KAPITEL 16


Sie waren unseretwegen in der Nacht gekommen, und sie hatten mit einer Menge Blut gerechnet. Sie waren mit ihrer ganzen Ausrüstung gekommen. Ihren Gummiüberschuhen und ihren Nylonoveralls. Ihren Messern, ihrem Hammer, ihrem Sack Nägel. Sie waren gekommen, um uns fertigzumachen, wie sie Morrison und seine Frau fertiggemacht hatten.

Sie hatten die verbotene Tür aufgestoßen. Sie hatten einen zweiten, fatalen Fehler gemacht. Jetzt waren sie so gut wie tot. Ich würde sie zur Strecke bringen und sie anlächeln, wenn sie starben. Denn der Angriff auf mich war ein zweiter Angriff auf Joe. Er war nicht mehr da, um mir beizustehen. Es war eine zweite Herausforderung. Eine zweite Demütigung. Hier ging es nicht um Selbstverteidigung. Hier ging es darum, Joes Andenken zu ehren.

Roscoe verfolgte die Fußspuren. Zeigte eine klassische Reaktion. Ableugnen. Vier Männer waren in der Nacht gekommen, um sie abzuschlachten. Sie wußte das, aber sie ignorierte es. Verschloß ihren Geist dagegen. Ging damit um, indem sie nicht damit umging. Kein schlechter Ansatz, aber sie würde schon bald auf den Boden der Tatsachen zurückkommen. Bis dahin verfolgte sie eifrig die schwachen Fußspuren.

Sie hatten das Haus nach uns durchsucht. Sie hatten sich im Schlafzimmer aufgeteilt und sich umgesehen. Dann hatten sie sich wieder im Schlafzimmer versammelt und waren verschwunden. Wir suchten auf der Straße nach Spuren, aber dort war nichts. Der glatte Asphalt war feucht und dampfte. Wir gingen zurück ins Haus. Keine Spuren außer dem aufgebrochenen Schloß und den Fußabdrücken im ganzen Haus.

Keiner von uns sagte ein Wort. Ich kochte vor Wut. Beobachtete unentwegt Roscoe. Wartete, daß der Damm brach. Sie hatte die Leichen der Morrisons gesehen. Ich nicht. Finlay hatte mir die Einzelheiten angedeutet. Das war schon schlimm genug gewesen. Er war dagewesen. Die ganze Sache hatte ihn ziemlich aufgewühlt. Roscoe war auch dagewesen. Sie hatte genau gesehen, was jemand mit uns hatte anstellen wollen.

»Hinter wem sind sie her?« fragte sie schließlich. »Hinter mir, hinter dir oder hinter uns beiden?«

»Sie sind hinter uns beiden her. Sie glauben, daß Hubble mit mir im Gefängnis gesprochen hat. Sie glauben, ich hätte dir alles erzählt. Also denken sie, daß du und ich alles wissen, was Hubble wußte.«

Sie nickte geistesabwesend. Dann ging sie zur Hintertür und lehnte sich dagegen. Blickte hinaus auf ihren gepflegten, immergrünen Garten. Ich sah, wie sie blaß wurde. Sie fing an zu zittern. Ihre Widerstandskraft brach zusammen. Sie drückte sich in die Ecke an der Tür. Versuchte, sich flach gegen die Wand zu pressen. Starrte in den leeren Raum, als würde sie all das namenlose Grauen in ihrem Haus sehen. Fing an zu weinen, als bräche ihr das Herz. Ich trat zu ihr und hielt sie fest. Drückte sie an mich und hielt sie fest, als sie all ihre Furcht und Anspannung herausließ. Sie weinte lange Zeit. Sie fühlte sich heiß und schwach an. Mein Hemd war ganz naß von ihren Tränen.

»Gott sei Dank waren wir letzte Nacht nicht hier«, flüsterte sie.

Ich wußte, daß ich zuversichtlich klingen mußte. Angst würde zu nichts führen. Angst würde ihre Energie auf saugen. Sie mußte sie besiegen. Und sie mußte die Dunkelheit und die Stille heute nacht besiegen, und die jeder künftigen Nacht in ihrem Leben.

»Ich wollte, wir wären hiergewesen«, sagte ich. »Dann hätten wir ein paar Antworten.«

Sie sah mich an, als wäre ich verrückt. Schüttelte den Kopf.

»Was hättest du getan?« fragte sie. »Vier Männer umgebracht?«

»Nur drei«, sagte ich. »Der vierte hätte uns die Antworten gegeben.«

Ich sagte das mit völliger Sicherheit. Mit völliger Überzeugung. Als würde absolut keine andere Möglichkeit existieren.

Sie blickte mich an. Ich wollte, daß sie einen riesigen Mann sah. Einen Soldaten mit dreizehn Jahren Diensterfahrung. Einen Mann, der mit bloßen Händen töten konnte. Die eisblauen Augen. Ich gab alles. Ich zwang mich, ihr all meine Unbesiegbarkeit, all meine Erbarmungslosigkeit, all meinen Schutz zu zeigen, die ich in mir fühlte. Ich starrte sie ohne zu blinzeln mit dem harten Blick an, der früher zwei betrunkene Marines auf einmal eingeschüchtert hatte. Ich wollte, daß Roscoe sich sicher fühlte. Nach dem, was sie mir gegeben hatte, wollte ich ihr das geben. Ich wollte nicht, daß sie Angst hatte.

»Es braucht schon etwas mehr als vier kleine Jungs vom Land, um mich zu kriegen«, sagte ich. »Was meinen die, mit wem sie es zu tun haben? Ich habe schon ganz andere Gegner zur Strecke gebracht. Wenn die noch mal hierherkommen, werden die in einem Eimer von hier verschwinden. Und ich sag dir noch was, Roscoe, wenn jemand vorhat, dir weh zu tun, dann stirbt er, bevor er den Gedanken zu Ende gedacht hat.«

Es funktionierte. Ich überzeugte sie. Ich brauchte sie zuversichtlich und selbstsicher. Ich suggerierte ihr, es anzugehen. Es funktionierte. Ihre wunderbaren Augen füllten sich wieder mit Mut.

»Ich meine es ernst, Roscoe«, sagte ich. »Bleib bei mir, und dir geschieht nichts.«

Sie sah mich wieder an. Strich sich ihr Haar zurück.

»Versprochen?«

»Du hast's erfaßt, Babe«, sagte ich. Hielt den Atem an.

Sie seufzte ermattet. Stieß sich von der Wand ab und kam zu mir. Versuchte ein tapferes Lächeln. Die Krise war vorüber. Sie war wieder auf dem Damm.

