, so lange wie möglich damit auszukommen, verstehen Sie?«
Eine lange Pause. Finlay trommelte rhythmisch mit dem Ende seines Stifts.
»Also lassen Sie uns über die letzten vierundzwanzig Stunden reden«, sagte er.
Ich seufzte. Jetzt würde ich Probleme bekommen.
»Ich kam mit einem Greyhound-Bus hierher«, sagte ich. »Stieg auf der Landstraße aus. Um acht Uhr heute morgen. Lief bis zur Stadt, kam zum Diner, bestellte Frühstück und aß es gerade, als Ihre Jungs hereinkamen und mich mitschleppten.«
»Haben Sie hier irgendwas zu tun«, fragte er.
Ich schüttelte den Kopf. »Ich bin arbeitslos«, sagte ich. »Ich habe nirgendwo irgendwas zu tun.«
Er schrieb das auf.
»Wo sind Sie in den Bus gestiegen?« fragte er mich.
»In Tampa«, sagte ich. »Fuhr dort letzte Nacht um Mitternacht ab.«
»Tampa in Florida?« fragte er.
Ich nickte. Er zog ruckend eine weitere Schublade auf. Nahm einen Busfahrplan heraus. Faltete ihn breit auseinander und fuhr mit einem langen, braunen Zeigefinger über die Seite. Der Mann war sehr gewissenhaft. Er sah zu mir herüber.
»Da gibt es einen Schnellbus«, sagte er. »Fährt direkt Richtung Norden nach Atlanta. Kommt dort um neun Uhr morgens an. Hält aber um acht nicht hier.«
Ich schüttelte den Kopf.
»Ich bat den Fahrer, anzuhalten«, sagte ich. »Er erklärte, er dürfe das eigentlich nicht, machte es aber trotzdem. Hielt extra wegen mir an und ließ mich raus.«
»Sind Sie früher schon einmal hier gewesen?« fragte er.
Ich schüttelte wieder den Kopf.
»Haben Sie Verwandte in der Gegend?« fragte er.
»Nein, nicht hier«, sagte ich.
»Haben Sie sonstwo Verwandte?« fragte er.
»Einen Bruder in DC«, sagte ich. »Arbeitet im Finanzministerium.«
»Haben Sie Freunde hier in Georgia?«
»Nein«, sagte ich.
Finlay schrieb das alles auf. Dann gab es wieder eine lange Pause. Ich wußte genau, welche Frage jetzt kommen würde.
»Warum also?« fragte er. »Warum sind Sie unfahrplanmäßig ausgestiegen und vierzehn Meilen im Regen zu einem Ort gegangen, wenn Sie keinen Grund dafür haben?«
Das war die entscheidende Frage. Finlay hatte sie ohne weiteres gefunden. Ein Staatsanwalt würde das auch. Und ich hatte keine richtige Antwort darauf.
»Was soll ich Ihnen antworten?« sagte ich. »Es war eine willkürliche Entscheidung. Ich war unruhig. Ich mußte ja irgendwo hin, nicht wahr?«
»Aber warum hierhin?« fragte er.
»Ich weiß nicht«, sagte ich. »Der Mann neben mir hatte eine Landkarte, und ich pickte mir diesen Ort heraus. Ich wollte weg von den Hauptstraßen. Dachte, ich könnte in einer Schleife wieder zum Golf zurück, vielleicht weiter nach Westen.«
»Sie pickten diesen Ort heraus?« fragte Finlay. »Erzählen Sie mir nicht so eine Scheiße. Warum sollten Sie sich diesen Ort herausgepickt haben? Er ist doch nur ein Name. Nur ein Punkt auf der Landkarte. Sie müssen einen Grund gehabt haben.«
Ich nickte.
»Ich wollte nach Blind Blake suchen«, sagte ich.
»Wer zum Teufel ist Blind Blake?« fragte er.
Ich sah, daß er Szenarien durchspielte, wie ein Schachcomputer mögliche Züge durchspielt. War Blind Blake mein Freund, mein Feind, mein Komplize, mein Mitverschwörer, mein Mentor, mein Gläubiger, mein Schuldner, mein nächstes Opfer?