»Jetzt müssen wir aber raus hier«, sagte ich. »Hier sind wir ein leichtes Ziel. Also wirf alles, was du brauchst, in eine Tasche.«

»Okay. Aber wollen wir nicht zuerst die Tür wieder in Ordnung bringen?«

Ich dachte über ihre Frage nach. Es war ein wichtiger taktischer Zug.

»Nein«, sagte ich. »Wenn wir sie reparieren, heißt das, daß wir es gesehen haben. Wenn wir es gesehen haben, heißt das, wir wissen, daß wir bedroht werden. Es ist besser, sie denken, wir wüßten es nicht. Denn dann denken sie, sie brauchen das nächste Mal nicht allzu vorsichtig zu sein. Also reagieren wir gar nicht. Wir tun so, als wären wir nicht hiergewesen. Wir tun so, als hätten wir die Tür nicht gesehen. Wir verhalten uns weiterhin naiv und unwissend. Wenn sie denken, wir seien naiv und unwissend, dann werden sie leichtsinnig. Dann erkennen wir besser, wann sie das nächste Mal kommen.«

»Okay.«

Sie klang nicht überzeugt, aber sie war einverstanden.

»Also wirf alles, was du brauchst, in eine Tasche«, sagte ich noch einmal.

Sie war nicht glücklich damit, aber sie ging, um ein paar Sachen zu holen. Das Spiel begann. Ich wußte nicht genau, wer die anderen Spieler waren. Ich wußte nicht mal genau, was für ein Spiel das war. Aber ich wußte, wie man spielte. Mit meinem Eröffnungszug wollte ich bewirken, daß sie glaubten, wir wären immer einen Schritt hinter ihnen zurück.

»Soll ich heute zum Dienst gehen?«

»Du mußt«, sagte ich. »Du kannst nicht von deinem normalen Tagesablauf abweichen. Und wir müssen mit Finlay reden. Er wartet auf den Anruf aus Washington. Und wir müssen über Sherman Stoller alles erfahren, was möglich ist. Aber mach dir keine Sorgen, sie werden uns nicht mitten im Mannschaftsbüro niederknallen. Sie werden es irgendwo angehen, wo es ruhig und abgelegen ist, wahrscheinlich nachts. Teale ist der einzige üble Typ im Revier, also vermeide es, mit ihm allein zu sein. Häng dich an Finlay oder an Baker und Stevenson, okay?«

Sie nickte. Ging sich duschen und für den Dienst anziehen. Nach zwanzig Minuten kam sie in ihrer Uniform aus dem Schlafzimmer. Strich sie glatt. Bereit für den Tag. Sie sah mich an.

»Versprochen?« fragte sie.

So wie sie es sagte, klang es wie eine Frage, wie eine Entschuldigung und eine Rückversicherung in einem Wort. Ich blickte zurück.

»Darauf kannst du wetten«, sagte ich und zwinkerte ihr zu.

Sie nickte. Zwinkerte zurück. Es ging uns besser. Wir gingen zur Vordertür und ließen sie einen Spalt offen, so wie wir sie vorgefunden hatten.

Ich versteckte den Bentley in der Garage, um die Illusion aufrechtzuerhalten, daß wir noch nicht zurückgekommen waren. Dann stiegen wir in ihren Chevy und beschlossen, den Tag mit einem Frühstück bei Eno zu beginnen. Sie fuhr los und scheuchte den Wagen den Hügel hinauf. Nach den geraden Sitzen im alten Bentley hatte ich das Gefühl, schlaff und niedrig zu sitzen. Den Hügel hinunter kam uns ein Lieferwagen entgegen. In schickem Dunkelgrün, sehr sauber, nagelneu. Er sah aus wie ein gewöhnliches Nutzfahrzeug, aber auf der Seite stand in kunstvoller goldener Schrift: Kliner-Stiftung. Genau wie bei dem Gärtnerwagen.

»Was ist das für ein Wagen?« fragte ich Roscoe.

Sie zog am Drugstore nach rechts. Die Main Street hoch,

»Die Stiftung hat eine Menge Wagen.«

»Was macht sie genau?«

»Große Nummer hier in der Gegend. Der alte Kliner. Die Stadt hat ihm das Land für seine Lagerhäuser verkauft, und ein Teil des Geschäfts war, daß er ein Programm für die Gemeinde aufstellt. Teale leitet es vom Rathaus aus.«

»Teale leitet es? Teale ist der Gegner.«

»Er leitet es, weil er der Bürgermeister ist«, sagte sie. »Nicht weil er Teale ist. Das Programm verteilt eine Menge Geld, gibt es für öffentliche Angelegenheiten aus, für Straßen, Parks, die Bücherei, für Subventionen hiesiger Geschäfte. Läßt auch dem Police Department ziemlich viel zukommen. Ich bekomme einen Zuschuß für meine Hypothek, bloß weil ich dort arbeite.«

»Das gibt Teale eine Menge Macht. Und was ist mit dem Kliner-Sohn? Er hat versucht, mir wegen dir zu drohen. Tat so, als hätte er ältere Rechte.«

Sie erschauerte.

»Er ist ein Irrer«, sagte sie. »Ich gehe ihm aus dem Weg, wenn ich kann. Das solltest du auch tun.«

Sie fuhr weiter, wirkte nervös. Blickte sich ständig mit erschrockenem Blick um. Als fühlte sie sich bedroht. Als würde jemand jeden Augenblick vors Auto springen und uns abknallen können. Ihr ruhiges Landleben in Georgia war vorbei. Vier Männer in ihrem Haus hatten es letzte Nacht zunichte gemacht.

Wir fuhren auf Enos Kiesparkplatz, und der große Chevy schaukelte sanft in seiner weichen Federung. Ich glitt aus dem tiefliegenden Sitz, und wir gingen zusammen über den knirschenden Kies zum Eingang. Es war ein grauer Tag. Der nächtliche Regen hatte die Luft abgekühlt und Wolkenfetzen über den ganzen Himmel verteilt. Die Metallverkleidung am Diner spiegelte die trübe Atmosphäre wider. Es war kalt. Es fühlte sich an, als wäre eine neue Jahreszeit angebrochen.

Wir gingen hinein. Das Lokal war leer. Wir wählten eine Nische, und die Frau mit der Brille brachte uns Kaffee. Wir bestellten Schinken und Ei mit allen Extras. Ein schwarzer Pick- up fuhr draußen auf den Parkplatz. Derselbe Pick-up, den ich schon dreimal gesehen hatte. Aber mit einem anderen Fahrer. Nicht der Kliner-Sohn. Es war ein älterer Mann. Vielleicht an die sechzig, aber knochenhart und hager. Eisengraues, bis fast zur Kopfhaut zurückgeschnittenes Haar. Er war wie ein Farmer in Jeans gekleidet. Sah aus, als würde er ständig im Freien leben. Selbst durch Enos Fenster hindurch konnte ich seine Kraft spüren und die Feindseligkeit in seinen Augen sehen. Roscoe stieß mich an und wies nickend auf den Mann.

»Das ist Kliner«, sagte sie. »Der Alte höchstpersönlich.«

Er stieß die Tür auf und blieb einen Moment lang stehen. Blickte nach links, blickte nach rechts und ging hinüber zur Theke. Eno kam aus der Küche. Die beiden sprachen leise miteinander. Steckten die Köpfe zusammen. Dann stand Kliner wieder auf. Wandte sich zur Tür. Blieb stehen und blickte nach links, blickte nach rechts. Ließ seinen Blick eine Sekunde lang auf Roscoe ruhen. Sein Gesicht war mager, ebenmäßig und hart. Sein Mund wirkte wie eine Linie, die man hineingemeißelt hatte. Dann sah er mich sekundenlang an. Ich fühlte mich, als würde ich von einem Scheinwerfer angestrahlt. Seine Lippen teilten sich zu einem seltsamen Lächeln. Er hatte sonderbare Zähne. Lange, nach innen geneigte Eckzähne und ebenmäßige, quadratische Schneidezähne. Gelb, wie bei einem alten Wolf. Seine Lippen schlossen sich wieder, und er wandte rasch den Blick ab. Zog die Tür auf und ging über den knirschenden Kies zu seinem Wagen. Fuhr mit aufheulendem Motor und spritzendem Kies davon.

Ich sah, wie er verschwand, und drehte mich Roscoe zu.

»Jetzt erzähl mir mal mehr über diese Kliners«, sagte ich.

Sie wirkte immer noch nervös.

»Warum? Wir kämpfen hier um unser Leben, und du willst über die Kliners reden?«

»Ich suche nach Informationen«, sagte ich. »Kliners Name taucht hier ständig auf. Er sieht aus wie ein interessanter Typ. Sein Sohn ist ein unangenehmer Zeitgenosse. Und ich habe seine Frau gesehen. Sie wirkte unglücklich. Ich frage mich, ob das alles irgendwie zusammenhängt.«

Sie zuckte die Schultern und schüttelte den Kopf.

»Ich wüßte nicht, wie«, sagte sie. »Sie sind neu hier, erst seit fünf Jahren. Die Familie hat ein Vermögen mit der Verarbeitung von Baumwolle gemacht, vor einigen Generationen, drüben in Mississippi. Haben eine neue Chemikalie erfunden, irgendeine neue Formel. Was mit Chlor oder Natrium, genau weiß ich es nicht. Brachte ein riesiges Vermögen, aber sie bekamen Ärger mit der Umweltbehörde drüben, weißt du, vor ungefähr fünf Jahren, wegen Umweltverschmutzung oder so. Es gab ein Fischsterben bis nach New Orleans runter, weil sie ihr Abwasser in den Fluß geleitet haben.«

»Und was passierte dann?«

»Kliner zog mit der ganzen Anlage um«, sagte sie. »Mittlerweile gehörte ihm die Firma. Er schloß den Betrieb in Mississippi und baute ihn in Venezuela oder so wieder auf. Dann versuchte er, alles auf neue Geschäfte umzustellen. Er tauchte vor fünf Jahren hier in Georgia auf, mit seinen Lagerhäusern. Konsumgüter, Elektronikgeräte und so weiter.«

»Also sind sie nicht von hier?«

»Ich habe sie vor fünf Jahren das erste Mal gesehen. Weiß nicht viel über sie. Aber ich habe nie etwas Schlechtes gehört. Kliner ist wahrscheinlich ein zäher Bursche, sogar rücksichtslos, aber er ist in Ordnung, solange man kein Fisch ist, vermute ich.«

»Und warum hat seine Frau dann solche Angst?«

Roscoe zog ein Gesicht.

»Sie hat keine Angst. Sie ist krank. Vielleicht hat sie Angst, weil sie krank ist. Sie wird sterben, klar? Das ist nicht Kliners Schuld.«

Die Kellnerin kam mit dem Essen. Wir aßen schweigend. Die Portionen waren riesig. Der Schinken war großartig. Die Eier köstlich. Dieser Eno hatte es raus mit Eiern. Ich spülte alles mit literweise Kaffee hinunter. Meinetwegen mußte die Kellnerin zum Auffüllen hin- und herlaufen.

»Und Pluribus sagt dir überhaupt nichts?« fragte Roscoe. »Ihr habt noch nie irgendwas über Pluribus gehört? Auch nicht, als ihr Kinder wart?«

Ich dachte scharf nach und schüttelte den Kopf.

»Ist das Latein?« fragte sie.

»Es ist ein Teil des Mottos der Vereinigten Staaten, oder? E Pluribus Unum. Das heißt: Aus vielen eins. Eine Nation aus vielen früheren Teilstaaten.«

»Also heißt Pluribus viele?« fragte sie. »Konnte Joe Latein?«

Ich zuckte mit den Schultern.

»Ich habe keine Ahnung. Wahrscheinlich. Er war ein kluger Junge. Wahrscheinlich konnte er ein paar Brocken Latein. Ich bin nicht sicher.«

»Okay, aber du hast keine weiteren Ideen, warum Joe hier gewesen sein könnte?«

»Vielleicht wegen Geld«, sagte ich. »Was anderes fällt mir nicht ein. Joe hat, soweit ich weiß, für das Finanzministerium gearbeitet. Hubble hat für eine Bank gearbeitet. Das einzige, was sie gemeinsam haben, ist Geld. Vielleicht erfahren wir es aus Washington. Wenn nicht, müssen wir wieder von vorn anfangen.«

»Okay. Brauchst du etwas?«

»Ich brauche das Verhaftungsprotokoll aus Florida«, sagte ich.

»Von Sherman Stoller? Aber das ist doch schon zwei Jahre her.«

»Wir müssen irgendwo anfangen.«

»Okay, ich werde für dich danach fragen«, sagte sie achselzuckend. »Ich werde in Florida anrufen. Sonst noch was?«

»Ich brauche eine Waffe.«

Sie gab keine Antwort. Ich ließ einen Zwanziger auf die Tischplatte aus Laminat fallen, wir glitten aus der Nische und standen auf. Gingen hinaus zu ihrem Wagen.