»Blind Blake war ein Gitarrenspieler«, sagte ich. »Starb vor sechzig Jahren, wurde möglicherweise ermordet. Mein Bruder hatte eine Aufnahme von ihm, auf der Hülle stand, daß es in Margrave passiert ist. Er schrieb mir darüber. Sagte, er sei ein paarmal im Frühling hiergewesen, weil er hier zu tun hatte. Ich dachte mir, ich fahr mal hin und überprüfe die Geschichte.«
Finlay starrte mich verblüfft an. Das Ganze mußte ziemlich dünn für ihn klingen. Für mich hätte es auch ziemlich dünn geklungen, wenn ich an seiner Stelle gewesen wäre.
»Sie sind hierhergekommen, um einen Gitarrenspieler zu suchen?« fragte er. »Einen Gitarrenspieler, der vor sechzig Jahren gestorben ist? Warum? Sind Sie auch ein Gitarrenspieler?«
»Nein«, sagte ich.
»Wie hat Ihnen Ihr Bruder geschrieben?« fragte er. »Wenn Sie keine Adresse haben?«
»Er hat an meine alte Einheit geschrieben«, sagte ich. »Sie senden mir meine Post zu der Bank nach, wo meine Abfindung deponiert ist. Und die schickt sie mir, wenn ich um Geld telegrafiere.«
Er schüttelte den Kopf. Machte sich eine Notiz.
»Der Mitternachtsbus aus Tampa, richtig?« fragte er.
Ich nickte.
»Haben Sie noch Ihre Busfahrkarte?«
»In dem Beutel mit meinen Sachen, schätze ich«, sagte ich. Ich erinnerte mich, wie Baker das ganze Zeug aus meinen Hosentaschen in einen Beutel gesteckt hatte. Und Stevenson hatte ihn beschriftet.
»Würde sich der Busfahrer an Sie erinnern?« fragte Finlay.
»Vielleicht«, sagte ich. »Es war ein unfahrplanmäßiger Halt. Ich mußte ihn darum bitten.«
Ich fühlte mich wie ein Zuschauer. Die Situation wurde abstrakt. Mein Job hatte sich nicht groß von Finlays unterschieden. Ich hatte das seltsame Gefühl, mich mit ihm über den Fall eines anderen zu beraten. Als wären wir Kollegen, die ein verzwicktes Problem diskutierten.
»Warum arbeiten Sie nicht?« fragte Finlay.
Ich zuckte mit den Schultern. Versuchte eine Erklärung.
»Weil ich keine Lust habe«, sagte ich. »Ich habe dreizehn Jahre gearbeitet, was mir nichts gebracht hat. Ich habe das getan, was alle tun. Zum Teufel damit. Nun versuche ich es auf meine Weise.«
Finlay saß da und starrte mich an.
»Hatten Sie irgendwelche Probleme in der Armee?« fragte er.
»Nicht mehr als Sie in Boston«, antwortete ich.
Er war überrascht.
»Was meinen Sie damit?« fragte er.
»Sie haben zwanzig Jahre in Boston gearbeitet«, sagte ich. »Das haben Sie mir selbst gesagt, Finlay. Warum also sind Sie hier in diesem unbedeutenden, kleinen Kaff? Sie sollten Ihre Pension kriegen und zum Fischen fahren. Nach Cape Cod oder sonstwohin. Wie lautet Ihre Geschichte?«
»Das ist meine Sache, Mr. Reacher«, sagte er. »Beantworten Sie meine Frage.«
Ich zuckte die Schultern.
»Fragen Sie die Army«, sagte ich.
»Das werde ich«, sagte er. »Darauf können Sie wetten. Hatten Sie einen ehrenhaften Abschied?«
»Hätte ich sonst eine Abfindung bekommen?«
»Warum sollte ich annehmen, daß man Ihnen auch nur einen Cent gab?« fragte er. »Sie leben wie ein verdammter Landstreicher. Ehrenhafter Abschied: ja oder nein?«
»Ja«, sagte ich. »Natürlich.«
Er machte sich eine weitere Notiz. Dachte eine Weile nach.