»Ich brauche eine Waffe«, wiederholte ich. »Dies ist eine große Sache, richtig? Also brauche ich eine Waffe. Ich kann nicht einfach in einen Laden gehen und mir eine kaufen. Ohne Ausweis, ohne Adresse.«

»Gut, ich besorge dir eine.«

»Ich habe keinen Waffenschein«, sagte ich. »Du mußt sie still und heimlich besorgen, okay?«

Sie nickte.

»Das geht in Ordnung: Ich habe eine, von der niemand auch nur das geringste weiß.«

Auf dem Parkplatz des Reviers küßten wir uns lange und leidenschaftlich. Dann stiegen wir aus dem Wagen und gingen durch die schwere Glastür. Rannten mehr oder weniger in Finlay hinein, der auf seinem Weg nach draußen die Empfangstheke umrundete.

»Ich muß noch mal zum Leichenschauhaus«, sagte er. »Sie beide kommen mit. Wir müssen reden. Es gibt viel zu bereden.«

Also gingen wir zurück in den trüben Morgen. Zurück in Roscoes Chevy. Die altbekannte Sitzordnung. Sie fuhr. Ich saß hinten. Finlay saß auf dem Beifahrersitz, so gedreht, daß er uns beide gleichzeitig ansehen konnte. Roscoe ließ den Motor an und fuhr in Richtung Süden.

»Hatte gerade einen langen Anruf vom Finanzministerium«, sagte Finlay. »Muß an die zwanzig Minuten gedauert haben, vielleicht eine halbe Stunde. Ich war nervös wegen Teale.«

»Was haben sie gesagt?« fragte ich ihn.

»Nichts. Sie brauchten eine halbe Stunde, um mir nichts zu sagen.«

»Nichts?« wiederholte ich. »Was zum Teufel heißt das?«

»Sie wollten mir nichts sagen. Sie wollen eine verdammte offizielle Bestätigung von Teale, bevor sie auch nur ein Wort sagen.«

»Aber sie haben bestätigt, daß Joe bei ihnen gearbeitet hat, oder?«

»Sicher, so weit mußten sie schon gehen«, sagte er. »Er kam vor zehn Jahren vom militärischen Geheimdienst. Sie haben ihn abgeworben. Warben ihn extra an.«

»Wofür?«

Finlay zuckte nur die Achseln.

»Das wollten sie mir nicht sagen. Er hat vor genau einem Jahr mit einem neuen Projekt angefangen, aber die ganze Angelegenheit ist offensichtlich vollkommen geheim. Er war ein ziemlich großes Tier da drüben, Reacher, soviel ist sicher. Sie hätten hören sollen, wie sie über ihn gesprochen haben. Als würden sie über den lieben Gott selbst sprechen.«

Ich schwieg eine Zeitlang. Ich hatte nichts über Joe gewußt. Gar nichts.

»Und das war's?« fragte ich. »Das ist alles, was Sie haben?«

»Nein«, sagte er. »Ich machte Druck, bis ich eine Frau namens Molly Beth Gordon erwischte. Haben Sie je diesen Namen gehört?«

»Nein, sollte ich?«

»Hörte sich an, als hätte sie Joe sehr nahegestanden«, sagte Finlay. »Hörte sich an, als hätten sie was miteinander gehabt. Sie war ziemlich schockiert. Weinte die ganze Zeit.«

»Und was hat sie Ihnen erzählt?«

»Nichts. Nicht autorisiert. Aber sie versprach, Ihnen zu sagen, was sie kann. Sie sagte, sie würde für Sie die Regeln brechen, weil Sie Joes kleiner Bruder sind.«

Ich nickte.

»Okay, das klingt schon viel besser. Und wann kann ich mit ihr reden?«

»Rufen Sie sie um halb zwei an«, sagte Finlay, »Zur Mittagspause, wenn ihr Büro leer ist. Sie riskiert einiges, aber sie wird für Sie den Mund aufmachen. Das hat sie mir zugesagt.«

»Sonst noch etwas?«

»Sie verriet eine kleine Sache. Joe hatte ein großes Informationstreffen geplant. Für nächsten Montag.«

»Montag?«

»Genau. Sieht aus, als hätte Hubble recht gehabt. Irgend etwas muß vor oder am Sonntag passieren. Was immer er auch gemacht hat, es sieht aus, als hätte Joe gewußt, daß er dann gewonnen oder verloren haben würde. Aber mehr wollte sie nicht sagen. Sie hatte schon die Vorschriften mißachtet, weil sie überhaupt mit mir sprach, und sie klang, als würde jemand mithören. Also rufen Sie sie an, aber richten Sie nicht Ihre ganze Hoffnung auf sie, Reacher. Sie weiß vielleicht nichts. Bei denen weiß die rechte Hand nicht, was die linke tut. Große Zeiten verlangen große Geheimnistuerei, nicht wahr?«

»Bürokratie«, sagte ich. »Wer zum Teufel braucht das schon? Okay, wir müssen annehmen, daß wir hier ganz auf uns gestellt sind. Zumindest eine Zeitlang. Wir werden Picard noch mal brauchen.«

Finlay nickte.

»Er wird tun, was er kann«, sagte er. »Er rief mich letzte Nacht an. Die Hubbles sind in Sicherheit. Im Moment kümmert er sich um sie, aber er wird uns helfen, wenn wir ihn brauchen.«

»Er sollte damit anfangen, Joes Spur zurückzuverfolgen«, sagte ich. »Joe muß einen Wagen gehabt haben. Wahrscheinlich ist er mit dem Flugzeug von Washington nach Atlanta gekommen, er muß ein Hotelzimmer gehabt und ein Auto gemietet haben, richtig? Wir sollten nach dem Auto suchen. Er muß damit am Donnerstag abend hergekommen sein. Es muß hier irgendwo in der Gegend abgestellt worden sein. Es könnte uns zurück zum Hotel führen. Vielleicht ist etwas in Joes Hotelzimmer. Akten möglicherweise.«

»Picard kann das nicht übernehmen«, sagte Finlay. »Das FBI ist nicht dafür ausgerüstet, nach herrenlosen Mietwagen zu suchen. Und wir können es auch nicht machen, nicht mit Teale im Nacken.«

Ich zuckte die Schultern.

»Wir müssen«, beharrte ich. »Anders geht's nicht. Sie können Teale doch irgendeine Geschichte verkaufen. Sie können in seinen Bluff einsteigen. Sagen Sie ihm, Sie seien der Meinung, der Häftling, den er für die Sache mit den Morrisons verantwortlich macht, wäre in einem Mietwagen geflohen. Sagen Sie ihm, Sie müßten das überprüfen. Dazu muß er sein Okay geben, sonst untergräbt er seine eigene Geschichte, richtig?«

»In Ordnung. Ich werde es versuchen. Schätze, das könnte klappen.«

»Und Joe muß noch mehr Telefonnummern gehabt haben. Die Nummer, die Sie in seinem Schuh gefunden haben, war aus einem Computerausdruck herausgerissen. Wo ist also der Rest des Ausdrucks? Ich wette, in seinem Hotel. Wartet da mit all den Telefonnummern, nur Hubbles ist rausgerissen. Also finden Sie den Wagen, dann legen Sie Picard Daumenschrauben an, damit er das Hotel über die Mietwagenagentur findet, okay?«

»Okay, ich tue mein Bestes.«

In Yellow Springs bogen wir in den Zufahrtsweg zum Krankenhaus und fuhren langsam über die Bodenschwellen. Weiter zum Parkplatz im hinteren Bereich. Parkten in der Nähe des Eingangs zum Leichenschauhaus. Ich wollte nicht hineingehen. Joe war immer noch da. Ich fing an, vage über die Vorbereitungen zum Begräbnis nachzudenken. Ich hatte so etwas noch nie tun müssen. Die Marine hatte das Begräbnis meines Vaters arrangiert und Joe das meiner Mutter.

Aber ich stieg mit den beiden aus, und wir gingen durch die kühle Luft zur Tür. Suchten unseren Weg ins schäbige Büro. Derselbe Gerichtsmediziner saß am Schreibtisch. Immer noch in einem weißen Kittel. Immer noch müde aussehend. Er winkte uns hinein, und wir setzten uns. Ich nahm einen der Stühle. Ich wollte nicht mehr neben dem Faxgerät sitzen. Der Pathologe blickte uns alle nacheinander an. Wir blickten zurück.

»Was haben Sie für uns?« fragte Finlay.

Der müde Mann am Schreibtisch bereitete sich auf seine Antwort vor. Als würde es ein längerer Vortrag werden. Er nahm drei Akten von seiner linken Seite und ließ sie auf die Schreibunterlage fallen. Öffnete die oberste. Zog die zweite heraus und öffnete sie auch.

»Morrison«, sagte er. »Mr. und Mrs.«

Er sah uns wieder an. Finlay nickte ihm zu.

»Gefoltert und umgebracht«, sagte der Pathologe. »Die Abfolge ist ziemlich klar. Die Frau wurde festgehalten. Ich würde sagen, von zwei Männern, jeder hielt einen Arm fest und drehte ihn um. Schwere Quetschungen an Ober- und Unterarmen, einige Schäden an den Bändern, weil ihr die Arme auf den Rücken gedreht wurden. Offensichtlich entwickelten sich die Quetschungen vom ersten Griff bis zum Eintritt ihres Todes. Solche Verletzungen entwickeln sich nicht weiter, wenn der Blutkreislauf unterbrochen wird, verstehen Sie?«

Wir nickten. Wir verstanden.

»Ich würde ungefähr zehn Minuten dafür veranschlagen«, sagte er. »Zehn Minuten vom Anfang bis zum Ende. Die Frau wurde also festgehalten. Der Mann wurde an die Wand genagelt. Ich schätze, daß beide da schon nackt waren. Sie hatten vor dem Angriff noch ihr Nachtzeug an, oder?«

»Morgenmäntel«, sagte Finlay. »Sie frühstückten gerade.«

»Okay, die Morgenmäntel wurden ihnen ausgezogen«, sagte der Pathologe. »Der Mann wurde an die Wand genagelt, und auch an den Boden, durch die Füße hindurch. Sein Genitalbereich wurde verletzt. Das Skrotum wurde entfernt. Die postmortalen Spuren deuten darauf hin, daß die Frau gezwungen wurde, die amputierten Hoden zu schlucken.«

Im Büro herrschte Stille. Grabesstille. Roscoe sah mich an. Starrte mich eine ganze Zeitlang an. Dann blickte sie zu dem Pathologen zurück.

»Ich fand sie in ihrem Magen.«

Roscoe war so weiß wie der Kittel des Mannes. Ich dachte, daß sie vornüber vom Stuhl kippen würde. Sie schloß die Augen und hielt sich fest. Sie hörte gerade, was jemand letzte Nacht mit uns vorgehabt hatte.

»Und?« fragte Finlay.

»Die Frau wurde verstümmelt. Die Brüste abgeschnitten, der Genitalbereich verletzt, die Kehle durchgeschnitten. Dann wurde dem Mann die Kehle durchgeschnitten. Dies war die letzte Wunde. Sie können sehen, daß der Blutfluß aus seiner Halsarterie alle anderen Blutflecken im Zimmer überdeckt.«

Tödliche Stille im Raum. Hielt eine ganze Weile an.

»Waffen?« fragte ich.

Der Mann am Schreibtisch wandte mir seinen müden Blick zu.

»Etwas Scharfes offensichtlich«, sagte er. Mit leichtem Grinsen. »Gerade, vielleicht zehn Zentimeter lang.«

»Ein Rasiermesser?«

»Nein, bestimmt nicht. Sicher etwas, was so scharf ist wie ein Rasiermesser, aber starr, nicht zusammenklappbar und zweischneidig.«

»Und wieso das?«

»Es gibt Hinweise, daß es in beide Richtungen benutzt wurde«, sagte der Mann. Er ließ seine Hand in einem kleinen Bogen vor und zurück sausen. »So etwa. Auf den Brüsten der Frau. Schnitte in beide Richtungen. Als wollte jemand einen Lachs filetieren.«

Ich nickte. Roscoe und Finlay schwiegen.

»Was ist mit dem anderen Mann?« fragte ich. »Mit Stoller?«

Der Pathologe schob die zwei Morrison-Akten zur Seite und öffnete die dritte Akte. Sah sie durch und blickte zu mir herüber. Die dritte Akte war dicker als die ersten beiden.

»Sein Name war Stoller?« fragte er. »Hier lief er unter ›Unbekannt‹.«

Roscoe sah auf.

»Wir haben Ihnen ein Fax geschickt«, sagte sie. »Gestern morgen. Wir haben seine Fingerabdrücke zurückverfolgt.«

Der Pathologe wühlte auf seinem unordentlichen Schreibtisch herum. Fand ein aufgerolltes Fax. Las es und nickte. Strich ›Unbekannt‹ auf dem Ordner aus und schrieb ›Sherman Stoller‹ darauf. Zeigte uns wieder sein leichtes Grinsen.