»Wie haben Sie sich gefühlt, als man Sie entließ«, fragte er.
Ich dachte darüber nach. Zuckte die Achseln.
»Ich habe gar nichts gefühlt«, sagte ich. »Ich fühlte mich, als sei ich in der Army gewesen und wäre es jetzt nicht mehr.«
»Waren Sie verbittert? Enttäuscht?«
»Nein«, sagte ich. »Sollte ich?«
»Hatten Sie überhaupt keine Probleme damit?« fragte er. Als hätte ich welche haben müssen.
Ich hatte das Gefühl, ich müßte ihm irgendeine Antwort geben. Aber mir fiel nichts ein. Ich war beim Militär gewesen, seit ich geboren wurde. Jetzt war ich nicht mehr dort. Das fühlte sich großartig an. Fühlte sich nach Freiheit an. Als hätte ich mein ganzes Leben lang leichte Kopfschmerzen gehabt. Die ich nicht bemerkt hatte, bis sie weg waren. Mein einziges Problem war, meinen Lebensunterhalt zu verdienen. Den Lebensunterhalt zu verdienen, ohne seine Freiheit aufzugeben, war nicht ganz einfach. Ich hatte in den letzten sechs Monaten nicht einen Cent verdient. Das war mein einziges Problem. Aber das würde ich Finlay nicht erzählen. Er würde es als ein Motiv ansehen. Würde denken, ich hätte beschlossen, mein Leben als Landstreicher zu finanzieren, indem ich Leute ausraubte. An Lagerhäusern. Und sie dann umbrachte.
»Ich schätze, der Übergang ist nicht ganz leicht«, sagte ich. »Vor allem, weil ich seit meiner Kindheit dieses Leben geführt habe.«
Finlay nickte. Überdachte meine Antwort.
»Warum gerade Sie?« fragte er. »Haben Sie sich freiwillig gemeldet?«
»Ich melde mich nie freiwillig«, sagte ich. »Das ist die Grundregel für Soldaten.«
Wieder Stille.
»Haben Sie sich spezialisiert?« fragte er. »Beim Militär?«
»Zunächst habe ich allgemeinen Dienst gemacht«, sagte ich. »So ist das System. Dann habe ich mich fünf Jahre um Verschlußsachen gekümmert. In den letzten sechs Jahren habe ich dann etwas anderes gemacht.«
Ich ließ ihn nachfragen,
»Was war das?«
»Untersuchung von Tötungsdelikten«, sagte ich.
Finlay lehnte sich zurück. Grunzte. Machte wieder die Spitze mit seinen Fingern. Er starrte mich an und atmete aus. Lehnte sich vor. Zeigte mit dem Finger auf mich.
»Okay«, sagte er. »Ich werde Sie überprüfen. Wir haben Ihre Fingerabdrücke. Bei der Armee sollte es Unterlagen über Sie geben. Wir werden Ihre Personalakte bekommen. Ihre ganze Laufbahn. Mit allen Einzelheiten, Wir werden uns mit der Busgesellschaft in Verbindung setzen. Ihre Fahrkarte überprüfen. Den Fahrer suchen, die Passagiere. Wenn Ihre Aussage stimmt, werden wir das früh genug erfahren. Und wenn sie stimmt, kommen Sie vielleicht davon. Offensichtlich sind bei diesem Fall ein paar Einzelheiten in Sachen Timing und Methode entscheidend. Diese Einzelheiten sind bis jetzt noch unklar.«
Er schwieg einen Moment und atmete wieder aus. Sah mich direkt an.
»In der Zwischenzeit bin ich vorsichtig«, sagte er. »Auf den ersten Blick sieht es schlecht für Sie aus. Sie sind ein Gammler. Ein Landstreicher. Ohne Adresse, ohne Vergangenheit. Ihre Geschichte kann erstunken und erlogen sein. Vielleicht sind Sie auf der Flucht vor dem Gesetz. Vielleicht haben Sie in einem Dutzend Staaten Leute ermordet. Ich weiß es nicht. Man kann nicht von mir erwarten, daß ich den Zweifel zu Ihren Gunsten auslege. Warum sollte ich im Moment überhaupt Zweifel haben? Sie bleiben hinter Gittern, bis wir Klarheit haben. Okay?«
Ich hatte nichts anderes erwartet. Ich hätte genau dasselbe gesagt. Aber ich blickte ihn an und schüttelte den Kopf. »Vorsichtig, sagen Sie?« entgegnete ich. »Na, das stimmt wirklich.«
Er blickte zurück.