»Ich hatte ihn seit Sonntag«, sagte er. »Da konnte ich etwas gründlicher arbeiten, wissen Sie? Er war ein bißchen von den Ratten angenagt, aber nicht zu Brei getreten wie der andere und insgesamt in viel besserem Zustand als die Morrisons.«

»Was können Sie uns also erzählen?« fragte ich.

»Wir haben über die Kugeln gesprochen, richtig?« sagte er. »Über die exakte Todesursache gibt es nichts mehr hinzuzufügen.«

»Was wissen Sie also noch?«

Die Akte war zu dick, um nur das bißchen von den Schüssen, dem Fluchtversuch und dem Verbluten zu enthalten. Der Mann hatte uns offensichtlich noch mehr zu erzählen. Ich sah, wie er seine Finger auf die Seiten preßte und leicht niederdrückte. Als versuchte er, Schwingungen zu empfangen oder die Akte in Blindenschrift zu lesen.

»Er war ein Lkw-Fahrer.«

»Er war was?« fragte ich.

»Das ist meine Meinung«, sagte der Pathologe. Klang selbstsicher.

Finlay blickte auf. Er war plötzlich interessiert. Er liebte den Vorgang der Deduktion. Es faszinierte ihn. Wie vor ein paar Tagen, als ich mit meinen gewagten Spekulationen über Harvard, seine Scheidung und die Nichtraucherei ins Schwarze getroffen hatte.

»Reden Sie weiter.«

»Okay, ich mach's kurz«, sagte der Pathologe. »Ich fand gewisse überzeugende Faktoren. Er übte eine sitzende Tätigkeit aus, weil seine Muskulatur schwach war, seine Haltung schlecht und sein Gesäß schlaff. Leicht rauhe Hände, deutliche Spuren von Dieselkraftstoff waren in seine Haut eingedrungen. Außerdem alte Reste von Diesel auf den Sohlen seiner Schuhe. Was seine Organe betrifft, so ernährte er sich schlecht, sehr fettreich, und er hatte ein bißchen zuviel Wasserstoffsulfid in seinen Blutgasen und im Gewebe. Der Mann hat sein Leben auf der Straße verbracht und die Abgase aus den Katalysatoren anderer Fahrzeuge eingeatmet. Ich halte ihn für einen Lkw-Fahrer, wegen des Diesels.«

Finlay nickte. Ich nickte. Stoller hatte keinen Ausweis und keine Geschichte gehabt, nur seine Uhr. Dieser Mann war ziemlich gut. Er beobachtete, wie wir anerkennend nickten. Wirkte sehr zufrieden. Sah aus, als hätte er noch mehr zu sagen.

»Aber er arbeitete schon eine Weile nicht mehr.«

»Wieso?« fragte Finlay ihn.

»Weil sämtliche Spuren alt sind«, erklärte der Pathologe. »Sieht für mich aus, als wäre er eine lange Zeit viel gefahren, hätte dann aber damit aufgehört. Ich denke, er ist etwa neun Monate, vielleicht auch ein Jahr lang, wenig gefahren. Also halte ich ihn zwar für einen Lkw-Fahrer, aber für einen arbeitslosen Lkw-Fahrer.«

»Okay, Doc, gute Arbeit«, sagte Finlay. »Haben Sie davon Kopien für uns?«

Der Doktor schob einen großen Umschlag über den Schreibtisch. Finlay stand auf und nahm ihn. Dann verabschiedeten wir uns. Ich wollte raus. Ich wollte nicht noch einmal in die Kühlkammer. Ich wollte nicht noch mehr Verletzungen sehen. Roscoe und Finlay spürten das und nickten. Wir hasteten aus dem Zimmer, als wären wir schon zehn Minuten zu spät für eine Verabredung. Der Mann am Schreibtisch ließ uns ziehen. Er hatte schon viele Leute so aus seinem Büro stürzen sehen.

Wir stiegen in Roscoes Wagen. Finlay öffnete den großen Umschlag und zog die Unterlagen über Sherman Stoller heraus. Faltete sie und steckte sie in seine Jackentasche.

»Das ist erst mal für uns«, sagte er. »Vielleicht bringt uns das ja weiter.«

»Ich werde das Verhaftungsprotokoll aus Florida anfordem«, sagte Roscoe. »Und wir werden irgendwo eine Adresse von ihm finden. Es muß eine Menge Unterlagen über einen Lkw-Fahrer geben, nicht wahr? Gewerkschaftsausweis, Gesundheitszeugnis, Führerschein. Sollte nicht so schwer zu beschaffen sein.«


Wir legten den Rest des Wegs nach Margrave schweigend zurück. Das Polizeirevier war menschenleer, bis auf den Wachhabenden. Mittagspause in Margrave, Mittagspause auch in Washington, D. C. Dieselbe Zeitzone. Finlay gab mir einen Fetzen Papier aus seiner Jackentasche und hielt an der Tür zum Rosenholzbüro Wache. Ich ging hinein, um mit der Frau zu telefonieren, die möglicherweise die Geliebte meines Bruders gewesen war.

Die Nummer, die Finlay mir gegeben hatte, war Molly Beth Gordons Durchwahl. Sie nahm nach dem ersten Klingeln ab. Ich sagte ihr meinen Namen. Sie fing an zu weinen.

»Sie klingen genau wie Joe.«

Ich antwortete nicht. Ich wollte mich jetzt nicht in Erinnerungen ergehen. Und sie sollte das auch nicht, nicht, wenn sie die Regeln brach und vielleicht jemand mithörte. Sie sollte mir einfach nur sagen, was sie mir zu sagen hatte, und dann aus der Leitung gehen.

»Also was hatte Joe hier unten zu tun?« fragte ich sie.

Ich hörte, wie sie die Nase hochzog, und dann klang ihre Stimme deutlicher.

»Er führte eine Untersuchung durch«, sagte sie. »Worüber genau weiß ich nicht.«

»Aber worum ging es grundsätzlich?« fragte ich sie. »Was war sein Job?«

»Wissen Sie das nicht?«

»Nein, wir hatten Schwierigkeiten, in Kontakt zu bleiben, denke ich mal. Sie müssen mir alles von Anfang an erzählen.«

In der Leitung herrschte lange Schweigen.

»Okay«, sagte sie endlich. »Ich sollte Ihnen das nicht erzählen. Nicht ohne Erlaubnis. Aber ich tue es trotzdem. Es ging um Fälschungen. Er leitete das Ressort zur Fälschungsbekämpfung des Finanzministeriums.«

»Fälschungen?« fragte ich. »Falschgeld?«

»Ja, er war der Leiter der Abteilung. Der Boss. Er war ein bemerkenswerter Mann, Jack.«

»Aber warum war er hier unten in Georgia?« fragte ich sie.

»Ich weiß nicht. Wirklich nicht. Aber ich will es für Sie herausfinden. Ich kann seine Unterlagen kopieren. Ich kenne sein Computerpaßwort.«

Wieder herrschte Schweigen. Jetzt wußte ich etwas über Molly Beth Gordon. Ich habe eine Menge Zeit mit Computerpaßwörtem verbracht. Jeder Militärpolizist tut das. Ich habe mich mit der Psychologie dahinter beschäftigt. Die meisten Anwender wählen schlechte Paßwörter. Viele schreiben das verdammte Wort auf einen Zettel und kleben ihn an den Monitor. Diejenigen, die zu schlau dazu sind, nehmen den Namen des Ehepartners, des Hundes, ihres Lieblingsautos oder ihres Lieblingsspielers oder den Namen der Insel, wo sie ihre Flitterwochen verbracht oder ihre Sekretärin gevögelt haben. Diejenigen, die sich für wirklich schlau halten, benutzen Zahlen, keine Wörter, aber sie nehmen ihren Geburtstag, ihren Hochzeitstag oder irgendwas ziemlich Offensichtliches. Wenn man etwas über den Anwender herausfinden kann, hat man normalerweise eine Chance von über fünfzig Prozent, sein Paßwort herauszufinden.

Aber das hätte bei Joe nie funktioniert. Er war ein Profi. Er hatte beträchtliche Jahre beim militärischen Geheimdienst verbracht. Sein Paßwort würde eine willkürliche Mischung aus Zahlen, Satzzeichen und Buchstaben sein, groß und klein geschrieben. Sein Paßwort würde nicht zu knacken sein. Wenn Molly Beth Gordon das Paßwort wußte, mußte Joe es ihr verraten haben. Eine andere Möglichkeit gab es nicht. Er hatte ihr wirklich vertraut. Er hatte ihr wirklich nahegestanden. Also legte ich etwas mehr Wärme in meine Stimme.

»Molly, das wäre großartig«, sagte ich. »Ich brauche diese Informationen dringend.«

»Das weiß ich«, sagte sie. »Ich hoffe, sie morgen zu haben. Ich rufe Sie zurück, sobald ich kann. Sobald ich etwas weiß.«

»Ging es hier unten um Falschgeld?« fragte ich sie. »Könnte sich das Ganze darum drehen?«

»Nein, so funktioniert das nicht. Nicht innerhalb der Staaten. Die ganzen Geschichten über kleine Männer, die mit grünen Augenschirmen in geheimen Kellern Dollarnoten drucken, sind Unsinn. So funktioniert das nicht. Joe hat das gestoppt. Ihr Bruder war ein Genie, Jack. Er hat vor Jahren Verfahrensordnungen für den Verkauf des Spezialpapiers und der Druckfarben aufgestellt, so daß jeder, der das versuchen will, innerhalb von Tagen festgenagelt wird. Es ist absolut sicher. Es funktioniert einfach nicht mehr, Falschgeld in den Staaten zu drucken. Joe hat dafür gesorgt. Das passiert alles im Ausland. Alle Fälschungen, die wir hier haben, werden eingeführt. Und Joe verbrachte seine Zeit damit, dem hinterherzujagen. Internationales Zeug. Warum er in Georgia war, weiß ich nicht. Wirklich nicht. Aber ich finde es morgen heraus, das verspreche ich Ihnen.«

Ich gab ihr die Nummer des Polizeireviers und wies sie an, mit niemandem außer mit mir, Roscoe oder Finlay zu sprechen. Dann legte sie eilig auf, als wäre jemand in ihr Büro gekommen. Ich blieb einen Moment lang sitzen und versuchte mir vorzustellen, wie sie wohl aussah.

Teale war wieder im Polizeirevier. Und der alte Kliner war bei ihm. Sie steckten an der Empfangstheke die Köpfe zusammen. Kliner sprach mit Teale, wie er mit Eno im Diner gesprochen hatte. Vielleicht über die Stiftung. Roscoe und Finlay standen zusammen bei den Zellen. Ich ging zu ihnen hinüber. Stellte mich zwischen sie und sprach mit gesenkter Stimme.

»Falschgeld«, sagte ich. »Es geht um Falschgeld. Joe hat die Abteilung im Finanzministerium geleitet, die dagegen vorgeht. Wissen Sie, ob so etwas hier unten passiert? Finlay? Roscoe?«

Die beiden zuckten die Schultern und schüttelten die Köpfe. Ich hörte das schmatzende Geräusch der Glastür. Blickte auf. Kliner ging hinaus. Teale steuerte uns an.

»Ich bin weg«, sagte ich.

Ich fegte an Teale vorbei auf die Tür zu. Kliner stand auf dem Parkplatz, bei dem schwarzen Pick-up. Er wartete auf mich. Lächelte. Zeigte seine Wolfszähne.

»Tut mir leid wegen Ihres Bruders«, sagte er.

Seine Stimme hatte einen ruhigen, kultivierten Klang. Gebildet. Ein leichtes Zischen bei den S-Lauten. Die Stimme paßte nicht zu seiner ausgedörrten Erscheinung.

»Sie ärgern meinen Sohn.«

Er sah mich an. In seinen Augen brannte etwas. Ich zuckte die Schultern.

»Ihr Sohn hat mich zuerst geärgert«, erwiderte ich.

»Und wieso?« fragte Kliner. In scharfem Ton.

»Er lebt und atmet noch.«

Ich ging über den Parkplatz. Kliner stieg in den schwarzen Pick-up. Startete ihn und fuhr los. Wandte sich nordwärts. Ich wandte mich südwärts. Startete meinen Spaziergang zu Roscoes Haus. Es war eine halbe Meile durch die neue Herbstkühle. Zehn Minuten in forschem Schritt. Ich holte den Bentley aus der Garage. Fuhr ihn den Hügel hinauf zurück zur Stadt. Bog nach rechts in die Main Street ein und fuhr langsamer. Ich blickte nach rechts und links unter die schicken, gestreiften Markisen, suchte den Kleiderladen. Fand ihn drei Häuser hinter dem Friseurladen, Richtung Norden. Parkte den Bentley auf der Straße und ging hinein. Ich gab einem mürrischen Mann in mittleren Jahren ein paar Scheine von Charlie Hubbles Geld für eine Hose, ein Hemd und ein Jackett. In hellem Rehbraun, aus Baumwolle, so förmlich, wie es für mich nur ging. Keine Krawatte. Ich zog alles in der Umkleidekabine im hinteren Teil des Geschäfts an. Stopfte die alten Sachen in eine Tüte und warf sie im Vorübergehen in den Kofferraum des Bentley.