»Wenn ich mich irre, spendiere ich Ihnen Montag das Mittagessen«, sagte er. »Bei Eno's, zur Entschädigung.«
Ich schüttelte wieder den Kopf.
»Ich brauche keinen Kumpel hier«, sagte ich.
Finlay zuckte nur mit den Schultern. Schaltete den Kassettenrecorder aus. Spulte zurück. Nahm die Kassette heraus. Beschriftete sie. Er drückte den Summer der Gegensprechanlage auf dem großen Rosenholzschreibtisch. Bat Baker zurückzukommen. Ich wartete. Es war immer noch kalt. Aber ich war endlich trocken. Der Regen war aus dem Himmel über Georgia gefallen und hatte mich durchnäßt. Jetzt war die Nässe durch die trockene Büroluft wieder aufgesaugt worden. Ein Luftentfeuchter hatte sie aufgesaugt und durch ein Rohr abgeleitet.
Baker klopfte und trat ein. Finlay befahl ihm, mich zu den Zellen zu begleiten. Dann nickte er mir zu. Das Nicken sollte bedeuten: Wenn sich herausstellt, daß Sie der falsche Mann sind, dann denken Sie daran, daß ich nur meinen Job getan habe. Ich nickte zurück. Mein Nicken sagte: Während Sie Ihren Arsch schützen, rennt ein Mörder draußen frei herum.
Der Zellentrakt war nur eine breite Nische hinter dem großen Büroraum für die Mannschaft. Er war in drei separate Zellen mit senkrechten Gitterstäben aufgeteilt. Die gesamte Front bestand nur aus Gitter. In jede der Zellen führte eine Tür mit Scharnieren. Das Metall hatte einen sagenhaft matten Glanz.
Sah aus wie Titan, In jeder Zelle Teppichboden. Sonst nichts. Keine Möbel, keine Bettnische. Das Ganze war eben die teurere Version der guten, alten Arrestzelle.
»Keine Möglichkeit, hier zu übernachten?« fragte ich Baker.
»Ausgeschlossen«, antwortete er. »Sie werden später ins Staatsgefängnis überführt. Der Bus kommt um sechs. Bringt Sie Montag zurück.«
Er schlug scheppernd die Tür zu und drehte den Schlüssel um. Ich hörte, wie Bolzen rund um den Rand einrasteten. Elektrisch gesichert. Ich nahm die Zeitung aus meiner Tasche. Zog meinen Mantel aus und rollte ihn auf. Legte mich auf den Boden, den Mantel unter dem Kopf.
Jetzt war ich richtig sauer. Ich würde übers Wochenende ins Gefängnis kommen, und nicht in der Arrestzelle eines Polizeireviers bleiben. Nicht, daß ich etwas anderes vorhatte. Aber ich kannte Zivilgefängnisse. Eine Menge Deserteure landen in Zivilgefängnissen. Aus dem einen oder anderen Grund. Die Staatspolizei benachrichtigt die Army. Militärpolizei wird gesandt, um sie zurückzubringen. Dadurch hatte ich Zivilgefängnisse kennengelernt. Ich war nicht gerade wild auf sie. Wütend lag ich auf dem Boden und lauschte auf die Geräusche aus dem Mannschaftsraum. Telefone klingelten, Schreibmaschinen klapperten. Die Rhythmen wurden schneller und wieder langsamer. Officer gingen hin und her und sprachen leise miteinander.
Dann versuchte ich, die geborgte Zeitung zu Ende zu lesen. Eine Menge dummes Zeug über den Präsidenten und seine Kampagne stand drin, die ihm die Wiederwahl sichern sollte. Der alte Knabe war unten in Pensacola an der Golfküste. Er hatte sich zum Ziel gesetzt, den Haushaltsetat auszugleichen, bevor seine Enkel weiße Haare bekamen. Er beschnitt die Ausgaben wie ein Mann, der sich mit einer Machete einen Weg durch den Dschungel schlägt. Jetzt waren die von der Küstenwache in Pensacola dran. Sie hatten in den letzten zwölf Monaten eine Aktion durchgeführt. Mit großem Personalaufwand lagen sie ein Jahr lang jeden Tag draußen vor Floridas Küste, wie ein gekrümmter Schutzschild, und durchsuchten alle Handelsschiffe, die ihnen nicht koscher vorkamen. Das Ganze war mit großem Trara angekündigt worden. Und über ihre kühnsten Erwartungen hinaus erfolgreich gewesen. Sie hatten alles mögliche gefunden. Vor allem Drogen. Aber auch Waffen und illegale Einwanderer aus Haiti und Kuba. Die Aktion reduzierte noch Monate später und Tausende von Meilen hinter der Grenze die Verbrechensrate in den gesamten Staaten. Ein Riesenerfolg.
Also wurde die Aktion abgeblasen. Sie war extrem teuer. Der Etat der Küstenwache wies ein ernsthaftes Defizit auf. Der Präsident sagte, er könne den Etat nicht erhöhen. Tatsächlich müsse er ihn kürzen. Die Wirtschaft sei in einem fürchterlichen Zustand. Es gebe nichts, was er tun könne. Also mußte die ganze Aktion innerhalb von sieben Tagen eingestellt werden. Der Präsident versuchte, der Sache wie ein Staatsmann zu begegnen. Die großen Tiere bei der Exekutive waren sauer, weil sie es für sinnvoller hielten, Verbrechen zu verhindern, anstatt sie zu bekämpfen. Die Insider in Washington hingegen waren glücklich, weil fünfzig Cents für einen Streifenpolizisten sichtbarer investiert sind als zwei Dollar auf einem Ozean, der zweitausend Meilen von den Wählern entfernt ist. Die Argumente flogen hin und her. Und auf den verdammten Photos tat der Präsident alles staatsmännisch mit einem Lächeln ab und sagte, da könne er leider nichts machen. Ich hörte auf zu lesen, weil ich immer wütender wurde.
Um mich zu beruhigen, ließ ich Musik durch meinen Kopf ziehen. Den Refrain von ›Smokestack Lightning‹. Die Version von Howling Wolf hat einen wunderbaren erstickten Schrei am Ende der ersten Textzeile. Dort heißt es, daß du eine Zeitlang auf den Schienen unterwegs sein mußt, um den Blues des Reisenden zu verstehen. Falsch. Um den Blues des Reisenden zu verstehen, mußt du irgendwo eingesperrt sein. In einer Zelle. Oder in der Army. Irgendwo in einem Käfig. Irgendwo, wo der Rauch aus dem Schornstein eines Zuges aussieht wie das ferne Signal einer unmöglich zu erreichenden Freiheit. Ich lag da mit meinem Mantel als Kopfkissen und lauschte auf die Musik in meinem Kopf. Am Ende des dritten Refrains schlief ich ein.
Ich wachte auf, als Baker anfing, gegen die Gitterstäbe zu treten. Sie dröhnten dumpf. Wie eine Trauerglocke. Baker stand dort zusammen mit Finlay. Sie sahen auf mich herunter. Ich blieb, wo ich war. Ich fand es bequem auf dem Boden.
»Wo, sagten Sie, waren Sie letzte Nacht gegen vierundzwanzig Uhr?« fragte Finlay.
»Ich stieg in Tampa in einen Bus«, sagte ich.
»Wir haben einen neuen Zeugen«, sagte Finlay. »Er hat Sie beim Lagerhaus gesehen. Letzte Nacht. Herumlungern. Gegen Mitternacht.«
»Völliger Blödsinn, Finlay«, sagte ich. »Unmöglich. Wer zum Teufel ist dieser neue Zeuge?«
»Der Zeuge ist Chief Morrison«, sagte Finlay. »Der Polizeichef. Er sagt, er war sicher, Sie schon mal gesehen zu haben. Jetzt hat er sich erinnert, wo das war.«