Ich ging die drei Häuser bis zum Friseurladen zurück. Der jüngere der beiden alten Männer wollte gerade zur Tür heraus. Er blieb stehen und legte eine Hand auf meinen Arm.

»Wie ist Ihr Name, mein Sohn?«

Es gab keinen Grund, ihn nicht zu nennen. Jedenfalls kannte ich keinen.

»Jack Reacher.«

»Haben Sie südamerikanische Freunde in der Stadt?«

»Nein«, sagte ich.

»Tja, dann haben Sie jetzt welche. Zwei Männer suchen überall nach Ihnen.«

Ich sah ihn an. Er suchte die Straße ab.

»Wer sind die beiden?«

»Ich habe sie vorher noch nie gesehen«, sagte der alte Mann. »Kleine Burschen, braunes Auto, grelle Hemden. Haben überall nach Jack Reacher gefragt. Wir haben ihnen gesagt, daß wir noch nie von einem Jack Reacher gehört hätten.«

»Wann war das?«

»Heute morgen, nach dem Frühstück.«

Ich nickte.

»Danke.«

Der Mann hielt die Tür für mich auf.

»Gehen Sie nur rein. Mein Partner wird sich um Sie kümmern. Aber er ist ein bißchen daneben heute morgen. Wird eben alt.«

»Danke! Man sieht sich.«

»Das hoffe ich doch, mein Sohn.«

Er schlenderte die Main Street hinunter, und ich ging in den Laden. Der ältere der beiden war dort. Der knorrige, alte Mann, dessen Schwester mit Blind Blake gesungen hatte. Keine anderen Kunden. Ich nickte dem Alten zu und setzte mich in seinen Sessel.

»Guten Morgen, mein Freund«, sagte er.

»Erinnern Sie sich an mich?«

»Na sicher«, sagte er. »Sie waren unser letzter Kunde. Seitdem war keiner mehr da, um mich durcheinanderzubringen.«

Ich bat ihn um eine Rasur, und er fing an, den Seifenschaum anzurühren.

»Ich war Ihr letzter Kunde?« fragte ich. »Das war am Sonntag. Heute ist Dienstag. Geht das Geschäft immer so schlecht?«

Der alte Mann hielt inne und gestikulierte mit dem Rasiermesser.

»Es geht schon seit Jahren so schlecht. Unser Bürgermeister Teale will nicht hierherkommen, und was unser Bürgermeister nicht will, wollen die anderen lieber auch nicht. Nur der alte Mr. Gray vom Polizeirevier kam so verläßlich wie ein Uhrwerk drei- bis viermal die Woche, bis er sich aufgehängt hat. Gott sei seiner Seele gnädig. Sie sind der erste Weiße hier seit dem letzten Februar, jawohl, Sir, soviel ist sicher.«

»Und warum will Teale nicht hierherkommen?«

»Der Mann hat ein Problem«, sagte der alte Mann. »Ich denke, er möchte hier nicht vollkommen eingehüllt in einem Handtuch sitzen, während ein Schwarzer mit einem Rasiermesser hinter ihm steht. Vielleicht hat er Angst, daß ihm etwas zustoßen könnte.«

»Könnte ihm denn etwas zustoßen?«

Er lachte kurz auf.

»Ich denke, es besteht ein ernstes Risiko«, sagte er. »Für das Arschloch.«

»Also haben Sie genügend schwarze Kunden, um Ihren Unterhalt zu verdienen?«

Er legte ein Handtuch um meine Schultern und fing an, den Seifenschaum aufzutragen.

»Mann, wir brauchen keine Kunden, um unseren Unterhalt zu verdienen.«

»Ach, und wieso nicht?«

»Wir haben doch das Gemeindegeld.«

»Ach ja?« sagte ich. »Und wieviel ist das?«

»Tausend Dollar.«

»Woher bekommen Sie die?«

Er fing an, mein Kinn abzuschaben. Seine Hand zitterte wie bei vielen alten Leuten.

»Von der Kliner-Stiftung«, flüsterte er. »Das Gemeindeprogramm. Es ist eine Subvention fürs Geschäft. Alle Geschäftsleute hier bekommen so was. Seit fünf Jahren.«

Ich nickte.

»Das ist gut«, sagte ich. »Aber tausend Dollar im Jahr, davon können Sie doch nicht leben. Es ist besser als nichts, aber Sie brauchen auch Kunden, oder nicht?«

Ich machte nur Konversation, wie man es beim Friseur eben so tut. Aber der alte Mann geriet ganz aus dem Häuschen. Er schüttelte sich und lachte gackernd. Hatte ziemliche Schwierigkeiten, meine Rasur zu beenden. Ich starrte ihn im Spiegel an. Nach der letzten Nacht wäre es ziemlich idiotisch, wenn meine Kehle bei einen Unfall durchgeschnitten würde.

»Mann, ich sollte es Ihnen nicht sagen«, flüsterte er. »Aber da ich Sie ab einen Freund meiner Schwester betrachte, werde ich Ihnen ein großes Geheimnis verraten.«

Er wurde konfus. Ich war kein Freund seiner Schwester. Kannte sie noch nicht mal. Er hatte mir von ihr erzählt, das war alles. Er stand da mit dem Rasiermesser. Wir sahen einander im Spiegel an.

»Es sind nicht tausend Dollar im Jahr«, flüsterte er. Dann beugte er sich noch tiefer an mein Ohr. »Es sind tausend Dollar die Woche.«

Er fing an, wie ein Dämon zu lachen und herumzustampfen. Dann füllte er das Waschbecken mit Wasser und tupfte den restlichen Seifenschaum ab. Klopfte mein Gesicht mit einem heißen, nassen Handtuch nach und zog wie ein Zauberkünstler bei einem Trick blitzschnell das Handtuch von meinen Schultern.

»Deshalb brauchen wir keine Kunden«, gackerte er.

Ich bezahlte ihn und ging hinaus. Der Mann war verrückt.

»Grüßen Sie meine Schwester«, rief er hinter mir her.